Samstag, 18.07.2015 | 08:42 Uhr

Autor: rwmoos

Rainer Doh: Mordkap

Wer die alte Postroute der Dampfer entlang der norwegischen Küste nicht kennt, sollte spätestens jetzt mal bei Wikipedia den Begriff „Hurtigruten“ nachschlagen. Für all die aber, die auf dieser Route hin und wieder Zeit verbringen möchten, um die schier unendlichen Weiten des Nordens sich touristisch zu erschließen, ist das Buch von Rainer Doh die ideale Kabinenlektüre.
Ein Dorfpolizist aus Skjervøy – der geneigte Leser wird bereits auf S. 42 gelehrt, den Ortsnamen „Scherwoi“ auszusprechen – muss einige Stationen auf dem von ältlichen Touristen gebuchten Liner mitfahren, um einen offensichtlichen Selbstmord möglichst diskret und ohne Beeinträchtigung der touristischen Routine zu untersuchen. Dass der arme Kerl regelmäßig seekrank wird, nimmt er billigend in Kauf, weil er sich von diesem Auftrag einen dringend benötigten Karrieresprung erhofft.
Natürlich ist dann bald alles doch viel komplizierter. Die Selbstmordtheorie gerät ins Wanken und schon ist man – doch halt, das soll der Leser selbst mit herausfinden. Die Handlungsstränge jedenfalls sind über weite Strecken schön und spannend angelegt. Bald spielen die Großen aller Zünfte mit und nur das BKA fällt ein wenig aus der Rolle. Das häufigste Wort in Zusammenhang mit deren Agenten lautet im Roman: „Pappnasen“. Lediglich aus alter Stasi-Zeit glimmt noch ein wenig Reststrahlung deutscher Geheimdienstarbeit herüber. Letztlich versagen aber auch Experten anderer mehr oder minder dunkler Mächte und nur unser Held, der Dorfpolizist, steht seinen Mann – wenn er nicht gerade wieder seekrank ist.
Mit wenigen Strichen und doch liebevoll wird die fast stets ins Dunkel gehüllte Landschaft gezeichnet, in der die Verbrechersuche und -jagd stattfinden. Für die beteiligte Charaktere wäre es sicher von Vorteil gewesen, wenn sie ein wenig von diesem klaren Pinselstrich abbekommen hätten. So aber bleiben sie alle recht grob geschnitzt. Und wenn sich der Autor schon mal Mühe mit der Vorstellung eines neuen Charakters gibt, dann wird diese Perle selten so auf der Schnur des Erzählfadens aufgefädelt, dass ein Wiedererkennen Freude brächte.
Für einen Debütroman, der „Mordkap“ nun mal ist, geht das in Ordnung. In Zukunft sollte an dieser Stelle mehr zu erwarten sein.
Eine relative Eigenart des Erzählstils ist es, den Leser immer ein wenig Informationsvorsprung vor dem Protagonisten, unserem Dorfpolizisten, zu lassen. Eine Art handlungsinternes Spoilern, das wirkliche Überraschungen eher selten ermöglicht. Dafür ist aber dann der Showdown recht dick aufgetragen.
Schließlich, nach allen durchgestandenen Abenteuern, möchte der Dorfpolizisten-Held nur noch zwei Dinge tun: Zu seiner neu gewonnenen Freundin ziehen und Russisch lernen. Da kann er ja dann mit der richtigen Aussprache von „Спасибо“ schon mal anfangen …

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2 Kommentare

  1. Laura Says:

    Klingt gut! Auf jeden Fall ein Debüt, dass man sich aufschreiben sollte. Besonders gefallen hat mir aber deine Rezi, super schön geschrieben!

    Liebe Grüße,

    Laura

  2. rwmoos Says:

    Danke! Ich denke auch, dass man sich den Namen des Autors mal merken sollte. Vielleicht bereist er ja noch andere Routen …

    Beste Grüße
    Reinhard W. Moosdorf

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