Mittwoch, 21.07.2010 | 18:27 Uhr

Autor: JosefBordat

Praxisorientierung: Anfang oder Ende der Theoriebildung in der Angewandten Ethik?

Der Sammelband „Praxis in der Ethik“ des TTN-Instituts behandelt ein bedeutendes und schwieriges methodologisches Problem der Moralphilosophie

Ganz klar: Praxis ist erster und wichtigster Ermöglichungsgrund von Theorie. Ohne praktische Probleme hätte es keinen Sinn, über Lösungen nachzudenken und diese in Theorien zu überführen, die künftig eben jene praktischen Probleme zu entschärfen im Stande sein sollen. Weit weniger klar: Welche Bedeutung haben diese praktischen Probleme im Prozess der Theoriebildung? Welche Bedeutung sollten sie haben? Während man also einerseits über die Relevanz der Theorie für die Praxis reflektieren kann (wobei auch entgegen dem Bewährungsvermögen, das man selbst der eigenen Theorie zuspricht, die Praxis – oftmals leidvoll – die Mängel der Theorie offenbart), kann man umgekehrt nach der Relevanz der Praxis für die Theorie fragen.

Wie steht es etwa mit der Relevanz praktischer Erfahrung für die Hypothesenbildung in der Philosophie? Hier ist die Disziplin als Geisteswissenschaft in einer Zwickmühle: Zuviel Praxis, die in Form empirischen Materials einfließt, bedroht ihre Eigenständigkeit, zu wenig Praxis trägt ihr den Vorwurf ein, vom Elfenbeinturm aus nichts Brauchbares über Welt und Wirklichkeit mitteilen zu können. Für die Praktische Philosophie, also insbesondere die Ethik, ist klar, dass eine Praxisorientierung nötig ist, lebt sie doch von und aus der Praxis. Doch wie groß darf der Einfluss der Praxis sein, wie viel von dem, für das man Theorien erdenkt, darf bei der Bildung dieser Theorien bereits mitgedacht sein? Wie lässt sich etwa in der Ethik der Fehlschluss vom Sein auf das Sollen vermeiden, ohne in eine Normativität zu verfallen, denen der Mensch nicht gewachsen ist?

Für die Angewandte Ethik, die den Praxisbezug im Namen führt, ist nun das spezielle Problem, dass sie sich in ihrer Besonderung durch die Fokussierung einzelner Themenkomplexe (etwa Strafrecht, Technik oder Medizin) diese Schwierigkeit in gleichsam besonderer Weise einhandelt. Die Problematik wirkt so stark auf sie zurück, dass ihr Selbstverständnis als praxisorientiert und wissenschaftlich berührt wird, denn in dem Maße, in dem sich ethische Theorien zu speziell an praktischen Fällen orientieren, entfernen sie sich von dem, was Philosophie stark macht: weitgehend allgemeingültige Aussagen zu formulieren. Was bedeutet es also für die Theoriebildung in der Angewandten Ethik, wenn man deren Gewicht am Eintrag praktischer Gegebenheiten bemisst? Und was bedeutet umgekehrt die Integration disziplinspezifischer Erfahrungen für den Status der Angewandten Ethik als Wissenschaft, die sie schließlich – aller Praxisorientierung zum Trotz – bleiben will? Wie entkommt die Angewandte Ethik dem Dilemma, entweder nichts praktisch oder aber nichts wissenschaftlich Relevantes auszusagen, weil ihr entweder an Praxiszuwendung oder aber an Theorierückbindung mangelt?

In dem Sammelband „Praxis in der Ethik. Zur Methodenreflexion in der anwendungsorientierten Moralphilosophie“, herausgegeben von Michael Zichy und Herwig Grimm vom Institut „Technik Theologie Naturwissenschaften (TTN)“ der Ludwig-Maximilians-Universität München, nehmen sich namhafte Ethiker wie Julian Nida-Rümelin und Otfried Höffe sowie zahlreiche einschlägig ausgewiesene Philosophen und Theologen, die sich mit Anwendungsfragen der Ethik, aber auch mit methodologischen Fragen zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der angewandten Moralphilosophie beschäftigen, dieser wichtigen Fragestellung an.

Nachdem Grundlagen der Praxisorientierung reflektiert und dabei ziemlich einmütig die große Bedeutung von praktischen Überzeugungs- und Orientierungssystemen für die Ethik betont wurden, geht es um die Bedeutung empirischer Sachverhalte für die Theoriebildung im Allgemeinen und um die Rolle von Theologie und Religion im Besonderen (z.B.: Wie wirkt sich Religiosität als Paradigma praktischer Lebensorientierung auf ethische Diskurse aus?). Schließlich wird dann wieder die Blickrichtung von der Theorie in die Praxis eingenommen und nach Bedingungen und Möglichkeiten der praktischen Umsetzung theoretischer Ansprüche gefragt, etwa am Beispiel der Umweltethik, die sich ihrem Wesen nach zwischen Grundlagenreflexion (Theorie) und Politikberatung (Praxis) verorten lässt.

Die Beiträge machen deutlich, wie schwierig es ist, das Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis aufzulösen, wie wichtig es daher ist, durch methodologische und metatheoretische Reflexion tragfähige Strategien zur Abschwächung der negativen Effekte in beide Richtungen zu erarbeiten, um so zu einer angemessenen Berücksichtigung praktischer Sachverhalte in theoretischen Ethik-Diskursen zu gelangen, ohne diese ganz vom wissenschaftlichen Anspruch auszunehmen. Die praktischen Einträge – die empirischen Daten, die persönlichen Erfahrungen und zugehörige Narrative – müssen anschlussfähig an theoretische Postulate sein, um im ethischen Diskurs eine sinnvolle Ergänzung dazustellen. So müssen partikulare Interessen von Betroffenenvereinigungen relativierend eingeordnet werden und Religionsvertreter ihre konfessionellen Positionen im Sinne praktischer Rationalität argumentativ und nicht dogmatisch vortragen (was sie ja auch tun, so Friedemann Voigt in seinem interessanten Beitrag über „Religion und Religionsvertreter in ethischen Diskursen und Kommissionen“ am Beispiel des „Nationalen Ethikrats“, Vorläufer des „Deutschen Ethikrats“).

Das TTN-Institut legt insoweit ein wichtiges Buch vor, von dem jeder, der im dem spannungsreichen Feld der Angewandten Ethik tätig ist, Kenntnis nehmen sollte.

Bibliographische Daten:

Michael Zichy / Herwig Grimm (Hg.): Praxis in der Ethik. Zur Methodenreflexion in der anwendungsorientierten Moralphilosophie
Berlin: De Gruyter (2008)
407 Seiten, € 79,95
ISBN: 9783110194746

Josef Bordat

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Ein Kommentar

  1. nemo nobody Says:

    lesenswert

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