Dienstag, 31.08.2010 | 14:04 Uhr

Autor: JosefBordat

Plan B? Plan A? Finger weg?

Die „politische ökologie“ stellt Geo-Engineering auf den Prüfstand

Ist der moderne Mensch aufgefordert, Probleme zu lösen, denkt er an Wissenschaft und Technik als Lösungsmittel. Ganz im Paradigma des neuzeitlichen Denkens, das man positiv als „Fortschrittsoptimismus“, aber auch negativ als „Omnipotenzphantasie der Moderne“ bezeichnen kann, liegt das „Geo-Engineering“ als Lösung des Klimawandelproblems.

Die „politische ökologie“ nimmt sich in ihrer 120. Ausgabe dieses komplexen Themas an. In den kurzen Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren vermittelt die Quartalszeitschrift des Oekom-Verlags (München) hinsichtlich der wesentlichen Fragen einen knappen Überblick: Geo-Engineering – Was ist das?, Wie geht das?, Was spricht dafür?, Was spricht dagegen?

Nach dem historischen Abriss von Thilo Wiertz, der mit konkreten Ereignissen im 19. Jahrhundert einsetzt (hier hätte man durchaus frühere ideengeschichtliche Wurzeln erwähnen können, etwa Francis Bacon oder den frühsozialistischen Utopismus, um die Denktradition zu verdeutlichen, in der Geo-Engineering steht), werden die Eingriffsmethoden vorgestellt, über die sich die Klimaingenieure derzeit unterhalten, vor allem die „Kohlenstoff-Sequestrierung“ (Andreas Oschlies) und das „Sonneneinstrahlungs-Management“ (Ulrike Lohmann).

Die „politische ökologie“ stellt „Geo-Engineering“ noch als „Plan B“ vor, obwohl er im Paradigma der grenzenlosen Verfügung des Menschen über die Natur durchaus das Zeug zum „Plan A“ hat, denn der Eingriff in das Klima zur Rettung unseres Lebensstils ist bequemer und politisch attraktiver als der Angriff auf Gewohnheiten zur Rettung des Klimas.

Wenn da nicht die Risiken und Nebenwirkungen wären, deren Brisanz gerade darin besteht, dass man sie nicht einschätzen kann. „Geo-Engineering“ ist eine „Rechnung mit vielen Unbekannten“ (Ulrike Potzel), zu der von Seiten der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen möglichst genaue Ergebnisse geliefert werden müssen, um eine valide Grundlage für das Kalkül zu haben, auf der dann internationale Vereinbarungen getroffen werden können.

Die Diskussion muss aber tiefer gehen als dem ökonomischen Nutzen einen ökologischen Schaden gegenüber zu stellen und weiter gehen als bis zur Formulierung forschungsethischer Richtlinien, die dem „Geo-Engineering“ einen Rahmen vorgeben, oder der Konstruktion wirksamer globaler Rechtsfiguren (Ralph Bodle, R. Andreas Kraemer). Dass es zunächst und vor allem darum geht, das Denken hinter dem „Geo-Engineering“ zu hinterfragen, ehe man festlegt, wie viel es denn davon sein darf, liegt auf der Hand.

Wichtig daher, dieses Denken, in dem Machbarkeit und Bequemlichkeit gängige Muster sind, in anthropologischer und moraltheoretischer Perspektive zu kritisieren. Das besorgt Konrad Ott, Umweltethiker von der Universität Greifwald. Ott analysiert mit der gebotenen Sachlichkeit Pro- und Kontra-Argumente und kommt zu dem Schluss, dass es darauf ankomme, die Dilemma-Situation zu vermeiden, die „Geo-Engineering“-Befürworter zur Grundlage ihrer konsequentialistischen Moral des „geringeren Übels“ machen. Solange das durch Vermeidungsstrategien gelingen könne, sei vom Eingriff in das Klimasystem abzuraten. Das Risiko ist zu groß. Hier bezieht sich Ott auf Hans Jonas und sorgt damit dafür, dass die warnenden Töne seiner verantwortungsethischen Technikphilosophie in der aktuellen „Geo-Engineering“-Debatte gehört werden.

Die „politische ökologie“ bietet kurze Aufsätze und sehr kurze Stellungnahmen. Die kompakte Form hat den Vorteil, dass die Leserschaft sich rasch über ein schwieriges Thema informieren kann, jedoch den Nachteil, dass einiges nicht so ausgeführt werden kann, wie es nötig wäre. So erscheint einiges zu glatt, anderes müsste in der dargebotenen Klarheit argumentativ stärker unterstützt werden, um nicht den Eindruck einer irritationslosen und schlecht fundierten Polemik zu erwecken.

Das Statement „Mehr Ökokratie wagen“ von Bernhard Pötter bietet beispielsweise weit mehr politischen Sprengstoff als auf zwei Seiten passt. Es ist schade, dass damit der Eindruck erweckt wird, der komplizierten Materie einer optimalen Organisation staatlicher Steuerung im Umwelt- und Klimaschutz sei im Stakkato-Stil und mit wohlfeilen „Slogans“ beizukommen, zumal der Text auch ärgerliche Fehler und problematische Behauptungen enthält. So kann man sich über das Kirchenrecht trefflich streiten, doch zu „willkürlichen“ Urteilen hat es gerade nicht geführt, jedenfalls nicht zu willkürlicheren Urteilen als wir sie aus modernen „Rechtsstaaten“ kennen, dessen wesentliche Pragmatik – man denke an das Offizialprinzip im Strafrecht (Inquisition statt Akkusation) und die Beweisaufnahme in der Strafprozessordnung – aus der kirchlichen Rechtsfindungs- und Rechtssprechungspraxis stammt. Ferner hinkt Pötters WTO-Vergleich beträchtlich, wenn es um die Motive und Möglichkeiten für ein globales Umweltregime geht. Erhellender ist da wohl ein Blick auf das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, dem sich gerade nicht alle Staaten „unterwerfen“. Warum eigentlich nicht?, so könnte man fragen. Und das EU-Währungssystem als Paten dafür einzuführen, dass selbstbestimmte Selbstbeschränkung funktioniert (Stichwort: Stabilitätskriterien), ist derzeit auch nicht gerade besonders ermutigend. Schließlich schreckt Pötter um der Stringenz der eigenen Argumentation willen nicht davor zurück, kontrovers diskutierte Eingriffe in die Freiheit (Datenvorratsspeicherung, „Nackt-Scanner“) als allgemein akzeptiert hinzustellen („weil wir Angst vor Terroristen haben“), um dann daran die Uneinsichtigkeit der Menschen bei Eingriffen in die Freiheit aufgrund von Vorgaben des Umweltschutzes zu kontrastieren („Aber wehe, jemand denkt über Tempolimits nach“). Den Menschen auf der Grundlage derart fragwürdiger Prämissen ihren vermeintlichen Selbstwiderspruch vorzuführen, ist unredlich. Insgesamt hinterlässt der Text in seiner Einseitigkeit einen etwas beklemmenden Eindruck, was aufgrund der Tatsache, dass man Pötters Einschätzung der großen Bedeutung einer ökologischen Ausrichtung der Demokratie durchaus zustimmen mag, besonders bedauerlich ist.

Dennoch: Über „Geo-Engineering“ als Bewältigungsstrategie zu informieren, ist ein wichtiges Anliegen im Zusammenhang mit Klimawandel und Klimaschutz, das – mit den genannten Einschränkungen – der Zeitschrift „politische ökologie“ gut gelungen ist.

Bibliographische Daten:

„politische ökologie“, Nr. 120 (Juli 2010)
Geo-Engineering. Notwendiger Plan B gegen den Klimawandel?
ISSN 0933-5722
ISBN 978-3-86581-226-1

Josef Bordat

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Ein Kommentar

  1. DimanX Says:

    Hallo.
    Ich mochte mit Ihrer Website blog.literaturwelt.de Links tauschen

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