Donnerstag, 01.06.2006 | 14:35 Uhr

Autor: Barbara Wenz

Petr Ginz: Prager Tagebuch 1941-1942

Petr Ginz hat die fantastischen Romane von Jules Verne hingebungsvoll geliebt, seinem großen literarischen Vorbild nachgeeifert. Sicher träumte er auch den Traum von der Fahrt zum Mond: eine seiner Zeichnungen zeigt eine düstere Mondlandschaft und im Hintergrund die strahlende Erde. Die Geschichte, wie es zur Wiederentdeckung seines Prager Tagebuches kam, hätte ihn bestimmt begeistert. Wenn sie sich nicht vor dem Hintergrund einer Tragödie des Raumfahrtzeitalters abgespielt hätte. Wenn er den Gaskammern von Auschwitz entronnen wäre, in denen er, erst 16 Jahre alt, starb.
Es war ausgerechnet der Tag, an dem er seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte, als die Raumfähre Columbia am 1. Februar 2003 explodierte. Mit der Besatzung verglühte auch die Kopie einer Zeichnung von Petr Ginz, die der israelische Astronaut Ilan Ramon bei sich führte. Viele Zeichnungen und Drucke aus Petrs Zeit in Theresienstadt finden sich heute in Yad Vaschem. Nach der Katastrophe im All ging auch der Name Petr Ginz durch die Medien , besonders in Tschechien interessierte sich eine breite Öffentlichkeit für den vielseitigen begabten Jungen. Und so kam es, dass der Besitzer eines Hauses in Prag-Modřany auf dem Dachboden das Tagebuch und weitere Schriftstücke fand, die bislang verschollen geblieben waren.
Petrs Aufzeichnungen liegen jetzt beim Berlin Verlag auf Deutsch vor, versehen mit zahlreichen Abbildungen von Linolschnitten, Zeichnungen und Fotografien der handschriftlichen Originale.
Einige Schlaglichter lassen einen nicht mehr los: „In Maniny werden Glocken gelagert, die von den Kirchtürmen geholt werden. 41 waren zu sehen, hinter der Biegung gab es aber auch noch welche, kleine und große, es könnten dort gut an die 80 bis 100 Glocken liegen“ und, wenige Tage später: „Man hört keine Glocken, sie wurden alle von den Deutschen einkassiert, man wird aus ihnen wahrscheinlich Kanonen gießen. Nur der Sigmund vom Veitsdom ist geblieben, er ist jetzt die einzige Glocke in Prag.“
Petr Ginz nahm die Schriftstellerei sehr ernst, in der Ausgabe des Prager Tagebuchs ist auch eine Erzählung von ihm abgedruckt, die, bedenkt man sein jugendliches Alter, darauf hinweist, dass er über großes Talent verfügte. Hätte er Auschwitz überlebt, dann wäre die eine oder andere Beobachtung aus seinen Tagebüchern sicher in seine literarische Arbeit, in den einen oder anderen Roman eingeflossen.
Ich hätte gerne mehr von ihm gelesen.

Petr Ginz: Prager Tagebuch 1941-1942. Mit einem Vorwort von Mirjam Pressler. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Berlin Verlag, 2006. ISBN 9783827006417

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