Dienstag, 26.08.2008 | 11:25 Uhr

Autor: molosovsky

Nick Harkaway: »The Gone-Away World«

Nick Harkaway (1972 geborener Sohn von John le Carre) hat mit »The Gone-Away World« (in etwa: »Die verschwundene Welt«) einen postapokalyptischen ›Fantasy-Roman für Leute die normalerweise Fantasy scheuen‹ hingelegt, der vollends meinem Hunger nach kunterbunt-unterhaltsamer ›Anspruchs‹-Literatur gerecht wird.

Zuerst aufgefallen ist mir die Sprache. Harkwaways Prosa suhlt sich mit Wonne in den vokabularischen Möglichkeiten, welche dem Englischen zuhanden sind. Mit Genuss mischt er hohe und niedere Ausdruck-Niveaus verschiedenster Milieus (mit besonderer Parodie-Aufmerksamkeit für Multi-Corperate-, Militär- und Studentenkneipen-Slang) und zuweilen durchquert man absatzlange Satzgeflechte, die sich durch exqusite Fizzelfreude auszeichnen. Wer auf jazzigen, scheinbar improvisierten Sprachhumor steht, sollte dieses Buch auf jeden Fall mal beim Buchhändler seines Vertrauens für Englisches ankosten.

Zur Szenerie: alles beginnt damit, daß nach einer Explosion der Strom ausfällt, während der Erzähler und seine Kumpels und Kumpelinnen von der Haulage & HazMat Emergency Civil Freebooting Company of Exmoor County Billiard in der ›Namenlosen Bar‹ spielen. Jemanden ist es gelungen, mit einem Sabotage-Akt das größte und wichtigste Objekt der noch bestehenden Welt empfindlich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Welt wie wir sie kennen ist nämlich, perdauz!, vor einigen Jahren bei einem Nicht-Krieg durch den Einsatz einer neuen, seltsamen Art von Bomben verschwunden. Die wenigen verbliebenden Bewohner der postapokalyptischen Szenerie haben sich zurückgezogen in den schmalen Streifen der lebenstauglichen Zone, welche sich an das mächtige ›Jorgmund Rohr‹ schmiegt. Aus diesem Rohr wird eine mysteriöse Substanz versprüht, welche die monstergebährende Unwirklichkeit auf Abstand hält. Und eben dieses Jorgmund Rohr steht nun in Flammen. Der Erzähler und seine Freunde sind Veteranen des Un-Krieges, nach dem sie desertierten wegen unseliger Entwicklungen während der Wiederaufbau-Anstrengungen. Nun sollen sie als freie Söldner und Transportunternehmer mit einem Haufen dicker Sprengladungen per Vakuumeffekt den Großbrand löschen, um die Welt zu retten. Soweit die Infos des ersten Kapitels, die reich garniert werden mit Abschweifungen beispielsweise zu von Schweinen angetriebenen Notstromgeneratoren und zu den unterschiedlichen Entmenschlichungsgraden von admistrativen Schnöseln.

In einer sich über mehrere Kapitel erstreckenden Rückblende berichtet dann der Erzähler von seiner Kindheit: wie er vom Spielplatz weg durch den gleichalterigen Gonzo William Lubitsch und dessen Familie adoptiert wurde; wie die beiden Jungs mit viel Hingabe und Talent Kampfsportkünste lernen. Haarsträubende Erzähl-Umwege legen die Historie des ›Hauses des Stimmenlosen Drachen‹ von Meister Wu dar und seiner obskuren Feinde, der Ninjas der ›Uhrwerk Zeiger Gesellschaft‹. — Der Amateur-Kampfsportler Harkaway ist stolz darauf, einen anspruchsvollen Roman mit Ninjas geschrieben zu haben. Entsprechend bietet »The Gone-Away World« wirklich atemberaubend inszenierte Kämpfe (beispielsweise wird vorgeführt, wie gefährlich Tupperware ist und später, wie ältere Ehepaare mit Pheromonen und afrikanischen Bienen einen Pulg gutausgebildeter Meuchelmörder beizukommen vermögen). — Weiter geht’s mit Unispökes, Razzien, Folterverhören durch quasi-staaliche Sicherheitsorgane. Politische Wirren machen sich langsam im ersten drittel des Buches breit, wenn Harkaway anhand des Hickhakcs um das fiktive Land Addeh Katir (irgendwo an den Ostausläufern des Himmalayas gelegen) sehr trefflich bös-satirisch über die finstereren Machenschaften des neolieberalen Großkapitalwahnsinns und fatal-hirnloser internationaler Gier-Diplomatie fabuliert. — Der Erzähler und sein Kumpel Gonzo geraten in die Nicht-Kriegswirren um Addeh Katir, und hier, etwa zur Halbzeit, beginnt sich der Roman endgültig zu einem überwältigenden Pandämonium zu entfalten, wenn wir lernen die Go Away-Bomben zu lieben und das kosmische Grauen aus dem freigesetzten, wankelmütigen ›Zeugs‹-Gewaber der menschlichen Träume und Ängste steigt.

Ach ja: außerdem gibt es die ein oder andere herzige Liebesgeschichte, eine Kompanie irre guter Pantomimen, einen Zirkus bei dem alle K heißen, einen revolutionären Piraten sowie ein mit Safran handelndes extra-wortgewaltiges Ehepaar. Harkaways »The Gone-Away World« ist auf vergnügliche Weise seltsam und deshalb schwer einzuordnen (grob kann ich einigen anglo-amerikanischen Rezenten zustimmen, wenn sie dieses Debut mit Ian Banks und Thomas Pynchon vergleichen und vermute darüber hinaus, daß auch Freunde der Prosa von P.G. Woodhouse, China Miéville und Matt Ruff mit diesem Buch höchstwahrscheinlich ihren Spaß haben dürften). Auch wenn der Roman sehr komisch ist, bietet er auch äußerst unheimliche Aspekte (vor allem in der zweiten Hälfte). Doch auch wenn’s romantisch, nachdenklich, zeitkritisch, äktschnreich oder unheimlich zugeht, bleibt allerweil das merklich große Sprachspielvergnügen und die überwälltigende Ideenfülle von Harkaway das dominante Merkmal dieses Romanes.

P.S.: Die Umschlaggestaltung der UK-Ausgabe ist perfekt. Hier geht es zu einer kleinen Flickr-Dokumentation der Entwicklungsgeschichte des Covers.

Eine etwas erweiterte Fassung dieser Rezension findet sich in der Molochronik.

•••••
Nick Harkaway: »The Gone-Away World«; 531 Seiten (16 Kapitel); William Heinemann 2008; ISBN-Trade Paperback: 978-0-4340-1843-7

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6 Kommentare

  1. Pontius Says:

    Werter Molo,
    nichts gegen verve und engagement beim literaturbesprechen, aber so die eine oder andere genauigkeit bei rechtschreibung und satzbau würde ich mir wirklich wünschen.
    weder der autor noch der leser findet es wirklich klasse wenn diese nebensächlichkeiten derart daneben sind, dass das lesen zum ärgernis wird. inhaltlich stimme ich dem gesagten übrigens grundsätzlich zu. allerdings fürchte ich dass der grundtenor von „die gelöschte welt“ doch erheblich weniger fluffig ist, als behauptet.
    Mit freundlichem Gruss,
    Pontius

  2. molosovsky Says:

    Für die Fehler entschuldige ich mich. Ist einer der Gründe, weshalb ich aus dem festem Team des Literaturwelt-Blogs ausgestiegen bin: ich habe die Zeit nicht mehr, ordentliche Arbeit zu leisten.

    Dass »Die gelöschte Welt« ›fluffig‹ ist, habe ich nicht behauptet.

  3. Thomas Says:

    Bin jetzt fast fertig mit dem Buch. Interessant, interessant… aber auch ein wenig anstrengend. Stilistisch wie eine einzige Rückblende ohne eine Handlungsebene, aus der heraus die Rückblende vorgenommen würde. Distanziert erzählt. Lädt nicht ein zur Identifikation: der Held handelt ja kaum selbst, kommt kaum in Bedrängnisse, und wenn sich dies doch nicht vermeiden lässt, wird das mit einem recht beiläufigen Gestus geschildert. Eigentlich alles anders gemacht, als man es nach Zuckerman & Co. machen soll. SF, die sich von sich selbst absetzt. Als würde der Roman ein Schuld vor sich hertragen: „Seht her, ich behandle irre Zukunftstechnologien und den Untergang der Welt, SF in Reinkultur, aber ich bin nicht SF! Versucht das mal aufzulösen, muahaha!“ Ebenso ein gewollter Nicht-Abenteuer-Roman… Harkaway nötigt einem metafiktional ganz schön viel Diskurs auf – das ständige Spiel zwischen Erwartung und deren Brechung. Wie blinde Kuh. Das ist Kopfliteratur, mehr für Ratio und Reflexion als fürs Herz. Literaturtheoretisch Kafka und Brecht im Hintergrund? Erbitte statement von Molo!

  4. Thomas Says:

    korrigiere: „ein SCHILD vor sich hertragen“

  5. molosovsky Says:

    Erstmal: Darf ich annehmen, dass der Roman trotz der Herausforderung und Verwirrung unterhielt, Thomas? Wenn ja, dann freut mich das.

    Aus der Klemme des Statement-Abgebens ziehe ich mich zuerstmal, indem ich auf die exzellente Besprechung in Herrn Reitersmann seinem Inklusorium verweise:
    http://inklusorium.blogspot.com/2008/04/harkaway.html
    Dort wird der Roman so verortet:

    Ein dekonstruktivistischer Roman über, na ja, Dekonstruktion eben. Es wehen allerhand Echos hindurch. Die Basis bildet eine Zusammenkunft britischer SF-Innovatoren, die in den späten 60ern aktiv wurden, die New Wave. Aldiss, Ballard, Moorcock, Harrison. Barefoot in the Head, The Committed Men, Jerry Cornelius, Atrocity Exhibition – Standardwerke, die der Autor natürlich aufgesaugt hat. Und die in Deutschland bis zum heutigen Tag für Irritationen sorgen, sofern überhaupt noch einer sie kennt. In diese Gegend habe sich viele der heute aktiven SF-Autoren zurückorientiert, um dann als „hip“ bewertet zu werden, deswegen die ganzen Vergleiche, die die Engländer für Harkaways Roman gefunden haben: Neal Stephenson, Jeff VanderMeer, Jasper Fforde, China Mieville usw.
    Dieses grundsätzlich psychedelische Fundament wird erweitert um Motive aus der Neuen Physik sowie um Elemente des Schauerromans, des Kolonialromans, des Coming-of-Age, der Popliteratur, des Kriegsromans. Ein Opus Magnum und ein unverhohlener Durchmarsch durch so ziemlich alles. In kleinen Dosen verabreicht und dann zusammen geschluckt. Die Wirkung ist enorm.

    Mein Senf nun: Kafka und Brecht sind ja Klassiker, die nicht NUR hehre hohe Kunscht verfasst haben, sondern (schon vom persönlichen Leser- und Schreiber-Naturell) mit Lust und Laune mit dem *Matsch* der Trivial- (und wie man heute sagen würde: Trash-)Literatur gespielt haben. Dort also wie auch hier bei Harkaway: hohes theoretisches und metadingsbums Refexionsniveau schon ja und satt, aber eben auch durch Spasselteln, Ulk und Genre-Formeln knackig mit neuen Kostümen versehen.

    Mir gefällt, Thomas, dass Du das Spiel mit der Lesererwartung und dessen an der Nase herumführen besonders anmerkst. Gerade in der Phantastik macht sich — zumindest meiner Meinung nach — durch den Hype der letzten Jahre das vorhersehbare Formelhafte breit wie nix. Formelhaftigkeit steht keiner Prosa gut, aber gerade bei dem enormen thematischen und poetischen Möglichkeitsraum, welche so extrem eben nur die (wiederum m.E.) phantastischen Spielarten inne haben, ist Formelrezeptur besonders ärgerlich.

    Gerade deshalb also ein Hoch auf Harkaways Debüt.

  6. Nicole Rensmann » Interview Nick Harkaway – April 2010 Says:

    […] Rezensionen zum Buch: von Molovsky: http://blog.literaturwelt.de/archiv/nick-harkaway-the-gone-away-world/ von Brigitte Grahl […]

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