Montag, 17.10.2005 | 21:43 Uhr

Autor: molosovsky

Neil Gaiman: »Anansi Boys«

Was wird gelesen während der Buchmesse, also, außer Veranstaltungstabellen, Programmen, Katalogen, Prospekten, Feuilletonbeiträgen, Blogs und anderen messe- und literaturbetriebbezogenen Medien? Nun, meine derzeitige Abendlektüre — faierweise sei geklärt, daß ich erst halb durch bin — ist der neueste Roman des Engländers Neil Gaiman, der als Biograph von Douglas Adams (»Keine Panik«), Comic- (»Sandman«) und Kurzgeschichtenautor (»Angels & Visitations«) seine Phantastik-Laufbahn begonnen hat.

Gott ist tot. Lernen Sie die Kinder kennen. — Dieses Sprüchlein vom Umschlag der englischen Ausagbe bringt »Anasi Boys« auf den Punkt. Fat Charlie Nancy arbeitet in London bei einer Promi-Agentur, die sich auf Kunden spezialisiert hat, die froh sind, wenn ihnen jemand das lästige Geldmanagement abnimmt. Fat Charlies Leben wird gehörig durcheinandergebracht als sein Vater bei einem Karaokeabend in Florida eine Herzattacke erleidet und tot von der Bühne kippt. Nach der Beerdigung erfährt Fat Charlie nicht nur, daß sein Vater der Spinnengott Anansi war, er lernt auch seinen bis dato verschollenen Bruder Spider kennen, der im Gegensatz zu Fat Charlie die übermenschlichen Eigenschaften und Fertigkeiten von Papa geerbt hat.

Es geht bisher um die Macht der Lieder, pedantische Hochzeitsvorbereitungen, haftende Spitznamen, Träume, Beerdigungen, Unterschlagung, Geburtstagsparties, Taxis, Truthahnfestessen und Identitätsdiebstahl, und ich bin noch nicht mal in der Halbzeit.

Von wegen, daß die anglo-amerikanische Phantastik hauptsächlich von Sekundärschöpfungs-Fantasy a la Tolkien, Lewis und Co geprägt wird, wie Marcel Feige und Konrad Lischka im Magain »Bücher« letztens vollmundig meinten (»Zaubern mit Wörtern«). Neil Gaiman pflegt jedenfalls die ›kontinentale‹ Tradition, Märchen- und Real-Welt miteinander zu verzwirbeln, sie ineinander übergehen zu lassen.

Kleine Besonderheiten der englischen Ausgabe: »{Neil Gaiman} hat dieses Buch besonders für Dich geschrieben« steht augenzwinkernd anbiedernd in der Autorenbio. Und wie schon in meinen letzten englischen Matt Ruff- und Douglas Coupland-Taschenbüchern, finden sich ›Specials‹, sozusagen ›Zusatzmaterial‹ (wie bei ’ner DVD) als Zuckerl. Diesmal: eine geschnittene Szene; Faksimile-Abbildungen aus Gaimans Kladde (ledergebunden, gekauft auf Lesetour in Göttingen!); ein Interview; und Vorschläge für Arbeitsfragen zum Buch. — Wenn das kein Service ist.

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4 Kommentare

  1. TH Says:

    Neid.

  2. Oliver Gassner Says:

    Geiz.

    Und die anderen 5 Todsünden waren? Na?

  3. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Neid oder Geiz ist doch egal. Als wirklich schlimm erachte ich Dummheit und Faulheit.

    TH: Falls Du so gar nicht an »Anansi Boys« rannkommst in baldiger Zeit, schick ich mein ausgelesenes Exemplar gern Richtung Deiner Höhle. Sei aber gewarnt: ich kritzel mit Bleistift in meinen Büchern rum und unterstreiche Stellen.

    •••
    Auf die schnelle noch weitere Anglo-Amerikaner aus meinem Buchregal die ›kontinantal-europäische‹ Phantastik schreiben:
    Michael de Larrabetti (Borribles-Trio)
    Terry Pratchett (Nomen-Trio, Johnny-Bücher)
    Ian Sinclair (»Slow Chocolate Autopsy«)
    Alan Moore (»Voice of the Fire«)
    Jonathan Carroll (»Vor dem Hundemuseum«)
    Clive Barker (»Books of Blood«)
    Mark Frost (»List of 7«)
    China Miéville (»King Rat«)
    Charles de Lindt (»Momory & Dream«)
    John Crowley (»Das Parlament der Feen«)
    Matt Ruff (»Fool on the Hill«)
    Martin Millar (»Die Elfen von New York«)
    Geroge R. R. Martin (»Armageddon Rag«)
    ect. pp. ff.

    Und auch Rowlings Harry Potter rechne ich ehr der Variante ›Real- und Märchenwelt gegen ineinander über‹ zu. Immerhin sind Zauberer- und Muggle-Welt bei ihr nicht vollends vonender separiert.

  4. Fiml Says:

    I like it very much

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