Samstag, 05.08.2006 | 16:18 Uhr

Autor: Christian Köllerer

Midas Dekkers: Von Larven und Puppen. Soll man Kinder wie Menschen behandeln? (Blessing)

Angesichts der Heftigkeit, mit der das Kinderthema derzeit gesellschaftlich diskutiert wird, ist Dekkers polemisches Buch eine Wohltat. Führt man sich vor Augen, dass die Überbevölkerung und der steigende Ressourcenverbrauch derzeit wohl das größte Problem der Menschheit ist, muten die öffentlichen Fortpflanzungsaufrufe grotesk an.
Midas Dekkers ist ein in den Niederlanden sehr bekannter Biologe und nimmt sich unseres Nachwuchses aus biologischer Perspektive an. Er räumt dabei in erfrischender Weise mit zahlreichen Klischees auf und vertritt die provozierende These, dass der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ähnlich groß ist wie zwischen einer Larve und einem Schmetterling:

Wir wollen die Larve also als ein Jugendstadium definieren, das sich in Bau, Verhalten und Lebensmilieu stark vom Erwachsenenstadium unterscheidet, in das es abrupt übergeht. Dieser Übergang ist die Metamorphose.
[S. 67]

Der Beschreibung dieser Differenzen räumt der Autor viel Platz ein. Im Laufe seiner Diskussion kommt er auch auf Freuds Sexualitätstheorie zu sprechen:

Die allerbeste Erklärung für den Mangel einer Erinnerung an die eigene infantile Sexualität ist auch die einfachste: Es gab sie nicht. Was soll eine Larve mit sexuellen Gefühlen? Fressen muss sie und kacken und nicht auf sieben Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Die hübsche Belohnung liegt in der Befriedigung von Bedürfnissen wie Hunger, Darmdruck, Angst -, ihre Stillung erzeugt sofort Genuß. Eine Mutter erkennt die Bedürfnisse ihres Kindes sofort und identifiziert sie als „Hunger“, „Durst“ oder „Kälte“ […]
Wie kam Freud nur auf diese Idee? Aus eigener Erfahrung? Natürlich nicht, denn Freud analysierte keine Kinder. Er gestand, dass es seine überraschenden Entdeckungen über die kindliche Sexualität in erster Linie der Analyse von Erwachsenen verdanke. Seine eigenen Kinder unterzog er keiner Analyse […]
Einen besseren Beweis gegen Freuds Postulat von den drei sexuellen und einer asexuellen Phase gibt es nicht. Es ist undenkbar, dass ein Wechsel von einer Phase zur anderen sich nicht durch Schwankungen im Hormonhaushalt nachweisen ließe. Die Hormone haben das letzte Wort: Das Kind ist unschuldig.
[S. 149ff.]

Dekkers Stil ist oft etwas zu flapsig, trotzdem handelt es sich um ein gutes biologisches Sachbuch. Man erfährt eine Menge spannender Fakten aus der Zoologie, speziell auch aus dem Leben der Insekten. Ein sehr amüsantes und lehrreiches Buch, das speziell Kinderfreunden empfohlen sei 😉

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