Montag, 04.11.2013 | 13:57 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes

Michel Laub: »Tagebuch eines Sturzes«Brasilien war im Oktober Gastland der Frankfurter Buchmesse. Deshalb erscheinen in Deutschland in diesem Jahr einige Bücher von Autoren aus dem südamerikanischen Land.

Michel Laub, geboren 1973, ist einer von ihnen – und er gehört sogar zu den wichtigsten seines Landes. In seinem kurzen Roman „Tagebuch eines Sturzes“ greift er Themen wie Schuld und Vergeben sowie die eigene Schuldfähigkeit auf.

Der jüdische Großvater des Erzählers ist Auschwitz-Überlebender, der Exil in Brasilien gefunden hat. Über die Details seiner Leidenszeit in Deutschland sowie die genauen Hintergründe seiner Auswanderung hat er sich stets ausgeschwiegen. Und doch verbringt er die letzten Jahre seines Lebens ausschließlich in seinem Arbeitszimmer, um dort eine Art Tagebuch zu schreiben. Doch auch dort verschweigt er Auschwitz und den Tod seiner gesamten Verwandtschaft. Sein „Tagebuch“ besteht stattdessen nur aus positiven, idealisierten Eindrücken nach dem Motto „So schön könnte die Welt sein“.

Kann man die Schrullen des alten Mannes, der am Ende wie viele KZ-Überlebende Selbstmord verübt, ausschließlich auf Auschwitz schieben? Oder trägt er auch eine eigene Verantwortung für sein Handeln, unter dem die Familie leidet?

Schuld hat auch der Ich-Erzähler selbst auf sich geladen. Als Schüler in einer jüdischen Schule war er daran beteiligt, dass ein nicht jüdischer Mitschüler an seinem Geburtstag beim Hochleben lassen von den Mitschüler nicht wieder aufgefangen wurde. Er prallte auf den Boden, wobei er schwer verletzt wurde. Lassen sich die spätere Bindungsunfähigkeit des Erzählers und sein Alkoholismus auf dieses traumatische Erlebnis zurückführen, unter dem er lange gelitten hat?

„Tagebuch eines Sturzes“ ist weniger ein Roman, der eine bestimmte Handlung erzählt. Vielmehr ist Laub an den oben genannten philosophischen Fragestellungen interessiert. Das trägt sich über 176 Seiten, allerdings dürfte das Buch auch nicht viel dicker sein.
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Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes.
Klett-Cotta, August 2013.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

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