Samstag, 24.09.2016 | 12:30 Uhr

Autor: rwmoos

Michael Krüger: Das Irrenhaus

Geisterzitate

Bücher rechnet man ja, ebenso wie Zeitungen, Film und Fernsehen, Blogs, Podcasts und Geisterbeschwörer zu den Medien. Das hat gute Gründe, denn wie bei einem guten Spiritisten können Bücher nicht nur Phantasieprodukte hervorbringen, sondern auch längst verstorbenen Seelen ein, sich in der Regel allerdings verjüngendes, Sprachrohr bieten. Oft genug präsentieren sie von Beidem etwas.
So nimmt es kaum Wunder, dass in Michael Krügers „Irrenhaus“ alle möglichen Leute auf dem Pfad der tugendhaften Zitation einwandern. Die meisten davon sind zwar ihrerseits wieder Phantasiegebilde, was aber dem Pochen auf ihre Autorität keinerlei Abbruch tut.

Der Ich-Erzähler, ein in seinem Beruf als Archivar ebenso unterforderter wie überlasteter, nicht mehr ganz junger Mann, ererbt aus dubiosen Quellen ein Mietshaus in bester Lage einer deutschen Großstadt. Er zieht selbst dort ein und wird mit den Marotten seiner Mitmieter ebenso konfrontiert wie mit seinen eigenen. Letztere beschränken sich in erster Linie darauf, sich einer Art qualifizierter Langeweile hinzugeben, die Zimmer dabei möglichst leer zu lassen und sich dem nachwehenden Geist seines Vorgängers, eines Schriftstellers mit einiger Reputation, dessen Verbleib nicht mehr feststellbar ist, hinzugeben.
Dabei verwischen sich immer mehr die Grenzen zu dem Vorgänger, so dass sich die eigene Individualität auflöst.
Man kann es als Geburt eines schriftstellerischen Geistes verstehen. Man kann aber auch muten, dass es bei den Wehen bleibt.

Gut geschrieben, teilweise gar brillant formulierend, erinnert das Werk an seinen besten Stellen an die Absurditäten eine Flann O’Brien. Andererseits zersetzt die Lektüre das Hirn ähnlich wie es James Baldwin in „Giovannis Zimmer“, der nervtötendsten seiner Erzählungen und Romane, gelang.
Wirklich befriedigend ist solch eine Lektüre freilich nicht – zu sehr spielt der Ich-Erzähler mit den Andeutungen, Zitaten und philosophischen Floskeln einer halbgaren geisteswissenschaftlichen Bildung herum, sich dabei immer eine Schnupfnasenlänge besser dünkend als das jeweilige literarische Gegenüber.
Die Frauenfiguren bleiben unberührt – das Erzähler-Ich redet sich und uns ein, die mit ihnen verbrachten Nächte lediglich mit Reden und Trinken und im Idealfalle gegenseitigem Verstehen verbracht zu haben. Innigere Gefühle lässt er dann seinen Lieblingskomponisten Sibelius (bzw den von diesem vertonten Dehmel) vortragen.
Auch dazu benutzt er wieder das Stilmittel der Zitation.
Auffallend an seinem sonstigen Stil ist schon auf den zweiten Blick das Fehlen der wörtlichen Rede. Taucht sie dennoch auf, wird auf die ansonsten im heimischen Sprachraum üblichen Gänsefüßchen verzichtet. Das führt zu der gewöhnungsbedürftigen, aber durchaus freundliche Heiterkeit hervorbringenden Abfolge von Frage- respektive Ausrufezeichen in traulicher Nachbarschaft mit folgendem Komma. Das sieht dann so aus!, oder eben auch so?,
Gelegentlich gelingt es dem Autor, beide typografischen Kostbarkeiten auf einer einzigen Seite unterzubringen. Respekt!
Andererseits führt dies zu dem begründeten Verdacht, dass den gesparten Gänsefüßchen im restlichen Werk dann eine besondere Bedeutung zukommt. So erklärt sich denn die oben beobachtete Liebe zur Zitation, die nicht immer, aber oft so weit geht, sogar das „ß“ in alter Rechtschreibung zu belassen.
Denn tatsächlich:
Stellt man die wirklichen und gefakten Zitate – und die anderen in Gänsefüßchen gefassten Begriffe – nur der Reihe nach hintereinander, kann man den interessanterweise nicht nur den Inhalt des Buches, sondern auch die innere Intention auf anderthalb Seiten zusammenfassen. Das sei im Folgenden getan. Denn nur so wird man diesem konfusen, jedoch durchaus lesenswerten, Roman einigermaßen gerecht.

„Was wir tun können, hängt nicht von uns ab, aber von uns hängt es ab, das wir es tun. Die
Freiheit nur erklärt den Misserfolg.
zu Hause
Archimedes
Nachrufe Kultur
Dionysos-Kulte
Wenn Dir ein Philosoph antwortet, weißt du am Ende gar nicht mehr, was du ihn gefragt hast
Und von den Tannen blutet frisches Fleisch
Solch einen Gott, o König, wer er sei
Nimm auf in deiner Stadt; denn er ist groß
Und was er uns gebracht, wie man erzählt,
Das ist der Wein, der allen Kummer löst.
Gibt‘s keinen Wein, so gibt‘s auch keine Liebe,
Kein ander Labsal für die Menschen mehr.
freier Philosoph
Aus banger Brust
So hab ich es noch nie gewußt,
so oft ich deinen Hals umschloß
und blind dein Innerstes genoß,
warum du aus so banger Brust
aufstöhntest, wenn ich überfloß.
Mensch
loszutreten
Ich bin. So herrscht der Baum den Baum an und den Kiesel, den arglosen Kieselstein.
Weißwäsche
zweite Reihe
Wahrheit
Ding
Tannhäuser
Lust verspürte
Tannhäuser
Tannhäuser
Tannhäuser
Tannhäuser
Wie dieser Stab in meiner Hand nie mehr sich schmückt mit frischem Grün, kann aus der Hölle heißem Brand Erlösung nimmer dir erblühn
ein offenes Ohr
früher
damals
heute
bis Mitternacht
bis zwölf
Das Leben der Toten – eine idiotische Vorstellung. Außerdem das Geheimnis der Zivilisation.
Der Glaube an Gott löst die Probleme nicht, aber er macht sie lächerlich.
Elegie auf eine Ameise
It was like sudden time in a world without time,
This world, this place, the street in which I was,
Without time, as that which is not has no time,
Is not, or is of what there was, is full
Of the silence befor the armies, armies without
Either trumpets or drums, the commanders mutt, the arms
On the ground, fixed fast in a profund defeat.
Hymne an einen Tautropfen
seines
Der Garten
Gärtnern
In der Hoffnung, dass Du uns nicht noch einmal enttäuschst, verbleibe ich Deine Mutti
Sogenannten Schriftsteller Georg Faust
Ehemaligen Schriftsteller Georg Faust
Hochstabler Georg Faust
Erloschen ist die letzte Glut im Herde,
der Morgen graut, Zeit wird es, daß ich geh‘ –
ich weiß es nicht, wohin ich wandern werde,
ich will so weit, daß ich dich nimmer seh‘.
Einer, der sich an jeder Ecke selbst verhaftet
Sie heiratete ihn, um ihn immer bei sich zu haben. Er heiratete sie, um sie zu vergessen.
den einfachen Leuten
… dass alle Widersprüche durch das leicht scheinende, aber wenig verbreitete Mittel beseitigt werden können, ein Wissen davon zu haben, was man sagt. Widersprüche bilden sich, indem zwischen der Aussage und der Intention eine Diskrepanz aufbricht. Was man begrifflich hat fassen wollen, zeigt sich, nicht wirklich oder vollständig oder angemessen erfasst zu sein. Der Begriff einer Sache ist dann unzureichend, wenn die Sache nicht so erfasst ist, wie sie sollte und wie es aufgrund ihrer eigenen Natur erforderlich ist. Eine Sache nicht so zu fassen, wie es nötig und gemeint war, heißt aber schlicht, sie anders zu erfassen, als sie ist. Der Widerspruch entsteht hier, weil der Begriff einer Sache, bei ungebrochener Behauptung, sie zu erfassen, sie in der Tat nicht so erfasst, wie sie ist, sondern anders. Der fragliche Begriff ist also der Begriff der Sache und zugleich nicht der Begriff der Sache, und beides wird für ein und dasselbe gehalten. Das bildet den Widerspruch.
mit mir ins Reine
Altlasten
abzuarbeiten
der Dame zu zeigen, wo der Hammer hängt
weggesperrt
conditio sine qua non
das Haus
was Sache ist
alle
Vater
Habe die Ehre
Selbstmörderbrücke
Die Wahrheit ist gekommen, und das Nichtige verschwindet; sicherlich vergeht das Nichtige
an der Leere
Alles Leere, deshalb schön bei dir!
kein schöner Anblick
totale Abhängigkeit
nach Hause
unsterbliche Werke
ganz unter uns gesagt
blöde Kuh
in die Kiste
kuhäugig
laufen
meine Mutter
ich
ich
meine Mutter
meine Mutter
meine Mutter
Spezial-Nudeln
richtige Adresse
Weit zurück in dem leeren Nichts ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es war Glanz, es war Gewühl, es war unten. Dies muss sehr früh gewesen sein; denn mir ist, als liege eine sehr weite Finsternis des Nichts um das Ding herum. Dann war etwas anderes, das sanft und lindernd durch mein Inneres ging. Das Merkmal ist: Es waren Klänge. Dann schwamm ich in etwas Fächelndem, ich schwamm hin und wieder, es wurde immer weicher und weicher in mir, dann wurde ich wie trunken, dann war nichts mehr.
Diese drei Inseln liegen wie feen- und sagenhaft in dem Schleiermeere der Vergangenheit, wie Urerinnerungen eines Volkes. Die folgenden Spitzen werden immer bestimmter, Klingen von Glocken, ein breiter Schein, eine rote Dämmerung. Ganz klar war etwas, das sich immer wiederholte. Eine Stimme, die zu mir sprach, Augen, die mich anschauten, und Arme, die alles milderten. Ich schrie nach diesen Dingen. Dann war Jammervolles, Unleidliches, dann Süßes, Stillendes. Ich erinnere mich an Strebungen, die nichts erreichten, und das Aufhören von entsetzlichem und Zugrunderichtendem. Ich erinnere mich an Glanz und Farben, die in meinen Augen, an Töne, die in meinen Ohren, und an Holdseligkeiten, die in meinem Wesen waren. Immer mehr fühlte ich die Augen, die mich anschauten, die Stimme, die zu mir sprach, und die Arme, die alles milderten. […] Diese Arme fühlte ich mich einmal tragen. Es waren dunkle Flecke in mir. Die Erinnerung sagte mir später, dass es Wälder gewesen sind, die außerhalb mir waren. Dann war eine Empfindung, wie die erste in meinem Leben, Glanz und Gewühl, dann war nichts mehr.
aufs Haus
zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
morgendlichen Stumpfheit und der abendlichen Verzweiflung
in dem Sie mit der Schriftstellerin nach der Lesung gesehen wurden
Zeigen Sie halt, was Sie können
Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass ein Mensch in der Mitte seines Lebens vor drei Wahlmöglichkeiten steht: überhaupt nicht mehr zu schreiben, sich mit einer vielleicht immer größer werdenden Virtuosität zu wiederholen oder sich durch geistige Anstrengung diesem ‚mittleren Alter‘ anzupassen und eine andere Arbeitsweise zu finden.
Bei Rauch im Zimmer: Rollen Sie sich aus dem Bett, ziehen Sie Schuhe an und kriechen Sie zur Tür (Rauch und Brandgase steigen nach oben). Atmen Sie durch ein nasses Tuch. Füllen Sie die Badewanne. Das Wasser in der Wanne kann zum Löschen erforderlich werden. Legen Sie sich nicht in die Wanne.
Träume sind Sinneswahrnehmungen mit nur zwei Dimensionen. Ideen sind Sinneswahrnehmungen mit nur einer Dimension. Die Linie ist eine Idee.“

In linientreuer Dankbarkeit dem zitierten und zitierendem Autor gegenüber, bemerkt der Rezensent durch dieses eher formale Experiment, dass das inhärente Thema des Romans die darin explizit kaum auftauchende Mutter des Ich-Erzählers ist. Indem dieses Thema aber nicht an- sondern umgangen wird, entsteht, ob gewollt oder nicht, genau jene Konfusion, die den Leser mehr ratlos denn angeregt zurück lässt. Eine angebotene Lösung wäre, die Geschichte als Versuch der Selbstgeburt eines Schriftstellers zu verstehen, mit der er sich von der matriarchalen Bindung lösen will.

Tüchersfeld im September 2016
Reinhard W. Moosdorf

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