Montag, 23.10.2006 | 16:21 Uhr

Autor: Christoph Mann

Martin de Wolf – Das Odessa Experiment

Deutschland unter Bundeskanzler Stürmann hat 10 Millionen Arbeitslose. Immer mehr davon sind Obdachlos, nicht, weil sie sich keine Wohnung leisten können, sondern weil es zuwenig ZULÄSSIGE Wohnungen mehr gibt. Bettler im Anzug sind keine Seltenheit mehr, Arbeitsämter Stätten der Unruhe, wo die Verzweiflung herrscht.

Als wären die Deutsch-Amerikanischen Beziehungen nicht durch die Irakkrise angespannt genug, gibt es da noch dieses Satellitenfoto aus der libyschen Wüste von merkwürdigen Baracken, wo die schwarz-rot-goldene Flagge diesmal nicht auf ein „Sommermärchen“ hinweist. Später einmal wird Martin de Wolf den Leser mit der absurden Idee erheitern, dass der „für seine Direktheit bekannte“ US-Präsident Blanc bei Kanzler Stürmann anruft und ihn erbost fragt, „was ihm einfällt, den internationalen Terrorismus zu fördern“.

Genial-bizarres Szenario, Deutschland ein Terrorland. Doch die Wahrheit in de Wolfs Thriller ist noch grässlicher. Der Journalist und Bestsellerautor Philip Simon ermittelt, weil der Drucker seiner ehemaligen Zeitung „Bonjour“ nach langer Arbeitszeit verschwunden ist (Bonjour wurde übrigens vom Spiegel aufgekauft und arbeitsplätzesparend rationalisiert, an dieser Stelle ein Dankeschön an Herrn de Wolf für diese immer wieder auftretende herrliche Verstrickung von Fakt und Fiktion).

Die Ermittlung führt natürlich schnurstracks zum Arbeitsamt, von dort zu einem geheimen Industrialisierungsprojekt im Ausland, über einige verschlüsselte Emails nach Libyen und dann in die Hallen der Politik („die Welt der Anzüge und Nadelstreifen“).

Martin de Wolf schreibt in schönem, klarem, nüchternem und doch spannendem Thrillerstil eine moderne Verschwörungstheorie, die das aktuelle Thema Arbeitslosigkeit ins Absurde steigert. Der Erzähler hängt überwiegend an dem alternden Journalisten Philip Simon, scheut sich aber nicht vor Streifzügen in Gespräche zwischen Bundeskanzler und Ministerpräsident oder US-Präsident und CIA-Direktor Politik. Eine möglicherweise unfreiwillige Komik gewinnen de Wolfs erläuternde Kommentierungen („eine Hand wäscht die andere“ oder „sie würde niemals wieder so etwas erleben“), die eine liebevoll-naive Nuance in sich tragen und wohl auch deswegen etwas unbedarft wirken, weil Martin de Wolf niemals ein Plusquamperfekt anwendet, aus welchen Gründen auch immer.

Insgesamt ein schrecklich spannendes Buch, dem auch die Liebesgeschichte zwischen Martin und Valerie nichts schadet (obwohl diese auch wieder durch eine gewisse Unbeholfenheit komisch wirkt, plötzlich, mir nichts dir nichts lieben sie sich und streiten nach wenige Tagen so wie es Paare nach Monaten tun). Ein wenig schade, störend allerdings nur für Sprachpedanten, sind die unglaublich vielen Fehler, grammatisch, drucktechnisch oder in der Rechtschreibung. Mal kommt drei Seiten keiner, dann wieder zwei je Seiten.

Das ist aber nicht unbedingt die Schuld von Martin de Wolf. Er hat für seinen spannenden Roman wohl keinen „richtigen“ Verlag gefunden – obwohl er das durchaus verdient hätte. So hat er bei book on demand verlegen lassen. Dort ist der Roman auch zu erhalten.

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2 Kommentare

  1. Susanne Gogoll Says:

    Tolles Buch! Habe es mit Freude gelesen und als ich fertig war, gleich noch einmal. Erschreckendes Thema auch wenn man nicht arbeitslos ist.
    Die Charaktere sind spannend beschrieben und die Geschichte reitet von einem Höhepunkt zum nächsten. Hat mich ein wenig an Dan Brown erinnert. Wer seine Bücher gut fand, wird „Odessa“ lieben. Ich jedenfalls habe es kaum aus der Hand gelegt…
    Schade, dass so etwas nur bei BOD verlegt wird und nicht im normalen Handel. Hoffe M. De Wolf schreibt noch einen zweiten Teil. Bin wirklich gespannt!
    Kann es nur wärmstens empfehlen und wünsche allen „Thriller“ Fans viel Spaß beim lesen.

  2. Jürgen Bräunlein Says:

    Besonders der Preis dieses Buches ist ganz doll! 34.95 Euro.

    Herzlichst
    jueb

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