Donnerstag, 08.05.2008 | 20:07 Uhr

Autor: Andreas Schröter

John Cheever: Der Wapshot-Skandal

John Cheever: »Der Wapshot-Skandal«Im Kölner Dumont-Verlag läuft gerade eine kleine John-Cheever-Rückschau. Nach „Die Geschichte der Wapshots“ in 2007 ist nun auch „Der Wapshot-Skandal“ dort erschienen. Die amerikanischen Originale stammen aus den 50er und 60er Jahren.

John Cheever schreibt liebevoll mit sehr viel Humor und Herzenswärme über die Geschicke und vor allem Missgeschicke einer Familie. Stets spürt man die große Zuneigung des Autors zu seinen Figuren – ganz egal, ob es um die schrullige Tante Honora Wapshot geht, die Ärger mit der Steuerprüfung hat, Coverly Wapshot mit seiner Frau Betsey, die sich auf der Raketenbasis, auf der beide wohnen, furchtbar langweilt, oder Moses Wapshot, dessen Frau Melissa mit einem wesentlich jüngeren Mann durchbrennt.

Aber man merkt andererseits auch, dass Cheever eigentlich für seine kürzeren Texte bekannt geworden ist. Seine Romane wirken wie eine Sammlung von Kurzgeschichten, die nur sehr lose miteinander verknüpft sind – manchmal zu lose: Spannungsbogen, Höhepunkt, Figurenentwicklung und ein verbindendes Element fehlen. Immer wieder tauchen Figuren wie Coverlys Chef Dr. Cameron auf, spielen auf einigen Seiten wesentliche Rollen, nur um dann sang- und klanglos wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Als Folge dieser Stukturlosigkeit zerfällt „Der Wapshot-Skandal“ ein wenig in seine Bestandteile – genauso übrigens wie schon „Die Geschichte der Wapshots“ – und man wird das Gefühl nicht los, dass die Bezeichnung „Roman“ auf dem Cover eigentlich ein kleiner Etikettenschwindel ist.

Und: Man merkt den beiden Büchern ihr Alter durchaus an. Manches wirkt etwas angestaubt. So geht es zwar häufig um Sex, jedoch wird er von Cheever nie beschrieben, was aus heutiger Sicht auf Dauer ungewohnt prüde wirkt.

Insgesamt hat mir dieses Buch nur mäßig gefallen. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass die meisten Feuilletons die Wapshots-Romane geradezu euphorisch gefeiert haben. ZEIT-Rezensent Klaus Harpprecht freut sich über die „glänzenden Formulierungen, die nuancierte Sprache, die unterschiedlichen Erzähl-Perspektiven und den gleichermaßen genauen wie poetischen Blick des Autors.“ Angela Schader von der Neuen Zürcher Zeitung fühlt sich „durch eine spezielle Art von „Grazie“ bezaubert“. Dem Autor gelinge eine ideale Mischung aus ironischer Distanz und Nähe zu seinen Charakteren, lobt Peter Körte von der FAZ. Und der Rezensent der taz freut sich auch an der „kühnen Vorwegnahme postmoderner Libertinage“ – was immer das auch heißen mag.

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John Cheever: Der Wapshot-Skandal.
Dumont, Februar 2008.
332 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro.

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