Samstag, 14.05.2016 | 14:27 Uhr

Autor: rwmoos

Johannes Wilkes: Der Fall Rückert

Johannes Wilkes: Der Fall Rückert

Endlich mal wieder ein Buch, das man richtig gern rezensiert.

Die Ausleihlisten der Leihbüchereien in der Fränkischen Schweiz sind für einen bibliophilen Menschen – so erfährt man nebenher in Johannes Wilkes‘ Kriminalroman „Der Fall Rückert“ – eine Zumutung. Jede Menge Ausleihe von „Fifty Shades of Grey“, so dass sich die Gemeindebibliothek von Obertrubach bereits zehn Exemplare angeschafft habe, um zumindest den angestauten Lesetrieb befriedigen zu können. Ob es dort auch ein Buch von Friedrich Rückert gibt?

Friedrich Rückert. Ein zu Unrecht weithin unbekannter Franke. Das sollte sich spätestens nach Johannes Wilkes‘ Opus nun ein wenig ändern.
Das Werk von Friedrich Rückert hat es an sich, dass man sich ihm auf verschiedene Weise nähern kann. Ich erlebte Rückert zuerst in seiner phantastischen Übersetzung der Makamen des Hariri und kurz darauf in seiner Koranübersetzung. Anderen sind zum Beispiel die „Kindertotenlieder“ wichtig geworden. Diese und weitere Nuancen der Rückert-Freundschaft sind Johannes Wilkens nicht fremd, und bereitwillig listet er sie in seinem Rückert-Roman auf, in dem man auch sonst Einiges über den merkwürdig genialen Franken erfahren kann.

Oder auch über das genial merkwürdige Franken. Denn ebenso detailgenau beobachtend ist in dem Buch „Der Fall Rückert“ die Gegend in und um Erlangen beschrieben. Da begegnen dem aufmerksamen Leser viele eigene Beobachtungen literarisch veredelt wieder: Betrachtungen zu den Straßenbenennungen in der zentralen Stadt der Handlung, zum Franken-„Schnellweg“, zu dem, was Siemens-Mitarbeiter so mit sich machen lassen oder auch zum perversen Angebot von „Unifleisch“, für das man in Erlangen offen und zur Fehlinterpretation geradezu einladend wirbt.
Weil dieser Spott sympathisch vorgetragen wird, kann man auch lachen, wenn es auf eigene Kosten geht: Man sah „zur Rechten ein paar träge Hügel den Horizont verstellen. Die Fränkische Schweiz.“ So wird im Buch jenes landschaftliche Kleinod eingeführt, in dem ich zu Hause bin. Solche Schattierungen der Sprache kostet man doch gern aus, auch wenn sie ein wenig weh tun sollten.

Partnerschaftlich mit Franken verbunden, bringt der Autor auch den Ruhrpott zum Köcheln, denn letzterer war früher die Heimat der Helden des Buchs: Des leicht proletarischen Detektivs „Mütze“, selbstredend BVB-Anhänger, der mit seinem Lebensgefährten, dem eher barocken Bühnenbildner Karl-Dieter, das Gespann abgibt, das den Fall löst. Die beiden Lebensgefährten bedienen in ihren Eigenarten und deren Zusammenspiel bereitwillig alle Klischees, die man über Homosexuelle bereits zusammengetragen zu haben glaubt. Allerdings auch dies mit einer sorgfältig ausgesuchten Ironie, die solche Zumutung an die Schubladen-Bedienung kaum tadelnswert erscheinen lässt.
Die polarisierte Beziehung findet auch ihre Entsprechung im Schreibstil des Autors selbst: Dieses Changieren zwischen leicht konsumierbarer Erzählweise und anspruchsvoller Rezeption der Rückert-Gedichte und -Übersetzungen hat etwas eigenartig Faszinierendes, das mir so noch nirgend sonst begegnet ist.
Ein wenig ausbaufähig wäre der Part des Dritten im Bunde: „Big Chip“, ebenfalls Detektiv und im Plot der heutzutage unvermeidliche Computer-Experte, der als Glubberer die Rolle des einzigen gebürtigen Franken des Trios besetzt.

Der Fall selbst: Rückerts Original-Handschriften werden aus verschiedenen fränkischen Bibliotheken entwendet, wobei der kaltblütige Dieb respektive Räuber eine Spur an Leichen hinterlässt. Den Rest entnehme man bitte dem Buch zum Fall selbst: Zu Spoilern ist die Aufgabe des Rezensenten nicht. Nur soviel: Schon auf der ersten Seite wurde ein Torwart mit der Eckfahne gepfählt.

Nach beendeter Lektüre gönnt man denn auch fürderhin dem Pärchen respektive Trio und seinem Autor noch viele weitere Fälle. Solch ein Gespann wünschte man sich auch als Ermittler im Franken-Tatort.

Was das Lesevergnügen so einzigartig geraten lässt, ist aber ohnehin weniger der Fall und seine Aufklärung, sondern die bereits erwähnte und gar nicht genug zu würdigende Fähigkeit, Land und Leute humorvoll zu beschreiben und dabei noch ein paar Perlen klassischer Dichtkunst unter’s Volk zu bringen. Hie und da wird als Hommage an den Meister selbst auch jener „verrückerte“ Sprachwitz eingestreut, wie er heutzutage leider etwas aus der Mode gekommen ist. Er wird sogar bebildert: Wie da zum Beispiel der grau melierte Schatten immer wieder und sogar final entwischt…

Vielleicht gelingt es daraufhin zumindest der Bücherei von Obertrubach, auch den „Fall Rückert“ in ihre Bestände aufzunehmen.

Das Qualitätsurteil?
Bassd scho.

Tüchersfeld, den 14.05.2016
Reinhard W. Moosdorf

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2 Kommentare

  1. Thomas Büttner Says:

    Tolles Buch, tolle Rezession!
    Wir haben das gleich auf unsere Homepage gebracht und wünschen allen Lesern ein fränkisches Vergnügen!

    http://www.die-fraenkische-schweiz.com/My-Fraenkische-Schweiz-Online-Shop/Fraenkischer-Lesestoff/Johannes-Wilkes/

  2. rwmoos Says:

    Danke an die Fränkische Schweiz!

    bw

    RWM

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