Sonntag, 28.05.2017 | 14:32 Uhr

Autor: rwmoos

Jens Bühler: Mit allen Mitteln. Ein Jo-Lasker-Thriller

Mittel und Zweck

Mit allen Mitteln – Ein Jo-Lasker-Thriller

Summary: Ein ausgezeichnet zu lesender, spannender Krimi, der insbesondere wegen seines gesellschaftsphilosophisch gezeichneten Tiefgangs Beachtung verdient.

Wenn jemand, der Tag für Tag mit Sexualdelikten zu tun hat – wie eine im Hintergrund bleibende Semi-Protagonistin dieses Buches – irgendwann nicht mehr damit zurechtkommen sollte, dass Kinderseelen zerstört werden, so kann es durchaus vorkommen, dass er sich anhören muss: Das hast Du doch vorher gewusst, was der Job mit sich bringt.
Wenn dagegen der Autor durch einen seiner Hauptprotagonisten dagegen hält: „Ja. Aber man kann nicht wissen, was das Ganze nach 15 Jahren mit einem anstellt“ … dann kann man nur sagen: Touché!

Es gibt so ein paar Jobs, die dringen derart tief in die Substanz der Gesellschaft ein, dass es schon schwer fällt, mit Leuten darüber zu sprechen, die lediglich auf den Möglichkeiten daher surfen, die diese unsere Gesellschaft bietet.

Polizisten gehören zweifellos dazu, aber auch Mitarbeiter des Jugendamts, Sozialarbeiter, Erzieher und gelegentlich auch kirchliche Mitarbeiter. Freilich – in allen diesen Jobs gibt es genug Möglichkeiten, sich bequem einzurichten. Man kann das Oberflächlichkeit nennen oder Abstumpfung. Man kann es auch Selbstschutz nennen und damit andeuten, dass auch dieses Phänomen Teil der gesellschaftlichen Funktionsweise ist. Im Buch sind das diejenigen, die bemerkt haben, dass sie am nächsten Ersten auch ihr Geld auf dem Konto haben, wenn sie Computerspielen frönen, statt zu arbeiten.
Fakt ist aber auch: Ca. 5% derer, die in den genannten Berufen arbeiten, geben sich nicht damit zufrieden, möglichst pünktlich Feierabend zu machen. Und während der Rest sich in internen Streitigkeiten verliert, rackern sie sich an dem Stein des Sisyphos ab. Obwohl sie wissen, dass die Belohnung ausbleibt. Dass sogar berufliche Nachteile näher liegen als Vorteile.

Warum nur tun sie das?

In der Regel haben solche Leute selbst einen Schaden. Verquere Kindheit, irgendeine Sucht oder soziale Unverträglichkeit. Oder sie brauchen die Arbeit, um genau solche Anlagen zu unterdrücken. Oft ist genau das auch die offene Flanke, die sie leicht angreifbar macht, wenn Kollegen oder Vorgesetzte (oder gelegentlich auch Untergebene) ihr Engagement als Vorwurf auf den von jenen formulierten Mainstream des Nur-das-Nötigste-Tuns auffassen. Sie neigen zum Einzelgängertum und finden nur wenige Freunde.
Diese 5% scheitern zu 99%. Aber zu einem Prozent ändern sie die Welt. Oder zumindest ihre Welt. Das ergibt eine Gesamt-Wahrscheinlichkeit von 0,0005. Klingt wenig. Heißt aber im Umkehrschluss, dass es in Deutschland 40.000 Leute gibt, die solch eine Änderung erreichen. Deshalb lohnt sich der Versuch, und das ahnen die 5%. Wahrscheinlich spielt auch die Hoffnung auf eine späte Anerkennung, einen doch noch irgendwie zu erreichenden beruflichen Erfolg oder zumindest einen akzeptablen Nachruf eine Rolle. Aber sie sind, anders als es oft den ersten Anschein hat, Realisten. Sie handeln nicht mit einem „… um zu …“ in ihrer inneren Ethik. Sie tun das, was sie tun, weil sie es tun müssen. Sie können nicht anders. Der Fluch der den Sisyphos traf, hat sie schon in diesem Leben ereilt.

Jens Bühler, der als Hauptkommissar der Frankfurter Polizei schon an verschiedenen Brennpunkten mitgearbeitet hat, kennt diese Problemlagen. Und er weiß, dass der lange Aufenthalt an Brennpunkten einen ausbrennen kann. Offenbar hat er seinen Ausweg gefunden: Er schreibt Krimis.

Nun liegt natürlich das alte Vorurteil nahe: Die, die vom Fach sind, können nicht gut schreiben. Und die, die gut schreiben können, schmieren fachlichen Blödsinn daher. Solch Vorurteil greift indessen hier nicht. Sicher: Die Handlungsstränge berühren zumindest am Ende hie und da den Bereich des allzu Unwahrscheinlichen. Wenn da plötzlich ein MG aus der Ardennenoffensive auftaucht oder zu viele Kompetenzen in einer Person zusammentreffen. Solche handwerklichen Schwächen sind wahrscheinlich Reminiszenzen an den Mainstream-Krimi, die der Autor meines Erachtens gar nicht nötig hätte. Andererseits wohnt zumindest der Story mit dem Ardennen-MG ja auch eine Spur Humor inne, die nicht ungewürdigt bleiben soll. Es gibt ja tatsächlich Leute, die sowas in ihren Kellern horten und dabei den Hintergedanken haben: man wisse ja nicht, wann man es mal wieder brauchen kann. Und dabei vergessen, dass es auch in den Ardennen nicht wirklich genützt hat …

Will man eine Gesellschaft verändern – womöglich gar bessern – muss man die Fachkompetenz der genannten Berufsgruppen definitiv einbeziehen. Insofern wundert es, wenn politische Gruppen, die sich die Veränderung auf ihre Fahnen geschrieben haben, auf diese Kompetenz verzichten.

Andererseits verführt der Innenblick, der berufsbedingt nur die Problemlagen erfasst, dazu, sich für den einzig legitimen Blick zu halten. Auch das kann zu Irrwegen führen.

Das wäre die Dirty-Harry-Perspektive, die im Buch selbst angesprochen wird und die dort die Protagonisten immer mehr erfasst. Angelehnt an die gleichnamigen Filme kennzeichnet es ein Vorgehen, mittels illegaler, teilweise äußerst brutaler Methoden effektive Polizeiarbeit zu leisten. Verteidigt wird dieses Vorgehen durch das Vorzeigen und Verknüpfen einer Gemengelage aus
widerwärtigen Tätertypen, Gesetzeslücken und laxer Rechtsprechung.
Dies rechtfertigt dann eine Fortschreibung der Selbstjustiz, nämlich eine Justiz der Exekutive ohne Legislative als einzig wirksames Mittel.

Wie verführend eine solche Vorstellung ist, zeigt nicht nur der Erfolg der Dirty-Harry-Serie (und in der Folge einer ganzen Riege weiterer Filme und Serien, die in die gleiche Kerbe schlagen), sondern auch die Binneneinstellung vieler Polizisten. Schließlich haben diese – im Unterschied zu Sozialarbeitern, Jugendamtsmitarbeitern etc. wesentlich mehr Möglichkeiten zur Durchsetzung, schon aufgrund des ihnen übertragenen Gewaltmonopols. Mit ein bisschen Corps-Geist lassen sich dann auch Straftaten schnell übertünchen. Und wenn diese Straftaten irgendwie in den Gesamtauftrag passen, kann man da auch mit einigem Verständnis rechnen. Schließlich sind die bösen Jungs ja auch nicht zimperlich.

Und genau da liegt das Problem: Wer legt fest, wer die bösen Jungs und wer die guten sind? Die Uniform?
Im Buch beschützt eine Polizistin mit illegitimer Gewalt ihren Neffen. Genau wie ein Gangster seine Nichte. Beider Anliegen wirbt um Verständnis. Und jedesmal wird die Gewalt mit stärkerer Gewalt zur Raison gebracht. Das führt nahezu notwendigerweise irgendwann zum Ardennen-MG. Was ist die nächste Eskalationsstufe? Panzer? Atombomben?

Klingt blöd, aber genau die Atombombe und ihre jüngeren, stärkeren Schwestern, haben angefangen, uns Menschen zur Vernunft zu bringen. Gewalt schaukelt sich immer auf, das sieht man schon bei streitenden Geschwistern. Erst werden die Schimpfwörter immer stärker, dann die Tätlichkeiten. Weil es uns allen eigen ist, erlittene Einschläge ungleich stärker zu wichten als ausgeteilte. Und genau da setzen Erziehung und Kultur an: Uns und unseresgleichen beizubringen, dass Geist stärker ist als Muskelkraft. Dass nur das Zurücknehmen des Egos und des von ihm empfundenen Schmerzes zugunsten einer Koexistenz die Gewaltspirale in ein Gleichgewicht umwandeln kann. Nur wenn jeder seinen Picknickplatz immer ein wenig mehr aufräumt, als er selbst Abfall hinterlassen hat, wird auch das versehentlich Vergessene eliminiert.

Ich kann verstehen, dass gerade Polizisten unter einer als zu schwach empfundenen Rechtsprechung und der damit einher gehenden Bürokratie leiden. Das Aushalten dieses Leidens aber zeichnet einen starken Charakter aus. Denn was wäre die Alternative?

Urteile die letzte Zweifel unter den Tisch kehren? Ein Staat, der das „gesunde Volksempfinden“ zum Maßstab seiner Urteile macht?
Von Robespierre über Hitler und Stalin bis zu Duterte waren alle Tyrannen der Meinung, dass sie die Guten sind. Stalin ist ebenso wenig früh aufgestanden und hat überlegt, wie er sein Volk knechtet, wie dies heute Duterte (das ist der aktuelle philippinische Präsident, der zusammen mit den Drogen gleich die Dealer und die Süchtigen ermorden lässt) tut. Alle haben vielmehr überlegt, wie sie ihr Volk voranbringen. Sie waren der Meinung, dass dazu Härte gehört, Härte gegenüber Verbrechern, aber auch Härte gegenüber denen, die die Härte kritisieren. Und so verschieden die einzelnen Diktatoren waren – hierin waren sie alle gleich. In allen genannten Fällen (außer bei Duterte – der hat das noch vor sich) führte das selbst verschuldete Ausschalten der Korrektive dazu, dass der eigene Weg als der allgemein gültige angesehen wird. Wer sich das Recht über Leben und Tod anderer anmaßt, hält sich früher oder später für Gott. Und das wird sehr, sehr gefährlich für alle, die ihn nicht anbeten.
Das war der Weg, auf dem Herrscher zu Verbrechern wurden.

Deshalb mag ich eher einen „schwachen“ Staat, dessen Vertreter zu seinen Fehlern und Mängeln stehen und versuchen, aus diesen Fehlern Stärken zu schmieden. Andernfalls unterscheidet die Polizistin früher oder später wirklich nichts mehr von dem Gangster.

Ein Spruch, der das vorliegende Muster beschreibt, und im Titel aufgegriffen wird, lautet: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Meines Wissens stammt er von dem Jesuiten H. Busenbaum. Seinerzeit allerdings hatten dieser einen zweiten Teil angefügt: „…, solange die Mittel den Zweck nicht gefährden.“ Der Halbsatz ist von dem ganzen Satz so weit entfernt wie Diktatur von Weisheit.

Clint Eastwood war der Darsteller des „Dirty Harry“. Er war auch maßgeblich für die Regiearbeiten, insbesondere der vier Fortsetzungen, verantwortlich. Im Unterschied zu den meisten Fans der Filme hat er sich mit den hier angedeuteten Fragen und Vorwürfen auseinander gesetzt. Schon in der zweiten Folge thematisierte er das Thema der Selbstjustiz der Exekutive und lässt seinen Helden mit ebensolchen Methoden gegen eine solche Polizisten-Gang antreten. In einem ähnlich strukturierte Epos („The Outlaw Josey Wales“ / dt.: „Der Texaner“) geht er noch weiter: Er zeigt die Lebensgeschichte eines Mannes, der zu solch einem Outlaw, also einem auf Selbstjustiz angewiesenen, außerhalb des Gesetzes Stehenden, wurde. Und er zeigt seinen Weg zurück in die Gesellschaft, in dem er auf Rache verzichtet, weil er wieder eine Perspektive hat. Und andersherum: Er hat wieder eine Perspektive, weil er auf Rache verzichtet. In weiteren Regiearbeiten (z.B. „Gran Torino“) geht Eastwood noch weiter, und spielt mit dem Image der Selbstjustiz, die dann in einen geradezu messianischen Opfergang mündet (der allerdings so auch nur klappt, weil die Annahme der Selbstjustiz als gegeben genommen wurde). Eastwood hat sich sein ganzes Künstlerleben mit dieser Frage auseinander gesetzt und das Für und Wider auch in sein politisches Leben übernommen und dort durch diskutiert.

Im vorliegenden Buch wird dagegen die Möglichkeit angespielt, innerhalb der Exekutive einen Geheimbund zu gründen, der – ähnlich der Polizisten-Gang im zweiten Dirty-Harry-Film – die Grenzen der Legalität zugunsten einer Duterte-Lösung umgeht. Auch das ein nachvollziehbarer und nicht ganz unsympathischer Gedanke. Warum er nicht funktioniert, verrät die Story selbst: Die Grundwährung eines solchen Bundes wäre absolutes Vertrauen. Das wiederum führt zu Abhängigkeit und Herrschafts-Wissen. Damit hat der mit dem meisten Wissen die anderen in der Hand, was gerade bei den Menschen mit dem oben gezeigten Gedankenmuster zwangsläufig wieder zu anfangs erpresserischen, später diktatorischen Ansprüchen führt. Wer Schwäche als Schwäche verkennt, verkennt ebenso sehr Stärke als Stärke.

Da ist es nur folgerichtig, dass am Schluss der Oberheld von Verwicklungen erfährt, die er seinen Unterhelden selbstverständlich nicht anvertraut. Womit er seinen Spruch von Vertrauen als neuer Währung auch gleichzeitig konterkariert und festigt.

Jens Bühler hat bereits einen Jo-Lasker-Krimi geschrieben: „Geister“. Dieser spielt in der Zeit fünf Jahre nach dem jetzt erschienenen Buch. Ich habe „Geister“ nicht gelesen. Es bleibt eine spannende Frage, ob sich dort die gesellschaftskritischen Fragestellungen auflösen oder noch mehr verwickeln. Oder ob diese Fäden weiteren, hoffentlich zu erwartenden, Fortsetzungen resp. Prequels vorbehalten bleiben.

Und wenn diese dann noch in einem so gekonnt geschriebenen Buch geknäult oder entwirrt werden, dann wünsche ich viel Vergnügen bei der Lektüre.

Tüchersfeld, den 28.05.2017
Reinhard W. Moosdorf

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