Freitag, 07.08.2015 | 19:54 Uhr

Autor: Odile

Japankrimi: Roppongi Ripper von Andreas Neuenkirchen

In Neuenkirchens neuem Tokyo-Krimi, erschienen beim Conbook Verlag, ermittelt Inspectorin Yuka Sato gegen den Serienkiller Roppongi Ripper. Wie schon im ersten Band, dem Frühlingskrimi „Yoyogi Park“, sind die Morde inszeniert, wenn nicht gar ritualisiert – und dies auf grausamste Art und Weise. Während Sato gemeinsam mit Shun Nakashima versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen, ereignen sich weitere Morde unter sehr unschönen Umständen. Milde formuliert. Der Autor hat in diesem zweiten Band noch eins draufgelegt. Das bringt jedoch Yuka Sato nicht aus der Ruhe. Sie arbeitet sich systematisch voran, taucht in die Vergangenheit der Opfer ein und deckt so nach und nach die Identität des Serienmörders auf. Yuka Sato und ihr Kollege Nakashima müssen sich im Laufe ihrer Ermittlungen nicht nur mit grauenhaften Tatorten auseinandersetzen. Nakashima, der in diesem Band vom Assistenten zum Inspektor aufsteigt, wird mit seiner eigenen Vergangenheit und Yuka Sato mit neuen Persönlichkeitsfacetten Nakashimas konfrontiert. Zudem schlägt sie sich mit den harten Jungs der Neonazi-Gruppe White Power Yamato herum. Ohne mit der Wimper zu zucken. War Yuka Sato im letzten Band auch schon so cool? So heldenhaft? Sie scheint zwischen dem ersten und dem zweiten Band eine gewisse Persönlichkeitsveränderung durchgemacht zu haben. Das kann zu Irritationen bei den LeserInnen führen, auch wenn diese Entwicklung durch den Schluss des ersten Bandes schon angelegt war.

Neuenkirchen schafft es, abgesehen von einigen Längen, eine spannende Handlung zu konstruieren und filmreife Szenen zu entwickeln. Wie die Insepktorin die knallharten White Power-Typen vorführt, erstaunt und erfreut, nicht zuletzt wegen der geradezu satirischen Elemente. Yuka Satos atemberaubende Motorradfahrt auf der letzten Jagd nach dem Killer ist eine Klasse für sich. Filmreif ist auch der dramatische Showdown, dessen Dramatik allerdings durch den Hang zur Satire und befremdlich wirkende Denk- und Dialogpassagen der Figuren beeinträchtigt wird. Es wird nicht ganz klar, ob der Autor an dieser Stelle bewusst das klassische Showdown-Szenenmuster milde karikieren wollte oder ob hier etwas anderes intendiert war. Die LeserIn muss sich selbst ein Bild machen.

Es wird Neuenkirchen vermutlich gelingen, die Spannung über alle Bände hinweg zu halten, soviel wird jetzt schon ersichtlich. Das liegt einerseits am auftretenden Personal. Allen voran Yuka Sato und Nakashima, die sich als entwicklungsfähiges Ermittlerduo zeigen. Alte Bekannte wie Matsuyama, Yuka Satos Freundin Sam, der unverbesserliche Ken oder der im ersten Band von Yuka Sato aus dem Verkehr gezogene Yakuza-Chef Shiraishi tauchen wieder auf, Matsuyama eher am Rande, Sam in etwas unglaubwürdiger, Ken in überraschender, Shiraishi in sehr beängstigender Weise. Vor allem diese undurchschaubare Figur ist es, die bedrohliche Spannung suggeriert. Eine andere Art von spannender Erwartung weckt Yuka Satos koreanischer Polizei-Kollege Pak, der Shiraishi in Punkto Undurchsichtigkeit in nichts nachsteht. Der Autor legt kundig seine Fährten, lässt aber zugleich noch offen, wohin sie führen. Vielleicht wäre der Auftritt der Wahrsagerin Madame Midori am Ende gar nicht nötig gewesen. Neuenkirchen neigt mitunter zum Über-Expliziten.

An der Krimistory ist – außer an den vielleicht zu sehr auf die Spitze getriebenen Mord- und Opferzustands-Schilderungen und am effektheischerischen Prolog – nicht viel auszusetzen. Schwächen zeigt der Roman aber in der psychologischen Zeichnung der Figuren sowie in der sprachlichen Gestaltung. Zwar gelingt es Neuenkirchen, die psychologischen Untiefen des Täters auf eine sehr spannende und nicht zuletzt überraschende Weise zu zeichnen. Problematischer steht es um das Verhältnis von Yuka Sato und Nakashima. Was sich Nakashima in diesem Roman leistet – was, sei hier nicht verraten, um künftigen LeserInnen den Lesespaß nicht zu verderben – scheint eher unwahrscheinlich, polizeilich-unprofessionell. Noch unwahrscheinlicher ist Yuka Satos Reaktion darauf. Wie ist es möglich, dass eine Inspektorin, die in ihrem Beruf so unerschrocken agiert, die sich bisweilen knallhart gibt, ihrem Kollegen in Nullkommanichts und ohne weitere Probleme alles nachsieht und barmherzig verzeiht? Wie kann es möglich sein, dass das Verhältnis zwischen den beiden Kollegen keinen Schaden nimmt? Gerade bei einem Autor, der in seinen Romanen mit journalistischer Akribie ein Abbild der Realität zu liefern scheint, der alles tut, um Wahrscheinlichkeit zu inszenieren, befremdet dies.

Zugleich ist diese Realitätsverpflichtung auch ein Problem in Neuenkirchens Romanen. Nach wie vor irritieren die überpräzisen Schilderungen von lokalen und zeitlichen Gegebenheiten. Man könnte fast sagen: zu prosaisch für literarische Prosa. Trockenene Beschreibungen ergeben noch keine Atmosphäre. Stilistisch ist das Werk nicht immer ein Vergnügen. Wenn wir Wünsche äußern dürften, würden wir uns für den nächsten Band wünschen, dass von der japanischen Kommunikationskultur noch mehr in die sprachliche Gestaltung einfließt und dass der nächste Band nicht mit einer weiteren Steigerung von grauenhaften Mordinszenierungen aufwartet. Andererseits erwarten viele LeserInnen womöglich genau das. Oder lieber doch etwas feiner gezeichnete Atmosphäre?

Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist das Werk eine sehr vergnügliche Lektüre. Wir erfahren viel über den Tokyoter Alltag – und diesmal auch über das im Schatten von Tokyo stehende Saitama. Yuka Sato und Nakashima sind vielschichtige Figuren, die noch Einiges an Entwicklungspotential haben. Dem Autor ist ein spannungsreicher Kriminalroman mit Tokyoter Lokalkolorit gelungen, der die LeserInnen in Atem hält und neugierig auf die künftigen Bände macht. Wenn die LeserInnen den ausgelegten Lockmitteln folgen, werden sie zu FährtenleserInnen. Besonders nachdem sie das geheime Bonuskapitel gelesen haben, das Neuenkirchen online zur Verfügung stellt. Während der Wartezeit auf den Herbstroman lässt sich trefflich darüber spekulieren, was der angeblich geläuterte Yakuzaboss Shiraishi im Schilde führt, worin der koreanische Inspector Pak vestrickt ist und womit der weiße Dämon Yuka Sato ängstigen wird. Vermutlich erfahren wir das erst im Tokyo-Winter. Aber erst warten wir mal gespannt auf den Herbst. Der sich schon ankündigt in den sich verfärbenden Blättern der Bäume im Imperial Garden.

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