Sonntag, 27.11.2011 | 18:22 Uhr

Autor: Theresa Brehm

Hallgrimur Helgason: Eine Frau bei 1000°

„Am allermeisten vermisste ich aber mein allerliebstes Volk, diese Sammlung von Verrückten am äußersten Rand des Weltmeers. Ich sehnte mich nach der Grobheit, dem Fehlen von Förmlichkeiten im Umgang, dem energiegeladenen Draufgängertum der Isländer, nach all dieser Jugendlichkeit, die man in diesem unerzogenen Land lebt, das sich nicht besser zu benehmen weiß als seine Bewohner“.

Ungehobelt, unkonventionell, unberechenbar

Was Hallgrimur Helgason seine Protagonistin gegen Ende des Romans über ihr Land sagen lässt, trifft auch auf die Figur selbst zu: Noch mit 80 Jahren ist Herbjörg María Björnsson ungehobelt, unkonventionell und unberechenbar. Auch wenn sie sich selbst in einer ausgebauten Garage geparkt hat, ihre Einäscherung plant und dabei mit einer Handgranate aus dem II. Weltkrieg kuschelt, schafft sich die im besten Sinne verrückte Alte dennoch einen Zugang zur Welt: Zum einen surft sie durch die Weiten des Internets und belustigt sich dabei an hinterhältigen Rollenspielchen, indem sie etwa einem simbabwischen Klempner als isländische Miss World von 1988 Hoffnungen macht, oder ihre untreue Schwiegertochter als Bischof von Island zu Gottesdienstbesuchen ermahnt.

Island und die Welt

Zum anderen taucht die auf ihre Matratze gefesselte Herbjörg tief in ihre eigenen Erinnerungen ein,  die gleichzeitig die Geschichte Islands in ihrem Bezug zur Welt widerspiegeln. Als Tochter einer Bäuerin von einer abgeschiedenen Insel und des Sohns des späteren 1. Präsidenten von Island durchlebt die Protagonistin die Wirren des 20. Jahrhunderts, in dem sie immer wieder die Enge der Insel verlässt – um doch stets wieder zurückzukehren.

Einer kurzen Kindheit auf dem Bauernhof als uneheliches Kind der Mutter folgen die Aufnahme in die privilegierte Gesellschaftsschicht Islands, der Wegzug der Familie nach Deutschland, von wo aus der für  Nationalsozialismus glühende Vater in den II. Weltkrieg zieht, die Trennung von den Eltern, die Flucht durch die zertörten deutschen Städte, Kriegsvergewaltigungen, die Rückkehr nach Island, das sich von Dänemark löst und zum eigenen Staat wird, die Auswanderung nach Argentinien, die Heirat mit einem prügelndem isländischen Seemann, die Geburt von drei Kindern…

Kein Mangel an Action

In der Tat ist „Eine Frau bei 1000°“ ein „wilder Ritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts“, wie es der Klappentext verspricht. Über einen Mangel an Action kann sich der Leser sicherlich nicht beschweren. Zusammengehalten wird dabei die Fülle der Ereignisse durch einen Kunstgriff: Der Text ist in kurze Kapitel gegliedert, mit Jahreszahlen überschrieben und ähnelt so der Form nach Blog-Einträgen, was die Geschichte zusammenhält – auch wenn Helgason teilweise einen geschichtlichen Rundumschlag forciert, der anhand des Lebens einer Person nicht unbedingt realistisch wirkt.

Realismus ist jedoch nicht die Kategorie, die man an das Buch herantragen sollte. Schließlich scheint der bekannteste Schriftsteller des kleinen skandinavischen Landes mit seinem neuestem Roman mehr zu intendieren: So hat er eine Person erfunden, die Island selbst repräsentiert. Schließlich kann man allein den Titel „Eine Frau bei 1000°“ mit der Vulkaninsel identifizieren: So wie in Island immer wieder die Erdkruste unter Eruptionen aufbricht, drängen auch die Erinnerungen Herbjörgs an die Oberfläche.

Island als historische Leerstelle

Zudem deckt Helgason auf, wie das kleine Island in seiner Identitätsfindung zwischen zwei Polen schwankt. So beschreibt der Autor seine Heimat einerseits als die abgeschiedene Insel „am Rande des Weltmeers“, deren eigentümliche Bewohner auf eine eigene – zumeist doch leidvolle – geschichtliche Tradition schlichtweg pfeifen. Andererseits charakterisiert er Island als eine historische Leerstelle, die nur durch die Geschichte Europas und der Welt gefüllt werden kann.

Trotz dieser doch sehr anspruchsvollen Konstruktion liest sich das Buch kurzweilig und ist frei jeglichen Pathos’, dessen sich deutsche Schriftsteller bei historischen Stoffen oft nicht entziehen können. Es strotzt nur so von Humor, der, so sei als ein Kritikpunkt eingeworfen, manchmal auch etwas auf die Nerven gehen kann.

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2 Kommentare

  1. Anton Says:

    Ich hatte erst kürzlich ein Buch von einem isländischen Autor genossen, (Nordermoor von Arnaldur Indriðason) und war begeistert. Das kleine Land dürfte ganz gross in der Literatur sein.

  2. Eva Says:

    Das Land ist ganz groß in Literatur! Dem wurde es als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse gerecht.

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