Donnerstag, 06.12.2007 | 12:20 Uhr

Autor: molosovsky

Gordon Dahlquist: »Die Glasbücher der Traumfresser«, oder: Drei Aussenseiter gegen okkultistische Weltverschwörer

Der bisher als Dramatiker und Filmemacher produktive New Yorker Gordon Dahlquist konnte mit »Die Glasbücher der Traumfresser« (»The Glass Books of the Dreameaters«) letztes Jahr einen veritablen Überraschungshit landen. Kaum veröffentlicht wurde dieser Roman begeistert von Freunden kurzweiliger und eleganter Alternativwelt-Romantik und Krimi-Phantastik empfohlen und fluggs hatte Dahlquist einen lukrativen Fortsetzungs- und Verfilmungsvertrag in der Tasche.

Dahlquist orientiert sich gekonnt an der Sprache, dem dramaturgischen Fluß und der Sensibilität von Klassikern des Kriminal-, Mystery- und Alternativweltfeldes. — Die schnelle Ettikettierung geht in etwa so: »Die Glasbücher…« ist eine hinreissend-elegante Räuberpistole, mit viel spannendem Geschleiche, Gekämpfe, Doppel- und Mehrfach-Intrigieren und einem aufreizenden Anteil Samt und Seide. Wer eine Schwäche für Jules Verne, H.G. Wells, Arthur Conan Doyle und Anthony Hope (»Gefangene von Zenda«) hegt, wird (so trau ich mich fast zu 100% garantieren) sich mit Wonne an diesem abwechslungsreichen Roman laben. Was magisch-historische KriminAlternativwelten angeht, erinnert mich das Buch zudem an den großartigen Randell Garrett und seine Die Lord Darcy-Geschichten; und es freut mich, in diesem Zusammenhang auch passenderweise auf das im Frühjahr 2008 bei Feder & Schwert erscheinende und im magischen München um 1860 angesiedelten Elfen-, Vampire-, Dämonen-Abenteuer »Das Obsidianherz« der von mir verehrten Ju Honisch empfehlend hinweisen zu können.

Zum Aufbau: Der klingt komplizierter, als er sich lesen läßt. Jedes der zehn Kapitel widmet sich mit auktorialer Erzählperspektive abwechselnd mal der Heldin, Miss Temple, mal einem der beiden Helden ›Cardinal Chang‹ und Dr. Svenson. Dabei kommt es immer wieder zu szenischen Überlappungen bzw. zeitlichen Sprüngen der sich über etwa zweieinhalb Tage erstreckenden Handlung. Dieser wunderbar altmodische Kunstgriff sorgt schon für fingernägelgefährdende Suspense. — Den verschleiernden Alternativweltcharakter des Weltenbaus bemerkt man meistens kaum, außer, man sucht z.B. den Namen der Metropole in der neben einigen ländlichen Adelssitzen die Geschichte angesiedelt ist. Die Stadt bleibt namenlos, aber der Autor gab in Interviews preis, dass die erfundene Metropole ein Amalgam aus dem London, Paris und Brüssel der fin de siècle-Epoche ist.

Zum Spaß: Am bezaubernsten fand ich den eleganten Stil des Romans, wobei ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht der plauderhafte Tonfall in der deutschen Version getroffen wurde. Wie es sich für die von ständehierarchischer Formalität geprägte Welt der vorletzten Jahrhundertwende gehört, gibt es für alles tradierte oder stillschweigende Anstandsregeln des Auftretens und Umgangs. Da kommt es schon mal vor, dass die Bösen den mit dem Rücken zur Wand stehenden Helden großmütig ‘nen Drink anbieten.

Das Abenteuer beginnt mit Miss Temple, einer jungen Dame vom fertigen Geld, Tochter eines karibischen Plantagenbetreibers, die zusammen mit Dienstmädchen und Anstandstante im komfortablen Hotel Boniface residiert, auf der Suche nach einem passenden Gemahl. Den dachte Miss Tempel mit Roger Bascombe, einem aufstrebenden Beamten des Außenministeriums, geangelt zu haben, doch auf einmal, noch dazu nur in Form eines vagen Briefes, bricht Roger jeglichen Kontakt ab. Um herauszufinden warum, macht sich Miss Tempel auf, Roger nachzuspionieren. Lehnt Roger sie einfach nur ab, weil er doch lieber allein leben möchte? Oder will sich Roger lieber auf seine Ministeriumskarriere konzentrieren und eine Frau wäre da für ihn nur hinderlicher Ballast? Oder hat Roger sich in eine andere Frau verknallt? Je nachdem, aus welchem Grund Roger sich von ihr getrennt hat, stünden Miss Temple nämlich andere Rollen im Gesellschaftsringelei der Salons, Teeparties und anderer öffentlichen Anlässe besser zu Gesicht. — Bei ihrer Hobbydetektivmission mischt sich Miss Tempel unter die im Zug anreisenden Gäste eines geheimen Maskenballs, wird in den Räumen eines großen Adelslandsitzes Zeuge einer beängstigenden Menschendressur-Vorführung, überrascht mehrere Damen beim erotischen Techtelmechtel mit einem Herren, stolpert über die Leiche eines Offiziers, und ehe das erste Kapitel vorbei ist und Miss Tempel in ihr Hotel zurückgekehrt ist, hat sie sich bereits mit den mörderischen Handlangern eines Verschwörunggeflechtes herumzuschlagen.

Die beiden männlichen Helden werden ebenfalls zuerst durch Neugierde und Mißtrauen in den Strudel der Vesrchwörungsmachenschaften gezogen. Im zweiten Kapitel folgt das Buch ›Cardinal Chang‹, tödlicher Meister des Rasiermesserkampfes, der seine durch Narben fernöstlich anmutenden Augen hinter einer runden Sonnenbrille verbirgt und einen roten Ledermantel sowie (tada!) einen Stockdegen trägt (daher der Spitz- und Deckname dieses aus der Arbeiterschicht stammenden freiberuflichen Auftragskillers- und Agenten, der sein Gemüt mit Lyriklektüre beruhigt). Irgendwer hat einen Offizier den Chang meucheln sollte bereits gekillt, und der Ordnung halber will Chang herausfinden wer. Chang klappert unterschiedlich gediegene Bordelle nach Infos ab, erfährt dabei, dass ihm selbst mehrere Parteien bereits auf der Spur sind, und platzt schließlich in den unterirdischen Forschungsräumlichkeiten des (fiktiven) Royal Institute of Science and Exploration mitten hinein in ein bizarres Experiment und das erste von vielen Handgemenge des Romans.

Als dritter im Bunde gerät Dr. Abelard Svenson, der Leibarzt des Macklenburgischen Prinzen, in das Garviationsfeld der finsteren Intrigen der geheimnisvollen Traumfresser-Cabale. Der Prinz, ein allen Genüßen zugewandter charakterschwacher Hallodri, hat sich eigentlich in das Alternativweltengland begeben, um die Tochter eines einflußreichen Lords zu heiraten. Doch der Prinz absentiert sich, bzw. wurde womöglich entführt, und auf der Suche nach ihm merkt der kettenrauchende Dr. Svenson bald, dass etwas faul ist im Staatsgefühe von Macklenburg.

Zum Gehalt: Die zentrale phantastische Besonderheit des Romans ist der mirakulöse Rohstoff Indigo-Lehm, mit dessen Hilfe sich magische Glasbücher und -Karten schaffen lassen. In diesen Glasartefakten können Erinnerungen aufgezeichnet und wieder konsumiert werden (ganz ähnlich wie die Bewußtseins-Technik in SF-Filmen wie »Strange Days« und »Projekt Brainstorm«). Doch zum erweiteren Fundus der Indigo-Lehmalchemie gehören Wundheil- und Unsterblichkeits-Elexire, Mittel und Verfahren, um Frauen in willige Sexmarionetten zu verwandeln, oder um Menschen mittels gesprochener Programmcodes für geheime Missionen abzurichten. — Gewitzt finde ich dabei, dass Dahlquists Roman selbst in indigoblauer Aufmachung daherkommt, sich also augenzwinkend als Eintauch-Spaß und Miterleb-Achterbahnfahrt präsentiert (wenn auch nicht aus Glas). Ganz passend lautet ein zwiespältiger Cover-Spruch der englischen Ausgabe:

»Reading of an adventure is a much more respectable pursuit than having one.«

Oder in Moloübersetung:

»Es ist ein weitaus schicklicheres Unterfangen ein Abenteuer zu lesen, als selbst eines zu erleben.«

Ausser natürlich, man vereitelt, indem man ein Abenteuer besteht, die üblen Pläne von obscuranten Verschwörercliquen.

Wer mehr über »Die Glasbücher der Traumfresser« lesen mag, kann sich durch die kleine Rezirundschau in der Molochronik klicken.

——
»The Glass Books of the Dream Eaters«(2006); Penguin Paperback; 760 Seiten; ca. 10 €; ISBN: 978-0141-03465-2.
»Die Glasbücher der Traumfresseer«; Victorian Edition, Blanvalet 2007; Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen; 896 Seiten; € 24,95; ISBN: 978-3-7645-0278-2

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3 Kommentare

  1. tammy Says:

    Fand den Roman auch nicht schlecht, störte mich aber an zwei Dingen:
    1. die sexistischen Stellen, und
    2. dass Herr Dahlquist den Deutschen an sich
    als tumb und dem Gehorsam unterworfen
    ansieht.

  2. molosovsky Says:

    Auch über kurze Kommentare freu ich mich, tammy.

    Jedoch!
    Angesichts der beiden (harten) Vorwürfe würde ich noch entzückter sein, wenn Du diese Meinung (mit Belegstellen) begründen könntest.

    Zu 1)
    Ein Roman der in einer (quasi-)Viktorianischen Alternativwelt angesiedelt ist, kommt nicht drum herum ›Sexismus‹ anzusprechen, oder, so wie ich das seh, vorzuführen. Ist der Roman also ›wirklich‹ sexistisch, oder spiegelt er vielleicht nicht vielmehr schlicht den damaligen Sexismus der Gesellschaft wider?

    Zu 2)
    Zeichnen wir Deutschen, zumal in der angesprochenen Epoche, uns wirklich durch Freigeistertum aus, oder kommt hierbei durchaus (für einen gehobenen Groschenroman) unser Hang zu Konformität zur Sprache?

  3. Igor Says:

    Ein Roman, der etwas Ausdauer voraussetzt, würd ich sagen. Mir hat er sehr gut gefallen: Die Erzählweise war ansprechend, der Perspektivenwechsel reizend, die Skizzierung der Charaktere gut gelungen. Und ein bisschen Erotik und leicht bekleidete Damen geben dem Ganze einen gewissen Pepp. Der Handlung war gut zu folgen, weniger den Details, als es um die gross angelegte Verschwörung der Traumfresser ging. Hier – muss ich zugeben – ist mir etwas die Puste ausgegangen.

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