Montag, 07.09.2009 | 21:27 Uhr

Autor: Immo Sennewald

Gesammeltes – Gereimtes – beschwingt illustriert

Tierisches - allzu menschlich

Hans-Georg Müller, Jahrgang 1937, aus dem thüringischen Suhl, ist von Hause aus Mathematiker und Physiker, hat aber 2003 – gewissermaßen als spät berufener Philologe – an der Uni Tübingen nach einem Zweitstudium in Allgemeiner und Vergleichender Sprachwissenschaft und Islamkunde über morphologische Probleme des Türkischen promoviert.
In seinem autobiographischen Buch “Der letzte löscht das Licht – Eine Jugend im geteilten Deutschland”, 2007 im Westkreuz-Verlag Berlin/Bonn erschienen, erzählt er über eine Kindheit und Jugend im Nachkrieg in seiner Heimat, über den Kampf gegen den Hunger, über heimliche Grenzgänge, mit denen er seiner Familie überleben half, über das Unrecht das seinem Vater widerfuhr.
Als habe er noch etwas von den versäumten Kinderspielen nachzuholen, reimt und kramt Müller in seinem neuen Büchlein “Tierisches – allzu menschlich” in einem eigenen Sprach-Sammelsurium herum. Fabeln, Gedichte, Geschichten aus dem Orient: all das erhebt keinen Anspruch auf literarische Höhe, ist aber von Jens Thomas Franke so allerliebst illustriert, dass jeder Opa seinem Enkel damit vergnügliche Sprachlektionen erteilen kann.
Auf die Alltagsphilosophie hinter den Versen mag sich einlassen wer will: Auch Kinder können ja durchaus das Widersprechen trainieren.

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2 Kommentare

  1. Hans-Georg Müller Says:

    Um nur ein Gegenbeispiel zu Fabeln, Orient und Enkeln in Immo Sennewalds „Besprechung“ zu bringen, zitiere ich aus meinem Büchlein „Tierisches …“:

    Stasien

    Es war mal ein Land, das hieß Stasien,
    es lag irgendwo in Eurasien,
    bevölkert war es von Bürgern,
    beherrscht wurden diese von Würgern.

    Die drangsalierten das Volk
    Jahrzehnte mit großem Erfolg,
    sie hielten es kurz und in Schach
    und überwachten es zehntausendfach.

    Sie umgaben ihr Land mit ’ner Mauer
    und legten sich dort auf die Lauer.
    Wer riskierte, dem Zwang zu entkommen,
    der wurde aufs Korn gleich genommen.

    Die Stimmung im Volk zu erkunden,
    hat man ein Mittel erfunden:
    das hieß, wie man weiß, „Horch und Guck“
    und lief wie am Schnürchen ruck, zuck.

    Ein jeder wurde bespitzelt.
    Hat man darüber gewitzelt
    und wurde von Horch-Guck ertappt,
    so wurde man schnurstracks geschnappt.

    Drei Jahre Knast war’n die Norm,
    verhielt man sich nicht staatskonform.
    Die einzige Chance war der Freikauf,
    Gebrauch machte man davon zuhauf.

    Das brachte vom Westen Devisen.
    Mit diesen wollte man schließen
    – das war die Absicht des Rates –
    die Löcher im Haushalt des Staates.

    Zwei Klassen gab’s im System,
    das war das große Problem.
    Zum einen die Arbeiter und Bauern,
    die konnte man nur noch bedauern.

    Zum andern die gierigen Bonzen,
    die fielen auf durch ihr Schlonzen,
    sie lebten wie Maden im Speck
    und galten im Volk nur als Dreck.

    Es kam, wie es kommen musste,
    obwohl vorher keiner es wusste,
    es kam zur friedlichen Explosion,
    es war die gelungenste Revolution.

    Das brachte in Stasien die Wende
    das Regime war auf einmal am Ende.
    Ein Volk zu knechten auf Dauer
    ist schwierig, da hilft keine Mauer.

  2. Hans-Georg Müller Says:

    Zur von Immo Sennewald als fragwürdig dargestellten „Alltagsphilosophie“ ein Zitat von Sigmund Freud:
    „Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn ich auf Dinge stoße, die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nämlichen Weise versteht, da ich bloß vorhabe, das Alltägliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwerbungen der Wissenschaft versagt sein sollte.“ (S. Fr.: Zur Psychologie des Alltagslebens, Fischer 68, 1961, S. 136). Und ist es banal, Alltagsphilosophie in Reime einzukleiden? Das haben doch auch Große getan!

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