Samstag, 27.08.2016 | 09:30 Uhr

Autor: rwmoos

Federico Axat: Die Verwandlung des Schmetterlings

Meta-Morphoses

Nicht jeder macht in der Pubertät eine Entwicklung durch, die den Vergleich mit der Metamorphose des Schmetterlings nicht zu scheuen braucht.
Federico Axat schildert eine solche Entwicklung – und es ist nicht die Entwicklung eines Helden – eher die eines Feiglings. Gerade deshalb lesenswert.
Eigentlich jeder der Nebenfiguren des Romans ist irgendwie ein Typ – respektive die feminine Entsprechung eines Typen. Der Freund hat‘s einfach drauf. Die Angebetete ist fast so was wie eine Heldin. Der Antagonist mag ein Scheusal sein, aber er ist zweifelsohne ein Alpha-Tier. Der Pflegemutter kann man trotz oder auch wegen ihrer Strenge einen grundsoliden Respekt nicht verwehren und selbst die dauerstänkernde Schwester hat einen Charakter, den man gern näher kennen lernen möchte.
Einzig und allein der „Held“ der Geschichte schwächelt ständig.
Eigentlich – so mag man meinen – keine gute Ausgangssituation für einen Verkaufsschlager. Und dennoch gelingt Federico Axat mit „Die Verwandlung des Schmetterlings“ ein nahezu schlüsselfertiger Roman, der das Zeug zu einem Bestseller hat.

Eine Waise, die mit zahlreichen Sozial-Geschwistern in einer Pflegefamilie aufwächst, verliebt sich in ein Mädchen aus einer ihm nie erreichbar scheinenden Gesellschaftsschicht und begegnet dabei quasi zufällig dem Grund, der seine allein erziehende Mutter tötete.

Wie dieser Junge schließlich der daraus entstehenden Zerreißprobe begegnet – das wird fast beiläufig abgehandelt und hätte doch jeden Erwachsenen auf der nach oben offenen Skala des Erwachsenenseins noch ein gutes Stück höher katapultiert.

Vor diesem Hintergrund nimmt man auch ein paar technische Merkwürdigkeiten sowie des Plots als auch der Technik im eigentlichen Sinne hin. Was Letztere anlangt: Wie man eine Baumhausplattform ebenerdig zusammenbaut und sie dann erst per Flaschenzug an einem dicht mit Ästen bewachsenen Baum nach oben zieht, möchte sich nur schwer erschließen. Und dass ausgerechnet ein Ford Pinto im Jahr 1974 verunfallt, ohne in Brand zu geraten, ließt sich für den Auto-Experten wie eine Absolution auf jenes Gefährt und seine Hersteller. War es doch gerade der Pinto, der ob des in ihm experimentell eingebauten ungenügend versteiften Plastiktanks, bei jedem noch so kleinen Unfall gleich als „Pinto-Fackel“ sein Innenleben inklusive und exklusiv auslöschte. Die Hersteller wussten seinerzeit um das Problem, schätzten aber die Kosten für eine Abhilfe geringer ein als die evtl. aufziehenden Prozesskosten. Das juristische Establishment gab ihnen in der Folge Recht. Dass hier im Buch nun statt der Frage nach Produktionsethik in schmetterlingshaftem Schillern eher die dort übliche Frage nach Ehe-Ethik gestellt wird, mag dem amerikanischen Markt entgegenkommen. Gedankliche Lücken füllen dann Aliens oder Alkohol oder beides. Doch auch in den Staaten gab es mutigere und trotzdem erfolgreiche Bücher.

Ansonsten ist dieser sehr gut geschriebene Roman durchaus mehr als sein Geld wert. Lediglich den Schluss möchte man sich straffer gefasst wünschen – da plätschern noch viertelstundenlang diverse Belanglosigkeiten nach, so als ob jemand den Hahn nicht ordentlich zugedreht hätte.

Ein geratenes Buch allemal. Aber auch ein wichtiges Buch?
Nun, das kann ich so leider nicht sagen. Es fehlt jene Katharsis, die einem richtig guten Werk eignet, jene Mitnahme in eine Reinigung, wie sie der Metamorphose immanent ist. Die entsprechenden Passagen werden durch Zeitsprünge inklusive nichtssagender Rückblenden gefüllt.
Schade. Autor und Plot hätten das Zeug zu noch mehr gehabt.

Reinhard W. Moosdorf
Juli 2016

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