Freitag, 23.02.2007 | 10:55 Uhr

Autor: Serendipity

Einsamer Mensch auf dem Berg der Seele

gao-einsamermensch.jpg„Du schriebst einen Satz: Sprache ist ein Wunder, das den Menschen ermöglicht, sich zu verständigen, und doch können sich die Menschen oft einander nicht verständlich machen.“
Gao Xingjian, Das Buch eines einsamen Menschen

‚Der Berg der Seele’ hatte mich diesen Sommer durch den Norden und Westen Chinas begleitet. Als ich vor dem Kloster die Sonne aufgehen sah, glaubte ich die Schattierungen jener chinesischen Bergekette zu verstehen, die man auf der Suche nach ‚Lingshan’ durchschreiten muss. Wenige Stunden später, auf dem Gipfel des Emei Shan wurde mir bewusst, dass nichts dergleichen möglich war. Vor mir erstreckten sich Täler, deren Tiefen ich nie ergründen und Ebenen, die ich mein ganzes Leben nicht durchschreiten würde können. Hinter mir bäumten sich die vergoldeten Statuen des Tempels in den Himmel und wurden von kleinen Gruppen alter Frauen umschritten. Sie sangen leise, hatten die Hände vor der Brust gefaltet und umzirkelten die riesige von Elefanten getragene Lotusblüte im Gänsemarsch. Vor ein paar Jahren wäre ihnen jener Gang verwehrt worden. Vor ein paar Jahren wäre dieser Tempel eine Ruine gewesen. gao-bergseele.jpg
Auch das ‚Buch des einsamen Menschen’ ist ein teilweise autobiographisches Werk. Er sucht nicht nach ‚Lingshan’, nach einem Versteck, nach Heimat, all das hat er weit hinter sich gelassen. Er ist Gao Xingjian, aber auch ich und du und jeder, dem es verwehrt ist seinen Gedanken auszusprechen. Er ist nicht mehr auf der Flucht. Nun sucht er zu erklären, für sich selbst und jeden der es lesen möchte, was damals passiert ist, wer er war und geworden ist. Er versucht sich an jene zu erinnern, die ihn begleitet haben auf dem Weg in die Einsamkeit. Die ihn verraten haben, geschützt haben und seine Lust gestillt haben. Auch wenn das Buch fröhlich endet, kann ich nicht umhin eine tiefe Traurigkeit zu empfinden. Diese Kulturrevolution, dieses Projekt eines Mao Zedongs, diese fehlgelaufene Utopie, wie viele Seelen hat sie gekostet und wann werden die Wunden jener Zeit verheilen?
Auf meiner Reise durch China sind diese Wunden größtenteils verborgen geblieben. Wir fuhren an Kohlebergwerken vorbei und sahen die wenigen Menschen, die noch blaue Arbeiteranzüge trugen. Vor den Kombinatsgebäuden flattern weiterhin kleine, rote Flaggen. Aber die Parolen des Fernsehens lauten anders, die heiligen Berge sind mit Seilbahnen überzogen und verlangen Eintritt. Niemand spricht über die Vergangenheit, alles hofft auf die Zukunft.

„Die Leute in der Menge drängelten, stießen sich voll Freude und Begeisterung an und formierten sich zu einer langen Reihe, während sich laut Parolen riefen.
„Wo sind denn die guten Zeiten?“ Während er das fragte, folgte er ihnen unwillkürlich.
„Die guten Zeiten sind da vorne! Sage ich da vorne, meine ich da vorne! Sage ich da vorne, dann sind sie auch da vorn!““

Gao Xingjian, Das Buch eines einsamen Menschen

Gao Xingjian wurde 1940 in China geboren und lebt heute in Paris. Im Jahr 2000 wurde ihm der Literatur Nobelpreis zugesprochen.

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2 Kommentare

  1. Jochen Heller Says:

    Ach, das ist schön mal wieder etwas von dem Mann zu lesen, bei dem sogar die Schreibweise nie so richtig klar war.

    2003 der Coetzee, da gab es ja auch mindestens drei verschiedene Ausspracheversionen. (Wir haben uns dann auf „Kutzie“ geeinigt.)

    Mit Gao verbindet mich ein persönliches Ding. Damals, als er den Nobelpreis erhielt, wusste der Brockmeyer-Verlag in Bochum nicht einmal, dass er das Werk im Programm hatte. Ein Drama. Das erfuhr er dann durch die eingehenden Bestellungen.

    Meine Chefin kam zu mir, damals Azubi, und sagte: „Herr Heller, gehen sie direkt zum Verlag (er war nicht weit von uns entfernt) und kaufen sie alle Exemplare, die die haben. Lassen Sie sich nicht abwimmeln.“

    Die stellvertretende Chefin und ich, wir machten uns direkt auf den Weg, mit Bargeld in der Tasche und einem Rollwagen aber konnten doch nicht die gesamte Auflage abstauben. Wir bestanden dann auch nicht weiter drauf. Dabei wäre ich mir auch zu schäbig vorgekommen. Aber wir kauften einen Großteil und ich verteilte sie dann auf die anderen Filialen in NRW. (Also der Schlüssel wurde mir vorgegeben, ich machte sie nur versandfertig.)

    Dann kam ein Kollege dazu und meinte: „Ha! Da ist er ja. Warte, ich muss mal gerade was suchen.“ Er blätterte durch, fand die Stelle und zeigte sie mir.

    Sie ging in etwa so:

    „Sieh dort! Ein Spalt.
    Ein Spalt? Wo?
    Dort! Ein Spalt.
    Wo, ein Spalt?
    Dort, ein Spalt.
    Hier?“

    Wir hatten unsere Freude dran. Deswegen jetzt einmal neugierig gemacht zu werden, etwas anderes von ihm zu lesen, das ist sehr schön.

  2. Bärbel Says:

    ich finde es schön, wenn jemand die Dinge der Natur schätzen kann und sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen kann.
    Danke.

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