Dienstag, 26.10.2010 | 11:49 Uhr

Autor: Christiane Geldmacher

Eins zu null für die Niedrigintellektuelle

Agatha Christie konnte einen rasend machen. Ihre Männer, ihre Tochter, ihre Assistenten, Agenten, Verlage, Regisseure, Steuerbehörden: Alle. Sie war ein unabhängiger, umtriebiger Geist, weitgereist, Kosmopolitin, eine toughe Frau, eine zähe Verhandlerin. Solche Leute machen einen oft rasend. Sie sind bereichernd und unterhaltsam, aber auch anstrengend. Wir können uns diese >>>Dame Agatha Christie ein bisschen wie eine Mischung aus >>>Hercule Poirot und >>>Miss Marple vorstellen…

Geboren wurde sie am 15. September 1890 in Torquay; gestorben ist sie am 12. Januar 1976 in Wallingford. Sie war und ist die berühmteste und umsatzträchtigste englische Krimiautorin; ihr Output: 73 Krimis, 19 Theaterstücke und über 100 Kurzgeschichten. Und Biografien sind natürlich immer spannend zu lesen. Ein Leben wird auf seine Höhepunkte reduziert: auf die Triumphe (der durchschlagende Erfolg, das Leben in Saus und Braus, die archäologischen Ausgrabungen im Irak etc.) und auf die Niederlagen (die Trennung von Mann Nummer 1, das lebenslang komplizierte Verhältnis zur Tochter, das üble Verhältnis zu den Kritikern) .

Das >>>Plus der Biografie von Laura Thompson ist es, das sie Agatha Christie in all ihren Facetten zeigt. Die launische und launige Agatha, die konservative (sie war gegen den Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Gemeinschaft) und die subversive Agatha (ihr Held war ein Belgier). Das Minus der Biografie sind die nervigen Bemerkungen über Christies angebliche Unansehnlichkeit im Alter („Sie verlor auch die letzte Spur von Schönheit, die sie bis Anfang 50 noch besessen hatte…“ – wovon a) keine Rede sein kann und b) we couldn´t care less) und unverständliche Plattitüden wie z.B. dass Männer „immer zu einem Flirt fähig sind“, insbesondere, wenn sie 15 Jahre jünger sind (wie Agathas Ehemann Nummer 2 Max Mallowan) und zu lange allein gelassen werden.

(Jo. Von Frauen soll man schon Ähnliches gehört haben).

Und dann ist da noch diese reißerisch aufgebauschte Sache mit ihrem Verschwinden. Nach der schmerzvollen Trennung von Archie Christie tauchte Agatha 10 Tage lang ab und fuhr nach Harrogate. Prima. Ganz England suchte sie zu dieser Zeit, sie schaffte es auf die Titelseiten der Presse damit. Mrs. Christie´s dramatic dash to seclusion! These 1 lautete auf „Selbstmord“,  These 2 natürlich  „Mord“. Alles Agatha-Christie-affin. Der verwirrte Ehemann Archie Christie sah sich unangenehmen Zeugenbefragungen durch die Polizei ausgesetzt – bis es ihm gelang, seine Frau in einem Hotel aufzuspüren.

Das ist natürlich lustig zu lesen, richtig krimimäßig, aber muss es deswegen auf satten 80 Seiten ausgebreitet werden? Und auch die umfangreichen Zitate aus ihren Büchern sind deutlich zu lang – und ihre Interpretation viel zu spekulativ.

Fazit: Ist was für Agatha-Christie-, England- und Biografiefans. 1956 wurde Christie übrigens nach allerlei Hickhack mit den Kritikern der Orden of Commander of the British Empire verliehen. Sie kommentierte ihn mit den Worten “Eins zu null für die Niedrigintellektuellen.”

Laura Thompson: Agatha Christie, Das faszinierende Leben der großen Kriminalschriftstellerin, Biografie, Deutsch von >>>Tatjana Kruse, Frankfurt am Main, Scherz Verlag 2010, 24,95 €

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2 Kommentare

  1. bayrak Says:

    Vielen Dank für den Austausch

  2. Christiane (Übersetzerin) Says:

    Danke für diesen Blick über den Buchrand hinaus…

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