Montag, 12.11.2007 | 08:34 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Edward St Aubyn: Schlechte Neuigkeiten

Edward St Aubyn: »Schlechte Neuigkeiten«Das Leben ist schrecklich. Das gilt zumindest für Patrick Melrose, den Helden der Melrose-Trilogie von Edward St. Aubyn, deren zweiter Teil „Schlechte Neuigkeiten“ jetzt auch auf Deutsch vorliegt.

Im ersten Teil „Schöne Verhältnisse“ wurde der achtjährige Patrick von seinem sadistischen Vater gedemütigt, geschlagen und sogar vergewaltigt. Mittlerweile ist Patrick ein junger Mann von 22 Jahren und schwerst drogenabhängig.

Als er erfährt, dass sein Vater gestorben ist, macht sich Patrick auf den Weg nach New York, um die Leiche zu überführen. Er empfindet dabei keineswegs Trauer – im Gegenteil, als er die Leiche sieht, heißt es: „Er [Patrick] verspürte dabei ein unbändiges Verlangen, die Lippe seines Vaters mit beiden Händen zu packen und sie, entlang der Wunde, die die Zähne schon hinterlassen hatten, wie ein Blatt Papier zu zerreißen.“ Und später, als er mit der Schachtel unterwegs ist, in der sich die Asche befindet: „Als er die Einundsechzigste Straße erreichte, wurde Patrick klar, dass er das erste Mal in seinem leben länger als zehn Minuten mit seinem Vater allein war, ohne vergewaltigt, geschlagen oder beleidigt worden zu sein.“

In den zwei Tagen, deren Ereignisse das Buch erzählt, gibt Patrick tausende von Dollar aus und gleitet von einem Drogentrip in den nächsten. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er in den Kabinen öffentlicher Toiletten, um seine kaputten Venen mit dem nächsten Schuss zu malträtieren.

Wer beim Bücher lesen irgendeine Art von Hoffnungsschimmer erwartet, der sollte die Finger von der Melrose-Trilogie lassen, wer jedoch auf brillant formulierte Sätze oder beißende Gesellschaftskritik (in diesem Fall an stinkreichen englischen Snobs) steht, für den sind die Bücher von Edward St. Aubyn genau das Richtige. Der 1960 geborene Autor hat einmal auf die Frage, was von dem, worüber er schreibt, er selbst erlebt habe, geantwortet: „Alles“. Somit dürfte die Melrose-Trilogie auch eine Art Selbsttherapie für den Autor sein.

„Schlechte Neuigkeiten“ erschien im Original bereits 1992 unter dem Titel „Bad News“. Wie schon in Band 1 beinhaltet das Buch das genaue Gegenteil der Titelaussage. In „Schöne Verhältnisse“ sind die Verhältnisse alles andere als schön, während in „Schlechte Neuigkeiten“ die Neuigkeiten vom Tod seines über alles gehassten Vaters für Patrick so schlecht nicht sind.

Edward St. Aubyn: Schlechte Neuigkeiten.
Dumont, August 2007.
223 Seiten, Hardcover, 17,90 Euro.

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