Montag, 01.11.2010 | 12:45 Uhr

Autor: JosefBordat

Die Kunst des Lassens

Die gesammelten Lehrbriefe von Zen-Meister Seung Sahn erscheinen in deutscher Sprache

Zen-Meditation erfreut sich großer Beliebtheit. Zen kommt aus dem Buddhismus, doch unabhängig von der Religionszugehörigkeit „sitzen“ Menschen in Klöstern, Pfarrzentren und Volkshochschulen Zen-Praxen, Meditationseinheiten, in denen schweigend geistige Klarheit und innere Ruhe erlangt werden soll, wobei „erlangt“ bereits zu intentionalistisch ist: Klarheit und Ruhe stellen sich ein. Zen hat damit Berührungspunkte zur Kontemplationsmystik christlicher Provenienz, aber auch zur Philosophie Meister Eckharts und zu dessen zentralem Gedanken der Gelassenheit: Wer „lässt“, hat mehr vom Leben.

Nun erscheinen erstmals die Lehrbriefe von Zen-Meister Seung Sahn in deutscher Sprache, ein Publikationsprojekt mit vielen Beteiligten, allen voran Michael Wilz, der den Text aus dem Englischen übersetzte. Der Titel birgt bereits die ganze Provokation des Zen für den okzidentalen Geist, der durch Descartes Cogito, ergo sum geprägt und dem Wissenschaft alles ist: Nur Weiß-Nicht.

Lehrbriefe – das verbinden wir gewöhnlich mit klugen Tipps und nützlichen Ratschlägen. Hier begegnet uns also die Weisheit des Nichtwissens, die in ihrer Radikalität den modernen Menschen herausfordert, wie Meister Eckhart die mittelalterliche Gesellschaft herausgefordert haben mag, wenn er dazu aufrief, nichts zu haben, nichts zu wollen und nichts zu wissen.

Die Lehrbriefe (Schreiben an Schülerinnen und Schüler, die sich mit bestimmten Fragestellungen tragen), größtenteils Ende der 1970er Jahre verfasst, enthalten ähnliche Botschaften, die im „Weiß-nicht“ kulminieren. „Weiß-nicht“ ist Nichtwissen, doch keinesfalls Ignoranz, sondern meint das Zurückstellen aller Inhalte, die den Geist okkupieren könnten, damit dieser frei wird für das Wesentliche: das Leben im Augenblick. Das ist einsichtig: Die eigene Situation kann besser fassen, wer ihre konkrete Ausprägung überwindet bzw. zurücklässt. Auseinandersetzungen leben wesentlich von der raumzeitlichen Distanz. So auch im Wege des Zen, bloß dass hier die Distanz im Geiste aufgebaut wird und damit den Vorteil hat, im Hier und Jetzt zu wirken, nach dem Motto: Gelassenheit bedeutet, bereits im Augenblick des Geschehens die Distanz zu haben, die sonst die Zeit bringt.

Interessant: Seung Sahns Haltung zum Christentum. Zwar begegnet uns der Ratschlag Seung Sahns, jeglichen akzidentiellen Gottesbildern abzuschwören (sie zu „töten“, wie er sagt), auch in der mystischen Literatur (eben bei Eckhart: „Gott um Gottes Willen lassen“, seine Schüler Seuse und Tauler lehnen diese Radikalität ab, die dann erst wieder in der atheisierenden Mystik des 20. Jahrhunderts, etwa bei Sölle, auftritt), doch geht der Zen-Meister noch einen Schritt weiter, indem er auch den substantiellen Gottesbegriff aufzugeben empfiehlt, um zum „wahren Gott“ zu gelangen.

Damit tut sich ein Gläubiger, der einer Religion angehört, die Offenbarung (Bibel), Lehrtradition (Theologie) und weltliche Institution (Kirche) kennt, ohne Zweifel schwer. Er wird den „wahren Gott“ nicht nur im negativen Modus auffassen und distanziert betrachten, sondern feiern und verehren wollen. Er ahnt, dass Gott größer ist, als er glaubt, doch zugleich glaubt er, seinen Gott im Kleinen zu erkennen, denn das ist das Wesen der liebenden, barmherzigen und sich den Menschen – geheimnisvoll, aber doch konkret – zusprechenden Person des Dreieinigen. Er vertraut auf Jesus Christus („wahrer Gott vom wahren Gott“, sic!) als Überwinder der Distanz, die im Judentum und dann auch wieder im Islam den Weg des Menschen zu Gott unbegehbar macht. Diesen Weg will Zen (wie das Christentum) freilegen (bei – wie gesagt – doch noch etwas anderem Gotteskonzept). Hier zeigt sich deutlich die Verflechtung des Zen mit dem Buddhismus und damit eine ontologische Differenz in der Metaphysik von Christentum und Zen: Gott ist Sein, nicht Nichts. Die Frage, die sich hier aufdrängt, lautet: Ist es möglich, die Form zu praktizieren (Zen-Meditation), ohne jegliche inhaltliche Vorgaben mitzunehmen (Buddhismus), die der eigenen Religiosität (etwa der des Benediktiners) im Weg stehen? In den Höhen des vollendeten Lassens sicher (da ist die Trennung von Inhalt und Form ja geradezu konstitutiv!), doch in der Praxis des Zen-Alltags? Andererseits: Wie soll Lassen (der buddhistischen Inhalte) gehen, wenn es nicht eingeübt wird? Übung macht den Meister. Und irgendwo muss man ja anfangen. Weiß nicht.

Das Buch Nur Weiß-Nicht ist in seiner deutschen Fassung eine gelungene Einführung in die Lehre des „unnachahmlichen koreanischen Zen-Meisters Seung Sahn“. Die Texte helfen sicherlich auch dem interessierten Laien bei einer ersten Annäherung an Zen. Die präsentierten Briefwechsel sind leichter zugänglich als Lehrvorträge und gefallen durch ihre verständliche und unterhaltsame Sprachgebung. Das Buch gefällt auch formal. Zur besseren Orientierung sind die Lehrbriefe thematische gegliedert. Ferner verfügt die deutsche Ausgabe – dank der Arbeit des Übersetzers Michael Wilz – über einen nützlichen Anhang (Glossar, Stichwortverzeichnis), der denen weiterhelfen dürfte, die im Zen (noch) nicht so sehr zu Hause sind.

Bibliographische Daten:

Kwan Um Zen Schule Deutschland (Hg.): Nur Weiß-Nicht. Die gesammelten Lehrbriefe von Zen-Meister Seung Sahn. Mit einem Vorwort von Arne Schaefer. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Wilz.
Gießen: Johannes Herrmann Verlag (2010)
225 Seiten, € 16,00
ISBN: 978-3-937983-25-7

Josef Bordat

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Ein Kommentar

  1. Michael Says:

    Das ist mal eine andere Betrachtungsweise, um durchs Leben zu gehen!

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