Donnerstag, 28.09.2006 | 11:41 Uhr

Autor: andreaffm

Die ersten fünfzehn Jahre

Frankfurt ist ja vor allem einmal ein Dorf. Wenn diese Theorie mit den Six Degrees of Separation stimmen sollte, dann stimmt sie für Frankfurt schonmal nicht, hier sind das höchstens drei. Es ist zum Beispiel unmöglich, nicht jemanden zu kennen, der jemanden kennt, der einem Buchmessekarten besorgen kann.

Beim ersten Mal war ich sechzehn oder siebzehn und traf in der Oberstufe eine Kindergartenfreundin, die ich aus den Augen verloren, im Konfirmationsunterricht wiedergefunden, dann nochmal aus den Augen verloren hatte: Nun saßen wir zusammen in einer Klasse, sie war Teil einer verschworenen Mädelsclique, die sich bereits in der Mittelstufe formiert hatte, und ich kannte außer ihr eigentlich niemanden. Dafür kannte ich sie schon sehr lange, deshalb wurde ich gefragt, ob ich mit auf die Buchmesse wollte.

Das mit der Buchmesse hatte nämlich mit dem ehemaligen Klassenlehrer der Mädelsclique zu tun, der mit einer Kinderbuchverlegerin verheiratet war und seine Schüler und Ex-Schüler in bester pädagogischer Absicht regelmäßig auf die Messe schleuste.

Was ich von der Messe wahrnahm, das waren vor allem: Comics (damals noch etwas verschämt in den Ecken), obskure Kleinverlage mit esoterischem Anstrich, Kunstbuch- und Posterstände, kostenlos herumliegendes Zeugs und natürlich der Ramschmontag, an dem man mit seinem bestem Leistungskursenglisch auf genervte amerikanische Verleger einreden konnte, bis die einem für 1 Appel & 1 Ei das Objekt der jugendlichen Begierde überließen. Kurz: Wir waren furchtbar, furchtbar laut und furchtbar nervig und standen allen im Weg herum und waren genau so, wie alle Jugendlichen auch heute noch an Publikumstagen sind (nur ohne Manga-Kostüm), weshalb ich diese Tage meide. Ich weiß wovon ich rede, ich würde mich auch meiden, begegnete ich zufällig meinem früheren Ich vor dem DC-Stand, denn dort wurden am Montag ab elf oder zwölf die Bestände verschenkt, jeder aber nur eins, und ordentlich anstehen, bitte.

Seitdem gehe ich jedes Jahr auf die Buchmesse. Irgendjemand schreibt einem immer einen Wisch: Frau Diener ist Mitarbeiterin des Verlages XY, gezeichnet Mustermann. Mehr braucht man nicht, schon kann man eine Fachbesucherkarte erwerben und findet angenehm leere Gänge vor anstelle der bekannten und verhaßten Wallanlagen aus ZVAB-Tüten. Inzwischen haben sich auch meine Interessen verlagert, mich interessieren vor allem die deutschsprachigen Literaturverlage, und ich muß auch nicht mehr alles mitnehmen, was umsonst und nicht angekettet ist.

Die Buchmesse ist mittlerweile eine Art Treffpunkt geworden, ein Ort, an dem sich einmal im Jahr alle Bibliophilen über den Weg laufen, und angenehmerweise auch noch in der Stadt, in der ich wohne. Dann hat sich auch immer irgendwer auf dem Sofa einquartiert, Hotelzimmer kann man ja niemandem antun, dann sind abends die Verlagsparties mit ihrer undurchschaubaren Einladungspolitik, Lesungen bis zum Abwinken, dann tun die Füße weh und morgens ist schon wieder alles zu früh, aber die Messe fängt eben auch ohne einen an.

Dieses Jahr begehe ich meine 15. Buchmesse in Folge. Das hat der Ex-Lehrer meiner Kindergartenfreundin nicht ahnen können, ich auch nicht, aber ein Jahr ohne Buchmessebesuch? Kommt nicht infrage. Die Messe ist schlimm und schön und schön groß und zu groß und alles gleichzeitig und natürlich furchtbar anstrengend, aber ohne Buchmesse fehlt was. Mir zumindest.

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