Sonntag, 22.07.2007 | 11:39 Uhr

Autor: andreaffm

die eitelkeiten der anderen

Über den Traueranzeigen für verblichene Bankdirektoren, Freifrauen und Träger des Eisernen Kreuzes siedelt seit je das FAZ-Feuilleton. Es ist ja wie ein Friedhof. Mit seinen Kernkompetenzen – Vergreisung, Sterbehilfe, Denkmalschutz – schafft es tagaus tagein ein angemessenes redaktionelles Umfeld. So schreibt Thierry Chervel im Perlentaucher in der Rubrik „In eigener Sache“. Abgesehen davon, daß ich sehr gelacht habe: Was ist denn da los?

Über den Streit zwischen FAZ und Perlentaucher bezüglich der Weitergabe von zusammengefaßten Buchrezensionen an Dritte habe ich hier und hier schon berichtet. Der letzte Stand der Dinge: Das Frankfurter Landgericht hat die Klage in erster Instanz abgewiesen, die Kläger sind in Berufung gegangen, am 9. Oktober wird vor dem Oberlandesgericht weitergestritten.

Unterdessen wird Freestyle-Schlammcatchen betrieben, wobei die FAZ, wie man es dreht und wendet, keine gute Figur macht. Der selbsternannte Hort des Qualitätsjournalismus entblödet sich nicht, eine vermeintlich objektive Homestory zu verfassen, in der es aber vor tendenziösen Seitentritten nur so wimmelt. Zumal das Verfahren, in das FAZ und Perlentaucher gerade verwickelt sind, in keiner Zeile erwähnt wird.

Qualitäts-Printjournalist Olaf Sundermeyer schreckt in diesem Paradebeispiel offensiver Meinungsmache vor wirklich gar keinem abgedroschenen Klischee zurück. Der Perlentaucherchef, Thierry Chervel, wird als quasi gespaltene Persönlichkeit präsentiert, der Einstieg macht das gleich deutlich:

Unter den etwas schütteren Locken von Thierry Chervel steckt ein Kopf, der zweierlei kann: einerseits ein sympathisch zerstreuter Feuilletonist sein, dem Marcel Proust eine Angelegenheit des Herzens ist, andererseits ein kundiger Geschäftsmann, dem immer wieder neue Kniffe einfallen, mit ein und demselben Gut Geld zu verdienen: mit den aufgeschriebenen Gedanken anderer Leute.

Das mit den Gedanken anderer Leute zieht ich leitmotivisch durch den Artikel: Thierry Chervel, ehemaliger Kulturautor der „taz“ und der „Süddeutschen Zeitung“, der schon lange nicht mehr von der eigenen schöpferischen Leistung im kulturellen Sinne lebt, „scanne“ das Feuilleton mit einem virtuellen Schleppnetz, dessen Beute der Perlentaucher anschließend nach Verwertbarkeit sortiert. Überhaupt ist der Perlentaucher schwer akulturell, denn er resümiert Rezensionen von Büchern, die man selbst gar nicht gelesen hat. (Ob der Kulturredakteur der FAZ wohl alle Bücher liest, deren Rezensionen er redigiert?)

Es ist schon bemerkenswert, welchen Gegensatz Sundermeyer hier zu etablieren versucht: Auf der einen Seite die schöpferischen Printjournalisten, die ihre wertvollen kulturellen Geistesschöpfungen in fein ziselierte Artikel gießen, auf der andere Seite der parasitäre Freibeuter, der, abgefallen vom wahren Glauben des Feuilletons und korrumpiert von der klingenden Münze, nurmehr Fremdgedanken zwecks eigener Bereicherung abgrast und als Kritiker der Kritiker stets das letzte Wort hat. Was die Kritiker natürlich wurmt. Weshalb die FAZ bestrebt ist, den Kritikerkritikern wo es nur geht Schlampigkeit, Oberflächlichkeit und Ermüdungserscheinungen nachzusagen. Die Leser der FAZ hingegen sind wenig angetan von dieser tendenziösen Berichterstattung, wie man den Kommentaren unter der Online-Version entnehmen kann.

Eine Gegendarstellung von Perlentaucherin Anja Seeliger findet sich auf den Seiten des Perlentauchers. Und blöderweise beweist ihre genüßliche Demontage des qualitätsjournalistischen Machwerkes, dessen Verfasser nicht mal zwei Wörter auf einer Fußmatte korrekt wiedergeben kann, daß es machmal die parasitären Zweitverwerter ohne schöpferischen Leistungswillen im kulturellen Sinne sind, die dann doch die besseren Artikel schreiben können.

In der taz findet Ulrich Gutmair den Vorwurf der FAZ etwas schlapp, denn es sei harte Arbeit, die Gedanken anderer zusammenzufassen. Andererseits fühle der Perlentaucher sich ohnehin verfolgt, weil die FAZ an denen von der Bundeskulturstiftung geförderten englischsprachigen Projekten Eurotopics und Sign and Sight kaum ein gutes Haar gelassen hat.

Einer der schärfsten Sign and Sight-Kritiker ist übrigens Jürgen Kaube von der FAZ, und er schreibt bereits 2005 in einem Artikel, der obligaterweise mit demselben Perlentaucher-Bild geschmückt ist wie der Sundermeyer-Artikel von 2007, nur mit einem anderen Sinnsprüchlein darunter: Thierry Chervel, der eine Website betreibt, auf der deutsche Feuilletons oder jedenfalls die Unterzeilen ihrer Artikel ziemlich unzulänglich zusammengefaßt werden, hat sich seine Subvention besorgt. Jürgen Kaube ist auch fast gar nicht neidisch, daß andere Leute Geld bekommen und er nicht, und so malt er sich eine kleine dramatische Szene aus, wie Herr Chervel Subventionsbesorgungen bei der damals noch Kulturstaatsministerin macht.

Auch Perlentaucher-Chef Thierry Chervel nimmt in der FR Stellung. Damit es immer hübsch transparent zugeht (man ist ja nicht die FAZ), gibt es einen kleinen grauen Beistellkasten, in dem steht: Thierry Chervel, der Autor der hier abgedruckten Polemik, ist Gründer des Internet-Unternehmens, das zu seiner Verteidigung kein Printmedium zu Verfügung hat. Und es mag das Gerechtigkeitsgefühl der FR-Redaktion vielleicht auch etwas befeuert haben, dass Ressortchef Arno Widmann zu den Mitarbeitern des Perlentauchers zählt. Guck, FAZ: so macht man das als seriöses journalistisches Medium, zu denen die FR ja zählt.

Auf den Seiten des Perlentaucher äußert Chervel sich etwas detaillierter (und ätzender) und kommt zu dem Schluß: Zumindest zur Information der FAZ-Leser ist der Perlentaucher dringend erforderlich! Er läßt noch einmal die schönsten Feuilletonskandale der letzten Jahre Revue passieren (Walser-Affäre, Spiralblock-Affäre, Harpprecht-Affäre – ich war in Halle dabei! Krieg ich ein T-Shirt?) und stellt fest: Wenn’s drauf ankommt, dann nutzen der Feuilleton-Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, und der innere Zirkel der ihm Ergebenen ihre Zeitung als Waffe zur Durchsetzung eigener Zwecke. Hier geht Chervel allerdings über die Perlentaucher-Affäre hinaus, die reiht sich nur ein in den Reigen der Schirrmacherschen Scharmützel.

Manche würden das „meinungsstark“ nennen, für mich handelt es sich eher um einen Beleg für die Kampagnenfreudigkeit einer etablierten Tageszeitung gegen einen unliebsamen Konkurrenten. Dabei ist es mehr als bezeichnend für die Hybris von einigen Journalisten, dass sie es nicht für nötig halten, ihre Leser transparent und vollständig von der eigenen Involviertheit in dieser Angelegenheit in Kenntnis zu setzen schreibt Alexander Koenitz vom Kommunikationswissenschaftler-Blog Publizistik in Berlin.

Dazu kommt dann noch die unschöne Auschwitz-Affäre. Ein FAZ-Artikel von Jürgen Kaube (ja, genau, der fast gar nicht neidische Eurotopics-Kritiker) mit dem Titel „Deutschsein als Dilemma“ wurde vom Perlentaucher sinnentstellend zusammengefaßt mit dem Fazit, der Autor verlange eine Reduktion der Schulstunden über Auschwitz. Daß das so nicht stimmt, das sagt Kaube, das sagt auch das Gericht, und der Perlentaucher geht auch nicht in Berufung, sondern erkennt das Urteil an. Dennoch konstatiert Chervel, ein solches Urteil setzt der Interpretation und Debatte eines Meinungsartikels … einen extrem engen Rahmen. […] Sie machen das Spiel der Meinungen für jeden Blogger zur Millimeterarbeit. Blogger beziehen sich schließlich häufig auf die traditionellen Medien und kritisieren sie auch.

Blogger (also ich jetzt) kratzen sich vor allem am Kopf, mit welchen Nichtigkeiten, Affärchen, Eitelkeiten sich Qualitätsfeuilletonisten ihr Zeilenhonorar verdienen dürfen. Der „Perlentaucher“ hat erkennbare Vorlieben und Antipathien, er bedient die Eitelkeit von Autoren und Rezensenten schreibt Sundermeyer. Aber natürlich sind das immer nur die Eitelkeiten der anderen.

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5 Kommentare

  1. Oliver Gassner Says:

    Hey, super Übersicht für Leute, die sich da nicht so entlangehangelt haben 😉 danke 😉

  2. Serendipity Says:

    Andrea, auch von mir ein Danke!

  3. Andreas Says:

    Herzlichen Dank auch von meiner Seite. Der Beitrag wirft wieder zwei essentielle Fragen auf. Dazu kurz ausgeholt:

    Ich mag die Perlentaucher. Eine wunderbare Seite, mit viel Aufwand betrieben. Als (ehemaliger) Werbetexter habe ich mich natürlich immer gefragt, wie die Refinanzierung vor sich geht. Werbung: Völlig okay. Ein adäquates Mittel. Gleichzeitig aber kulturelle Fördergelder zu beanspruchen, hinterlässt einen faden Beigeschmack – und macht angreifbar.

    Was die FAZ anbetrifft: Ich habe zu wenig Zeit, sie zu lesen. Die interessanten Bereiche grasen die Perlentaucher ab 🙂 Nein, ernsthaft: In vielen Bereichen bietet die FAZ sicherlich den so oft zitierten Qualitätsjournalismus. In manchen Belangen nutzen jedoch Journalisten das Printmedium, um ihre eigenen (verletzten) Eitelkeiten zu reparieren.

    Schlussfolgerung: Die perfekte Subjektivität gibt es nicht.

  4. andreaffm Says:

    Halt, halt! Die kulturellen Fördergelder gibt es zweckgebunden für die englischsprachige Ausgabe Sign & Sight, der deutsche Perlentaucher trägt sich vor allem durch die Werbung.

  5. vicious sid Says:

    Wo trifft man nur Bauern im Maßanzug an,
    gelackt und gegelt vom Kopf bis zum Schritt?
    Wo gilt schon, wer fehlerfrei „Puff“ schreiben kann,
    als intellektueller Kosmopolit?
    Die Backen gebläht und der Geist eher klein,
    so lebt es sich trefflich in Packfurt am Main.

    Von wo kommt auf uns alle Tage
    der Schwätz- und Blender Rat und Heil,
    der Bildungssspießer Wichsvorlage,
    ein Anzeigenblatt mit Nachrichtenteil?
    Heisst dieses Werk auch „allgemein“,
    kann es doch nur aus Packfurt sein!

    Wo scheint ohne Herz und auch Rückgrat zu sein,
    was mürrisch aus miefigen Hausfluren quillt?
    Wo fall’n pubertierende Dorfdeppen ein,
    wenn ihnen das Gemächt anschwillt?
    Es muss Dummlands einziger Freilichtpuff sein,
    und der heißt bekanntlich Packfurt am Main.

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