Freitag, 17.11.2006 | 17:18 Uhr

Autor: Serendipity

Der Tod des Lektors

Francis Bartels ist 96 Jahre alt. Und bevor er stirbt, möchte er gerne seine Memoiren veröffentlichen. Francis Bartels ist nicht irgendwer. Francis Bartels hat als Schwarzer Hitlerdeutschland erlebt und Kofi Annan als Schüler gehabt.
Und weil Francis Bartels 96 Jahre alt ist und keine zwei Jahre auf Verlagsangebote, Manuskriptbesprechungen, Lektorenwünsche, Fahnen und Marketingvorschläge warten kann, ist er zu Lulu gegangen.

Und er ist nicht allein. Über 9000 Werke sind unter Literatur & Belletristik bereits verzeichnet. Da ist allerdings alles dabei. Von New Yorker Literaturmagazinen, Norwegischen Schülerliteraturwettbewerbsanthologien, die semi-autobiographische Geschichte eines Everestbesteigers, der Tee mit den Yetis trinkt und das mit Texten unterlegte Schwarz-Weiß-Aktfotobuch.

Leider gibt es, abgesehen von der deutschen URL (www.lulu.de), noch wenige – SEHR wenige – deutsche Beiträge/Bücher. Die Suchmaschine ist auch nicht ganz ausgereift, aber das Menü ist ähnlich dem von Amazon, übersichtlich, mit der Möglichkeit Rezensionen abzugeben.

Wer also wirklich nicht auf eine Veröffentlichung warten kann und glaubt keinen Lektor zu brauchen (oder vielleicht zu jenen 8% der Deutschen gehört, die sich – laut Herrn Roentgen – als Schreiberling verstehen, aber von keinem Verlag gelesen werden und einfach keine Zeit zum ‚trainieren’ haben), der kann seine 300 Seiten hart gebunden, mit Umschlag, für sparsame $21 (ja, man kann auch nur ein Exemplar bestellen) drucken lassen, sich eine ISBN als Haustier halten, den Verkaufspreis selbst festlegen,… und dann warten bis jemand zulangt (Juchu für ‚publish-on-demand’). (Im Vergleich: BoD Basispaket ohne Lektorat ab EUR369,-)

Und weil keiner weiß wo der nächste Besteller versteckt liegt, sind hier noch ein paar Titel die nicht uninteressant aussehen (auch was für die Mehr-Schauer-als-Leser unter Euch dabei):

Francis Bartels: The Persistence of Paradox : Memoirs of F L Bartels
(wie gesagt: ein ungewöhnlicher Mann mit ungewöhnlichen Erinnerungen)

Chris Reynolds: Adventures From Mauretania
(Gesammelte Mauretania Comics der 1980iger Jahre)

Brian Taylor: Candykiller – Issue Number One
(Sammlung von verwandelten graphischen Darstellungen z.T. bekannter Marken)

Mark Wilkerson: Amazing Journey: The Life of Pete Townshend
(641 Seiten Zitate und Biographische des Gitaristen von The Who)

Chris Brady: The Boeing 737 Technical Guide
(wer’s braucht…)

Vincent Collazo: Writing in a Vacuum
(“In these stories you will encounter hallucinatory worlds populated with eccentric characters wrestling with the challenge of living inside a dysfunctional paradigm.” Das sagt doch alles, oder?)

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3 Kommentare

  1. Klaus Says:

    Klingt lesenswert!

  2. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Elche!

  3. Oliver Gassner Says:

    Wem obiges komisch vorkommt: ich habe auf Bitten von M.V. einige unter seinem Namen oder sich auf ihn beziehenden hier publizierten Dinge gelöscht.

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