Mittwoch, 22.06.2011 | 16:05 Uhr

Autor: JosefBordat

Der Klimawandel als moraltheoretisches Problem

Andreas Lienkamp stellt eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive vor.

Wenn wir davon ausgehen – und das müssen wir wohl leider, nach allem was wir wissen –, dass der Klimawandel auch anthropogen ist, dass also der Mensch mit seinem Verhalten eine Rolle dabei spielt, dass und wie stark sich das Klima ändert, dann können wir die Vorstellungen davon, wie sich der Mensch verhalten soll, also das, was klassischer Weise Gegenstand der normativen Ethik ist, als Teil der Lösungsstrategie zur Vermeidung bzw. Abschwächung des Klimawandels ansehen. Der Klimawandel, der intensiv von natur- und geowissenschaftlicher Seite erforscht wird, ist damit auch ein Thema für die Disziplinen, die sich um Konzeptionen normativer Ethik kümmern und Moraltheorien entwickeln: die praktische Philosophie und die Moraltheologie. Menschen sind verantwortlich, der Klimawandel ist ungerecht. Für dieses Problem braucht es Lösungen.

Mit „Klimawandel und Gerechtigkeit“ hat der katholische Theologe Andreas Lienkamp 2009 eine einschlägige Abhandlung vorgelegt, mit der er dazu eine „Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive“ zu begründen versucht. Ihm gelingt dies in überzeugender Manier. Lienkamp wurde für seine Arbeit der „Habilitationspreis“ der Universität Bamberg (2008) und der „Philosophische Buchpreis“ des Forschungsinstituts für Philosophie, Hannover (2010) verliehen.

Auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes zu Ursachen, Ontologie und Phänomenologie des Klimawandels entwickelt Lienkamp sehr ausführlich Konzepte und Kriterien einer darauf orientierten christlichen Ethik, die bis in konkrete technische, politische und individuelle Mitigations- und Adaptionsmaßnahmen hinein entfaltet wird.

Lienkamp denkt von den Opfern her. Diejenigen, die unter dem Klimawandel am meisten leiden und künftig leiden werden, müssen im Rahmen eines moraltheologisch fundierten Klimaschutzes im Fokus der normativen Schritte stehen, die auch und gerade diejenigen gehen müssen, die nicht so stark betroffen sind. Diese Maßnahmen, die ja Geld kosten und Lebensqualität mindern, müssen als Pflichten gegen die Gerechtigkeit in ihrer globalen, intergenerationalen und ökologischen Dimension angesehen werden, nicht als Almosen angesichts eines schicksalhaften und insoweit unabwendbaren Unglücks.

Weil es auch um Einschnitte in (liebgewonnene) Lebensgewohnheiten geht, braucht es aber eine Rechtfertigung, also eine Verortung der Maßnahmen in den Rahmen einer rational nachvollziehbaren Ethik. Diese konzipiert Lienkamp aus christlicher Sicht, jedoch über individualistische Verantwortungsansätze einer Tugendmoral hinausgehend, zugleich jedoch verdeutlichend, dass normatives Institutionenhandeln auf höchster Ebene und von oberster Stelle (im Fall des Klimawandels muss dies die in den Vereinten Nationen organisierte Weltgemeinschaft sein) nicht von Mensch und Moral losgelöst sein darf.

Lienkamp sorgt mit seiner transdisziplinären Arbeit, die von der theologischen Anthropologie ausgehend über moraltheoretische Begründungsmodelle und die Rekonstruktion des fachlichen Klimawandeldiskurses bis zur Darstellung und Analyse der politischen und rechtlichen Strategien läuft, in sehr eindrucksvoller Weise dafür, dass die Wurzeln christlicher Moralität – das schöpfungstheologisch begründete Menschenbild und das damit verbundene Mensch-Natur-Verhältnis – nicht verloren gehen, sondern in kluger Ausdeutung an die Erfordernisse des Klimawandels angepasst werden.

Andreas Lienkamp macht deutlich: Eine Ethik der Nachhaltigkeit – dazu gibt es keine vernünftige Alternative. Ein wichtiger Beitrag, lesenswert für alle, die sich für eine Fortschreibung christlicher Moralvorstellungen und/oder für den Klimawandel als moraltheoretisches Problem interessieren.

Andreas Lienkamp: Klimawandel und Gerechtigkeit: Eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive
Schöningh, Paderborn 2009
536 Seiten, 58 Euro
978-3506766755

Josef Bordat

Trackback: http://blog.literaturwelt.de/archiv/der-klimawandel-als-moraltheoretisches-problem/trackback/

Ein Kommentar

  1. Besserwerberblog • Marketing für Besserwerber Says:

    Es wird wärmer…

    BBDO für den WWF. Lesetipp: Der Klimawandel als moraltheoretisches Problem Andreas Lienkamp stellt eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive vor….

Schreibe einen Kommentar

bLogin
Second-Hand Grabbelkiste zugunsten des ligatur e.V. bei facebook.
Literaturwelt. Die Page. | Promote Your Page Too

Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos

Kostenlos aktuelle Artikel per E-Mail:

Tagcloud
Empfehlungen
Willkommen im Literaturwelt-Blog, dem Blog rund um Literatur - Live von der Buchmesse in Frankfurt und auch den Rest des Jahres.
Mehr Informationen zum Blog findest Du hier.
Artikelempfehlungen
Letzte Kommentare
Kategorien
Links / Blog'n'Roll (Zufallsausw.)


Statistik

literaturwelt.de & carpe.com | über blog.literaturwelt | Autoren | Archiv | Impressum | RSS | Werbung