Dienstag, 01.12.2009 | 17:58 Uhr

Autor: Immo Sennewald

Das ganz normale Grauen

Panoptikum der Stasi

Deprimiert haben sie Selbstzufriedenheit, Egoismus, Wohlstandsdenken, mangelhafte Arbeitsdisziplin einzelner Kollegen, dazu Unzufriedenheit und Meckern über Schwierigkeiten bei der Versorgung mit bestimmten Waren – so lässt die Vorkämpferin einer gerechteren Welt ihren Chef wissen – soziale Sicherheit, soziale Errungenschaften, den Kampf um den Frieden, gesellschaftlichen Fortschritt dagegen fände sie ihren Vorstellungen entsprechend. Diese Beschreibung ihrer Umgebung liefert Anfang der 80er Jahre Susanne Albrecht, in der DDR untergetauchte RAF-Aktivistin einem Stasi-IM, der sie zu betreuen hat. Als sieben Jahre später ihre Tarnung als brave DDR-„Ingrid B.“ aufzufliegen droht, weil andere DDR-Bürger sie im Westfernsehen oder bei Westbesuchen auf Fahndungsfotos erkennen, erwägt das Liebesministerium des Genossen Mielke sogar eine Schönheitsoperation auf Staatskosten; das nötige chirurgische Besteck in Westqualität hätte wohl Herr Schalck-Golodkowski beschafft. Dann verfrachtet man aber doch „sicherheitshalber“ die ganze Familie B. in die Sowjetunion, Glasnost, Perestroika und der Untergang des ganzen ruhmreichen Satellitenreiches holten Frau Albrecht und ihre Kombattanten ein.
Diese Geschichte gehört zu den bizarren Vorgängen aus dem Alltag der Stasi; wer so etwas liest, schüttelt darüber den Kopf. Andere Affären enden mit brutalen Todesurteilen, auf Geheiß von Ulbricht, Honecker und Mielke vorgefertigt für Richter im Dienst der „Partei der Arbeiterklasse“, handeln von verschleppten Menschen, von vertuschten Verbrechen, von „zersetzten“ Leben – es ist ein Panoptikum der Stasi, ihrer Handlanger und Auftraggeber, ein Panoptikum auch der Duckmäuserei, des Wegsehens, der moralischen Abstumpfung. Jeder einzelne der von Klaus Behling und Jan Eik erzählten Fälle reichte, die Frage, ob die DDR ein „Unrechtsstaat“ war, ein für alle Mal zu beantworten.
Dass das Ganze aber Panoptikum in Buchform ist, hat mich während der Lektüre auch immer wieder einmal gestört. Es macht einem die Distanzierung so leicht. Die Erklärungen für das Handeln der Täter leuchten ein, erscheinen aber auch mit dem Stasiunwesen zugleich entrückt. „Lautloser Terror“ ist ein reißerischer Titel, der dem alltäglichen Wechsel aus (unrechts-)staatlichem Handeln und stillschweigender Hinnahme der SED-Herrschaft durch eine aufs persönliche Fortkommen bedachte Mehrheit nicht gerecht wird. Und „Kriminalität in der Stasi“ als Untertitel: War nicht die Stasi als Organisation mit der Lizenz zu jedem beliebigen Rechtsbruch selbst kriminell?
Der Epilog verdeutlicht, dass – da schon die juristische Aufarbeitung dieser Art Kriminalität nicht möglich war – deren systemische und sozialpsychologische Analyse so unerledigt wie dringend notwendig ist.
Erschienen ist „Lautloser Terror“ im Militzke-Verlag Leipzig

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