Dienstag, 23.03.2010 | 20:43 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Christoph Ransmayr: Odysseus, Verbrecher

Christoph Ransmayr »Odysseus, Verbrecher«Einer der Höhepunkte bei der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ist die „Odyssee Europa“. Die Besucher erleben an zwei Tagen sechs Inszenierungen an sechs verschiedenen Schauspielhäusern – alle rund um den griechischen Helden Odysseus. Den Abschluss macht das Schauspiel Dortmund, für das kein geringerer als der österreischische Erfolgsautor Christoph Ransmayr („Die letzte Welt“, „Der fliegende Berg“) die Vorlage geschrieben hat; „Odysseus, Verbrecher“ heißt sein Stück, das nahezu zeitgleich mit der Uraufführung als Büchlein im S. Fischer-Verlag erschienen ist.

Nach 20-jähriger Irrfahrt kommt Odysseus zurück nach Ithaka, muss jedoch feststellen, dass sich seine Heimat zum Nachteil verändert hat. Schwelbrände lodern dort, wo einst blühende Landschaften waren, Reichtum ist in Armut umgeschlagen. Und die Menschen empfangen den einstigen Helden keinesfalls so freundlich wie angenommen. Sie nennen ihn Städteverwüster und Verbrecher. Sogar seine Frau Penelope erweist sich als äußerst zurückhaltend, um es milde auszudrücken. Politisch hat sich eine Opposition, die Reformer, gebildet. Und Odysseus? Er tut das, was er immer getan hat, schlägt die Reform blutig nieder …

Ransmayr siedelt sein Stück in einer unbestimmten Zeit an. Flachbildschirme, Nachrichtensendungen und Staubsauger kommen vor. Doch es hätte nicht erst dieser Hinweise bedurft, um die Aussage zu erkennen, die der Autor bezogen auf die Gegenwart (und nicht irgendeine griechische Vergangenheit aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert) treffen will: Der Krieg hat keine Gewinner. Selbst wenn jemand lebend aus ihm hervorgeht, ist er an der Seele beschädigt. Diese Aussage wird bereits in der ersten von acht Szenen klar – woraus aber leider auch folgt: Die Szenen zwei bis acht bieten keine wirklichen neuen Erkenntnisse mehr.

Ransmayr ist nicht dafür bekannt, Unterhaltsames, Leichtgängiges oder gar Charmantes zu schreiben. Der Humor ist nicht sein Ding. Seine Texte haben Schwere, haben eine klar umrissene Aussage und sind somit Sinnbild der E-Literatur. Seine Texte – und das gilt sicherlich besonders für „Odysseus, Verbrecher“ – zielen lediglich auf das Hirn seiner Leser, nicht aber auf das Herz. Sie erinnern stellenweise ein wenig an jene gelegentlich staubtrockene Schullektüre, mit der Deutschlehrer ihre gelangweilten Mittelstufenschüler quälen und ihnen damit jegliche Liebe zur Literatur (und in diesem Fall vielleicht auch zum Theater) gründlich austreiben. Solche Texte eignen sich deshalb so gut für solche Zwecke, weil sie den Lesern ihre Aussage mit dem Dampfhammer einbläuen, so dass sie auch der zurückgebliebenste Schüler versteht, aber ansonsten auf jegliche Zwischentöne und Beiwerk (also all das, was ein Buch lesenswert macht) verzichten. So gesehen könnte „Odysseus, Verbrecher“ noch eine lange (Schul-)Karriere bevorstehen.

Alle jedoch, die die gymnasiale Mittelstufe erfolgreich hinter sich gebracht haben, könnten Ransmayrs These „Der Krieg hat keine Gewinner“ bereits in der einen oder anderen Form gehört haben. Solche Leser dürften aus dem Büchlein insgesamt nur wenig Erkenntnisgewinn, Leselust, Spannung oder warum sonst man ein Buch liest, erfahren.

Mit „Odysseus, Verbrecher“ hat Ransmayr der Kulturhauptstadt eine recht traditionelle Theatervorlage geliefert. Vielleicht wäre etwas Mutigeres, Innovativeres, Moderneres, in die Zukunft Weisenderes, Überraschenders zu diesem speziellen Anlass angemessener gewesen.

(Diese Besprechung bezieht sich ausdrücklich nur auf die literarische Vorlage von Christoph Ransmayr, nicht jedoch auf die hervorragende Regiearbeit Michael Gruners am Dortmunder Schauspielhaus.)

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Christoph Ransmayr: Odysseus, Verbrecher.
S. Fischer, Februar 2010.
115 Seiten, Hardcover, 12 Euro.

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