Samstag, 01.12.2012 | 14:55 Uhr

Autor: Frank Berno Timm

Christa Wolf, weiter vertraut

Dass Christa Wolf starb, ist ein knappes Jahr her. Zuletzt hatte die große Autorin ein Buch vorgelegt, das noch einmal das typisch Wolf’sche Erzählen gezeigt hatte: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ beschrieb den Umgang mit der Krise, den die Stasi-Kontroverse um ihre Person in den neunziger Jahren ausgelöst hatte. Nun hat ihr Verlag posthum noch eine kleine Erzählung vorgelegt, offensichtlich ein Geschenk für ihren Mann, den Schriftstellerkollegen Gerhard Wolf: „August“ heißt sie.

Vielleicht ist dieser Wolf-Text etwas Besonderes: Deutlicher als sonst ist, was Christa Wolf schreibt, als Fiktion erkennbar. Betrachtet man ihr Werk, lässt sich schnell feststellen: Je zur gefühlten Hälfte folgt sie der „subjektiven Authentizität“, lässt also das Literarische, Gattungsbegriffe gar, Handlung, Plot zurücktreten (ihr letztes großes Buch ist ein gutes Beispiel dafür); zur anderen Hälfte bedient sie sich eines „Stoffes“, setzt also den Lesenden in die Möglichkeit, sich anders mit dem Text in Beziehung zu bringen.

Einmal mehr befasst sich C.W., wie sie selbst zeichnete, mit Erinnerung: Vergangenheit, hatte sie in „Kindheitsmuster“ geschrieben, sei nicht vergangen. Sie geht in die Nachkriegsjahre zurück, erzählt, mit gelassener Virtuosität zwischen Rückblenden und Gegenwart springend, die Geschichte eines alten Mannes, der – wie C.W. selbst auch – als Flüchtlingskind im TBC-Sanatorium landete. Es geht um Begegnungen, die für’s Leben prägen, und die so nicht vergessen werden. Der Verlag druckt die Widmung an Gerhard Wolf im Faksimilie ab: „Ich kann kaum „ich“ sagen, meistens „wir“. Ohne Dich wär ich ein anderer Mensch“. Natürlich lässt sich diese Widmung im Zusammenhang mit der gerade gelesenen Geschichte lesen: August, der im Mittelpunkt der Erzählung steht, wäre ein anderer Mensch gewesen – ohne die Begegnung mit jener Freundin im Sanatorium.

Durchaus anrührend auch die Beobachtung, dass Prägendes bleibt, sich aufblättern und ins Jetzt zurückholen lässt, als wäre es gerade geschehen – eine schöne Bestätigung der eigenen Erfahrung, dass nichts wirklich vergessen ist.

Offen gestanden habe ich mit Christa Wolfs Erzählungen immer meine Schwierigkeiten gehabt – sie fesselten mich bei weitem nicht so, wie es ihre wichtigen, großen Arbeiten taten. Diese Erfahrung revidiere ich nach dieser Lektüre: Die gelassene Meisterschaft, mit der „die Wölfin“ auch die kleine Form beherrscht, beeindruckt mich sehr. Herausgekommen ist ein ziemlich leises, mehr als lesenswertes Buch.

Christa Wolf, „August“, Erzählung, Suhrkamp, 14,95 €

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