Sonntag, 14.08.2011 | 15:21 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Caryl Phillips: Jener Tag im Winter

Caryl Phillips: »Jener Tag im Winter«Nach der Lektüre von Caryl Phillips‘ „Jener Tag im Winter“ bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Das Hauptproblem dieses Buches: Es hat keinen Kern.

Der Roman des 1958 in der Karibik geborenen Engländers – und aktuellen Yale-Professors – zerfällt in zwei gleichberechtigt nebeneinanderstehende Themenkomplexe, die kaum Berührungspunkte haben: die Midlife-Crisis des Mittvierziges Keith und die Probleme seines Vaters Earl, als er Mitte des vorigen Jahrhunderts – als Schwarzer – aus der Karibik nach England kommt, um dort Geld zu verdienen. Auf diese zweite Thematik deutet zunächst nichts hin – auch der Klappentext nicht.

Keith, der seit drei Jahren von Frau und Sohn getrennt lebt, beendet die Affäre mit einer Arbeitskollegin. Die rächt sich, indem sie den gesamten E-Mail-Verkehr der beiden an alle Kollegen weiterleitet. Keith wird beurlaubt und hat plötzlich viel Zeit, einer polnischen Einwanderin nachzustellen. Weil sein pubertierender Sohn Schwierigkeiten macht, hat er auch immer wieder Kontakt zu seiner Frau. Bis hierher ist „Jener Tag im Winter“ psychologisch glaubwürdig und mitreißend geschrieben. Doch dann, nach etwa zwei Dritteln des gesamten Textes ändert das Buch plötzlich sein Thema. Vater Earl erzählt in einem zig-Seiten-langen Monolog von den Schwierigkeiten nach seiner Einwanderung in England. Das ist über eine so lange Strecke hinweg ermüdend, weil der Text den grammatisch oft falschen Unterklassen-Slang des Vaters nachzuarmen versucht. Man wartet als Leser vergeblich darauf, dass es endlich mit Keith‘ Frauen-Problemen weitergeht. Letztlich vergeblich.

Caryl Phillips zählt zu den wichtigsten britischen Schriftstellern seiner Generation und wurde mit dem Commonwealth-Writers Price ausgezeichnet. Einige seiner Werke sind auch ins Deutsche übersetzt worden. Fuß fassen konnte er hier bislang jedoch noch nicht.
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Caryl Phillips: Jener Tag im Winter.
DVA, Mai 2011.
362 Seiten, Hardcover, 21,99 Euro.

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