Sonntag, 07.05.2006 | 12:01 Uhr

Autor: timo

Buchmesse Basel

1.
In letzter Zeit hat sich hier eine Diskussion entfacht, die nach dem Rang der schweizer Literatur in der Literaturwelt fragt. Die Organiatoren der „buchbasel“ haben sich scheinbar nicht so sehr darum geschert, die jungen Autoren waren eher zaghaft in den Lesungen vertreten.

Ein Glück, durfte Gabriel Vetter am Freitag nachmittag ein Podiumsgespräch mit Etrit Hasler und Guy Krneta führen. Erfrischend, zumal die Autoren das Reden manchmal unterbrachen und ihre Texte vortrugen. Hasler, Deutscher in St. Gallen, ließ es emotional krachen und hat in wunderbarer Weise einen Text über – nun: Liebe und livin‘ in switzerland vorgetragen. „Der beste Schweizer ist noch nicht geboren“, nein, aber mit Guy Krneta, Mitinitiator des Bieler Literaturintituts, hat die Schweizer Literatur doch einen Mundartdichter, der in feiner, pointierter Art vortrug, über Kinder, die nicht dürfen, und am Samstag abend beim Slam im Parterre über den Reiseführer, der nicht verführt, zumindest als Figur seine reisenden Schützlinge nicht, herrliche Alltagsprosa in Bärndüütsch.

Und eben Gabriel Vetter. Basler Slammer und diesjähriger Träger des Salzburger Stiers, dessen „wasserdichter Hund“ einem das Wasser in die Augen treibt vor Lachen. Er war es auch, der den Slam Abend organisiert hat und neben den Akteuren der „poesie united“ einige junge Slammer aus der Region auf die Bühne holte. Gut, der all zu kleine Raum in der Kaserne war unerträglich voll. Und so mancher der Autoren hat das Konzept noch nicht so ganz verinnerlicht. Da haben sie abgelesen, spontan aus ihrem Alltag erzählt, alles noch nicht ganz so Poetry Slam, wie man es ich vorstellt. Und doch: es mundartelte, und das nicht zu schlecht.

Der Überhammer aber war die Vorband: poesie united. Eine Gruppe von spoken word Aktivisten aus den USA, Frankreich und Deutschland. Furios. Fünf Jungs, die in ihrer Performance das gesamte breite Spektrum der gesprochenen Textaufführung boten, und das nicht zu knapp. Leider habe ich den Anfang verpasst, weil ich vor Hunger kollabierend am Veranstaltungsort eine dreiviertel Stunde auf das Essen warten musste. Nun, in irgendoie erinnerter Reihenfolge was ich sah:

Wehwalt Koslovky, Kapitän der Gruppe, gab eine kleine herbstlich melancholische „Kiffer-Romanze“ zum Besten. Schön, ein bisschen Nabelschau. Danach ein acapella, „Death is in the Air“. Der Amerikaner Ben Lewis fragte nach dem Wesen des Terroristen, ein politisch engagiertes Infragestellen der Möglichkeit, in Frieden zu leben. Was Antoine Faure darbot, war DER HAMMER. Human beatbox lyrik. Fünf oder sechs Vokalinstrumente, die parallel abliefen, wobei sich eins oder zwei gleichzeitig in den Vordergrund drängten, der aber schon belegt war von Händen und Armen, die Luftcello, Luftsax, Luftdrum spielten. Mittendrin ein drumunterlegtes Saxsolo, Szenenapplaus, ein Meister.

Wie fühlt sich deine Freundin, nachdem du sie verlasen hast? Und erzählt sie es dir? Sie hat es Milo Martin erzählt. Löwenbemähnter Hühne in Muskelshirt. Von irgendwo her zwischen 90-er Indie/Grunge und doors kommt seine verrauchte Stimme, den Joint in der Hand, und leidet ein bisschen zum Rhythmus der Trommeln mit alles Verlassenen der Welt mit, bevor der Ravenburger Tobias Hoffmann ein Bild-/RTL-Geschichtsbild auseinandernimmt, sarkastisch, ein bisschen bösartig und wahr, herrlich wahr. Als Zugabe hat er als „Idiot“ – oder Mephisto – Koslovskis – oder Fausts – den Reim verdammt, den ersterer in unglaublich schnellen und eloquenten Versen zu verteidigen suchte. Und wieder gemeinsam huldigten sie IHM, dem allanwesenden Geist des Meisters. „Allan Ginsberg is dead“. Wer die Jungs noch sehen kann, sollte das tun. Sie sind gut.

2.
Was noch? …

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2 Kommentare

  1. F. Georgeman Says:

    Arc de Triomphe

    by © F. Georgemann (member of writers page)

    Er hatte sie genau in seinem Blickwinkel, drei Ärzte mit Dreitagebärten, alle so um die Zeit von „Satisfaction“ geboren.
    Er sah sie alle ganz genau mit seinen für immer offenen Augen.
    Sie sprachen sehr laut und schienen keine Rücksicht darauf nehmen zu wollen, dass er Ruhe brauchte.
    An den strengen Blicken, die sie auf ihn richteten, merkte er, dass sie ein ernstes Problem mit ihm hatten.
    Dabei hätte er ihnen die Sache ruhig und in ganz einfachen Worten erklären können.
    Es war nämlich längst nicht alles so schlimm, wie sie taten.
    Eigentlich war er sogar ganz in Ordnung, nur dass er nicht mehr sprechen und sich nicht bewegen konnte, und dass sie ihn
    für tot hielten. Seinen erigierten Penis, der die weiße Bettdecke wie das Mont Blanc Massiv in einer schneebedeckten Modelleisenbahnlandschaft aussehen ließ, schienen sie nicht als ausreichenden Beweis von Leben anzusehen.
    Diese Leute hatten keine Ahnung.
    Sie sollten ihn nicht stören, er brauchte seine Zeit, dringend.
    Zeit war natürlich der falsche Ausdruck. Alles hatte sich zu einem einzigen, unendlichen Augenblick ausgeweitet, Begriffe wie vorher oder nachher entbehrten jeglichen Sinns.
    Deswegen passte auch nicht der Begriff Erinnerung.
    Es kam irgendwie von außen, sie kamen irgendwie angeflogen.
    Diese kleinen Filme, an denen er sich erfreute.
    Gerade noch hatte er dem Vogel nachgesehen.
    Es war wahrscheinlich eine Möwe, höchstwahrscheinlich sogar die Möwe Jonathan.
    Er hätte gerne noch gesehen, ob sie zurückkam und sich wieder auf dem Bett niederließ, wo sie die ganze Zeit gesessen hatte,
    bevor diese Milchgesichter mit den Dreitagebärten sein Zimmer betreten hatten, ohne anzuklopfen.
    Okay, vielleicht tauchte die Möwe in einem anderen seiner Filme wieder auf, wenn er Glück hatte, sogar in seinem Lieblingsfilm.
    Dieser Film, auf den er meistens vergeblich wartete, schien
    dem ersten Satz eines Buches, das er als Junge mal gelesen hatte, entflogen zu sein.
    Der Satz lautete: „Die Frau kam schräg auf Ravic zu, sie ging schnell, aber sonderbar taumelig.“
    An den Titel des Buches konnte er sich nicht erinnern, nur an den Klang des Satzes in seinem Kopf und an die Lichtverhältnisse und das Wetter, die Straßen glänzten nass.
    Wer war dieser Ravic?
    Vielleicht er selber?
    Immerhin hatte er tatsächlich einmal in einer Bar gesessen, in der Nähe der Champs Elysée, nachts.
    Er wollte noch was zu trinken haben, aber der Barkeeper hatte sich geweigert.
    Je regrette, hatte er gesagt und dabei Gläser gespült.
    Dann ging er raus und es regnete.
    Die Straße glänzte nass, genau wie im Film.
    Der l’ Etoile wurde von Scheinwerferlicht angestrahlt und er ging darauf zu.
    Wie Ravic.
    Schräg von vorne kam eine Gestalt auf ihn zu und schlug ihm den Schädel mit einem länglichen Gegenstand ein, ohne besonderen Grund.
    Das war’s.
    Nur der Titel des Buches wollte ihm nicht einfallen.

    Einer der Ärzte beugte sich über ihn und betrachtete sein Gesicht, als wenn es dort irgendwas Besonderes zu sehen gäbe.
    Die anderen verschwanden aus seinem schmalen Blickwinkel, aber sie waren noch im Zimmer und schienen an irgendwas zu hantieren.
    Er hatte plötzlich das Gefühl, einen tiefen Lungenzug aus einer Gitane genommen zu haben, der ihm die Luft nahm.
    Der Druck in seiner Brust ließ erst nach, als der Vogel aufstieg.
    Es war die Möwe Jonathan, sie war zurückgekehrt.
    Er verfolgte ihren schönen Flug am Himmel.
    Dann blieb sie in der Luft stehen und stürzte torkelnd durch den unendlich blauen Himmel der Erde zu.
    Exitus, sagte das Arschgesicht über ihm.
    Als sie rausgingen und das Licht dimmten, fiel ihm endlich der Titel ein: Arc de Triomphe.

  2. Oliver Gassner Says:

    @georgeman: Ja? Hm?

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