Samstag, 15.01.2011 | 21:40 Uhr

Autor: Frank Berno Timm

Buch als Kunst, nicht als Massenware

Was für ein phantastischer Kontrapunkt! Was für eine andere Welt – abseits des Massengeschmacks und der Palettenware in den großen Buchsupermärkten! Ich bin zum ersten Mal hier in Hamburg auf der Norddeutschen Handpressenmesse, die sich für zwei Tage im Museum der Arbeit (der S-/U-Bahnhof Barmbek ist ein paar Schritte entfernt) niedergelassen hat. Es ist eine Verkaufsmesse: 50 Handpressen, Ateliergemeinschaften und Buchkunst-Verlage, die HAW Hamburg, der Büchergilde-Artclub sind da – es gibt diverse Vorführungen und Demonstrationen.

Auf zwei Etagen eines alten Fabrikgebäudes reiht sich ein Stand an den nächsten.  Hinter dem Kasseneingang gibt es noch ein paar mehr Aussteller – da hat, so scheint es, der Platz nicht gereicht.

Aufmerksam geworden war ich durch die brasilianische Künstlerin Tita do Rêgo Silva, die seit vielen Jahren in Hamburg lebt. Beim Thema Bücher, sagt sie, sei die Handpressen-Messe (sie findet zum siebten Mal statt) ihre wichtigste Messe, auf der sie die meisten Leute treffe. Schon die Eröffnung (am gestrigen Freitag) sei sehr gut besucht gewesen, am Sonntag werde es noch einmal sehr voll werden.

Die Künstlerin blättert vorsichtig durch ihr neuestes Werk. Das großformatige Buch ist handgemacht – Arthur Schütts „Liebesgeschichte“ hat sie nicht nur gesetzt, sondern auch mit Holzschnitten illustriert.  Jeden einzelnen Punkt auf dem Papier, sagt do Rêgo Silva, habe sie selbst gemacht. Der Grund ist einfach: Für das Format dieses Buches, das sie auf Bestellung produziert, besitzt sie keine Maschine.  Ihre Holzschnitte folgen der so genannten verlorenen Form – alle Farben verdankt sie einer Platte.

Die Namen der verschiedensten, kleinen „Buchfabriken“ haben es schon mal in sich.   Die Umtriebpresse hat nur wenige Schritte weiter ihren Infotisch. „Melancholiker aller Länder vereinigt euch!“ – allein schon diese, nicht nur augenzwinkernde Marxengels-Umdeutung lohnt den Besuch – sie geht, erzählt der hinter dem Tisch sitzende Ulrich Horstmann, auf die Künstlerin Johanna Schwarz zurück.

„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“ Susanne Semajic nimmt ein Buch in die Hand. Diesmal geht es nicht um Seiten oder Einband: Hinter, besser: unter  dem Goldschnitt verbirgt sich eine Illustration. Das Buch war in einer speziellen Zwinge, erst danach hat ein Buchbinder es mit dem Goldschnitt versehen. Diese ganz besondere „Moby Dick“-Ausgabe von Artemis & Winkler, ein Unikat, ist eine vierstellige Euro-Summe wert.

Also: Tolle Bücher, Einbände, Illustrationen, Schriftgestaltung – all das kann man hier betrachten. Hin und wieder gibt es ja auch in den Programmen großer Verlage durchaus Bücher, die einem buchkünstlerischen Anspruch gerecht werden – die kleinen Handpressen, Verlage, die Buchverrückten hier in dem Museum erinnern auf eine sympatische Art und Weise daran, dass Bücher eigentlich keine Massenware sein sollen.

– Museum der Arbeit, Stiftung Historische Museen Hamburg, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg

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Ein Kommentar

  1. Wunderwelt der Phantasie « wortvision interaktiv Says:

    […] Anlass der siebten Norddeutschen Handpressemesse ein Blick zurück ins Jahr […]

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