Samstag, 27.01.2007 | 14:27 Uhr

Autor: Christoph Mann

Boris Akunin

Ziemlich oft kam es vor, dass ich mit vor Begeisterung glühenden Augen Freunden den Rat zuflüsterte „Boris Akunin!“ und dann hinzufügte: „Der erfreulichste Autor dieser Welt!“. Denn der Meister (so nenne ich ihn einfach mal) möchte nicht belehren, er möchte nicht die Welt erklären, er möchte nicht in die brüchigen Tiefen verschollener Existenzen eindringen oder verzweifelt nach nichtvorhandenen Zielen der Sprache suchen – nein, der russische Bestsellerautor mit dem unaussprechlichen Namen Grigori Tschtschartischwili will einzig und allein uns liebe Leser erfreuen und unterhalten. Dass in seinen absurden historischen Geschichten, verborgen zwischen unerahnbaren Wendungen, ausgesprochen von messerscharf gezeichneten Charakteren, wie man sie sonst nur von Nikolai Gogol kennt, sich urplötzlich intellektuelle Dialoge erheben, über Mann und Frau, über die russische klassische Literatur, Wahnsinn, Prinzipien lokaler Politik oder die russische Seele, das kann man dem Philologen nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil, dies verleiht den Romanen einen ganz eigenen, weisen Charme, der auch von Akunins vollkommen eigenen, unnachahmlichem Humor lebt, bei dem man nie weiß, ob er seine Protagonisten nun verständnisvoll bemitleidet oder sie mit bitterem Spott auslacht. Als ich zum ersten mal ein Buch von ihm gelesen habe konnte ich es gar nicht glauben, dass es so etwas gibt: Stilvoll, spannend, lustig, unberechenbar und intelligent – und das alles auf einem verdammt hohen Niveau.

Unglaublich aber wahr: Mein zweites Mal Akunin lesen übertraf das erste sogar, plötzlich ging mir auf, dass seine Bücher nicht nur die bereits erwähnten supertollen Eigenschaften haben, nein, der Meister spielt mit Genres und Erzählstrukturen, einfach so, ohne seinen Stil zu verlieren: Da wird plötzlich aus durch Briefe erzählt und er wechselt die Protagonisten aus, dann vermischt er klassische Krimis mit Tolstoischer Geselligkeit und präsentiert des Rätsels Lösung in Herrenhausversammlungen.

So. Nun ist es nicht weiter überraschend, dass meine Erwartungen an den neuen Akunin, „Der Favorit der Zarin“ dementsprechend hoch waren. Sein dickstes Buch bis jetzt, beinahe 600 Seiten, der zweite Teil der Nicholas-Fandorin-Reihe, die teils in der Gegenwart, teils in der Vergangenheit spielt. Wie toll war schon der erste Band, als Nicholas Fandorin auf den Spuren seines Ahnen nach Moskau reiste, von allerlei fröhlichen Unterweltlern belästigt wurde, das Testament des Vorfahren entschlüsselte und sich daraufhin auf Schatzsuche begab, während der Ahne 400 Jahre früher nach Moskowien reiste, und seinen schatz versteckte, o du wundervoller Gleichlauf der Handlungsstränge, so geschickt angeordnet.

Leider, leider wurden meine Erwartungen bitterlich enttäuscht. O Boris, oh Meister, warum hat die Geschichte vom kleinen Mithridates im 19. Jahrhundert eigentlich überhaupt nichts mit den Abenteuern des Nicholas Fandorin zu tun, außer dass sie ähnliches erleben? Warum wird der Vorfahr von Nicholas, Daniel Vondorin, plötzlich so makellos geschildert, warum lässt du dir durch seine Perfektheit auf allen Gebieten deine übliche Unberechenbarkeit ausbremsen und deine spottenden Ader zukleistern? Oh Boris, zwar brauchst du schon meistens deine Zeit, um dich warmzuschreiben, doch diesmal ist es besonders lange, ja, abgesehen vom nervtötend mit den Händen wackelnden Kommissar Wolf, abgesehen vom „Menschen der Zukunft“, dem heiter die Geschlechter wechselnden Valja, wirken die humoristischen Beschreibungen des Hofes der Zarin Katharina und des Lebens von Nicholas erzwungen anstatt komisch, und wie ungeschickt stopfen manchen unnötige Abschnitte das Buch voll, die nichts mit der Geschichte zu tun haben und auch nicht gut sind…zwar muss man zugeben, so ab Seite 300 entfaltest du deine eigene Dynamik, ein wenig später packt einen der Roman doch noch, wenn auch die Mithridates-Abschnitte eher wie unnötige, unzusammenhängende Fetzen wirken, die keinen Wert an sich haben, sondern lediglich das im Vorgänger so geglückte Schema erfüllen sollen, vielleicht hätte dir, Meister Akunin, jemand über die Schulter blicken sollen, und, anstatt deinen Ruhm zu preißen, dir den Rat geben sollen, dass der Nicholas-Fandorin-Teil vollkommen ausgereicht hätte und ein saftiges, knackiges Buch voll Witz und Dynamik geworden wäre…

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2 Kommentare

  1. RAT - Uttaruk.com » Boris Akunin Says:

    […] Original post by Literaturwelt. Das Blog. and software by Elliott Back […]

  2. Boris Akunin – Der Favorit der Zarin « Der Grübler Says:

    […] Tag allerseits! Auf dieser Seite gibt es eine Rezension von mir zum neuen Akunin „Der Favorit der Zarin“. Ein wenig spät zwar, […]

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