Montag, 16.10.2006 | 12:42 Uhr

Autor: Christoph Mann

Bert Brecht zum 50. Todesjahr vor einem bürgerlichen Publikum gesungen – oder die Frage, ob Hochkultur noch (etwas) bewegen kann.

„Big Brecht is watching you“ – der Punkrocker unter den deutschen Dichtern schaut als überlebensgroßes Konterfei von der Bühne des Marbacher Schlosskellers herab auf ein bürgerliches Publikum, dass ein Punkkonzert höchstens dann besuchen würde, wenn der Enkel am Schlagzeug sitzt. Von der jungen, sozialkritischen Intelligenz wollte leider auch niemand die Oma begleiten.

Begleitet von Gregor Pronobis am Keyboard beginnt Almut Grytzmann zu singen. Sie trifft die Töne, manchmal zwar ein wenig schrill, doch es gelingt ihr fabelhaft, die Musik als Parodie zu singen. Ständig wechseln abrupt die Melodien, wo eben noch operettenhafter Gesang war brüllt sie nun oder spricht einfach nur, um dann auf eine so hohe Tonlage zu klettern, dass man um die zahlreichen polierten Weingläser fürchtet.

Bert Brecht war kein Musiker sondern ein Dichter, der Musik als Stilmittel verwendete. Der Gesang macht sich selbst zur Karikatur und verbaut dem Zuhörer dadurch die Möglichkeit, den textlichen Gehalt unter den Teppich angenehmer Melodien zu kehren. Immer wieder brüllt dadurch die Sängerin mit den roten Haaren den Zuschauern entgegen: „Ha! Der schöne Schein der trübt!“

Um die Veranstaltung als eingängigen Kulturkanon genießen zu können, so wie ein Mozart-Konzert oder eine Lesung frühromantischer Gedichte, muss man eine dicke Haut und ein belastbares Trommelfell haben. Immer wieder werden Verbrechen an einer angenehmen Melodie gekrönt mit Sprüchen wie „Der liebe Gott, der lässt sich nicht blicken“ oder die an Ulrich Wickerts letzten trockenen Kommentar erinnernde Ansprache von Meckie Messer an seine Bande: „Man schickt keinen Mörder los, wenn man den Gerichtsvollzieher rufen kann“. So behaglich sie auch gesungen werden, in Brechts Liedern brodelt die Wut auf eine materielle Ungleichheit: „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“. Die hier Anwesenden sehen aus, als würden sie alle angenehm leben, die meisten unten ihnen kennen Brecht und wissen, dass sie in seinem Werk nicht selten auf der Anklagebank sitzen. Prallt das ab, verpufft das unter dem Schleier eines an vergangene Zeiten erinnernden Kabaretts mit der modernen Etikettierung zur Hochkultur?

„So unglaublich komprimiert und auch heute aktuell“, kommentiert ein Zuschauer das Vorgetragene und belegt dadurch, dass der Inhalt sehr wohl Beachtung findet. Tatsächlich hört man in der Pause ungewohnte Töne. Einige Herren haben sich vom alten Bert zu einer Diskussion um soziale Gerechtigkeit anregen lassen. „Brecht macht hellhörig“, findet ein pensionierter Chefarzt. Davon angeregt bringt er derzeitige Probleme auf den Punkt: „Arbeit ist eine Sklaverei, in der wir alle stecken.“ Allerdings verbleibt er nicht bei dieser angebrachten Diagnose, sondern möchte idealistische Lösungen diskutieren. Dabei scheitert er an einem gegenüberstehenden Realisten, der mit einem ebenso angebrachten „Aber…“ zur üblichen und leidigen Antwort ansetzt und damit der Diskussion den Wind aus den Segeln nimmt.

Die Frage bleibt bestehen: Kann ein Literaturklassiker noch schockieren und polarisieren? Und wenn, was bzw. wem hilft es, wenn ein Problem diskutiert wird?

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4 Kommentare

  1. Gerbera Says:

    Nähert man sich Brecht, so kann man auch heute noch“was erleben“ Er selbst lebte in seinen Widersprüchen und ruft uns am Ende der Dreigroschenoper den seltsamen Satz zu`verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt, in diesem Tale, das vor Jammer schallt` Will ein Mensch, der soetwas sagt, wirklich polarisieren? Will er nicht eher auf die Eitelkeit menschlichen Lebens verweisen im Sinne der Barockdichtung? Wer den Keuner gelesen hat, weiß das es ihm fernliegt, an Probleme oder gar an Lösungen zu glauben. Er ist Nihilist mit kreatürlichem Mitleid, aus diesem Impetus heraus hat er uns sein lebendiges Werk übergeben.

  2. Christoph Mann Says:

    selbstverständlich ist es unangebracht, brecht auf probleme und lösungen zu reduzieren oder ihm die naivität desjenigen zu unterstellen, der meint, eine medizin für die Probleme dieser welt zu kennen.
    aber wenn ich es richtig verstanden hat, sagte er auch, dass theater bzw. drama eine (auch) politische Aussage haben sollte. Zwar ist Politik ein auf Konsens ausgerichteter Prozess, doch dieser ist ohne Polarisierung unmöglich bzw. wirkungslos.
    Außerdem habe ich gestern den erwähnten Chefarzt a.D. getroffen und mich mit ihm über Brecht unterhalten. Er ärgerte sich darüber, dass brecht immer in diese kommunistische Ecke gedrängt wurde, argumentierte damit, dass B. wegen den besseren Bedingungen am kommunistischen Theater gearbeitet hätte. Weil der Klassiker kein kommunist sein darf, wird er zum opportunist. (wollen wir brecht das wirklich antun?)
    Und da ist mir eingefallen, was genau ich mit der Hochkultur frage meinte:

    Hochkultur bzw. Klassiker= Dichtung mit von kulturell beflissenen Menschen schwer abstreitbarem Wahrheitsanspruch.

    Folge: Da der Dichter recht hat, wird seine Wahrheit angepasst, etwa auf abstraktere philosophische Regionen gehoben (bei Brecht wird aus der sozialen ungerechtigkeit die ungerechtigkeit überhaupt, der egoismus im kapitalismus wird zum menschlichen egoismus überhaupt usw.)

    eigentlich traurig, weil gerade B. über heutige probleme viele anregungen geben könnte, gerade weil er als klassiker manchen aussagen gehör verschaffen könnte, die oft mit einem lächeln überhört bzw. durch die gleichsetzung von Kapitalismuskritik und kommunismus mit verweis auf stalinismus und historische „bewiesenes“ versagen diffamiert werden.

  3. juancarloscompany Says:

    Also ich weiß ja nicht; ehrlich gesagt finde ich den Zwang, alles mit den Attributen „aktuell“ und „Aktualität zu versehen, gelegentlich krankhaft. Wenn dann ein Chefarzt a.D. zu Brechts Hinweise auf soziale Ungleichheit, Ungerechtigkeit mit ernsthaftem Gesicht nickt, wird es allmählich grotesk. Denn die Selbstgefälligkeit, mit der Kritik am System (welchem auch immer) vom System (welchem auch immer) ernsthaft nickend aufgegriffen wird, ist schon recht absurd. Es ist leicht, von seinem warmen Bettchen aus Mitleid mit denen zu haben, denen ein solcher Luxus verwehrt ist. Das gilt genauso für Brecht. Natürlich kann er, solange es ihm gut geht, solange das kapitalistische System seine kommunistischen Ansichten druckt, weil es sich Gewinn davon verspricht, soziale Missstände anprangern. Oder um es im brechtschen Gemeinplatz selbst zu sagen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und natürlich sehe ich das Glashaus.

    Nun, Brecht wurde in den Kanon aufgenommen, damit müssen wir uns wohl abfinden, das was nun einMal KULTUR ist, und KULTUR als solches ist nichts, das für alle gleichermaßen relevant wäre. Kulturschaffende verdienen im Allgemeinen weniger, als die, die sich heute als Konsumenten oder Mäzene KULTUR leisten. Die Masse der Bevölkerung erreicht KULTUR schlichtweg nicht. KULTUR ist nichts Demokratisches, gerade heute, da sich eine solche Diskrepanz zwischen E- und U-KULTUR (Haslinger) beobachten lässt, zwischen anspruchsvoller KULTUR und MassenKULTUR. Und wenn beispielsweise Ernst Nolte in der Zeit die bürgerliche LebensKULTUR zum Retter der Zivilisiertheit deklarieren will, ist das auch nichts anderes als feudalistischer Herrschaftsanspruch.

    „Kann ein Literaturklassiker noch schockieren und polarisieren?“ – also mich erinnert dieser Verstörungs-, Polarisations- und Aktualitätszwang an die kritische Theorie und deren Zielsetzung. Und das war ebenso ein elitäres Unternehmen wie sämtliche Bestrebungen, die sie Kommunismus elitär waren und sind. Auch Brecht war schließlich nicht irgendein Arbeiter oder Teil einer Massenkultur, sondern seine Texte und Stücke erreichten vor allem eine elitäre Schicht. KULTUR als Medium der Herrschaftsaffirmation also.

    Die Frage, die ich ehrlich gesagt viel brisanter finde, ist doch, ob Literatur(klassiker) schockieren oder polarisieren muss. (Das Folgende mag jetzt zynisch sein, aber das liegt wohl nicht zuletzt an der Sache selbst. Man/Frau mag es mir also nachsehen) Denn was nützt den all diese Verstörung, wenn das System seine eigene Negation einfach als Variante in sein Kommunikationssystem integriert?

  4. Oliver Gassner Says:

    Ich hab es immer so verstanden, dass Klassiker deswegen Klassiker sind, weil sie so exemplarisches geleitet haben, dass es eben nicht vo staub der Geschichte zgedeckt wird sondern so grundlegende Fragen anspricht (wenn auch nicht beantwortet), dass das werk ‚überzeitlich rezipierbar‘ wird. Und damit auch ‚aktuell bleibt‘.
    Von zwangsweiser katualisierung halt ich auch nicht unbedingt was, das darf angedeutet blieben.

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