Donnerstag, 13.10.2005 | 14:42 Uhr

Autor: andreaffm

Beleidigungen: im Dutzend billiger

Kaum wurde der Preisträger verkündet, melden sich auch schon die ersten Ätzer.

Am dollsten treibt es Denis Scheck, der Kritiker und Fernseh-Literaturhampel („Druckfrisch“, ARD, tiefnachts) mit der mikroskopischen Sehbeteiligung. Eine „Beleidigung der Weltliteratur“ sei das, die Jury habe sich blamiert, man solle den Preis umbenennen in „Auszeichnung für fahrendes Volk und Theater“. Es gebe „viele große lebende Autoren, die in diesem Jahr wieder leer ausgegangen sind, zugunsten politischer Possenreißer wie Dario Fo.“
Wahrscheinlich bedauert es Scheck sehr, daß er nicht selbst der Jury angehört, sonst hätte er jetzt wenigstens unter Protest austreten können.

Weniger wütend, dafür mit der kultiviert-fingerspitzigen Abscheu feiner Leute erklärt Sigrid Löffler („Literaturen“-Redakteurin und MRR-Lieblingsfeindin), Pinter „wäre nicht im Entfernstesten meine Wahl gewesen, abgesehen davon, daß er démodé ist“ und hält die Entscheidung für eine „bizarre Wahl“.

Papst Marcel himself sprach von „einer guten, einer richtigen Entscheidung“, die aber „etwas spät“ komme: „Sein Werk ist nicht mit dem Rücken zum Publikum geschrieben“.

Wahrscheilich kommt Pinter nicht nach Frankfurt, sag man beim Rowohlt-Theaterverlag, wo gerade eine prima Sektstimmung herrscht (schon wieder Rowohlt!): „Den Rummel lehnt er ab“.

Besser so. Ich hätte auch keine Lust, dem Scheck zu begegnen, der von einer Zuschauerzahl, wie Pinters Stücke sie völlig unsubventioniert erreichen, vermutlich in ganz finsteren Nächten alpträumt.

Fazit: Die Andrea-Literaturblog-Auszeichnung 2005 für unwürdiges Volk und Theater bekommt, tataa!, der kleine Denis, der bitte aus dem Kritikerparadies abgeholt werden möchte. (Nein, mit dem Preis ist kein Scheck verbunden.)

Trackback: http://blog.literaturwelt.de/archiv/beleidigungen-im-dutzend-billiger/trackback/

22 Kommentare

  1. Regula Erni Says:

    Ein Skandälchen hat das Nobelpreiskomitee heraufbeschworen – zumindest in den deutschsprachigen Feuilletons…

  2. TH Says:

    Ist doch harmlos gegen die Hasstiraden die letztes Jahr gegen die Jelinek geschwappt sind. (Sogar in USAnien ham sie sich eschoffiert)

  3. Stefan Says:

    Schöne Wahl.

    Bei Scheck bin ich unsicher, ob er Pinter selbst oder (hauptsächliche) Dramatiker generell verachtenswert findet: „Fahrendes Volk und Theater.“ Im zweiten Fall fände ich es bemerkenswert, dass es in Deutschland noch immer Leute gibt, die Dramatiker für zweitrangige Schriftsteller halten, 500 Jahre nach Shakespeare und 2.500 Jahre nach Sophokles.

    Richtig absurd finde ich aber Sigrid Löffler: Pinter ist „demode“! Das Wort darf doch nur Karl Lagerfeld ungestraft sagen.

  4. andreaffm Says:

    und das, wo die löffler in ihrem literaturen-editorial immer wieder gern herausstreicht, man sei entschleunigt, beuge sich nicht dem zeitgeist und bespreche, was man für richtig hält, gern auch eine saison später.

    erstaulich, dieser gesinnungswandel.

  5. Tanja Says:

    Och, danke! Dann muss ich das Scheck-Bashing nicht machen, sehr verbunden.

  6. Klaus Says:

    Verstehe ich das richtig, dass Sendezeit und Quote etwas über die Qualität eines Literaturkritikers aussagen?

  7. andreaffm Says:

    habe *ich* denn darüber etwas ausgesagt?

    (wenn Du genau liest, wirst Du sehen, daß das nicht der fall ist. die fähigkeit, genau lesen zu können, sagt übrigens durchaus etwas über die qualität … aber lassen wir das. )

  8. Oliver Gassner Says:

    Also Sendezeit und Auflage sagen wenig über ‚Qualität‘.

    Es ist ja schön, wenn ein paar Showkritiker den Absatz von Büchern fördern; vielleicht kann so die eine oder andere kleine Qualibuchhandlung überleben. Aber ich rate mal, dass den Gewinn mal wieder die Großen machen, weil die palettenweise bestellen können.

    Selbst beim ‚kleinen‘ Litkritiker hört man, er feire seinen persönlichen Geschmack und der Leser solle sich dann halt merken, ob das, was XY gut findet und ob dessen Verrisse Empefehlungen seine oder umgekehrt.

    Ich hab da nnen anderen Ansatz, wenn ich Rezis schreibe (oder meist: über Veranstaltungen berichte). Der kommt aber eher zum tragen, wenn ich ne halbe Nacht drüber schlafe. mal sehen was dabei unter den Bedingungen des Messe-Nahkampfs dann übrig ist. Aber ich werd das ggf. bei Gelegehneit nochmals auswalzen.

  9. bembelkandidat aus mainhatten Says:

    nobelpreis für pinter, verdient – beleidigung – zu spät

    egal, wie man die vergabe des literatur-nobelpreises an harold pinter einschätzt, immerhin gab es keine politische proporz-entscheidung und die kritik ist gespalten. da andere schon viel und ausführlich über pinter und den preis und den ganzen rest …

  10. Klaus Says:

    Andreas, bin bestimmt nicht so klug wie du, aber das mit dem Lesen klappt schon ganz gut. Und nein, du hast nichts darüber ausgesagt, ob Sendezeit und Quote mit der Qualität eines Literaturkritikers zusammenhängen. Aber wenn du – dir unbenommen – Scheck nicht magst, warum dann diese Seitenhiebe, die ja offenbar nichts ausagen sollen („tiefnachts“, „mikroskopische Sehbeteiligung“, „der von einer Zuschauerzahl, wie Pinters Stücke sie völlig unsubventioniert erreichen, vermutlich in ganz finsteren Nächten alpträumt“)?

  11. molosovsky Says:

    tja, warum seitenhiebe? weil das hier ein blog ist und nicht die dpa?

  12. andreaffm Says:

    mist. das war natürlich nicht der molosovsky, das war die andrea. falsch eingeloggt.

  13. molosovsky Says:

    molosovsky richtig angemeldet als molosovsky.

    Hi Klaus.
    Zu den Seitenhieben (›tiefnachts‹ ect) von andreaffm bzgl. Denis Scheck kann ich als Gedanken anbieten, daß dies sich diese Hiebe für mich nicht unbedingt als vorrangig (oder nur) gegen Scheck gerichtete Spitzen lesen, sondern (auch) allgemeiner als bittere Erinnerung, wann dem Gestaltungswillen der Programm-Macher gemäß Literatursendungen ihre beste Wirkung entfalten.

    Als Phantast träumt ›unsereins‹ von einem Fernseheinschaltverbot für alle unter einem IQ von 80 zur Hauptsendezeit, damit die Sender sich wieder ruhigen (Kapital-)Gewissens trauen können, intellektuell herausfordernde jedoch unspektakelhaftere Sendungen überhaupt noch zu rechtschaffender Zeit anzubieten.

  14. Klaus Says:

    Genau Andrea, ein Blog und nicht die DPA und genau deshalb hat’s mich auch so gestört. Ums mal in der Fußballersprache zu formulieren: Kein albernes Trikotzupfen, Blutgrätsche!

    Und dem Phantasten: wann die herausfordernden Sendungen kämen wäre mir egal, sie kämen überhaupt, denn dafür haben uns die Götter doch den Videorekorder geschenkt.

    P.S.: Sehe gerade mit Schrecken, dass ich in meinem letzten Eintrag Andrea ein „s“ angehängt habe, was weder als Seitenhieb noch als frontale Gemeinheit, sondern ausschließlich als peinliches Versehen meinerseits verstanden werden sollte.

  15. andreaffm Says:

    klaus: der kulturbetrieb ist nicht fair.

    auf dem rasen gibt’s vielleicht einen schiedsrichter, aber im feuilleton nicht, in sämtlichen medien nicht, im universitären betrieb nicht und auf der buchmesse erst recht nicht. gut ist, was

    a) die leckersten häppchen anbietet
    b) die leckersten pressepraktikantinnen anbietet
    c) den meisten/besten wein ausschenkt
    d) den journalisten am gekonntesten staubzucker in den allerwertesten bläst.

    so ist das, alle wissen das, und alle machen mit. es sei mir also bitte, bitte erlaubt, wenn ich schon normalerweise als pressepraktikantin und journalistenhändchenhalterin unterwegs bin, wenigstens privat ab & an die ein oder andere blutgrätsche, was auch immer das ist, auszuteilen. hier bin ich blogger, hier darf ich’s sein, das hier ist dezidiert subjektiv, und wenn Dir meine beträge zu auskeilerisch sind, dann überlies sie eben einfach. danke 🙂

  16. Klaus Says:

    Andrea: da hast du mich mißverstanden und ich bin selbst schuld daran, denn dieser Satz aus der Wunderwelt des Fußballs sollte so betont werden, dass er klingt wie: „Ich will kein albernes Trikotzupfen, sondern statt dessen die Blutgrätsche!“.

  17. Fremder Says:

    Was Scheck betrifft, es einfach so halten wie Wondratschek kürzlich in einer NDR-Talk-Show, als beide dort in der Runde saßen: „Literaturkitiker Denis Scheck? Den kenne ich gar nicht. Nie was von gehört. Warum auch? (Und die Moderatorin erzählte dann , wie berühmt Scheck doch sei, denn Erika Fuchs hat ihn in Fix und Foxi verewigt.)“ Und wer derart schäbig Bücher in die Tonne haut, wie Denis Scheck in Druckfrisch (auch wenn es nur Bücher von der Bestsellerliste sind), der hat durchaus „Seitenhiebe“ verdient. Ich höre den Denis Scheck auch öfters im Deutschlandfunk und erspare mir bei dem Kritiker besser weitere Kommentare. Ich finds aber trotzdem immer gut, wenn Bücher im Fernsehen vorgstellt werden. Plädiere für mehr Literatursendungen in der Glotze. Aber bessere als Druckfrisch und Lesen! zum Beispiel.

  18. Londo Says:

    Ich gebe zu, ich selbst bin kein Harold-Pinter-Fan. Ich habe, soviel ich weiss, nie ein Stück von ihm gesehen. Aber was Denis Scheck da von sich gibt, ist unter aller Kanone. Der Mann ist ein echter Kleingeist und hätte neben deiner noch ganz andere Auszeichnungen verdient, etwa den „Alfred des Monats“ 🙂

  19. Oliver Gassner Says:

    @ Fremder: Das wär ja jetzt spannend, „Was müsste man bei Literatur-TV besser machen?“

    Soll ich dazu eine Diskussionsaufforderung posten und wir schieben das da hin?

  20. andreaffm Says:

    klaus: ach sooo.
    dann sei vertröstet. ich schreib mich ja erst warm.

    fremder: die wondratschek-story hab ich vor ein paar tagen auch von meiner chefin gehört. scheck soll ja kurz davor noch heftig gebauchpinselt worden sein, berühmter kritiker, fernsehen, blabla. und dann der wondratschek: les den schmarrn nicht. guck das nicht. ist mir egal.
    manchmal bedauere ich es doch, so selten bis gar nicht fernzusehen.

  21. rollblau Says:

    Von Scheck hatte ich vor seiner Fernsehsendung noch nie etwas gehört (was aber auch durchaus meiner fehlenden Aufmerksamkeit angelastet werden darf), fand seine Rundum – Verrisse der Spiegel – Bestsellerlisten recht amüsant (zumindest solange ich selbst kein Autor bin), aber auch nicht weltbewegend. Kurz darauf begegnete er mir in einem Nachwort mit einer falschen Autorenzuordnung, was ich als eher peinlich empfand. Allgemein gesehen scheinen – gerade deutsche (österreichische) – Rezensenten vergessen zu haben, daß es neben ihrer auch die Meinung anderer gibt, die subjektiv immer auch berechtigt sein kann. Mag sein, da hat MRR einiges verdorben, und jeder möchte nun Literaturpapst sein („Wir sind Papst“ – nein, seid Ihr nicht !!!). Baß erstaunt hat mich nur eine Entscheidung – die für Dario Fo, aber auch ich sehe mich nicht als Maßstab der feuilletonistischen Welt. Wie könnte ich denn auch. Das Bashing gegen Jelinek war schon unerträglich, auch wenn die Allergiepunkte schon nachvollziehen konnte, die aber wiederum nicht von allen geteilt werden (müssen). Bei Pinter haben sich zwei massiv vergaloppiert und – das ist für mich weitaus schlimmer – gründlich im Ton vergriffen. Und verstehen tu ich die Argumentation von Frau Löffler auch nicht ganz : Der Nobelpreis ist kein aspekte – Literaturpreis für das beste Prosadebüt, kein Förderpreis für junge, aufstrebende Autoren, sondern doch schon eine Ehrung für ein – hoffentlich noch fortgesetztes – Lebenswerk und eine erreichte Stellung in der literarischen Welt. Und wer mag behaupten, daß Pinter nicht weitergeschrieben hätte, wäre er nicht an Krebs erkrankt, wer kann voraussehen, ob er nicht doch noch etwas veröffentlicht, wenn ihn Tony Blair genug piekt ? Und noch das : ein Gremium hat eine Entscheidung getroffen, es war keine Entscheidung der Weltbevölkerung, die weder hätte organisiert werden können noch relevant gewesen wäre, denn wer, um Himmels Willen wollte einen Nobelpreisträger für Literatur, der derartig massenkompatibel wäre (sagen wir S. King oder J.K.Rowling), und das auch nur in dem Bewußtsein, daß es relevante Autoren für Nichtleser (und strukturelle Analphabeten) schon per se nicht geben kann. Sorry, letzteres war dann meine Bosheit zum Anlaß. LG rollblau

  22. nja » Blog Archive » die Frivole gegen Haider Says:

    […] Die Jelinek – ein Schreck fürScheck – ist schlimmer noch für Matussek. […]

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