Mittwoch, 14.05.2014 | 09:33 Uhr

Autor: Chris Inken Soppa

Backfisch mit Perspektive. „Lene im Schilf“: Salem-Novela von Felicitas Andresen

Da ist eine, die ganz genau weiß, wovon sie redet. Lene ist gebildet, clever, vorwitzig, Salemer Internatsinsassin, und … äh … ein Backfisch, so sagte man damals, denn sie lebt in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie teilt Tisch und Schlafsaal mit Diplomatenkindern und künftigen Königinnen. Sie hadert mit ihren Haaren, ihrem runden Bauch, ihrem Hang zum Genießen. Sie redet so geschwollen daher als habe sie mehr Bücher als Freunde. Sarkastisch ist sie, ungerührt, unberührt und ach so verletzlich!

Das, was man als harte Wirklichkeit bezeichnet, kennt sie noch nicht. Es sind eben die Fünfziger, da gibt es keine Bravo, bloß Bienen und Blumen. Auf dem Gymnasium lernt man töpfern, Latein, die großen Klassiker. Zum Glück hat Lene eine betuchte Freundin. Von der wird sie eingeladen, die Ferien gemeinsam in einem großen Haus am großen See zu verbringen. Dort gibt es eine lebenslustige Tante und einen Dr. Bonkow, von dem keiner genau weiß, ob er Vetter oder Onkel ist. Er übt sich in Geigenklang und Zurückhaltung, beides mit unterschiedlichem Erfolg. Außerdem ist er unvorstellbar alt, sicher schon über dreißig. Am Strand knetet Lene eine Frau aus Ton mit offenem Mund und einem Loch zwischen den Beinen. Schüttet Wasser hindurch und ahnt, dass das Leben einfach und verzwickt sein kann und dass sie mit ihrem Latein ab sofort am Ende ist. Knapp, ganz knapp steht sie vor einer Antwort, dann kommt doch wieder alles anders.

Vom ersten Satz an ist der Leser mit an Bord. Schmunzelt über Lenes ureigene Respektlosigkeit, die nahtlos in großes Gefühl übergehen kann. Gewürzt ist die Erzählung mit eingestreuten Perspektivkörnchen eines rund vierzig Jahre älteren Ichs, das dem schlagfertigen Backfisch augenzwinkernd und ein bisschen wehmütig über die Schulter schaut.

Wie schafft man es nur, so wunderbar frisch zu schreiben? Felicitas Andresen war auch mal in Salem, irgendwann im letzten Jahrtausend. Welche Details aber biographisch sind, verrät uns die listige Autorin nicht. Braucht sie auch nicht. Ihre muntere Salem-Novela bringt dem Lesenden unwillkürlich die eigene Jugend zurück und noch mehr. Egal, ob halbstark, Teenager, Backfisch oder junges Leut von heut, wir waren schließlich alle mal ein bisschen Lene.

 

Erschienen im GamY-Verlag dw, 2012

ISBN 978-3-8442-7168-3

Preis: 12,95 EUR

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