Dienstag, 04.01.2011 | 03:36 Uhr

Autor: JosefBordat

Ausblick ins Anthropodizän

Christian Schwägerl entwirft in „Menschenzeit“ ein äußerst spekulatives Zukunftsbild

Vor einem durchaus ernsten Hintergrund, nämlich der ökologischen Krise unserer Tage, die wir mit dem Schlagwort „Klimawandel“ diskursiv zu bändigen versuchen, entwirft der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl ein Zukunftsszenario in programmatischer Absicht, das – soweit wird man ihm folgen können – den Menschen in die Verantwortung nimmt, das aber trotzdem nicht überzeugen kann, denn die ihre eigenen Voraussetzungen nicht weiter problematisierende Darstellung eines wissenschaftlich-technischen Zukunftsidylls leidet an allzu groben Zügen und überzogener Spekulier- und (an einigen Stellen) auch Fabulierlust. Menschenzeit ist das Ergebnis eines Schreibprozesses, bei dem mindestens so viel aus- wie nachgedacht wurde, bei dem der Erzähler dem Wissenschaftsjournalisten oft die Feder aus der Hand nahm.

Der Autor diagnostiziert zunächst richtig das Problem der Gegenwart: Die Kredite sind „faul“ (S. 39), die Meere „leer“ (S. 42), die biologische Vielfalt bedroht, weil eine „Ökonomie der Zerstörung unaufhörlich am Werk“ ist (S. 52). Um uns herum versinkt die Welt, trotzdem gilt „business as usual“: „Bisher ist kein echter Lernprozess zu erkennen.“ (S. 75). Das ist, so traurig es sein mag, im Grundsatz allgemein bekannt.

Schwägerl beschreibt dann sehr eindringlich und immer noch richtig, wie der Mensch durch die Herrschaft über das Leben „sein“ Zeitalter eingeläutet hat, das „Anthropodizän“ (Crutzen). Im Zuge der wissenschaftlich-technischen Verfügung über die nicht-menschliche Natur und zunehmend auch über den menschlichen Körper tun sich einerseits Chancen, andererseits Risiken auf. Der Mensch stößt auf seiner Suche nach dem Schlüssel des Lebens an ökologische und ethische Grenzen. Das ist ebenfalls bekannt, auch, dass Lebenswissenschaft und Bio-Politik sehr ambivalent wirken: Auf der einen Seite wird neues Leben zu erschaffen versucht, auf der anderen Seite wird ständig bestehendes Leben zerstört – und kaum jemanden interessiert’s. Anthropodizän, das bedeutet einerseits „Zeitalter der Zellzucht und der künstlichen Lebewesen“ (S. 140), anderseits eine „Nivellierung der Biodiversität“ aufgrund „extremer Ignoranz“ und „Nutzdenken“ (S. 146). Das gipfle darin, dass der Mensch, so Schwägerl, einerseits mit Nachdruck an einer „neuen Dimension des Schöpfens“ (S. 147) arbeite, andererseits nicht wissen wolle, was an Vielfalt in der bestehenden Schöpfung vorhanden ist, um nicht erkennen zu müssen, wie viel er davon gerade dabei ist zu zerstören. Das sind die Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen des Anthropodizän. Schwägerl nennt diese Mischung aus Machtphantasie und Desinteresse eine „ungute Kombination“ (S. 146). Das ist zurückhaltend ausgedrückt. Ich meine, an dieser Stelle könnte man mit einigem Recht die „schöne neue Welt“ mit einem schönen neuen terminus technicus charakterisieren: total pervers.

Nun zur Zukunft. Hier liegt in der Projektion Schwägerls einiges schief. Zunächst übertreibt es Schwägerl etwas mit seiner blumigen Sprache. Die Metaphern und Allegorien machen die Sache, um die es geht, nicht unbedingt verständlicher. Er bringt damit sein Sachbuch des öfteren an den Rand der Belletristik. Andererseits ist vieles von dem, worüber Schwägerl spekuliert, ohnehin „Science Fiction“. Etwas anderes ist auch nicht zu erwarten, denn der Autor spricht über die Zukunft, eine mögliche Zukunft, in der Wissenschaft und Technik prägend sind. In dieser will er den Drang des Menschen zum Profit gebändigt wissen, damit die großen lebenswissenschaftlichen Projekte nicht in der Katastrophe enden. „Bewusstseinsreifung“ (S. 150) ist das Stichwort.

Bewusstsein, das nannte man früher „Seele“ – ein Exkurs zur Religion liegt nahe. Der kommt auch, stellt sich aber als erschreckend schwach heraus. In einer Mischung aus vermeidbaren Missverständnissen, gespielter Naivität und gezielter Desinformation kriegen – ganz nebenbei, so scheint es – Kirche und Papst als eigentliche Quelle allen Übels ihr Fett weg. Die Seiten 159 bis 163 sind der Tiefpunkt des Textes, stehen zugleich in dessen Mitte. Auch wenn es in der potentiellen Zielgruppe zum guten Ton gehören mag, immer mal wieder so wahrheitswidrig wie beiläufig gegen die Kirche als Universalfeindbild des modernen Menschen zu polemisieren, schadet der Autor mit dieser wohlfeilen Darstellung ganz erheblich seiner Seriosität, weil jeder Mensch mit Internetanschluss binnen weniger Minuten Recherche die (höflich gesagt) „Ungereimtheiten“ der schwägerlschen Einlassungen aufdecken kann. Die Passage über Kirche und Papst ist leider so haarsträubend tendenziös und fehlerhaft, dass eine detaillierte Auseinandersetzung den Rahmen dieser Rezension sprengen würde, doch zugleich ist das Vorgehen Schwägerls so frappierend typisch für mediale Darstellungen zu Kirche und Papst, dass eine gesonderte Betrachtung geboten ist. Diese muss an anderer Stelle erfolgen. In dem Text Ratgeber Kirchenkritik. Kapitel eins: So nicht! erläutere ich meine Einschätzung. Für die nachfolgende Besprechung sei das Thema ausgeklammert. Problematisch, um das noch anzufügen, ist die implizierte Frontstellung Religion vs. Wissenschaft allemal, und die katholische Kirche, der jeder sechste Mensch angehört, als Teil des Problems aufzufassen, ist nicht nur absurd (Begründung – wie geschrieben – an anderer Stelle), sondern schon taktisch äußerst unklug.

Auch wenn das mechanistische Menschenbild Richard Dawkins‘, „der leider als einer der Wortführer der Biologie gilt“ (S. 174), zugunsten einer holistischen Betrachtung à la Humboldt verworfen wird – „Bewusstsein“ und „Geist“, „Kultur“ und „Religion“ sind letztlich für Schägerl allesamt Naturphänomene, die sich evolutionär verhalten. Zugleich steht die Regel- und Steuerbarkeit dieser Entwicklungsprozesse durch Wissenschaft und Technik für den Autor außer Frage. Letztlich ist Schwägerls Ansatz ein szientistischer, was besonders deutlich wird, wenn er in Szenarien von der Zukunft spricht.

Diese Zukunft mit ihren nicht feststellbaren Entwicklungen zu leugnen sei ebenso falsch wie sie einfach „auf sich zukommen“ zu lassen. Schwägerl greift das Konzept des „Langen Jetzt“ (S. 268) auf, einer Gegenwart, die für die Zukunft offen ist und die deren Entwicklung verantwortungsbewusst antizipiert, damit „die Handlungs- und Denkspielräume […] größer werden statt kleiner“ (S. 269). Das bringt ihn auf das Thema Klimawandel, in dem es um die (fernere) Zukunft geht, die deswegen aber nicht ethisch und politisch irrelevant sei. Zum berühmtesten Zahlendreher der jüngeren Wissenschaftsgeschichte (2035/2350) merkt er an, dass dies zwar für den IPCC „peinlich“ sei (S. 271), es aber letztlich für unsere jetzigen Handlungsoptionen egal ist, wann die Gletscher geschmolzen sein werden, bereits im Jahr 2035 oder erst im Jahr 2350. Denn: Warum sollte für uns das Schicksal der Menschen in 30 Jahren relevant, das in 300 Jahren aber völlig egal sein? An der Grundausrichtung ändere die Variante 2350 nichts, auch wenn es freilich weit beruhigender ist, mehr Zeit zur Verfügung zu haben. Dennoch: Handeln müssen wir jetzt. So oder so.

Schließlich entwirft Schwägerl das Bild einer ökologisch orientierten Zukunft, in der allerdings der Teufel im Detail steckt. Wer um die Probleme mit humanitären Interventionen (der erste Kreuzzug Ende des 11. Jahrhunderts würde heute als eine solche durchgehen) und die Schwierigkeiten mit den „Blauhelmen“ weiß, wird sich hüten, als Teil des Zukunftstraums leichtfertig „Grünhelme“ für ökologische Interventionen einzuführen (S. 283), zumal hier die Frage im Raum steht, wo genau Demokratie endet und (Öko-)Diktatur beginnt. Zudem verbleibt Schwägerl im Paradigma der Machbarkeit technischer Eingriffe und Verfügungen über die Natur. Da wird man „im 22. oder 23. Jahrhundert“ mal eben „das Klima beeinflussen“ und „ganze Ökosysteme regulieren“ können und es gibt „bionische Unterseeboote, die den Plastikmüll der Meere auffressen und in ihren eigenen Treibstoff verwandeln“ (S. 283). Der Autor schreibt damit die Hybris menschlicher Regel- und Steuerfähigkeit in utopistischer Manier fort. Das Problem wird zur Lösung. Das kann nicht überzeugen. Ebenso wenig, wie der Versuch, künftige Wissenschaft als wertneutral vorzustellen. Wodurch wird sie das plötzlich, nachdem sie es nie gewesen ist, weil sie als Kulturphänomen von Beginn an auf ihre weltanschaulich geneigten gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen angewiesen war? Wodurch wird das Grundmotiv wissenschaftlichen Handelns denn abgelöst, das der Vater der modernen Naturwissenschaft, Francis Bacon, so schön auf den Punkt brachte: „Wissen ist Macht.“? Schwägerl bleibt die Antwort schuldig und berichtet statt dessen von der „Blütezeit der Wissenschaft“ (S. 285), in der sich auch moralische Fragen auflösen wie Plastikmüll im U-Boot-Tank, denn: „Das Zusammenfließen von Natur und Moral, das Generationen von Philosophen als unmöglich erachtet haben, wird spürbar.“ (S. 289). Was genau „Generationen von Philosophen“ zur Skepsis gegen naturalistische und biologistische Modelle von Moralität anhielt und -hält, und vor allem: Warum, lässt Schwägerl wieder offen. Es spielt in der Zukunft offensichtlich keine Rolle mehr, in der Zukunft, in der die Neurobiologie zum Schlüssel der „natürlichen Bewusstseinsreifung“ wird, während Metaphysik oder gar Religion im „Anthropodizän“ nicht mehr vorkommen, obwohl sie heute immer noch als Humanissimum schlechthin gehandelt werden.

Christian Schwägerls ambitioniertes Buch greift ein wichtiges Thema auf, muss aber letztlich enttäuschen. Der Autor verhebt sich an der Komplexität der Natur- und Kulturphänomene, die er

in sein Zukunftsmodell einpreist. Wie sich Religion und Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Politik und Psychologie entwickeln, wissen wir nicht. Das wiederum weiß auch der Autor. Konkrete Aussagen, die vom 23. Jahrhundert sprechen, sind daher eine Mischung aus gewagter Projektion und reinem Wunschdenken, höchstens unterhaltsam, aber nicht der sachlichen Information dienlich. Sie mag zur Problemlösung im Hier und Jetzt motivieren, bietet dafür aber kaum hilfreiche, praktikable Ansätze. Am Ende noch über das Ende des „Anthropodizän“ zu spekulieren, damit bringt der Autor sein Buch endgültig an den Rand der Belletristik. Oder auch darüber hinaus. Als Sachbuch kann ich es nicht empfehlen.

Bibliographische Daten:

Christian Schwägerl: Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten
München: Riemann (2010)
319 Seiten, € 19,95
ISBN: 9783570501184

Josef Bordat

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Ein Kommentar

  1. Immo Sennewald Says:

    Das ist eine gründliche und sachkundige Kritik, die ich gern gelesen habe. Ich hoffe, Christian Schwägerl liest sie auch, denn wenn die hier beschriebenen Defizite „Der Autor schreibt damit die Hybris menschlicher Regel- und Steuerfähigkeit in utopistischer Manier fort.“ zutreffen, hat er gute Gründe, seine Positionen infrage zu stellen.
    Ohne das Buch zu kennen: Wer die Zukunft der Gattung dem Funktionieren technischer oder moralischer Dominanz anheim gibt, verdient nicht den Namen Autor. Er ist einer von vielen Mitplapperern und Mitläufern im Medienzirkus der Geldmaschinen.

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