Montag, 29.03.2010 | 16:32 Uhr

Autor: hedoniker

Abgestanden. Shane Jones – Thaddeus und der Februar

Wie wird man einem Buch gerecht, das sich konsequent den üblichen Verständnismustern entzieht? Einem Roman – Erzählung wäre treffender – eines Autors, der einen ungewohnten narrativen Weg geht. „Thaddeus und der Februar“ gibt sich geheimnisvoll. Der personifizierte Februar herrscht diktatorisch über eine Stadt. Trauer und Schwermut legen sich über die Stadt und ihre Bewohner. Es verschwinden Kinder, das Fliegen ist verboten, auch die Vögel verschwinden. Die Bewohner der Stadt beschließen, den Februar zu bekämpfen. Ihr Anführer wird der Ballonfahrer Thaddeus, dessen Tochter ebenfalls verschwand.

Schlussendlich wird der Februar besiegt, die Sonne kommt wieder.

Vieles in diesem Roman ist absurd, skurril, abgründig, immer lauert das Grauen im Hintergrund. Unerwartete Einschübe führen den Leser immer wieder in die Irre. Man erkennt literarische Vorbilder, die Shane Jones beeinflusst haben, es trifft Poe auf Carroll. An anderer Stelle listet Jones auf, welche Künstler, gleich ihm, Phantasiewelten zur Bekämpfung von Traurigkeit schufen. David Foster Wallace steht da neben Borges, Jim Henson und Walt Disney. Da braucht es Chuzpe, denn der Vergleich mit dem vorliegenden Roman wird unweigerlich gezogen.

Alles zusammen hätte das Potenzial zu einem fantastischen Stück gehabt, wenn … Ja, wenn Shane Jones sprachlich nicht auf ganzer Linie scheitern würde.

Entsetzlich hölzern der Stil, voller Redundanz der Text.
„Der Februar saß auf dem Boden einer Hütte mit einem Mädchen, das nach Rauch und Honig roch. Das Mädchen sagte zu ihm: Ich habe es satt, mit einem Mann zusammen zu sein, der so viel Traurigkeit mit sich herumschleppt.
Der Februar zog die Knien an die Brust und presste die Kniescheiben in seine Augenhöhlen.
Der Februar entschuldigte sich und wippte mit dem Oberkörper. Als er die Beine wieder austreckte, freute sich das Mädchen und rannte auf der Stelle.
Der Februar fragte sie, warum sie das machte. Um dich aufzumuntern, erwiderte das Mädchen, das nach Rauch und Honig roch […]“

Der Februar, der Februar, der Februar. Und das Mädchen, das nach Rauch und Honig roch, nach Rauch und Honig roch, nach Rauch und Honig roch. Und sie riecht, und riecht, und riecht.

Hier ist die Wiederholung nicht Kunstgriff, hier nervt sie einfach nur.

Dem Roman geht jegliche sprachliche Feinheit ab, Inhalt und Form laufen als einander vollkommen Fremde nebeneinander her. Wo Kunstfertigkeit nötig wäre, findet man gekünstelte Sprachfetzen.

Und das ist schade, denn es hätte gut werden können. So bleibt nach der Lektüre das Gefühl, statt des erhofften Festmahls mit einem Glas abgestandenen, lauwarmen Wassers abgespeist worden zu sein.

Shane Jones; Thaddeus und der Februar
Übersetzt von Christ Hirte
Eichborn Verlag
176 Seiten
16.95 Euro, 27.90 sFr
Januar 2010
ISBN:9783821861074

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3 Kommentare

  1. Marcel Says:

    Teilweise – da muss ich zustimmen – nerven die übermäßigen Wiederholungen. Gerade bei dem Mädchen, das nach Rauch und Honig riecht, fällt es unangenehm auf.

    Dass der Roman jedoch eine komplette sprachliche Katastrophe ist, da möchte ich widersprechen. An vielen Stellen finde ich die Sprache sogar sehr passend; als gelungene Unterstützung der erzeugten Atmosphäre, der Distanz, der Kälte.

    Ich möchte nicht bestreiten, dass dem Roman etwas fehlt – das sehe ich genauso – aber es liegt meines Erachtens nicht unbedingt an der Sprache…

  2. Immo Sennewald Says:

    Eichborn? Ist das nicht einer der Verlage mit den ganz dicken Marketingbudgets? Haben wir es hier mit einem Beispiel mehr für einen auf „Marktbedürfnisse“ optimierten, sehr mittelmäßigen Text zu tun?
    So’n bisschen Momo und „Man erkennt literarische Vorbilder, die Shane Jones beeinflusst haben, es trifft Poe auf Carroll. An anderer Stelle listet Jones auf, welche Künstler, gleich ihm, Phantasiewelten zur Bekämpfung von Traurigkeit schufen. David Foster Wallace steht da neben Borges, Jim Henson und Walt Disney. „… womöglich von all diesen Erfolgskonzepten etwas? Da würde ich dann doch einfach nur sagen: kotzwürg!

  3. hedoniker Says:

    Diesen Vorwurf würde ich Eichborn nicht machen. „Thaddeus“ ist viel zu sperrig, um mit der Veröffentlichung auf „Marktbedürfnisse“ zu schielen, der Roman entzieht sich eigentlich den gängigen ‚Bestseller‘-Schemen. Ich habe auch durchaus den Eindruck, dass „Thaddeus“ einigen im Verlag sehr am Herzen liegt, siehe das (kurze) Interview mit Karsten Kredel, dem Lektor des Buches: http://blog.lovelybooks.de/2010/02/21/4025/
    Und das kann man dem Verlag nicht vorwerfen, auch wenn es das Buch für mich nicht besser macht.

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