Sonntag, 24.09.2017

Autor: Immo Sennewald

REVOLUTION NOIR – Eine literarische Anthologie

revolution_noir“Revolution Noir” ist der Titel einer Anthologie mit Texten von 16 russischen Autorinnen und Autoren, darunter Julia Kissina, die das Buch beim Suhrkamp-Verlag herausgegeben hat. Sie hat jeden Beitragenden – außer sich selbst – mit einer skurrilen Zeichnung porträtiert, im Anhang finden sich Kurzbiographien. Alle Porträtierten erscheinen als weltläufige, mit Preisen und internationaler Beachtung ausgezeichnete Schriftsteller, einige mit Doppelbegabung als Maler wie Kissina, als Filmemacher oder Musiker.

Alexander Pjatigorski (1929 – 2009) Philosoph, Orientalist, emigrierte 1974 nach London, im selben Jahr wie Juri Mamlejew, (1931 – 2015), der in die USA ging, an der Cornell-Univerität unterrichtete, in den 90er Jahren nach Russland zurückkehrte, dort die literarische Bewegung des metaphysischen Realismus begründete. „Sprung in den Sarg“ heißt seine groteske Parabel auf die Rituale der Stalinistischen Schauprozesse. Sie zeigt, wie sich eine so unheilbar wie unspezifisch kranke Tante dem (Familien-)Kollektiv eines russischen Dorfes bis zur Selbstaufgabe unterwirft. Die Angehörigen wollen sie nicht mehr durchfüttern, also wird sie zu einem inszenierten Tod gedrängt. Figuren und absurde Dialoge erinnerten mich sogleich an Bulgakow, aber solche Assoziationen nehmen dieser wie  anderen Geschichten nichts von ihrer Originalität.

Pjatigorskis Spiel mit der unzuverlässigen Wahrnehmung und der noch unzuverlässigeren Erinnerung an einen Mord dagegen findet im globalen Dorf statt; die Kindheit der Handelnden in sowjetischen Zeiten wird austauschbar. Bei den Jüngeren Autoren ist das noch  deutlicher: Die meisten, in den 60er Jahren geboren, wuchsen heran, als der Stalin-Terror vorbei war, die Politbürokratie Breshnews ins Koma fiel und die Perestroika die Verhältnisse aufwirbelte. Allein diese Biographien lassen erwarten, dass ihr Blick auf Geschichte und Realität des eigenen Landes wie auf die Welt ein  besonderer ist.

Julia Kissina erläutert selbst in dem kurzen Essay „Abschied von Dostojewski“, was die „Russische Neue Welle“ oder „Dritte Avantgarde“ ausmacht. Sie entstand zu Beginn der achtziger Jahre, vom „Samisdat“ beflügelt, eine ihrer Hauptrichtungen nannte sich „Noir“. Natürlich fiel mir die zur selben Zeit florierende „Bohème des Ostens“ am Prenzlauer Berg ein. Literarische Unterströmungen finden sich überall in Diktaturen, längst formen sie eine eigene Tradition jenseits der offiziellen Kultur, und in diesem Jenseits finden sich länderübergreifend kollektive Geisteshaltungen der Subversion. Die von Kissina ausgewählten Texte offenbaren eine Fülle an einschlägigen Begabungen, einige gefielen mir besonders:

Polina Barskowa nähert sich in „Laubriss“ wunderbar poetisch Jewgeni Schwarz und Witali Bianki an, indem sie ihnen im apokalyptischen Leningrader Blockadegeschehen fiktiv begegnet. Mich hat gefesselt, wie sie sich dabei Literatur und Geschichte einverleibt. Andrej Monastyrski entführt als Ich-Erzähler, als “Der atheistische Spion” den Leser in einen von religiösen Wahnvorstellungen getränkten Alltag, auf eine philosophisch-literarische Gespensterbahn mit witzigen blasphemischen Wendungen. Waleri Nugatow zeigt Franz Kafka beim Abstieg ins literarische Establishment von Prag 1938. Der Außenseiter als Bestsellerautor und Familienvater – die schräge Idee leuchtet zumindest insofern ein, als jede Gesellschaft von ihren Außenseitern lebt – sie verdaut sie nur auf unterschiedliche Art.  Alexej Parschtschikow überrascht mit Beobachtungen eines Studenten der Veterinärmedizin, die ebenso scharf wie humorvoll und poetisch sind, und Pavel Pepperstein fliegt mit seinem „Menschenfresser-Flugzeug“ quer durchs Genre moderner Schauergeschichten. Die spröden Liebesgeschichten von Julia Belomlinskaja führten mich wieder zurück in die 80er Jahre und mein eigenes Erleben: Wer damals wirklich befreit schreiben wollte, durfte nach einer Öffentlichkeit nicht fragen, er oder sie tauchte bestenfalls in eines der jenseitigen Kollektive ein, wo man meist befristet liebte und überlebte. Der von mir hochgeschätzte Vladimir Sorokin schließlich ist mit einem wunderbar durchgeknallten, rabenschwarzen Capriccio zum Thema Globalisierung vertreten.

Natürlich gefällt so etwas – wie das ganze Buch – Leuten mit einem Nagel im Kopf, die schreiben um zu überleben. Gleichwohl wird seine Qualität auch diejenigen überzeugen, die noch nicht ganz vom wohlgefälligen Geräusch der Quotenmaschinen betäubt sind. Das ist nicht zuletzt den Übersetzern zu danken. Ohne mir ein fachlich begründetes Urteil anzumaßen: Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann, Annelore Nitschke und Olga Radetzkaja finden einen jeweils besonderen Ton für ihre Autoren. Derlei läse ich gern öfter, auch wenn sich mir nicht alle Texte erschließen wollten. Die Übersetzer sollen gelobt sein, vor allem die mit engen Kontakten ins Jenseits.

„Revolution Noir – Autoren der russischen Neuen Welle“ von Julia Kissina, 299 Seiten, Suhrkamp 2017, 24 €

 

Samstag, 23.09.2017

Autor: oliverg

#literaturwelt Ralf Jandl: „Es reicht. Eine Streitschrift zum kollektiven Unbehagen in Deutschland“ (Video-Review)

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Samstag, 23.09.2017

Autor: Andreas Schröter

Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel

Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel«In „Nacht ohne Engel“ von Ulrich Woelk trifft der Berliner Taxifahrer Vincent nach 25 Jahren seine Jugendliebe Jule wieder. Sie sitzt plötzlich in seinem Taxi. Doch die beiden ehemals linken Demonstranten haben sich auseinanderentwickelt. Sie ist eine erfolgreiche Wirtschafts-Fachfrau geworden, während er zumindest beruflich auf der Strecke geblieben ist.

Und so sind in diesem kurzen Roman, der mit vielen Rückblenden arbeitet, auch die unterschiedlichen Lebensentwürfe Thema: einerseits angepasst und wirtschaftlich erfolgreich, andererseits der ewige Taxifahrer mit Hang zum Schreiben.

Interessant ist die Nebenfigur Roger, die sich vom linken Chefideologen zu einem Mann entwickelt, der nur noch den kommerziellen Erfolg seines Unternehmens im Kopf hat.

„Nacht ohne Engel“, das in Titel, Siegessäulenmotiv und Anspielung im Text auf den Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“ verweist, ist ein Roman, der sich locker weglesen lässt, der aber andererseits – unter anderem wegen eines leichten Hangs zu Klischees – wohl nicht länger in Erinnerung bleiben wird.

Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel.
dtv, September 2017.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Freitag, 22.09.2017

Autor: oliverg

B. Traven „Das Totenschiff“ (Video-Rezension) 

Mittwoch, 20.09.2017

Autor: Andreas Schröter

George Watsky: Wie man es vermasselt

George Watsky: Wie man es vermasselt«Der 1986 geborene amerikanische Rap-Musiker George Watsy kann auch richtig gut schreiben, wie er mit seiner ersten Buchveröffentlichung „Wie man es vermasselt“ beweist. Auf enorm witzige und unterhaltsame Weise erzählt er darin in mehreren kürzeren Erzählungen aus seinem Leben. Es geht um Watskys Erfahrungen beim Baseball, mit den Frauen, als WG-Mitbewohner, beim Schmuggeln eines Narwal-Stoßzahns von Kanada in die USA oder auch um eine Band-Tour mit einem klapprigen Bus durch die Staaten.

Was dieses Buch so unglaublich sympathisch macht, ist die schonungslose Selbstironie, Offenheit und Ehrlichkeit, mit der Watsky zu Werke geht. So schreckt er auch nicht vor allerlei Peinlichkeiten zurück, die ihn keineswegs in einem guten Licht dastehen lassen.

Dabei ist dieses Buch weit davon entfernt, ein Loser-Roman zu sein. Im Gegenteil: Man könnte ihn auch so lesen, dass sich hier jemand trotz vieler Rückschläge einfach nicht unterkriegen lässt und weiterhin das macht, was ihm Spaß macht – Rap-Musik machen –, selbst dann, wenn ihn einmal auf einem Konzert nur drei gelangweilte Zuschauer anglotzen. Ein positives, Mut machendes Buch.
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George Watsky: Wie man es vermasselt.
Diogenes, August 2017.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Freitag, 08.09.2017

Autor: Andreas Schröter

Thomas Lehr: Schlafende Sonne

Thomas Lehr: Schlafende Sonne«Ich lege ein Buch nur sehr selten vor dem Ende aus der Hand – besonders natürlich, wenn ich es für diese Buchseite lese, um anschließend eine Besprechung darüber zu schreiben. Im Fall von Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“ ist mir das Weiterlesen jedoch schlicht nicht möglich. Der Roman fängt so an: „Dein Stern, Jonas, nähert sich als fahles Licht, das in die Straßen fällt wie Staub aus einer anderen Welt. Dort liegt es nun mit sich verstärkendem Glanz. Bald wird etwas sichtbar werden, in der Mitte der Stadt. Das Ereignis (aber auch deine kleinen Schweinereien!). Die von obskuren Handzetteln versprochene Offenbarung. Ankündigung der Göttin der Kernfusion, die es mit atomaren Lichtblitzen an den Tag bringt.“

Davon verstehe ich – einfach ausgedrückt – nichts. In dem Stil geht es dann die nächsten 638 Seiten weiter, wie einzelne Stichproben ergeben. Laut Ankündigung bei Amazon handelt der Roman von dem Dokumentarfilmer Rudolf, der die Ausstellung seiner ehemaligen Studentin Milena besucht. Von dieser Handlung ist auf den Seiten, die ich gelesen habe (also etwa bis Seite 35), nichts auch nur zu erahnen. Zumindest für mich.

Thomas Lehr ist ein Autor, der die Form über den Inhalt stellt. Ich einem anderen Roman – „September. Fata Morgana“ – hat er offenbar mal sämtlich Satzzeichen weggelassen. Letztlich nichts für mich.
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Thomas Lehr: Schlafende Sonne.
Hanser, August 2017.
640 Seiten, Gebundene Ausgabe, 28,00 Euro.

Mittwoch, 06.09.2017

Autor: Andreas Schröter

Grégoire Hervier: Vintage

Grégoire Hervier: Vintage«Rock- und Bluesfans sei hiermit ein Roman des französischen Autors Gégoire Hervier ans Herz gelegt: „Vintage“ heißt er. Darin erhält ein junger Musiker und Journalist den Auftrag, Beweise für die Existenz einer E-Gitarre zu finden, die ihn Kennerkreisen Kult- und Legendenstatus genießt: die Gibson Moderne von 1957. Es ist nicht sicher – sowohl in diesem Roman, als auch in der Wirklichkeit –, ob diese Gitarre wirklich existiert oder zumindest existiert hat oder ob die Gitarrenbaufirma Gibson damals lediglich Pläne davon angefertigt hat, das gute Stück aber nicht gebaut hat. Der Heilige Gral der E-Gitarren sozusagen und heute von unschätzbarem Wert, sollte wirklich ein Exemplar davon auftauchen.

Unser Held reist quer durch die Staaten, trifft einen aggressiven Elvis-Imitator, der möglicherweise eine solche Gitarre besitzt, einen japanischen Sammler, der Gleiches von sich behauptet, oder eine kenntnisreiche Musikwissenschaftlerin an der Universität von Mississippi, um nur einige zu nennen. Ganz nebenbei erfährt der Leser jede Mange Wissenswertes aus der Rock- und Bluesgeschichte. Zum Beispiel, dass Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page viele Jahre am Loch Ness ein Haus besessen hat, das einst dem legendären Hexenmeister Aleister Crowley gehört hat – das Boleskine House, wo der Roman ganz im Stile eines Grusel-Schockers beginnt. Vielen Rockmusikern wird schließlich eine Nähe zum Okkulten nachgesagt – zum Beispiel den Heavy-Metal-Bands Iron Maiden oder Black Sabath.

„Vintage“ ist dabei immer eine gelungene Mischung aus real existierenden Bands und Orten und Fiktion. Aber selbst Leser ohne Faible für Rock und Blues sollten Gefallen an diesem Buch finden. Es ist ganz einfach ein enorm spannender Schatzsucher-Krimi.
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Grégoire Hervier: Vintage.
Diogenes, August 2017.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Freitag, 01.09.2017

Autor: oliverg

#literaturwelt Fehringer/Köpf: „Poesie des Tötens“ (Review)

Freitag, 25.08.2017

Autor: oliverg

Video-Review: Zig Ziglar: ‚Ziglar on Selling‘

Freitag, 25.08.2017

Autor: Andreas Schröter

Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen«Der große amerikanische Erzähler Richard Ford („Unabhängigkeitstag“, „Die Lage des Landes“) hat ein schmales Bändchen vorgelegt, in dem er sich an seine Eltern Parker und Edna erinnert. Und weil er die beiden als eigenständige Persönlichkeiten sieht, widmet er beiden jeweils ein eigenes Kapitel, wobei er den Teil über den Vater 30 Jahre später geschrieben hat als den über die Mutter.

Parker Ford war von den 30er- bis 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts Handlungsreisender für Wäschestärke in den Südstaaten der USA. Zusammen mit seiner jungen Frau führte er anfangs ein Nomadenleben. Das änderte sich, als 1944 der kleine Richard geboren wurde …

„Zwischen ihnen“ – so heißt das wieder von Frank Heibert übersetzte Büchlein – ist literarisch nicht so hochstehend wie die Romane Fords. Etwas zu oft muss der Autor gestehen, dass er dieses und jenes aus dem Leben seiner Eltern schlicht nicht weiß. Andererseits vermittelt der Text einen atmosphärisch dichten Eindruck vom Alltag in den Südstaaten von vor rund 70 Jahren.
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Richard Ford: Zwischen ihnen.
Hanser, August 2017.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Dienstag, 22.08.2017

Autor: Andreas Schröter

Ingrid Kaltenegger: Das Glück ist ein Vogerl

Ingrid Kaltenegger: Das Glück ist ein Vogerl«Was für ein schönes Buch: Der Österreicherin Ingrid Kaltenegger gelingt mit „Das Glück ist ein Vogerl“ ein herrlich leichter und amüsanter Roman, der niemals in Klamauk umschlägt.

Wichtige Erfolgszutat ist die Sprache, denn die Autorin bedient sich einer milden Form des österreichischen Dialekts: Ein Vogel ist eben ein Vogerl, ein Tisch ein Tischerl und ein T-Shirt ein Leiberl. Außerdem haben alle Namen einen Artikel – der Franz trifft den Egon.

Für deutsche Leser entsteht dadurch eine eigenartige, verzaubernde Sprachmelodie, die fast so etwas wie Poesie erzeugt.

Inhaltlich geht‘s um den Franz, der mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hat. Sein Gitarrenschüler – der Johannes – hat kein Talent, seine Ehe mit der Linn kriselt und seine Tochter – die Julie – steckt tief in der Pubertät.

Zu allem Überfluss wird der Franz auch noch vom Geist eines kürzlich gestorbenen alten Mannes – dem Egon – verfolgt, der es sich in den Kopf gesetzt hat, seine Jugendliebe – die Malli – aus dem Koma zu erwecken. Ziemlich viele Probleme für einen einzelnen Mann, aber in guter literarischer Tradition der sympathischen Loser gelingt es auch diesem Vertreter, den Leser ganz schnell für sich einzunehmen.

Man hat einfach tiefstes Verständnis für den Franz, wenn er mit den abgehobenen Glücks-Ratschlägen eines Lebenshilfeseminar-Anbieters – des Scotts – wenig bis gar nichts anfangen kann. Der Scott hat übrigens ein Auge auf die Linn geworfen und sein Seminar heißt„The Elevator to Happiness™“, also „Der Fahrstuhl zum Glück“, womit auch das Umschlagsbild erklärt wäre.

Fehlt noch die Bedeutung des Titels. Es ist der Name eines volkstümlichen Schlagers, den die Malli so gerne gehört hat.

Donnerstag, 10.08.2017

Autor: oliverg

#literaturwelt „Rocky und seien Bande / Wer stimmt für Mia?“ Valentin/Gibert


Donnerstag, 10.08.2017

Autor: Immo Sennewald

Der Affenkönig und die Kommunistin

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses” (hier im „Projekt Gutenberg“ nachzulesen), eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte: Es gab keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.

Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.

JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.

Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich dieSchattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.

Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich dagegen würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.

Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortrefflichen Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht. Darüber demnächst mehr.

Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.

Mittwoch, 09.08.2017

Autor: Andreas Schröter

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater«Die grauenhafte Kindheit eines Jungen in Lyon in den 60er-Jahren ist Thema in Sorj Chalandons Roman „Mein fremder Vater.“ Der kleine Émile muss mit einem bösartigen Mann klarkommen, der ihn grundlos schlägt, ihn nächtelang im Schrank einsperrt (die „Besserungsanstalt“), ihm das Abendessen streicht und ihn in eine obskure Widerstandsgeschichte verwickelt, von der lange nicht klar ist, ob sie etwas mit der Wirklichkeit zu hat oder ob der Vater sie sich nur ausgedacht hat. Die Mutter, die ebenfalls den Gewaltausbrüchen ihres Mannes ausgeliefert ist, schweigt zu den Vorkommnissen und sagt nur: „Du weißt doch, wie dein Vater ist.“

Die Lektüre dieses Romans ist aufwühlend. Man empfindet beim Lesen starkes Mitleid mit dem leidgeprüften Jungen und fragt sich, warum die Mutter das Martyrium ihres Sohnes duldet.

Natürlich ist das Buch ein Plädoyer für einen liebevollen Umgang mit den eigenen Kindern. Es zeigt, wie sehr die Kleinen unter Erwachsenen leiden können, die ihnen nicht wohlgesonnen sind, und wie wehrlos sie ihnen mitunter ausgeliefert sind.

Kleiner Kritikpunkt: Die Geschichte tritt vielleicht einen Tick zu lang auf der Stelle, kommt nicht recht voran: Émile leidet, sein Vater quält ihn – das bleibt lange der Status Quo. Erst am Ende kommt Bewegung in die Handlung.

Trotzdem: ein gutes und wichtiges Buch.
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Sorj Chalandon: Mein fremder Vater.
dtv, August 2017.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Samstag, 05.08.2017

Autor: Andreas Schröter

Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre

Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre«Einen einfühlsamen Liebesroman erzählt der 1962 geborene italienische Schriftsteller Andrea Canobbio mit seinem neuesten Werk „Drei Lichtjahre“. Darin verlieben sich der Arzt Viberti und die Ärztin Cecilia ineinander, die jedoch beide so schüchtern, zögerlich, verhalten und manchmal widersprüchlich agieren, dass sie wie die berühmten zwei Königskinder lange nicht zusammenkommen können. Das rächt sich: Irgendwann tritt die Schwester der Ärztin – Silvia heißt sie – auf den Plan. Sie hat bei ihrer berühmten Teezeremonie weit weniger Skrupel …

Canobbio erzählt seine Geschichte aus den Perspektiven der drei beteiligten Figuren, wodurch ein und derselbe Vorgang oft dreifach vorkommt. Das sorgt für eine Genauigkeit, die man in anderen Romanen selten findet. Kleinste Gemütsregungen werden thematisiert, wodurch der Leser die Figuren genau kennenlernt. Da bleibt nichts an der Oberfläche.

Eigentlich gibt es sogar noch eine vierte Figur, die ab und zu als Erzähler auftaucht und die gesamte Geschichte mit einem Abstand von mehreren Jahrzehnten erzählt. Es handelt sich dabei um den Sohn des Arztes. Aber wer die Mutter ist, wird erst ganz am Ende verraten. Ein gelungener Trick, um zusätzliche Spannung beim Leser aufzubauen.

Die ist zuweilen auch nötig, denn die Kehrseite der langsamen und genauen Erzählweise ist natürlich eine gewisse Langatmigkeit. „Nun werdet doch endlich ein Paar“, möchte man Cecilia und Viberti als Leser an der einen oder anderen Stelle zurufen.

Weil Canobbio mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit seiner drei Figuren arbeitet, verlangt dieser Roman ein gewisses Maß an Konzentration, um ihm immer folgen zu können. Dennoch: Wer auf Liebesgeschichten steht, dem sei dieser Roman hiermit empfohlen.

Autor Andrea Canobbio hat in seiner Heimat Italien für seine Romane bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
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Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre.
Rowohlt, Juni 2017.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Freitag, 28.07.2017

Autor: oliverg

Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht – nach Illustrationen von Gustave Doré (Videoreview)

Montag, 17.07.2017

Autor: oliverg

Frank Schätzing: „Limit“ (Video-Review)


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