Mittwoch, 20.06.2018

Autor: Andreas Schröter

Richard Russo: Immergleiche Wege

Richard Russo: v«Pulitzer-Preisträger Richard Russo hat ein Buch mit vier Erzählungen geschrieben, in denen Akademiker im Mittelpunkt stehen, die bereits etwas älter sind. Sie müssen feststellen, dass sie ihr Plus an Lebenserfahrung nicht davor bewahrt, Rückschläge einzustecken. Eine Uni-Dozentin sieht sich mit einem Plagiatsfall konfrontiert, ein Immobilienmakler ist an Krebs erkrankt und ein Drehbuchautor wird von der Filmbranche böse hintergangen.

Die längste Geschichte handelt von einem Englisch-Professor, der sich in Venedig verliert. Diese Geschichte, die womöglich die stärkste im ganzen Buch ist, hat Parallelen zu der berühmten Thomas-Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“. Unser Held hat Schwierigkeiten mit seinem Handy, er verirrt sich und weiß nicht recht, wie er mit den Avancen einer Frau umgehen soll, die zu seiner Reisegruppe gehört. Außerdem schwelt seit Jahren ein Streit mit seinem Bruder, einem vorlauten, redewandten, aber oberflächlichen Mann, der somit das genaue Gegenteil der in sich gekehrten Hauptfigur ist. Dieser Gegensatz taucht auch noch in anderen Geschichten auf.

Insgesamt ein gutes Buch, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie Russos hochgelobter Roman „Ein Mann der Tat“ aus dem Jahr 2017.
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Richard Russo: Immergleiche Wege.
DuMont Buchverlag, Mai 2018.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Donnerstag, 31.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält«Tom Hazard ist 439 Jahre alt, sieht aber aus wie 40. Er gehört zu einer Gruppe von Menschen, die nur sehr langsam altern. Die meisten von ihnen sind Mitglied in einer Gesellschaft an, deren Boss die eiserne Regel „Du darfst nicht lieben“ ausgibt – denn eine solche Liebe zu einem Normalsterblichen, den „Eintagsfliegen“, müsste erstens unweigerlich traurig enden und könnte zweitens dazu führen, dass die Tarnung der Langlebigen auffliegt. Alle acht Jahre müssen sie ihre Identität aus Angst vor Entdeckung wechseln.

Unser Held Tom war und ist natürlich dennoch verliebt: Anfang des 17. Jahrhunderts in Rose, der er viele Jahrhunderte nachtrauert, und in der Gegenwart in Camille, die seinem Geheimnis auf die Spur kommt …

„Wie man die Zeit anhält“ ist ein guter Unterhaltungsroman, den man schnell weglesen kann, der aber zwischendrin auch seine Längen hat – wenn Tom allzu lange seiner Rose nachtrauert, ansonsten aber wenig passiert.

Zum Ende hin wird‘s etwas kitschig und der durchaus positive Ersteindruck wird ein wenig getrübt.

Die Gesamtaussagen des Romans, „Carpe Diem!, also: Lebe in der Gegenwart!, Lebe nicht in ständiger Angst! und Liebe!, sind letztlich nicht allzu überraschend.

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Dienstag, 29.05.2018

Autor: Andreas Schröter

David Mitchell: Slade House

David Mitchell: Slade House«Wer auf den guten alten englischen Schauerroman steht, den man am besten nachts mit Taschenlampe unter der Bettdecke liest, der sollte unbedingt „Slade House“ von David Mitchell lesen. Die sprichwörtliche Gänsehaut kriecht einem den Rücken hinunter, und man möchte den Protagonisten ständig zuschreien: „Nein, um Himmels Willen, geh nicht durch dieses schmale Törchen!“

Natürlich kümmern sich Romanfiguren in aller Regel nicht um solche Leserwarnungen, und so durchschreiten sie denn doch jedes Mal am „Tag der offenen Tür“ jenes Törchen. Es zeigt sich nur alle neun Jahre am letzten Samstagabend im Oktober und befindet sich in einer ausgesprochen düsteren, nebeligen und kalten Gasse irgendwo in England.

Wer hindurchgeht, dessen Seele ist verloren, denn die Zwillinge Norah und Jonah, am Ende des Romans 116 Jahre alt, brauchen in regelmäßigen Abständen eine frische Seele, um ihren Unsterblichkeitsakku wieder aufzuladen.

Doch bevor es ans Sterben geht, erleben unsere gepeinigten Romanfiguren noch die perfekte Illusion. Nathan, ein Junge, glaubt im Jahre 1979, seine Mutter auf ein Konzert mit Yehudi Menuhin zu begleiten, der sexbesessene Polizist Edmonds sieht 1988 hinter dem Törchen nicht nur das riesige Slade House – wie alle Opfer –, sondern trifft auch die attraktive Mrs. Chetwynd, und der schüchterne Teenager Sally mit Gewichtsproblemen erlebt 1997 erst noch eine rauschende Party, bevor ihm die Seele geraubt wird. Weitere Tage der offenen Tür gibt‘s 2006 und 2015.

Das Ganze ergibt nicht nur eine klug ausgedachte Story, sondern ist dabei stilistisch auf höchstem Niveau geschrieben (was nicht normal ist bei einem Roman dieses Genres). Mitchell schreibt seine Kapitel aus der Sicht der Opfer und gibt ihnen jeweils ganz eigene sprachliche Stimmungen, was für Vielseitigkeit sorgt. Sehr gelungen!
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David Mitchell: Slade House.
Rowohlt, Mai 2018.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Sonntag, 27.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Jean Cocteau: Thomas der Schwindler

Jean Cocteau: Thomas der Schwindler«Der Manesse-Verlag, der sich auf Klassiker spezialisiert hat, hat einen Roman von 1923 neu übersetzen lassen: „Thomas der Schwindler“ von Jean Cocteau. Darin gibt sich ein 16-Jähriger als 19-jähriger Sohn eines Generals aus und verschafft sich auf diese Weise im 1. Weltkrieg Ansehen und Zutritt in Kreise, die ihm sonst verschlossen wären.

Gemeinsam mit einer Prinzessin und deren Tochter reist er in einem Wagen-Konvoi an die Front nach Reims, um Verwundeten zu helfen. Die Drei begreifen den Krieg dabei jedoch eher als spannende Theater-Kulisse, die gut dazu taugt, ihnen die Langeweile zu vertreiben, als als grausames Gemetzel.

Der kurze Roman ist in einem stakkatohaften Stil verfasst, der gelegentlich so wirkt, als habe der Autor lediglich eine Handlung skizzieren wollen, um sie später noch detaillierter auszuführen. Dazu angetan, dem Leser die Figuren näher zu bringen, ist dieser Erzählstil nicht.

Sehr erhellend ist ein Nachwort von Iris Radisch, das Jean Cocteau als Dandy beschreibt, der in seinem Leben keinen Tag einer geregelten Arbeit nachgegangen ist, sondern seine Zeit damit verbracht hat, die richtige Kleidung für den abendlichen Ball oder Theaterbesuch zusammenzustellen. Es gibt alte Romane, die dürfen getrost in der Mottenkiste bleiben.
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Jean Cocteau: Thomas der Schwindler (1923).
Manesse Verlag, April 2018.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Dienstag, 22.05.2018

Autor: Andreas Schröter

John Boyne: Cyril Avery

John Boyne: Cyril Avery«Der irische Autor John Boyne ist in Deutschland vor allem mit seinem Holocaust-Roman „der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ (2007) bekannt geworden. Nun hat er sich im 730-Seiten-Wälzer „Cyril Avery“ auf die Suche nach seinen irischen Wurzeln begeben. Er beschreibt darin das Leben Cyrils, der schon früh seine homosexuellen Neigungen erkennt, von der Geburt bis ins Alter.

Doppelmoral, religiöser Eifer, Rückständigkeit und Homophobie sind Themen, die sich durch den gesamten Roman ziehen – aber auch Liebe und familiärer Zusammenhalt.

Alles beginnt damit, dass im ländlichen Irland im Jahr 1945 Cyrils Mutter, Catherine, im Gottesdienst vor versammelter Gemeinde an den Pranger gestellt wird, weil sie sich als 16-Jährige hat schwängern lassen. Der Pfarrer, der selbst zwei uneheliche Kinder gezeugt hat, zerrt sie an den Haaren aus der Kirche und vertreibt sie aus dem Dorf. Cyril wächst bei Adoptiveltern auf.

Man wird sehr schnell warm mit den Charakteren in diesem Buch und kann irgendwann gar nicht mehr aufhören zu lesen. Das Ganze ist spannend, rührend und großartig geschrieben.
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John Boyne: Cyril Avery.
Piper, Mai 2018.
736 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Montag, 21.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder

Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder«Mögen Sie Märchen? Wenn ja, dann mögen Sie auch „Die Legenden der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs. Dieses Buch nimmt einen bereits im Vorwort für sich ein. Dort heißt es zum Beispiel: „Sollten Sie nicht nachts aufwachen und über dem Bett schweben, weil Sie vergessen haben, sich an der Matratze festzubinden, dann legen Sie dieses Buch bitte sofort wieder dorthin zurück, wo Sie es gefunden haben.“

In den folgenden Geschichten – man ahnt es fast – geht es um allerlei märchenhafte Geschehnisse, die im schnöden Alltag doch eher selten zu beobachten sind: Da gibt es einen Mann – und sein Sohn tut es ihm nach –, der sich langsam aber stetig in eine Insel verwandelt: Ihm wächst Gras aus den Füßen und ihm rieselt Sand aus den Poren. Da gibt es weiter einen Jungen, der die Fluten der Meere beherrschen kann oder eine Prinzessin, die allein deswegen Schwierigkeiten hat, einen Mann zu finden, weil sie mit einer gespaltenen Schlangenzunge geschlagen ist. Fast so, als gehe es bei der Partnersuche nicht um innere Werte.

In der ersten Geschichte verbünden sich die Bewohner eines besonderen Dorfes mit einem Stamm Kannibalen – zu beiderseitigem Nutzen, denn die Dorfbewohner haben die Fähigkeit, dass ihnen die Gliedmaßen nachwachsen, wenn man sie abtrennt, und die Kannibalen zahlen großzügig für die Fleischrationen. Und solche Geschichten haben dann durchaus sogar eine moralische Lehre: Ordne nicht alles dem großen Geld unter!

Der 1979 geborene US-amerikanische Autor Ransom Riggs hat auch einen Herausgeber für seine Geschichten erfunden. Dadurch erweckt er den Anschein, als handele es sich um ganz alte Volksmärchen, die viele Jahrhunderte nur durch mündliche Überlieferungen an die nächste Generation weitergereicht worden sind.

Insgesamt ein großer Spaß für alle, die ein Faible für Phantastisches haben.
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Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder.
Knaur, April 2018.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Samstag, 19.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Michael Chabon: Moonglow

Michael Chabon: Moonglow«Der US-amerikanische Autor Michael Chabon machte bereits Ende der 80er-Jahre mit seinem sensationellen Romanerfolg „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ von sich reden. Jetzt, über 30 Jahre später, hat er rein gar nichts von seinem Können eingebüßt: „Moonglow“, die zumindest weitgehend fiktive Biografie seines Großvaters mütterlicherseits, ist großartig.

Und dieser Großvater, hat so einiges erlebt. Er hat versucht, seinen Chef mit einem Telefonkabel zu erdrosseln und musste dafür in den Knast, hat im Krieg den Nazi Wernher von Braun gejagt und war mit einer Frau verheiratet, die sich immer mal wieder in psychiatrische Behandlung begeben musste. Über allem aber stand die Liebe dieses Mannes zu Raketen und zu dem Weltraumprogramm der NASA.

Chabon schreibt all das mit großer Detailgenauigkeit, die auf eine hervorragende Recherche schließen lässt. Schon bald hat man als Leser jenen Großvater und die anderen Menschen in seinem Leben ins sein Herz geschlossen und folgt ihnen beim Lesen atemlos durch die bewegten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.
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Michael Chabon: Moonglow.
Kiepenheuer&Witsch, März 2018.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Dienstag, 15.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Guadalupe Nettel: Nach dem Winter

Guadalupe Nettel: Nach dem Winter«Mit „Nach dem Winter“ stellt der Blessing-Verlag dem deutschen Lesepublikum erstmals die Übersetzung eines Romans der in Mexiko bereits sehr erfolgreichen Schriftstellerin Guadalupe Nettel vor.

Die 1973 geborene Autorin erzählt ihre Geschichte abwechselnd aus der Sicht zweier sehr unterschiedlicher Protagonisten. Da ist zunächst der egoistische Machtmensch Claudio, der in New York sein Leben nach strengen Ritualen lebt. Er hat eine 15 Jahre ältere Geliebte – Ruth –, mit der er sich ausschließlich aus sexuellen Gründen trifft.

Und da ist Cecilia, eine zurückgezogene und labile Studentin in Paris. Sie verliebt sich in ihren kränklichen und ebenso zurückgezogenen Nachbarn Tom, weil sich beide für Friedhöfe interessieren. Irgendwann bei einem Abstecher Claudios nach Paris treffen sich die beiden Hauptfiguren und haben eine kurze Affäre miteinander.

Der Roman besteht aus vielen einfühlsamen und gut nachvollziehbaren Sequenzen, hat aber zwei Grundprobleme: Erstens ist die männliche Hauptfigur extrem unsympathisch, und man fragt sich unwillkürlich, warum sich Cecilia zwischenzeitlich auf ihn einlässt und warum man als Leser mit einem solchen Menschen seine Zeit verbringen soll.

Zweitens stehen zum Ende hin die Themen Sterben, Tod und Trauer sehr lange im Mittelpunkt, was dem Buch insgesamt eine recht düstere Note verpasst. Letztlich bleibt man nach der Lektüre etwas ratlos zurück – frei nach dem Motto: „Was wollte uns die Autorin damit sagen?“

Guadalupe Nettel: Nach dem Winter.
Blessing Verlag, März 2018.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Sonntag, 13.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Andrew Sean Greer: Mister Weniger«Andrew Sean Greers neuer Roman „Mister Weniger“ spielt im (männlichen) Homosexuellen-Milieu. Der Titelheld, Arthur Weniger, geht auf eine Reise durch mehrere Länder auf der ganzen Welt, um der Hochzeit eines ehemaligen Liebhabers im heimischen San Francisco zu entgehen, die immer noch zu schmerzhaft für ihn ist.

Und auch wenn man als Leser nicht viel mit der Schwulenszene zu tun hat, macht es Spaß, diesen Roman zu lesen. Andrew Sean Greer, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, hat ihn in einem locker-amüsanten und charmanten Plauderton verfasst, der das gesamte Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen, immer auch ironisch aufs Korn nimmt.

So fühlt sich der Titelheld nur in einem taubenblauen, extravaganten und auffälligen Anzug so richtig wohl, und als der kaputtgeht, ist das für Weniger ein solches Drama, dass er sich gleich seiner gesamten Persönlichkeit beraubt sieht.

Arthur Weniger ist ein Autor, der zu alt ist, um frisch und jung zu wirken und zu jung, um wiederentdeckt zu werden. Er hat zwar einige schriftstellerische Erfolge zu verzeichnen, an die sich Literaturinteressierte erinnern, bringt aber in der Gegenwart nichts Nennenswertes mehr zustande. Und so findet er sich – verkleidet mit Astronautenhelm – als Moderator einer Lesung mit einem darmkranken Science-Fiction-Autor wieder oder auch als Lesender mitten in der Nacht in einer Berliner Keller-Disco, in der der Schweiß der Besucher von der Decke tropft.

Das „Weniger“ im Titel ist durchaus Programm, denn unserem Helden gelingt – auch durch eigene Schusseligkeit – nicht allzu viel, auch wenn er in allen Ländern, die er besucht, auf andere schwule Männer trifft, die einem Abenteuer mit unserem Helden nicht abgeneigt scheinen.

Insgesamt ein literarischer Spaß mit einem sympathischen Helden und einem höchst überraschenden Ende.
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Andrew Sean Greer: Mister Weniger.
Fischer, März 2018.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Donnerstag, 10.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn«Die amerikanische Autorin Jacqueline Woodson, geboren 1963, blickt in ihrem dünnen Roman „Ein anderes Brooklyn“ auf die Jugend einer Mädchenclique in den 70er-Jahren im New Yorker Stadtteil Brooklyn zurück.

In eindringlicher Sprache gelingt es der Autorin dabei, sowohl die Unbeschwertheit, den jugendlichen Lebenshunger und das Glück jener Jahre rüberzubringen, als auch das ganz private Leid, das die Mädchen zu verarbeiten haben.

August, der Ich-Erzählerin, fehlt die Mutter, die sich umgebracht hat, und Sylvia muss sich mit ihren überstrengen Helikoptereltern – so würde man es heute ausdrücken – herumschlagen. Armut, Kindesmissbrauch, Alkohol und Drogen, zu frühe Schwangerschaften oder eine überzogene Religiosität sind weitere ständige Begleiter in dem vorwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel, in dem die Mädchen aufwachsen. Hinzu kommen die ganz normalen Probleme, mit denen jeder Jugendliche auf der ganzen Welt zu kämpfen hat: beginnende Sexualität und Abnabelung vom Elternhaus zum Beispiel.

Gerade durch die Knappheit der Sätze und Kapitel gelingt es Jacqueline Woodson, eine große Dichte und literarische Kraft zu erzeugen, der man sich als Leser kaum entziehen kann.

Jacqueline Woodson ist eine der bedeutendsten Jugendbuchautorinnen der USA. Sie hat zahlreiche Preise für ihre Bücher bekommen – 2014 den renommierten National Book Award für ihr Buch „Brown Girl Dreaming“.

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn.
Piper, März 2018.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Samstag, 05.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort«In seinem nach „Union Atlantic“ (2009) zweiten Roman widmet sich der US-amerikanische Schriftsteller Adam Haslett dem Thema Depression. „Stellt euch vor, ich bin fort“ heißt das Werk. Haslett begleitet eine Familie über viele Jahre, die damit klarkommen muss, dass sich Vater John wegen seiner psychischen Erkrankung das Leben genommen hat.

Reizvoll an diesem Buch ist, dass es abwechselnd und sehr glaubwürdig die unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder einnimmt. Da ist Sohn Michael, der ebenfalls mit starken Angststörungen leben muss. Er hat Schwierigkeiten, eine Frau und einen Job zu finden. Seinen beiden einzigen Interessen gelten der Funk-Musik und dem Schicksal der Schwarzen in den Zeiten der Sklaverei. Er ist sehr kreativ und fantasievoll, was sich immer dann im Roman widerspiegelt, wenn aus seiner Sicht berichtet wird.

Da ist Alec, der jüngere, homosexuelle Bruder Michaels, dessen Rolle sich im Laufe des Romans wandelt. In der Kindheit wird er von seinem älteren Bruder gemobbt, später ist er es, der versucht, Michael wieder auf Kurs zu bringen. Dafür riskiert er sogar die noch frische Beziehung zu seinem Freund Seth.

Und da sind natürlich die beiden Frauen der Familie – Mutter Margaret, die früher vor allem Streit mit ihrem Mann hatte, und die sportbegeisterte Tochter Celia. Ihre Parts nehmen jedoch nicht so viel Raum ein wie die von Michael und Alec.

Der Roman zeigt tiefgehende und genaue Innensichten auf die Krankheit Depression. Für alle, die selbst damit leben müssen oder Betroffene in ihrem Umfeld haben, dürfte er somit hochinteressant sein.

Für alle anderen Leser hat der Roman allerdings auch Längen, denn eine 460-seitige Beschäftigung mit der Depression ist naturgemäß größtenteils freudlos – auch wenn diverse Liebesgeschichten von Michael und Alec für willkommene Brüche sorgen.

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort.
Rowohlt, Januar 2018.
464 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Freitag, 04.05.2018

Autor: oliverg

John Strelecky: „Wiedersehen im Cafe am Rande der Welt“ – Videoreview


Montag, 30.04.2018

Autor: oliverg

Karl Marx: das Kapital (Gemeinverständliche Ausgabe/ 1920ff.)


Sonntag, 29.04.2018

Autor: Andreas Schröter

David Szalay: Was ein Mann ist

David Szalay: Was ein Mann ist«Der britische Schriftsteller David Szalay geht in seinem Buch „Was ein Mann ist“ der Frage nach, was eigentlich die typischen Wesensmerkmale und Charaktereigenschaften von Männern sind. Dazu reiht er neun kürzere Erzählungen aneinander, in denen ganz unterschiedliche Männer im Alter zwischen 17 und 73 Jahren im Mittelpunkt stehen. Manche sind arm, manche reich, einige haben einen höheren, andere einen niedrigen Bildungsgrad.

Oft – und wie sollte es anders sein – stehen in diesen Geschichten die Beziehungen zu Frauen im Fokus. Aber während der 17-Jährige Simon Tag und Nacht an seine Angebetete denkt, obwohl er noch nie mit ihr gesprochen hat, geht es später um Streit in Beziehungen oder sogar gescheiterte Ehen.

Aber es dreht sich nicht alles um das andere Geschlecht: Simon reist mit einem Freund durch Südeuropa und findet sich immer wieder in Situationen wieder, die er nicht mag und in die er aus eigenem Antrieb niemals gekommen wäre – Bérnard, ein Mann Anfang 20, kommt beruflich nicht auf die Füße, Kristian, ein dänischer Journalist geht für eine gute Geschichte über Leichen, und Aleksandr, ein Mann in den 60ern, besitzt einige Millionen Dollar, eine Luxusyacht und einiges mehr, denkt aber über seinen Selbstmord nach. Und Tony, 73 Jahre alt, muss feststellen, dass er manchen Herausforderungen des Alltags schlicht nicht mehr gewachsen ist.

Wie im richtigen Leben haben diese Geschichten nicht unbedingt ein Happy-End, nicht immer bekommt der Mann seine Traumfrau.

Erstaunlich ist, wie glaubhaft sich Szalay in so unterschiedliche Figuren einfühlen kann. Mehrmals im Text hat man als (männlicher) Leser das Gefühl, eine beschriebene Situation so oder so ähnlich bereits erlebt zu haben. Das englischsprachige Original („All that man is“) stand 2016 auf der Shortlist für den Man Booker Preis.

Insgesamt ein lesenswertes Buch – besonders, wenn man selbst ein Mann ist.
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David Szalay: Was ein Mann ist.
Hanser, Februar 2018.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Mittwoch, 25.04.2018

Autor: Immo Sennewald

Lesen, Schreiben: Elixiere der Freiheit

Atemlos habe ich über 500 Seiten aufgesogen, wie im Rausch. Darf ein Rezensent das? Vielleicht bin ich gar keiner. Nicht, wenn für das Besprechen eines Buches eine „Objektivität“ verlangt wird, die akademische Gelehrsamkeit zur Voraussetzung hat. Noch weniger, wenn politische, moralische, religiöse Neutralität – wie auch immer sie definiert sei – beim Lesen gefordert wäre. Dem Autor und seinen Texten gegenüber bin ich voreingenommen. Ich habe „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ebenso verschlungen wie „Für ein Lied und hundert Lieder“ , und „Die Wiedergeburt der Ameisen“; 2011 entstand mein Radiofeature „Für China aus dem Exil“, als Liao Yiwu seiner feindseligen Heimat China entkam. Aus der öffentlich-rechtlichen Mediathek ist es verschwunden, die Redakteurin fand seinerzeit schon Liaos Texte narzisstisch und unappetitlich, war dann vom Live-Gesang, von der Intensität des Gedichts „Massaker“ über den 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen, vom Alltag der Folter im chinesischen Gefängnis so perhorresziert, dass sie mich gewähren ließ.

Was mir im Interview mit Liao Yiwu auffiel: Der Kontrast zwischen seinem zurückhaltenden und bescheidenen Auftreten und der ungeheuren Anmaßung seines Schreibens: Er fordert die Politbürokratie Chinas heraus, die nicht nur über ein Milliardenvolk gebietet, sondern auch das Netzwerk globaler Diplomatie fast nach Belieben steuern kann. Die Ameise auf dem Rücken des Elefanten fällt mir ein, und das Heer der Ameisen, die „Würg ihn! Würg ihn!“ rufen. Das Heer sind wir: Autoren aus aller Herren Länder, ältesten und modernsten, technisch hochgerüsteten Despoten ausgeliefert, ein Heer, das Namen aus Jahrtausenden versammelt. Sie haben fast alle Schlachten verloren, noch die bedeutendsten, mutigsten mussten bisweilen zu Kreuze kriechen. Das Bild der zähen Insekten – in der Masse kaum unterscheidbar, reproduzieren sie sich in verborgenen Labyrinthen, kommen aber überall hin – dieses Bild erscheint bei Liao Yiwu öfter. Seine Ameisen haben Gesichter.

Sein neuestes Buch nimmt den Leser mit in die Labyrinthe, auf eine atemlos mäandernde Reise zwischen Peking und Chinas südwestlichen Provinzen Sichuan und Yunnan unter beständigem Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden. Liao Yiwu schweift dabei immer wieder in die Tiefen der chinesischen klassischen Literatur- und Religionsgeschichte ab, sucht nach Vergleichen zu Fluchtschicksalen von Philosophen – etwa des großen Kong Fuzi – trifft auf Gefährten des Widerstandes. Mit manchen hat er den Folterknast geteilt. Manche haben sich den Zwängen und Verlockungen der Politbürokraten und ihrer „sozialistischen Marktwirtschaft“ ergeben, in der alles, auch Religionen und kulturelle Traditionen von Minderheiten, käuflich und verkäuflich ist. Die meisten überleben in Not und unter abenteuerlichen Umständen, sie saufen, fressen, spielen Versteck mit Spitzeln und Polizei – um den Preis des Lebens. Es ist eine lange Reihe von Namen, prägnanten Charakteren, erschütternden Schicksalen. Auch das von Lao Yiwus Familie gehört dazu. Seine Mutter hilft, obwohl sie die Repressionen mit erdulden muss, dem Sorgenkind immer wieder ins Gewissen redet. Es helfen schließlich viele aus dem Ausland, die seine Bücher schätzen und sie weltweit verbreiten wollen. Zwischen Hoffen und Verzweifeln erleben wir den Weg des Autors in die Freiheit, er balanciert zwischen Abgründen, und obwohl der gute Ausgang bekannt ist, bleibt das spannend bis zum letzten, erlösenden Augenblick im Sommer 2011.

Ja: Auch in dieser Fluchtgeschichte wird es oft unappetitlich, und der Vorwurf narzisstischer Selbstüberhöhung dürfte von jenen ertönen, die harmonisches Dazugehören vorziehen, radikal agierende Schmutzaufwirbler gern am Rand des Pathologischen verorten. Davon wird sich Liao Yiwu kaum beeindrucken lassen, und das ist eine Hoffnung für die Ameisen im Untergrund der „harmonischen Gesellschaft“, wie sie die KP Chinas verkündet. Der Schriftsteller ruht sich in Deutschland ebensowenig aus wie andere Exilanten. 2014 kam seine jüngste Tochter hier zur Welt, und es sieht danach aus, dass sie sein Lesen und Schreiben für die Freiheit weiter anspornt.

Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann haben bewundernswert übersetzt, sie erarbeiteten schon die deutsche Fassung von „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Ihnen sei ebenso Respekt gezollt, wie dem langjährigen Lektor Peter Sillem – seit 2017 ist er Galerist – und dem S. Fischer Verlag, der Liao Yiwu jederzeit den Rücken frei hielt.

Liao Yiwu „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass – Meine lange Flucht aus China“

S. Fischer Verlag 2018, 528 Seiten, 26,80€

Dienstag, 17.04.2018

Autor: Christiane Geldmacher

Garry Disher: Leiser Tod

Die Mornington Peninsula, südlich von Melbourne. Grace, eine professionelle Einbrecherin, spioniert die Häuser der Reichen und Schönen aus und und holt die wertvollen Sachen erst geraume Zeit später raus. Zu gleicher Zeit werden die gleichen Häuser von Sprayern heimgesucht, die launige Graffitis und Sprüche auf den riesigen Torauffahrten hinterlassen wie z.B. „Geschmack lässt sich nicht kaufen“. Schließlich macht ein mysteriöser Vergewaltiger in Polizeiuniform die Gegend unsicher.

Inspector Challis und Detective Constable Pam Murphy haben reichlich zu tun. „Leiser Tod“ von Garry Disher erzählt von organisierten Einbruchsdelikten, von Rassismus, von Sexismus und von Polizeigewalt.
Garry Dishers Sicht auf Australien ist unaufgeregt und realistisch. Die Metropole Melbourne ist bei ihm weder Stoff für einen Cosy Crime noch für einen Noir. Die Stadt und ihre weitere Umgebung ist kein Moloch, man wird hier nicht wie in anderen Teilen der Welt auf offener Straße erschossen. Disher schreibt wie immer eine gut recherchierte, ausgezeichnete Kriminalliteratur, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzt. Dabei pflegt er einen atmosphärisch dichten Stil und verortet seine Figuren und seinen Plot präzise. Multiperspektivisch erzählt, gibt es bei ihm keine einfachen Antworten, kein Schwarz und Weiß. „Leiser Tod“ hat den „Leisen Ton“ Garry Dishers. Hal Challis und Pam Murphy sind weder Zyniker noch Weltverbesserer, sondern normale Leute mit normalem Verstand, die versuchen, ihr Schiff einigermaßen um die Klippen zu kriegen. Nicht mehr und nicht weniger.

Im Tonfall erinnert er mich immer an den bereits verstorbenen Tony Hillerman aus den USA und seine Navajokrimis, der ähnlich von dem alltäglichen Leben erzählt – mit Distanz, mit „insight“ und mit leisem Humor.

Garry Disher, Leiser Tod, Gebunden, 352 Seiten, Unionsverlag 2018, € 22.00, ISBN 978-3-293-00528-0

Sonntag, 15.04.2018

Autor: oliverg

Arthhur Schnitzler: „Reigen“ (Färbe/Basilika: Singen am Hohentwiel) (Videoreview)

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