Dienstag, 24.05.2016

Autor: Andreas Schröter

Yann Martel: Die Hohen Berge Portugals

Yann Martel: Die Hohen Berge Portugals«Der Kanadier Yann Martel wurde vor rund 15 Jahren mit seinem Roman „Schiffbruch mit Tiger“ bekannt, der 2012 auch verfilmt worden ist. Nun liegt etwas Neues des 1963 geborenen Autors vor: „Die Hohen Berge Portugals“ unterteilt sich in drei Episoden, die 1904, 1938 und 1981 spielen und nur lose miteinander verbunden sind, aber allesamt äußerst fantasievoll daherkommen und mit großer Herzenswärme und Liebe zu den einzelnen Figuren ausgestattet sind.

Im ersten Teil unternimmt ein Mann in einem der ersten Automobile eine Expedition in den Norden Portugals, im zweiten entdeckt ein Pathologe Ungewöhnliches in einem Leichnam und im dritten beschließt ein kanadischer Politiker alles aufzugeben und künftig mit einem Schimpansen in Portugal zu leben.

Für all diejenigen, die skurrile und aberwitzige Erzählungen mit einem kleinen Schuss Übersinnlichem mögen, dürften „Die Hohen Berge Portugals“ genau die richtige Lektüre sein.
—————-

Yann Martel: Die Hohen Berge Portugals.
Fischer, April 2016.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Montag, 23.05.2016

Autor: oliverg

Michael Lüders: Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet

Benennen Sie Ihren Link

Sponsoring

Werbung ermöglicht es unseren Autoren, live von Events zu bloggen und unsere Kosten zu decken. Für Ihr Unternehmen und Produkt bieten wir diverse Möglichkeiten sich darzustellen. Effektiv und Preiswert.

Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie uns!

Samstag, 14.05.2016

Autor: rwmoos

Johannes Wilkes: Der Fall Rückert

Johannes Wilkes: Der Fall Rückert

Endlich mal wieder ein Buch, das man richtig gern rezensiert.

Die Ausleihlisten der Leihbüchereien in der Fränkischen Schweiz sind für einen bibliophilen Menschen – so erfährt man nebenher in Johannes Wilkes‘ Kriminalroman „Der Fall Rückert“ – eine Zumutung. Jede Menge Ausleihe von „Fifty Shades of Grey“, so dass sich die Gemeindebibliothek von Obertrubach bereits zehn Exemplare angeschafft habe, um zumindest den angestauten Lesetrieb befriedigen zu können. Ob es dort auch ein Buch von Friedrich Rückert gibt?

Friedrich Rückert. Ein zu Unrecht weithin unbekannter Franke. Das sollte sich spätestens nach Johannes Wilkes‘ Opus nun ein wenig ändern.
Das Werk von Friedrich Rückert hat es an sich, dass man sich ihm auf verschiedene Weise nähern kann. Ich erlebte Rückert zuerst in seiner phantastischen Übersetzung der Makamen des Hariri und kurz darauf in seiner Koranübersetzung. Anderen sind zum Beispiel die „Kindertotenlieder“ wichtig geworden. Diese und weitere Nuancen der Rückert-Freundschaft sind Johannes Wilkens nicht fremd, und bereitwillig listet er sie in seinem Rückert-Roman auf, in dem man auch sonst Einiges über den merkwürdig genialen Franken erfahren kann.

Oder auch über das genial merkwürdige Franken. Denn ebenso detailgenau beobachtend ist in dem Buch „Der Fall Rückert“ die Gegend in und um Erlangen beschrieben. Da begegnen dem aufmerksamen Leser viele eigene Beobachtungen literarisch veredelt wieder: Betrachtungen zu den Straßenbenennungen in der zentralen Stadt der Handlung, zum Franken-„Schnellweg“, zu dem, was Siemens-Mitarbeiter so mit sich machen lassen oder auch zum perversen Angebot von „Unifleisch“, für das man in Erlangen offen und zur Fehlinterpretation geradezu einladend wirbt.
Weil dieser Spott sympathisch vorgetragen wird, kann man auch lachen, wenn es auf eigene Kosten geht: Man sah „zur Rechten ein paar träge Hügel den Horizont verstellen. Die Fränkische Schweiz.“ So wird im Buch jenes landschaftliche Kleinod eingeführt, in dem ich zu Hause bin. Solche Schattierungen der Sprache kostet man doch gern aus, auch wenn sie ein wenig weh tun sollten.

Partnerschaftlich mit Franken verbunden, bringt der Autor auch den Ruhrpott zum Köcheln, denn letzterer war früher die Heimat der Helden des Buchs: Des leicht proletarischen Detektivs „Mütze“, selbstredend BVB-Anhänger, der mit seinem Lebensgefährten, dem eher barocken Bühnenbildner Karl-Dieter, das Gespann abgibt, das den Fall löst. Die beiden Lebensgefährten bedienen in ihren Eigenarten und deren Zusammenspiel bereitwillig alle Klischees, die man über Homosexuelle bereits zusammengetragen zu haben glaubt. Allerdings auch dies mit einer sorgfältig ausgesuchten Ironie, die solche Zumutung an die Schubladen-Bedienung kaum tadelnswert erscheinen lässt.
Die polarisierte Beziehung findet auch ihre Entsprechung im Schreibstil des Autors selbst: Dieses Changieren zwischen leicht konsumierbarer Erzählweise und anspruchsvoller Rezeption der Rückert-Gedichte und -Übersetzungen hat etwas eigenartig Faszinierendes, das mir so noch nirgend sonst begegnet ist.
Ein wenig ausbaufähig wäre der Part des Dritten im Bunde: „Big Chip“, ebenfalls Detektiv und im Plot der heutzutage unvermeidliche Computer-Experte, der als Glubberer die Rolle des einzigen gebürtigen Franken des Trios besetzt.

Der Fall selbst: Rückerts Original-Handschriften werden aus verschiedenen fränkischen Bibliotheken entwendet, wobei der kaltblütige Dieb respektive Räuber eine Spur an Leichen hinterlässt. Den Rest entnehme man bitte dem Buch zum Fall selbst: Zu Spoilern ist die Aufgabe des Rezensenten nicht. Nur soviel: Schon auf der ersten Seite wurde ein Torwart mit der Eckfahne gepfählt.

Nach beendeter Lektüre gönnt man denn auch fürderhin dem Pärchen respektive Trio und seinem Autor noch viele weitere Fälle. Solch ein Gespann wünschte man sich auch als Ermittler im Franken-Tatort.

Was das Lesevergnügen so einzigartig geraten lässt, ist aber ohnehin weniger der Fall und seine Aufklärung, sondern die bereits erwähnte und gar nicht genug zu würdigende Fähigkeit, Land und Leute humorvoll zu beschreiben und dabei noch ein paar Perlen klassischer Dichtkunst unter’s Volk zu bringen. Hie und da wird als Hommage an den Meister selbst auch jener „verrückerte“ Sprachwitz eingestreut, wie er heutzutage leider etwas aus der Mode gekommen ist. Er wird sogar bebildert: Wie da zum Beispiel der grau melierte Schatten immer wieder und sogar final entwischt…

Vielleicht gelingt es daraufhin zumindest der Bücherei von Obertrubach, auch den „Fall Rückert“ in ihre Bestände aufzunehmen.

Das Qualitätsurteil?
Bassd scho.

Tüchersfeld, den 14.05.2016
Reinhard W. Moosdorf

Donnerstag, 12.05.2016

Autor: Andreas Schröter

Joseph O’Neill: Der Hund

Joseph O'Neill: Der Hund«Wer schon immer mal wissen wollte, wie das Leben in Dubai so läuft, der sollte Joseph O‘Neills „Der Hund“ lesen.

Ein Wirtschaftsanwalt aus den USA trifft einen alten Freund aus Studienzeiten, der einer superreichen Familie mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten angehört. Dieser Freund bietet dem Anwalt an, künftig für seine Familie in Dubai zu arbeiten. Gesagt, getan …

Joseph O‘Neills Buch erinnert ein wenig an ein anderes aus dem Jahre 2013: „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers. Zwar ging‘s dabei um das Leben in Saudi-Arabien, aber der Tenor ist gleich: Die superreichen oberen arabischen Schichten halten weder viel von klaren Absprachen oder Terminvereinbarungen, noch behandeln sie die für sie arbeitenden Ausländer besonders freundlich. Der Titel „Der Hund“ in O‘Neills Roman weist darauf hin.

Der Anwalt, der hier als Ich-Erzähler fungiert, langweilt sich in seinem Job zu Tode. Er muss Papiere unterzeichnen, die er nicht versteht – eine Aufgabe, die ihn alles andere als ausfüllt, sodass er genügend Zeit hat, sich um alles Mögliche andere zu kümmern. Er beteiligt sich an der Suche nach einem verschwundenen Bekannten, einem Taucher, macht sich Gedanken um die Beziehung zu seiner Ex-Partnerin oder stellt Untersuchungen zu den Baustellen um sich herum an, die offenbar nie fertig werden.

Er führt ein Leben wie in einem goldenen Käfig: luxuriös, aber langweilig und herumgeschubst von seinen Arbeitgebern.
Die Situation ändert sich, als der Ich-Erzähler einen Sprössling seiner Arbeitgeber-Familie ausbilden soll und die Familie zugleich ins Visier der örtlichen Staatsanwaltschaft gerät …

Insgesamt ein Roman mit vielen interessanten Passagen, allerdings auch mit einigem Leerlauf.
———————————

Joseph O’Neill: Der Hund.
Rowohlt, April 2016.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Montag, 09.05.2016

Autor: Andreas Schröter

Kerry Howley: Geworfen

Kerry Howley: Geworfen«Dies ist ein überraschendes und allein schon deshalb erfrischendes Buch. Es stellt etwas in durchaus positivem Licht dar, das Menschen, die Bücher lesen, gemeinhin wohl eher ablehnen: Mixed Martial Arts – die Kunst, sich in Käfigen vor Publikum zu verprügeln. Nicht selten, bis einer der Teilnehmer blutüberströmt und bewusstlos auf der Matte liegt.

Die Philosophin Kit, aus deren Perspektive das Buch geschrieben ist, langweilt sich maßlos bei einer Phänomenologie-Konferenz. Als sie in der Pause von den verstockten Mit-Teilnehmerinnen noch nicht mal eine Zigarette schnorren kann, flieht sie und landet bei einem solchen Käfigkampf. Sofort ist sie nicht nur fasziniert von der wüsten Klopperei, sondern erlebt sogar einen Moment der Ekstase. Fortan vernachlässigt sie ihre Tätigkeit an der Uni und folgt stattdessen den beiden Kämpfern Sean Huffman und Erik Koch auf Schritt und Tritt.

Der Trick dabei: Sean Huffmann und Erik Koch gibt’s wirklich. Und die Kämpfe, die die 1981 geborene Autorin Kerry Howley in ihrem Debütroman „Geworfen“ beschreibt, haben wirklich stattgefunden. Man kann sie sich zum Teil auf You Tube ansehen.

Aber nicht nur die Kämpfe an sich sind interessant, sondern auch das Leben, das die Helden ansonsten führen. Und das ist alles andere als glamourös. Huffman, der Geldprobleme hat und sportlich auf dem absteigenden Ast ist, versucht verzweifelt seinen Sohn zu sehen, den ihm die Mutter nur gegen Bargeld zeigt, und Koch muss vor jedem Kampf in einer Weise Gewicht abhungern, die schon fast übermenschlich ist.

Man muss nach der Lektüre von „Geworfen“ nicht unbedingt Martial-Arts-Fan sein, aber es ist interessant für 330 Seiten in eine Welt einzutauchen, die ansonsten rätselhaft und verborgen erscheint.
————————

Kerry Howley: Geworfen.
Ullstein, April 2016.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Freitag, 06.05.2016

Autor: Andreas Schröter

John Irving: Straße der Wunder

John Irving: Straße der Wunder«In seinem 770-Seiten-Wälzer „Straße der Wunder“ hat John Irving zu alter Fabulierlust zurückgefunden: Ähnlich wie etwa in „Das Hotel New Hampshire“ erfindet er viele kleine makabre, skurrile und oft so witzige Begebenheiten, dass man beim Lesen lauthals lacht.

Die Geschichte beginnt mit zwei Halbwaisen, die auf einer Müllkippe in Mexiko aufwachsen. Das Mädchen, Lupe, kann zwar die Gedanken anderen Menschen lesen, hat aber Probleme beim Sprechen. Nur ihr hochbegabter Bruder Juan Diego kann sie verstehen und fungiert als ihr Übersetzer. Dann muss Juan Diego einen Schicksalsschlag hinnehmen: Sein Fuß wird von einem LKW überrollt und dabei so stark verletzt, dass er für den Rest seines Lebens gehbehindert bleibt.

„Straße der Wunder“ wechselt zwischen drei Zeitebenen: dem Leben der Kinder auf der Müllkippe, ihrem späteren kurzen Aufenthalt in einem Zirkus und schließlich einer Reise, die Juan Diego viele Jahre später als Schriftsteller auf die Philippinen führt.

John Irving bedient sich in diesem Roman vieler Motive, die auch in seinen vorherigen Büchern eine Rolle spielten: Wie in „Owen Meany“ nehmen Religion und die Religionskritik einen großen Part ein: Die Halbwaisen, die von Ordensbrüdern betreut werden, verehren abwechselnd die Jungfrau Maria und „Unsere Liebe Frau von Guadalupe“, eine mexikanische Nationalheilige. Der Zirkus kommt genauso wieder vor wie das Thema Aids. Auch einen Bezug zur „wilden Geschichte vom Wassertrinker“ und zu anderen Irving-Büchern gibt’s. Vor allem die Fans und Kenner des 1942 geborenen amerikanischen Autors dürften an diesem Buch ihre Freude haben. Kleine Ausflüge ins Übersinnliche und ganz viel Sex sind weitere Bestandteile.

Man könnte dem Buch vermutlich vorwerfen, dass es an der einen oder anderen Stelle etwas gedehnt wirkt – vor allem bei den Passagen rund um die Jungfrau von Guadalupe – und dass sich Irving wiederholt (ein altbekannter Vorwurf gegen ihn). Auf der Positivseite stehen aber ganz sicher sein Gespür für Humor, sein Talent als Erzähler von fesselnden Geschichten, seine Phantasie und die Liebe zu allen Figuren, die aus seinem Text herausscheint.
—————————

John Irving: Straße der Wunder.
Diogenes, März 2016.
784 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Dienstag, 03.05.2016

Autor: oliverg

Leo Martin: Ich durchschau dich. (Video)

Freitag, 29.04.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt Crime Master: Tatort Großstadt (Sonja Klein)

Donnerstag, 28.04.2016

Autor: rwmoos

Ingo Schulze: Neue Leben. Hörbuch

Verzettelt.

Der Audio-Verlag hat mit Unterstützung von Radio Bremen Ingo Schulzes: „Neue Leben“, gelesen vom Autor, als Hörbuch veröffentlicht.

Das hätte er nicht tun müssen.

Auf einer langen Autofahrt durch Ostdeutschland habe ich mir alle sechs CDs angehört. Das habe ich durchgehalten, weil ich mir dabei vorgestellt habe, durch eine derart unendlich unattraktive Landschaft zu fahren, dass mir selbst diese Lesung zur willkommenen Abwechslung gereiche. Doch das war selbst in Nordsachsens Braunkohlerevieren schwierig.

Wie andere Rezensenten darauf kommen, dies Werk zur Gänze zu loben, ihm gar als endlich geschriebenen Wende-Roman zu huldigen, ist mir unerklärlich. Den Schrott einer unausgegorenen Persönlichkeit, die der Autor selbstverliebt als faustischen Charakter mit prophetischem Überblick – der Name des Protagonisten lautet Heinrich Türmer! – in Form eines Brief-Romans inszeniert, zu lesen, wäre schon hart. Dem monotonen Singsang der Vorleser-Stimme stundenlang zugehört zu haben, aber zeichnet mich endgültig als Ironman unter den Hörbuch-Konsumenten aus.

Vielleicht soll diese Art des Nicht-Vortrags an Robert Gernhardt gemahnen. Doch wo dort die monotone Nüchternheit der Stimme als Double-Bind zum humoristischen Inhalt fungierte, bleibt hier nur das nackte Grausen.

Der Autor versteckt sich als Herausgeber von Zufalls-Fund-Briefen, die – welche Überraschung – eigentlich nur seine Autobiografie als Zeitungsfritze in der Nachwende-Zeit spiegeln. Als Alter Ego mit mephistophelischem Charakter wird ein Baron Barrista eingeführt, der als Unternehmensberater all die Eigenschaften in sich vereint, die der Wende-Ossi mit Ambitionen gern an sich gehabt hätte, sich aber nie laut zu wünschen traute.

Gedanken und Handlungen sind so gut wie nie zu Ende geführt. Das soll man wohl als Stilmittel verstehen. Seltsam, dass ein Großteil des literarischen Etablissements wirklich darauf herein fällt. Eigentlich sollte man dem Autor dazu gratulieren, wie man einem genialen Fälscher zu einem gelungenen Coup gratuliert. Doch sei mir dies erlassen.

Nun ist der „Roman“ ja als Sammlung von Briefen des Heinrich Türmer an drei verschiedene Partner aufgebaut: Seiner Schwester Vera, die beizeiten in den Westen ausgereist war, seinem Jugendfreund Johannes, einem Jung-Theologen, und einer von ihm hochverehrten Freundin. Diese Form wird gern als Wiederaufleben der Brief-Romane des 18. Jahrhunderts wahr genommen. Das ist doppelter Unsinn.
Alle drei Partner scheinen nie geantwortet zu haben. Somit ist das Opus eher ein Monolog an drei fiktive Gestalten, als ein Briefroman. Ich habe Briefromane durchaus mit Gewinn gelesen und – vorausgesetzt man versteht sie aus ihrer Zeit heraus – schillern sie oft in allen Lebensfarben. Man kennt zumindest Goethes „Werther“ und schätzt ihn vielleicht. Hölderlins „Hyperion“ erschien mir noch ungleich facettenreicher. Hier bei Ingo Schulze aber verdreckt das Hirn des Lesers respektive Hörers an den Auswürfen der rundum egozentrischen Persönlichkeit des verhinderten Briefschreibers, der jedweden Gegenübers völlig entbehren kann.
Ein wenig nimmt der Autor diese Seltsamkeit im Vorwort selbst auf die Schippe, als ihm als „Herausgeber“ die Merkwürdigkeit auffällt, dass die eigenen Briefe des fiktiven Schreiber als Durchschlag von diesem gesammelt worden waren.

In einem anderen Punkt möchte ich den Autor sogar verteidigen: Zumindest in der Vorwendezeit gab es die Kultur des Schreibens langer Briefe in der subversiven Szene des Ostens tatsächlich. Ich lese solch ellenlangen Werke von Freunden hin und wieder noch heute gern. Man näherte sich einander in Dialogen, die die Zerrissenheit der damaligen Zeit durchaus widerspiegelten. Allerdings wurden solche Briefe nicht an einem Abend geschrieben, sondern spiegelten manchmal die Entwicklung von Wochen. Und sie waren eben als tatsächliche Dialoge konzipiert, auch wenn das Sich-Öffnen durchaus auf Selbstreflexion beruhte und entsprechende Passagen in Anspruch nahm. Typisch, dass geborene Wessis solche Formen bestenfalls als Rückgriff auf vergangene Jahrhunderte rezipieren können.

So, nach diesem Verriss wird es Zeit, sich den einigen wenigen Perlen zuzuwenden, die in dem ganzen Mist aufschimmern. Zumindest eine davon sei erwähnt, nämlich die Geschichte kurz vor Schluss, als sich der Briefe-Schreiber mit der alten Kinderfrau zusammensetzt und sich mit dieser in eine Fress-Orgie an Schwarzwälder Kirschtorte, versetzt mit dem einen oder anderen Likörchen, hinein steigert … da endlich begegnet man wirklicher Literatur! Dass das Ganze als Aufstand gegen die bestimmenden Mächte der Zeit inszeniert wird, hier kleinkarikierend vertreten durch die eigentlich ganz nette Frau des überbordenden Egos, macht es nicht schlechter, sondern sogar besser.

Diese Passage als Kurzgeschichte und ich wäre des Lobes voll.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, im April 2016

Donnerstag, 28.04.2016

Autor: rwmoos

Michael Koryta: Die mir den Tod wünschen

Leben oder Überleben

Wer einen Thriller lesen möchte, ist bei Michael Korytas „Die mir den Tod wünschen“ goldrichtig. Der Aufbau, die Spannungsbögen, die Charaktere – allesamt recht gut ausgearbeitet. Die eine Schwester passt als solche nicht ganz zum Plot, aber das sei geschenkt.

Kurzum, es ist einer dieser amerikanischen Romane, die man einfach so wegliest. Zur Not innerhalb einer einzigen Nacht. Und wenn jemand wie Stephen King das Werk lobt, wer wäre ich, daran herumzumäkeln?

Meine Frage nach einem Buch aber lautet auch: Was bleibt von dem Gelesenen?

Hat es mir als Unterhaltung Zeit verkürzen helfen, die sonst in Langeweile umzuschlagen drohte oder mich erfolgreich von sonst zu erledigender Arbeit abgehalten? Dann bekommt es die Entertainment-Eins.
Hat es bei mir etwas ausgelöst, eine Denkkaskade, eine Idee oder auch nur ein Verstehen? Dann schneidet es in dieser Rubrik gut ab.
Und dann gibt es noch eine dritte Klasse von Büchern, die sind so schlecht, dass sie mir Anregungen liefern, wie man es nicht machen sollte. Die bekommen dann gute Noten in der Klasse „Schlechtes Beispiel“.
„Die mir den Tod wünschen“ gehört eindeutig zu den Klassenbesten in der ersten Sparte. Eine Entertainment-ZweiPlus.

Großartige Natur umgibt einen kleinen Suvival-Trainer, dessen Lebensphilosophie ungefähr so komplex aufgebaut ist, wie man es von einem ehemaligen Soldaten erwartet. Auch die Überlebenstechniken, die im Buch durchschimmern, würden sofort zusammenbrechen, wenn man die Adepten ihrer Spielzeuge wie schwedischen Feuerstahls und Chlor-Tabletten beraubte. Wer sich an Rüdiger Nehberg schulte, mag angesichts des dort Beschriebenen zu Recht lächeln. Doch geht es den im Buch vorgestellten Programmen lediglich darum, auffällig gewordene Jugendliche auf grundlegendere Formen des Seins zurückzuführen und da ist ein Boot-Camp im American Style wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht.

Unter den Jungs ist einer, der als wichtiger Zeuge in einem Schutzprogramm untertaucht und in dieser Konstellation bewegt sich dann auch der Thriller: Wer schützt den Jungen, wer gefährdet ihn. Wen gefährdet der Junge und so weiter.
Die Bösewichte sind wieder mal philosophierende Psychopathen wie man sie seit der Biblizisten-Wende in der amerikanischen Krimi-Szene gern verwendet. Hintergrund ist natürlich die Absicht, die Gefahren eines atheistischen Denkansatzes aufzuzeigen: Kaltblütiges Morden ohne staatlichen Auftrag würde ohne Gottesgedanken zum Standard. Da sei die Army vor!
Man kennt solche Gestalten spätestens seit Frank Millers „Sin City“. In Lasse Spang Olsens Film „The Good Cop“ tauchen sie auf und erst kürzlich begegneten sie mir wieder in Neil Gaimans „Niemalsland“. Selten sind es Amerikaner, aber bei Korytas ausnahmsweise auch keine Deutschen oder Dänen.

Wenn dann eine der Heldinnen des Buchs angesichts eines Waldbrandes endlich aufrechten Sitzens zu sterben versteht, ist am Ende alles gut.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, April 2016

Montag, 25.04.2016

Autor: Andreas Schröter

Robert Kisch: Glück

Robert Kisch: Glück«„Robert Kisch“ ist das Pseudonym für einen ehemals renommierten Journalisten, der seinen Job verlor und fortan als Verkäufer in einem Möbelhaus arbeitete. Dass dieser Mann sich so nennt wie der wohl berühmteste Vertreter des Journalismus, Egon Erwin Kisch, der Anfang des 20. Jahrhunderts für Furore sorgte, lässt zumindest aufhorchen. Haben wir es hier mit einem sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein zu tun, oder ist das (sympathische) Selbstironie?

Kisch hat über seine Arbeit im Möbelhaus einen gleichnamigen Roman geschrieben, der 2015 erschienen ist, und daraufhin die Kündigung erhalten. Mit dieser Kündigungsszene startet sein zweiter Roman „Glück“, den der Autor – wie schon im Falle „Möbelhaus“ – als „Tatsachenroman“ bezeichnet. Und diese Eingangsszene ist zugleich das Stärkste an diesem Roman.

Es geht weiter mit der Angst des Ich-Erzählers vor der Sozialhilfe und der mitunter verzweifelten Suche nach Glück. Er fährt dabei eine Doppelstrategie: Zum einen „pilgert“ er – so nennt er es – durch Köln, um Beobachtungen zu machen, für die man im Arbeitsleben keine Zeit hat, zum anderen sucht er Menschen auf, von denen er glaubt, dass sie über den Dingen stehen, wie berühmte Naturwissenschaftler, Philosophen, eine Mitarbeiterin im Hospiz, einen ehrenamtlichen Helfer oder eine Meisterin des Zen-Buddhismus.

Diese Passagen geraten Kisch eher wie ein Sachbuch aus der Lebenshilfe-Ecke: „Sorge dich nicht – lebe!“ „Lebe im Jetzt!“ Das nervt auf Dauer, zumal es alles andere als originell ist.

Die spießige Provinz (auch nicht neu) und eine verunglückte Liebesaffäre, die jeder Verlags-Lektor als unverzichtbaren Bestandteil eines Romans fordert, sind Nebenhandlungsstränge.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Mannes, der trotz aller Bemühungen keinen neuen Lebenssinn für sich finden kann. So gelesen ein Roman des Scheiterns, der keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.
——————————

Robert Kisch: Glück.
Droemer, April 2016.
320 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Mittwoch, 20.04.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt : Steinbauer: Das Unbehagen der Elsa Brandt (Start bei Minute 3)

Freitag, 15.04.2016

Autor: rwmoos

Gideon Böss: Deutschland, deine Götter

Er- oder Beleuchtet?

In Rempesgrün, einen kleinen Ortsteil von Auerbach im Vogtland mit geschätzten hundertfünfzig Einwohnern, der nicht einmal mehr über ein grünes Ortsteil-Schild heraus zu filtern ist, gibt es eine kleine religiöse Gemeinschaft: Die Rempesgrüner. Offizieller Name: Christliche Versammlung Rempesgrün.
Die gibt es nur hier, und wer in Rempesgrün geboren ist und sich religiös betätigen möchte, ist dort mit Sicherheit gut aufgehoben. Alle anderen sollten sich etwas Anderes suchen.

Und schon steht man vor der Frage: Welche Religion passt eigentlich zu einem?

Die zugrunde liegende Idee klingt gut: Warum sollte man die Religionen nicht ähnlich bewerten wie die Parteien! Dort werden im Internet schon lange Wahl-O-Meter angeboten. Indem man die persönlichen Präferenzen benennt, kann man sich jene Partei zur Wahl empfehlen lassen, die einem am nächsten kommt. Für Religionen ist diese Idee aber auch nicht neu. Dergleichen konnte man schon Ende der Neunziger im Netz testen. Man sieht sich auf dem Markt um und findet das, was einem zusagt.

Doch grau ist alle Theorie und deshalb erweiterte Gideon Böss nun in „Deutschland, deine Götter“ besagten Grundgedanken: Er machte sich quer durch Deutschland auf die Socken, um aus erster Hand etwas über 26 relevante Religionen zu erfahren, die hierzulande praktiziert werden. Die beiden christlichen Großkirchen, sunnitischer und schiitischer Islam, die Aleviten und natürlich das Judentum sind ebenso dabei wie Scientology und diverse Freikirchen. Die weitere Auswahl ist vielleicht etwas willkürlich, was aber wenig zur Sache tut, da die Schnittmenge durchaus als repräsentativ gelten darf.

Das beste Kapitel ist vielleicht gleich das erste, in dem ein Besuch bei einer Wicca-Hexen-Familie geschildert wird. Eine unentspanntere Art der Ausübung persönlicher Religiosität ist kaum vorstellbar. Wobei der ungeübte Leser sogleich erfährt, dass dort auch Männer Hexen heißen und nicht etwa Hexer oder Hexenmeister.

Die Interviews, die Gideon Böss führt, sind durchweg humorvoll, spritzig und nehmen das Gegenüber trotzdem ernst. Diese Ernsthaftigkeit scheint auch rüber zu kommen und somit erwidert zu werden – eine Grundvoraussetzung, um das locker geschriebene Büchlein trotzdem wichtig erscheinen zu lassen. Angehende Theologiestudenten können sich nach der Lektüre die halbe Vorlesung in Religionskunde sparen.

Andererseits: Auch wenn Gideon Böss die Interviews mit von ihm geleisteter Hintergrundlektüre anreichert, sind hie und da doch mächtige Lücken, die einer gründlicheren Wissensvermittlung im Wege stehen und damit den ins Auge gefassten Religionen und Richtungen nicht immer gerecht werden. Als Beispiel sei die doch recht mangelhaft beleuchtete Beziehung zwischen der Bezeichnung „Imam“ und „Mahdi“ bei den Zwölfer-Schiiten genannt.
Wieder andererseits: Ist Religion wirklich nur die verfasste Lehrmeinung einer Gruppe oder nicht vielmehr – oder zumindest gleichberechtigt auch – die gelebten Formen vor Ort? Gerade Letztere einmal beleuchtet zu haben, ist geradezu ein wissenschaftliches Verdienst des so unscheinbar salopp daher kommenden Büchleins. Da kommt ihm auch zugute, dass die Gesprächspartner nicht immer die leitenden Persönlichkeiten der Gruppe sind.

Kleine Abzüge gibt es in der B-Note: Dass der Autor in der Schule beim Kapitel über Napoleon III. krankheitshalber gefehlt hat, die diesbezüglichen Aussagen deshalb fälschlicherweise auf Napoleon Bonaparte bezieht und sich im Abschnitt über Bahai dementsprechend aus Unwissenheit lustig macht, bringt das ganze Kapitel in eine unschöne Schieflage. Es gäbe doch immer noch genug andere Merkwürdigkeiten, über die sich auszulassen lohnte. Auch der Umgang mit großen Zahlen will geübt sein: Bei der Division von sieben Milliarden Menschen durch eine Million Erleuchtete kommt der Autor immer noch auf 70 Millionen. Autsch!
Später erfährt man allerdings, dass der gute alte Bhagwan ähnliche Fehler beging, die ihm von seiner nunmehrigen Anhängerschaft der Osho-Bewegung als absichtlich verstörend wirkende Weisheit angerechnet werden. Wie der Autor zwiefach betont, würde auch er gern seinen Namen in einer Religionsgemeinschaft verzeitlicht finden. Vielleicht ist fragliche Arithmetik ja der gewollte erste Schritt dazu.

Im Wohnzimmer der Lahore-Ahmadiyyadim dürfte auch schwerlich eine Farbaufnahme der Kabbala hängen (S. 212). Jene verschwiegene jüdische Lehre wäre deutlich schwerer abzulichten als die sicherlich gemeinte Kaaba – aber solche kleinen Fehler können schon mal passieren, wenn man sich durch einen Wust mehr oder minder merkwürdiger Ansichten zu quälen hat.

Trotz der frischen Sprache und der jederzeit putzig daher kommenden Vergleiche hat das Buch seine Längen. Das wiederum liegt wohl am Gegenstand selbst: Nicht jede Religion wurde nach Kriterien des Unterhaltungswerts kreiert. Aber da der Autor hier erfolgreich Kompensationsarbeit leistet, bleibt alles im erträglichen Rahmen. Die Empfehlung des Rezensenten zielt dennoch darauf, das Buch kapitelweise zu lesen und es nicht in einem Stück konsumieren zu wollen.

Im Wikipedia-Artikel zu Gideon Böss, wird dieser als Agnostiker bezeichnet. Seine vorliegende Herangehensweise an die Sache jedoch impliziert einen gewissen Durst nach Gläubisch-Sein. Die Fragestellung nach dem Leben nach dem Tod kommt zwar immer wieder scheinbar neutral interessiert daher, doch indem er den „Glaubens-Profis“ fast vorwirft, wenn sie darauf keine Antwort geben können und wollen, scheint bei ihm eine Unsicherheit auf, die leider bei vielen Gewohnheits-Atheisten zu beobachten ist: Man argwöhnt, dass sie lediglich noch nicht das richtige Angebot gefunden haben. Käme es, so schmölze ihre Agnostik gar schnell dahin. Das ist ein trauriges Gefühl, das einem da beim Lesen gelegentlich überkommt.

Unerwartet stark das Ende: In seiner Zusammenfassung gelingt Gideon Böss noch einmal auf zweieinhalb Seiten ein Fazit, das für sich selbst spricht und deshalb hier nicht wiedergegeben sondern selbst gelesen werden soll.

Damit hätte es sein Bewenden haben können. Doch dann folgt noch eine weitere halbe Seite, die wieder jenes eben erwähnte Sehnsuchtsgefühl nach erlebbarer Religion transportiert. Das kann man verstehen. Oder verachten. Oder beides.

Vielleicht findet der Autor die gesuchten Antworten ja in Rempesgrün.

Tüchersfeld, den 15.04.2016

Reinhard W. Moosdorf

Dienstag, 12.04.2016

Autor: Andreas Schröter

Matt Sumell: Wunde Punkte

Matt Sumell: Wunde Punkte«Alby gerät bei der kleinsten Kleinigkeit in Wut, er prügelt und säuft sich durch Leben und ist alles in allem genau das, was man einen Proleten nennen würde.

Der amerikanische Autor Matt Sumell geht das Wagnis ein, eben jenen durchaus unsympathischer Zeitgenossen zum Ich-Erzähler seines Erstlings zu machen. Und das Wagnis geht auf. Der Text reißt einen mit seiner derben Sprache sofort mit Wucht in die Welt der Zukurzgekommenen, und man weiß an vielen Stellen nicht, ob man lachen oder weinen soll – zum Beispiel gleich auf der ersten Seite, wenn Alby zu einem wildfremden Mädchen sagt: „Wow, das ist ja übel.“ – „Was denn?“ – „Dein Gesicht.“ Drei Seiten weiter schlägt er seine ältere Schwester, weil sie seiner Meinung nach die Spülmaschine falsch eingeräumt hat.

Ein anderes Mal gerät ein Paar in einen unglaublichen Streit, weil die Frau nicht von dem Essen probieren will, das sich der Mann bestellt hat. Der Mann besteht aber hartnäckig darauf, dass sie das tut.

Das Ganze wirkt zunächst nur wie eine derbe, aber realitätsnahe Milieustudie nach dem Motto: „Seht her, so geht es bei Familie Proll zu“. Doch der Tenor des Romans ändert sich. Alby hat nicht nur ein großes Herz für Tiere wie einen Vogel, den er aufpäppelt, sondern mit zunehmender Seitenzahl auch für die Menschen, wobei er sich besonders um die Schwachen und Verletzlichen kümmert.

Unser Anti-Held entwickelt sich vom Ekelpaket erster Güte zwar nicht zu einem Muster-Schwiegersohn, aber immerhin doch zu jemandem mit durchaus sympathischen Zügen.

Ein besonderes Verhältnis hat er auch zu seinen Eltern. Als die Mutter früh stirbt, scheint er kaum eine Bindung an sie zu haben, später ist er derjenige, der am meisten um sie trauert und am schlechtesten mit ihrem Tod fertig wird. Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zu seinem Vater, einem Säufer, der Alby in seiner Kinderzeit auch drangsaliert hat.

Über „Wunde Punkte“ lacht man, man ärgert sich, und am Ende bleibt man sogar ein wenig nachdenklich zurück. Und man versteht, warum Alby so ist, wie er ist. Es ist ein Buch, das Emotionen freisetzt – und was kann man schließlich mehr von einem Buch erwarten?
——————-

Matt Sumell: Wunde Punkte.
S. Fischer, März 2016.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 09.04.2016

Autor: Andreas Schröter

Jóanes Nielsen: Die Erinnerungen

Jóanes Nielsen: Die Erinnerungen«Dies ist ein gutes Beispiel für einen Roman, der zwar im Land seiner Herkunft funktionieren mag, exportiert in andere Gegenden der Welt aber massiv an Bedeutung verliert.

Der 1953 geborene Autor Jóanes Nielsen greift in seinem Buch „Die Erinnerungen“ lange zurückliegende Ereignisse seiner Heimat, den Färöer-Inseln, auf. Eine Masernepidemie Mitte des 19. Jahrhunderts kommt genauso vor wie ein Arzt, der sich weigert, auf die abgelegenen Inseln zu reisen, oder wie Beispiele von kolonialer Hochnäsigkeit, die die Dänen den Bewohnern der Färöer-Inseln entgegenbringen.

Wer sich für solche lokalen Geschichtchen nicht so sehr interessiert wie – möglicherweise – die Landsleute des Autors, sondern einfach nur einen guten Roman lesen will, der wird nach der Lektüre dieses Werks enttäuscht sein. Das Ganze kommt eigenartig zusammenhanglos daher, so als hätte der Autor lediglich ein paar Anekdoten gesammelt, um sie dann wahllos in sein Buch zu packen, ohne sich um eine verbindende Handlung Gedanken zu machen.

Folge ist ein „Roman“, der größtenteils wie ein Sachbuch wirkt. Es mangelt an Spannung, atmosphärischer Dichte oder einer irgendwie gearteten Handlung – also genau an den Zutaten, weswegen man überhaupt einen Roman liest (und eben kein Sachbuch).

Sämtliche Figuren – und es sind unübersichtlich viele – wirken blass, weil der Autor sich nicht die Zeit nimmt, die Leser an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. Nielsen beschreibt lediglich das, was sie tun. Kein gutes Buch.
————————-

Jóanes Nielsen: Die Erinnerungen.
btb-Verlag, März 2016.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Samstag, 26.03.2016

Autor: rwmoos

Ule Hansen: Neuntöter


Ule Hansen – ein Berliner Autorenduo, das u.a. mit Vorliebe für Whisky für sich wirbt – hat mit „Neuntöter“ einen Krimi vorgelegt, der, das sei gleich vorweg genommen, sich ausgezeichnet lesen lässt.

Mit Panzertape mumienartig eingewickelte Leichen hängen schlecht einsehbar auf einer Berliner Großbaustelle und werden dort von einem kletterfreudigen Jungen entdeckt. Das Ermittlerteam macht sich an die Arbeit. Erzählt wird aus der Perspektive der Profilerin Emma Carow, einer im Grunde asozialen Beamtin, die sich Hoffnung auf die Leitung ihrer Abteilung macht und dabei von einem neu dazu gestoßenen Kollegen ausgebremst wird.

Die Schilderung der gebrochenen Persönlichkeit der angefressenen Heldin ist dann auch das eigentlich Interessante an diesem Roman. Selbst Opfer eines weit zurückliegenden Gewaltverbrechens, schafft es diese ansonsten durchsetzungsfreudige Frau nicht, ihre Vergangenheit zu bewältigen und rutscht in entscheidenden Momenten in infantile Verhaltensmuster ab. Bei aller Genialität patzt sie grob und regelmäßig genau dort, wo es um ihre eigenen Belange geht. Dass so jemand, der seine eigenen Schwächen derart wenig verdecken kann, innerhalb einer Behörde im wahren Leben überhaupt niemals für einen höheren Posten gehandelt werden könnte – geschenkt. Denn schon die Schilderung des Verbrechens ist so meilenweit von den tatsächlichen Kriminalfällen hierzulande entfernt, dass ohnehin klar wird, dass der Roman von vornherein keinen Wert auf Realitätsnähe legt. Auch wenn gegen Ende der Erzählung die Fiktion schwer verdaulich wird, weil sie dann völlig abhebt, schadet dies dem Roman nur bedingt. Denn die Autoren verstehen es meisterhaft, immer neue Spannungsbögen aufzubauen. Die Erzählung ist dabei so nett geschachtelt, dass immer neue Perspektiven auf das Gesamtgeschehen ermöglicht werden.

Gut gemacht auch die Szenen, in denen die Handlung nur als Möglichkeit im Kopf der Protagonistin weiterläuft, ohne dass man dies als Leser gleich bemerkt. Die dann tatsächlich weitergeführte Handlung ist dagegen oft von profaner Natur. Wer kennt das nicht?

Der Bezug zum titelgebenden Neuntöter wirkt im Buch ein wenig aufgespießt, aber das soll wohl so sein. Ein Meta-Bezug, wie man ihn beim „Schweigen der Lämmer“, der Mutter aller Profiler-Romane, kennt, ist hier nicht beabsichtigt. Und wer genau neun Tötungsdelikte erwartet, wird auch enttäuscht werden.

Bei den psychologischen Aspekten, die ja das Handwerkszeug eines Profilers sind, wünscht man sich hier und da etwas mehr Gründlichkeit. Die viel versprechenden Ansätze verlieren sich doch allzu schnell in Gemeinplätzen. Dennoch gehört hier zumindest das Profil der unegalen Profilerin selbst zu den stärkeren Passagen. Wobei wir die Stelle, an der Frau Carow ihrem alten Peiniger in einem Verhörzimmer unter merkwürdigen Umständen begegnet, mal ganz schnell wieder vergessen wollen – oder zumindest als eine dieser Fiktionen, die im vorhergehenden Abschnitt beschrieben sind, verstehen möchten.

Die besten Szenen aber sind doch der Beschreibung der verlassenen Gebäude in Berlin geschuldet. Als die Heldin mit einem nackt tanzenden Outlaw in solch einer werdenden Ruine hoch über der Stadt steht und unter diesem Eindruck lernt, ihrer Stimme wieder einen archaischen Raum zum Schrei zu überlassen – da endlich scheint auch das Herzblut des Autorenduos mitzuschwingen.
Eigentlich kein Wunder: Erfahren wir doch aus dem Klappentext, dass die beiden neben Whisky auch die Leidenschaft teilen, durch die verlassenen Ecken ihrer Stadt zu streifen.

Fazit: Empfehlenswer. Vorzugsweise an trüben Tagen in einem verlassenen, mit Spinnweben behafteten Gebäude bei einer Flasche nicht allzu guten Whiskys zu goutieren. Mit zunehmend fliegendem Geist akzeptiert man dann auch problemlos die Gedankenflüge des Handlungsfadens im Finale.

Ende März 2016
Reinhard W. Moosdorf

Mittwoch, 23.03.2016

Autor: Andreas Schröter

Szczepan Twardoch: Drach

Szczepan Twardoch: Drach«Der polnische Autor Szczepan Twardoch ist deutschen Lesern seit 2014 bekannt. Damals erschien sein wuchtig-düsteres Erstlingswerk „Morphin“, das mit den Themen Drogen, Sex, Gewalt und andere menschliche Abgründe einen faszinierenden Lesesog entwickelte.

Um menschliche Abgründe geht‘s auch in seinem neuen Werk „Drach“, aber diesmal macht es der 1979 geborene Autor seinen Lesern ungleich schwerer als im Erstling. Er erzählt keine lineare Geschichte, sondern springt – manchmal mehrmals auf einer Seite – wild durch die Zeiten. Das erfordert ein Maximum an Konzentration. Außerdem empfiehlt es sich, ein Namensregister anzulegen, sonst droht man in der Vielzahl der handelnden Figuren zu ertrinken.

Im Zentrum steht das Leben Josef Magnors und das seiner Nachkommen im mal polnischen, mal deutschen Schlesien. Die Erzählung umfasst dabei eine Zeitspanne von über 100 Jahren – vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Sie beginnt mit dem missglückten Schlachten eines Schweins, das sich dem kleinen Josef genauso tief einprägt wie einige Jahre später die Gräuel in den Schützengräben des 1. Weltkriegs. Twardoch greift dabei – wie schon in „Morphin“ – zu äußerst drastisch-deftigen Bildern. Da fließt das Blut, da spritzen die Innereien, da wird sich geprügelt und wild kopuliert, dass es nur so kracht. Alle paar Seiten gibt‘s eine neue Leiche.
Ungewöhnlicher Erzähler dieses Romans ist eine Art allwissende Erde, die ähnlich eines Gottes das Schicksal eines jeden Menschen kennt.

Anhänger von Quentin-Tarantino-Filmen werden sicherlich an vielen Szenen ihre Freude haben, und doch bietet dieses Buch letztlich nicht den Lesegenuss von „Morphin“. Zu verschlungen ist diesmal der Handlungsfortgang, den man sich wie in einem Puzzle in mühevoller Kleinarbeit zusammensetzen muss.
—————————–

Szczepan Twardoch: Drach.
Rowohlt, März 2016.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

bLogin
Second-Hand Grabbelkiste zugunsten des ligatur e.V. bei facebook.
Literaturwelt. Die Page. | Promote Your Page Too

Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos

Kostenlos aktuelle Artikel per E-Mail:

Tagcloud
Empfehlungen
Unsere Projekte
Letzte Kommentare
Kategorien
Links / Blog'n'Roll


Statistik

literaturwelt.de & carpe.com | über blog.literaturwelt | Autoren | Archiv | Impressum | RSS | Werbung