Donnerstag, 11.03.2010

Autor: Andreas Schröter

Douglas Preston/Lincoln Child: Cult

Douglas Preston/Lincoln Child »Cult«Obwohl ich die Romane von Douglas Preston und Lincoln Child gerne mag, habe ich bei der Anschaffung des neuesten Werks des amerikanischen Autorenduos gezögert. “Cult” heißt es, und vermeintliche Zombies spielen darin eine tragende Rolle. Die schleimigen und röchelnden Untoten haben mich noch nie sonderlich interessiert.

Ich hätte auf mein Gefühl hören sollen. Vor allem wegen des unappetitlichen Themas stellt sich beim Lesen dieses 500-Seiten-Romans nicht die Faszination ein, die sonst von Preston/Child-Büchern ausgeht. Sicher, leidlich spannend und stilistisch gut geschrieben ist auch “Cult”. Insofern hebt es sich immer noch wohltuend vom sonstigen Einheitsbrei im Thriller/Krimi-Genre ab. Aber verglichen mit anderen Gemeinschafts- oder Einzelwerken von Douglas Preston und Lincoln Child fällt “Cult” ab.

Das liegt auch daran, dass Sereinheld Special-Agent Pendergast diesmal seltsam blass bleibt. Leser, die ihn nicht bereits aus anderen Romanen kennen, dürften Schwierigkeiten haben, ein klares Bild von ihm zu erhalten.

Es geht um eine dubiose religiöse Gemeinschaft mitten in Manhattan, die im Verdacht steht, grausame Zeremonien abzuhalten, in deren Verlauf Tiere abgeschlachtet werden. Außerdem sollen sie mittels Voodoo-Zauber Zombies erschaffen haben, die mehrere Menschen töten.

Muss man nicht unbedingt gelesen haben.
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Douglas Preston/Lincoln Child: Cult.
Droemer/Knaur, Jaunuar 2010.
500 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.

Montag, 08.03.2010

Autor: hedoniker

Lesbar gemacht. Über die Neuübersetzung des Simplicissimus.

CoverIm Laufe seines Studiums der Komparatistik galt es für den Rezensenten dereinst, eine Lektüreprüfung abzulegen. Auf der Liste der zu lesenden Bücher befand sich auch „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“, der barocke Romankoloss, der in vielen Bücherregalen zu finden war, zumeist aber in jungfräulicher, d.h. ungelesener Gestalt. Eine erste, kurze Begegnung hatte man bereits im Geschichtsunterricht, in dem die Szene des Überfalls auf den Hof der (vermeintlichen) Eltern exemplarisch für die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges stand. Man wusste also, was ein „Schwedentrunk“ ist, mehr vom Inhalt kannte der Rezensent damals nicht. Nun galt es also, die Lektüre zu vollziehen. Damals kannte man das Wort prokrastinieren nicht, ließ sich aber nicht davon abhalten, es trotzdem zu tun. Kurzum, der Tag der Lektüreprüfung rückte näher und man erkannte, dass „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ mitnichten mal eben schnell noch zu lesen war. Nicht nur, weil er doch eine beachtliche Länge hat. Die Sprache war es, welche die Lektüre durchaus zäh und langwierig machte.
„Es eröffnet sich zu dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt, daß es die letzte sei) unter geringen Leuten eine Sucht, in der die Patienten, wenn sie daran krank liegen, und so viel zusammen geraspelt und erschachert haben, daß sie neben ein paar Hellern im Beutel ein närrisches Kleid auf die neue Mode mit tausenderlei seidenen Bändern antragen können, oder sonst etwa durch Glücksfall mannhaft und bekannt worden, gleich rittermäßige Herren und adelige Personen von uraltem Geschlecht sein wollen; da sich doch oft befindet, daß ihre Voreltern Taglöhner, Karchelzieher und Lastträger; ihre Vettern Eseltreiber; ihre Brüder Büttel und Schergen; ihre Schwestern Huren; ihre Mütter Kupplerinnen oder gar Hexen; und in Summa ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein mögen; ja sie, diese neuen Nobilisten, sind oft selbst so schwarz, als wenn sie in Guinea geboren und erzogen wären worden.“
So lautet der erste Absatz und gleichsam auch der erste Satz. Nachdem man dieses Satzungetüm für sich geordnet hatte, blieb noch zu klären, was Karchelzieher (Karrenzieher) und Anichen (Ahnen) sind und was sich hinter Zuckerbastels Zunft verbirgt (Prager Diebesbande).

Lange Rede, kurzer Sinn, die Lektüre war nicht mehr zu schaffen und Spaß daran hatte man auch nicht. Also schaute man in Kindlers Literaturlexikon, merkte sich ein paar inhaltliche Aspekte und Deutungsmöglichkeiten und hoffte, dies würde für die Lektüreprüfung reichen. Es reichte, was aber vor allem daran lag, dass die Diskussion über „Effi Briest“ in die Länge gezogen wurde, so dass für den Simplicissimus keine Zeit mehr blieb.

Dabei wäre es vermutlich geblieben, wenn nicht Reinhard Kaiser eine Übersetzung „Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts“ vorgelegt hätte.
Nun mögen Puristen die Frage stellen, ob eine Übertragung in zeitgenössisches Deutsch nicht eine Art Kapitulation sei. Eine Kapitulation davor, dass Literatur mitunter Anstrengung erfordert. Diese Frage stellt sich nie bei Übersetzungen aus anderen Sprachen. Durch (gelungene) Neuübersetzungen beginnen literarische Werke wieder zu funkeln. Übersetzungen sind immer auch Ausdruck des Geistes der jeweiligen Epoche. Um vieles ärmer wäre die Literaturlandschaft, wenn wir nur die Tieck’schen Shakespeareübersetzungen hätten und auf die Übersetzungen von Erich Fried oder Wolf Biermann verzichten müssten.
Die literarische Übersetzung ist ein Mittel, Rest des Eintrages lesen »

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Montag, 01.03.2010

Autor: Christiane Geldmacher

Die Alligatorpapiere gibt es jetzt im Print!

Die Alligatorpapiere sind in den Print gegangen. Näheres zu dem Magazin für Kriminalliteratur, herausgegeben von Alfred Miersch und Thomas Przybilka, gibt es – bei den >>>Alligatorpapieren. Eine Ausgabe kostet sechsfuffzich, kann man abonnieren.

Aus dem Inhalt:

Die Befragung: Bruno Morchio
(Von Gisela Lehmer-Kerkloh und Thomas Przybilka)
Guillermo Martínez: Porträt und Interview
(Von Doris Wieser)
V Congreso de Novela y Cine Negro
(Von Doris Wieser)
Frank Göhre. Chronist der alten Bundesrepublik
(Von Elfriede Müller)
Feldmanns Schusswechsel. Regionalkrimis
(Von Joachim Feldmann)
Memento mori
Nekrolog für das Jahr 2009/10
Stuart Kaminsky: Just a Midlist-Author
(Von Jan Christian Schmidt)
Der verwickelbare Schnüffler. Über Robert B. Parker
(Von Thomas Klingenmaier)
Abgesang auf eine sterbendes Krimijahr.
(Von Jan Christian Schmidt)
Krimipreise in Deutschland: Die PreisträgerInnen 2009/10
Krimi-Tipp No. 53.
Thomas Przybilkas Informationen zur Sekundärliteratur

Alligatorpapiere [Print]
Magazin zur Kriminalliteratur
Herausgegeben von Alfred Miersch & Thomas Przybilka.
76 Seiten, Format 20,3 x 14,5 cm
2010; EUR 6,50

Montag, 22.02.2010

Autor: Christiane Geldmacher

Wie man Prosa schreibt.

Jeweils zehn Regeln von verschiedenen Autoren gibts beim guardian, u.a. von Elmore Leonard, Margaret Atwood, Roddy Doyle, Richard Ford, PD James, AL Kennedy etc. Via >>> Axel Bussmers Kriminalakte.

Beispiel Roddy Doyle:
1 Do not place a photograph of your favourite author on your desk, especially if the author is one of the famous ones who committed suicide.

Auf die heikle Prokrastinationsfrage geht allerdings keiner ein.

Dienstag, 16.02.2010

Autor: Immo Sennewald

Führen ohne Chefs

Führen ohne Chefs

“Die Buchkritik” am 15.2.2010 auf SWR 2 befasst sich mit Niels Pflägings Buch ”Die 12 neuen Gesetze der Führung – Der Kodex: Warum Management verzichtbar ist”. Pfläging: »Wer seine Mitarbeiter bewusst oder unbewusst auf Hierarchie ausrichtet, erntet Bürokratie, Erstarrung und innere Kündigung. Das nennen wir Management. Wessen Unternehmen schneller, flexibler und robuster werden soll, der muss seine Mitarbeiter auf die Kunden, also den Markt ausrichten.«
Es geht aber um mehr: um das Menschenbild, das die Wirtschaft – und damit die wichtigste Sphäre menschlichen Handelns – künftig bestimmt.
Wer sich etwas tiefer auf Gefühle, Konflikte, Strategien als Grundprobleme von Führung einlassen mag: “Der menschliche Kosmos”, 2006 bei Salier in Leipzig erschienen, bietet reichlich Stoff für fruchtbaren Diskurs, ebenso “Machtwechsel im Management” von Uwe Renald Müller (Haufe 1997), das Buch wurde 1998 mit dem “Global Business Book Award” ausgezeichnet.

Da ich gerade mal wieder in China bin: Wir veranstalten hier wirklich keine akademischen Flohknackereien. Das Überleben der Menschheit hängt nicht von Klimatologen, Astrologen, Politikern und anderen Schattierungen alter Hierarchen und ihrer Medizinmänner ab, sondern vom Konfliktmanagement. Dabei sind Helden sehr, sehr kontraproduktiv. Demokratie ist allerdings weniger gut verkäuflich für das massenhafte Unterhaltungsbedürfnis, das ohne Helden nicht auskommen mag. An dieser Stelle fängt es an, schwierig zu werden … Es artet womöglich in Arbeit aus.
Aber wo steht geschrieben, dass Arbeit keinen Spaß machen darf?

Sonntag, 14.02.2010

Autor: Andreas Schröter

Lincoln Child: Nullpunkt

Lincoln Child »Nullpunkt«Wer nicht die ganz große Literatur sucht, sondern einen spannenden Thriller für die Entspannung nach Feierabend auf dem Sofa, der ist bei Lincoln Child richtig.

Der 52-jährige amerikanischen Autor schreibt seine Bücher zumeist gemeinsam mit Douglas Preston, allerdings sind auch die Einzel-Romane der beiden gut lesbar, wie „Wächter der Tiefe“ von Child oder „Credo“ von Preston im vorigen Jahr.

In Lincoln Childs neuestem erst vor ein paar Tagen auf Deutsch erschienenen Werk „Nullpunkt“ geht es um ein Urzeit-Monster, das im ewigen Eis gefunden und aus Versehen aufgetaut wird. Dann macht es sich – höchst lebendig – auf einen fürchterlichen Vernichtungs-Feldzug.

Zugegeben: Das hört sich nach Schund pur an, ist aber gut lesbar, weil Lincoln Child sein Handwerk stilistisch und vom Handlungssaufbau her versteht.

„Nullpunkt“ versetzt den Leser sehr passend zum aktuellen Wetter in eine eisige arktische Atmosphäre. Die klaustrophobische, angsteinflößende Lage der Männer und Frauen in einer abgelegenen Basis wird beim Lesen greifbar. Da wirkt nichts gestelzt oder hölzern, wie so oft bei anderen Autoren aus den seichteren literarischen Genres.

Ein Charakteristikum bei Lincoln Child und Douglas Preston ist außerdem, dass sie selbst abstruseste Geschehnisse immer versuchen, wissenschaftlich zu erklären. So sind ihre Bücher eine beständige Gratwanderung zwischen Horror und Wissenschafts-Thriller: Das grauenerregende Eis-Monster wurde eben schockgefroren, deshalb hat es tausende von Jahren im Eis überlebt. Und es war damals eine Sackgasse der Evolution. So einfach ist das. Insgesamt empfehlenswert.
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Lincoln Child: Nullpunkt.
Wunderlich, Januar 2010.
397 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.

Dienstag, 09.02.2010

Autor: Immo Sennewald

Erleuchtungen über den Hecht

Hechte von Andreas Hartl fotografiert

Einer PRESSEMITTEILUNG des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin mit dem zugehörigen Foto von Andreas Hartl entnommen:

“In der Berufswelt gibt es viele Strategien, um zum Ziel zu gelangen. Während sich die einen durch Beständigkeit behaupten, trumpfen andere mit ihrem Charisma auf. Bis jetzt ist weitgehend ungeklärt, ob auch bei niederen Wirbeltieren, wie Fischen, unterschiedliche Verhaltensweisen innerhalb einer Art vergleichbare Folgen für das Überleben und den Fortpflanzungserfolg haben. Forscher am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben nun herausgefunden, dass der Raubfisch Hecht in der Lage ist, bei mangelndem Nahrungsangebot alte Gewohnheiten aufzugeben. Ein Team von Freilandfischökologen beobachtete drei unterschiedliche Verhaltenstypen innerhalb einer Hechtpopulation in einem Brandenburger See. Sowohl „faules“ Verhalten als auch eine „draufgängerische“ Lebensweise führten zu ähnlichem Körperwachstum der einzelnen Individuen. Veränderliche Lebensweisen sind ein Schlüsselprinzip, mit dem Fische auf steigende innerartliche Konkurrenz reagieren und so ihr Überleben sichern. … ”
Darauf habe ich mir erlaubt zu antworten:
“Vielen Dank für Ihre unterhaltsame Mitteilung. Erlauben Sie mir die Vermutung, dass den jeweiligen Umgebungen angepasste “Temperamente” schlicht überlebensnotwendig und insofern bei praktisch allen Lebewesen zu finden sind. Sie sollten nur mal sehen, wie aus einer eben noch lethargisch wirkenden Schildkröte beim Sex ein echter Draufgänger wird! Noch schlimmer sind Schleimpilze (Eumycetozoa, auch Myxomyceta genannt), die sich nach monatelangem Individualismus innerhalb weniger Stunden zu selbstlosen Kollektivbestandteilen wandeln.
Selbst ich werde manchmal zum rasenden Berserker, obwohl mich meine Umgebung gemeinhin (seit fast 60 Jahren!) eher als konflikt- und lärmscheuen Friedfisch wahrnimmt.
Mich freut, dass nun auch der Hecht als das erkannt wird, für was ihn viele schon lange gehalten haben: als toller, weil anpassungsfähiger Hecht.
Er braucht nichtmal einen Karpfenteich, um groß in Form zu kommen. Das ist wirklich ein Grund zur Freude.”

Montag, 08.02.2010

Autor: Immo Sennewald

Copykill – ein Gossenroman

Fräulein Hegemann, 17-jährige Nymphoman-Selbstdarstellerin wird als Plagiatorin ”enttarnt”, was ihr nix ausmacht, weil’s alle machen. Klar: um Literatur geht’s nicht, nur ums Auffallen. ”Bürgerschreck” lässt sich am besten vermarkten, wenn Sex, Drugs und fäkale- bzw. genitale Gossensprache von pubertierenden Lolitas in Druck gegeben werden und – durch die Feuilletons gepeitscht – ordentlich Kohle bringen. Der plagiierte Blogger, von dem vorher niemand Notiz nahm, darf auf eine nette Geste des Ullstein-Verlags hoffen, der ihm nun von dem Kuchen der ertappten Abschreiberin ein Stückchen abschneidet.
Die Medien leben von diesen Stories – auch ”Spiegel”, ”Süddeutsche”, FAZ, taz, ”Zeit” … Das zum Ritual gehörige Wehgeschrei über die Sittenverderbnis der Jugend hat Gott sei Dank den Kanon der Weltliteratur ebensowenig beeinflusst wie alle Moden und Spektakel. Bedauerlich ist, dass den Werten dieses Kanons kaum Platz in der Erziehung zukommt. Das drückt sich dann in Gewalt- und Drogenexzessen der ”Unterschicht” ebenso aus, wie im Verhalten asozialer Geldmaschinenbetreiber. Vorwärts in die Feuchtgebiete, vorwärts in die nächste Schlammschlacht! Hauptsache, die Quote stimmt!

Montag, 08.02.2010

Autor: Christiane Geldmacher

Je größer die Gewalt, desto kleiner die Blutstropfen

Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige

Ja, so kann man einen hochintelligenten Ratgeber schreiben! Er heißt „Von Arsen bis Zielfahndung. Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige“ und die beste Nachricht ist, dass er aus deutscher Feder stammt: der der Autoren Manfred Büttner und Christine Lehmann. Er ist auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten: Es geht um die deutsche Polizei, deutsche Leichenschauhäuser, das deutsche Strafgesetzbuch. Dafür kann man den beiden Autoren gar nicht dankbar genug sein. Vergnüglich zu lesen ist es außerdem, nicht nur wegen etlicher schneidender Kommentare, die so manchen schlecht recherchierenden Krimiautor ernstlich zusammenzucken lassen dürften, sondern auch wegen der launigen Krimiskizzen, die Christine Lehmann mit leichter Hand dazwischen gestreut hat und die den KollegInnen veranschaulichen: So geht’s – nachgewiesenermaßen – nicht.

Der Ratgeber ist eine kurzweilig zu lesende Mixtur aus fiktionalen Elementen („Fanny Fuchs ist dicht davor aufzugeben. Einen gesunden Ehemann Mitte Fünfzig umzubringen, ist verdammt schwierig…“), Informationen („Die historisch aus der bundesdeutschen Bahnpolizei und dem Bundesgrenzschutz zusammengeführte Bundespolizei ist mit rund 40 000 Beschäftigten (Bundespolizei 2009) im Alltag deutlich präsenter als im Krimigeschehen…“) und erhellenden Auszügen aus Gesetzestexten („Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren Abschn. I Nr 3. I: Der Staatsanwalt soll in bedeutsamen oder in rechtlich oder tatsächlich schwierigen Fällen den Sachverhalt vom ersten Zugriff an selbst aufklären, namentlich den Tatort selbst besichtigen, die Beschuldigten und die wichtigsten Zeugen selbst vernehmen…“ ).

Einziger Wermutstropfen: Es gibt kein Register. Sollte es zu einer weiteren Auflage kommen, wäre ein solches wünschenswert, zum Nachschlagen all jener Begriffe, die nicht explizit im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind.

Alle KrimiautorInnen, die Ermittlerkrimis schreiben, sollten dieses Buch im Regal stehen haben. Und die anderen auch. Frei nach dem Motto: Krimiautoren können sachliche Fehler machen, aber sie müssen nicht: Es heißt Observation, nicht Observierung, Vernehmung, nicht Verhör, Durchsuchungsbeschluss, nicht Durchsuchungsbefehl.

>>>Hier geht es zu der Webseite der Autorin und es gibt ein Interview von >>>Kirsten Reimers mit den Autoren im >>>Titel-Magazin.

Büttner, Manfred / Lehmann, Christine: Von Arsen bis Zielfahndung, Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige, Ariadne (Leit) Faden 2009-10, 238 Seiten, Preis: 16.90 EUR

Donnerstag, 04.02.2010

Autor: JosefBordat

Mann der Einheit

Wilfried Hagemann über das Leben, Werk und Wirken des Bischof Klaus Hemmerle

Von Männern der Kirche wünscht man sich die sichtbare Einheit von Leben und Lehre. Sie sollen sagen, was sie tun, und tun, was sie sagen. Man wünscht sich außerdem, dass sie die Einheit der Christen befördern, denn nur in dieser Einheit ist das Zentrum des Glaubens erkennbar – der eine Gott und der eine Herr. Und wenn sie schließlich noch die Menschen in ihrem Wirkbereich , seien es Christen, Anders- oder Nichtgläubige, zu kleinen Schritten auf dem Weg zueinander befähigen und auf das Ziel der Einheit orientieren, dann kann man wohl von einer gelungener Nachfolge Christi sprechen. Oder schlicht von einem „guten Priester“. Klaus Hemmerle (1929-1994), ab 1975 Bischof von Aachen, war so ein Priester.

Hemmerles langjähriger Freund Wilfried Hagemann macht mit dem im Echter-Verlag erschienenen Buch „Verliebt in Gottes Wort“ dieses Leben in und für die Kirche einem breiten Publikum zugänglich. Die Biographie verdeutlicht anhand wichtiger Lebensstationen und Wirkungsstätten die Entwicklung des theologischen Denkens eines der großen deutschen Bischöfe des 20. Jahrhunderts. Seine Bedeutung für die Ökumene und die ökumenisch orientierte Fokolarbewegung, die kaum zu überschätzen ist, kommen dabei ebenso zur Sprache wie die pastorale Arbeit in seinem Bistum Aachen, die bleibende Spuren hinterließ und weit über die Diözese hinauswirkte.

Da Hemmerles Denken untrennbar mit der Erfahrungswelt seines Lebens verknüpft ist und die theologischen und ekklesiologischen Impulse, die er als Bischof gab, sich zumeist unmittelbar aus den Begegnungen mit Menschen motivierten, ist diese klassische Darstellungsform, ein chronologischer Durchgang „von der Wiege bis zur Bahre“, durchaus geeignet, uns nicht nur den Menschen, sondern auch den Theologen und Kirchenmann nahe zu bringen.

Sein Leben ist so reich an Stationen und Erfahrungen, dass die Biographie in viele kleine Abschnitte gegliedert werden musste, um den Leser mitzunehmen. Hagemann sorgt dafür, dass er mitkommt und Schritt halten kann mit dem Tempo des höhepunktereichen Lebens – man könnte steile Karriere sagen, wüsste man nicht genau, dass es Hemmerle daran am allerwenigsten lag. Kindheit, Berufung, Studium, Priesterweihe, Gründungsdirektor der Katholischen Akademie, Habilitation, Benennung zum geistlichen Direktor des Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Professor, Bischof, die Rolle im Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und dem Judentum, die Beziehung zu Chiara Lubich, Gründerin der Fokolarbewegung, Vollendung – das sind die Stationen und Höhepunkte des Lebens von Klaus Hemmerle, aus dem stets Bescheidenheit und Bodenständigkeit sprachen.

Hagemann füllt die Lebensabschnitte mit Daten und Anekdoten. Er referiert sehr behutsam aus Hemmerles Kindheit und Jugend in den schweren Kriegsjahren, als sich – Hemmerle ist 15 Jahre alt – seine Berufung erstmals offenbart. Hagemann präsentiert tiefgründige Texte aus dem Nachlass des Bischofs und viele Stellungnahmen von Kollegen, Weggefährten und Freunden. Er hat keine Mühen gescheut, sie ausfindig zu machen und zu befragen. Gerade von diesen Original-Statements lebt die Biographie. Die sehr persönlichen Meinungen erhellen das Bild Klaus Hemmerles und geben andererseits Einblick in die Rezeption dieses bedeutenden Mannes, die sehr stark von den Eindrücken persönlicher Begegnung und Beziehung geprägt ist. Es wird schnell klar: Hemmerle war ein Mann, der die Einheit suchte – die seines Bistums, die der Kirche und die der Menschen. Diesen Anspruch entwickelt er sowohl im Rahmen der pastoralen Alltagsarbeit als auch entlang seiner Schriften.

Hagemann führt kompetent in die nicht immer ganz einfache Theologie Hemmerles ein. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Kontext Hemmerles Beziehung zur Fokolarbewegung, deren Bischofsgruppe er ebenso gründete wie er die Anfangsjahre des Studienzentrums „Scuola Abbà“ inspirierte. Mit Chiara Lubich befand er sich in einem intensiven theologischen Diskurs, getragen von gegenseitiger Liebe – Hagemann nennt es treffend „Weggemeinschaft“. Im Zentrum von Austausch und Beziehung steht der „verlassene Jesus“, der am Kreuz Leid und Heil vereinigt und den Menschen damit zur Gotteserfahrung befähigt.

Obgleich schon der Text selbst immer wieder mit einschlägigen Materialien ergänzt wird, stellt Hagemann in einem sehr reichhaltigen Apparat noch einige Originaldokumente zur Verfügung. Verschiedene Anhänge – ein tabellarischer Lebenslauf Hemmerles, eine umfassende Bibliographie mit veröffentlichten und unveröffentlichten Texten von und über Hemmerle sowie eine Liste der Gesprächspartner Hagemanns – runden die gelungene Biographie ab, der eine weite Verbreitung zu wünschen ist.

Bibliographische Daten:

Wilfried Hagemann: Verliebt in Gottes Wort. Leben, Denken und Wirken von Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen
Würzburg: Echter (2008)
ISBN-10: 3429030528
ISBN-13: 978-3429030520
317 Seiten, EUR 14,80

Josef Bordat

Donnerstag, 28.01.2010

Autor: Immo Sennewald

Besuch am Übergang

Krieg, Seuche, Geldmaschine ...

Wenn es Zeit ist, kommt der Gevatter
Lupft den Zylinder und sagt: „Grüß Gott!
Habe die Ehre, Herr Wichtigmann,
wir treten jetzt eine Reise an“.
Du bist nicht sicher – ist es wirklich die letzte?
Meint der mich, und bin ich heute schon dran?
Du schaust zum Kalender – die Seiten sind leer
Und deine Jaeger-Le Coultre tickt nicht mehr.
Das könnte dran liegen, dass sie als Plagiat
Aus Fernost ihre Zukunft schon hinter sich hat.
„Moment mal“, fragst du den knochigen Gast,
„kann es sein, dass du’s etwas zu eilig hast?
Da sind ein paar Dinge, die sind mir wichtig
Die muss ich noch tun“. „Ja“, sagt der Tod, „das ist richtig.
Du musst dich noch fragen, wozu du gelebt
und wieviel Schuld auf deiner Seele klebt“.
Sollst du nun lachen oder angstvoll erschauern?
Du bist dir gar keiner Schuld bewusst.
Was du tatest, hast du meistens gemusst.
Also sagst du: „Sehr geehrter Herr Tod
Mein Handeln war Dienst, ich hab nichts zu bedauern
Wenn ich was verbrach, tat ich’s nur aus der Not“.
„Klar“, nölt das Gerippe, „die klassische Nummer
wen man bricht oder abmurkst, der ist selber schuld.
So Typen wie dir macht das keinerlei Kummer
Und ich hab mit euch eine Engelsgeduld.
Denn ihr sorgt dafür, dass die Mühlen mahlen
Und andere für euch mit dem Leben bezahlen“.
„Das geht mir nun wirklich zu weit mein Herr
ich habe nie jemand umgebracht
oder gefoltert oder sonstwas gemacht“.
„Drum eben“, lächelt das Knochengesicht,
„bist du mir so besonders wichtig.
Leute wie du machen alles richtig.
Sie setzen wie du, lieber Wichtigmann
Immer den passenden Hebel an.
Ihr seid in meinen Personendaten
Der allersicherste Kernbestand.
Viel sicherer als Kriege und Greueltaten
Wir sind uns wahrhaft seelenverwandt.
Leise zerstört ihr viel Lebenszeit
Wie Krebs im Gewebe, so macht ihr euch breit.
Gut bewaffnet mit harten Zahlen
Vertreibt ihr global mein Geschäftsmodell
Kaufhäuser sind unsere Kathedralen
Wir drehn an den Börsen das Geldkarussell.
Auch du mein wackerer Wichtigmann
Treibst am Computer die Kontrollitis voran.
Du steuerst chinesische Maschinen
Und hilfst uns am Kap, in Rio und hier
Noch im letzten Weltwinkel Geld zu verdienen
An Sonne und Wasser, an Pflanze und Tier.
Du hilfst zu rechnen, in Raster zu fassen
Zellen, Atome, die Wurzeln der Welt
So können wir alles verwerten lassen,
Das Universum erlösen mit Geld.“
„Ich verstehe gar nichts von so großen Geschäften
Ich war immer nur angestellt
Versorgte die Meinen nach besten Kräften
Ein Rädchen, das sich wie alle andern verhält.“
Die Fratze lauscht deinen Worten nach
Nickt, grinst ihr Grinsen, flüstert ganz leise: „Ach
Es klingt so heiter dein Lied mir im Ohr
Die schönste Stimme im Mitläuferchor.
Nun noch den Refrain: ‚hätt ich’s nicht getan
Der Nächste steht, mich zu ersetzen, längst an.’
Tatsächlich ist es jetzt Zeit für Ersatz
Das Rädchen wird klapprig, es räume den Platz.“
„Mein bester Herr Tod“, hast du einzuwenden,
„Für Frau und Kinder bin ich noch vonnöten.
Sie brauchen mich, du darfst mich nicht töten.
Die Tochter soll erst noch das Studium beenden.“
Jetzt lacht der Gevatter ein herzliches Lachen
„Das kann sie viel besser, wenn’s dich nicht mehr gibt.
Da deine Erben den Reibach machen
Wirst du mehr tot als lebendig geliebt.
Du hast sie alle vollkommen versichert
Gegen Angst und Schrecken und jede Gefahr
Selbst Cousins und Cousinen werden verdienen
Wenn ich dich mitnehm, das ist dir doch klar.“
„Sie werden leiden, trauern und klagen.“
„Wichtigmann, du weißt selbst: das hat nichts zu sagen:
Ein Sozialritual, es heilet die Seele
Dass niemand deinetwegen zu Tode sich quäle.
Noch nie hat sich jemand ins Jenseits geklagt.
Lies die Statistik. Mit Geld wird der Kummer verjagt.
Je dicker das Konto, desto besser bewehrt
gegen Nöte: so hast du’s die Kinder gelehrt.
Nun Kopf hoch, mein Freund, die Sense ist scharf
Kein Trotz und Geschrei, wenn ich bitten darf.
Als Rädchen folg dem Mechanikerbrauch:
‚Was andere können, das kannst du auch!’“
Es saust die Sense, die knochigen Arme
Schwingen nach vorn: „Dass Gott sich erbarme!“
Kannst du noch schreien, dann bist du wach.
Dein Hauptabteilungsleiter sagt: „Guten Tach
Wünsche wohl zu ruhen, Herr Wichtigmann
Gelobt sei, wer den Büroschlaf ersann.
Nun sei’n Sie hübsch fleißig, ich wüsste zu gern —
Wenn sie so wollen ‚im Namen des Herrn’—
Was über Ihre Barmherzigkeit.
Für etliche Leute ist es soweit:
Wer Fehler macht und kostet zuviel
Den setzen Sie frei, das ist unser Ziel.“
Spricht es, winkt dir „Habe die Ehre!“
Und hinterlässt eine ziemliche Leere.
Du sitzt vorm Computer und fragst dich erschrocken
Ob sie nicht dir längst im Nacken hocken.
War nicht dieser Alptraum der letzte Alarm?
Du bist noch nicht tot, aber bald vielleicht arm.
Da soll doch der Teufel barmherzig sein
Du sitzt noch am Hebel, du bist nicht allein
Was andere können, kannst du auch
Nun mach schon, sonst stehst du bald selbst auf dem Schlauch.
Die Raster her, die Tabellen, nur munter
Wer nicht funktioniert, der geht eben unter.
Das mit dem Tod —Gott sei Dank nur ein Traum.
Wär’ nur nicht diese komische Leere im Raum …

Dienstag, 26.01.2010

Autor: Immo Sennewald

Schillernde Fliege an der Matratzengruft

Buchcover mit zeitgenössischem Bild

Heidi Urbahn de Jauregui, deutsche Literaturwissenschaftlerin in Frankreich, erzählt in einem biographischen Roman die Geschichte von Heines letzter Liebe der “Mouche”. (Verlag André Thiele 2009)
In SWR 2 “Die Buchkritik” vom 25.1.2010 ist das Buch besprochen; da Frau Urbahn sich über viele Jahre mit dem DDR-Autor Peter Hacks befasst hat und Züge des Dichters auch in die Figur des Erzählers im Roman eingehen, verweist auch die “Peter-Hacks-Seite” auf die Sendung.

Donnerstag, 21.01.2010

Autor: JosefBordat

Timothy Renick reitet den stummen Ochsen

Thomas für zwischendurch – eine etwas andere Einführung in das Leben und Werk des Aquinaten

Timothy Renick hat sich einiges vorgenommen. Auf 160 Taschenbuchseiten will er uns Leben, Werk und Wirkung Thomas von Aquins in einer Verbindung aus unterhaltsamen und lehrreichen Illustrationen und Texten nahe bringen. Schon der Titel provoziert – „Thomas von Aquin für zwischendurch“. Jener tiefsinnige Vielschreiber, der schrieb, wenn er nicht aß und schwieg, wenn er nicht schrieb (daher: „stummer Ochse“), jener „Doctor angelicus“, der wie kaum ein zweiter Philosoph das abendländische Denken prägte, soll als Pausenfüller herhalten. Das Erstaunliche ist: Es funktioniert. Das Konzept der kleinen Aquinaten-Happen geht auf. Vor allem deshalb, weil Autor Renick Thomas von Aquin kennt und schätzt. Er weiß, worauf es ankommt. So kann er dessen enormes Werk auf seine Grundannahmen zurückführen, anhand derer er der Leserschaft eine Idee davon gibt, wie Thomas dachte (scholastische Methode), was die Basis seines Denkens war (substanzontologische Metaphysik) und was daraus für wichtige Problemstellungen von Moral, Recht und Politik abgeleitet werden kann – für viele Menschen auch heute noch. Dass der Autor eine humorvolle Person ist und in dem Zeichner Ron Hill einen kongenialen Partner gefunden hat, macht diesen Schnelldurchgang zu einem echten Vergnügen.

Die launige Reise durch die Summa Theologica, die auch die problematischen Implikationen thomistischen Denkens nicht ausspart und die zugleich Verständnis weckt für die katholische Haltung in aktuellen Moraldebatten (Abtreibung, Stammzellforschung), macht an entscheidenden Stellen Halt und verdeutlicht dabei immer wieder: Glaube und Vernunft sind gleichermaßen Kompass und Wegzehrung. Renick stellt klar: Die vernünftige Argumentation zum Maßstab der Selbstvergewisserung zu erheben, ist nicht erst ein Gedanke der Aufklärung, er ist bereits bei Thomas entscheidend. Seine Verhältnisbestimmung von Intellekt und Intuition auf der einen und sinnlicher Erfahrung auf der anderen Seite der menschlichen Vernunft, durch die der Mensch zwischen Engel und Tier, zwischen Geist und Natur gestellt ist, wird in den kommenden Jahrhunderten den Rationalismus-Empirismus-Streit flankieren und erst durch Kant einer Synthese zugeführt werden. Zugleich betont Thomas die Bedeutung eines Glaubens, der über das wissenschaftliche Erkennen der Welt hinausweist. Weil unser Verstand zu schwach ist, um Gott unmittelbar wahrzunehmen, müssen wir uns zwischenzeitlich (also: solange wir noch keine Engel sind) auch auf Dinge einlassen, die sich unserem empirischen Erschließungspotential entziehen, denn – so zitiert Renick Thomas – es wäre schlicht „dumm von uns, über Gott nur das anzunehmen, was ein einzelner Menschen von sich selbst aus erkennen kann“. In einer Zeit, in der das gläubige Festhalten an nicht empirisch signifikanten Aussagen Ablehnung, Unverständnis oder gar Spott hervorruft, ist so etwas Balsam für die Seele. Und es macht deutlich, dass Wissenschaft und Religion sich für einen Christen wechselseitig ergänzen und nicht etwa gegenseitig aufheben.

Mit großer Leichtigkeit führt uns Renick weiter durch die Thomas-Landschaft, in der einige harte und große Brocken liegen: die Differenz von Notwendigkeit und Kontingenz in der Schöpfungstheologie, die zugleich Thomas’ Antwort auf die Theodizeefrage und hinsichtlich der damit zusammenhängenden Problematik der Freiheit des Menschen prädisponiert und die bedeutende Unterscheidung von Essenz und Akzidenz, die äußerst wirkmächtig war und ist. Der Grundsatz, dass die Suche nach Gott dem Wesen des Menschen entspricht und alle Menschen ihrem Wesen nach zum Guten streben und man sie daher in diesem Wesen bestärken muss, wenn man gut handeln möchte, ist maßgebend für Thomas’ Konzepte der Moral, des Rechts und der Politik, auf die Renick nachfolgend eingeht. Er verdeutlich, wie Thomas meint, der Mensch könne aus dem „Ewigen Gesetz“ Gottes das „Natürliche Gesetz“ erkennen (und zwar qua Vernunft), um daraus Schlüsse zu ziehen für Einzelvorschriften auf den unterschiedlichen Ebenen der, wie wir heute sagen würden, Individual-, Sozial- und Institutionen-Ethik. Dass Thomas damit die Tür aufstößt zu einem interkulturellen Moraldiskurs, ist ein wertvolles Nebenprodukt der Vernunftzentriertheit seiner Ethik. Es hat nichts an Aktualität eingebüßt. Auch Thomas’ Intentionalismus als Lösung des Dilemmas der „moralischen Doppelwirkung“, das Renick am sehr eindrücklichen Beispiel einer Zahnbehandlung erläutert, ist uns aus dem geltenden Strafrecht vertraut und heute allgemein anerkannt.

Das auch von speziellen Schlussfolgerungen des Aquinaten zur Sexualmoral, zum gerechten Krieg, zur Abtreibung, zur Rolle der Frau und zur Klassifikation von Regierungssystemen zu sagen, fällt ungleich schwerer, auch wenn sie sich stringent aus den Prämissen ableiten lassen und in Teilen weit fortschrittlicher sind als frühneuzeitliche Konzepte, die darauf aufbauen, doch oft genug auch dahinter zurückfallen – absolutistisches „Gottesgnadentum“, wie es in Europa bis ins später 18. Jahrhundert hinein als Herrschaftslegitimation dominierte, gibt es bei Thomas jedenfalls nicht. Renick weckt Verständnis für die Positionen, indem er diese Ableitung vornimmt und auf die Fortschrittlichkeit verweist. Es mögen also vor allem die Konsequenzen sein, die uns heute oft vom „angewandten Thomismus“ zurückweichen lassen. Allein die katholische Kirche hält grundsätzlich unbeirrt an der thomistischen Moraltheorie nicht nur hinsichtlich ihrer Annahmen, sondern – zumindest in vielen Fällen – auch bezüglich der Ergebnisse fest. Renick sagt, warum. Wie bereits angedeutet: Ein erster Schritt zu mehr Verständnis im ethischen Diskurs.

Der Text ist keine Einführung im propädeutisch-didaktischen Sinne, er ist eher etwas für Leser mit Vorkenntnissen, die entdecken wollen, wie klar und einfach man Thomas erfassen kann, ohne Wesentliches oder Unbequemes zu vergessen. Man wird den Aquinaten anschließend (noch) besser verstehen. Echten Anfängern sei deshalb zunächst eine fundierte Einführung und die Lektüre ausgewählter Quellen empfohlen. Hinweise dazu und zur darin angewandten scholastischen Methodik findet man in Kapitel 10 (Die „Einwand-Lösung-Dialektik“ wird herrlich dargestellt am Beispiel der Frage nach der „vollkommeneren Form des Frühstückseis“!).

Also: Timothy Renick löst sein Versprechen ein und liefert unterhaltsame Philosophie für zwischendurch. Man wünscht sich so etwas zu Kant & Co.

Bibliographische Angaben:

Timothy M. Renick: Thomas von Aquin für zwischendurch
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008.
175 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3525633858
ISBN-13: 978-3525633854

Josef Bordat

Sonntag, 17.01.2010

Autor: Andreas Schröter

Adam Haslett: Union Atlantic

Adam Haslett »Union Atlantic«“Ein Buch von unvergleichbarer Reife und Vollständigkeit, voll Mitgefühl, Spannung und Humor” – so ein Zitat des berühmten Jonathan Franzen (“Korrekturen”) auf dem Klappentext. Er muss ein anderes Buch gelesen haben. “Union Atlantic” des amerikanischen Autors Adam Haslett jedenfalls bietet von alldem so gut wie nichts.

Es fällt schon schwer zu beschreiben, worum es überhaupt geht: Ein skrupelloser Investmentbanker namens Doug treibt nicht nur seine Bank in den Ruin, sondern auch eine schrullige ehemalige Geschichtslehrerin in die Verzweiflung – wobei schrullig arg milde ausgedrückt ist. Wenn man sie als irre bezeichnen würde, läge man auch nicht daneben. Außerdem hat Doug Sex mit einem schwulen Jüngling, auf den das Buch nicht weiter eingeht. Soweit der Hauptplot. Dazu gibt’s noch eine Reihe von Nebenhandlungssträngen, die immer mal wieder kurz angerissen, aber nie aufgelöst werden. Man fragt sich am Ende dieses Wirrnisses: Und? Was sollte das jetzt? Gibt es eine irgendwie geartete Aussage?

Sämtliche Figuren wirken blass und klischeehaft, man lernt sie als Leser kaum kennen, kommt ihnen nicht näher und betrachtet das (oft langweilige) Geschehen somit wie durch Watte. Auch der Versuch, der durch und durch unsympathischen Hauptfigur ein Kriegstrauma und eine alkoholkranke Mutter zu verpassen und sein Handeln dadurch glaubwürdiger zu machen, misslingt. Doug und alle anderen Figuren wirken holzschnittartig und ohne Innenleben.

Das Problem an Romanen, die ausschließlich von unsympathischen und noch dazu uninteressanten Figuren bevölkert werden, ist: Der Leser fragt sich irgendwann, warum er seine Zeit mit solchen Leuten verbringen soll.

Adam Hasletts Roman musste lange auf seine Veröffentlichung warten. Er hatte ihn bereits vor dem großen Banken-Crash 2008 abgeschlossen. Der Verdacht liegt nahe, dass er nun nur wegen der Finanzkrise hervorgekramt wurde – weil man ihn so wunderbar “als großen Roman zur internationeln Wirtschaftskrise” (Klappentext) vermarkten kann – ein Etikett, das dem Text gleich mehrere Nummern zu groß ist. Und noch ein Kuriosum gibt’s: Die deutsche Übersetzung ist vor dem amerikanischen Original erschienen.

Missraten!
——————————–
Adam Haslett: Union Atlantic.
Rowohlt, November 2009.
394 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro.

Samstag, 09.01.2010

Autor: Andreas Schröter

Gerard Donovan: Winter in Maine

Gerard Donovan »Winter in Maine«Irgendwo im nördlichen Maine wohnt ein Mann ganz allein in seiner Hütte. Nur sein Hund begleitet ihn. Dann wird der Hund erschossen, und der Mann macht sich auf einen fürchterlichen Rachefeldzug, in dessen Verlauf er mehrere Menschen kaltblütig und hinterücks erschießt.

Auf diesen kurzen Nenner lässt sich die Handlung in Gerard Donovans Roman “Winter in Maine” bringen. Die Originalausgabe “Julius Winsome” wurde 2008 von der englischen Tageszeitung “The Guardian” zum “Buch des Jahres” erkoren. Auch sonst gab’s jede Menge Lob. Die bekannte Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich beispielweise sagte: “Wir (…) erschrecken über uns selbst und tauchen auf aus einer Geschichte voller Blut und Kälte, die uns so fasziniert hat wie schon lange nichts mehr, das wir gelesen haben. Wo ist die Grenze zwischen unendlichem Kummer und rächender Gewalt? Das ist die Frage, mit der uns dieses irritierende, ruhig und großartig erzählte Buch zurücklässt.”

Gut geschrieben ist “Winter in Maine” auf jeden Fall. Donovon benutzt eine lakonisch knappe und klare Sprache, die die Kälte im winterlichen äußersten Norden der USA und das Gefühl der Einsamkeit hervorragend rüberbringt. Kein Wort ist zuviel, Langeweile kann gar nicht erst aufkommen. Inhaltlich unternimmt Autor Donovan hier den schriftstellerischen Versuch, den Leser für einen wahnsinnigen Massenmörder einzunehmen – ein Experiment, das bei jedem unterschiedlich erfolgreich sein dürfte. Nicht jeder dürfte sich somit “über sich selbst erschrecken”, wie Elke Heidenreich meint. Es könnte auch Leser geben, die mit fortschreitender Lesedauer förmlich jemanden herbeisehnen, der unseren Einsiedler aus seiner Hütte zerrt und dahin befördert, wo er hingehört: in die Klappsmühle.

In den USA hat “Winter in Maine” eine Debatte über Waffenbesitz ausgelöst. Zu Recht. Denn wenn die Grundthese in diesem Buch stimmt – seelisch getroffener Hundebesitzer kann leicht zum Amokläufer werden -, dann sollte man in der Tat schnellstmöglich alle Gewehre einsammeln.

Insgesamt ein Buch, das den Leser mit zwiespältigen Gefühlen und Gedanken zurücklässt, was sicher nicht die schlechteste Empfehlung für ein Buch ist. “Buch des Jahres” scheint jedoch etwas hoch gegriffen zu sein.

Gerard Donovan: Winter in Maine.
Luchterhand, September 2009.
208 Seiten, Hardcover, 17,95 Euro.

Dienstag, 05.01.2010

Autor: JosefBordat

Grundfragen der Philosophie

Gerald Hartung zur Frage: Was ist der Mensch? und Geert Keil zur Freiheit desselben. Zwei Neuerscheinungen in der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ widmen sich Grundfragen des Genres

Einführungen beschäftigen sich mit Grundfragen. Zu zwei philosophischen Grundfragen gibt es nun kurze Einführungen: Gerald Hartungs „Philosophische Anthropologie“ und Geert Keils „Willensfreiheit und Determinismus“ widmen sich in der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ dem menschlichen Selbstverständnis (Hartung) und der menschlichen Freiheit (Keil).

Gerald Hartungs „Philosophische Anthropologie“

Die Frage, in der nach Kant das philosophische Nachdenken zugleich mündet und gipfelt, wird in den letzten Jahren wieder vermehrt gestellt: „Was ist der Mensch?“ Eingedenk des Fortschritts in der Hirn- und Verhaltensforschung wird sie derzeit immer öfter neu beantwortet. Zunehmend scheinen die Biologen die Antworten zu geben, um die die Philosophen seit Jahrhunderten verlegen sind. Philosophische (oder biologische) Anthropologie ist in jedem Fall eine Schlüsseldisziplin. In jeder philosophischen, soziologischen, historischen etc. Fragestellung sind immer schon Grundvorstellungen wie Welt- und Menschenbilder enthalten bzw. spielen bei der Beantwortung eine Rolle – auch schon vor dem leitenden Erkenntnisinteresse (Habermas). Anthropologie gehört daher auf den Stundenplan.

Um die aktuellen Debatten um Willensfreiheit, Qualia, genetisch angelegte und gehirnphysiologisch verortete Empathie („Spiegelneuronen“) in ihrer Relevanz für die Frage nach dem Menschen nachvollziehen zu können, ist es wichtig, sich die Grundprobleme klarzumachen und die Konzepte zu kennen, um beurteilen zu können, ob sie in den neuen Menschenbildern richtig zum Einsatz kommen. Das Begriffsfeld, mit dem seit jeher das Wesen des Menschen zu markieren versucht wird (Gehirn, Intellekt, Geist, Seele, Bewusstsein), bietet bereits vor Eintritt in die Diskussion der Modelle und Vorstellungen enorme Schwierigkeiten, sind doch die Begriffe selbst unklar bzw. werden sie von den Akteuren äquivok benutzt. Manchmal sorgen die Autoren ganz bewusst dafür, dass ihnen weltanschaulich adäquat scheinende Begriffe die Semantik der Alternativkonzepte, die nicht zur Sicht der Dinge passen wollen, schlicht usurpieren, etwa dort, wo „Gehirn“ synonym für „Geist“, „Seele“ und /oder „Bewusstsein“ verwendet wird. Bevor es mit dieser wichtigen Begriffsanalyse losgehen kann, hat man sich um Metakonzepte zu kümmern, die das Diskursgebiet der Anthropologie noch weiter abstecken (Ursache, Grund, Wesen, Funktion, Substanz – um nur einige zu nennen). Mal ganz abgesehen davon, dass zu klären wäre, was „Leben“ bedeuten soll (Anmerkung: Hierzu verspricht das gleichnamige Buch von Andreas Brenner, das ebenfalls 2009 in der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ erschien, eine kompetente Auskunft zu geben). Man ist geneigt, angesichts dieser Aufgabenliste die Flinte ins Korn zu werfen. Umso wichtiger sind gute Einführungen, die ein wenig Licht ins Dunkel des anthropologischen Denkens bringen. Die knappe Darstellung „Philosophische Anthropologie“ des Kulturphilosophen Gerald Hartung, Privatdozent für Philosophie an der Universität Leipzig, gehört dazu.

Da die zentralen Begriffe – ungeachtet ihrer teilweise reduktionistischen Deutung – philosophischer Natur sind, kann ein Blick in die Geschichte der philosophischen Anthropologie helfen, die nötige Ordnung zu schaffen (oder zumindest andeuten, wie sie zu schaffen sein könnte). Diesen historischen Blick nimmt Hartung nach einführenden Gedanken zum Aufgabenbereich der Anthropologie als Teildisziplin der Philosophie vor, um dann systematisch weiterzugehen. Hartung macht dazu den üblichen und heuristisch geschickten Zug: Er bestimmt mit den Denkern der letzten Jahrhunderte den Menschen durch Abgrenzung zu dem, was nicht „Mensch“ ist, von dem sich der Mensch in seinem Selbstverständnis aber nie ganz trennen kann: Gott, Natur, Kultur, Technik. Alle, die in der (philosophischen) Anthropologie Rang und Namen haben, werden kurz und bündig abgehandelt: Hegel, Marx, Kierkegaard, Nietzsche, Darwin, Scheler, Plessner, Gehlen, Hartmann, Dilthey, Burckhardt, Cassirer. Wer ein Referat zu einer der Herrschaften halten muss („Das Menschenbild von …“), wird fündig.

Schließlich beantwortet Hartung die zentrale Forschungsfrage der Menschheitsgeschichte so, wie man es von einem Philosophen erwartet: durch Nichtbeantwortung. Er macht damit deutlich, dass die Leistung der Anthropologie nicht in etwaigen Antworten auf die Frage liegen kann, sondern in deren Reformulierung eingedenk neuer Optionen, die flankierenden Konzepte zu bestimmen („Paradigmenwechsel“). Auch die Hoffnung auf rasche Antworten aus dem ungeduldigen Umfeld naturwissenschaftlicher, in Besonderheit neurobiologischer Forschung zum Menschen, muss enttäuscht werden, denn auch durch die (methodologisch fragwürdige) Überschreitung der Grenze von Natur und Kultur wird „das Problem des Sinnverstehens der je eigenen existenziellen Wirklichkeit [...] nicht aus der Welt geschafft“. Ganz im Gegenteil: Das „Sinnproblem Mensch, seine abgründige Rätselhaftigkeit, [scheint sich] im Fahrwasser ruheloser Forschung am Mechanismus des Lebens noch zu verschärfen“.

Geert Keils „Willensfreiheit und Determinismus“

Eine uralte Frage hängt mit diesem Sinnproblem zusammen. Sie lautet: Ist der Mensch frei in seinen Entscheidungen oder vorherbestimmt durch die Gesetze seiner Natur? Auch hier gibt es neben der philosophischen die naturwissenschaftliche Sicht. Jüngste neurobiologische Befunde scheinen auf letzteres hinzuweisen: der Mensch ist determiniert. Andererseits legt uns unsere Lebenserfahrung nahe, dass wir uns ständig frei entscheiden, weil wir ja aus vorgegebenen Alternativen tatsächlich wählen. Vielleicht aber, so Vertreter des Determinismus, meinen wir nur, wir wählten frei. Es könnte mithin sein, dass wir tatsächlich einem festgelegten Programm folgen, das sich nach festgelegten Gesetzmäßigkeiten in unserem Gehirn als Resultat neuronaler Dispositionen entfaltet. Dies wiederum widerspricht unserem Selbstbild, was wiederum ein Hinweis darauf sein könnte, dass mit der Vorstellung selbst etwas nicht stimmt. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen sinnvoll weiterdenken?

Einen gelungenen Ausweg aus dem Dilemma leistet eine philosophische Analyse des Freiheitsbegriffs selbst. Wozu soll der Mensch frei sein? Zu einfachen Handgriffen oder zu komplexen Handlungen, die in einem Geflecht von Bedingungen stattfinden? Also: Um welche Freiheit geht es eigentlich? Um absolute Bindungslosigkeit oder um einen vernünftigen Entscheidungsspielraum innerhalb der Sphäre des Gegebenen?

Geert Keil, Professor für Theoretische Philosophie an der RWTH Aachen, nimmt dies in seiner einführenden Darstellung „Willensfreiheit und Determinismus“ auf. Er bestimmt die Freiheit, die Philosophen meinen als „libertarische Freiheit“ und verteidigt die so verstandene Willensfreiheit gegen alte und neue Determinismusargumente. Nach lehrbuchartigen Bemerkungen zu Inhalt und Stand der Debatte zeigt er durch die überzeugende Widerlegungen einiger „Determinismus-Mythen“, dass wir sehr wohl „auch anders können“, nämlich dann, wenn Entscheidungen zu komplexen Sachverhalten anstehen, bei denen es um das Abwägen von Gründen vor dem Hintergrund von Weltanschauung, Wertvorstellungen und Lebenserfahrungen geht. Auf Basis des libertarischen Freiheitsbegriffs formuliert Keil „Zehn Thesen“ zur Willensfreiheit, die in der provokanten, gleichwohl konsequenten Feststellung gipfeln: „Die Hirnforschung hat aus eigenen Mitteln nichts Relevantes zum philosophischen Freiheitsproblem beizutragen.“ Hirnforscher und Philosophen meinen eben unterschiedliche Dinge, wenn sie von „Handlungen“, deren „Bedingungen“ und von „Freiheit“ reden.

Fazit

Beide Bändchen, die in der Reihe „Grundwissen Philosophie“ bei Reclam erschienen, wenden sich an interessierte Laien, die sich rasch einen Überblick verschaffen wollen. Besonders nützlich ist die „Zeittafel“, in der die Debatten in historischer Perspektive skizziert sind. Wichtige Begriffe werden in einem Glossar erklärt und weiterführende Literatur in einer „kommentierten Bibliographie“ vorgestellt. Auch Studierenden werden die Texte für eine erste Orientierung hilfreich sein.

Bibliographische Daten:

Hartung, Gerald: Philosophische Anthropologie
Verlag: Reclam
Ort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 143
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 9783150203231

Keil, Geert: Willensfreiheit und Determinismus
Verlag: Reclam
Ort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 160
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 9783150203293

Angaben zum Rezensenten:

Josef Bordat (Jg. 1972) studierte nach seinem Hochschulabschluss als Wirtschaftsingenieur (Dipl.-Ing.) Soziologie und Philosophie in Berlin und Arequipa/Peru. 2006 wurde er am Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin zum Dr. phil. promoviert. Bordat arbeitet als Publizist in Berlin.

Montag, 04.01.2010

Autor: Barbara Wenz

Monika Gräfin Metternich. Lob des Sonntags.

Metternich: Lob des Sonntags

Ein ganzes Buch über den Sonntag schreiben? Das ist ein beachtliches Vorhaben, vor allem, wenn kein staubtrockenes Sachbuch, sondern ein eleganter Essay entstehen soll. Glücklicherweise hat sich Monika Gräfin Metternich dieser Sache angenommen, so dass aus dem „Lob des Sonntags“ ein mit fast schwereloser Feder geschriebenes Buch geworden ist, das man – am besten an einem verregneten Sonntag – in einem Rutsch durchlesen möchte.

Die Autorin nimmt uns mit auf ihre Reise in ein versunkenes Reich – das Reich der glücklichen Sonntage unserer Kindheit. Ein Land, in dem der Sonntag bereits am Samstagabend – am Sonnabend eben – begann. Wo es nach Weihrauch, Toast, Schmorbraten, Marmorkuchen oder Bohnenkaffee duftete. Angeregt und amüsiert lesen wir weiter, was den Sonntag objektiv und subjektiv denn nun zum Sonntag macht. Dazwischen Überlegungen zur Natur der Zeit, ihrer Qualität, die Unterscheidung zwischen Fest-Zeiten und profaner Zeit mitsamt einem Exkurs über die Freude des Menschen am Spiel. Wohlgemut und entspannt rüsten Autorin und Leser sich daraufhin zu einer Expedition in die Evangelien auf der Suche nach dem Ursprung und den Wurzeln eines Tages, der Geld- und Machthabern schon immer ein Dorn im Auge war.

Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte zeigt, dass Feudalherrscher, Ideologen, Diktatoren und Turbokapitalisten stets ein Interesse daran hatten, diesen Tag abzuschaffen. Doch der Sonntag macht den Menschen erst zum Menschen, und was als eine poetische Beschwörung von Kindheitserinnerungen begann, endet in einem veritablen Manifest der Autorin für die Schönheit, den Eigenwert, die Unverzichtbarkeit des Sonntags.

Vergessen Sie den Dalai Lama, lesen Sie die Metternich! – hat Manfred Lütz in seiner Rezension ausgerufen. In der Tat – die Zeit ist reif: Wir brauchen solche federleichten, bezaubernden Bücher, die helfen, christliche Lebenskunst wieder neu für uns zu entdecken.

Monika Gräfin Metternich: Lob des Sonntags. Weihrauch, Toast and Honey.
Erschienen im Pattloch Verlag, 2009. 24 Seiten. 14,95 Euro.
Bestellbar direkt beim Verlag hier.

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