Dienstag, 31.08.2010

Autor: JosefBordat

Plan B? Plan A? Finger weg?

Die „politische ökologie“ stellt Geo-Engineering auf den Prüfstand

Ist der moderne Mensch aufgefordert, Probleme zu lösen, denkt er an Wissenschaft und Technik als Lösungsmittel. Ganz im Paradigma des neuzeitlichen Denkens, das man positiv als „Fortschrittsoptimismus“, aber auch negativ als „Omnipotenzphantasie der Moderne“ bezeichnen kann, liegt das „Geo-Engineering“ als Lösung des Klimawandelproblems.

Die „politische ökologie“ nimmt sich in ihrer 120. Ausgabe dieses komplexen Themas an. In den kurzen Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren vermittelt die Quartalszeitschrift des Oekom-Verlags (München) hinsichtlich der wesentlichen Fragen einen knappen Überblick: Geo-Engineering – Was ist das?, Wie geht das?, Was spricht dafür?, Was spricht dagegen?

Nach dem historischen Abriss von Thilo Wiertz, der mit konkreten Ereignissen im 19. Jahrhundert einsetzt (hier hätte man durchaus frühere ideengeschichtliche Wurzeln erwähnen können, etwa Francis Bacon oder den frühsozialistischen Utopismus, um die Denktradition zu verdeutlichen, in der Geo-Engineering steht), werden die Eingriffsmethoden vorgestellt, über die sich die Klimaingenieure derzeit unterhalten, vor allem die „Kohlenstoff-Sequestrierung“ (Andreas Oschlies) und das „Sonneneinstrahlungs-Management“ (Ulrike Lohmann).

Die „politische ökologie“ stellt „Geo-Engineering“ noch als „Plan B“ vor, obwohl er im Paradigma der grenzenlosen Verfügung des Menschen über die Natur durchaus das Zeug zum „Plan A“ hat, denn der Eingriff in das Klima zur Rettung unseres Lebensstils ist bequemer und politisch attraktiver als der Angriff auf Gewohnheiten zur Rettung des Klimas.

Wenn da nicht die Risiken und Nebenwirkungen wären, deren Brisanz gerade darin besteht, dass man sie nicht einschätzen kann. „Geo-Engineering“ ist eine „Rechnung mit vielen Unbekannten“ (Ulrike Potzel), zu der von Seiten der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen möglichst genaue Ergebnisse geliefert werden müssen, um eine valide Grundlage für das Kalkül zu haben, auf der dann internationale Vereinbarungen getroffen werden können.

Die Diskussion muss aber tiefer gehen als dem ökonomischen Nutzen einen ökologischen Schaden gegenüber zu stellen und weiter gehen als bis zur Formulierung forschungsethischer Richtlinien, die dem „Geo-Engineering“ einen Rahmen vorgeben, oder der Konstruktion wirksamer globaler Rechtsfiguren (Ralph Bodle, R. Andreas Kraemer). Dass es zunächst und vor allem darum geht, das Denken hinter dem „Geo-Engineering“ zu hinterfragen, ehe man festlegt, wie viel es denn davon sein darf, liegt auf der Hand.

Wichtig daher, dieses Denken, in dem Machbarkeit und Bequemlichkeit gängige Muster sind, in anthropologischer und moraltheoretischer Perspektive zu kritisieren. Das besorgt Konrad Ott, Umweltethiker von der Universität Greifwald. Ott analysiert mit der gebotenen Sachlichkeit Pro- und Kontra-Argumente und kommt zu dem Schluss, dass es darauf ankomme, die Dilemma-Situation zu vermeiden, die „Geo-Engineering“-Befürworter zur Grundlage ihrer konsequentialistischen Moral des „geringeren Übels“ machen. Solange das durch Vermeidungsstrategien gelingen könne, sei vom Eingriff in das Klimasystem abzuraten. Das Risiko ist zu groß. Hier bezieht sich Ott auf Hans Jonas und sorgt damit dafür, dass die warnenden Töne seiner verantwortungsethischen Technikphilosophie in der aktuellen „Geo-Engineering“-Debatte gehört werden.

Die „politische ökologie“ bietet kurze Aufsätze und sehr kurze Stellungnahmen. Die kompakte Form hat den Vorteil, dass die Leserschaft sich rasch über ein schwieriges Thema informieren kann, jedoch den Nachteil, dass einiges nicht so ausgeführt werden kann, wie es nötig wäre. So erscheint einiges zu glatt, anderes müsste in der dargebotenen Klarheit argumentativ stärker unterstützt werden, um nicht den Eindruck einer irritationslosen und schlecht fundierten Polemik zu erwecken.

Das Statement „Mehr Ökokratie wagen“ von Bernhard Pötter bietet beispielsweise weit mehr politischen Sprengstoff als auf zwei Seiten passt. Es ist schade, dass damit der Eindruck erweckt wird, der komplizierten Materie einer optimalen Organisation staatlicher Steuerung im Umwelt- und Klimaschutz sei im Stakkato-Stil und mit wohlfeilen „Slogans“ beizukommen, zumal der Text auch ärgerliche Fehler und problematische Behauptungen enthält. So kann man sich über das Kirchenrecht trefflich streiten, doch zu „willkürlichen“ Urteilen hat es gerade nicht geführt, jedenfalls nicht zu willkürlicheren Urteilen als wir sie aus modernen „Rechtsstaaten“ kennen, dessen wesentliche Pragmatik – man denke an das Offizialprinzip im Strafrecht (Inquisition statt Akkusation) und die Beweisaufnahme in der Strafprozessordnung – aus der kirchlichen Rechtsfindungs- und Rechtssprechungspraxis stammt. Ferner hinkt Pötters WTO-Vergleich beträchtlich, wenn es um die Motive und Möglichkeiten für ein globales Umweltregime geht. Erhellender ist da wohl ein Blick auf das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, dem sich gerade nicht alle Staaten „unterwerfen“. Warum eigentlich nicht?, so könnte man fragen. Und das EU-Währungssystem als Paten dafür einzuführen, dass selbstbestimmte Selbstbeschränkung funktioniert (Stichwort: Stabilitätskriterien), ist derzeit auch nicht gerade besonders ermutigend. Schließlich schreckt Pötter um der Stringenz der eigenen Argumentation willen nicht davor zurück, kontrovers diskutierte Eingriffe in die Freiheit (Datenvorratsspeicherung, „Nackt-Scanner“) als allgemein akzeptiert hinzustellen („weil wir Angst vor Terroristen haben“), um dann daran die Uneinsichtigkeit der Menschen bei Eingriffen in die Freiheit aufgrund von Vorgaben des Umweltschutzes zu kontrastieren („Aber wehe, jemand denkt über Tempolimits nach“). Den Menschen auf der Grundlage derart fragwürdiger Prämissen ihren vermeintlichen Selbstwiderspruch vorzuführen, ist unredlich. Insgesamt hinterlässt der Text in seiner Einseitigkeit einen etwas beklemmenden Eindruck, was aufgrund der Tatsache, dass man Pötters Einschätzung der großen Bedeutung einer ökologischen Ausrichtung der Demokratie durchaus zustimmen mag, besonders bedauerlich ist.

Dennoch: Über „Geo-Engineering“ als Bewältigungsstrategie zu informieren, ist ein wichtiges Anliegen im Zusammenhang mit Klimawandel und Klimaschutz, das – mit den genannten Einschränkungen – der Zeitschrift „politische ökologie“ gut gelungen ist.

Bibliographische Daten:

„politische ökologie“, Nr. 120 (Juli 2010)
Geo-Engineering. Notwendiger Plan B gegen den Klimawandel?
ISSN 0933-5722
ISBN 978-3-86581-226-1

Josef Bordat

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Sonntag, 29.08.2010

Autor: Immo Sennewald

Kalender für Lesungen

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Jedem durchs Land reisenden Autoren kann ich nach meinen Erfahrungen mit dem perfekt, freundlich und unkompliziert funktionierenden Dienst “Werliestwannwo.de” nur empfehlen, das Angebot zu nutzen. Der online-Kalender macht nicht nur Termine und Orte der Lesungen auf sehr übersichtliche Art öffentlich, er verlinkt auch auf bereits online gestellte Rezensionen zu den gelesenen Büchern und zu blogs.
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Sonntag, 15.08.2010

Autor: Andreas Schröter

Richard Price: Cash

Richard Price »Cash«Ein Krimi und doch viel mehr als ein Krimi – das ist “Cash” von Richard Price.

Die New York Times hat das 2008 unter dem Titel “Lush Life” erschienene Original hoch gelobt. Es sei ein “emotional intensives Herzschlagportrait New Yorks und seiner Bewohner” – eine Einschätzung, der man sich nur anschließen kann. “Cash” bietet eine selten gelesene Genauigkeit von Gedankengängen und Dialogen. Fast fühlt man sich in einen Film in HD-Schärfe über das Kleinkriminellen- und Polizei-Milieu der Lower East Side in New York versetzt. Wer also einfach nur wissen will, wie dieser Teil der Welt tickt, kann diesen Thriller wie ein Sachbuch lesen.

Die Handlung: Drei Männer werden nachts überfallen. Als einer sich den beiden jugendlichen Angreifern entgegen stellt, wird er erschossen. Bei den Vernehmungen verstrickt sich eines der überlebenden Opfer, Titelheld Eric Cash, in Widersprüche, so dass er selbst unter Mordverdacht gerät. Die Polizei weiß nicht, wem sie glauben soll und tappt lange im Dunkeln.

Die Kehrseite des Lobes: Genauigkeit braucht Platz. Und so kommt die Handlung nur schwer in Fahrt. Wenn sich die Vernehmungen im Kreis drehen, dreht sich der Leser mit. Auch taucht zu Anfang eine Vielzahl von Figuren auf, so dass man sich konzentrieren muss, um den Überblick zu behalten. Doch wer diese Mühen auf sich nimmt, wird mit einem intensiven und vielschichtigen Lesegenuss belohnt.

Richard Price (60) hat die Drehbücher zu so bekannten Kinofilmen wie “Die Farbe des Geldes” (Regie: Martin Scorsese) mit Paul Newman und Tom Cruise, “Sea of Love – Melodie des Todes” mit Al Pacino oder “Night and the City” mit Robert de Niro geschrieben.
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Richard Price: Cash.
S. Fischer-Verlag, Mai 2010.
528 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.

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Samstag, 07.08.2010

Autor: Andreas Schröter

Joyce Carol Oates: Geheimnisse

Joyce Carol Oates »Geheimnisse«Einen düsteren, verstörenden und schlicht großartigen Bildungsroman hat die große alte Dame der amerikanischen Literatur, Joyce Carol Oates (71), vorgelegt.

Einfach „Geheimnisse“ heißt er auf Deutsch und erzählt die Geschichte einer Frau namens Rebecca, die erst in der Mitte ihres Lebens zu sich selbst findet.

Geboren wird sie im Hafen von New York, nachdem ihre Eltern und Brüder per Schiff aus Nazi-Deutschland geflüchtet sind. Doch die Familie wird in der Neuen Welt nicht glücklich. Der Vater, der nur eine Anstellung als Totengräber findet, fühlt sich gedemütigt und lässt seinen Zorn an der Familie aus. Schließlich bringt er seine Frau und sich um.

Rebecca, inzwischen 13 Jahre alt, findet Unterschlupf bei ihrer ehemaligen Lehrerin – doch schon bald nimmt sie Reißaus vor deren
Frömmelei. Viel zu früh heiratet sie einen gewalttätigen Mann mit extremen Stimmungsschwankungen, der sie und ihren Sohn fast tot prügelt.

Bis hierhin ist das Buch dramatisch und enorm spannend. Man bekommt es selbst als Leser mit der Angst zu tun, wenn ihr Vater, der Totengräber, wütend Rebeccas Schulbildung verdammt oder später Ehemann Niles Tignor betrunken nach Hause kommt. „Lauf weg, Mädchen, lauf“, möchte man rufen. Das tut sie dann auch. Gemeinsam mit ihrem Sohn flieht sie vor dem prügelnden Mann und erfindet sich schließlich ganz neu …

„Geheimnisse“ ist natürlich ein feministischer Roman, aber er dreht sich auch um Themen wie „Misstrauen gegenüber anderen Menschen“ oder Fragen wie „Kann man seiner Herkunft und Vergangenheit entfliehen?“

Wie schon in vielen anderen ihrer Bücher (wie „Niagara“ 2007 oder „Ausgesetzt“ 2005) beweist Joyce Carol Oates auch in diesem Roman ein Gespür für Frauenfiguren, die man so schnell nicht vergisst. Immer ist das Handeln der Figuren psychologisch bis ins kleinste Detail nachvollziehbar, doch nie vergisst Oates auch eine Handlung voranzutreiben, die ihre Bücher spannend macht.

„Geheimnisse“ heißt im Original „The Gravedigger’s Daughter“ und ist in Amerika bereits 2007 erschienen.

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Joyce Carol Oates: Geheimnisse.
S. Fischer, April 2010.
670 Seiten, Hardcover, 24,95 Euro.

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Freitag, 06.08.2010

Autor: rmatern

Das Ruhrgebiet: Die Geschichte eines industriellen Ballungsraums

Politisch eine Stadt und Region aufzurichten, ist ein mühesvolles Unterfangen. Um sie niederzustrecken, reichen oft wenige Handstreiche. Der vorzustellende Titel, ‘Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch’, hätte im europäischen Jahr der Kulturhauptstadt einen leichteren Start haben können, wenn nicht am 24. Juli, während der Loveparade, die Duisburger Katastrophe geschähen wäre. 21 Tote, über 500 Schwerverletzte und Veranstalter, denen nichts besseres einfällt, als sich eine juristisch relevante Schuld gegenseitig zuzuschieben. Obwohl die Stadt Duisburg für die Genehmigung des Festes verantwortlich und an der Ausrichtung beteilgt war, werden politische Konsequenzen nicht gezogen. Als hätte es in Duisburg in den vergangenen Jahren keine politische Verantwortung gegeben. Neuesten Meldungen nach unterstützt der Koalitionsparter (Die Grünen) die Haltung der Stadt, um die gute Zusammenarbeit mit dem Oberbürgermeister Sauerland und der CDU nicht zu gefährden.

Keineswegs bloß aus solchen Gründen fällt es schwer, von einer Metropole Ruhr zu sprechen. Das Ruhrgebiet hat keinen eigenständigen politischen Raum: Eine typische Metropole wie London verfügt über solchen, eine Metropoleregion wie Berlin-Brandenburg enthält zumindest eine Metropole. Das Ruhrgebiet hingegen besteht aus wesentlich kleineren Städten, die drei verschiedenen Regierungsbezirken zugeordnet sind und deren Regierungen alle außerhalb der Region liegen: in Düsseldorf, Münster und Arnsberg. Die Kampagne der Ruhr.2010 GmbH ‘Metropole Ruhr’, die für das Jahr der Kulturhauptstadt geschaffen wurde, erschöpft sich in einem Marketing ohne Produkt.

Dennoch handelt es sich um eine Region mit einer spannenden Geschichte. Seit dem Mittelalter wurde Kohle abgebaut, bis ins 19. Jhd. jedoch nur an der Oberfläche: in Form einer Kohlengräberei. Industrielle Nutzungen entstanden erst nach dem Import von englischen Dampfmaschinen und deren Weiterentwicklung. In zwei Bänden zeichnen die Herausgeber und Autoren die Geschichte von einer landwirtschaftlich hin zu einer industiell geprägten Region nach: auf insgesamt 1106 Seiten. Das Besondere der Publikation ist, dass die Quellentexte auszugsweise beigefügt sind. Der Wortlaut kann direkt nachgelesen werden. Dies macht die publizierten Bände zu reizvollen Schmökern, die nicht bloß berichten, sondern Vergangenes nahrücken lassen.

Der erste Band beginnt mit der Erörterung der vorindustriellen Zeit, als die Region nur zwei Städte kannte, Duisburg und Dortmund. Die beschriebene Entwicklung reicht bis zur Weimarer Republik. Der zweite Band setzt mit der Erörterung der Weimarer Republik an und schreibt die Geschichte bis zu aktuellen Initiativen fort, die für den Ballungsraum einen politischen Raum fordern, um ein gemeinschaftliches Handeln und Verantworten zu ermöglichen, ebenso eine bürgerschaftliche Identifikation mit der Region. Eventuell sind einige Beiträge in den Bänden zu kurz geraten. Vielfach bleibt es bei Hinweisen auf Institutionen und Sachverhalte, denen ausführlichere Abschnitte hätten zukommen müssen, um sie historisch besser einordnen zu können. Einen Überblick verschafft das an die breite Öffentlichkeit gerichtete Lesebuch jedoch allemal, das seinen besonderen Charm aus den beigefügten Briefen, Artikeln und sogar Gedichten erhält.

Reinhard Matern

Klaus Tenfelde / Thomas Urban (Hg.)
Das Ruhrgebiet.
Ein historisches Lesebuch,
2 Bd. im Schuber, 1106 Seiten,
Hardcover, zahlr. Abb., 44,- €,
Klartext-Verlag, Essen,
ISBN 987-3-8375-0286-2

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Mittwoch, 21.07.2010

Autor: JosefBordat

Praxisorientierung: Anfang oder Ende der Theoriebildung in der Angewandten Ethik?

Der Sammelband „Praxis in der Ethik“ des TTN-Instituts behandelt ein bedeutendes und schwieriges methodologisches Problem der Moralphilosophie

Ganz klar: Praxis ist erster und wichtigster Ermöglichungsgrund von Theorie. Ohne praktische Probleme hätte es keinen Sinn, über Lösungen nachzudenken und diese in Theorien zu überführen, die künftig eben jene praktischen Probleme zu entschärfen im Stande sein sollen. Weit weniger klar: Welche Bedeutung haben diese praktischen Probleme im Prozess der Theoriebildung? Welche Bedeutung sollten sie haben? Während man also einerseits über die Relevanz der Theorie für die Praxis reflektieren kann (wobei auch entgegen dem Bewährungsvermögen, das man selbst der eigenen Theorie zuspricht, die Praxis – oftmals leidvoll – die Mängel der Theorie offenbart), kann man umgekehrt nach der Relevanz der Praxis für die Theorie fragen.

Wie steht es etwa mit der Relevanz praktischer Erfahrung für die Hypothesenbildung in der Philosophie? Hier ist die Disziplin als Geisteswissenschaft in einer Zwickmühle: Zuviel Praxis, die in Form empirischen Materials einfließt, bedroht ihre Eigenständigkeit, zu wenig Praxis trägt ihr den Vorwurf ein, vom Elfenbeinturm aus nichts Brauchbares über Welt und Wirklichkeit mitteilen zu können. Für die Praktische Philosophie, also insbesondere die Ethik, ist klar, dass eine Praxisorientierung nötig ist, lebt sie doch von und aus der Praxis. Doch wie groß darf der Einfluss der Praxis sein, wie viel von dem, für das man Theorien erdenkt, darf bei der Bildung dieser Theorien bereits mitgedacht sein? Wie lässt sich etwa in der Ethik der Fehlschluss vom Sein auf das Sollen vermeiden, ohne in eine Normativität zu verfallen, denen der Mensch nicht gewachsen ist?

Für die Angewandte Ethik, die den Praxisbezug im Namen führt, ist nun das spezielle Problem, dass sie sich in ihrer Besonderung durch die Fokussierung einzelner Themenkomplexe (etwa Strafrecht, Technik oder Medizin) diese Schwierigkeit in gleichsam besonderer Weise einhandelt. Die Problematik wirkt so stark auf sie zurück, dass ihr Selbstverständnis als praxisorientiert und wissenschaftlich berührt wird, denn in dem Maße, in dem sich ethische Theorien zu speziell an praktischen Fällen orientieren, entfernen sie sich von dem, was Philosophie stark macht: weitgehend allgemeingültige Aussagen zu formulieren. Was bedeutet es also für die Theoriebildung in der Angewandten Ethik, wenn man deren Gewicht am Eintrag praktischer Gegebenheiten bemisst? Und was bedeutet umgekehrt die Integration disziplinspezifischer Erfahrungen für den Status der Angewandten Ethik als Wissenschaft, die sie schließlich – aller Praxisorientierung zum Trotz – bleiben will? Wie entkommt die Angewandte Ethik dem Dilemma, entweder nichts praktisch oder aber nichts wissenschaftlich Relevantes auszusagen, weil ihr entweder an Praxiszuwendung oder aber an Theorierückbindung mangelt?

In dem Sammelband „Praxis in der Ethik. Zur Methodenreflexion in der anwendungsorientierten Moralphilosophie“, herausgegeben von Michael Zichy und Herwig Grimm vom Institut „Technik Theologie Naturwissenschaften (TTN)“ der Ludwig-Maximilians-Universität München, nehmen sich namhafte Ethiker wie Julian Nida-Rümelin und Otfried Höffe sowie zahlreiche einschlägig ausgewiesene Philosophen und Theologen, die sich mit Anwendungsfragen der Ethik, aber auch mit methodologischen Fragen zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der angewandten Moralphilosophie beschäftigen, dieser wichtigen Fragestellung an.

Nachdem Grundlagen der Praxisorientierung reflektiert und dabei ziemlich einmütig die große Bedeutung von praktischen Überzeugungs- und Orientierungssystemen für die Ethik betont wurden, geht es um die Bedeutung empirischer Sachverhalte für die Theoriebildung im Allgemeinen und um die Rolle von Theologie und Religion im Besonderen (z.B.: Wie wirkt sich Religiosität als Paradigma praktischer Lebensorientierung auf ethische Diskurse aus?). Schließlich wird dann wieder die Blickrichtung von der Theorie in die Praxis eingenommen und nach Bedingungen und Möglichkeiten der praktischen Umsetzung theoretischer Ansprüche gefragt, etwa am Beispiel der Umweltethik, die sich ihrem Wesen nach zwischen Grundlagenreflexion (Theorie) und Politikberatung (Praxis) verorten lässt.

Die Beiträge machen deutlich, wie schwierig es ist, das Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis aufzulösen, wie wichtig es daher ist, durch methodologische und metatheoretische Reflexion tragfähige Strategien zur Abschwächung der negativen Effekte in beide Richtungen zu erarbeiten, um so zu einer angemessenen Berücksichtigung praktischer Sachverhalte in theoretischen Ethik-Diskursen zu gelangen, ohne diese ganz vom wissenschaftlichen Anspruch auszunehmen. Die praktischen Einträge – die empirischen Daten, die persönlichen Erfahrungen und zugehörige Narrative – müssen anschlussfähig an theoretische Postulate sein, um im ethischen Diskurs eine sinnvolle Ergänzung dazustellen. So müssen partikulare Interessen von Betroffenenvereinigungen relativierend eingeordnet werden und Religionsvertreter ihre konfessionellen Positionen im Sinne praktischer Rationalität argumentativ und nicht dogmatisch vortragen (was sie ja auch tun, so Friedemann Voigt in seinem interessanten Beitrag über „Religion und Religionsvertreter in ethischen Diskursen und Kommissionen“ am Beispiel des „Nationalen Ethikrats“, Vorläufer des „Deutschen Ethikrats“).

Das TTN-Institut legt insoweit ein wichtiges Buch vor, von dem jeder, der im dem spannungsreichen Feld der Angewandten Ethik tätig ist, Kenntnis nehmen sollte.

Bibliographische Daten:

Michael Zichy / Herwig Grimm (Hg.): Praxis in der Ethik. Zur Methodenreflexion in der anwendungsorientierten Moralphilosophie
Berlin: De Gruyter (2008)
407 Seiten, € 79,95
ISBN: 9783110194746

Josef Bordat

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Dienstag, 20.07.2010

Autor: rmatern

Den Zug verpasst

Die neue Ausgabe der Zeitschrift ‘Das Argument’ ist mit dem Thema ‘Stärken von Frauen’ erschienen. Weil es in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit relativ still um geschlechter- und rollenspezifische Fragen geworden ist, bin ich neugierig geworden, ob eventuell über neue Ansätze und Tendenzen gesprochen wird, die interessant, vielleicht sogar spannend sind. Nicht alle Beiträge widmen sich dem ausgewiesenen Thema. Aktuelle politische Diskussionen über Kindesmissbrauch und die europäische Schuldenkrise finden ebenfalls ihren Niederschlag.

Es ist schwierig geworden, über Frauen und Männer, über ihre Rollen und ihr Rollenverständnis zu sprechen, ohne jüngere geschichtliche Entwicklungen einzubeziehen. Die Verhaltensweisen und Auffassungen änderten sich mit den Generationen, nachhaltiger mit der Ausweitung und Dominanz der Dienstleistungsbranche: Rollen wurden aufgebrochen, neue Rollen wurden in der durch Marketing geprägten Popkultur gesucht, Rollen wurden generell als Laufstall abgelehnt, Verhalten wird den persönlichen Überzeugungen und jeweiligen Erfordernissen angepasst. Zu vermuten ist, dass die Frage nach den ‘Stärken von Frauen’ von verschiedenen Generationen anders gestellt und aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen auch anders beantwortet wird.

Ein Blick auf die geschichtlichen, die jüngeren Generationen betreffenden Veränderungen, wird in der marxistisch orientierten Zeitschrift nicht geboten. Frigga Haug sucht eine gleichsam abgeschiedene Antwort mit Bezug auf Rosa Luxemburg, Bert Brecht und der Ethnografie, primär um ‘Stärken’ zu finden, die für eine Utopie nützlich wären. Andere Autorinnen und Autoren bereiten Fälle auf, die entwicklungsgeschichtlich spezifisch sind, als solche aber kaum behandelt werden. Wichtiger scheint hingegen die Machtfrage zu sein. Susi Zornig rollt den prominenten Fall der protestantischen Bischöfin Käßmann auf, um der Frau vorzuwerfen, dass eine persönliche Integrität in politischen Zusammenhängen durchaus nicht üblich, vor allem aber unzweckmäßig, deshalb verfehlt sei.

Dort wo man auf die Generationenfrage geradezu gestoßen wird, im Fall einer ‘jungen’ Frau, Anfang 30, die beim Internationalen Gewerkschaftsbund für die Umweltpolitik zuständig geworden ist, reduziert sich die Neugierde auf biografische Details und den ‘historischen Moment’, die revolutionäre Perspektive: “Sie bringt Wissen und Leidenschaft für die Umweltfrage in die Gewerkschaft in einem historischen Moment, da die Umweltbedrohung eine Revolutionierung gewerkschaftlicher Arbeit erfordert” (Nora Räthzel: 357/358). Der auffällige hohe Anteil von Frauen in Gewerkschaften, die Umweltpolitik in verantwortlicher Position betreiben, wird zwar mit Erstaunen festgehalten, auch als hoffnungsvoll bewertet, dass sich jedoch grundlegende Veränderungen auch unter Frauen ereignet haben, wird nicht weiter berücksichtigt. Die Autorinnen suchen weiterhin nach Rollenorientierungen, ohne in Erfahrung zu bringen, für wen sich die Frage heute so noch stellt.

Reinhard Matern

Das Argument 287
Zeitschrift für Philosophie
und Sozialwissenschaften
Stärken von Frauen
Heft 3/2010
ISSN 0004-1157
11,- Euro

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Dienstag, 13.07.2010

Autor: rmatern

Die Datenmaske des Buchagenten

Über Neuerscheinungen auf dem Laufenden zu bleiben, kann mitunter sehr viel Zeit kosten.
Einen sehr speziellen Service hat Andre Schober bereitgestellt. Unter druckfrisches.de können in einer Datenmaske Auswahlkriterien angeben, zudem eine Addy hinzufügt werden, über die man per Mail informiert werden möchte, sobald relevante Neuerscheinungen gemeldet werden. Bücher lassen sich nach Stichworten, z.B. Genres, nach einem Verlag oder nach einem Autor selektieren, ebenfalls nach Sprache und Preis, zudem ist ein Shop wählbar.

Die Maske hat aber keine Suchfunktion. Sobald man ohne Addy die Entertaste betätigt, wird angezeigt, dass Eingaben fehlen. Will man etwas über den Datenbestand erfahren, muss man die Katalogfunktion nutzen: Wie zu erwarten war, datieren die letzten Einträge in der Regel vom Frühjahr 2010. Verlage publizieren vierteljährlich, Ausnahmen gibt es im Bereich Technik. Erstaunt hat mich, dass pro Rubrik nur eine handvoll Titel angezeigt wird, mit dem Zusatz: die letzten Einträge. Unklar kann bleiben, weshalb es die Katalogfunktion überhaupt gibt. Anzunehmen ist, dass die Aktivierung von Rubriken für den Mailservice gespeichert wird.

Wer sich für Belletristik interessiert, für Romane, Prosa, Lyrik und Essays, muss vermuten, dass sie im Katalog unter ‘Sonstige Belletristik’ fallen. Separat aufgeführt sind hingegen ‘Science Fiction und Fantasy’, ebenso ‘Märchen und Erzählungen’. Folgt Andre Schober einem Trend unter jüngeren, interentaffinen, medial verwöhnten Leuten, bleibt allerdings fraglich, ob die Site, auf der die Datenmaske fast den gesamten Raum einnimmt, auch den ästhetischen Bedürfnissen angepasst ist.

Die Besonderheit, die Andre Schober mit seiner Entwicklung bietet, ist der nach Autoren selektierbare Mailservice. Wenn man nicht weiß, in welchem Verlag das neue Buch eines Autors erscheinen wird, ist eine solche Funktion hilfreich. Nicht alle Autoren unterhalten einen eigenen Service. Verlage hingegen informieren gerne. Weil auf den Datenbestand von Libri zugegriffen wird, sind jedoch nicht alle Informationen des Markts verfügbar. Nutzer müssen im Vorfeld abklären, ob die von ihnen gewünschten Informationen lieferbar sind.

Reinhard Matern

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Samstag, 03.07.2010

Autor: rmatern

Gyde Callesens neue Lyrik: Das Ende vom Anfang?

Mit ‘Flamingos am Abendfenster’ ist der inzwischen fünfte Gedichtband von Gyde Callesen erschienen. Veröffentlicht wurde der Titel bei Wiesenburg, in der hauseigenen ‘LyrikEdition’, wie die vorherigen Bände auch.

Die Autorin (Jg. 1975) zeigt sich mit ihren Gedichten routiniert, demonstriert Auseinandersetzungen mit der Tradition, weiß auch eigene Akzente zu setzen. Sie stößt mit ihren Gedichten aber keine Tür auf. Man findet Anklänge, die von der Spätromantik – zu der ich auch eine Autorin wie Ingeborg Bachmann, einen Autor wie Thomas Kling rechne – bis hin zur Alltagslyrik reichen.

Besonderes Gewicht erhalten in den traditionell als ambitioniert geltenden Texten Worte wie ‘beginn’, ‘anfang’. Poetografisch (Logik wäre fehl am Platz) beschreibt sie ihre Haltung, auch ihr Vorhaben:

beginn des beginns

lass uns die realität
der realität zurückgeben
und die gespenster zu
den gespenstern
zurückkehren lassen
lass uns das Namenlose
beim Namen nennen
und das Unfassbare begreifen
lass uns in den spiegel schauen
dessen bilder wahr sind

Der formulierte Anspruch orientiert sich an Überbauten, wie sie in der jüngeren lyrischen Tradition immer mal wieder formuliert worden sind. Aber unspektakulär, gleichsam ordnend, als gelte es, den nicht selten aufgedunsenen Ungetümen ein Ende zu bereiten, wenn nicht im Schluss das Wörtchen ‘wahr’ ins Bild fiele. Zu der angeführten Haltung fehlt aber noch eine Besonderheit: Die Trauer.

reif

nimm die trauer
trage sie hinter die worte
neben die klarheit
auf die gelassenheit
und gib sie
dem anfang zurück

Der Kontext lässt diese Emotion jedoch kaum spüren. Die Worte ‘Klarheit’ und ‘Gelassenheit’ sind abstrakt. Lediglich der Versbau vermittelt noch so etwas wie Bewegung. Schade, dass eine greifbare Geschichte zu diesem, in der modernen Lyrik nicht untypischen, Allgemeinplatz fehlt. Als hätte die Autorin diesen Mangel gespürt, erläutert sie auch diesen Sachverhalt: Über die Erörterung von Sprache, und jetzt wird es spannend, kommt die vorenthaltene Geschichte zum Tragen:

wenn du

wenn du da gewesen wärest
hätte ich dir meine geschichten erzählt
hätte mit dir das träume steigen lassen geübt
hätte mich an dich gelehnt
und von anfängen geredet
und nicht gefragt
hätte ich dich
wenn du da gewesen wärest
hätte ich nicht geschrieben
was ich getan hätte
wenn du da gewesen wärest

Auch in diesem Gedicht wird der Überbau weiterentwickelt: In einem allgemein beschriebenen Verhältnis von Leben und Literatur. Doch dies hervorzuheben, würde lediglich die Routine, das Abhaken eines weiteren Parameters betonen, der tausendfach verbürgt ist und bloß noch langweilen kann. Entscheidend ist für mich vielmehr, dass Callesen, eventuell nicht einmal beabsichtigt, das Ende vom Anfang zum Ausdruck bringt. Sie demonstriert bespielhaft, wie es zur sprachlichen Leere der modernen Lyrik kommen kann. Zu hoffen und zu wünschen bleibt, dass sie eine Tür findet, durch die ihre ausgehungert wirkenden ‘Flamingos’ ins Freie gelangen.

Reinhard Matern

Callesen, Gyde
Flamingos am Abendfenster
Gedichte
119 Seiten
Wiesenburg Verlag
ISBN-Nr.978-3-942063-48-7
Preis: 16,80 €

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Mittwoch, 30.06.2010

Autor: JosefBordat

Eine globale Herausforderung

Peter Hennicke und Susanne Bodach erklären, wie die Energiefrage positiv beantwortet werden kann

Um den Herausforderungen, denen sich die Welt angesichts des Klimawandels ausgesetzt sieht, nämlich immer mehr Menschen mit immer weniger Aufwand an natürlichen Rohstoffen Nahrung, Kleidung, Wohnung und Arbeit zu beschaffen, in wirtschaftlich und sozial vertretbarer Weise nachzukommen, aber auch aufgrund der seit langem bekannten Endlichkeit fossiler Brennstoffe, bedarf es einer Wende hin zu erneuerbaren Energieträgern. Die Energiethematik ist der Schlüssel zu einem wirksamen und nachhaltigen Klima- und Ressourcenschutz. Diese These, die nicht ganz neu ist, wird in dem Buch „Energierevolution“ aufgegriffen und ausführlich begründet. Die Autoren, Peter Hennicke, ehemals Präsident des renommierten „Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie“, und die Architektin Susanne Bodach, die ihre Expertise zu Energiefragen in Schwellen- und Entwicklungsländern in die Arbeit des Wuppertal Instituts einbringt, werfen (zusammen mit ihren Kollegen Nikolaus Supersberger und Dorle Riechert) einen Blick auf die „postkarbone Gesellschaft“, in der anders gewirtschaftet wird als heute: nachhaltig, effizient und an den „wahren Kosten“ orientiert, was bedeutet, dass die Umweltbelastungen und andere „Nebeneffekte“ eingepreist werden (Internalisierung externer Kosten durch Steuern bzw. Abgaben).

Den nötigen Veränderungen hin zu dieser Wirtschaftsweise das Attribut „revolutionär“ anzuheften, wie dies die Autoren tun, ist wohl eher der Bedeutung der Aufgabe geschuldet als der Art und Weise, wie diese zu bewältigen ist. Hennicke und Bodach zeigen denn auch in didaktisch getakteten Schritten, gestützt von (nicht immer ganz aktuellem) Datenmaterial, das in übersichtlichen Graphiken angeboten wird, und unter Einbeziehung vieler technischer Einzelheiten, dennoch stets um Stringenz und Nachvollziehbarkeit bemüht und ohne sich zu sehr im Detail zu verlieren, dass der ganz große Umbruch ausbleiben kann, wenn in den nächsten Jahren ein geordneter Wandel vollzogen wird. Allerdings müssen dazu bald die Weichen gestellt werden, denn: „Der Menschheit verbleiben nur noch etwa ein, maximal anderthalb Jahrzehnte kostbarer Zeit, ganz energisch durch forcierte Markteinführung der erneuerbaren Energien auf einen klimaverträglicheren und ressourcensparenden Kurs umzusteuern.“ (S. 144)

Die für diesen Kurs nötige Bewusstseinsänderung anzuregen, ist ein wichtiges Anliegen des Buches. In der Tat nehmen sich die Autoren gängiger Befürchtungen an und erklären mit ihrer Erneuerbarkeits-Effizienz-Formel vieles für obsolet, was den Verbraucher umtreibt. Ihre Vision des „sanften Pfades“ macht klar: Niemand muss auf basale Annehmlichkeiten verzichten, denn Effizienzsteigerungen überlagern die durch Konsumverzicht zu erzielenden Spareffekte um ein Vielfaches. Niemand muss fürchten, dass wir irgendwann auf dem Trockenen sitzen, denn die erneuerbaren Energien können weite Bereiche der Versorgung übernehmen. Niemand muss meinen, dem Klimaschutz werde unsere erfolgreiche Wirtschaftsform geopfert, ist diese doch gerade der Garant für die Implementierung von Technologien der Nachhaltigkeit in die Energiemärkte der Zukunft.

Hennicke und Bodach verbinden die „Zwei-Grad-Welt“ (gemeint ist eine globale Wirtschaftsorganisation, die den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß derart in Grenzen hält, dass die Temperatur bis zum Ende des 21. Jahrhunderts im Mittel „nur“ um maximal 2 Grad ansteigt) mit der „2000-Watt-Gesellschaft“. Auf diesen Wert lasse sich der Pro-Kopf-Verbrauch Dank „markant verbesserter Energie- und Ressourceneffizienz“ und „ohne Einbußen von Wohlstand“ reduzieren (S. 55). Im Moment sind es in den Industrienationen etwa 6000 Watt, die jeder Mensch jährlich beansprucht.

Da Energieversorgung und Klimaschutz globale Themen sind, gehen die Autoren zu Recht sehr ausführlich auf die Lage in den Schwellen- und Entwicklungsländern ein.

Hier sind gewöhnlich die Sorgen am größten. Wie nur sollen die „Armen“, die 80 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, die Umstellung auf den „sanften Pfad“ leisten? Und was ist mit den „Neureichen“ wie China und Indien, Brasilien und Mexiko, Argentinien und Südafrika, die alle gerade dabei sind, in den Genuss des ressourcenintensiven Wohlstands zu kommen – sollen sie nun verzichten, damit die Welt nicht an den Folgen unserer nunmehr schon 200 Jahre andauernden modernen Lebensweise zugrunde geht? Mit welchem Recht sollten wir diesen Regionen die lang ersehnte Industrialisierung nehmen wollen? Was, wenn die, die heute einige hundert Watt pro Kopf und Jahr verbrauchen, auf unsere Werte kommen? Hennicke und Bodach zeigen, dass dies die falschen Fragen sind, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgehen. Die Lösung liege, so die Autoren, gerade darin, dass diese ressourcenintensive Industrialisierung nicht nötig sei, weil die ganze Welt, also auch die immer noch oder ehemals „Armen“ vom technischen Fortschritt profitieren können. Diese sogar, ohne Lehrgeld zu zahlen: Die Entwicklungsländer müssen nicht erst alle Stadien der Industrialisierung durchlaufen (im Klartext: unsere Fehler wiederholen), sie können die fossile Ära einfach überspringen und gleich den „sanften Pfad“ effizienter und erneuerbarer Energien einschlagen. „Leapfrogging“ heißt das Zauberwort. Und es klingt überzeugend, wenn man es sich an einfachen Beispielen vor Augen führt, etwa an der Substitution der aufwändigen Festnetz-Telephonie durch das Handy. Die Technik ist da, und wenn sie da ist, dann ist sie im Zeitalter der Globalisierung für alle da. Durch „Leapfrogging“ steigt der „Energiekonsum“ eines Inders eben nicht auf die 6000 Watt eines Deutschen Anno 2010, sondern auf die 2000 Watt des Bewohners der zukünftigen Postkarbon-Gesellschaft. Hennicke und Bodach führen das mit einer Selbstverständlichkeit vor, dass man sich fragt, warum sich eigentlich so viele Menschen überhaupt Sorgen machen. So ganz überzeugen kann die Rechnung am Ende aber eben doch nicht, denn: Wenn von 100 Menschen heute 20 jeweils 6000 Watt pro Kopf und Jahr verbrauchen und 80 jeweils 500 Watt, dann sind das 160.000 Watt. Künftig werden es (idealiter) 200.000 Watt sein. Die benötigte Steigerung von 25 Prozent muss durch höhere Effizienz kompensiert werden. Das wird schwer. Alle Sorgenfalten werden auch durch „Leapfrogging“ nicht geglättet.

Dennoch: Die Autoren verweisen auf die richtigen und wichtigen Aspekte einer Zukunft, die sich dem ökologischen Umbau verschreibt, ohne die ökonomischen Gegebenheiten zu vergessen. Das macht die Darstellung zu einer sehr gelungenen und empfehlenswerten. Eine kurze, übersichtliche Auflistung thematisch einschlägiger regionaler und globaler Institutionen sowie ein nützliches Glossar runden das gut lesbare Buch ab.

Schließlich bleibt zu hoffen, was die Autoren in ihrem Fazit diagnostizieren, dass sich nämlich „die Chancen für den sanften Pfad [...] erhöht haben“ (S. 197). Dass dieser ein essentieller Teil einer globalen Klimaschutzarchitektur ist, machen sie deutlich. Ebenso die Zusammenhänge von Klima und Umwelt mit Fragen der Ernährung und des wirtschaftlichen Fortschritts sowie mit Aspekten regionaler Stabilität und globaler Sicherheit. Insoweit haben Peter Hennicke und Susanne Bodach nicht nur einen kleinen, aber wertvollen Beitrag zur Bewusstseinsänderung im Hinblick auf die Bewältigung des Energieproblems unserer Zeit geleistet, sondern darüber hinaus auch verdeutlicht, dass jede Maßnahme, die in diesem Sinne für erneuerbare, effiziente Energien getroffen wird, der Entwicklung und dem Frieden dient.

Peter Hennicke / Susanne Bodach: Energierevolution. Effizienzsteigerung und erneuerbare Energien als neue globale Herausforderung
München: oekom verlag (2010)
221 Seiten, 19,90 EUR
ISBN-13: 978-3-86581-205-6

Josef Bordat

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Donnerstag, 24.06.2010

Autor: McRap

»Machtfrage Change« – Warum Macht der entscheidende Motor jeder Veränderung ist

In einer Welt, in der die ständige Veränderung von Unternehmenswirklichkeiten als einzig konstante Größe bleibt, werden die Geschwindigkeit und Präzision interner organisatorische Transformationsprozesse zur überlebenswichtigen Mimese moderner Unternehmen. In dem Buch „Machtfrage Change“ stellen die Autoren Torsten Oltmanns und Daniel Nemeyer, in diesem Zusammenhang die für die heutige Konsens-Gesellschaft vielleicht ketzerischste aller Thesen auf: Veränderungen erfordern Macht!
Ein wichtiger und vor allem richtiger Ansatz, den das Autorenteam aus dem Hause Roland Berger auf 200 Seiten gekonnt herleitet und mit einer Reihe praktischer und aktueller Beispiele belegt. Zieht man gerade Erkenntnisse der modernen Entwicklungsbiologie ins Kalkül, ist es ein Wunder, dass die Notwendigkeit ein solches Buch zu schreiben, nicht schon eher erkannt wurde: So ist es für einen lebenden Organismus evolutionär entscheidend, die Summe biochemischer Anpassungsprozesse selbst im Kleinsten von einem einzigen Impuls gesteuert zu initiieren.  Die Verkettung materieller Prozesse muss zielgerichtet und konsequent innerhalb eines determinierten Schöpfungsaktes erfolgen, der a priori so etwas wie einen höheren Willen logisch voraussetzt.
Die entstehenden dynamischen Prozesse haben ihren Ursprung demzufolge weder in kosmogonischen Mythen, noch kann der Grund in der Zufallsselektion latenter Lebensbaupläne liegen.
Die gewagte Hypothese ist klar: Es existiert eine Schöpfungskraft, welche a posteriori ständige Veränderungsprozesse progressiv initiiert und ihre Komplexität steuert. Somit wären alle Arten von „Change Prozessen“ in ihren morphologischen Grundmustern der Beweis für die Existenz von Macht und Macht andersherum eine zwingende Notwendigkeit für Change…
Ein interessanter Ansatz auf Basis eines wichtigen, aktuellen Buches: „Machtfrage Change“ – Warum Veränderungsprojekte meist auf der Führungsebene scheitern und wie man es besser machen kann.  Erschienen am 10. Mai 2010 im Campus Verlag.

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Montag, 21.06.2010

Autor: rmatern

Kai Ehlers: Kartoffeln haben wir immer. Einschätzungen aus der russischen Gesellschaft.

Russland gehört zu den Ländern, die von außen nur schwer zu erfassen sind. Zwar lassen sich Daten sammeln, auch einige Stimmen in den Medien hören oder nachlesen, schwer fällt es zu verstehen! Man könnte glauben, dass ein gemeinsamer Kulturraum eigentlich ein Garant für eine einigermaßen gelingende Kommunikation sein müsste, dann aber nur unter der Voraussetzung, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht zur Kultur gehören.

Kai Ehlers hat bei Horlemann einen Materialband veröffentlicht, der aus politisch und wirtschaftlich motivierten Reiseberichten, ebenso aus zahlreichen Interviews besteht. Seine russischen Gesprächspartner kommen aus der Wissenschaft, der Politik, der Publizistik, der neuen Mittelschicht, den Dörfern. Sie bieten ein breites Spektrum an Einschätzungen und Meinungen über die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen. Zentral wird über die Reformen von Putin / Medwédes gesprochen, die bereits spürbaren und die noch zu erwartenden Veränderungen, auch in Bezug auf das alltägliche Leben. Ist man mit den russischen Verhältnissen nicht vertraut, erlebt man viele Überraschungen, weil die jeweiligen Kontexte und Kriterien der Gesprächspartner größtenteils andere als von Menschen hier im Westen sind. Nicht wenige der präsentierten Ansichten würde man hier als kurios bezeichnen. Es ist Kai Ehlers Verdienst, mit seinem Buch auch eine Vermittlung zu leisten.

Für mich beginnt das Buch allerdings erst relativ spät: mit dem letzten Unterkapitel des ersten Teils: ‘Erwartungen nach dem Wechsel 2008’ (S.26). Anstatt den Lesern zuvor eine Ein- und Hinführung zu geben, die Tür mit einer umgänglichen Begrüßung zu öffnen, empfängt er interessierte Besucher mit markigen Thesen und langen Zitaten aus seinen anderen Werken. Hier hätte ich mir eine höhere publizistische Sensibilität gewünscht. Dass eine solche durchaus möglich gewesen wäre, demonstrieren die folgenden Seiten auf eindrückliche Weise.

Reinhard Matern

Kai Ehlers,
Kartoffeln haben wir immer.
Überleben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha,
254 Seiten, Broschur,
s/w Fotos,
ISBN 9783895022937
Preis: €14,90

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Samstag, 19.06.2010

Autor: Lars Schuster

Lee Smolin: Die Zukunft der Physik

Lee Smolin: Die Zukunft der Physik

Wie keine andere Wissenschaft berührt die Physik die tiefsten Wurzeln unseres Daseins. Die Einsichten in die Grundlagen der Welt, die sie vom 16. Jahrhundert bis heute erlangte, revolutionierten unsere Sicht auf das Universum, im astronomisch Großen ebenso wie im mikroskopisch Kleinen. Kaum dass es dem Zeitgenossen noch möglich ist, die mannigfaltigen Abhängigkeiten des Alltagslebens vom Fortschritt dieser Wissenschaft auch nur zu erahnen. Doch wie steht es mit eben diesem Fortschreiten? Der US-amerikanische Physiker Lee Smolin hat sich dieser Frage angenommen und kommt zu der auf den ersten Blick paradox anmutenden Erkenntnis einer Stagnation. Trotz der immensen Investitionen von finanziellen und menschlichen Ressourcen scheint der wissenschaftliche Fortschritt der theoretischen Grundlagenphysik in den vergangenen 30 Jahren nahezu zum Erliegen gekommen zu sein. Zur Aufdeckung der vielfältigen Gründe für diese Stagnation holt Smolin weit aus und liefert im ersten Teil seines Buchs eine gut verständliche Einführung in die grundlegenden Probleme, vor die sich die theoretische Physik des 20. Jahrhunderts gestellt sah. Im zweiten Buchteil erläutert er anschließend die Stringtheorie, die den Anspruch erhebt, eben diese Probleme zu lösen. Und genau da setzt Smolin mit seiner Kritik an, denn seiner Ansicht nach weist der String- bzw. Superstringansatz seinerseits nicht unbeträchtliche Schwächen und Defizite auf, die im dritten Buchteil ausführlich diskutiert werden.

So weit, so bekannt. Bekanntlich lästerte schon Richard Feynman über den Hang der Stringtheoretiker, die Zahl der Raumdimensionen willkürlich festzusetzen, um sie für die eigene Theorie nutzbar zu machen. Und so unterscheidet sich Smolins Buch bis zum dritten Teil nur in wenig von den übrigen auf dem Markt erhältlichen populärwissenschaftlichen Zustandsbeschreibungen der Physik. Doch Smolin geht weiter: sorgfältig analysiert er im vierten Buchteil die Ursachen der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Stringtheorie, die er vor allem im sozialen Forschungsumfeld der Wissenschaftler ausfindig macht. Dabei bedient er sich der grundlegenden Unterscheidung Thomas Kuhns zwischen Normalwissenschaft und Paradigmenwechsel. Diesen entsprechen, so Smolin, zwei Charaktertypen von Physikern: dem wissenschaftlichen Handwerker der Normalwissenschaft einerseits und dem Seher andererseits, dessen Visionen unerlässlich für den fortschrittstreibenden Paradigmenwechsel sind. Ein gesunder Wissenschaftsbetrieb bedarf beider Charaktertypen, die sich zwar ablehnend gegenüber stehen, gleichwohl einander aber notwendig bedingen. Die Ursache für die gegenwärtige Stagnation der Physik sieht Smolin nun in der Dominanz der Handwerker im physikalischen Wissenschaftsbetrieb. Während die großen theoretischen Revolutionen der Physik im 20. Jahrhundert – Relativitätstheorie und Quantenmechanik – von philosophisch ambitionierten Visionären entwickelt wurden, erlangten im Zuge der Verlagerung des Zentrums des Physikbetriebs von Europa nach USA in den 1940er Jahren sukzessive die Handwerker die Oberhand. Originelle Denker jenseits des Mainstreams bekamen seither kaum mehr eine Chance auf eine akademische Karriere. Entsprechend bleiben wichtige Innovationsimpulse aus, der Wissenschaftsbetrieb gerät in die Stagnation. Nur durch eine Öffnung des physikalischen Forschungsbetriebs für bislang randständige Positionen und die Bereitschaft zu echter Innovation ist es Smolins Ansicht nach möglich, den Fortschritt neu zu beleben.

Smolins leicht zugängliches Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Außenseiter der Physik und ihre Ansätze jenseits der Stringtheorie. Durch seinen Perspektivenwechsel weg von den Inhalten, hin zu den sozialen Bedingungen moderner Forschung eröffnet es dem Leser gänzlich neue Einblicke in einen Betrieb, die von Außenstehenden sonst nur schwerlich gewonnen werden können. Überaus empfehlenswert!

Deutsche Verlags-Anstalt 2009, ISBN 3421042969
Hardcover, 494 Seiten, 24,95 €

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Freitag, 18.06.2010

Autor: Immo Sennewald

Chinas Gesichter – eine Welt

Einband von "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser"

China: Alltag der Riesen, der Zwerge und wundersamer Verwandlungen

Wenn jemand für ein einziges Buch den Literatur-Nobelpreis verdiente, dann Liao Yiwu.
“Fräulein Hallo und der Bauernkaiser” fasst das Drama des totalitären China auf so einzigartige, unwiderstehliche Weise in Worte, dass sich mir jede Beschreibung des Inhalts verbietet. Lesen Sie es! Sie werden ahnen, mit welcher Wucht sich das Riesenreich in die Weltgeschichte einbringt – nicht nur in die Wirtschaft, sondern vor allem in die Kultur. Wir können nur hoffen, dass dieses in jeder Hinsicht gewaltige Geschehen, dessen Zeugen wir werden, von Stimmen wie der des Liao Yiwu begleitet, dass diese Stimmen überall gehört werden.
Sein Buch hilft – über alle Grenzen von Sprache und Kultur hinweg – die eigene Schwäche, Blindheit, Verlorenheit zu spüren, vielleicht, sie zu überwinden.
Wang Xilin, Revolutionssoldat, später als Komponist gedemütigt, gefoltert, an den Rand des Wahnsinns getrieben, sagt in einem der Gespräche, aus denen das Buch besteht: “Meine Musik hat keine Zärtlichkeit, da ist nichts Bourgeoises, sie ist ein großer, lackschwarzer Teich, alles Umliegende wird in ihn hineingefüllt, Tränen, Blut, Schlamm, Seufzer, Schreie, mit all dem ist der See angefüllt, sagen Sie selbst, wie sollte er nicht schwer und tief sein?”
Die Geschichten dieses Buches sind bei aller Schwere, Tiefe, bei allem Schmerz doch auch leicht und zärtlich und voll Humor.
Den Übersetzern Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder ist zu danken, dass all das in der deutschen Fassung erlebbar wird.

Liao Yiwu “Fräulein Hallo und der Bauernkaiser”, S. Fischer Verlag 2009, 539 Seiten, 22,95 €

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Montag, 14.06.2010

Autor: Immo Sennewald

Bücher brauchen Kinder

Cover zum Kinderbuch

Kinderbuchprojekt für soziale Zwecke


Es ist eine elementare Gabe des Menschen, dass er erzählend die Phantasie seiner Zuhörer in ganz eigene Welten entführen kann, wo sie ihrerseits viel mehr erleben, als der Erzähler weiß. Man nennt das gern „Kino im Kopf“. Nicht jeder mag sich auf von ihm selbst erfundene Filme verlassen; meine Großmutter nahm ein in rotes Leinen gebundenes dickes Buch mit goldner Prägung zur Hand, die „Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm“, las daraus vor und half, uns Kindern die Zukunft als angepasste, folgsame, unkritische Zeitgenossen zu verderben.
Wenn Kinder heute sagen: „Lies mir vor“, dann ist das ein Vertrauensbeweis. Natürlich macht es Spaß, sie zum Lachen und zum Staunen zu bringen – es ist die nobelste Verpflichtung. Aber sollten sie nicht auch Schwimmen lernen in einem Phantasiemeer voll Untiefen, voll mit gefährlichen Strömungen, allüberall lauernden Schlingpflanzen und womöglich gar tödlichen Monstern? Beinahe schwieriger: kann man sie bewegen, nicht nur im Seichten zu plätschern, sondern den quietschbunten Gummibooten, lärmigen Animateuren, banalen Plastikhilfen das mutige Eintauchen vorzuziehen, sich nicht für den Schwimm-Ersatz zu entscheiden, sondern fürs Ausdauertraining, belohnt vom Gefühl „ich kann mich dem Wasser anvertrauen, mich aus eigener Kraft darin behaupten“?
Das Buchprojekt „Lies mir vor“ bot bisher wenig bekannten Autoren die Chance, sich solchen Fragen zu stellen. Sie durften ehrlich mit ihren künftigen Zuhörern umgehen, sie mussten sich nicht anbiedern, weil sie unbedingt etwas verkaufen wollten. Die Erzählerinnen und Erzähler, die sich im Wettbewerb des „Autorenweb“ für die Publikation qualifiziert haben, ermuntern auf jeweils eigene Art zum gemeinsamen „Schwimmtraining“ von Zuhörern und Vorlesern. „Lies mir vor“, unter Schirmherrschaft des Rotary Club Berlin bei „Books on Demand“ veröffentlicht, macht Kindern Lust, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben – etwa aus der eines kleinen Menschen, der so anspruchslos wie heiter in einem Schließfach am Würzburger Hauptbahnhof haust oder aus der eines Bienenschwarms, dem die Königin geraubt wurde. Schutzengel und Feen tauchen auf, Tiere und Handys können sprechen; es finden sich Gedichte nach Fabeln, sie sind prima auswendig zu lernen und eine gute Schule fürs Sprachgefühl. Großmächtige Helden tauchen nicht auf, literarischer Schwulst ebensowenig. Neugier, Phantasie, Hilfsbereitschaft, die Überzeugung, dass das Wunderbare sich direkt vor unseren Augen ereignet, wenn wir nur sehen wollen, sind Zutaten der Geschichten und Gedichte in diesem Bändchen, dem man nur ein etwas hochwertigeres editorisches Gewand wünschte – zumal der Erlös sozialen Projekten zugute kommen soll.
Dabei ist „Lies mir vor“ eigentlich Teil eines sozialen Alltagsprojekts, bei dem wirklich fast jeder sich um die Zukunft der Kinder verdient machen kann: jeden Tag, fast überall mit all den wunderbaren Texten der Weltliteratur, die nicht nur für Kinder geschrieben sind.
Eine kurze Probe zu “Lies mir vor” als Video zum Nach- und Bessermachen für die Kinder ;-) :

Bei Book on Demand ISBN 978-3-8391-7272-8
Paperback, 184 Seiten (9 Zeichnungen)
20,00 Euro

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Sonntag, 13.06.2010

Autor: Andreas Schröter

David Benioff: Alles auf Anfang

David Benioff »Alles auf Anfang«Die Drehbücher zu Filmen wie “Troja”, “Stay”, “Drachenläufer” und “X-Men Origins: Wolverine” stammen von David Benioff. Das Buch “Stadt der Diebe”, das Anfang 2009 in Deutschland erschien, machte ihn auch als Romanautor bekannt. Nun hat der 40-Jährige unter dem Titel “Alles auf Anfang” eine Geschichten-Sammlung vorgelegt, deren Storys etwas gemein haben. Immer passiert etwas Einschneidendes, das das Leben des Helden auf den Kopf stellt.

Da gibt’s einen Schlagzeuger, der eine Party daraus macht, als der Tacho seines Wagens die 200000-Meilen-Marke erreicht, darüber aber seine Freundin verliert – oder einen Mann, der sich auf die Suche nach einem Mädchen macht, mit dem er vor 14 Jahren einen schönen Nachmittag verbracht hat. Die vielleicht stärkste Geschichte “Merde bringt Glück” handelt von zwei Aidskranken, die ein neues Medikament ausprobieren. Einer von beiden erhält jedoch nur ein Placebo-Mittel …

David Benioffs Geschichten sind vielseitig, enden meistens traurig, sind verfasst in einem lakonischen Erzählton und lassen zwischen den Zeilen viel Gefühl durchscheinen. Und sie entwickeln eine eigenartige Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann.
———————————
David Benioff: Alles auf Anfang.
Blessing, Mai 2010.
272 Seiten, Hardcover, 17,95 Euro.

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Sonntag, 06.06.2010

Autor: Immo Sennewald

Wie die Arbeit zum Menschen kommt

Buchcover
Gleich vorab: Dieses Buch ist ein Vergnügen, eine starke Anregung und eine über die Maßen fruchtbare Grundlage für den Diskurs, dazu ein Ideenspender für die kulturelle und strukturelle Erneuerung in Unternehmen. Man möchte selbst dabei sein, wenn Konzepte praktisch umgesetzt werden, die der Intuition der Mitarbeiter vertrauen, auf Kunden und Nachhaltigkeit orientiert sind, wirtschaftliches Handeln von den Fesseln des Regulierungs-, Kontroll- und Sicherheitswahns befreien.

Andreas Zeuch hat sich ein erstaunliches Reservoir sowohl betriebswirtschaftlicher wie auch psychologischer und neurowissenschaftlicher Quellen erschlossen, um der Frage nach zukunftsfähigen Organisationsformen der Wirtschaft nachzugehen. Sein Wissen wirkt nie akademisch, es ist mit zahllosen Beispielen aus dem Alltag illustriert, mit Studien, Experimenten, gut dokumentierten Anmerkungen befestigt. Der Leitgedanke seines Plädoyers für die „Professionalisierung der Intuition“: Da unser Denken von Gefühlen, von unbewussten Impulsen und Strategien ohnehin nicht zu trennen ist – warum nicht die im Unbewussten waltenden Kräfte der Kreativität, die sich in allen Bereichen von Kunst und Kultur seit je so überzeugend materialisieren, in die Unternehmenskultur einbringen? Sollten wir nicht dem Götzen aus dem Zeitalter der Mechanik und der Arbeitsteilung entsagen, der sich als Rationalität oder Sachlichkeit ausgibt, sollten wir nicht unsere Ziele am Menschen ausrichten statt an Sachen?

Die Tarnung dieses Götzen ist perfekt, kaum mehr zu erschüttern ist der Irrglaube, mit Zahlen und Daten lasse sich Fehlerloses, Unwiderlegbares erstellen, seien „Zukunftssicherheit“ und Planbarkeit durchsetzbar. Zeuch weist den Götzendienern, den „paradoxen Pseudorationalisten“ einmal mehr den systematischen Fehler ihres Denkens nach, den Mangel an Weitsicht und Gespür, der Wirtschaft und Finanzen einzelner Firmen ebenso wie ganze Nationalökonomien und die globale Geldpolitik an den Rand des Kollapses treibt. Er ist als Kritiker und Erneuerer hierin ebenso überzeugend wie Uwe Renald Müller, der 1998 für seinen „Machtwechsel im Management“ den „Global Business Book Award“ erhielt, oder Niels Pfläging, der in „Die 12 neuen Gesetze der Führung“ einen völlig neuen „genetischen Code“ der Organisation nicht nur von Unternehmen beschreibt.

„Feel it!“ ist eine Ermutigung zu Neugier, Achtsamkeit, und Schöpfertum, zu gegenseitigem Vertrauen als Grundhaltung für die sich selbst organisierenden Firmen. Ihre Erfolge sind bereits in vielen Ländern erkennbar. Leninsche Strukturen des Typs „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ mit ihrer organisierten Verantwortungslosigkeit sind in der Ökonomie eines ganzen Staatenverbundes katastrophal gescheitert, solche Strukturen überdauern samt ihren Überwachungssystemen allerdings in Bürokratiemonstern und in Konzernen, die als sozialdarwinistische Geldmaschinen geführt werden. Die Zukunft erheischt Selbstorganisation, eine aufs Lernen orientierte, intelligente Fehlerkultur, ein ermutigendes Arbeitsumfeld für den Einzelnen – Voraussetzungen für nachhaltig und organisch wachsende Firmen. Andreas Zeuch liefert einige rasch umzusetzende Hilfen für den Einstieg.

Man wünschte sich Zeuchs Text über den verständigen Umgang mit Wissen, das immer mehr Nicht-Wissen erzeugt, über die desto wichtigere Kraft der Intuition, man wünschte sich dieses intelligente Arbeitsbuch künftig erweitert und fortgeführt um ausführlichere und tiefer gehende Betrachtungen zum Konfliktgeschehen und zu einer neuen Konfliktkultur. Auch in Unternehmen ohne „paradoxe Pseudorationalisten“ an den Hebeln der Macht wird es unvermeidlich Konflikte geben, und die Konflikte mit dem „Management by Lenin“ werden sich in den globalen Märkten eher noch verstärken. Es ist nicht zu erwarten, dass sich die alten Aufbauorganisationen kampflos „resetten“ lassen, wie Zeuch es beim Strategiespiel „Tit for Tat“ illustriert und dann etwas zu eilfertig in Handlungsanweisungen „Sei nicht neidisch!“, „Sei nicht nachtragend!“, „Sei nicht zu raffiniert!“ für die Praxis übernimmt. In der Praxis nämlich spielt die Geschichte mit, dort tobt sich die ganze lebendige Menschheitserfahrung von „Gewalt – Macht – Lust“ im Betriebsprogramm für Konfliktfälle aus, und dort sind die „paradoxen Pseudorationalisten“ noch längst nicht auf dem Rückzug.

„Feel it!“ ist erschienen im Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, hat 262 Seiten, kostet 24,90 €

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