Mittwoch, 25.01.2012
Autor: Andreas Schröter
Kann man seinen eigenen Erinnerungen trauen oder biegt man sich die Wahrheit im Nachhinein nach seinem Gusto zurecht? Mit dieser Frage befasst sich der englische Autor Julian Barnes in seinem Buch “Vom Ende einer Geschichte”. 2011 erhielt er dafür den renommierten Booker-Prize.
Der Ich-Erzähler Tony Webster verlebt eine langweilige bis durchschnittliche Jugend in den 60er Jahren. Er trifft sich mit seinen Freunden Alex und Colin. Die drei reden über Sex und haben wenig Lust auf die Schule. Bald kommt Adrian neu hinzu. Er ist gebildet und eloquent, so dass Tony permanent das Gefühl hat, ihm unterlegen zu sein. Auch mit Tonys erster Liebe Veronica läuft nicht alles rund: Sie ist launisch, der körperlichen Liebe wenig zugetan und behandelt ihn von oben herab. Als besonders schlimm und demütigend hat er später einige Tage im Hause von Veronicas Eltern in Erinnerung.
Doch dann – Tony ist längst im Rentenalter -,fällt ihm etwas in die Hände, das seine in Jahrzehnten verfestigten Meinungen zu den Protagonisten seiner Jugend radikal auf den Kopf stellt, so dass er weitere Nachforschungen anstellt. Sie fördern Überraschendes zutage.
Julian Barnes, geboren 1946, lässt seiner Hauptfigur viel Raum für Reflexionen und andere philosophische Betrachtungen, so dass nicht eine irgendwie geartete Handlung im Zentrum dieses Romans steht, sondern das Innenleben dieser Figur. Das wirkt zuweilen eine Spur zu langatmig und bremst etwas den Drive des Romans. Anderes dagegen, wie Tonys Beziehung zu Veronica, die viel Potenzial geboten hätte, wirkt an einigen Stellen unfertig – fast wie der nur hinskizzierte Entwurf für eine viel längere Geschichte. Auch bleiben am Ende der Lektüre (zu) viele Fragen offen. Insgesamt aber dennoch vor allem wegen der beinahe philosophischen Grundfragestellung ein interessantes Buch.
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Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte.
Kiepenheuer & Witsch, Dezember 2011.
182 Seiten, gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Dienstag, 24.01.2012
Autor: Anja Rauch
Der junge Richard Henry Dana kann seine Studien der Rechtswissenschaften in Harvard aufgrund seiner Erkrankung nicht fortsetzen. In der Hoffnung, seine körperliche Konstitution zu stärken, schifft er als junger Matrose ein auf dem kleinen Handelsschiff Pilgrim, die ihn von Boston und Kap Horn nach Kalifornien bringen wird.
Unter der gesamten Reise von 1834 bis 1836 führt er Tagebuch, was er 1840 als Buch heraus gibt. Zum ersten Mal wird das Leben auf See (und das in Kalifornien an Land) authentisch aus der Sicht des gemeinen Matrosen beschrieben, und nicht nur aus den Logbüchern der Kapitäne. Damals war dieses Buch von unendlichem Wert für Menschen, die mit dem Gedanken spielten nach Kalifornien zu ziehen. Sie erfuhren bereits viel über das Land und seine Leute durch Danas Buch. Erst 1840 zogen die Menschen in Scharen und in der Hoffnung Gold bzw. anderweitig Glück und ein neues Leben zu finden, nach Kalifornien, Danas Reisebeschreibung kam also zum rechten Zeitpunkt und wurde, wie er später beschrieb, auch in Kalifornien von allen des Lesens kundigen Einwohnern verschlungen.
1836 war Kalifornien noch in der Hand der mexikanisch-spanischen Bevölkerung, und es gab so gut wie keinen anglo-amerikanischen Einfluß. Außer riesigen Viehherden, mit deren Häuten die Eigentümer von Danas Schiffen handelten, gab es kein richtiges Einkommen in der Region. Dana erkennt sofort, dass sowohl Klima als auch Fruchtbarkeit des Landes ideal für den Anbau von Wein wären. Die spanischsprechende Bevölkerung hätte allerdings weder Wissen noch Ambitionen, Weinanbau zu betreiben, wie er meint.
Im Kalifornien dieser Zeit ist beispielsweise Zaumzeug und Sattel mehr Wert als das eigentliche Pferd – es gibt einfach genug dieser Tiere, die irgendwie auch allen gehören zu scheinen. Das Pueblo de Los Angeles ist ein recht kleiner, nicht sehr attraktiver Ort, wenn auch bereits damals wichtig für den Handel, genauso wie San Francisco.
Dana umrundet Kap Horn zwei Mal unter schweren Bedingungen, und wiederholt dies 1859 noch einmal. Dann jedoch als etablierter Rechtsanwalt und Passagier eines modernen Dampfschiffes. Für ihn ist es faszinierend zu sehen, wie sich das Kalifornien von damals in so kurzer Zeit verändert hat. Das Pueblo de los Angeles ist nun die größte Stadt, und Alcatraz in der Einfahrt zu San Francisco ist nicht mehr die kleine Insel, auf der Feuerholz geschlagen wurde, und auf der es von Klapperschlangen wimmelte, sondern lediglich ein kahler Felsen dem eine Festung eine neue Bedeutung gibt.
Der Handel mit Tierhäuten hat nahezu komplett an Bedeutung verloren. Nun sind es tatsächlich Weinanbau, die Jagd auf Gold sowie große Farmen, die die größte wirtschaftliche Rolle spielen. Dana trifft in Kalifornien auf alte Weggefährten, die ihm durch ihre eigenen Erzählungen helfen, den Wandel in so kurzer Zeit zu begreifen.
Genauso spannend, wie es damals für Dana war, diesen Wandel zu erleben, genauso spannend ist es bis auf den heutigen Tag, seine Erfahrungen nachzulesen. Die Inseln von Hawaii waren damals noch die “Sandwich-Islands” deren Bewohner sich selber die “Kanaka” nannten. Ein Begriff aus dem wohl unser heutiges Schimpfwort resultiert. Die Bewohner der Sandwich-Inseln waren bereits damals sehr gute Seefahrer und oft Bestandteil der Besatzungen von in Kalifornien tätigen Handelsschiffen. Zumindest temporär, denn das Klima in der Nähe von Kap Horn, so beschreibt es Dana, sei zu hart für die ansonsten tüchtigen Seeleute. Aus diesem Grund blieben die meisten von ihnen im Pazifik, statt beispielsweise den Bostoner Crews an den Atlantik zu folgen.
Wenn man nun Danas Beschreibung mit dem Kalifornien wie wir es heute kennen vergleicht, dann ist dies schon ein extremer und auch ein extrem faszinierender Wandel. Der Bau des Panama Kanals wurde übrigens erst zwei Jahre vor Danas Tod (1880) begonnen und 1914 fertig gestellt. In den Genuss kam er also leider nicht mehr für eine dritte Reise.
“Two Years before the Mast” ist in mehreren Ausgaben sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch verfügbar. Auf Englisch als Reprint bei Amazon oder als Ebook bei Forgottenbooks.org. Eine deutsche Ausgabe kann man antiquarisch über das ZVAB beziehen. Ich selber habe übrigens die englische Ausgabe als Reprint gelesen. Nicht so schwer zu verstehen, außer ein paar alt-amerikanischen Ausdrücken.
Faszinierend, dass auch so alte Bücher immer noch die gleiche Faszination ausüben wie zur Zeit ihrer Erstausgabe! Dieses sei deshalb wärmstens empfohlen.
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Donnerstag, 19.01.2012
Autor: JosefBordat
Andrea Durry und Thomas Schiffer zeigen die facettenreiche Kulturgeschichte des Kakaos
Es gibt sie in fester und flüssiger Form. In den Supermärkten füllen sie ganze Regale. Es gibt kaum jemanden, der sie nicht mag. Die Rede ist von Kakaoprodukten. Der Schokoriegel für zwischendurch, die Pralinenschachtel als Verlegenheitsgeschenk, heißer Kakao zur Sachertorte: Unser Umgang mit ihnen ist selbstverständlich, dass wir ihn haben jedoch keineswegs. Darüber klären die Soziologin und Ethnologin Andrea Durry und der Historiker Thomas Schiffer auf, beide eng verbunden mit dem Schokoladenmuseum Köln. Ihr Buch „Kakao. Speise der Götter“ erscheint in der Reihe „Stoffgeschichten“, die sie der historischen und kulturellen Dimension von Alltagsdingen verschrieben hat. Und wie schon geschrieben: Kakaoprodukte gehören heute zum Alltag der Menschen in Europa.
Geschichte des Kakaos
Das war nicht immer so: Noch viele Jahre nach der Kolonialisierung Afrikas und Amerikas war Schokolade ein Luxusgut, das der höheren Gesellschaft vorbehalten blieb, ein exklusives Getränk des Adels, zugleich eine Szene-Speise der Intellektuellen, die sich in „Schokoladenstuben“ dem Genuss aus der Ferne hingaben, als Ausdruck einer fröhlich-dekadenten Lebensart. Viele Künstler und Schriftsteller gelten als Schokoladenliebhaber, allen voran Goethe und Schiller. Die Schokolade wurde zu ihrer Zeit traditionell hergestellt, ehe im 20. Jahrhundert die Industrieproduktion von Kakaoprodukten und ihre Vermarktung breite Käuferschichten erschloss.
Die industrialisierte Förderung und Verarbeitung der Kakaobohne hat aber auch Schattenseiten: Die Produzenten werden seit Jahrzehnten durch eben jenen Kakao gezogen, den sie auf den Weltmarkt bringen, die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind hart, oft sind es Kinder, die für die „zarten Versuchungen“ ihrer Altersgenossen in unserer Hemisphäre schuften müssen. Doch das Problembewusstsein des Konsumenten steigt, Fair Trade-Organisationen gewinnen an Boden und können Marktanteile hinzugewinnen – langsam, aber sicher.
Viel Wissenswertes
Das Buch bietet allerhand Wissenswertes über den Ursprung des Kakaoanbaus in Mittelamerika, über den Werdegang des Kakaos vom Sakralgegenstand und Herrschaftssignum in den präkolumbianischen Kulturen zum Agrarprodukt für den interkontinentalen Handel, der mit der Kolonialisierung einsetzt, und über die Schokoladenherstellung, die das Luxusgut zur Massenware machte. Es verweist auf den langen, beschwerlichen Weg der Edel-Bohne von den ehemaligen Kolonien in Amerika und Westafrika (zwei Drittel des weltweit konsumierten Kakaos stammt von dort) in die Regionen, in denen die Kakaoprodukte hauptsächlich getrunken und gegessen werden: Nordamerika und Europa.
Die Autoren bemühen sich bei aller Emotionalität, die mit dem „süßen Trunk der Götter“ verbunden ist, um Klarheit und Sachlichkeit (ein praktischer Anhang mit Übersichten und Karten erleichtert den Zugang zum Thema), sie nennen die Fakten und verschweigen dabei die Schattenseiten nicht. So vereinen sie unterhaltsam und kenntnisreich Pflanzenkunde, Ökonomiegeschichte und aktuelle sozio-kulturelle Belange des Kakaos zu einer umfangreichen Darstellung, die den Schokoladenliebhaber in die unterschiedlichsten Aspekte seiner Leidenschaft einführt. Und das beste daran: Lesen ist kalorienfrei.
Bibliographische Daten:
Andrea Durry und Thomas Schiffer: Kakao. Speise der Götter
Oekom Verlag, München 2012.
349 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783865811370
Josef Bordat
Mittwoch, 18.01.2012
Autor: Immo Sennewald
Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lädt zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. ein – aus allen Teilen des Romanzyklus werden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:
“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.
Montag, 16.01.2012
Autor: Andreas Schröter
Irène Némirovsky, eine russischstämmige Jüdin, die 1942 in Auschwitz ums Leben kam, wurde 2004 wiederentdeckt. Damals gaben ihre Töchter den fragmentarischen Roman “Suite française” frei, der prompt zum Welterfolg wurde. In Deutschland kümmert sich der Knaus-Verlag seither liebevoll um die Werke der 1903 geborenen Autorin, die vor ihrer Verschleppung durch die Nazis in Paris lebte.
Neueste Veröffentlichung in dieser Reihe ist ein Band namens “Meistererzählungen”, in dem neun längere Geschichten Irène Némirovskys versammelt sind. Sie alle spielen in den unsicheren Zeiten zwischen und während der beiden großen Weltkriege. Der Hunger, der Tod und die Kälte sind allgegenwärtig, oft verlieren die Menschen ihr Hab und Gut. Hauptfiguren sind nicht selten Soldaten, aber auch hochgestellte Persönlichkeiten, die nicht glauben können, wie schnell sie dem Abgrund entgegentreiben. Das Buch eröffnet mit der Erzählung “Rausch”, die schon zu Lebzeiten der Autorin von den Kritikern hochgelobt wurde. Im finnischen Bürgerkrieg 1918 verstecken sich die Offiziere der einen Partei monatelang bei ihren Angehörigen, nur um dann in einer einzigen rauschhaften und weinseligen Nacht alle Vorsicht zu vergessen und sich noch einmal ins Leben – und nur wenige Stunden später – in den sicheren Tod zu stürzen.
Ein anderes großes Thema der Autorin sind heimliche Liebesaffären und ungestillte Sehnsüchte von nach außen hin in sich ruhenden Menschen. In der Geschichte “Sonntag” beispielsweise ist es eine Frau, die genau weiß, dass ihr Gatte sie betrügt. Sie redet sich ein, mit der Ruhe und dem beschaulichen Leben, dass sie führt vollauf zufieden zu sein. Doch zwischen den Zeilen schimmert durch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. In der starken Geschichte “Ein ehrbarer Mann” zeigt die Autorin, wie aus einem gutmütigen Mann im Laufe seines Lebens durch Sturheit ein verbitterter und hasserfüllter Greis wird. Insgesamt sind die nie langweiligen und immer von starken Gefühlen durchzogenen Geschichten Irène Némirovskys auch – im Schnitt – 80 Jahre nach ihrer Entstehung höchst lesenswert.
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Irène Némirovsky: Meistererzählungen.
Knaus-Verlag, November 2011.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Donnerstag, 12.01.2012
Autor: Oliver Gassner
Mittwoch, 11.01.2012
Autor: Oliver Gassner
Schon erstaunlich, was nachts in einer Buchhandlung so abgeht.
Freitag, 06.01.2012
Autor: Andreas Schröter
Als hätten sich zwei der wichtigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart, Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, abgesprochen: In ihren jeweils jüngsten Werken “Freiheit” (von Franzen) und “Die Liebeshandlung” (von Eugenides) geht es um eine Dreiecksbeziehung, die im studentischen Milieu ihren Anfang nimmt.
Mit dem Titel seines Buches kokettiert Jeffrey Eugenides, geboren 1960, mit der langen Tradition seines Stoffes: Madeleine befasst sich in ihrem Studium mit der “Liebeshandlung im viktorianischen Roman des 19. Jahrhundert”. Und natürlich hat auch diese Geschichte selbst eine Handlung, die denen der Werke von zum Beispiel Jane Austen sehr ähnlich ist: Der etwas biedere Michtell liebt Madeleine, die ihrerseits aber den draufgängerischen Leonhard begehrt. Was folgt, sind 600 Seiten Irrungen und Wirrungen, bis sich endlich das Paar findet, das eigentlich schon die ganze Zeit füreinander bestimmt schien. Das kann man altmodisch finden – andererseits ist es ein universal und zeitlos gültiger Stoff. Warum also sollte ein Autor von heute eine alte Jane-Austen-Handlung nicht in die Gegenwart übersetzen? Die Gesetzte vom Lieben und nicht geliebt werden sind ja nicht mit dem Ende des 19. Jahrhunderts automatisch außer Kraft gesetzt worden.
Und Eugenides versteht sein Handwerk – das wissen seine Fans spätestens seit seinem Welterfolg “Middlesex” (2003). Man folgt den drei so unterschiedlichen Hauptfiguren gerne, ihr Handeln ist psychologisch stimmig, so dass auch auf 621 Seiten keine Langeweile aufkommt. Interessante Nebendiskurse befassen sich mit den großen Religionen, der Philosophie, natürlich der Literaturwissenschaft, der Sinnsuche bei einer Indienreise, der Genforschung oder dem Krankheitsbild der manischen Depression, wirken aber nie so dominant, dass sie die eigentliche (Liebes-)Handlung in den Schatten stellen. Insgesamt ein würdiger Nachfolger für “Middlesex”.
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Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung.
Rowohlt, Oktober 2011.
621 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.
Mittwoch, 04.01.2012
Autor: Immo Sennewald
Schon bei flüchtiger Durchsicht dieses Buches zieht man vor dem Autor respektvoll den Hut: Thomas Schaufuß, geboren 1949 in Leipzig, hat eine eindrucksvolle Arbeitsbiographie Ost, und er hat sich mit fast vierzig nach seiner Ausreise aus der DDR nicht nur als Unternehmer behauptet, er hat auch geforscht, studiert, gesammelt, sich Wissen für seinen zeitgeschichtlich bedeutenden Text angeschafft. Der Titel klingt nach Kunstleder: “Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR – Sozialtourismus im SED-Staat”, von 470 Seiten bestehen gut die Hälfte aus anhängenden Dokumenten und der Bibliographie, aber nicht nur Fachleute kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten: Geschichte und Geschichten des gewerkschaftlich organisierten Urlauberwesens ergeben ein vollständiges und facettenreiches Bild, es wird durch zahlreiche historische Illustrationen noch anschaulicher.
Die Archivalien der DDR–Gewerkschaft – Berge von Papier – stellten den Autor vor Probleme: sie sind zwar seit 1990 zugänglich, aber unsystematisch abgelegt, kaum erschlossen, und Statistiken aus dem SED-Staat sind mit Vorsicht zu genießen: Schlamperei und Schönfärberei gehörten zum Geschäft. Es gelingt ihm trotzdem, den Weg von den Anfängen der Erholungsheime für Arbeiter, vom offiziellen Vorbild in der Sowjetunion über das “heimliche Vorbild” KdF – “Kraft durch Freude” – den organisierten Arbeitnehmertourismus im Dritten Reich – bis zu den wachsenden Dienstleistungen des FDGB in den 80er Jahren nachzuzeichnen.
Schaufuß beleuchtet die Finanzierung, die politisch-ideologische Ausrichtung, das Kulturangebot, das Verteilungssystem mit seinen Kungeleien und Ungerechtigkeiten, Privilegien von SED- und Stasi-Kadern, er beschreibt Kreuzfahrten mit der “Völkerfreundschaft”, mit dem vom ZDF 1985 erworbenen vormaligen “Traumschiff” “Arkona”, er belegt, wie diese Schiffe das System strapazierten. Er berichtet über die Überwachung von Touristen aus dem Ausland in FDGB-Heimen und – pars pro toto – über die letzten zehn Jahre im relativ neuen und gut ausgestatteten FDGB-Heim “Fichtelberg”. Dort, im Erzgebirge, war Schaufuß jahrelang gastronomischer Direktor. Er erlebte, wie die Ansprüche der Gäste an die Qualität von Übernachtungen und Verpflegung wuchsen, die Mangelwirtschaft der DDR dem politisch motivierten Versorgungsauftrag aus dem Politbüro aber immer weniger gerecht wurde. Er kennt Freuden und Leiden des DDR-Urlaubers aus nächster Anschauung, er hat den Spitzelapparat erlebt und schließlich das Scheitern der “Fürsorgediktatur”. Thomas Schaufuß kennt sich aus mit ihren inneren Widersprüchen, mit der relativen Stabilität, den Verklärungsversuchen, den hartnäckig fortexistierenden Seilschaften.
Soll ich anmerken, dass die Sprache des Autors bisweilen seine Jahre in der DDR-Wirtschaft durchscheinen lässt, die Mitarbeit in Facharbeitsgruppen der FDGB-Führung etwa, weil sie hölzern daherkommt, als “Normsprech”, mir selbst noch in unangenehmer Erinnerung? Dies mindert die Qualität des Buches schon deshalb nicht, weil der Autor Qualität durch Genauigkeit erreicht, sich jeglicher Eitelkeit ebenso enthält wie der Versuchung persönlicher Abrechnungen – und genau deshalb sehen ganze Verlagsjahrgänge ostalgischer Verklärungsliteratur neben diesem Buch einfach wie Altpapier aus .
Thomas Schaufuß Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR.Sozialtourismus im SED-Staat. Mit Geleitworten von Vera Lengsfeld / Klaus Schroeder.Tab., Abb.; XXIV, 469 S., Verlag Duncker & Humblot, Berlin 38,80 € oder als E-Book lesbar bei paperc.de
Tags: FDGB, Feriendienst, Ferienheim, Interhotel, KdF, Kreuzfahrt, Ostsee, Sozialismus, Stasi, Tourismus, Traumschiff, Urlaub, Urlauber
Dein Kommentar...?Samstag, 31.12.2011
Autor: Andreas Schröter
Die Booker-Preisträgerin von 2007, Anne Enright (“Familientreffen”), thematisiert in ihrem neuen Roman “Anatomie einer Affäre” einen Seitensprung aus Sicht einer Frau, die eine Beziehung mit einem verheirateten Mann beginnt und führt. Das Ehepaar hat eine Tochter, die an Epilepsie leidet.
Weil die 1962 geborene irische Autorin kein Blatt vor den Mund nimmt und die unterschiedlichen Gefühle ihrer Ich-Erzählerin Gina sehr genau beschreibt, wird das, was in dieser Inhaltsangebe womöglich etwas seicht und abgedroschen klingt, zu einem gelungenen Psychogramm. Positiv hervorzuheben ist, dass dieses Werk nicht – wie ein Kitsch-Roman zu einem ähnlichen Thema – damit endet, dass sich die Verliebten in die Arme sinken. Die Veränderung der Beziehung, wenn der erste Liebesrausch vorbei ist, kommt genauso vor wie die Schwierigkeiten Ginas, der pubertierenden Tochter des Geliebten näher zu kommen. Unausgesprochene Fragen wie “Darf man seine Verliebtheit über das Seelenheil eines kranken Kindes stellen?” oder “Ist es für das Kind vielleicht sogar besser, wenn die Eltern ihre verkorkste Ehe beenden?”, klingen zwischen den Zeilen mit an.
Anne Enright verpackt dieses hochemotionale und komplexe Thema in eine leichte, lockere, humorvolle und oft überraschende Sprache, die dem Leser immer wieder ein Lächeln entlockt. Insgesamt ein sehr gelungener Roman.
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Anne Enright: Anatomie einer Affäre.
DVA, November 2011.
309 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Samstag, 24.12.2011
Autor: Odile
Leichte Unterhaltung bietet Gerd Ruebenstrunks Roman „Arthur und die Vergessenen Bücher“. In einer spannenden, phantastischen Bücher-Story verbindet der Autor die alte Buchwelt, zu der im vorliegenden Fall sehr gefährliche Bücher gehören, mit der neuen, der Internet- und Handy-Welt. Eine zeitgemäße Variante des Typus Büchergeschichte, die in einem deutschen Antiquariat beginnt und die jugendlichen Helden Arthur und Larissa in einer geheimen Mission nach Amsterdam und nach Bologna bringt. Überall treffen die Beiden sowohl auf Unterstützer als auch auf gefährliche Gegner. Ganz nebenbei finden sich alternative Rollenvorbilder, auch wenn die Protagonisten ein wenig holzschnittartig sind, sowie jede Menge Wissen, das per Google und Wikipedia gefunden wird. Das Buch ist keineswegs so dicht wie etwa die „Tintenwelt-Trilogie“, aber dennoch packend, abwechslungsreich und: eben in der heutigen Zeit zu Hause. An diesem Buch können LeserInnen jeden Alters Vergnügen finden, auch wenn – oder vielleicht weil? – es sprachlich eher einfach gehalten ist.
Sprachlich phantastisch hingegen ist Salman Rushdies „Luka und das Lebensfeuer“, eine späte Fortsetzung von „Harun und das Meer der Geschichten“, in dem Luka das Leben seines Vaters, des legendären Geschichtenerzählers Raschid Khalifa, retten will und muss. Wie bei Haruns Abenteuern (es lohnt sich natürlich, auch dieses phantastische Werk noch einmal zu lesen!) verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Kinder und Erwachsene werden das Buch auf sehr verschiedenen Ebenen, aber gleichermaßen begeistert lesen.
Salman Rushdie selbst schreibt, dass dieses Buch viele Themen erforsche, über die er sein Leben lang nachgedacht habe: Leben und Tod, Wirklichkeit und Imagination, die Götzen, die der Mensch sich selbst geschaffen habe. Erwachsene werden ihre Freude daran haben, Kinder lassen sich bestimmt von der Abenteuergeschichte gefangen nehmen. Auch in Salman Rushdies phantastische Welt hat die moderne Zeit Einzug gehalten: Luka muss sich gemeinsam mit Hund dem Bär und Bär dem Hund durch neun Levels kämpfen, eines gefährlicher als das andere, um seinem Vater das Lebensfeuer zu bringen. Nur dies vermag den langsam in den Tod hinüber gleitenden Vater zu retten.
Lukas Abenteuer verzaubern vielleicht nicht ganz so wie diejenigen von Harun und wie das wunderbare Meer der Geschichten. Dennoch ist „Luka und das Lebensfeuer“ ein Buch zum Lesen und Wiederlesen, zum Nachdenken und zum Genießen. Und wie erwähnt: sprachlich ein reines Vergnügen, bis auf die gereimten Passagen, die vermutlich nicht einfach zu übersetzen waren (Übersetzung von Bernhard Robben). Folglich empfiehlt sich wohl zum Wiederlesen (oder auch zum ersten Lesen) das englische Original: „Luka and the Fire of Life“.
Jede Menge Lesestoff also für Weihnachten und die Tage „zwischen den Jahren“, wie man so schön sagt ….
Ruebenstrunk, Gerd (2009). Arthur und die Vergessenen Bücher. München: arsEdition.
Rushdie, Salman (2011). Luka und das Lebensfeuer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Freitag, 23.12.2011
Autor: Odile
Für Harry Potter Fans könnten Rowlings „The Tales of Beedle the Bard“ das richtige Geschenk sein, die angeblich von Dumbledore kommentiert und zum Glück nicht in Runen geschrieben sind. Die Anmerkungen Dumbledores sind durchaus brillant und amüsant, aber etwas dünn gesät. Hier wäre noch mehr zu erwarten gewesen. Dennoch macht es Spaß, als „Muggle“ diese Geschichten zu lesen, die jedes Kind der Zauberwelt angeblich kennt. Es ist ein merkwürdiger Augenblick, durch eine Bibliothek oder Buchhandlung zu schlendern und zufällig auf diese Tales zu stoßen. Den Bruchteil einer Sekunde lang könnte man glauben, in die Buchwelt von Hogwarts geraten zu sein. Die LeserIn merkt schon: Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt auf Büchern, die sowohl für ältere Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene eine vergnügliche Lektüre sein können. A propos Bücherwelten, wer Lust hat ein Buch über Bücher zu verschenken, könnte natürlich auf die in jedem Sinne phantastische „Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers zurückgreifen, einem Buch, das man inzwischen wohl als Klassiker bezeichnen kann, das man aber schreckhaften Kindern eher nicht zumuten sollte. Der unvergessliche Hildegunst von Mythenmetz erlebt in den unterirdischen Labyrinthen der Stadt Buchhaim, eben jener Stadt der träumenden Bücher, haarsträubende Abenteuer, die ihn schließlich bis zum Schattenkönig führen. Eines der Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann, die man atemlos bis zum letzten Buchstaben verschlingt. Aus manchen Labyrinthen entkommt man eben nicht.
Rowling, J.K. (2008). The Tales of Beedle the Bard. London: Children’s High Level Group in association with Bloomsbury Publishing.
Moers, Walter (2004). Die Stadt der träumenden Bücher. München: Piper Verlag.
Mittwoch, 21.12.2011
Autor: Oliver Gassner
Was soll eurer Meinung nach in einem Band 8 passieren?
Ich hoffe ja auf die Rückkehr von Sirius und Dumbledore
Dienstag, 20.12.2011
Autor: hedoniker
Mit Ich erinnere mich erscheint das vielleicht liebenswerteste Buch des Herbstes
Joe Brainard gehörte in den sechziger Jahren zur New Yorker Künstlerszene – der New York School -, seine Werke bewegen sich im Einflusskreis der Pop Art, er zeichnete Comicstrips und fertigte Bühnenbilder. Als Literat erlangte er dann 1970 mit I remember Aufmerksamkeit, zwei weitere Teile folgten in den darauffolgenden Jahren.
Nach mehr als 40 Jahren wird die ungewöhnliche Autobiographie von Joe Brainard dem deutschsprachigen Leser erstmals zugänglich macht.
Auf den ersten Blick wirkt der Text verwirrend.
Ich erinnere mich an rosarote Zuckerwatte und das klebrige Gefühl danach.
Ich erinnere mich, dass ich plötzlich darauf achtete, „wie“ ich meine Zigarette in Homo-Bars hielt.
Ich erinnere mich, dass ich versuchte, ein Pflaster mit einem einzigen Ruck abzureißen.
Die Struktur ist vordergründig einfach. „Ich erinnere mich …“ – Mit diesen Worten beginnt jede der rund 1500 Miniaturen.
„Ich erinnere mich“ entzündet aber schnell ein Feuerwerk der Erinnerungen, das keiner Chronologie oder thematischer Einordnung gehorcht, keine durchgehende Handlungsebene besitzt. Und doch ergeben die einzelnen Erinnerungsstücke ein Bild eines jungen Mannes, das klarer und figürlicher ist, als es manch Autobiographie in klassischer Textform zu zeichnen vermag. Die Entdeckung seiner Homosexualität hat dabei gleichberechtigt neben Erinnerungen an Familie, an Fernsehshows und Filme oder an Gerüche und Geschmäcker Platz. Nichts in seinen Erinnerungen scheint geschönt und doch zieht sich eine Leichtigkeit durch das Buch, das voller Wärme, Komik und Lebensfreude steckt.
Ich erinnere mich an das Schokohäschen-Problem: Wo fängt man an?
Ich erinnere mich, dass ich in Laubhaufen sprang, und an den Staub, oder was immer dabei aufgewirbelt wurde.
Ich erinner mich an ein Mädchen in Dayton, das mir „beibrachte“, was man mit der Zunge macht. Wie sich aber herausstellte, war es definitiv das, was man nicht mit seiner Zunge machen sollte. Es hätte tatsächlich schlimme Folgen haben können (Ersticken).
„Ich erinnere mich …“ sind aber auch die Worte, die den Leser mit seinen eigenen Erinnerungen konfrontieren. Brainards Gedankenkosmos ist nicht nur seine eigene Biographie, es ist die Biographie von uns allen. Jeder wird zahlreiche Momente entdecken, die die eigenen sein könnten. Beim Lesen schweifen die eigenen Gedanken permanent ab, zurück in die eigene Vergangenheit. Dabei ist die geografische Distanz – Brainards Erinnerungen führen zurück nach Tulsa, Boston und New York, meine nach Dessau, Leipzig und Hannover – vollkommen unerheblich.
Ich erinnere mich, dass ich die Eiswürfelbehälter bis obenhin mit Wasser füllte und dann, ohne etwas zu verschütten, zum Kühlschrank zurückzutragen versuchte. Daran erinnere ich mich. Und daran, wie unpraktisch das eigentlich war, weil der Einsatz niedriger als der Eiswürfelbehälter war und deshalb das Eis zu einem Block zusammengefroren war, den man nur schwer auseinanderbrechen konnte. Und ich erinnere mich, dass wir damals einen Kühlschrank mit Holzverkleidung besaßen, und dass …
Paul Auster, der das Vorwort beisteuerte, schreibt über das kleine Meisterwerk: Es ist eines der seltenen Bücher, die einen ein Leben lang bereichern. Es ist eines der Bücher, die niemals ausgelesen sind. Ich erinnere mich kann immer wieder an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen werden, der Leser wird aufs Neue überrascht. Von Joe Brainards Welt und von seiner eigenen.
Joe Brainard – Ich erinnere mich
208 Seiten
12,5 x 18,0 cm
Mit einem Vorwort von Paul Auster
gebunden
Übersetzt von Uta Goridis
ISBN 978-3-03774-040-8
20.00 CHF / 14.95 EUR [D] / 15.40 EUR [A]
Erschienen bei Walde & Graf
Donnerstag, 08.12.2011
Autor: Andreas Schröter
Man fühlt sich an 1001 Nacht erinnert und an den Entwicklungs- und Schelmenroman. Eine lebenslange traurige Liebesgeschichte kommt genauso vor wie die Gräuel der Nazizeit und die Folterungen durch die Rote Armee. Jan Koneffkes “Die sieben Leben des Felix Kannmacher” hat viele Facetten.
Der große rumänische Pianist Victor Marcu stellt den Deutschen Felix Kannmacher, ebenfalls Klavierspieler, als Erzieher für seine Tochter ein, um ihn vor den Nazis zu retten. Das Agreement funktioniert so lange, bis sich die Tochter in ihren Lehrer verliebt. Eifersüchtig entlässt Marcu seinen Angestellten, so dass Kannmacher fortan auf sich allein gestellt ist. Schlimm wird es für ihn, als die Nazis Bukarest besetzen, schlimmer, als das Land an die Russen fällt …
Obgleich das Buch durchaus (schwarz-)humorige Züge hat – beispielsweise wenn der Titelheld dem Tod immer wieder oft auf dramatischste Weise von der Schippe springt -, bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken. Zu grausam ist das, was Felix Kannmacher und die Seinen durch die verschiedenen Gewalt- und Schreckensherrschaften im 20. Jahrhundert ertragen müssen.
Jan Koneffke, geboren 1960, beweist mit diesem Werk auch sein Talent für die kleine Form. Immer wieder lässt er seinen Helden Geschichten erfinden, um das ihm anvertraute Kind bei Laune zu halten. Diese kurzen, oft traurigen Einsprengsel erweisen sich als höchst lesenswert und unterhaltsam. In einer besonders schönen Geschichte geht es um einen goldenen 1000-jährigen Wal, der die Donau hinaufschwimmt und schließlich verendet, während sich die Menschen schon um seine goldene Haut balgen. Da stört es wenig, dass so etwas vom Hauptplot ablenkt und den Lesefluss bremst.
Kleiner Schwachpunkt ist der Anfang. Die ersten 100 Seiten lesen sich im Vergleich zum starken Rest etwas zäh. Man braucht ein wenig, um in diesen 500-Seiten-Roman hineinzufinden. Doch wer Jan Koneffkes Hang zum Drama und zu großen Gefühlen teilt und wer bereit ist, sich auf eine Lesereise zu begeben, die nicht immer gradlinig, sondern eher wie ein mäandernder Fluss verläuft, der wird dieses Buch mögen.
Übrigens: In einem früheren Roman Jan Koneffkes, “Eine nie vergessene Geschichte” (2008), taucht ebenfalls eine Figur namens Felix Kannmacher auf. Teils nimmt das aktuelle Buch Bezug auf die Geschehnisse dieses Werks. Gelesen haben muss man den älteren Roman jedoch nicht, um den neueren zu verstehen.
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Jan Koneffke: Die sieben Leben des Felix Kannmacher.
Dumont, August 2011.
507 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Mittwoch, 07.12.2011
Autor: Immo Sennewald
… Gesichter der Ohnmacht” heißt ein Workshop, in dem das untergegangene System und der in Vergessenheit geratene Alltag der DDR zu erleben ist – für alle, die im Westen aus sicherer Entfernung zusahen, für alle die zu jung sind für eigene Erfahrungen mit SED und Stasi, mit Schulen, Arbeitswelt, Karrieren und Konflikten des Ostens.
Die meisten können sich nicht vorstellen, dass Ärzte, dass Krankenschwestern nicht mehr den elementaren Verpflichtungen ihres Berufsstandes folgen und Patienten als hilfsbedürftige Menschen behandeln. Sie können sich nicht vorstellen, dass Ziel einer Behandlung nicht Heilung ist, sondern nur und ausschließlich die Fortsetzung von Verhören, der Erfolg von Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit “im Dienste der Arbeiter- und Bauernmacht” gegen vermeintliche Staatsfeinde, deren einziges Vergehen meist darin bestand, dass sie nicht länger DDR-Bürger sein mochten, dass sie der Heilslehre der Kommunisten nicht folgten.
Der Workshop verschafft jedem, der sich darauf einlässt, einen Eindruck davon, wie aus Menschen nummerierte Objekte, wie aus Angestellten Folterknechte, wie aus Therapien Verhörmethoden werden.
Im November ist ein Buch erschienen, das historische Fakten dazu aufarbeitet.
Peter Erler und Tobias Voigt haben die Geschichte des Stasi-Haftkrankenhauses in Berlin-Hohenschönhausen untersucht. Sie zeigen eindringlich, wie aus Ärzten Hilfskräfte psychischer und physischer Folter werden, wie Mediziner aus Karrieregründen den Hippokratischen Eid brechen, Psychologen helfen, den seelischen Widerstand von Gefangenen zu zerstören, Krankenschwestern mittels kollektivem Druck dazu gebracht werden, jegliche Regung von Mitleid zu blockieren. Sie alle legen die Masken der Macht an, sie treten den Leidenden als anonyme Vollstrecker eines Machtwillens gegenüber, der jeden Widerstand ersticken soll, der den Gedemütigten die medizinische Behandlung als gnadenhalber verabreichte Notration für sozial Geächtete erscheinen lässt.
Die Autoren haben genau recherchiert; sie lassen Menschen zu Wort kommen, die unheilbar verletzt sind an Leib und Seele. Jeder Einzelne hätte verdient, gehört zu werden – stattdessen dröhnen in den Medien, subkutan begleitet durch unterhaltenden Ostalgiekitsch, die Schwadroneure des Sozialismus: als sei nicht das rechte und linke Handwerk der Menschenverachtung in diesen Krankenstationen zwischen Hohenschönhausen, Workuta, Sachsenhausen, Santiago de Chile, ein für alle Male in Beton, Stacheldraht, Überwachungs- und Zersetzungstechnik verewigt.
Die Täter, Täterinnen schweigen – bis auf wenige. Sie wollen gesichtslos bleiben, sie wollen die Masken der Macht nicht abstreifen. Sie dürfen sich leider darauf verlassen, dass ihre Rechte mehr zählen als das Anrecht der Opfer auf Offenbarung, auf Reue, auf einen sozial heilsamen Kniefall. Wer Reue verweigert, ohne Gesicht leben will, den schützt der Rechtsstaat. In den Kulturen Asiens ist Leben mit verlorenem Gesicht eine furchtbare Strafe.
“Medizin hinter Gittern” ist mehr als ein Bericht über den Missbrauch medizinischer Kompetenz durch den SED-Staat. Das Buch fragt eindringlich – nicht nur Ärzte – wohin sich unsere Aufmerksamkeit richtet: auf die Gesichter der Ohnmacht oder auf die Masken der Macht.
Donnerstag, 01.12.2011
Autor: Andreas Schröter
In Thomas Melles Debütroman “Sickster” begleitet der Leser drei junge Erwachsene. Sie kommen mit der kalten Konsum- und Leistungsgesellschaft, zu der schneller Sex, Energy-Drinks, Alkohol und die Ekstase in Techno-Discos gehören, nicht zurecht. Zwei landen in der Psychiatrie, der dritte wird zum Alkoholiker.
Das Buch, das es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis schaffte, zerfällt in drei sehr unterschiedliche Teile. Im ersten versuchen die Figuren, ihren Platz zu behaupten – sie gehen ihren öden Jobs nach und proben gelegentlich so etwas wie das harmonische Miteinander in einer festen Beziehung. Im zweiten – am schwierigsten zu lesenden – Teil verfallen sie dem Wahnsinn. Der 1975 geborene Autor stellt das durch stakkatohaft aneinandergereihte Gedanken-Sequenzen in MTV-Ästhetik dar. Part drei ist ein modernes Märchen aus der Psychiatrie, der nicht recht zum Rest passen will. Insgesamt nur bedingt empfehlenswert.
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Thomas Melle: Sickster.
Rowohlt, September 2011.
336 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

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