Freitag, 03.07.2020

Autor: oliverg

UNBOXING Margit Steinborn: Ein neuer Himmel – Roman im Erlebnispaket

Montag, 08.06.2020

Autor: rwmoos

Leonie Swann: Mord in Sunset Hall

Ende mit Enten

Wie möchten Sie ihre letzten Stunden verleben? Zu Hause? Dort wo sie in einer vertrauten Umgebung sind und vielleicht noch ein paar Ihrer Lieben um sich haben? Wenn aber Ihr menschgewordenes Erbgut bei Ihnen überhaupt nicht als lieb durchgeht?
Dann doch lieber von unterbezahlten Profis medizinisch betreut in einem Krankenhaus oder Pflegeheim das Leben aushauchen?

Über 76% aller Befragten wollen in den vertrauten vier Wänden sterben.
Warum sterben dann über 80% aller Deutschen in einem Krankenhaus oder Pflegeheim?
Weil wir, die Verwandten, die Verantwortung scheuen? Weil wir fürchten, uns selbst vorzuwerfen (oder vorgeworfen zu bekommen), nicht alles Menschenmögliche getan zu haben, damit es doch wieder aufwärts geht? Weil Liebe und Fürsorge doch das Beste will?

Und so verrecken die meisten von uns: Von bezahlten Kräften betreut, die ihrerseits zwar durchaus oft ihr Bestes geben. Aber dennoch finden wir uns am Ende so vor: Zurückgebeamt in den Entwicklungsstand von Babys. An Schläuchen hängend und jeden selbstverschuldeten Lebensrisikos beraubt.
Sicher wie in Abrahams Schoß?
Aus diesem uralten Leitbild ist eine Dystopie geworden.
Gerade weil alle das Beste wollen, kommt es zum Schlechtesten.
Wir sterben weder da, wo wir meinen, hinzugehören, noch so, wie wir Würde definieren.

Deshalb haben die Helden von Leonie Swanns Geschichte einen eigenen Weg gefunden.

Für die Dorfbewohner von Duck End gelten die sechs alten Leutchen, die sich zu einer Senioren-WG in dem abgelegenen großen Haus Sunset Hall zusammengeschlossen haben, als wahrhaft merkwürdige Gesellschaft. Irgendwas zwischen Alt-Hippies mit Yoga-Affinität und Wohlstands-Senioren mit Waffenschein – jedenfalls nichts, mit dem man gern zu tun hat. Hinzu kommen noch eine Schildkröte als alteingesessenes und ein Wolfshund als neu eingeschmuggeltes Haustier.

Und in der Tat berührt es auch den lesenden Nichtbürger von Duck End merkwürdig, wie gefasst die restlichen fünf Senioren wirken, als eine der Ihren – mit sauberem Kopfschuss versehen – im Garten aufgefunden wird. Ob es Zufall ist, dass die Verblichene sofort durch einen Neuzugang ersetzt wird?
Deutlich verstörter reagiert die Gruppe aber, als sie unmittelbar darauf von weiteren Morden an anderen Senioren der Umgebung erfährt. Dass man die nun einsetzenden Ermittlungen nicht irgendwelchen offiziellen Polizeibeamten überlassen darf, scheint für die abgerüsteten bzw. halb-rüstigen WG-Mitglieder sehr schnell selbstverständlich zu sein, und so nehmen sie das Heft des Handelns in die eigenen Hände.
Einerseits kommen ihnen dabei ihre beruflichen Lebenserfahrungen und ihre diversen Persönlichkeiten zugute, für die das Wort „schillernd“ passend erscheint (so man es nicht als Hommage an einen deutschen Dichter missversteht).
Andererseits sind nicht nur die diversen körperlichen Gebrechen hinderlich, sondern auch zunehmend mentale Ausfälle.
Die eine hört manchmal nichts, die andere sieht immer nichts und eine dritte äußert ständig nur dummes Zeug. Kennt man irgendwoher.
Die anderen drei Figuren der WG sind zudem auch nicht besser dran.

Das Ganze führt zu einem Stilmittel, aus dem die Geschichte ihre Würze bezieht: Wenn die Hauptfigur Agnes an Tinitus leidet und dadurch große Teile der jeweils fließenden Informationen gar nicht mitbekommt, andererseits zu stolz ist, diese Schwäche zuzugeben und entsprechend häufig nachzufragen, nimmt sie uns in diese Informationslücken mit: Die Geschichte entwickelt sich dadurch auch für den Leser mit unausgefüllten Fugen. Und indem wir uns über diese Fehlstellen in der Informationsübertragung ärgern, erleben wir ansatzweise mit und nach, wie es Menschen wie Agnes wirklich geht.
Was wir aber nicht nacherleben können, sind die damit einher gehenden Selbstzweifel. Denn wir als Leser wissen ja genau, dass diese unangenehmen Fehlstellen für unser Lesevergnügen passgenau manipuliert sind und nicht auf das Versagen unserer eigenen mentalen Kräfte zurückgehen.

Das Thema der Informationslücken zieht sich auch für die anderen Protagonisten durch das ganze Buch: Ob Kurzsichtigkeit, Erinnerungsausfälle oder Zweifel an der gesamten eigenen Persönlichkeitsgeschichte – die Senioren schlagen sich tapfer gegen diese Konzessionen an die eigene Zuverlässigkeit … und konfrontieren sich gelegentlich dann doch mit der süßen Versuchung des Loslassens: Gelinde im Lindenhof-Heim weggepflegt zu werden … dem Ende entgegenzudämmern, indem man den Enten zuschaut … das hat ja auch was für sich …

Natürlich wird der eigentliche Kriminalfall schließlich gelöst, weil die Sechs trotz aller Reibereien, gegenseitiger Kränkungen und Missverständnisse zusammenhalten. Und weil sie den Mut finden, sich nicht nur mit ihrer eigenen Vergänglichkeit, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Swanns neuer Detektivroman scheint zunächst wieder genauso leichthin geschrieben, wie man es von ihr zu erwarten glaubt: Gewürzt mit skurrilen Wendungen und kuriosen Gedankenblitzen. Mit merkwürdigen Zufällen und gespaltenen Persönlichkeitskernen. Im Hintergrund dräuen turbulente Geschichten aus vergangenen Tagen, die nie ganz aufgeklärt werden und den Leser die Fäden gedanklich weiterspinnen lassen, ohne dass er zu klaren Lösungen kommen kann.

Aber noch weiter dahinter – und das ist wohl die eigentliche Stärke dieses Buches – zeichnet sich wie eine stehende Welle die Frage ab, wie wir mit unseren alten und pflegebedürftigen Menschen umgehen. Und wie wir mit uns selbst umgehen, um ein Alter in Würde erleben zu können, auch wenn körperliche und mentale Ausfälle das Leben erschweren: Totenhausen, Friedlindenhof oder doch Sunset Hall?

Für dieses Mitnehmen auf den Weg allen Sterbens bin ich der Autorin dankbar. Da nehme ich gern in Kauf, dass die Stärke dieses Buches – wie so oft – auch eine Schwäche mit sich führt: Indem man sich zwischen der leichthin geschriebenen witzigen Story und dem ernsthaften Hintergrund hin und hergeworfen fühlt, fehlt manchmal ein wenig der „eine Guss“, der eine gute Geschichte sonst auszeichnet. Und bei allem Verständnis für die jeweils gefundenen Lösungen habe ich immer auch ein ungutes Gefühl, wenn mir per Sympathie-Aufbau vorgegeben wird, wo Mord als Lösungsansatz in Frage kommt und wo nicht.
Vielleicht sollte man die entsprechenden Ansätze zumindest als Denkanregung begreifen.

Mord in Sunset Hall – eine lustige Kriminalgeschichte mit einem todernsten Hintergrundrauschen.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, den 12.05.2020

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Samstag, 30.05.2020

Autor: Andreas Schröter

Kent Haruf: Kostbare Tage

Kent Haruf: Kostbare Tage«Der Schweizer Diogenes-Verlag bringt nach und nach die Romane des 2014 gestorbenen US-amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf heraus – aktuell „Kostbare Tage“, das im Original unter dem Titel „Benediction“ bereits 2013 erschienen war.

​Wie schon in früheren Werken von Kent Haruf entführt uns der Autor in das fiktive Städtchen Holt im US-Bundesstaat Colorado. Im Mittelpunkt steht diesmal der krebskranke „Dad“ Lewis, der nur noch wenige Wochen zu leben hat.

In dieser Zeit versucht er, nicht nur die Nachfolge für seinen Eisenwaren-Laden zu regeln, sondern erinnert sich auch an Episoden aus seinem Leben, von denen nicht alle ruhmreich waren.

So hat er einmal einen Mitarbeiter nach einem Griff in die Ladenkasse entlassen, der sich später umgebracht hat. Auch hat er keinen Kontakt mehr zu seinem homosexuellen Sohn – etwas, woran er sehr leidet, wie der Leser mit fortschreitender Seitenzahl erfährt.

Kent Haruf nimmt in diesem Roman zwei unterschiedliche Aspekte des Lebens in einer Kleinstadt in den Fokus: einen negativen und einen positiven. Zum einen erweist sich die Dorfgemeinschaft als extrem hilfsbereit in allen Lebenslagen. Als einmal ein kleines Mädchen verschwindet, sucht das ganze Dorf nach ihr.

Andererseits sind die Moralvorstellungen eng. Abweichler haben es schwer. Das gilt sowohl für den schwulen Frank als auch für einen Pfarrer namens Lyle, der mit einer ungewöhnlichen Predigt bei der Landbevölkerung aneckt.

​Eine sympathische Besonderheit in Haruf-Romanen: Der Autor hat ein Herz für seine Figuren. Er lässt jeden in irgendeiner Weise positiv dastehen.

Wer auf Action und Spannung aus ist, der sollte zu einem anderen Buch greifen, wer feingliedrige Psychogramme der unterschiedlichen Charaktere mag, die in einer Kleinstadt zusammenleben, der liegt mit diesem Buch genau richtig.
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Kent Haruf: Kostbare Tage
Diogenes, Mai 2020
352 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro

Donnerstag, 28.05.2020

Autor: oliverg

Chris Inken Soppa: der große Muntprat. Historische Romanbiographie (Autorinnengespräch)

Sonntag, 17.05.2020

Autor: Andreas Schröter

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist«Eshkol Nevo, geboren 1971, ist einer der angesagtesten Autoren Israels. Nun hat er einen formell ungewöhnlichen Roman vorgelegt, in dem er Fragen von Lesern beantwortet, mit denen wohl jeder Autor im Laufe seiner Karriere behelligt wird: „Haben Sie schon immer gewusst, dass Sie Schriftsteller werden wollen?“, „Was ist Ihr Antrieb zum Schreiben?“ oder „Träumen Sie von Ihren Figuren?“

​Natürlich tut er es nicht so, wie man es gemeinhin erwarten würde. Nevo antwortet ausführlich und manchmal, indem er die eigentliche Frage nur am Rande streift.

Obwohl die Hauptfigur so heißt wie der Autor selbst und obwohl diese mehrfach beteuert, immer wahrheitsgemäß antworten zu wollen, kann der Leser letztlich nicht wissen, wie hoch die autobiographischen und die erfundenen Anteile in diesem Buch sind. Doch das macht rein gar nichts, In jedem Fall wirken die Antworten an die Leser glaubhaft, authentisch und nachvollziehbar, und es entsteht ganz nebenbei so etwas wie eine Handlung: So versucht der Ich-Erzähler seine Ehefrau Dikla zurückzugewinnen, die Trennungsabsichten hat – und letztlich ist das eine anrührende Liebesgeschichte. Weitere zentrale Elemente sind der todkranke Freund Ari, den Nevo oft im Krankenhaus besucht, und seine älteste Tochter, die sich von ihm distanziert.

​Mit fortschreitender Seitenzahl entsteht das intime Porträt eines Mannes, der an den diversen Realitäten in seinem Leben leidet – egal, ob erfunden oder nicht.

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist.
dtv, April 2020.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Montag, 11.05.2020

Autor: oliverg

Kling/Tallent: Qualityland 1.1 (Graphic Novel)

Buch:

Graphic Novel:

Dienstag, 05.05.2020

Autor: Andreas Schröter

Dave Eggers: Die Parade

Dave Eggers: Die Parade«Von Dave Eggers erscheinen in diesem Frühling gleich zwei Romane. Neben „Der größte Kapitän aller Zeiten“, einer Trump-Parodie, die wir hier ebenfalls besprochen haben, legt der Amerikaner ein Werk namens „Die Parade“ vor.

Es spielt in einem nicht näher benannten Land, in dem es kurz zuvor einen Bürgerkrieg gegeben hat. Zwei Männer, die im Buch bloß „Vier“ und „Neun“ heißen, haben die Aufgabe, eine große Straße zu asphaltieren, die die Provinzen enger mit der Hauptstadt verbindet.

Das hat unbestreitbare Vorteile für die unterentwickelte Landbevölkerung. Sie kann künftig besser Handel treiben und auch die Zentren der medizinischen Versorgung leichter erreichen. Doch es gibt ein dickes „Aber“: Diktatoren werden es leichter haben, diese Bevölkerungsteile zu unterjochen. Tun „Vier“ und „Neun“ also wirklich etwas Gutes für das geschundene Land?

„Die Parade“ ist ein sehr gradlinig und auch minimalistisch erzählter Roman. „Vier“ sitzt in einer hochmodernen Maschine, die zuverlässig und makellos den Asphalt verlegt. Kontakte zu Einheimischen versucht er streng zu vermeiden – ganz so, wie es die Firma, für die er arbeitet, es ihm vorschreibt.

Neun dagegen ist lebenslustig. Die Einladungen zum Essen, die er erhält, nimmt er dankbar an. Das hat Folgen für beide Straßenbauer …

Wie „Der größte Kapitän aller Zeiten“ ist „Die Parade“ ein politisches Buch, das den Sinn der Einmischung von Industrienationen in die Verhältnisse von Entwicklungs- und/oder Bürgerkriegsländern hinterfragt.

Es ist auch ein Buch über zwei Männer, deren Charakter kaum unterschiedlicher hätte sein können.

Auf der Negativseite könnte man diesem Roman eine gewisse Handlungsarmut vorwerfen. Auch gefällt es möglicherweise nicht jedem Leser, dass die beiden Hauptfiguren gänzlich anonym bleiben und man so gut wie nichts über ihr Vorleben erfährt.
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Dave Eggers: Die Parade.
Kiepenheuer & Witsch, April 2020.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Sonntag, 03.05.2020

Autor: Andreas Schröter

Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten

Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten«Dave Eggers ist mit seinem Roman „Der größte Kapitän aller Zeiten“ eine wunderbare Satire auf das heutige Amerika unter Donald Trump gelungen. Auf einem riesigen Schiff namens „Glory“ wird ausgerechnet der allerunfähigste Mann an Bord zum Kapitän gewählt. Als eine der ersten Amtshandlungen schmeißt er die Bücher weg, die darüber Auskunft geben, wie man ein solches Schiff überhaupt navigiert. Dann entlässt er die Offiziere und wirft missliebige Personen, von denen es aus Sicht des Kapitäns eine ganz Menge gibt, einfach über Bord. Das Schwarze Brett nutzt er vor allem dazu, täglich die Größe und Funktionsfähigkeit seines Penis‘ herauszustreichen.

Man liest dieses Buch und kommt im Grunde aus dem Kichern gar nicht mehr heraus – wobei es natürlich ein Kichern ist, das eine erschreckte Grundnote hat, weil Eggers‘ Gags so zielsicher ins Schwarze der derzeitigen US-amerikanischen Realität zielen.

Natürlich gibt es einige wenige Menschen an Bord, die sich gegen die Schreckensherrschaft des rundum unfähigen Kapitäns stellen. Aber sie haben gegen seine Unterstützer, ein Trupp, der sich „Die Eitlen Gockel“ nennt und im Hahnenkostüm auftritt, keine Chance. Auch externe Helfer, ein Sheriff, der heimlich aufs Schiff kommt zum Beispiel und genauso heimlich wieder geht, aber ein 1000-Seiten Manifest hinterlässt, das niemand liest, kann nichts ausrichten. Gegen Ende tauchen zwei andere große Schiffe auf und machen die Situation für unseren ahnungslosen Kapitän nicht leichter. Womöglich sind damit China und Russland gemeint.

Wegen der hohen Gagdichte ist es allerdings gut, dass dieses Buch nur 128 Seiten hat. Länger hätte man diesen hilflosen Unsympathen womöglich nicht ertragen können – wie im richtigen Leben

Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten.
Kiepenheuer&Witsch, April 2020.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 14,00 Euro.

Freitag, 01.05.2020

Autor: Andreas Schröter

Nora Gantenbrink: Dad

Nora Gantenbrink: Dad«Stern-Reporterin Nora Gantenbrink hat unter dem Titel „Dad“ einen Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung geschrieben. Und in einigen Interviews hat sie bereits verraten, dass vieles davon autobiografisch ist.

Wie die Romanfigur war auch Gantenbrinks Vater das, was man früher einen „Hippie“ nannte. Beide sind später an Aids gestorben.

Zentraler Handlungsstrang sind mehrere Reisen, die die Tochter – Marlene heißt sie im Roman – zu den Sehnsuchtsorten des Vaters unternimmt: Marrakesch in Marokko, Goa in Indien und Koh Samui in Thailand. Nicht überall stellt sich für sie die Faszination ein, die der Vater erlebt haben muss.

In anderen Handlungssträngen geht es um Beziehungen und Freundschaften in Marlenes Gegenwart.

Wie schon in Nora Gantenbrinks Erzählband „Verficktes Herz“ (2013) gibt es auch in „Dad“, dem unterhaltsamen Debütroman der Autorin, jede Menge große Gefühle. Es wird geweint, gelitten und geliebt. Das muss man in seiner Fülle dann gelegentlich auch aushalten.
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Nora Gantenbrink: Dad.
Rowohlt, Februar 2020.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Mittwoch, 29.04.2020

Autor: Andreas Schröter

Elizabeth Strout: Die langen Abende

Elizabeth Strout: Die langen Abende«Ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus dem fiktiven Städtchen Crosby in Maine erleben die Leser in Elizabeth Strouts neuem Roman „Die langen Abende“. Da ist zum Beispiel Olive Kitteridge, die etwas widerborstige ehemalige Mathelehrerin, die trotz aller Härte, die sie nach außen hin ausstrahlt, einige schwer verdauliche Kröten schlucken muss. Die Ablehnung durch die Familie ihres Sohnes zum Beispiel oder gegen Ende des Romans auch die Anfeindungen des Alterns.

Olive Kitteridge war bereits Hauptfigur in Strouts Roman „Mit Bilck aufs Meer“ (2012), wovon zwei Jahre später auch eine vierteilige Mini-Fernsehserie gedreht wurde.

Weil im neuen Roman viele Kapitel von anderen Figuren handeln, die jedoch alle in Crosby leben, mutetet dieser Text – wie in Strout-Büchern häufig – bisweilen wie eine Sammlung von Erzählungen an. Bemerkenswert sind zum Beispiel Ehepartner, die nicht mehr miteinander sprechen und deren Wohnzimmer durch ein Absperrband unterteilt ist: Jeder hat seine eigene Hälfte.

Elizabeth Strout gelingt es wieder, den Leser sehr nah an ihre Figuren heranzuführen – ein Buch, das auch ohne die ganz große Action spannend und lesenswert ist.

Elizabeth Strout: Die langen Abende.
Luchterhand Literaturverlag, März 2020.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Samstag, 18.04.2020

Autor: Andreas Schröter

T.C. Boyle: Sind wir nicht Menschen

T.C. Boyle: Sind wir nicht Menschen«Wie schon in „Good Home“, das vor zwei Jahren erschienen ist, legt der amerikanische Erfolgsautor T.C. Boyle wieder einen Band mit ganz unterschiedlichen Erzählungen vor. „Sind wir nicht Menschen“ heißt er.

Bei aller Vielseitigkeit gemein ist den Storys, dass sich ihre Figuren zumeist nach kurzer Zeit in skurrilen und aberwitzigen Situationen wiederfinden – so wie der Rentner, der auf den bekannten Internet-Abzocketrick nach dem Motto hereinfällt: „Wir möchten Ihnen gerne 30 Millionen Dollar auf Ihr Konto überweisen“. Aber bevor das Geld angewiesen werden kann, muss der glückliche Neu-Multimillionär zunächst seinerseits 20.000 Dollar auf das Konto des edlen Spenders einzahlen.

Eine andere Figur hat in der Zukunft mit genmanipulierten Teenagern und Tieren wie einem kirschroten Pitbull zu tun. Und dann gibt es einen Mann, der mit Hilfe einer Maschine alle beliebigen Momente seiner Vergangenheit wiedererleben kann, was er ausgiebigst nutzt. Darüber vergisst er aber sein Leben in der Gegenwart.

Sicher, man kann in all diese Storys einen tieferen – gesellschaftskritischen – Sinn sehen, aber eigentlich bedarf es das gar nicht, um die Geschichten rundum genießen zu können, wie es allerdings bei einem Autor dieses Kalibers auch nicht anders zu erwarten ist.

Die Geschichten sind rundum unterhaltsam, abwechslungsreich, manchmal auch grotesk, in jedem Fall aber immer so verfasst, dass man den Figuren in die abwegigsten Situationen folgt, ohne auch nur ein einziges Mal zu stutzen – wie dem jungen Paar, das sich in einem Haus am Strand plötzlich einer Ameiseninvasion biblischen Ausmaßes gegenübersieht, oder dem Mann, der sich magisch von einem Haus eines ehemaligen Rockstars angezogen fühlt, der dort gestorben und über eine längere Zeit nicht entdeckt worden ist – mit den entsprechenden geruchlichen Folgen.

T.C. Boyle kommt immer ohne wilde Handlungskaskaden – womöglich mit ständigen Rückblenden oder einer unüberschaubaren Figurenzahl – aus. Die Storys sind gradlinig und einfach nur schnörkellos gut.
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T.C. Boyle: Sind wir nicht Menschen.
Hanser, Februar 2020.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Sonntag, 12.04.2020

Autor: Andreas Schröter

Daniela Krien: Muldental

Daniela Krien: Muldental«In ihrem Band „Muldental“ sammelt die 1975 in der DDR geborene Autorin Daniela Krien zehn Erzählungen, die sich allesamt um die deutsche Wende drehen. Diese Anthologie ist erstmals 2014 erschienen, nun hat sich ihr der Schweizer Diogenes-Verlag erneut angenommen. In der ersten Geschichte geht es um eine Frau, die zu DDR-Zeiten mit einer Erpressung dazu gezwungen wurde, für die Stasi zu arbeiten. Mit dieser Schuld – wenn es in diesem speziellen Fall denn überhaupt eine Schuld war – muss die Frau nach der Wende leben. Ihr Mann verzeiht ihr nicht.

Wir lernen eine Zahnarzthelferin kennen, die von einer Patientin abgelehnt wird, weil die Angst hat, sich bei ihr Krankheiten einzufangen. Schließlich kommt sie ja aus dem Osten – oder zwei Frauen, die sich entscheiden, auf den Strich zu gehen, um finanziell über die Runden zu kommen – oder einen Mann, der nach der Wende Alkoholprobleme hat und nun seinen neuen Job im Sägewerk kaum noch ausüben kann.

Daniela Kriens Storys sind weder laut oder spannend, noch sensationsheischend oder mit unnötigen stilistischen Kaskaden aufpoliert. Und gerade das macht sie sympathisch. Es sind leise Geschichten mit wenigen Worten, in denen vieles zwischen den Zeilen erzählt wird, das dafür aber umso tiefer auf die Gefühle – und meist sind es eher Gefühls-Missstände – der Protagonisten hinweist.

Und es sind vielschichtige Storys, in denen die Autorin bewusst die Schuldfrage offen lässt. Der Leser muss beantworten, ob die jeweilige Hauptfigur selbst an ihrer Misere die Hauptschuld trägt, oder ob es doch die gesellschaftlichen Bedingungen im Nachwende-Deutschland sind. Natürlich schwingt darin dennoch ein nicht geringer Anteil Gesellschaftskritik mit.

Für „Muldental“ erhielt Daniela Krien 2015 Nicolas-Born-Debütpreis. Ihr jüngster Roman heißt „Die Liebe im Ernstfall“.
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Daniela Krien: Muldental.
Diogenes, Februar 2020.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Samstag, 11.04.2020

Autor: Andreas Schröter

Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe

Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe«Frankreich lebt und in der die religiösen Traditionen hochgehalten werden. Dass er selbst damit jedoch weniger am Hut hat, wird schon in der ersten Szene von Olivier Guez‘ Debütroman deutlich: Kurz bevor am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur aus der Thora gelesen werden soll, ist Jacques weggedämmert und hat einen erotischen Traum.

Im Folgenden versucht er, sich zum Leidwesen seines strengen Vaters den Gebräuchen zu entziehen. So sitzt er während des Gottesdienstes rauchend in einem Park.

„Koskas und die Wirren der Liebe“, so heißt dieser von Nicola Denis übersetzte französische Roman, lebt vor allem von dem subtilen Humor, den der Autor stilistisch hervorragend in fast jede Zeile streut. So werden Jacques moralisch strenge Verwandte liebevoll durch den Kakao gezogen. Der eine betreibt Völlerei, der andere ist ein Geizkragen und Hypochonder mit Hang zum Analphabetismus.

Jacques entflieht diesem Milieu, zieht nach Berlin und arbeitet dort als Reporter, der sich jedoch eher in diverse Affären stürzt statt in seine Arbeit. Dann lernt er die Liebe seines Lebens kennen, Barbara, und alles ändert sich …

Neben dem Humor ist es auch der Kontrast zwischen der Leichtlebigkeit des Titelhelden einerseits und der strengen Gläubigkeit seiner Familie andererseits, der diesen Roman lesenswert macht.

Auch Jacques selbst wird im Verlauf der Handlung immer wieder zwischen diesen beiden Extremen hin- und hergeworfen.

Möglicherweise allerdings, so steht zu vermuten, ist der Roman für Leser mit jüdischen Hintergrund interessanter als für andere, und möglicherweise hätte dem Text auch die eine oder andere Kürzung gutgetan.

Olivier Guez wurde durch seinen zweiten Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ bekannt, der in Deutschland vor dem hier besprochenen Text erschienen ist.
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Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe.
Aufbau Verlag, Februar 2020.
336Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Sonntag, 05.04.2020

Autor: Andreas Schröter

Marion Messina: Fehlstart

Marion Messina: Fehlstart«Einen hervorragenden Blick in das Innenleben (mutmaßlich) vieler jungen Menschen von heute gewährt uns die französische Autorin Marion Messina mit ihrem Debütroman „Fehlstart“.

Die 19-jährige Aurélie setzt alles daran, dem Arbeitermilieu ihrer Eltern in Grenoble zu entfliehen. Doch das Leben nach der Schule entpuppt sich als schwierig. Eine erste Liebe, in die sie sich mit Haut und Haaren stürzt, scheitert. Aurélie flieht nach Paris, wo sie sich ein weltläufiges Bohème-Leben als Jura-Studentin erhofft. Doch leider empfindet sie die Seminare und Vorlesungen als tödlich langweilig – also sucht sie sich einen Job als Empfangsdame ohne wirkliche Aufgabe, der nicht minder öde ist.

Auch in der Liebe läuft es alles andere als rund. Aurélie schwankt zwischen dem Langweiler Franck und dem vom Leben enttäuschten Benjamin, der auf sie jedoch keinerlei erotische Ausstrahlung hat. Hinzu kommt die Schwierigkeit, in der Millionenstadt eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden.

Marion Messinas Roman ist böse, düster, pessimistisch zynisch und sehr aktuell. Und er steckt voller Wahrheiten – zumindest für diejenigen Zeitgenossen, die sich mit dem Tunnelblick auf Karriere, Werbe-Glitzerwelt und Mainstream nicht zufrieden geben wollen: Twens mit guten Schulabschlüssen und allerlei sonstigen Qualifikationen beispielsweise, die als Pizzaboten oder ewig lächelndes Inventar hinter dem Tresen im Foyer eines Luxustempels versuchen müssen, irgendwie über die Runden zu kommen.

Oder wie Aurélies erste Liebe Alejandro, ein Kolumbianer, der sich weder in Frankreich, noch in Kolumbien heimisch fühlt. Sie alle sehnen sich genauso danach, die Großstadt auf ewig zu verlassen und ein Landleben zu führen wie sie Angst genau davor haben.

„Fehlstart“ ist ein unbedingt lesenswerter Roman, der von den Zerrissenheiten in vielerlei Hinsicht handelt, mit denen jüngere Menschen gerade in der heutigen Zeit zu kämpfen haben.

Marion Messina: Fehlstart.
Hanser, Januar 2020.
168 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Samstag, 04.04.2020

Autor: oliverg

Videoreview – Abbott: Flatland

Sonntag, 22.03.2020

Autor: Immo Sennewald

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2020

Cover des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung 2020Aus dem Abstand von mehr als 30 Jahren erscheint unbegreiflich, dass viele Wirtschaftsexperten, Politiker, Journalisten und Historiker sich nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus der Illusion hingaben, damit seien Marktwirtschaft, Kapitalismus, Freiheit und Demokratie auf dem Weg zum globalen Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Wurde der Aufstieg Chinas, seine Stellung in Südostasien, Ambitionen im pazifischen Raum und in Afrika unterschätzt, weil oder obwohl die Einparteien-Diktatur der KPCh während und nach dem Massaker des 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen ihren Machtanspruch demonstrierte?

Vielleicht konnten sich die meisten nicht vorstellen, dass „sozialistische Marktwirtschaft“ in globalen Beziehungen mit fast allen Staaten funktioniert, wenn eine Ein-Parteien-Diktatur auf starre Pläne für Unternehmen, Binnen- und Finanzwirtschaft verzichtet, die Privatwirtschaft fördert, das Land weitgehend dezentral verwaltet und dem Gros des Volkes ein Leben im Wohlstand erlaubt. Die chinesische Führung zeigt sich zugleich sehr genau über weltweit agierende Kräfte und ihre Strategien informiert, bietet sich als innovationsstarker und verlässlicher Partner an, unterdrückt aber jegliche politische Einflussnahme ebenso rigide wie Opposition im eigenen Lande. Das „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung“ macht einiges verständlich: Im „real exisiterenden Sozialismus“ des von der UdSSR dominierten RGW waren alle Versuche wirtschaftlicher Reformen an der Angst der ideologietreuen Nomenklatura vorm politischen Kontrollverlust gescheitert – und Gorbatschows „Perestroika“ führte ihn schließlich herbei.

Die Autoren des Jahrbuchs beleuchten nun interessante Querverbindungen und Unterschiede zwischen frühen – fast vergessenen – Reformversuchen in Osteuropa und dem chinesischen Pfad zur ökonomischen Weltmacht. Der Leser erfährt, wie sorgfältig chinesische Experten die Entwicklungen in Titos Jugoslawien, in Polen, Ungarn und der CSSR analysierten und mit Experten von dort kooperierten, ohne zu kopieren. Denn was dort in den 60er Jahren einige Geburtsfehler sozialistischen Wirtschaftens ausgleichen sollte, erwies sich als wenig erfolgreich – oder wurde aus politischen Gründen abgewürgt wie der Prager Frühling 1968. So war es auch Bemühungen von Deng Xiaoping und Liu Shaoqi Anfang der 60er Jahre ergangen, als sie nach Maos größenwahnsinnigem „Großen Sprung“, der -zig Millionen Hungertote forderte, insbesondere die Landwirtschaft reformieren wollten. Der „Große Vorsitzende“, um seine Macht besorgt, entfesselte die Kulturrevolution, das Land versank im Chaos.

Gleichwohl gab es schon in den 70er Jahren Wirtschaftsbeziehungen in den Westen – noch bevor Henry Kissinger mit seiner „Pendeldiplomatie“ und Zhou Enlai die Beziehungen der USA zu China neu ausrichteten. Die KPCh bestand immer auf Selbständigkeit vor allem gegenüber der Führung in Moskau. Die Beiträge des „Jahrbuches“ über die „Scharnierjahre 1974/1975“, und Chinas Engagement in Tansania zeigen beispielhaft, dass sowohl Mao als auch Deng in ihre Wirtschaftspolitik westliche Firmen einbezogen. Das Bemühen, weltweit als Führungs-macht der „unabhängigen Staaten“ wahrgenommen zu werden, hinderte die Chinesen auch nicht, in Afrika auf Jahre der Solidarität knallhartes Geschäft folgen zu lassen.

Alle wissenschaftlichen Beiträge habe ich mit großem Interesse gelesen; sie sind nicht nur für Fachleute aufschlussreich. Dass die politischen Unterschiede zu Osteuropa nur am Rande erörtert werden, ist kein Mangel. Wer das Geschehen in unseren östlichen Nachbarländern oder auch auf Kuba verfolgt, versteht, weshalb in Polen, Ungarn oder den Baltischen Staaten Globalistische oder sozialistische Parteien weniger erfolgreich sind als hierzulande: Freiheit und Nationalstolz gingen für viele dort mit dem Ende des Ostblock-Internationalismus einher. Für viele Chinesen dagegen gehören die KPCh und der Aufstieg ihres Landes zur Weltmacht zusammen. Liu Xiaobo, der von Xi Jinping zum Sterben aus dem Kerker entlassene Friedensnobelpreisträger, hat den chinesischen Nationalismus und dessen Gefahren in seinem Buch „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“ charakterisiert. Xi Jinping muss heute nicht einmal „China first!“ verkünden, um auf einen großen Konsens der Bevölkerung rechnen zu können. Nur wenige wagen, um einige Fußbreit politischer Freiheit zu kämpfen. Umso notwendiger bleibt Kommunismusforschung.

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2020 – Machterhalt durch Wirtschaftsreformen. Chinas Einfluss auf die sozialistische Welt, Metropol Verlag Berlin, 256 Seiten, 29,00 €

Freitag, 07.02.2020

Autor: Christiane Geldmacher

Matthias Glaubrecht: Das Ende der Evolution

Ein spannendes Buch: „Das Ende der Evolution“ von Evolutionsbiologe und Wissenschaftshistoriker Matthias Glaubrecht. Glaubrecht hat Zoologie und Paläontologie in Hamburg studiert, Forschungsaufenthalte in Sydney am Australian Museum absolviert und er war Kurator am Museum für Naturkunde in Berlin. Heute leitet er eine der größten zoologischen Sammlungen Deutschlands im Centrum für Naturkunde in Hamburg.

Glaubrecht beschreibt in seinem sehr umfangreichen Buch, wie der Klimawandel und das Artensterben nach so vielen Jahrzehnten der wissenschaftlichen Erkenntnisse endlich auf der Straße angekommen sind. Heute treibt die Wissenschaft die Menschen und die Politik vor sich her – dazu bedurfte es in Europa nur zweier außergewöhnlich heißer Sommer. Jetzt konstatieren alle die Bevölkerungsexplosion, die Ressourcenverknappung, die Umweltzerstörung und: das Artensterben.

24 Prozent aller Säugetiere sind bedroht: 41 Prozent der Amphibien, 29 Prozent der Reptilien, 23 Prozent der Fische. Die großen Säugetiere sind mittelfristig nur noch in Naturparks oder Zoos zu bewundern; die Vögel haben keine Lebensgrundlage mehr und mit ihnen die Insekten. Der Mensch ist die invasivste Art der Erde, der die Existenz aller anderen Arten gefährdet.

Glaubrecht fordert, der menschlichen Überpopulation die Schlüsselrolle beim Verlust der Artenvielfalt und der natürlichen Lebensräume zuzuweisen. Das heißt nichts anderes, als sich nicht exponentiell zu reproduzieren und die Geburtenrate den Ressourcen des Planenten Erde anzupassen. Ein Drittel der Erde soll unter Naturschutz gestellt werden, Wälder aufgeforstet werden, Monokulturen und Massentierhaltung abgeschafft werden, Städte nicht weiter ausufern, sondern im Gegenteil rückgebaut werden.

Fazit: Es wird alles noch sehr viel schlechter werden, bevor es wieder besser wird. Und man weiß nicht recht, ob man „Das Ende der Evolution“ tröstlich oder untröstlich finden soll. Denn wenn man alle Erkenntnisse zusammengetragen sieht, kann man der Erde und der Natur nur wünschen, dass das „Anthropozän“ so bald wie möglich vorbei ist. Nun: Wir rasen ja mit Siebenmeilenstiefeln darauf zu.

Homo sapiens – das ist für die Erde, wenn es schlimm kommt, wie eine Erkrankung; aber das geht vorbei, so oder so.“ (S. 905)

Jedenfalls ertappt man sich bei der Lektüre, dass man gern das Jahr 2100 erleben würde: nur um zu sehen, wie die Sache „damals“ tatsächlich ausgegangen ist.

Matthias Glaubrecht: Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten. C. Bertelsmann, 2019

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