Samstag, 08.12.2018

Autor: Andreas Schröter

Dave Eggers: Der Mönch von Mokka

Dave Eggers: Der Mönch von Mokka«Dave Eggers‘ neuestes Buch ist kein Roman. Es ist vielmehr die äußerst spannende (bisherige) Lebensgeschichte von Mokhtar Alkhanshali. Der heute 30-jährige Amerikaner mit jemenitischen Wurzeln hat sich im Jahre 2013 in den Kopf gesetzt, Kaffee aus dem Jemen in die USA zu importieren.

Das war damals (und ist es heute wohl immer noch) ein fast unmögliches Unterfangen. Alkanshali hatte kein Geld, der Jemen galt wegen des Krieges und der instabilen politischen Verhältnisse als extrem gefährlich, und die Kaffeefarmen dort liegen erstens abgelegen und waren zweitens teilweise auf einem niedrigen Standard – verglichen zum Beispiel mit denen in Äthiopien auf der anderen Seite des Roten Meeres.

Im Grunde ist die Geschichte in diesem Buch die typische amerikanischer Erfolgsgeschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Wir begleiten Mokhtar Alkhanshali von seinem Dasein als Junge im Armenviertel von San Francisco, Tenderloin, über einen Aufenthalt bei der Familie in Sanaa, wo sein Großvater ihn für weniger wert als einen Esel hält, bis zu einen Job als Portier in einem Hochhauskomplex, dem Infinity. Mokhtar probiert sich in anderen Jobs, scheitert, und schläft auf dem Fußboden in der Wohnung seiner Eltern.

Richtig spannend wird diese Biografie, als Mokhtar – noch als recht unbedarfter junger Mann – erste Erkundungen auf den Kaffeefarmen im Jemen einzieht und schließlich versucht, unter dem Beschuss von saudi-arabischen Bomben Proben des jemenitischen Kaffees in die USA zu bringen.

Man lernt in diesem Buch nicht nur einiges über Kaffee, sondern ganz nebenbei auch über die Verhältnisse im Jemen – mit Huthi-Rebellen, regierungstreuen Truppen und Militär-Ceckpoints, an denen man aus nichtigen und oft nicht nachvollziehbaren Gründen auf offener Straße verhaftet werden kann. Ein tolles Buch!
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Dave Eggers: Der Mönch von Mokka.
Kiepenheuer & Witsch, Oktober 2018.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Donnerstag, 06.12.2018

Autor: Andreas Schröter

Sarah Perry: Nach mir die Flut

Sarah Perry: Nach mir die Flut«Ein Mann namens John muss an seinem Auto Kühlwasser nachfüllen und schellt mit der Bitte um Hilfe an einem einsamen Haus. Dort wird er freudig begrüßt. Die Bewohner kennen nicht nur seinen Namen, sondern scheinen ihn erwartet zu haben.

Klingt nach einem schon fast klassischen Anfang für einen Horrorroman, ist aber etwas anderes: ein durchgehend düsterer, vielleicht ein wenig an Kafka erinnernder Roman um ein Haus und seine seltsamen Bewohner.

John gelingt es seltsamerweise nicht, einfach nur Wasser zu holen und dann wieder zu verschwinden – stattdessen bleibt er und wird nach und nach Teil dieser Lebensgemeinschaft.

Wenn man es positiv ausdrücken will: Der 1979 geborenen britischen Autorin Sarah Perry gelingt es in ihrem Debütroman hervorragend, eine leicht transzendente, schwer fassbare Atmosphäre durchzuhalten, die den Leser in einem eigenartigen Schwebezustand zwischen Realität und Unwirklichem hält.

Die Kehrseite: Das Fehlen jeglicher Leichtigkeit und jeglichen Humors macht die Lektüre etwas zäh. Auch bleiben nicht nur John, sondern auch die Leser lange im Unklaren, was es mit dieser Hausgemeinschaft überhaupt auf sich hat und warum sich alle komisch benehmen.

Geheimnisse – und nicht alle werden am Ende aufgelöst – und Ungesagtes wabern von vorne bis hinten durch den Roman.
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Sarah Perry: Nach mir die Flut.
Eichborn, September 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

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Dienstag, 04.12.2018

Autor: Andreas Schröter

David Sedaris: Calypso

David Sedaris: Calypso«Der 1956 geborene US-amerikanische Schriftsteller David Sedaris ist in Deutschland mit Werken wie „Nackt“ (1999) oder „Ich ein Tag sprechen hübsch“ (2001) bekannt geworden. Sein Markenzeichen sind heitere und amüsante autobiografische Texte. Er schreibt über seine große Familie mit sechs Geschwistern, das Leben als Homosexueller mit seinem Freund Hugh oder seine Erlebnisse als Autor – beispielsweise auf Lesungen. Auch sein neuestes Buch, „Calypso“, mit vielen kleineren Erzählungen bildet da keine Ausnahme. Das alles liest sich leicht und locker, ohne dass allerdings so etwas wie Spannung aufkommen würde.

Die stärksten Stellen hat das Buch, wenn es etwa um den Selbstmord von Sedaris‘ Schwester Tiffany geht und wie die Familie damit umgeht oder auch um die Kommentare des Autors zur Trump-Wahl.

Anderes ist zumindest skurril – zum Beispiel, wenn Sedaris einen gutartigen Tumor, der ihm entfernt worden ist, an eine Schildkröte verfüttert oder wenn er seine Kleidungs-Vorlieben beschreibt. Auf wieder anderes hätte man getrost verzichten können – wie Sedaris‘ Darmprobleme auf einer Lesereise.

Zuletzt bleibt die Frage, warum eigentlich so viele Autoren damit Erfolg haben, bloß ihr ganz normales Leben zu beschreiben – der Norweger Karl Ove Knausgård ist bekanntlich der König in dieser Disziplin – und was das eigentlich über uns Leser aussagt.
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David Sedaris: Calypso.
Karl Blessing Verlag, August 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Mittwoch, 28.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Jennifer Kitses: Ein Tag, eine Nacht

Jennifer Kitses: Ein Tag, eine Nacht«Tom ist ein Mann, der einen guten Job in einer Nachrichtenagentur hat und seine Frau Helen und seine beiden dreijährigen Zwillingstöchter über alles liebt. Doch er hat ein gut gehütetes Geheimnis: Mit seiner ehemaligen Chefin Donna hat er eine weitere Tochter, an der er ebenfalls sehr hängt. Nun droht Donna, von der amerikanischen Ostküste nach London zu ziehen, was für Tom die Beziehung zu seinem unehelichen Kind beenden würde. Schwierige Entscheidungen stehen an.

Die US-amerikanischen Autorin Jennifer Kitses zieht in ihrem ersten Roman die Schlinge um ihre beiden Hauptpersonen Tom und Helen immer enger, was beim Leser eine atemlose Spannung fast wie in einem Thriller erzeugt.

Wegen der psychischen Anspannung macht Tom immer mehr Fehler in seinem Job und droht ihn sogar zu verlieren. Er trinkt zu viel und verbringt schließlich den Abend mit einer dritten Frau: Vanessa …

Helen arbeitet als freie Mitarbeiterin in einer Werbeagentur, und auch ihr wachsen die immer kurzfristigeren Abgabefristen für ihre Aufträge über den Kopf, sodass sie kaum noch in der Lage ist, Beruf und Töchter unter einen Hut zu bringen. Die finanziellen Nöte der Familie kommen hinzu. Als sie sich schließlich auf einem Spielplatz mit zwei halbstarken Teenager-Mädchen aus dem Asozialen-Milieu anlegt, eskaliert auch für sie die Situation vollends.

Wie es der Titel des Romans andeutet, geschieht die gesamte Handlung in nur einem Tag und einer Nacht. In diesen 24 Stunden ballt sich für Tom und Helen all das zusammen, womit wohl viele Menschen in ihren mittleren Jahren nicht nur in Amerika zu kämpfen haben: Druck im Job und in der Partnerschaft, Geldsorgen, Belastung durch kleine Kinder – ein Leben „auf Kante“ also, das schnell aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Zwar mag das Ende dieses Romans etwas unbefriedigend sein, die Lektüre sei hiermit aber dennoch empfohlen.
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Jennifer Kitses: Ein Tag, eine Nacht.
dtv, Oktober 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Dienstag, 27.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Andreas Merkel: Mein Leben als Tennisroman

Andreas Merkel: Mein Leben als Tennisroman«Der 1970 geborene deutsche Autor Andreas Merkel wagt in seinem neuen Roman „Mein Leben als Tennisroman“ ein literarisches Experiment. Er verquickt zwei Erzählebenen miteinander. Vordergründig geht es um den Ich-Erzähler Arthur Wilkow, der mit seiner Idee hadert, einen Roman über Tennis zu schreiben. Er kommt nicht voran, hat Schreiblockaden, Auseinandersetzungen mit seiner Lektorin und ist meist im Unreinen mit seinem Vorhaben. Weil es bei diesem schreibenden Wilkow einige Parallelen zu Andreas Merkel gibt, darf man wohl davon ausgehen, dass es sich um eine Art Alter Ego handelt.

In dem Roman im Roman ist ein Jugendlicher namens Lenz die Hauptfigur. Er freundet sich mit einem älteren Mann an, der ebenfalls Arthur Wilkow heißt. Im weiteren Verlauf vermischen sich die beiden Ebenen immer mehr miteinander. Eine Dame, die im Roman nur E. heißt und Wilkows Partnerin ist, wirft ihm einmal vor, mit einer Romanfigur zu reden, die es nicht gibt.

Was sich hier möglicherweise wie eine lustige Idee anhört, wird über die 360 Seiten, die der Roman dick ist, irgendwann ermüdend und auch verwirrend. Man weiß nicht immer, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Problematisch ist zudem, dass im Grunde wenig passiert – und das, obwohl Wilkow durch mehrere Länder reist. Aber überall ist es mehr oder weniger dasselbe: Wikow grübelt über seinen Roman und fantasiert sich in seine Gedankenwelten um besagten Lenz hinein.

Letztlich ist „Mein Leben als Tennisroman“ weniger ein Roman über eine bestimmte Sportart, als vielmehr ein etwas verschwurbeltes Kreisen um das eigene Ich – mit Ausflügen zum norwegischen Schriftsteller Knausgard und anderem Abseitigen.

Merkel verwendet sehr viele Anglizismen oder auch ganze englischsprachige Sequenzen. Das macht das Lesen anstrengend und gelegentlich etwas holprig.
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Andreas Merkel: Mein Leben als Tennisroman.
Blumenbar, September 2018.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Montag, 26.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Richard Flanagan: Der Erzähler

Richard Flanagan: Der Erzähler«Mit seinem neuen Roman „Der Erzähler“ reicht der australische Autor Richard Flanagan nicht an die Qualität der beiden guten Vorgänger „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ (2015) und „Die unbekannte Terroristin“ (2017) heran.

Zum Inhalt: Der erfolglose Schriftsteller Kif muss aus purer finanzieller Not einen heiklen Auftrag annehmen. Er soll die Biographie des australischen Wirtschafts-Kriminellen Nummer eins, Siegfried Heidl, schreiben. Der hat die Banken um 700 Millionen Dollar erleichtert, indem er sie erfolgreich um Kredite für ein Projekt gebeten hat, das es gar nicht gibt.

Für Kif entpuppt sich die Aufgabe als überaus schwierig, weil Heidl nicht gewillt ist, Details aus seinem Leben preiszugeben. Aber ohne Details keine Biographie und ohne Biographie kein Geld. Seine Hoffnung, irgendwann ein fertiges Buch in Händen zu halten, schwindet mehr und mehr.

„Der Erzähler“ hat gleich mehrere Probleme. Erstens tritt der Text über hunderte von Seiten auf der Stelle, ohne dass etwas Nennenswertes passiert. Kif versucht in einem tristen Verlagsbüro vergeblich, etwas aus dem Gangster herauszubekommen. Für den Leser ist das wechselweise nervtötend bis langweilig.

Zweitens sind beide Hauptfiguren unsympathisch. Der Gangster Heidl sowieso – aber auch Biograph Kif wird als aggressiv gegenüber seiner Frau Suzy, andererseits als seltsam unterwürfig gegenüber dem Gangster dargestellt. Man fragt sich als Leser unweigerlich irgendwann, warum man eigentlich seine Lesezeit mit diesen Typen verbringen soll.

Drittens bleiben die Hauptfiguren trotz der Dicke des Romans eigenartig nebulös. Vollkommen unverständlich ist, wieso Kif gegen Ende hin sogar eine Art Bewunderung für den Verbrecher empfindet.

Offen bleibt zuletzt die Antwort auf die Frage, was genau Richard Flanagan mit diesem Roman eigentlich aussagen wollte.
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Richard Flanagan: Der Erzähler.
Piper, Oktober 2018.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Mittwoch, 21.11.2018

Autor: Immo Sennewald

Rezensent sein? – Lieber was empfehlen!

Ja, ich bin voreingenommen, denn ich kenne und schätze Gebhard Borck seit Jahren, wir haben uns über seine Ideen lebhaft ausgetauscht. Ich bin also kein „neutraler“ Kritiker, das Erscheinen dieses Buches hat mich sehr gefreut, ich wünsche ihm viele, viele Leser. Dem Vorhaben von Stefan Heiler, sich mit seinem Unternehmen im Wettbewerb am Markt ganz ohne “Führungskräfte” zu behaupten, dabei unkonventionell mit einem „Katalysator“ namens Borck vorzugehen, gehört meine ganze Sympathie. Es ist ein mutiger Schritt, er hat sich gelohnt, und die ihn wagten, waren so oft am Rande des Scheiterns, dass einen auf über 300 Seiten niemals die Fragen loslassen “Schaffen sie ’s? Und wenn ja – wie?”.

Das liegt auch an der Erzählform. Die Sprache bleibt locker und gut verständlich, selbst wenn durchaus Fachwissen vermittelt wird – etwa an einen Nicht-Betriebswirt wie mich. Graphiken veranschaulichen gedankliche Abläufe und Prozesse im Unternehmen. Einen chronologischen Ablauf in einer Geschichte von Helden, die “per aspera ad astra” dem Sieg entgegen streben, gibt es nicht, stattdessen einen skizzenhaften Aufriss von Begebenheiten, vor allem Konfliktlagen. Sie erscheinen mal anekdotisch, mal als Dialog oder Gesprächsprotokoll, manchmal als lapidarer Bericht. Manche zeitliche Zuordnung mag sich der Leser selbst erschließen, er muss es nicht, um das Wesentliche am Geschehen zu begreifen: Wie bei der Alois Heiler GmbH in Waghäusel eine ganz neue Unternehmensform gelebt – bisweilen erlitten – wurde. Dabei haben alle Beteiligten, nicht nur die Autoren, „Denkwerkzeuge“ entwickelt und erprobt, sie haben eine „Firmen-DNA“ modelliert, von der andere vergleichbare Vorhaben einiges lernen können.

Zwischen dem Unternehmer Stephan Heiler und seinem Berater Gebhard Borck wuchs während dieses Prozesses eine schöpferische Freundschaft, wie sie sich einer wünscht: Beim Lesen wird deutlich, wie stark das Vertrauen in die Kompetenz und Verlässlichkeit des anderen ist. So etwas steckt durchaus an. Zugleich legten beide größten Wert auf die Transparenz aller Entscheidungen der jeweils Verantwortlichen – und das waren eben keine Chefs, Abteilungs-, Gruppen- oder sonstigen Leiter, sondern immer öfter die Mitarbeiter selbst, Männer und Frauen, die sich in neuen Rollen beweisen mussten – und durften. Keineswegs alle waren mit einer “Sinnkopplung” dauerhaft an derart eigenverantwortliches Handeln in vernetzten, nicht hierarchischen Teams zu binden. Viele verließen Heiler, darunter sehr kompetente. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier”, heißt es nicht von Ungefähr; lieb gewordene Muster und Rituale locken mit einem Gefühl von Sicherheit bei weniger Energieaufwand, womöglich besserer Bezahlung: Angepasst an den Mainstream lebt sich’s für viele komfortabler.

Das Buch ist eine durchaus vergnügliche Lektion übers Fragen, über Reibungen, Missverständnisse und Turbulenzen. Dass Klatsch und Tratsch auch bei diesem Beispiel von “New Work” unausrottbar bleiben, überrascht nicht, aber es macht Spaß, den Autoren bei diesem wie anderen „Fällen“ aus ihrem Alltag über die Schulter zu schauen. Wer das – über das Buch hinaus – tun möchte: Weblogs sowohl des Unternehmens Heiler als auch von Gebhard Borck bieten reichlich Informationen. Patentrezepte werden sich dort kaum finden lassen, dafür eine ermutigende Menge von Erfahrungen im Umgang mit Konflikten auf dem Weg in alternative Arbeitswelten.

Gebhard Borck, Stephan Heiler „Chef sein? Lieber was bewegen! – Warum wir keine Führungskräfte mehr brauchen“, 304 Seiten, Heiler&Borck 2018

Donnerstag, 15.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten«Allan Karlsson ist wieder da – der Hundertjährige, der 2012 aus dem Fenster stieg und verschwand – und dessen schwedischer Autor Jonas Jonasson damit einen literarischen Welterfolg landete.

Während der sympathisch-lebensbejahende und freundliche Senior im früheren Buch Abenteuer quasi im gesamten 20. Jahrhundert erlebte, konzentriert sich der Folgeband – „Der Hundertjährige, der zurückkam und die Welt rettete“ heißt er – ganz auf die Gegenwart.

Allan, dem sein Dauerurlaub mit Kumpel Julius auf Bali zu langweilig geworden ist, stürzt mit einem Heißluftballon im Meer ab, wird von einem nordkoreanischen Schiff aufgegriffen und direkt zu Kim Jong-un weitergeleitet. Ein paar Seiten später macht er Bekanntschaft mit der schwedischen Außenministerin, um dann gemeinsam mit ihr bei Donald Trump vorbeizuschauen. So weit, so turbulent. Und das alles nur, weil das nordkoreanische Boot angereichertes Uran für den Diktator an Bord hat.

Und turbulent geht‘s weiter. Allan und seine Freunde landen in Kenia, und der mittlerweile 101-Jährige telefoniert mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Manchmal nähert sich dieser Folgeroman arg nah der Grenze zum Klamauk. Insgesamt jedoch gelingt es dem Autor recht gut, die – zum Teil durchaus düstere – Weltpolitik der Gegenwart mit guter Unterhaltung zu vermischen und sie dabei auch noch zu kommentieren. Lesenswert!
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Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten.
C. Bertelsmann Verlag, September 2018.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Mittwoch, 14.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen

Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen«Selten passt ein Buchtitel so gut wie diesmal: In Joshua Ferris‘ herrlicher Geschichten-Sammlung „Männer, die sich schlecht benehmen“ geht es – genau – um Männer, die allerlei dummes Zeug machen. Nicht so dumm allerdings, dass man als (männlicher) Leser nicht gelegentlich auch ein gewisses Verständnis für ihre Schrulligkeiten hätte.

Gleich in der ersten Geschichte, „Die Dinnerparty“, nervt ein Mann seine Frau mit allerlei Prophezeiungen, wie schrecklich das bevorstehende Abendessen mit einem befreundeten Paar doch mit Sicherheit werden würde. Natürlich kommt alles ganz anderes: Die Gäste ziehen es vor, erst gar nicht zu kommen und unser Held macht sich auf die Suche nach ihnen.

Wir treffen Männer, die von dem Wahn befallen sind, ihre Frau habe sie verlassen, auf welche, die irgendwelchen unerreichbaren Traumfrauen hinterherhecheln, und auf solche, die auf einer privaten Stadtführung durch Prag ihre ganze Oberflächlichkeit und Arroganz heraushängen lassen.

Besonders gelungen ist eine Geschichte – „Die Brise“ heißt sie – über ein junges Paar, das am ersten Frühlingsabend des Jahres in großen Stress gerät, weil es den schönen Abend möglichst optimal nutzen möchte. Natürlich gehen alle Unternehmungen – egal ob Picknick im Freien oder essen gehen in einem Restaurant mit Traumaussicht – schief und sie stellen fest, dass es vermutlich besser gewesen wäre, den Abend einfach zu Hause auf ihrem Balkon zu verbringen.

Das alles ist knackig, manchmal rotzfrech, lebensnah und humorvoll geschrieben, und man folgt als Leser einfach gerne den Männern – und manchmal sind es auch Frauen – auf ihren Irrungen und Wirrungen.

​Die Geschichten des 1974 geborenen US-amerikanischen Autors sind zutiefst menschlich und zeigen die milden Abgründe im Seelenleben, mit denen sich vermutlich die allermeisten von uns zumindest zeitweise herumschlagen müssen.
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Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen.
Luchterhand Literaturverlag, Oktober 2018.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Dienstag, 13.11.2018

Autor: rwmoos

Harald Meller & Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas.

Begrabene Sterne

Am letzten der drei freien Tage fahre ich nach Berlin, um dort die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Gropius-Bau zu besuchen. Dass ich dort zuvor anstehen muss, ist wohl der zeitgleich laufenden Ausstellung der von Kunsthändler Gurlitt gehorteten Gemälde geschuldet. Ich hasse Schlange-Stehen. Wozu bin ich eigentlich auf die Straße gegangen? Damals, 1989?
Leider ist auch die von mir favorisierte Ausstellung völlig überlaufen. Um die recht klein gedruckten Texte zu den Ausstellungsstücken entziffern zu können, muss man zudem einen bestimmten Winkel nahe an den das Licht reflektierenden Glasvitrinen einnehmen. Natürlich verbiegen in ebendiesem Winkel noch fünf bis sechs Mitmenschen ihre Körper und verstellen so die Sicht ganz.
Hinzu kommt die Schwäche so vieler ambitionierter Ausstellungen: Statt eine einzige Geschichte durchgängig zu erzählen, erschlagen sie mit der schieren Fülle von Einzelheiten. Hier hat man zudem den Eindruck, dass sich ein Teil des erzählten Duktus politisch anbiedern möchte. Für jemand, dem Internationalismus selbstverständlich ist, wirken die so platzierten Meta-Botschaften an dieser Stelle nervend. Die anderen sehen sich solche Ausstellungen ohnehin gar nicht erst an.
Im Schnelldurchlauf werden verschiedene Themen durch die Jahrtausende gejagt. Migration natürlich. Genetischer Austausch. Reisen und die zugehörigen Vehikel. Kunst. Et cetera pp.
Irgendwo hängt unlustig die Himmelsscheibe von Nebra herum. Das bronzezeitliche Smiley grinst hier weniger überzeugend als auf seinem Stammplatz in Halle oder in Nebra, wo man eine respektable Kopie präsentiert.
Ihren Zauber büßt sie hier im Gropius-Bau schon wegen eines profanen Umstandes ein: Aus dem Raum daneben dringt veritabler Lärm. Eifrige Jugendliche praktizieren dort „Urzeit-Handwerk“. Mit einer Feile wird ein Sägeblatt geschärft. Nicht ganz bronzezeitliche Technik, aber immerhin. Respektabel auch, dass die junge Frau die Feile wirklich gerade führt. Dem Kerl, der unweit davon mit Stechbeitel und Schlegel einen Stamm bearbeitet, möchte man allerdings ein paar Überlegungen zum Wesen von Holz und dessen Fasern gönnen. Ich aber bin ein Held und verkneife mir jedwede Bemerkung.
Fluchtartig verlasse ich statt dessen den wenig erbaulichen Kontext mit der Absicht, mir im Museumsshop lieber den Ausstellungskatalog zu besorgen, diesen dann in Ruhe zu Hause durchzulesen und so vielleicht doch noch zu der ins Auge gefassten Horizonterweiterung zu gelangen, die die Ausstellung selbst mir versagt.
Nachdem ich ein wenig im Ansichtsexemplar geblättert, bin ich mir aber dann doch nicht sicher, ob ich dafür die geforderten dreißig Euronen berappen möchte und kaufe lieber kurzentschlossen das Werk von Meller und Michel zum vergleichbaren Preis.

Bereut habe ich das nicht.

Im Prozess um die Echtheit jener prähistorischen Scheibe wurde Harald Meller von gegnerischer Seite vorgeworfen, dass er eine „krankhaft histrionische Persönlichkeitsstörung“ sein Eigen nennen dürfe, die sich ihrerseits durch egozentrisches, dramatisch-theatralisches Verhalten auszeichne. Angesichts seines Engagements im kriminalistischen Teil, als es darum ging, die im grauen Kunstmarkt zirkulierende Scheibe seinem Museum zu sichern, mag diese Einschätzung vielleicht nicht einmal völlig fehl gehen – allein man möchte der Wissenschaft doch gratulieren, dass ihr solche Leute dienen, die sich nicht dem Mainstream fügen und es zudem noch verstehen, ihre Ergebnisse – und damit freilich auch ein wenig sich selbst – ansprechend zu präsentieren. Mich jedenfalls beeindruckt der Mut, bestehende Denkweisen aufzugeben und damit neue Sichtweisen zu eröffnen.
Mellers Hauptthese: Die Existenz der Himmelsscheibe von Nebra zeigt, dass zu ihrer Zeit (also 1.800 – 1.600 ante Christum natum) eine Hochkultur im Raum des heutigen Sachsen-Anhalt blühte, die sich vor den gleichzeitigen Reichen Ägyptens und Mesopotamiens nicht zu verstecken brauchte.
Klingt wie ziemlich starker Tobak, doch verstehen es die Autoren, ihre These gut zu begründen. Dazu allerdings ist es auch nötig, den Staats-Begriff neu zu definieren, der bislang allzu sehr auf die Existenz von Schrift und Stadt fixiert war. In dem Reich von Nebra – wie die Autoren diese Kultur taufen – fehlten nämlich sowohl städtische Architektur als auch Schreibkundigkeit. Die Autoren begründen sehr gut, weshalb diese Punkte für das hiesige Staatsgebilde entbehrlich waren.
Ihre Argumentation soll hier nicht ausgebreitet werden. Dazu lese man lieber das Buch selbst oder greife zu einer der üblichen Standard-Rezensionen.
Was mich fasziniert, sind die vielen scheinbaren Abschweifungen und Parallelen, denen die Autoren nachgehen. Auf eine erstaunliche Bandbreite fachfremder Literatur wird sich da bezogen, um ausnahmsweise einmal das zu versuchen, was doch immer wieder gefordert wird: Aus der Geschichte tatsächlich zu lernen und Schlüsse für unser heutiges Leben zu ziehen.
In diesem Zusammenhang werden Pierre Bourdieu, Jared Diamond und Walter Benjamin ebenso bemüht wie Rousseau, Locke, Nietzsche, Levi-Strauss und immer wieder Max Weber – um nur einige Denker zu nennen. Da hat sich das humanistische Studium doch wieder einmal gelohnt. Von solcher Bandbreite des Denkens kann die Bachelor-Master-Generation unverschuldet nur mehr feucht träumen. Denn hier wird auch nicht nur zitiert, um die eigene Belesenheit zu dokumentieren. Hier werden Denksysteme verstanden, verarbeitet und in die eigene Gedankenwelt implementiert. Es tut einfach gut, diese Vernetzung nachzuvollziehen und als Leser begleiten zu dürfen.
Deshalb ist eben nicht nur ein Werk herausgekommen, das den archäologischen Fund einzuordnen sucht, sondern ein durchdachtes gesellschaftskritisches Werk von teilweise marxistischer Radikalität.
Wobei ein grundlegender Aspekt marxistischen Gedankengutes zurechtgestutzt wird: Dem Fortschrittsgedanken Marxens nämlich können Meller & Michel nur wenig abgewinnen.
Immer wieder dagegen wenden sie den Blick in nahezu Brecht’scher Manier weg von denen, die Geschichte in Wort oder Werk „geschrieben“ haben auf die, die sie durchlebten und ausführten. Wer baute das siebensternige Nebra?

Der abendländische Wissenschaftsgedanke lebt im Wesentlichen davon, dass jemand mit einer These vorprescht, dieselbe dann von Fachleuten diskutiert wird und aus dieser Diskussion entweder dermaßen gefestigt hervorgeht, dass sie zum Standardwissen avanciert – oder eben dermaßen falsifiziert wird, dass man sie zumindest in der Folge ausschließen kann. Die Mellersche These vom Staate Nebra hat gute Aussichten zur ersten Kategorie zu gehören. Ihre meines Erachtens größte Schwäche tut sich bei der Beschreibung des Staaten-Zerfalls auf, der mehr oder minder auf die Minoische Eruption zurückgeführt wird. Dieser Punkt und die zugrundeliegenden Überlegungen überzeugen mich nicht.

Nachdem nun das Werk zur Genüge gelobt habe, seien noch ein paar weitere Stellen erwähnt, die mir als Schwächen erscheinen.

1. Die Eintaktung der Finder-Situation
Von den Autoren werden die beiden Männer, die mit Metalldetektoren die Himmelsscheibe und die anderen deponierten Gegenstände auf dem Mittelberg fanden, durch die Bank als „Raubgräber“ abqualifiziert. Aber ohne diese Menschen wäre die Himmelsscheibe wohl nie gefunden worden. Keine hundert Kilometer, genauer gesagt die Entfernung vom Mittelberg zur Bayerischen Landesgrenze, trennten das Geschehen zudem von einer ganz anderen Rechtslage. So gesehen erscheint die jeweilige Gesetzeslage innerhalb eines einzigen Staates, nämlich Deutschlands, auch ein wenig willkürlich. Leider verlief zudem der Übergang der Himmelsscheibe von den Findern und Vermarktern zu den Fachleuten & dem Museum konfrontativ, so dass sich das Schwarz-Weiß-Denken noch verfestigte. Die Vermarkter hatten dabei mit ihren exorbitanten Gewinnabsichten einen nicht unerheblichen Anteil.
Ein wenig mehr gegenseitiges Verständnis zwischen Staat/Bürokratie auf der einen und privatwirtschaftlichen Interessen auf der anderen Seite schiene mir da wünschenswert.
Als Anfang schlage ich vor, die beiden Finder künftig mit ihrem vollen Namen zu nennen (freilich nach Einholung deren Einverständnisses) und nicht mehr von Raubgräbern sondern von Schatzsuchern oder Hobbyarchäologen zu reden.

2. Die Interpretation der Sternenscheibe.
Mit einer Selbstverständlichkeit, die regelrecht verblüfft, werden die sieben zusammenstehenden Sterne als Siebengestirn (Plejaden) interpretiert. Da will der Augenschein doch nicht so recht mithalten. Wie man auch immer den siebenten Stern verortet – das Muster ähnelt den Plejaden, die am Nachthimmel zu sehen sind, in keiner Weise.
In der Ausstellung in Nebra ist davon die Rede, das die Plejaden vor fast viertausend Jahren anders am Nachthimmel standen, was ja nachvollziehbar wäre. Allein – von diesem Gedanken fehlt im Buch jede Spur und auch anderweitig wird auf die doch so deutliche Abweichung nicht eingegangen.

3. Die Größe des Sichelmondes.
Dieser ist deutlich größer angelegt, als der daneben stehende Vollmond, der ja im Buch dann lavierend mal als Mond, mal als Sonne, also quasi als Monne interpretiert wird. Zwar findet sich im zugehörigen Schlussabschnitt auf S. 119 die Behauptung, dass die von den Autoren übernommene Interpretation Rahlf Hansens auch die „vergrößerte Darstellung des Sichelmondes“ erklären würde. Allein genau das tut sie nicht. Jedenfalls nicht im vorliegenden Buch. Dort wird lediglich auf die Breite der Sichel eingegangen.

4. Die Verantwortung des Magdeburger Bischofs Wichmann für die Plünderung des Bornhöck im 12. Jahrhundert.
Zugegeben: Was Ressourcen etc. anlangt, wäre Wichmann von Seeburg die erste Wahl. Dass er sich im Nachbarsprengel kirchenstiftend betätigte, steht auch außer Frage. Allein die Herrschaft über Raßnitz war, wenn ich meinen Thietmar richtig erinnere, diesem zuteil geworden und gehörte deshalb nicht in die Hoheit der Erzbischofs nach Magdeburg, sondern in die Hoheit des Halberstädter Bischofs, in die der Erzbischof nicht einfach eingreifen durfte. Diese Abweichung sollte erklärt werden oder der übliche Verdächtige scheidet zumindest vorerst als Langfinger aus.

5. Die romanhaft vorgestellte These, dass das Wissen um astronomische Zusammenhänge durch die Verdienste eines Nebrenser Fürstensohnes im Rahmen einer Telemachie aus dem Orient in das Reich von Nebra gelangt sei.
Hier nämlich verlassen die Autoren ihren oben genannten geschichtsphilosophischen Ansatz, Geschichte eben nicht in erster Linie als das Werk einzelner Persönlichkeiten zu verstehen.
Diese fragwürdige These korrespondiert zudem mit dem ebenso fragwürdigen Ansatz, die Herrscher von Nebra als eine Art Schmiede-Könige vorzustellen.
In beiden Fällen wäre ein gedanklicher Ansatz plausibler, der im Buch an anderen Stellen durchaus auch anklingt: Dass nämlich die Fürsten es lediglich verstanden, sich die zeitprägende Waffentechnologie und ihre Träger als Herrschaftsinstrumente in Ausschließlichkeit untertan zu machen und dadurch ihre Herrschaft zu festigen. Ähnlich wie Fürsten im Mittelalter ihre Herrschaft durch das Schießpulver-Monopol legitimierten.
Den reisenden Fürstensohn muss man bei solchen Gedankenspielen nicht einmal ersetzen. Stellt man ihm aber einen Mitarbeiterstab zur Seite, wird es wesentlich wahrscheinlicher, dass sich darunter auch der eine oder andere sternhelle Kopf befunden haben dürfte.

Tüchersfeld, November 2018

Reinhard W. Moosdorf

Freitag, 09.11.2018

Autor: oliverg

„Getting Things Done for Teens“ (Audioreview, deutsch)

>>>> Audio

Donnerstag, 01.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat«Der 15-jährige Teenager Benedikt Jäger ist Hauptfigur und Ich-Erzähler in Thomas Klupps Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. Benedikt ist in seiner Heimatstadt Weiden auf riesigen Plakatwänden zu sehen, auf denen er mit zwei Freunden für eine Anti-Drogen-Kampagne seiner Schule wirbt. Außerdem ist er ein begnadet guter Tennisspieler.

Aber: Er konsumiert selbst Drogen – hauptsächlich jedoch fälscht er seine Klassenarbeiten, die er dann seiner überkandidelten Mutter, die nur Einser akzeptiert, zum Unterschreiben vorlegt. Irgendwann eskaliert die Fälschung einer Physikklausur, und die Ereignisse spitzen sich zu …

Das Buch des 1977 geborenen deutschen Autors Thomas Klupp ist ein typischer Jugendroman. Es geht um erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, um Treffen mit Freunden, um Geldnöte und um die Probleme in Schule und Elternhaus. Großen Spaß macht die schnodderige Jugendsprache, die sich durch das gesamte Buch zieht, authentisch wirkt und dem Buch einen hohen Unterhaltungswert mit garantiertem Spaßfaktor verleiht.

Interessant ist, dass sich nicht nur Benedikt durchs Leben schwindelt, sondern beispielsweise auch sein Vater (mit einem steuerlich absetzbaren heimischen Operationssaal, den es nicht gibt), seine Mutter (mit nicht vorhandenen französischen und italienischen High-Society-Kontakten) und die Leiterin seiner Schule, die mit der (nur bedingt vorhandenen) MINT-Begabung ihrer Schüler punkten will. Und selbst Benedikts Freundin Marietta küsst ihn nur, um vor ihren Freundinnen mit einem tollen Boyfriend anzugeben. Das ist eine gesellschaftskritische Aussage, die über den reinen Unterhaltungscharakter dieses Romans hinausgeht.

Negativ könnte man anmerken, dass einige Passagen über das Fälschen von Klausuren und Zeugnissen etwas zu detailverliebt sind und sich demnach in die Länge ziehen.
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Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat.
Berlin Verlag, Septembver 2018.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Samstag, 27.10.2018

Autor: Andreas Schröter

Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel

Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel«Was für ein origineller Roman: Nino und Niko sitzen in ihrer Wohnung im georgischen Tiflis und beschwören aus Langeweile den Geist des griechisch-armenischer Esoteriker und Schriftstellers Georges Gurdjieff, der 1949 gestorben ist. Der Geist erscheint – und will partout nicht wieder gehen.

Irgendwann verfallen die drei auf die Idee, einen Millionär in die Wohnung zu locken und ihm hypnotisch aufzutragen, bis zum Abend jede Menge Geld zu bringen …

Der nur knapp 200 Seiten lange Text des 1973 geborenen georgischen Autors Zaza Burchuladze (Übersetzung: Maia Tabukashvili) ist skurril und aberwitzig. Er beinhaltet sicherlich eine auf die Heimat des Autors bezogene Gesellschaftskritik. Doch um die zu erfassen, müsste man die Mentalität der Bevölkerung dieses Landes besser kennen, als es die meisten deutschen Leser tun dürften. Auch ist Georges Gurdjieff hierzulande weitgehend unbekannt. Der Humor in diesem Buch trifft auch sicher nicht durchgehend den deutschen Humor. Als literarische Horizonterweiterung aber allemal interessant und somit insgesamt empfehlenswert. Einzig was der Titel „Der aufblasbare Engel“ mit dem Inhalt zu tun hat, erschließt sich nicht.
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Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel.
Blumenbar, September 2018.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Samstag, 13.10.2018

Autor: Immo Sennewald

Brehms Tierleben

Titelbild von Brehms TierlebenEin Lieblingsbuch meiner Kindheit darf ich wieder in der Hand halten: Meine Großmutter las uns daraus vor, es begleitete uns auf Wanderungen durch Wald und Flur, wo wir manchen seiner Protagonisten begegneten, einige schlüpften als Findelkinder zeitweise bei uns unter – Eichhörnchen und Igel zum Beispiel – den Kindern zur Freude, den Familienhunden zum Ärger. Meine Mutter zeichnete und malte, was wir dabei und im heimatlichen Thüringer Wald erlebten.

Unsere Originalbände von „Brehms Tierleben“ haben die Wechselfälle des Lebens nicht überstanden, unser Vergnügen an der Naturbeobachtung und am Umgang mit Tieren, das sie vor über 60 Jahren prägten, blieb. Texte und Illustrationen lesen und betrachten – das ist wie ein Wiedersehen mit sehr vertrauten Freunden nach langer Zeit. Zugleich erfreut es, weil Bildungsgänge ihren Wert beweisen, die seit 200 Jahren enzyklopädisches Wissen allen Schichten der Bevölkerung zugänglich machten. Ein Blick auf die Editionsgeschichte zeigt, welchen Rang Brehms Arbeit dabei beanspruchen darf, inzwischen gibt es sie auch in digitalisierter Form. Dem Dudenverlag ist die vorliegende Neuausgabe von Teilen des Gesamtwerkes zu verdanken; sie enthält Tiere die wir heute noch in freier Wildbahn oder Naturparks antreffen. Einband und Druck insbesondere der Graphiken machen sie zum willkommenen Geschenk.

Das 19. Jahrhundert war eines der Forschungsreisenden, der Lexika und Enzyklopädien. Mit Alfred Brehm und Hermann Julius Meyer, dem Sohn des berühmten „Lexicon-Meyer“, fanden sich zwei Große dieser Blütezeit. 1863 erschienen in dessen „Bibliographischem Institut“ die ersten sechs Bände des „Illustrierten Thierlebens“ mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert Kretschmer, in der zweiten Auflage ab 1876 unter dem heute geläufigen Namen „Brems Tierleben“ kamen farbige Illustrationen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt hinzu, deren Qualität Charles Darwin mit dem Lob bedachte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe.

Karsten Brensing hat eine kluge, gut lesbare Einführung geschrieben, die Brehms Leben und Walten – etwa als Zoodirektor in Hamburg und Berlin – mit der Entwicklung seiner Wissenschaft bis in die moderne Verhaltenspsychologie verknüpft. „…tatsächlich sind wir kaum weitergekommen“, schreibt er, „Brehm hat durch seine Herangehensweise, sich in Tiere hineinzuversetzen und sie zu vermenschlichen, viele Dinge bereits erkannt und aufgeschrieben, die die moderne Naturwissenschaft erst nach viel Zögern als bewiesen akzeptiert hat.“

Sowohl die Entwicklung der Arten wie die des Individuums lassen erkennen, dass tierisches und menschliches Verhalten eng verbunden sind. Wir leben und lernen voneinander und miteinander. Kaum ein anderes Forschungsfeld ist reicher, als die Untersuchung der dabei wirkenden genetischen, sozialen und psychischen Faktoren. Zum Vergnügen an Brehms Sprache und Erzählkunst gesellt sich also die Neugier, der Wissenschaft von heute bei der Arbeit zuzusehen. Wer ein Übriges tun will, besuche die Gedenkstätte in Renthendorf. Sie wurde 2012 bis 2018 generalsaniert. Jochen Süß beschreibt in einem kurzen Nachwort, wie dort auch das kostbare Erbe von Brehms Vater Christian Ludwig, eines emsigen Vogelkundlers, bewahrt wird.

Alfred Brehm, Karsten Brensing „Brehms Tierleben“, Dudenverlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-411-71782-8, 20 €

Donnerstag, 11.10.2018

Autor: oliverg

Neal Stephenson: The Diamond Age (Videoreview, deutsch)



Die Deutsche Ausgabe gibt es wohl nur noch Second Hand:

Samstag, 29.09.2018

Autor: Andreas Schröter

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte«Veblen ist verträumt, legt keinen Wert auf teure Kleidung und lebt in einer bescheidenen Hütte. Außerdem ist sie leicht versponnen, glaubt zum Beispiel, mit Eichhörnchen kommunizieren zu können. Ihr Freund Paul dagegen träumt von einem tollen Haus und lässt sich für seine berufliche Karriere als Arzt auf eine zwielichtige Firma ein, die auch vor Menschenversuchen nicht zurückschreckt.

​Man fragt sich bei Elizabeth McKenzies Roman „Im Kern eine Liebesgeschichte“ unweigerlich, was um Himmels Willen zwei so ungleiche Menschen voneinander wollen und wie sie bloß zusammengekommen sind.

Veblen und Paul planen ihre Hochzeit, doch als schwere Prüfung auf ihrem Weg zum Happy End erweist sich der Kontakt zu den Eltern beziehungsweise Schwiegereltern. Veblens egozentrische Mutter ist extrem schnell beleidigt und steigert sich in ihre eingebildeten Krankheiten hinein: eine Hypochonderin. Und Pauls Bruder Justin hat unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen, weswegen er leicht behindert ist, sich permanent danebenbenimmt und ganz schön nervig werden kann.

Sicher, man kann diesem Buch – wenn man es positiv betrachten will – durchaus eine gewisse „Romantik“, eine sympathische Spleenigkeit oder auch einen Hang zu poetisch-liebevollen Bildern attestieren.

Bei etwas nüchternerer Betrachtung möchte man aber eigentlich beiden Hauptfiguren nur zur möglichst baldigen Flucht aus dieser seltsamen Beziehung raten. Außerdem erscheint Veblens Eichhörnchen-Spleen auf Dauer doch an der Grenze zur Behandlungsbedürftigkeit.

Ein Ereignis gegen Ende des Romans, das hier nicht vorweggenommen werden soll, verändert die Situation. Witzig ist, wie Elizabeth McKenzie die Geschichte anhand von einigen Anhängen weitererzählt. ​Unterm Strich bleibt ein leicht zu lesender Unterhaltungsroman, den man vielleicht auch nicht zu ernst nehmen sollte.
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Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte.
DuMont Buchverlag, August 2018.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Mittwoch, 26.09.2018

Autor: Andreas Schröter

Tom Rachman: Die Gesichter

Tom Rachman: Die Gesichter«Einen spannenden und höchst empfehlenswerten Vater-Sohn-Roman hat der britisch-kanadische Autor Tom Rachman geschrieben. Hauptthema: Wie gelingt es Pinch, sich von seinem Über-Vater Bear Bavinsky zu lösen? Gelingt es ihm überhaupt?

Bear Bavinsky gehört zu den erfolgreichsten Malern seiner Generation, und sein Sohn himmelt ihn über alle Maßen an. Doch der große Künstler hat charakterliche Defizite. Er interessiert sich ausschließlich für sich selbst und verschleißt eine Frau nach der anderen. Am Ende kommt er auf 17 leibliche Kinder.

Tom Rachman erzählt diese Geschichte, die sich über viele Jahrzehnte erstreckt, aus der Sicht des Sohnes, der außer dem Talent fürs Malen keine Eigenschaft seines großen Vaters geerbt zu haben scheint. Er ist schüchtern und tut sich schwer im Umgang mit Frauen. Er findet schließlich eine Stellung als Italienisch-Lehrer, die ganz offenbar weit unter seinen intellektuellen Möglichkeiten liegt.

Erst in seinen späten mittleren Jahren findet er eine Möglichkeit, sein eigentliches Talent, das Malen, doch noch zu nutzen – und Tom Rachmans Buch hat plötzlich sogar Merkmale eines spannenden Thrillers.

Ein weiteres wichtige Thema dieses Romans ist die Kritik am Kunst- und Kulturzirkus – etwas, das der Autor durchaus mit viel Humor rüberbringt.
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Tom Rachman: Die Gesichter.
dtv, August 2018.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

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