Donnerstag, 25.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Graham Swift: Ein Festtag

Graham Swift: Ein Festtag«Ein zauberhaftes Büchlein legt der 1949 geborene englische Autor Graham Swift vor. Es heißt „Ein Festtag“ und spielt in einer Zeit, in der sich begüterte englische Familien noch Personal leisteten und es allgemein recht gesittet und förmlich zuging.

Zumindest nach außen hin – denn als die Familie, in der die junge Jane als Dienstmädchen arbeitet, am Muttertag 1924 einen Picknick-Ausflug ohne sie unternimmt, fährt die junge Frau schnurstracks zu ihrem Geliebten Paul. Der ist reicher Sprössling einer anderen begüterten Familie und soll demnächst standesgemäß verheiratet werden. Die beiden widmen sich an diesem herrlich frühlingshaften „Festtag“ vor allem einem: der körperlichen Liebe. Paul, der schnelle Autos liebt, hat seiner Familie und seiner Verlobten weisgemacht, dringend für sein Jura-Studium pauken zu müssen. Der Tag – soviel, aber auch nicht mehr, sei verraten – endet nicht gut.

Dieser nur 144 Seiten dicke Roman lebt von einer wunderschönen poetischen und erotisch aufgeladenen Atmosphäre. Man spürt förmlich die milde Frühlingsluft, wie sie in das Zimmer des mondänen Herrenhauses weht, in dem sich Jane und Paul vergnügen.

Und er lebt von dem, was nicht direkt gesagt wird, aber zwischen den Zeilen steht –zum Beispiel wie Paul zu seinem Jura-Studium und zu seiner künftigen Braut steht. Oder wie viel Janes Dienstherr von ihrer heimlichen Beziehung weiß.

Auch gelingt es dem Autor mit nur wenigen Worten, feinste psychologische Schwingungen seiner Hauptfiguren zu transportieren.

Swift kombiniert die Ereignisse des Jahres 1924 mit dem, was Jane in ihren späteren Jahren erlebt. Doch sogar als 90-Jährige, die mittlerweile eine erfolgreiche Schriftsteller-Karriere hingelegt hat, erinnert sie sich an diesen einen besonderen „Festtag“.
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Graham Swift: Ein Festtag.
dtv, Mai 2017.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Montag, 22.05.2017

Autor: Immo Sennewald

Einsame Größe und Netzwerk des Lebens: Die Pilze

Kein Lexikon oder Bestimmungsbuch – eine Entdeckungsreise

Wer das Staunen nicht verlernt hat, für den ist dieses Buch ein Fest. Robert Hofrichter hat das Verwundern seiner Kinderzeit über Artenreichtum, Formenvielfalt und delikaten Geschmack der Pilze zum Beruf gemacht: Er ist ein leidenschaftlicher Pilzforscher geworden. Er hat dabei, obwohl er über wahrhaft erschöpfende Kenntnisse verfügt, die Neugier ebenso bewahrt wie seine Entdeckerfreude – über die eigenen Arbeiten hinaus. Damit hat er mich derart angesteckt, dass ich unmöglich sagen könnte, welches der 16 Kapitel mich am meisten gefesselt hat.

Hofrichter führt seine Leser durchs unterirdische Reich der Mykorrhiza, wo die Wurzeln der Pflanzen von Pilzen umwoben werden, manche sogar Pilzfäden in ihr Inneres aufnehmen: Beider Stoffwechsel ergänzen einander – „bis dass der Tod sie scheidet“. Tatsächlich ist dieses Sachbuch voller Poesie, und zwar völlig kitschfrei und ohne anthropomorphe Sperenzchen. Sein sympathischer Grundton ist die Liebe des Autors zu seinem Gegenstand: Pilze sind ihm exemplarisch für das große, kostbare Geschenk des Lebens. Er erzählt, wie er seine Frau auf einer Pilzwanderung kennenlernte, wie beide alljährlich das Wachsen und den Wandel dieser eigenartigen Wesen verfolgen, er reist mit uns über Kontinente, durch Wüsten und Meere, er reist Jahrmillionen zurück in die Entwicklungsgeschichte oder in die Steinzeit, als „Ötzi“ den Zunderschwamm, einen Baumpilz, zum Feuer machen und als Heilmittel nutzte. Die alltägliche Begegnung mit dem Speisepilz verbindet er mit kulturhistorischen Anekdoten über Giftmörder, er kennt sich mit Pilzen im Schamanismus, in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) so gut aus wie in der Mikrobiologie, er zeigt, wie Blattschneiderameisen und Termiten lange vorm Menschen Pilze züchteten. Wir erfahren beim Lesen etwas über die Systematik der Biologie, und wie sie durch immer neue Erkenntnisse von Pilzen – etwa über Flechten – umgewälzt wird. Hofrichter erzählt das alles unangestrengt und unterhaltsam. Das kann nur einer, der gleichermaßen für seine Wissenschaft, fürs Schreiben und die Pädagogik begabt ist. Er verbindet Detailschärfe mit souveränem Überblick.

Zu dieser Befähigung gehört auch, wie er seine Quellen nutzt: Hofrichter bindet Zitate geschickt ein, merkt sorgsam an, bekundet historischen und zeitgenössischen Forschern seinen Respekt. Register und Fotos werden viele Pilzsucher anregen. Zum Schluss, nachdem er Arten- und Formenreichtum der Pilze,  ihr Miteinander mit anderen Lebensformen und den unschätzbaren Wert für die Natur und uns Menschen noch einmal gewürdigt hat, schaut Hofrichter in die Zukunft: Da bleibt unendlich viel zu erforschen, nicht nur was die Eigenarten der Pilze, sondern auch was ihre Rolle in der Biotechnologie und Ökologie anlangt.

Ich gestehe, kein unvoreingenommener Leser zu sein, denn ich bin von Kindesbeinen an „Pilzfan“. Das heißt: Publikationen zum Thema lese ich womöglich besonders kritisch. Wer Kindern Natur und Naturforscher nahebringen möchte – egal ob als Eltern, Lehrer oder in einer Organisation – darf sich getrost diesem Buch anvertrauen, denn es beweist, dass Unverstandenes, Unbeachtetes, Seltsames, auch Irrtümer die Arbeit des Forschers leiten – nicht das quotenverstärkt Banale und das vermeintlich am besten Verkäufliche. In diesem Sinn wäre ihm ein weniger werbeschwülstiger und einfallsloser Titel zu wünschen gewesen.

Robert Hofrichter „Das geheimnisvolle Leben der Pilze – Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt“, Gütersloher Verlagshaus, 240 Seiten, 19,99 €

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Freitag, 19.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Peter Schneider: Club der Unentwegten

Peter Schneider: Club der Unentwegten«Älterer Mann liebt jüngere Frau – das ist das Grundthema in Peter Schneiders Roman „Club der Unentwegten“. Roland, ein Privatgelehrter, verliebt sich in Manhattan in die charismatische Leyla. Für beide beginnt ein Liebesabenteuer voller Sex und Lebenslust. Aber schon bald kommen die typischen Probleme: Wie zum Beispiel geht Roland mit dem Kinderwunsch seiner jungen Geliebten um? Diverse Trennungen und Wiedervereinigungen sind die Folge.

Doch der Roman des 1940 geborenen Autors handelt nicht nur von Roland und Leyla, sondern auch von gleich einer ganzen Reihe von Bekannten Rolands, die offenbar alle dieselben Vorlieben für jüngere Frauen haben – der „Club der Unentwegten“. Treffen sie sich, kommt unweigerlich nach wenigen Minuten das Gespräch auf diese Gemeinsamkeit. Das wirkt auf Dauer etwas penetrant. Man sehnt sich als Leser fast nach einer Romanfigur, die mal von etwas anderem redet als von ihrer schier unglaublichen Liebesaffäre mit einer jungen Frau.

„Club der Unentwegten“ ist ein Unterhaltungsroman, der sich locker wegliest, der aber gelegentlich auch einen Hauch von jenen etwas unangenehmen Altmännersex-Phantasien verströmt, die man zuweilen den Spätwerken von Autoren wie John Updike, Martin Walser oder Philip Roth zuschreibt.
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Peter Schneider: Club der Unentwegten.
Kiepenheuer & Witsch, Mai 2017.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,00 Euro.

Montag, 15.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Jennifer Haigh: Licht und Glut

Jennifer Haigh: Licht und Glut«Die Energie-Industrie entdeckt einen kleinen heruntergekommenen Ort namens Bakerton in Pennsylvania für ihre Zwecke und macht den ortsansässigen Grundstückseigentümern verlockende Pachtangebote.

Das Städtchen hat den Niedergang von Kohle und Stahl nicht gut verkraftet, und so können die meisten Menschen, die dort leben, das Geld gut gebrauchen.

Doch „Licht und Glut“ ist weit davon entfernt, ausschließlich ein umweltpolitischer Roman zu sein. Schön ist vor allem, wie psychologisch genau die so unterschiedlichen Figuren in diesem Buch gezeichnet sind. Da ist Gefängniswärter Rich mit psychisch labiler Ehefrau und drogenabhängigem Bruder, da ist Pastorin Jess, die sich auf eine Affäre mit einem verheirateten Mitarbeiter einer der Erdgasfirmen einlässt, da sind die mannstolle Gia und ein lesbisches Paar, das sich der Bio-Landwirtschaft verschrieben hat und dem die Fracking-Pläne nicht gut in den Kram passen – um nur einige zu nennen. Die Vielzahl der Figuren ist das einzige, was man an diesem Roman vielleicht kritisieren könnte, denn sie macht ihn etwas unübersichtlich.

Ansonsten ist er ein hochaktuelles Stück Literatur, das zum Beispiel ganz nebenbei zeigt, wie die ländliche Bevölkerung in Regionen Amerikas tickt, die wirtschaftlich abgehängt sind – und warum sie dann möglicherweise sogar darauf kommt, in jemandem wie Donald Trump ihren Heilsbringer zu sehen.

Wobei das ein wohl eher unbeabsichtigter Nebeneffekt ist, denn der Roman ist im Original bereits 2016 erschienen, als der amerikanische Präsident noch Barack Obama hieß.
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Jennifer Haigh: Licht und Glut
Droemer, April 2017.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Samstag, 13.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Hendrik Groen: Tanztee: Das neue geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 85 Jahre

Hendrik Groen: Tanztee: Das neue geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 85 Jahre«Hendrik Groen ist wieder da. Nach seinem international so erfolgreichen Buch „Eierlikörtage“ (2016) folgt nun das zweite Tagebuch aus dem Altenheim in Amsterdam-Nord: „Tanztee“.

Und sofort ist der sympathische Groen-Sound wieder da – also die Stimme des mittlerweile 85-Jährigen, der sich gemeinsam mit seinen Freunden vom Seniorenheim-Club „Alanito“ (Alt, aber noch nicht tot) so viele schöne Stunden wie möglich macht – einer kaltherzigen Heimleitung, den eigenen Gebrechen und den teils miesepetrigen Mitbewohnern zum Trotz. So organisieren die hochbetagten Alanito-Mitglieder regelmäßige Restaurantbesuche in wechselnde Lokalitäten (unter anderem McDonald’s), fahren zum Aachener Weihnachtsmarkt oder setzen im Heim einen Tisch durch, an dem nicht über Krankheiten geredet werden darf. Das alles birgt zwar gegenüber dem Vorgänger keine wesentlichen Neuigkeiten, ist aber weise, sehr humorvoll und rundum sympathisch.

Und wie im Vorgänger begeht Groen nicht den Fehler, das Leben im Altenheim als rosarot zu schildern. Alt sein kann hart sein: Tod, Demenz oder unappetitliche Gebrechen wie Inkontinenz sind allgegenwärtig – und dennoch muss man seine letzten Lebensjahre nicht nur jammernd verbringen. Das ist die lebensbejahende Botschaft dieses Buches.

Hendrik Groen ist übrigens das Pseudonym des Amsterdamer Bibliothekars Peter de Smet.
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Hendrik Groen: Tanztee: Das neue geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 85 Jahre.
Piper, März 2017.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Donnerstag, 11.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Georg M. Oswald: Alle, die du liebst

Georg M. Oswald: Alle, die du liebst«Georg M. Oswald, ein 53-jähriger deutscher Autor, lässt seine Hauptfigur, den Anwalt Hartmut Wilke, nach Kenia reisen. Dort trifft er seinen Sohn Erik, zu dem er nie ein besonders gutes Verhältnis hatte.

Erik hat auf der (fiktiven) Insel Kiani für viel Geld eine Bar gekauft, die er seinem Vater nun stolz präsentieren möchte.

Doch auch Vater Hartmut hat gute Gründe, zumindest vorübergehend eine Auszeit von Deutschland zu nehmen. Beruflich hat er eine Steuerhinterziehungsklage am Hals, privat einen schlimmen Scheidungskrieg mit seiner Exfrau Clara. Doch der Trip, auf dem Hartmut von seiner 20 Jahre jüngeren Freundin Ines begleitet wird, scheint ein Erfolg zu werden …

Oswald schreibt seine Geschichte in einem recht nüchternen und faktenlastigen Stil. Dadurch entsteht beim Leser eine gewisse Distanz. Man taucht nicht in dem Maße in die Köpfe der handelnden Figuren ein, wie es wünschenswert wäre.

Die Reise läuft schnell aus dem Ruder. Irgendwelche Warlords, selbsternannte Inselherrscher oder obskure Polizeigeneräle machen Hartmut und seiner Freundin das Leben schwer. Was zunächst nur so aussieht wie der berühmte „clash of culture“, also das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen, wächst sich bald zur lebensbedrohenden Situation für das Paar aus. Zu allem Überfluss ist nicht klar, inwieweit Sohn Erik dabei seine Hände im Spiel hat.

Nach der Lektüre ist nicht klar, was Oswald, der übrigens mal den Berlin-Verlag geleitet hat, mit diesem Roman eigentlich sagen will. Es sieht aus wie dies: „Leute, lasst Eure Wohlstands-Sorgen in Ländern wie Deutschland hinter Euch, begebt Euch in die Knechtschaft irgendwelcher unberechenbaren Warlords in Afrika, und Ihr habt ein schönes Leben.“ Das kann ja wohl nicht gemeint sein. Es liest sich aber so.
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Georg M. Oswald: Alle, die du liebst.
Piper, März 2017.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Freitag, 05.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Heinz Strunk: Jürgen

Heinz Strunk: Jürgen«Jürgen Dose ist das, was man einen „armen Willi“ nennt. Er lebt als Mittvierziger mit seiner bettlägerigen Mutter zusammen und arbeitet als Wärter in einer Tiefgarage. Sein bester Freund Bernd sitzt im Rollstuhl und ist meistens schlecht gelaunt.

Doch Jürgens größtes Problem sind die Frauen. Es will ihm einfach nicht gelingen, eine Partnerin zu finden. Er trifft sich mit einer Internetbekanntschaft, geht zum Speed-Dating und lässt sich schließlich auf ein teures Wochenende in Polen ein – weil die Frauen da angeblich leicht zu haben sind.

„Jürgen“ ist ein witziges Buch, und man fühlt mit dem armen Helden, der von einer Pleite in die nächste durchs Leben taumelt.

Im Gegensatz zu Strunks vorigem Buch „Der goldene Handschuh“ ist „Jürgen“ ein reiner Unterhaltungsroman, in dem sich der Autor den Spaß erlaubt, eine Unmenge von mehr oder weniger abgenudelten Lebensweisheitssprüchen unterzubringen – wie: „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“ oder „Lache und die Welt lacht mit dir.“ Gelungen!

Heinz Strunk: Jürgen.
Rowohlt, März 2017.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Montag, 01.05.2017

Autor: oliverg

„Die Berge rufen“ von Patrick Brauns – Video-Review


Mittwoch, 26.04.2017

Autor: Andreas Schröter

Dan Vyleta: Smoke

Dan Vyleta: Smoke«„Smoke“ von Dan Vyleta ist ein Roman, der sehr stark beginnt, dann aber leider auch stark nachlässt. Grundannahme bei dieser Geschichte, die im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt, ist, dass die bösen Gedanken der Menschen in Form von Rauch sichtbar werden. Zwei Freunde, Thomas und Charlie, entdecken jedoch, dass es Ausnahmen gibt und machen sich auf, das Geheimnis zu ergründen.

Zuerst gelingt es dem 1974 geborenen kanadischen Autor mit Wurzeln im Ruhrgebiet, den Leser in die faszinierende Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters zu tauchen. Man denkt an Bücher von Charles Dickens, enge Londoner Gassen und skurrile Typen.

Mit wachsender Seitenzahl wird die Geschichte jedoch immer konfuser. Eine undurchschaubare Lady kommt vor, von der die beiden Freunde annehmen, dass sie irgendetwas Böses plant und dafür den besonders schwarzen Rauch von Verbrechern braucht. Ihr Sohn Julius, ein ehemaliger Mitschüler, trachtet unseren beiden Helden nach dem Leben. Aber wie das alles ganz genau zusammenhängt, kann man nach der Lektüre dieser über 600 Seiten bestenfalls erahnen. Aber vielleicht ist das ja letztlich gar nicht so wichtig. Nur bedingt empfehlenswert.
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Dan Vyleta: Smoke.
carl’s books, März 2017.
624 Seiten, Taschenbuch, 16,99 Euro.

Samstag, 22.04.2017

Autor: Andreas Schröter

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick«In dem kleinen Kaff Crozon in der Bretagne gibt‘s eine Bibliothek für alle Romane, die nie einen Verlag gefunden haben. Eines Tages findet sich dort jedoch ein Meisterwerk, das fortan die gesamte Welt der Literatur in Aufregung und Verzückung versetzt.

Das ist der Ausgangspunkt in David Foenkinos Roman „Das geheime Leben des Monsieur Pick“. Und der Autor des Fundstücks ist in dem Dörfchen kein Unbekannter. Es ist der Pizzabäcker Henri Pick. Doch niemand kann sich vorstellen, dass er, den man niemals mit einem Buch in der Hand gesehen hat, wirklich in seiner knappen Freizeit heimlich einen Roman geschrieben haben soll.

Das klingt nach einem schönen Märchen, bei dem alle unbekannten und zurückgewiesenen Hobbyautoren dieser Welt – und das sind verdammt viele – feuchte Augen bekommen dürften. So gesehen ein gut geplanter Bestseller mit klarer Vorstellung vom Zielpublikum. Der Text liest sich flüssig und leicht herunter und mündet zum Ende hin sogar noch in eine krimiähnliche Handlung, denn nicht alle Figuren sind davon überzeugt, dass der Pizzabäcker wirklich ein Schriftsteller ist.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ist ein gutes Buch für den Strand oder die U-Bahn – also für alle Gelegenheiten, in denen man sich nicht sonderlich konzentrieren muss.

Kehrseite der Medaille: Man kann dem Werk des 1974 geborenen Franzosen eine gewisse Oberflächlichkeit attestieren. Der Autor kommt von Hölzchen auf Stöckchen und widmet sich immer wieder Details und Nebenschauplätzen, die gar nichts mit dem Fortgang der Handlung zu tun haben. Man könnte meinen, er wolle auf diese Weise Zeilen schinden, um am Ende auf eine angemessene Buchlänge zu kommen. Auch wirkt der Text stilistisch gelegentlich etwas hölzern.

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick.
Deutsche Verlags-Anstalt, März 2017.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 19.04.2017

Autor: Andreas Schröter

Patrick Flanery: Ich bin niemand

Patrick Flanery: Ich bin niemand«Sehr viel innerer Monolog, wenig Handlung – auf diesen kurzen Nenner lässt sich der Roman „Ich bin niemand“ des 1974 geborenen US-amerikanischen Autors Patrick Flanery bringen.

Ein Geschichts-Professor, der an der New York University lehrt und das zuvor zehn Jahre lang in Oxford getan hat, erhält plötzlich seltsame Pakete, die ihm zeigen, dass sein Leben komplett überwacht wird. Doch warum geschieht das? Er ist doch – in Anlehnung an den Titel – „ein Niemand“. Hängt es möglicherweise mit einer Affäre zusammen, die er mal mit einer ägyptischen Studentin hatte?

Der Roman, der in Zeiten von NSA-Überwachung und Terrorismus-Angst sehr aktuelle Themen aufgreift, kommt wegen einer gewissen Langatmigkeit ein wenig schwerfällig daher. Kürzungen täten hier not. Auch bleiben die handelnden Personen seltsam unscharf. Das gilt sogar für den Professor selbst, in dessen Kopf man sich immerhin 400 Seiten lang befindet.
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Patrick Flanery: Ich bin niemand.
Karl Blessing Verlag, März 2017.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Dienstag, 18.04.2017

Autor: oliverg

Fruttero/Lucentini: Wie weit ist die Nacht (Video)

Montag, 17.04.2017

Autor: Andreas Schröter

Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo

Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo«Kerstin Preiwuß, eine 1980 geborene deutsche Autorin aus Mecklenburg, widmet sich nun schon in ihrem zweiten Roman den Menschen, die irgendwo auf dem Lande leben, ihre Schrullen pflegen und wenig mit dem modernen Leben in den Städten zu schaffen haben.

War es in „Restwärme“ (2014) eine etablierte Geologin, die sich nach Jahren wieder den beengenden Verhältnissen bei ihrer Familie in der mecklenburgischen Provinz stellen muss, ist es in ihrem neuesten Werk „Nach Onkalo“ ein Mann, der nach dem Tod seiner Mutter Schwierigkeiten hat, allein Fuß zu fassen.

Matuschek, so heißt dieser Mann, wohnt irgendwo in der Knüste. Außer seinem Taubenschlag hat er nichts. Gut, es gibt eine russische Nachbarsfamilie, die ihm hilft, und den alten und kranken Witt, der ebenfalls Tauben züchtet.

Erst als er Irina kennen lernt, scheint sich sein tristes Leben zum Besseren zu wenden. Aber hält das Glück an? Und behält er seinen Job als Wetterbeobachter auf dem Flughafen, an dem er sehr hängt, in Zeiten der zunehmenden Automatisierung?

Schön an den Büchern von Kerstin Preiwuß ist eine langsame und ruhige Erzählweise, die das etwas dumpfe, manchmal sogar deprimierende, aber auch unaufgeregte Leben auf dem Land gut auf den Punkt bringt. Beide Bücher leben von einer ganz eigenen Atmosphäre, die den Leser in ihren Sog zieht. Kerstin Preiwuß schreckt dabei keineswegs vor rauen Details zurück – zum Beispiel, wenn es um die etwas unappetitlichen Schwierigkeiten beim Stuhlgang ihres Helden geht.

Immer jedoch scheint eine gewisse Sympathie für ihre schrulligen Hauptfiguren durch. Es geht der Autorin keineswegs darum, sie vorzuführen und mit dem Finger auf sie zu zeigen, um ihre ganze Rückständigkeit und geistige Beschränktheit darzustellen. Im Gegenteil: Ihr Roman handelt auch von Verbundenheit und Freundschaften, die weit weg von jeder Oberflächlichkeit sind.
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Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo.
Berlin Verlag, März 2017.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Mittwoch, 12.04.2017

Autor: Immo Sennewald

Chinakinder

Kein Bedarf mehr an „Rote Sonne Mao Zedong“

Dieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil es die besondere Lage der jungen Menschen in ihrer speziellen politischen, ethnischen, wirtschaftlichen und familiären Umgebung ausleuchtet. Der Leser erfährt so zugleich etwas über die Mannigfaltigkeit von Problemen, die etwa infolge der Ein-Kind-Politik entstanden – und China eine überalterte Bevölkerung sowie Mangel an Frauen im Heiratsalter bescherten. Zu beinahe jedem dieser zahllosen Probleme finden die Chinesen originelle Lösungen, oft als Schlupflöcher in den starren staatlichen Regelsystemen. Beispiel „Hukou“, die „Haushaltsregistrierung“: Kein Chinese darf seinen Wohnort frei wählen. Dadurch können Wanderarbeiter – es sind Hunderte Millionen – Sozialleistungen nur am ursprünglichen Wohnort beziehen, nur dort dürfen ihre Kinder zur Schule gehen.  Millionenfach müssen sich Familien trennen. Das System ist ebenso dysfunktional wie „Gaokao“, die Zugangsbestimmungen für Hochschulen. Korruption und Bürokratie sind auch infolgedessen monströs. Umso mehr verblüffen der Mut und Einfallsreichtum vieler Heranwachsender.

Egal ob Punk, an der Leistungsgrenze schuftender Wander- oder treuer Parteiarbeiter, egal ob „Tochter aus reichem Haus“ mit unternehmerischem Ehrgeiz, Feministin oder Homosexueller: Bei den meisten findet sich neben der Neugier auf die Welt und dem Wunsch, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, eine grundlegende Loyalität zum eigenen Land. Wenn der Wunsch nach Freiheit sich mit dem nach sozialer Verantwortung verbindet, hängt das gleichwohl eher mit traditionellen Verpflichtungen auf die Familie als mit politischen Motiven zusammen.

Im kommunistischen China hilft unpolitischer Pragmatismus zu überleben. Totalitäre Herrschaft unterdrückt Konflikte und erlegt Medien Zensur und Selbstzensur auf. Die Bruchlinien zeigen sich am Verhältnis zu Hongkong und Taiwan; dort treten viele junge Menschen entschieden für demokratische Entwicklung ein, den Nationalismus aus Peking lehnen sie ab. Der weltweite Austausch vor allem von Studenten arbeitet ihnen zu.

Jörg Endriss und Sonja Maaß beschreiben neben Metrolpolen auch dörfliches Leben. Sie sind weit gereist – etwa in die Provinz Yunnan im Südwesten. Die Artikel von dort zeigen den Farbenreichtum des Riesenreiches, auch ins Buch eingebundene Fotos wecken die Lust, es kennenzulernen. Anmerkungen im Glossar helfen zum Verständnis, auch das gescheite Nachwort, das wichtige wirtschaftliche, politische, kulturelle Gegebenheiten zusammenfasst. Die Autoren trafen auf neugierige, aufgeschlossene junge Menschen, die ihre Wünsche und Ziele an einem weiten Horizont suchen. Die rote Sonne Mao Zedong hat außerhalb der politischen Doktrin keinen Widerschein mehr.

Jörg Endriss, Sonja Maaß „Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt“

Conbook-Verlag, 410 Seiten, 12,95 €

Sonntag, 09.04.2017

Autor: Andreas Schröter

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster«Dieses Buch ist kein Roman. Der promovierte Historiker Florian Huber hat vielmehr Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und andere Zeitzeugnisse aus der Nachkriegszeit in Deutschland ausgewertet, um daraus ein interessantes Gesamtbild der ersten Jahre ab 1945 zu zeichnen.

In dieser Collage kommen Frauen vor, die ohne Mann die Familie durchbringen müssen, Kinder, die ohne Vater aufwachsen, und Männer, die aus dem Krieg zurückkehren und sich im Nachkriegs-Deutschland und in ihrer veränderten Familie nicht mehr zurechtfinden. Das Buch zeigt auch, wie sehr diese Zeit noch von Alt-Nazis geprägt war, die sich schnell wieder in einflussreichen Positionen wiederfanden. Und über allem liegt das Übereinkommen, über die zwölf Jahre Nazi-Herrschaft möglichst zu schweigen.

Wer immer geglaubt hatte, die 50er-Jahre seien nach dem grausamen Krieg eine Zeit der blühenden Lebensfreude gewesen, wird hier eines Besseren belehrt. Über allem scheint als Schatten des Krieges eine gewisse Dumpfheit zu lasten. Kritikpunkt ist, dass die Schicksale der Menschen, die der Autor hier vorstellt, nicht nacheinander erzählt werden, sondern durcheinander. Das führt dazu, dass der Leser eine Vielzahl von Namen parat haben muss, um stets den Überblick zu behalten.
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Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster.
Berlin Verlag, März 2017.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Mittwoch, 05.04.2017

Autor: Andreas Schröter

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles«Eine wunderschöne, lebensbejahende Geschichte mit viel Faible für alles Verrückte hat der Franzose Olivier Bourdeaut geschrieben – und dafür alle wichtige Literaturpreise in Frankreich gewonnen. Er führte die Bestsellerliste in seinem Land an. Zum Glück für alle Literaturfans liegt das Büchlein jetzt auch auf Deutsch vor.

Georges liebt seine schillernde Frau, der er jeden Tag einen anderen Namen verpasst. Das Paar, das mit Sohn und einem großen Vogel namens Taugenichts zusammenlebt, tanzt in den Tag hinein – am liebsten zu dem alten Nina-Simone-Song „Mr Bojangles“, trinkt viel Alkohol und feiert mit guten Freunden. Auf die Normen dieser Welt pfeift das Paar. So nimmt es den Sohn kurzerhand aus der Schule, als sich die Lehrerin darüber beklagt, dass er nur nachmittags erscheint. Doch das Glück hat ein Ende, als die Dame des Hauses den Bogen überspannt und sich ihre kleinen Überspanntheiten mehr und mehr in echten Irrsinn steigern.

Trotzdem: Das, was dieses Buch ausmacht, wird bereits durch das Eingangszitat von Charles Bukowski umrissen: „Manche Menschen werden nie verrückt. Welch wahrhaftig grauenvolle Leben müssen sie doch führen!“

Man sollte dabei diese 150 luftig bedruckten Seiten nicht allzu ernst nehmen. Das Ganze ist ein schönes Märchen zum Träumen, das mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Ein Märchen über eine unzerstörbare Liebe, über Musik und über Menschen, denen es gelingt, den schnöden Alltag einfach auszusperren – mit einem traurig-schönen Ende, bei dem Zartbesaitete Taschentücher bereitlegen sollten.

Die Geschichte ist abwechselnd aus der Perspektive von Ehemann Georges und dem namenlosen Sohn geschrieben, was für Abwechslung sorgt.

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles.
Piper, März 2017.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Montag, 06.03.2017

Autor: oliverg

Die Netzwerker-Fibel

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