Samstag, 23.07.2016

Autor: Andreas Schröter

P. B. Gronda: Straus Park

P. B. Gronda: Straus Park«Der Roman des flämischen Autors Paul Baeten Gronda, „Straus Park“, fängt etwas schwergängig an. Man hat Schwierigkeiten, sich die Figuren wirklich vorzustellen, sie wirken nicht lebendig. Ein steinreicher Playboy namens Amos Grossman gleitet etwas wahllos, so scheint es, von einer Liebesaffäre zur nächsten. Warum er diese oder jene Frau verehrt und dann wieder nicht, bleibt für den Leser wenig nachvollziehbar.Doch wer diese ersten etwas spröden und distanziert wirkenden Seiten übersteht, der wird mit einem Roman entschädigt, der ganz unerwartet einen starken Sog entfaltet. Da entspinnt sich plötzlich eine fast thrillerartig spannende Handlung, die im besetzten Amsterdam in der Nazizeit ihren Anfang nimmt. Die lebenshungrige Jüdin Charlotte Grossman versteckt sich dort mit ihrem Mann Markus bei Verwandten und Freunden, nachdem sie aus Deutschland geflohen ist. Doch dann entdeckt sie ihre Liebe zu einem Nazi und wird zur Verräterin. Mit tödlichen Folgen.

Und mit Folgen für ihre ganz persönliche Zukunft, denn es gelingt ihr, sich wertvolle Kunstschätze zu sichern, die den Grundstein für ihren späteren Reichtum legen sollen.
Als sich rund 70 Jahre später Charlottes Enkel Amos in New York in die Kunsthistorikerin Julie verliebt, wird auch er auf die uralten Geschichten aus düsteren Zeiten gestoßen, denn die faszinierende Julie ist viel mehr als das, was sie vorgibt zu sein …

P. B. Gronda, geboren 1981, der in Belgien und den Niederlanden bereits ein erfolgreicher Autor ist, gelingt in seinem vierten Roman – dem ersten, der auch auf Deutsch erscheint –, eine geschickt konstruierte Geschichte, die mitreißt und über die man noch lange nachdenkt, nachdem man das Buch geschlossen hat.

Und ganz nebenbei erfährt man einiges über das Thema Kunstraub in der Nazi-Zeit und seine Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.
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P. B. Gronda: Straus Park.
Luchterhand Literaturverlag, Juni 2016.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

Sonntag, 17.07.2016

Autor: rwmoos

Literarische Cartoons

Mein Kommentar zum Buch:

RWM

Reinhard W. Moosdorf, Tüchersfeld, Juli 2016

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Sonntag, 17.07.2016

Autor: rwmoos

Bernhard Aichner: Interview mit einem Mörder

Statt-Gespräch

– Den neuen Krimi von Bernhard Aichner gelesen?
– Welchen?
– „Interview mit einem Mörder“.
– Habe ich, mein Freund, habe ich.
– Und?
– Was und?
– Hast Du ihn verstanden?
– Habe ich wohl. Sind alles kurze Sätze. Hauptsätze oder Gedankenfetzen. Kaum Nebensätze. Verstehe sogar ich.
– Nein, ich meinte eher so inhaltlich: Das Spiel des Psychopathen, die überraschenden Wendungen?
– Welche überraschenden Wendungen?
– Na, dann eben die nicht überraschenden Wendungen.
– Ach die … Klar, war auch für mich zu verstehen. Könntest Du im Übrigen in Zukunft etwas freundlicher formulieren, dass Du mich für beschränkt hältst?
– Ich arbeite dran.

Die beiden Freunde, der alternde ehemalige Fußballstar und der letzte Totengräber, der noch per Hand schaufelt und nebenberuflich Aichners Krimihelden gibt, stießen miteinander an und süffelten an ihrem Bier. Österreichischer Abkunft. Fade und und ohne jeden Geschmack, wie es österreichische Biere sich nun einmal zu ihrem Markenzeichen erkoren haben

– Das Buch soll demnächst von den Amis verfilmt werden.
– Die nehmen auch alles, die Amis.
– Kuba hatte vorher dankend abgelehnt.

Beide kichern. Sie liebten diese Gespräche, die sie gern als tiefschürfend bezeichnen.

– Wird aber Probleme geben.
– Probleme?
– Na, der einzige Schwarze in dem Buch ist ein kiffender Priester mit einem großen … naja, du weißt schon. Wird zwar positiv dargestellt, aber wenn das nicht blanker Rassismus ist … Da haben die Amis doch derzeit genug mit zu kämpfen.
– Macht nix. Von Österreich lernen heißt derzeit: Siegen lernen.
– Dass der psychopathische Mörder hauptberuflich Deutscher ist, wird in Deutschland auch nicht jedem schmecken.
– Die Deutschen halten das Maul. Die haben uns schon ganz andere Figuren abgenommen.

Wieder kichern beide und geben sich auch fürderhin derartigen Gesprächen hin.

Erst vor Kurzem waren sie von ihren neuen Frauen, einer Journalistin und einer Krankenschwester, wieder verlassen worden. „Ihr werdet nie jemand verstrahlen“, so die Journalistin, „Eure Halbwertzeit ist einfach zu kurz.“ Da war die Krankenschwester mit den im Buch angesammelten Hanfvorräten schon über alle Berge.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, den 14.07.2016

Donnerstag, 14.07.2016

Autor: Andreas Schröter

Eddie Joyce: Bobby

Eddie Joyce: Bobby«Das Grundthema im Debütromans des US-amerikanischen Autors Eddie Joyce – Trauer – klingt nach einem trübseligen, tieftraurigen Buch.

Doch das ist „Bobby“, so heißt das Werk, gar nicht. Der Roman zeigt vielmehr, wie jeder Familienangehörige mit dem Verlust der Titelfigur fertig wird, der als Feuerwehrmann bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York umkam. Und wie das Leben mit all seinen Ärgernissen, kleinen Freuden, Flirts, Partnerschaftsproblemen und dem ganzen Alltagswahnsinn, dem wir alle permanent ausgesetzt sind, trotz allem einfach weitergeht.

Die einzelnen Kapitel sind dabei aus unterschiedlichen Sichtweisen geschrieben. Mutter Gail und Vater Michael kommen genauso zu Wort wie Bobbys Brüder Peter und Franky, der eine erfolgreicher Anwalt mit Eheproblemen, der anderen Alkoholiker mit allen möglichen Problemen.

Heikel wird‘s, als Bobbys Ex-Frau Tina mit einem neuen Lover aufkreuzt. Hält das brüchige Konstrukt der Selbstbeherrschung? Ein schönes Buch!
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Eddie Joyce: Bobby.
DVA, Juni 2016.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 08.07.2016

Autor: Andreas Schröter

John Darnielle: Wolf in White Van

John Darnielle: Wolf in White Van«Ein ungewöhnlicher und intensiver Roman ist dem Sänger der US-amerikanischen Band „The Mountain Goats“ gelungen. John Darnielle heißt der Autor, „Wolf in White Van“ sein Roman.

Geschrieben ist das Buch aus der Sicht eines jungen Mannes, der durch ein zunächst nicht näher beschriebenes Ereignis in der Vergangenheit sein Gesicht verloren hat. Es ist vollkommen entstellt und ruft Entsetzen bei allen hervor, die es erstmals sehen. Deswegen verlässt Sean, so heißt der Mann, kaum seine Wohnung. Von dort aus managt er ein Brief-Fantasyspiel, einem Vorläufer der heutigen Online-Rollenspiele.
Sein einsames, aber einigermaßen geordnetes Leben ändert sich, als zwei Spieler dieses Spiel allzu ernst nehmen und das, was sie dort tun sollen, in die Wirklichkeit übertragen. Mit fatalen Folgen …

Doch „Wolf in White Van“ handelt nicht nur von diesem Fall. Es ist ein Buch, das sich mit fast existenziellen Fragestellungen über den Sinn oder Unsinn, der hinter allem steckt, auseinandersetzt.

Beispiel dafür ist schon der ungewöhnliche Titel. Es soll sich dabei um eine satanische Botschaft handeln, die man hört, wenn man eine Platte des Sängers Larry Norman rückwärts abspielt. Hauptfigur Sean stellt sich im Buch die Fragen: Warum sollte sich der Teufel eine solche Mühe mit seinen Botschaften machen? Warum sagt er nicht direkt, was er will? Und welche Botschaft steckt in „Wolf in White Van“ überhaupt genau? Vielleicht ist das alles ja genauso Unsinn wie vieles andere um uns herum – so ist eine Deutungsmöglichkeit für dieses Buch.

„Wolf in White Van“ ist kein Roman, in den man nach einem anstrengenden Arbeitstag wohlig eintauchen kann, um sich zu entspannen. Man muss sich etwas konzentrieren, aber dafür hallt das Gelesene noch lange nach.
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John Darnielle: Wolf in White Van.
Eichborn Verlag, Mai 2016.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Dienstag, 05.07.2016

Autor: oliverg

„Gegen Vorurteile“ Horaczek/Wiese


Dienstag, 05.07.2016

Autor: Andreas Schröter

Homer Hickam: Albert muss nach Hause

Homer Hickam: Albert muss nach Hause«Einen Unterhaltungsroman im allerbesten Sinne legt der amerikanische Ingenieur und Schriftsteller Homer Hickam, der Jüngere, vor. Er beschreibt die aberwitzige Reise seiner Eltern in den 30er-Jahren mit einem Alligator und einem Hahn von West-Virginia nach Florida.

Weil Homer Hickam, der Ältere, nicht länger mit dem Alligator Albert unter einem Dach leben will, beschließen er und seine widerborstige Frau Elsie, das Tierchen in Florida freizulassen. Ein namenloser Hahn schließt sich dem Unternehmen an.
Doch bis es dazu kommt, haben die Vier jede Menge Abenteuer zu bestehen. Sie fallen in die Hände von Schmugglern, überleben nur knapp einen Tornado, helfen bei einem Filmdreh, treiben hilflos auf dem offenen Meer und treffen auf frühe Gewerkschafter – um nur einiges zu nennen. Doch all ihren vielseitigen Abenteuern ist eines gemeinsam: Immer sind sie humorvoll und so rasant geschrieben, dass man schnell weiter lesen möchte.

Und auch wenn „Albert muss nach Hause“ Unterhaltungsliteratur ist, heißt das keineswegs, dass die Figuren flach gezeichnet wären. Schnell schließt man den ruhigen, liebevollen und hilfsbereiten Homer genauso ins Herz wie seine Frau Elsie, die immer noch von ihrem Ex-Liebhaber Buddie, einem Tänzer, träumt, der ihr einst den geliebten Alligator geschenkt hat, und die nicht weiß, ob Homer wirklich der richtige Ehemann für sie ist.

Und sogar Alligator Albert hat gewisse Charakterzüge: Wenn er sich freut, macht er „Yeah, Yeah, Yeah“ und wenn nicht „No, No No“. Dass dieses Verhalten zumindest nicht hundertprozentig mit dem von real existierenden Alligatoren übereinstimmen dürfte, macht rein gar nichts. Und das gilt selbstverständlich für die gesamte Reise von Homer Hickams Eltern: Wen interessiert es schon, wie wahr das alles ist. Gut erzählt ist es allemal, und allein das zählt bei einem Roman.
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Homer Hickam: Albert muss nach Hause.
HarperCollins, Juni 2016.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Donnerstag, 30.06.2016

Autor: Andreas Schröter

Robin Black: Porträt einer Ehe

Robin Black: Porträt einer Ehe«Was macht ein Seitensprung mit einer Ehe? Kann es gelingen, nach einem solchen Vorfall wieder Vertrauen zueinander aufzubauen? Und was passiert, wenn dieses Vertrauen erneut erschüttert wird? Mit solchen Fragen befasst sich der Debütroman der US-amerikanischen Schriftstellerin Robin Black. „Porträt einer Ehe“ heißt er.

Das Künstlerpaar Augusta „Gus“ und Owen lebt abgeschieden auf einem ländlichen Anwesen. Sie malt, er schreibt. Weil Gus vor Jahren fremdgegangen ist und den Seitensprung gebeichtet hat, liegt jedoch ein Schatten auf der Ehe, den das Paar im Alltag mehr oder weniger erfolgreich zu überspielen versteht.

Die Situation ändert sich, als im Nebenhaus die geschiedene Alison einzieht, die sich ebenfalls als Malerin versucht. Und dann kommt auch noch Tochter deren schöne Tochter Nora zu Besuch …

Robin Blacks Roman, der aus Gus‘ Sicht geschrieben ist, gleitet über weite Strecken ruhig, aber sehr einfühlsam dahin. Robin Black gelingt es, kleinste Gefühlsnuancen und Stimmungen auszuloten und sichtbar zu machen.

Ein – wichtiges – Unterthema dieses Romans, der im englischsprachigen Original auf die Longlist des Flaherty-Dunnan First Novel Prize gekommen ist, ist die Kunst. Inwieweit beeinflusst der Gemütszustand die Kreativität des Künstlers? Gibt es tatsächlich so etwas wie eine Muse?

Der ruhige gefühlsbetonte Erzählfluss dieses Romans ändert sich mit dem überraschenden und sehr drastischen Ende sehr abrupt und unvermittelt. Es will nicht recht zu Stil und Tenor der 300 vorherigen Seiten passen und schmälert den durchaus guten Gesamteindruck ein wenig.

Robin Black lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Philadelphia. Ihre Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht worden, und sie hat Stipendien der Leeway Foundation und der MacDowell Colony erhalten. Heute lehrt sie am Brooklyn College.
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Robin Black: Porträt einer Ehe.
Luchterhand, Mai 2016.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 28.06.2016

Autor: Andreas Schröter

Joann Sfar: Pietrs Reise

Joann Sfar: Pietrs Reise«An dem französischen Mehrspartenkünstler Joann Sfar scheiden sich die Geister. Die einen finden das, was er macht, genial, die anderen halten es für einen unerträglichen Schwachsinn. Und wie wahrscheinlich immer in solchen Fällen, sind die Grenzen hier fließend.

Sfar, geboren 1971, hat seine größten Erfolge als Comicautor. Seit Kurzem jedoch versucht er sich auch als Romanautor. Sein erstes Buch „Der Ewige“ (2015) kam bei den deutschen Kritikern weniger gut an – nun liegt mit „Pietrs Reise“ Roman Nummer zwei vor. Und ähnlich wie in einem Comic driftet die Handlung schrill und atemlos dahin und schlägt einen Looping nach dem anderen.

Ein Beispiel vom Anfang: Weil Pietr sich nicht von seinem toten Vater trennen kann, nimmt er ihn in einem mit Wasser gefüllten Tank mit, in den er zusätzlich Fische gibt. Was er dabei nicht bedenkt: Es handelt sich um fleischfressende Fische, sodass der Vater bald nur noch aus einem Skelett besteht. Den bekümmert das aber nicht weiter. Er schaut sich das Ganze von einer Wolke im Himmel an, während er mit dem Philosophen Spinoza und Gott palavert. Gott übrigens spielt zuweilen lieber Badminton, als sich das Desaster auf der Erde anzusehen.

Entscheiden Sie selbst, ob Sie das lustig finden wollen. Bei mir wechselten sich lautes Lachen und Kopfschütteln ab. Aber 490 Seiten sind definitiv zu lang für eine solche Art von Literatur. Als Comic hätte es mir vermutlich besser gefallen.
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Joann Sfar: Pietrs Reise.
Eichborn, Mai 2016.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Montag, 27.06.2016

Autor: oliverg

Dale Carnegie:  How to win friends and influence people

Montag, 27.06.2016

Autor: Andreas Schröter

André Kubiczek: Skizze eines Sommers

Saša Stanišic: Fallensteller«Ein luftig-leichter Roman über die Probleme beim Erwachsenwerden ist dem 1969 geborenen Berliner Autor André Kubiczek gelungen. „Skizze eines Sommers“ heißt er – und obwohl er 1985 in der DDR spielt, können sich sicherlich auch Leser mit vielen Situationen identifizieren, die nicht dort aufgewachsen sind.

Es sind Sommerferien, und der gerade 16-jährige René hat sturmfreie Bude, weil sein Vater beruflich für mehrere Wochen Teilnehmer der Friedenskonferenz in Genf ist. Renés Hauptproblem in dieser Zeit ist die Frage, ob er sich bei der Suche nach einer Freundin auf die schöne Bianca, die intellektuelle Rebecca oder ein Mädchen konzentrieren soll, dessen Namen er nicht kennt. Irgendwie haben alle ihren Reiz.

Und dann sind da natürlich auch noch die Freunde Michael, Dirk und Mario, die ihr Recht fordern, die Zigaretten, der Alkohol und die sonntägliche Jugenddisko, in der man gut aussehen muss – und wenn man dafür seine Schuhe schwarz lackieren muss. Und täglich steht erneut die Frage an, ob man die Haare nach links oder nach rechts legen soll.

Sicher, manches in diesem Buch, das in Potsdam spielt, ist typisch DDR – wie die verzweifelte Suche der Freunde nach geeigneter Literatur. Bücher von Baudelaire oder Rimbaud etwa, die die möchtegern-intellektuellen Freunde besonders mögen, waren damals in der DDR schwer zu bekommen.

Bei dem Allermeisten dagegen dürfte die Mehrzahl der Leser denken: Ach ja, genau so war das damals, als ich selbst 16 war.

Auch wenn unter Renés scheinbarer Oberflächlichkeit ein Problem lauert – der Tod seiner Mutter – wird „Skizze eines Sommers“ wohl keinen Preis für besondere Tiefsinnigkeit bekommen. Aber was macht das schon, wenn man dafür ein herrlich entspannendes Büchlein für den Sommer am Strand hat, das sich leicht runterlesen lässt?!
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André Kubiczek: Skizze eines Sommers.
Rowohlt, Mai 2016.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Freitag, 24.06.2016

Autor: oliverg

Matthias Stelzle aus Bersenbrück in Niedersachsen den Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels 2015/16 für sich entschieden

Gratulation und super gelesen:

Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Montag, 20.06.2016

Autor: Andreas Schröter

Saša Stanišic: Fallensteller

Saša Stanišic: Fallensteller«Nach seinen beiden Romanen „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) und „Vor dem Fest“ (2014) legt der deutschsprachige Autor mit Wurzeln in Bosnien und Herzegowina, Saša Stanišic, nun einen Erzählband vor. „Fallensteller“ heißt er. Und „Fallensteller“ heißt auch die beste und längste Geschichte in diesem Buch. Stanišic kehrt darin nach Fürstenfelde zurück, jenem halbfiktiven Ort aus „Vor dem Fest“. Fürstenwerder in Nord-Brandenburg diente als Vorlage. Und wie im Roman beschreibt der 38-Jährige das dörfliche Geschehen in einem humorvollen und zugleich poetischen Stil. Ihm gelingt dabei das Kunststück, die oft provinziell anmutende Sichtweise der Dorfbewohner zwar aufzuzeigen, die Menschen aber niemals bloßzustellen. Immer schreibt er – so scheint es – mit großer Sympathie für die Landbevölkerung. Zum Beispiel wenn sie sich über die befürchtete Ausbreitung von Wölfen echauffieren.

Auch die Geschichten, in denen Mo irgendwelchen Traumfrauen nachjagt und damit sich und den Ich-Erzähler bei Kunst-Ausstellungen oder Aktivisten-Treffen in skurrile Situationen bringt, sind gelungen – auf sympathische Weise nehmen sie solche Events ein bisschen hoch.

Anderes dagegen wirkt etwas verschroben-sperrig und man hat Schwierigkeiten, diesen Geschichten zu folgen.

Insgesamt aber empfehlenswert.
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Saša Stanišic: Fallensteller.
Luchterhand, Mai 2016.
280 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 15.06.2016

Autor: rwmoos

Jürgen Rainer Schneider: Das All und Wir

Neues vom Lauterbach-Laubenvogel
oder
Was ist der Gegen-Satz zu Philosophie?

Ich habe mich schon oft gefragt, warum Leute, die in wissenschaftlicher Hinsicht exzellente Denkleistungen vorweisen können, derart luschig mit religiösen Fragestellungen umgehen. So á la: Die Gottesfrage überlasse ich den Theologen. Mit dieser Prämisse kann man dann einerseits an Bosonen forschen, andererseits katholische (oder anderweitige) Frömmigkeiten praktizieren.

In seinem Buch „Das All und Wir“ versucht Jürgen Rainer Schneider eine Philosophie zu entwickeln, die die derzeitigen wissenschaftlichen Errungenschaften einbezieht. Kein leichtes Unterfangen – gewiss. Dennoch bleibt das Ergebnis noch hinter den Erwartungen zurück.

Dies liegt zum Einen daran, dass auch dieser Autor an einer Sehnsucht nach Gott krankt. Allein die Sprache, die ich hier einmal „frömmelnd“ nennen möchte, entlarvt diese verstimmende Absicht bezeiten: Schon im Vorwort auf S. 7 wird die begrenzte Erkenntnisfähigkeit auf das bezogen „was uns OFFENBAR werden kann“. Klar, solche Sprache kann auch metaphorisch gemeint sein und darauf wird sich der Autor auch berufen. Doch die Hartnäckigkeit derartiger sprachlicher Frömmigkeit zieht sich derart penetrant selbst durch rein fachliche Passagen, dass sie nicht mehr entschuldigt werden kann – und auch nicht muss.

Aber auch die Erkenntnismethode an sich scheint anfragbar: Dem Menschen stünden „mit seinem Geist UND SEINEM GEFÜHL zwei wirksame Werkzeuge“ (S. 32 – Hervorhebung von mir) der Erkenntnisfähigkeit, die als solche explizit auch Täuschungen entlarven können, zu Gebote. Bricht sich hier die Philosophie der Spinnstube Bahn, wie man sie aus diversen Feuilletons und Manager-Schulungen in Artikeln wie „Hören Sie auf Ihr Bauch-Gefühl“ kennt, welchselbige auch vernünftig planende Menschen in Wirtschaft und Rest-Kultur immer wieder in die Verzweiflung treibt? Nun kann man natürlich, wie einige Gehirnforscher das tun, mit dem Bauchgefühl lediglich jene Schnell-Entscheidungsfähigkeit umschreiben, die unser Gehirn in anderen Regionen angelegt hat, als die abwägenden Entscheidungen. Es geht dabei um zwei ökonomisch unterschiedlich angelegte Entscheidungsfindungen, NICHT aber um einen Gegensatz von einerseits erkenntnistheoretisch sauber erarbeiteter und andererseits lediglich gefühlter Wahrheiten! Man staunt, dass der Autor solche Studien sogar einarbeitet (S. 241). Aber deren Erkenntnis trifft eben nicht auf seine Definition zu. Denn schon wenige Seiten später (S. 244), in der Zusammenfassung seiner Ansichten, betont der Autor noch einmal die beiden Säulen Geist UND Gefühl (Hervorhebung im Original) als Quellen der Bildung und Erkenntnis. Also eben nicht etwa abwägendes Nachdenken und schnelle Entschlussfassung.
Als Paradebeispiel der so zusammengefügten Erkenntnis mag folgende Sequenz dienen (S. 61): „Es ist nicht nachvollziehbar, dass diese … Vorgänge [genetischer Weitergabe der Erbinformationen] aus einer Kette von Zufällen sich auf so wunderbare Weise entwickelt haben. Viel naheliegender ist es, dahinter eine planende und gestaltende, nach den Grundsätzen der Vernunft vorgehende Kraft zu vermuten.“ Da meint man doch fast schon einen amerikanischen Erweckungsprediger zu hören.
Das Wesen wissenschaftlicher geistiger Erkenntnis ist aber ihre Nachprüfbarkeit auch für andere. Gefühlte Erkenntnis dagegen wird ihren religiösen Dunstkreis nie ablegen können. An die muss man halt einfach glauben. Man kann es aber auch lassen.

Natürlich weist der Autor selbst jegliche Religiosität verbal von sich und fragt Religion an sich mit wenigen, gelegentlich sogar guten, Argumenten an. Wobei er leichte Schwächen für den Buddhismus nicht ganz zu leugnen vermag.
Letztlich führt er aber Gott, natürlich nicht unter diesem Namen, da dieser schon lang ins Fabelbuch geschrieben ist, hintenherum wieder in die philosophische Denkweise ein, selbige damit auf Null entwertend. Bei ihm heißt Gott in Hegelscher Manier wahlweise „Geist“ oder „Weltgeist“, gern auch „Die Schöpfung“ oder „Kosmische Kraft“. Meint aber alles dasselbe.
Allerdings mit dem Unterschied, dass er dieser Kraft eine Zuwendung zum Menschen abspricht. Theologisch postuliert er damit einen Deus absconditus* – und das ist nun wirklich nichts Neues. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen für die Ethik sind denn auch klassisch – aber dazu später.

Diese gewählte Erkenntnismethode hat System: So nämlich kann man bequem Naturgesetze unter quasi Meta-Gesetze stellen. Die persönliche Metaphysik des Autors erfüllt denn auch die Erwartungen.

Für nichts weniger als das das ganze All stellt er folgende Sätze auf, in die er sein Werk auch aufteilt:
a) Satz vom Wissen: Erkenntnis ist möglich, immer beschränkt, aber auch immer erweiterbar. Diese Erweiterung führt aber (ein Bild Pascals bemühend) wie eine sich vergrößernde Kugel auch zu immer größeren Berührungsflächen mit dem (noch) nicht Erkennbaren.
b) Satz vom Werden: Alles ist aus Nichts geworden. Wobei nicht erkennbar ist, was „Nichts“ war. Als Option sind Parallel-Universen, auch meta-zeitlich versetzte, denkbar.
c) Satz vom Wandel: Variationen zum altbekannten „Panta Rhei“**)
d) Satz vom Gegensatz: Zu allem gibt es ein Gegenteil.
Und e) Satz von der Vielfalt: In Materie, Leben und Kultur gibt es einen Trend, Einfalt in Vielfalt zu diversifizieren.
Dabei hat der Satz vom Gegensatz eine gewisse Grundstellung, auf die die anderen Sätze aufbauen. Der Autor nennt ihn das „geistige Grundgesetz des Universums“.
Noch einmal: Das sind nicht etwa beschreibende Kategorien, mit denen der Autor das Sein zu ordnen versucht. Nein. Für ihn sind es Grund-Sätze, denen sogar die allseits beliebten Naturgesetze sich fügen. Diese sind quasi nur Sub-Gesetze unter jenen vom Autor gefundenen Welt-Regeln.

Es wirkt auf mich fast peinlich, dass einem Philosophen die Grundeinsicht in die sprachliche Willkürlichkeit solcher Sätze offenbar völlig abgeht.
Nehmen wir nur diesen Satz vom Gegensatz und wenden ihn auf das erste vom Autor benutzte Beispiel an: Tag und Nacht. Was Tag ist und was Nacht, sind doch rein vom Menschen festgelegte Kategorien! Und auch Menschen untereinander sind sich darüber nicht einmal ansatzweise einig.
Natürlich gibt es „Tag und Nacht, Hitze und Kälte, groß und klein“ und so weiter, doch sind dies ja keineswegs tatsächliche objektive Gegensätze sondern sprachliche Mittel zu Beschreibung unserer jeweils unmittelbaren Umwelt. Auch stimmt keineswegs, dass dies „nicht zu einer Einheit zusammenführbare Gegebenheiten“ seien. Tag und Nacht sind so auch unter „Tag“ schon subsummierbar, ebenso „Hitze und Kälte“ unter „Temperatur“. Ganz abgesehen von der Relativität der Attribute und deren Übergangsmodalitäten.
Auch für das postulierte Gegensatzpaar „männlich und weiblich“ wären da Bücher an Debatten zu füllen, die der Autor, wie sich reichlich später herausstellt, durchaus zur Kenntnis genommen hat – nämlich da, wo er seinen Satz der Vielfalt ausführt.
Nachdem dann diverse Autoritäten und Mythen zur Begründung der eigenen Meinung ins Feld geführt werden, gibt sich der Autor einem seiner offenbar wichtigsten Punkt hin: Krieg und Frieden als unverzichtbare Bestandteile unserer Existenz zu postulieren. „Die Schöpfung“ verfolgt bei ihm ein Ziel: eine Überbevölkerung der Erde zu vermeiden (deshalb Krieg). Neben Menschlichkeit gibt es Unmenschlichkeit – das wäre dem Satz vom Gegensatz geschuldet (S. 128) Deshalb „schuf die Schöpfung neben dem anständigen Menschen“ auch … den Unanständigen, der „im Verlauf seines Lebens seine Menschlichkeit verliert“ (ebenda).

Diese Beispiele sollen genügen, um klar zu machen, dass auch die davon abhängigen Sätze auf ebenso dünnem Eis havarieren.

Am Schluss versucht der Autor, aus dem Ganzen noch eine Ethik zu zimmern. Auch diese krankt von vornherein an der frömmelnden Sprache: Wird vom Autor zwar klar eine religiös begründete Moral abgelehnt (z.B. S. 235), so muss er sich fragen lassen, wie Wendungen zu verstehen sind wie: „Wir sind aufgefordert …“, dem Menschen sei „auch aufgegeben …“ bzw. „Der Mensch ist dazu aufgerufen …“ Da stellt sich die Frage: Von wem aufgerufen / aufgefordert / aufgegeben? Auch sei dem Menschen „das Vermögen gegeben“ Wiederum: Von wem oder was?
Die Antwort kann lauten: Von Gott (oder einem seiner hundert Namen wie „Schöpfung“ oder „Urkraft des Universums“ oder „Weltgeist“)? Oder, wie so oft wenn sich Menschen entweder auf Gott berufen oder wahlweise ihn auch leugnen, jedenfalls andere Autoritäten ablehnen: Vom Autor höchstselbst. Da die meisten, die sich auf eine Gottheit berufen, diese zu erkennen vorgeben, und ihre Aussagen demzufolge ohnehin als diejenigen Gottes zu verstehen sind, kommt das alles aber ohnehin auf dasselbe hinaus: Aufstellen der eigenen Meinung als absoluter Wahrheit.

Eine atheistische oder besser: eine humanistische Ethik zu entwickeln, wäre dagegen sehr schwierig, ist aber durchaus möglich. Dem Autor kann es schon aufgrund seiner deistischen Tendenzen unmöglich gelingen.

Trotz allem ist es durchaus gewinnbringend, sich durch das Buch durchzuarbeiten. Einmal bedeutet es heutzutage schon einen gewisser Komfort, ein gut lektiertes und kaum Druckfehler enthaltendes Werk in den Händen zu halten. Dazu gibt es hie und da sogar ein wenig sprachliche Brillanz. Mein Lieblingssatz: „Und der Lauterbach-Laubenvogel umwirbt sein Weibchen besonders artig.“ Soweit zur reinen Form.
Allein der große Wissensschatz des Autors nötigt Respekt ab. Noch mehr aber sein Versuch, diese Wissensgebiete in eine Übereinstimmung zu bringen, sie aufeinander zu beziehen. Hin und wieder verliert er sich dabei leider in reine Aufzählungen, deren Systematik-Bestrebungen auch nicht immer sinnvoll sind – am deutlichsten bei dem Versuch, religiöse Vielfalt in eine Art Schott’s Miscallany*** zu bringen. Auch referiert er hier und da gern über Teilgebiete deren Kenntnis sich bei ihm offenbar auf unvollkommen verstandene bzw. noch recht dürftige Wikipedia-Artikel beschränkt. Stellvertretend für viele weitere seien nur mal die Abschnitte über Brechscheren-Gebisse bei Säugetieren und die Eschatologie Jesu im Islam**** erwähnt.
Dafür ist er aber immer up to date, auch was die aktuellen Diskussionen im jeweiligen Fachgebiet betrifft.

Im Ganzen wünscht man dem Autor, sich von seinem idealistischen Ansatz zu verabschieden. Zwar müsste dann sein Buch völlig, aber auch wirklich völlig umgeschrieben werden. Dann aber könnte es ein richtig gutes Buch werden.

*Deus absconditus: der nicht erkennbare Gott (außer mit ein paar Abstrichen natürlich von demjenigen, der gerade dies postuliert)
** „Alles fließt“. Ein Ausspruch, der Heraklit zugeschrieben wird
*** „Schotts Sammelsurium“ sind Listen von Dingen unnötigen Wissens, deren Herausgabe die Bücher des englischen Autors Ben Schott, zu Bestsellern werden ließ.
**** Ein „Brechscherengebiss“ haben bei weitem nicht alle Raubtiere, sondern nur spezielle Knochen-Knacker wie z.B. die Hyänen. Löwen z.B. können Knochen nur punktieren, nicht knacken.
Laut Koran und islamischer Standard-Lehre muss Jesus nicht erst in der Endzeit „zum Islam konvertieren“ da er als Prophet Allahs schon immer den rechten Glauben hatte.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, den 15.06.2016

Kaufen kann man das Buch hier:
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Mittwoch, 01.06.2016

Autor: rwmoos

Alex Nicol: Maries dunkles Geheimnis

Snack mit Getränk

Der ehemalige Journalist Gwenn Rosmadec verdient nunmehr seinen Lebensunterhalt, indem er Familienbiographien für zahlende Kunden verfasst. Ein interessantes aber eigentlich eher harmloses Unterfangen, wenn … ja wenn man von den vielen dunklen Stellen in den Familien absieht, auf die er immer wieder stößt.
Diesmal von einem kinderlosen, allein stehenden Notar beauftragt, kreuzen sich seine Recherchen mit einem Mord. Und weil er nicht zu recherchieren aufhört, ist bald auch sein Leben und das seiner schönen Frau gefährdet.
Doch immer enger zieht er seine Schlingen, bis er die ganze Geschichte vorlegen kann, die mit mysteriösen Begebenheiten aus den französischen Asien-Abenteuern begann, und nunmehr einer alten Frau im Altersheim keinen ruhigen Lebensabend vergönnt.

Sympathisch geschrieben und kurzweilig zu lesen, ist diese kleine Geschichte aus der Bretagne geeignet, einen Lese-Nachmittag zu füllen, ohne dass man die Zeit als vertan bedauern müsste. Gerade richtig als kleiner Krimi-Snack für Zwischendurch.

Immer wieder scheint bei Nicol die Liebe zur bretonischen Landschaft durch – hier haben auch die Übersetzerinnen ihr Bestes gegeben.

Abzüge gibt es eigentlich nur in der Gestaltung der Höhepunkte, der eigentlich spannendsten Momente. Die werden dermaßen rasch und nahezu schluffig durcherzählt, dass man das Gefühl hat: Hier hat es der Autor eilig. Vielleicht, um sich bald wieder der Poesie seiner geliebten Landschaften und der Menschen darin widmen zu können? Ein wenig schade, aber verkraftbar.
Schwerer wiegt schon, dass eine edle Dame, als die eine gewisse Madame Jolifleur vorgestellt wird, niemals einen falschen Weil-Satz absondern würde.

Und warum muss eigentlich heute in gefühlt jedem zweiten Roman der Held einen guten Tropfen Whiskys zu schätzen wissen? Ob die mittlerweile inflationell ins Kraut schießenden Whisky-Tastings auf dem europäischen Festland so ihre Spuren hinterlassen? Oder haben die schottischen Brennereien ihre Sponsoren-Finger im Krimi-Geschäft? Sie sollten dann auch die korrekte Schreibweise durchsetzen: Was aus Schottland kommt, heißt „Whisky“. „Whiskey“ ist irgendwelche Ami-Jauche!
Aber warum trinken die Helden französischer Krimis keinen Wein? Hat das Weinland Frankreich da nicht was verschlafen? Oder ist das in diesem speziellen Fall nur „breizh’sche“ Opposition gegenüber Paris und Umgebung? Zumindest bretonischer Cidre wird ja wohlwollend erwähnt.

Was also steckt hinter dieser Whisky-Masche? Das wäre doch auch mal ein Recherche-Auftrag für Gwenn Rosmadec.

Tüchersfeld, den 01.06.2016
Reinhard W. Moosdorf

Mittwoch, 01.06.2016

Autor: rwmoos

Harry Popow: Im stillen Park der untoten Seelen

Geister-Staat

Ende der Zwanziger, Anfang der Dreißiger gab es schon mal so eine Phase der Internationalisierung, die die Techniker der Welt näher rücken ließ. Das dauerte nicht lange, dann schwappte das Ganze ins extreme Gegenteil: Der nationalen Einigelung. Die Folgen sind bekannt.

In jener Zeit ehelichte die Tochter eines sowjetischen Fabrikdirektors einen deutschen Ingenieur, der im Auftrag einer amerikanischen Firma in Russland Aufbauhilfe betrieb. In den Kreisen, in denen sich die hübsche, verwöhnte, aber durchaus auch sensible Göre so herum trieb, war es chic, sich einen Ausländer anzulachen.
So folgte sie ihrem persönlichen Lieblingsdeutschen, einem Eric, in das gerade nationalsozialistisch gewordene Berlin und musste sich dort unter ungewohnt dürftigen Umständen als Mutter von vier Kindern durchschlagen.
Tamara – so wird sie im Buch genannt – hat ein Tagebuch hinterlassen, das nun veröffentlicht wurde.
Wie ging es ihr als Russin und Sowjetbürgerin während der politischen Richtungswechsel der Dritten Reiches? Wie hat sie die stalinistischen Anschlussjahre in der Sowjetischen Besatzungszone überlebt. Was hat ihre Arbeit als Übersetzerin in der angeschlossenen DDR so geprägt?
Das alles klang danach, spannend zu werden, und deshalb fand ich das angekündigte Buch lesenswert.

Nun, so aufgetakelt, bleibt leider nach der Lektüre das Fazit, dass das Buch unter falscher Flagge segelt. Das Tagebuch bricht da ab, wo es spannend wird, nämlich mit der Übersiedlung nach Deutschland und besteht im Anschluss aus kaum aussagekräftigen, oft zusammenhanglosen Notizen. Erst im Alter, als die Protagonistin über immer die gleichen Dinge, besonders ihren gesundheitlichen Verfall und die Undankbarkeit der Kinder jammert und sich dabei endlos wiederholt, wird es wieder ein wenig ausführlicher.

Ergänzt werden die Lücken durch Erinnerungswiedergaben ihres ältesten Sohnes, des Buchautors. Doch auch diese Beiträge dienen weniger einer Einordnung im Sinne wirklicher Ergänzung der Tagebuch-Blätter, sondern vielmehr einer Mischung aus Autobiografie dieses Sohnes mit der Nutzung der Gelegenheit zu ausführlichen politischen Stellungnahmen. Er nutzt dabei die Sprache und Denkweise eines ehemaligen Militärs – und genau so ist das Buch dann auch geraten.

Einer Form entbehrt das Werk völlig.
Zumindest bei der Taschenbuchausgabe, die mir vorliegt, wirkt schon die äußere Aufmachung wie durch einen billig in Sotschi gekauften Heizkörper gejagt. Die gute Hälfte der eingefügten Abbildungen hätte man sich schenken können, da man dort ohnehin aufgrund der schlechten Qualität kaum etwas erkennt.
Nicht einmal die Tagebuch-Eintragungen sind 1:1 wiedergegeben. Zwar möchte der Herausgeber respektive Autor gerade diesen Eindruck vermitteln und nimmt dafür das auch nach Jahrzehnten noch recht holprige Deutsch der gefragten Übersetzerin wortwörtlich in Kauf. Andererseits ist die Edition zusammengeschnitten, wie sich allein aus dem Vergleich des gedruckten Textes mit den zwei Fotos der Originaltexte, die in das Buch aufgenommen wurden, ergibt. So verliert selbst die Sammlung der Dokumente in der Veröffentlichung an Authentizität.

Die ganze zweite Hälfte des Buches ist dann lediglich eine Sammlung hingerotzter Denkschnipsel des Autors. Nicht einmal die Mühe eines zweiten Durchlesens scheint er sich gemacht zu haben, denn dieser Teil enthält eine Menge Wiederholungen ganzer Textbausteine – teilweise wortwörtlich. Solche Luschigkeit beleidigt jeden noch so gutwilligen Leser. Über die zahlreichen Fehler, die der unbeholfene Einsatz der WORD-Korrekturprogramme mit sich bringt, breiten wir lieber einmal das Schweigen der Nachsicht. Da sollte man auch mal den Verlag an den Ohren zupfen. Der gleichen Fehlerquelle sind auch andere Merkwürdigkeiten geschuldet. So hat der Autor offenbar mal entschieden, den Namen des Ehemanns der Protagonistin von „Erich“ auf „Eric“ zu verfremden. Das kann man mit drei Mausklicks für den ganzen Text erledigen. Allerdings werden dann auch alle anderen Erichs zur Erics, wie z.B. Eric Honnecker. Schwierig auch die sonstige Benennungen. Seine eigene Identität verfremdet der Autor zu einem „Henry“, was angehen mag, wenn es denn konsequent durchgeführt worden wäre. Doch manchmal ist er eben doch der original „Harry“ oder stilisiert sich gar zu einem „Professor O.“ Sein Bruder hört einmal auf einer einzigen Seite (71) wahlweise auf Igorl, Igorld oder Jegor. Selbst die hochverehrte Frau Cleo heißt plötzlich mal Ingi.
Das alles mag wie Erbsenzählerei erscheinen, doch angesichts dessen, dass der Autor sich zugute hält, zu seiner aktiven Zeit als Militärjournalist auf Qualität geachtet und keine Druckfehler zugelassen zu haben (S. 170), muss er sich an dieser selbst gelegten Latte messen lassen.

Für einen Laien mag solch eine Veröffentlichung angehen. Richtig schmerzhaft aber wird es, angesichts des Journalisten-Diploms, das dem Autor offenbar in der Zone hinterher geworfen wurde. An einer Stelle, gibt er stolz Auszüge aus der Beurteilung seiner Diplomarbeit wieder, ohne zu erkennen, dass das damals politisch offenbar gewollte Lob vergiftet war. Zitat: „Wer den Studien- und Ausbildungsgang des Verfassers über Jahre hinweg verfolgt hat, wird über die streng dispositionelle Gedankenführung und auch über die im ganzen recht ordentliche Meisterung der sprachlichen Formulierung in einem sehr positiven Sinne überrascht sein.“ Da kann auch die Note „sehr gut“, die beste in der Zone erhältliche, nicht darüber hinweg täuschen, dass der Professor offenbar der Meinung war, dass die Arbeit seines Kandidaten im Wesentlichen von einem Dritten zumindest mitverfasst worden war. Peinlich, wenn man diese Zwischentöne auch heute noch nicht bemerkt und das Ganze als Lob in seine Memoiren meißelt.

Um im Folgenden auf diesen Buch-Verschnitt überhaupt eingehen zu können, sehe ich mich veranlasst, das Werk in drei separate Teile zu gliedern:

1.) Die im „Tagebuch“ angeschnittene Geschichte der Tamara hat nach wie vor eine Dynamik, auf die sich einzugehen lohnt.

2.) Ähnliches gilt von der davon scharf zu trennenden Biografie des Sohnes der Protagonistin, also des Autors und Herausgebers des vorliegenden Werkes.

3.) In seinem Hauptanliegen, der Stellungsnahme zur aktuellen Politik und Gesellschaft, kritisiert der Autor zwar nicht unsympathisch, aber doch recht einseitig. Seine dabei aufrechte Haltung verdient, ernst genommen zu werden.

Zu 1.: Das „Tagebuch“

Wie bereits vermerkt, kann als Tagebuch der Tamara eigentlich nur die Zeit von 1932-1935 gelten. Dann gibt es ein paar Eintragungen nach 1949, sowie in unregelmäßigen Abständen Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre. In den Siebzigern werden wieder öfter Eintragungen vorgenommen. Gelegentlich sind auch Briefe eingestreut, die sowohl in Schriftbild (mal kursiv, mal nicht) als auch im Text selbst nicht immer deutlich von dem Tagebuch zu trennen sind. Letzteres liegt daran, dass sich auch die Tagebuch-Eintragungen gelegentlich an reale Personen richten, die quasi imaginär angeredet werden.
In den frühen Eintragungen überrascht die Beschreibung einer unbeschwerten, ja leichtsinnigen Jugend in einem bürgerlichen Milieu, wie man es vielleicht zu Zeiten der Neuen Ökonomischen Politik (1921 bis etwa 1928) aber keinesfalls noch 1932 vermutet hätte. Ihr Leben besteht aus Partys und dem Changieren zwischen ihren diversen Verehrern. Schon in dieser Zeit entdeckt sie ihren Sinn insbesondere für die Interpretation bildender Kunst. Nur einmal kommt ein anderer Ton in dieses Leben, als sie bei einer Reise in den Ural kurz über den Abschied der Zwangsarbeiter nachdenkt, die von hier ab in die Lager geschleppt werden und dort zu Tausenden sterben. Dieser Bodensatz des Stalinismus scheint dem sich im Jugendtaumel lediglich um sich selbst drehenden Mädchen durchaus bewusst gewesen zu sein.

Dieses Leben wird durch die Hochzeit und die anschließende Übersiedlung nach Deutschland inklusive der sich damit verbindenden Mutterrolle dann schlichtweg geköpft.
Damit ist nun auch im Tagebuch erst einmal Pause.

Wir begegnen einer völlig anderen Tamara erst 1949 wieder. Dem überlebten Weltkrieg hat sich ein privater Familienkrieg angeschlossen, an dessen Ende die Scheidung stand. Drei der vier Kinder leben bei ihr, eines beim Vater – warum dieser den Jüngsten zugesprochen bekommen hat, wird nicht verraten. Tamara versucht sich in verschiedenen Liebes-Verhältnissen und fängt an, ihr Los zu beklagen. Sie erlebt ihr Dasein zunehmend als eine Folge verpasster Gelegenheiten. Dieser Grundtenor zieht sich dann auch durch alle folgenden Jahre, wobei die Klagen über das Altwerden, die Einsamkeit und die zerrüttete Gesundheit zunehmend alles andere verdrängen.

Interessant aber sind die farbigen Zwischentöne, die eine Frau mit Talenten abzeichnen. Als Übersetzerin ist sie besonders für das Kunstprogramm russisch sprechender Gäste geeignet. Sie interessiert sich für Zwölftonmusik von Hindemith genauso wie für klassischen Chopin. Sie kann Gemälde beschreiben, wie nur eine sehr, sehr gute Kritikerin und bringt Vergleiche mit durchaus anspruchsvollen Romanen der Weltliteratur an. Sie ist auf der ständigen Suche nach Inspirationen aus Natur, Architektur und Film. Es gab in der Zone vielleicht sieben- bis achthundert Leute, die sich Filme von Pasolini freiwillig angeschaut haben. Tamara gehörte zu ihnen.

Dabei war sie ein völlig unpolitischer Mensch – wenn man von gelegentlichen Seufzern über die Weltlage im Allgemeinen und ein paar politischer Meldungen im Besonderen absieht. Letzteres ist eigentlich nur deshalb erwähnenswert, weil, besonders im letzten Buchteil, der Autor seine Mutter immer wieder als Schutzpatronin seiner eigenen politischen Positionen anruft.
Das hat sie in keiner Weise verdient. Denn auch, wenn sie sich gelegentlich über den Materialismus im Westen auslässt, gehörte sie keinesfalls zu den Frauen, die sich mit dem DDR-typischen, eher schlichten Kleidungs- und Lebensstil zufrieden gaben. Sie ging gern gut Essen, legte Wert auf ein gepflegtes Äußeres und wusste den Duft von Dior zu schätzen. Die meisten Frauen in der Zone wussten gar nicht, was „Dior“ ist – und es wäre ihnen wahrscheinlich auch gar nicht wichtig gewesen. In der Folge war Tamara allerdings auch trotz guter Einkünfte bis an ihr Lebensende ständig verschuldet. Was sie – als Bonvivant – aber andererseits nicht davon abhielt, ihre Enkel nur mit vollem Geschenkekoffer zu besuchen.

Als Übersetzerin hatte sie ganz offensichtlich weniger grammatisches, dafür aber pädagogisches Talent. Warum sie die diesbezüglichen Ansätze nicht zu einem neuen, quasi endlich eigenen Lebensentwurf genutzt und sich statt dessen in diversen Fabriken oder als Aufsicht in Museen verdingt hat, bleibt ihr Geheimnis – und das einer ganzen Generation von Frauen, denen die Gleichberechtigung zwar angetragen worden war, die sie sich aber nicht individuell erkämpft hatten oder wenigstens anzueignen wussten. Die Zone war voll von ihnen. Denn abgesehen vom System Hochschlafen (Margot Honnecker) das man ja auch im Westen kennt (Mohn, Springer, Quandt, Wagner) gab es auch im Osten kaum Frauen, deren Führungsposition sich nicht in der Kindergartenleitung erschöpfte.
Der Rest feierte zum Frauentag Gleichberechtigung, nahm Blumen vom Kombinatsleiter und von Herzen entgegen, besoff sich dann beim „Gemütlichen Zusammensein“ oder rückte wahlweise schon vorher wieder aus: In die Zweitschlacht der regenerativen Tätigkeiten am heimischen Herd.
Auch wenn wir diesen Müttern unser Dasein verdanken – für sich selbst waren sie eine verlorene Generation. Die Hellsichtigen unter ihnen haben sich auch so wahrgenommen – deshalb verliert sich Tamara in den späteren Jahren völlig zu Recht in Selbstzweifeln und Klagen.

Es gibt noch ein paar weitere, nicht so recht ins sonstige Bild passende Zwischentöne:
Da wird sie als Arbeiterin im Betrieb gedisst – offenbar weil sie als Russin, also als kleiner Teil der ungeliebten Besatzungsmacht, wahrgenommen wurde. NICHT während der Nazi-Zeit, nein, zu besten DDR-Zeiten.
Und was ist in der Zone eigentlich aus Sohn Jegor geworden: Abschiebung (wohin?) oder Gefängnis? Bruder Henry weiß es bis heute nicht. Ebenso verschwindet Bruder Boris von der Bildfläche – taucht aber dann doch auf S. 168 als unverhoffter Briefschreiber aus dem Westen wieder auf. Ein angedeuteter Selbstmordversuch wird von der Mutter (die sich ständig mit Selbstmordgedanken trägt) auf das Schärfste verurteilt. Ebenso klarsichtig weist sie ihren Sohn zurecht, er möge für sein verpfuschtes Leben nicht die Umstände, hier also die DDR, verantwortlich machen. Man hat den Eindruck, sie schriebe diesen Brief an sich selbst. Wahrscheinlich hat sie ihn deshalb niemals abgeschickt. Zu Recht steht er nun zwischen ihren Tagebuch-Eintragungen.

Zum Schluss sehnt sie sich nur noch nach dem Friedhof. Endlich, 1984, ist es dann soweit: Tamara stirbt.
Fortan dient sie als Projektionsfläche für ihren ältesten Sohn.

Zu 2.) Die Autobiografie

Während die Erinnerungen von Henry anfangs lediglich die zeitlichen Lücken im Tagebuch der Mutter ergänzen helfen, übernehmen sie merklich die Federführung: Schon nach einem weiteren Dutzend Seiten kehrt sich die Gewichtung um. Die Eintragungen der Mutter ergänzen nur noch ein wenig die Erinnerungen des Sohns, insbesondere wenn Letzterem darin gedacht wird.
Dabei wäre diese Biografie durchaus als eigenes Thema lesenswert. Die entsprechenden Passagen schreibt der Autor flott und flüssig. Man freut sich mit ihm, dass er in der Liebe Glück gehabt hat und in seiner Arbeit von einer Frau unterstützt wurde, die mit einiger Intelligenz die Familie zusammen hielt. Ihr wiederum scheint er ein zuverlässiger und treuer Lebensgefährte gewesen zu sein. Das Hohe Lied auf seine Partnerin klingt in diesen und späteren Passagen auch immer wieder auf. Hier hat das Werk auch seine starken Seiten.
Beruflich hatte der Autor weniger Glück. Nachdem er eine viel versprechende Lehre als Bergmann wegen zugegebener Dünnbrettbohrerei aufgegeben und statt dessen – wie in der Zone üblich – durch die Beziehungen des Vaters Besseren einen Studienplatz als Geologe weggenommen hatte, fällt er irgendwann eine erste eigene Entscheidung und geht zu der paramilitärischen Gruppe, aus der später die NVA gegründet werden wird, der KVP.

Für Außenstehende: 1948, im Oktober, begann die Sowjetische Administration mit dem Aufbau kasernierter Teile der Volkspolizei.
Am 16.03.1951 gründete man im Westen den Bundesgrenzschutz (BGS), ebenfalls als paramilitärische Einheit.
Daraufhin wurden auch im Osten die paramilitärischen Einheiten legitimiert und am 01.07.1952 die KVP (Kasernierte Volkspolizei) als eigene Organisation gegründet.
Natürlich betonten beide Seiten langnasig, dass das Ganze nichts aber auch gar nichts mit einer Armee zu tun habe.
Am 05.05.1955 wurde dann in der Bundesrepublik unter schweren innenpolitischen Auseinandersetzungen (SPD war dagegen) die Bundeswehr gegründet, die Personal aus dem Bundesgrenzschutz (und Wehrmacht) übernahm, aber trotzdem eine eigene Neuschöpfung war. Der BGS blieb separat davon bestehen.
Am 18.01.1956 wurde aus der KVP (und Resten der Wehrmacht) die NVA, die Nationale Volksarmee der DDR geformt. Offene Auseinandersetzungen fanden hier nicht statt. Kritiker aus den Reihen der einfachen Bevölkerung wurden in den Zeitungen namentlich erwähnt und als Konterrevolutionäre gebrandmarkt.
Es war für mich immer seltsam, wenn NVA-Angehörige Dienstjubiläen feierten, die länger als die gesamte NVA zurückreichten. Ein eigentlich recht sympathischer Oberstleutnant, den ich 1982 zu vorgerückter kornhaltiger Stunde befragte, wie es denn heute zu seinem 30jährigen Dienstjubiläum käme, bedauerte, dass die Zeiten vor 1945 nicht auch noch mitgerechnet würden – schließlich habe er es da schon zum Oberfeldwebel gebracht gehabt.
Henrys Dienstzeit beginnt im November 1954. Von dort an wird auch er künftige Jubiläen berechnen.

Schon dumm, wenn die erste wirkliche eigenen Entscheidung keine wirklich intelligente Entscheidung ist. Aber während er – ebenso wie seine Pendants im Westen – fortan fleißig potentielle Mörder ausbildet und dabei Jahr um Jahr seines Lebens in die Tonne kloppt, reift in ihm dann doch noch ein zweiter eigener Entschluss: Er will sich dem System immanent entziehen, indem er als Reporter zu einer Militär-Zeitschrift wechselt. Der Trick gelingt, und zur Belohnung hat Henry nun ein Berufsbild, mit dem er sich besser identifizieren kann. Die Jahre beim Kommiss haben auch noch nicht das ganze Resthirn aufgefressen und so schließen sich hier und da wieder ein paar Synapsen neu und Henry wird zu einem „kritischen Journalisten“ – soweit das unter solchen Bedingungen überhaupt möglich war. Zu wirklicher Kritik reicht es dann doch nicht, und noch im Herbst 1989 – draußen war schon alles im Umbruch – stellt er sich einem Parteiverfahren, weil sein cleveres Töchterchen in den Westen abgehauen war. Nein, es wäre keine politische Entscheidung gewesen, die das Mädchen dazu veranlasst habe, sondern lediglich „die Liebe“. Und er habe auch keinen brieflichen Kontakt mehr zu ihr, sondern lediglich seine Frau und Kinder hätten einen solchen.
Irgendwo im Hintergrund krähte ein Hahn.

Jetzt wird es spannend: Wie kommt der System-Verkäufer, als der Henry angestellt gewesen war, mit seiner eigenen Rolle in der Vergangenheit zurecht? Welche Einsichten wird er in Hinblick auf sich selbst formulieren? Welche Gespräche wird er mit Oppositionellen und mit den bisherigen Mitstreitern führen?
Aber da schweigt der Held. Außer ein paar Notizen über das Ausprobieren neuer Berufsfelder, dem Schreiben von Werbe-Katalogen z.B. kommt nichts. Wirklich nichts. Leider.
Man erfährt ein wenig Privates: Den Umzug nach Schweden zum Beispiel, weil dort bezahlbares Eigentum möglich war. Das klingt doch auch nicht schlecht: Experimentierfreude, Einlassen auf eine andere Gesellschaft, eine andere Sprache, anderes Denken, anderes Sozialgefüge. Man wird noch einmal neugierig.
Aber dann erfährt man kurz darauf schon wieder vom Rückzug nach Deutschland, ohne auch nur einer Spur von Begründung. Nunmehr wohnt Henry mit seiner Frau am Müggelsee, gar nicht mal in schlechter Lage. Ungewollt witzig ist die Vehemenz, mit der sich der ehemalige NVA-Protagonist nun gegen Fluglärm über’n Müggelsee wendet und den bürgerbegehrenden Kampf gegen die Beeinträchtigung der Ruhe seiner Laubenlandparzelle als Widerstand gegen das kapitalistische System hochstilisiert. Ob er in seiner NVA-Zeitschriften-Zeit auch nur einmal einen Gedanken über einen Artikel wegen Lärmbelästigung durch Flugbewegungen von NVA und Roter Armee gehabt hat? Wenn ja, hat es dieser Gedankenflug leider nie zu einer Landung gebracht. Ich habe die Tiefflüge über die Neuruppiner Heide ebenso kennen gelernt wie später die über das Altmühltal. Die Unterschiede der Zeichen am Heckflügel waren dabei für mich nicht wirklich das Problem.
Wer unbedingt Krieg spielen will, soll sich an den Rechner setzen. Wer unbedingt eine Uniform braucht, gehe zur Heilsarmee. Und der alte Mann am Müggelsee möge ohne Fluglärm seinen Feierabend verleben. Ihm sei seine tiefflugfreie Zone vergönnt!

3. Der Politisierer

Die Klammer um das Buch bildet das Kriegerdenkmal in Berlin Treptow. Offiziell soll es an die Gefallenen erinnern. Da Stalin den Fall Berlins listigerweise zu einer Art Wettkampf seiner Generäle Schukow und Konew ausgelobt und als Zielvorgabe den heiligen Ersten Mai ausgegeben hatte, kam es auf den letzten Metern noch zu einem anfragbaren Opfer an Menschen. Beide Seiten verloren in der Schlacht um Berlin je um die 90.000 Krieger. Die musste man im Anschluss irgendwo beerdigen und was lag den Siegern näher, als dieses Grabgelege später mit einem entsprechenden Denkmal zu versehen? Da Stalins Hofbildhauer Jewgeni Wutschetitsch (von dem auch das bekannte Monument „Schwerter zu Pflugscharen“ stammt) ähnlich größenwahnsinnig arbeitete wie Hitlers Arno Breker, geriet das Ganze im Treptower Park zu einer Siegessäule bedenklichen Ausmaßes. Es wundert ein wenig, dass der ansonsten durchaus kunstsinnige Autor diese Bildersprache verbal anders, nämlich als friedlich trauernde Bescheidenheit interpretiert. Dennoch wallen in ihm genau die Gefühle auf, die eine solches Monument erwecken soll: Schon ab Seite 7 träumt der alte Stratege zurück, und zwar von Waffen, die „denen Einhalt gebieten, die von einem neuen Ostlandritt träumen“. O lala! Wird dann wieder „Bombe mit Bombe vergolten“? Wäre es für ihn kein Problem, wenn die Tiefflieger über jenem Platz, wo er nach Feierabend gräbt, einen roten Stern trügen?

Kern der kreuz und quer verlaufenden Repliken des letzten Teils ist der Tenor: Die Ereignisse um und nach 1989 waren zumindest im Effekt eine Konterrevolution. Die DDR und die hinter gelagerte Sowjetunion waren großangelegte Projekte einer besseren Gesellschaft, die zwar vor Fehlern strotzte, die man aber doch wieder auflegen sollte. Man kenne ja die Fehler jetzt und würde sie deshalb nicht wiederholen.

Der Feind des Menschen sei das Kapital.
Dabei greift er den Denkfehler vieler Linker auf, die „das Kapital“ (oder entsprechende andere Begriffe wie „das System“) personalisieren. Sie könnten genauso gut auch vom Teufel sprechen – dann wäre das Problem genau so klar bzw. unklar. Dummerweise gibt es nämlich „das Kapital“ nicht als handelndes Subjekt. Dagegen finden sich oft reiche und durchaus nachdenkliche Menschen, denen – wie weiland Friedrich Engels – durchaus an einer Verbesserung der Gesamtsituation gelegen ist. Und es gibt viele Arme, deren Gier mehr noch die Dinge in Bewegung setzt, als es das tatsächlich vorhandene Kapital leisten könnte. Schulden z.B. kann man als in Zahlen ausgedrückte Gier verstehen.

Die Probleme, die der Autor anspricht, die ihn bis zur Verzweiflung stören, und die er gelöst sehen will, sind ja wirklich da: Das Hauptproblem in unserer westlichen Gesellschaft ist auch meiner Meinung nach die immer mehr auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Ein Unterproblem davon ist die Frage des Eigentums an Grund und Boden. Allein, dass es im sonst alles regulierenden Deutschland darüber nicht einmal handhabbare Statistiken gibt, sagt schon ziemlich viel aus.
Das zweite große Problem ist die Bildungsungerechtigkeit.
Die ständige Produktion von Waffen und die Umweltfragen sind tertiär, müssen aber auch unbedingt in einen tragfähigen Konsens gebracht – ach was rede ich, sie müssen eigentlich erst einmal ernsthaft angegangen werden.
Alle anderen, die durch die Schlagzeilen und anderweitig gejagt werden, wie Flüchtlinge oder Terroristen sind Folgen dieser großen Fragen.

Wenn sich der Autor aber regelmäßig über den Unsinn aufhält, der so im Fernsehen gesendet wird, kann ich ihm auch nicht helfen. Fernseher abschaffen ist da die einfachste Lösung. Statt dessen stellt er sich noch einen großen Flachbildschirm auf den besten Platz ins Wohnzimmer. Soviel Masochismus muss denn doch sein.

Nun diese Fragen, diese Klagen, in allen Ehren – aber da als Alternative eine Art DDR 2.0 ins Spiel zu bringen … sorry, da verkleistert die Erinnerung wohl zusehends.

a) Schere zwischen Arm und Reich.
Die war im real existierenden Sozialismus tatsächlich geringer. Mehr oder weniger waren alle arm. Man erinnere sich: Als alles zusammenbrach, neidete man einem Kurt Mittag, dass er auf Kosten des Staates Urlaub gemacht habe … in Graal-Müritz! Das hätte im damaligen Ausbauzustand ein Helmut Kohl nicht einmal mit seinem dicken Hintern angeschaut. Sich aber Reisen in ferne Länder leisten zu können – davon träumte auch Patronin Tamara. Wer solche Träume nicht träumen will – nun der kann gern wieder in Graal-Müritz in der Ausbaustufe eines FDGB-Heims urlauben. In diesem heutigen Staat muss keiner, der auch nur einen Antrag ausfüllen kann, an Hunger oder Obdachlosigkeit leiden. Das Problem ist: Viele sind mit den Anträgen schon überfordert. Oder bringen die Initiative nicht auf, sich helfen zu lassen. Aber das ist ein Problem der Menschen und ihres freien Willens, nicht des Staates. In der DDR wurde solchen Menschen oft gewaltsam geholfen. Manchen war das wirklich eine Hilfe. Andere empfanden es als Zwang. Wieder andere lebten auch im Arbeiter- und Bauernstaat in zerfallenen Häusern ohne Wasser und Strom. Nur wurde nicht darüber geschrieben – und in gar keinem Fall in NVA-Zeitschriften.

b) Bildungsungerechtigkeit.
Es scheint dem Autor völlig entgangen zu sein, dass in der DDR viele jungen Menschen bildungsdiskriminiert wurden, weil sie sich nicht politisch vereinnahmen ließen. Noch in den letzten Monaten dieses Unrechtsstaates wurden in Berlin Schüler und Schülerinnen der EOS (einer Art Gymnasium) verwiesen, weil sie sich politisch „falsch“ geäußert hatten. Anderen wurde der Zugang zum Studium verwehrt, weil sie sich nicht für mindestens drei Jahre in jenem Verein verdingen wollten, dem der Autor seinen Lebensunterhalt verdankte. Wer nicht der FDJ (der Nachwuchsorganisation der SED) angehörte, hatte vielerorts gar nicht erst die Möglichkeit, eine weiter führende Schule zu besuchen. Auch die Schiene „Berufsausbildung mit Abitur“ blieb dann verwehrt und der Abendschule wurde man verwiesen. Bildungsgerechtigkeit also nur für System-Immanente. Das waren damals die politisch Kompatiblen. Heute sind es die finanziell Kompatiblen. Die Wahl steht zwischen Pest und Cholera. Der Autor plädiert stark für Pest. Ich möchte beides nicht.

Dass der Sozialismus ein genau so gestörtes Verhältnis zu Waffen und deren Verbreitung hatte wie die heutige Gesellschaft, steht völlig außer Frage. Man braucht nur ein beliebiges sowjetisches Waffensystem und dessen Verbreitung nachzuschlagen. Die Mär von der friedensliebenden Sowjetunion hat sich ja wohl endgültig zerschlagen. Mittlerweile räumt sogar einer der Helden des Autors ein, dass die Sowjetunion zu Beginn des Zweiten Weltkriegs dreimal soviel Panzer hatte, wie Deutschland. Der gemeinsame Angriffskrieg auf Polen 1939, die Annexion baltischer Staaten und von rumänischen, polnischen und anderen Gebieten 1945/46, die Zurückeroberung der Tschechei von den Tschechen 1968 (unter mittelbarer Beteiligung der NVA), der Versuch der Eroberung Afghanistans 1979 (nachdem der dort gar nicht lebende afghanische Kommunist Babrak Karmal die SU angeblich um Hilfe gebeten hatte) – alles nicht mehr relevant?

Zwei Sätze möchte ich auch über den viel beschworenen Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft der DDR verlieren: Wenn man viele Dinge nicht offiziell kaufen kann, ist es notwendig, Beziehungen zu pflegen. Dies zeigt den merkantilen Charakter der Bevölkerung noch viel deutlicher als das neutrale Begleichen der Schulden mit Geld.

Der Zusammenbruch von arbeitskräfteintensiven Betriebsstrukturen war nicht vom bösen Kapital (respektive dem Teufel) gesteuert, sondern durch die Entwicklung der Produktionsmittel unvermeidlich geworden. In der BRD war dieser Vorgang schon weitgehend abgeschlossen. Auch dort waren die Betriebe mit vielen tausend Arbeitskräften entweder umstrukturiert worden oder untergegangen. Nur eben nicht erst 1989-1992 sondern zehn, fünfzehn Jahre eher. Auch hier hat man daraufhin unter anderem den Zusammenbruch der durch die gemeinsame Arbeit entstandenen Beziehungsstrukturen beklagt (unter andern F.-J. Degenhardt in seinen Liedern). Ein Nebeneffekt ist der Bedeutungsverlust der Gewerkschaften gewesen.

Differenzierter ist sicher der Untergang der Ostdeutschen Industrie zu bewerten. Da hätte Einiges bestehen können. Aber WER bitte hätte für einen solchen Betrieb die Verantwortung übernommen? Alles Unternehmerische war den DDR-Bürgern aberzogen worden. Dummerweise wurde Detlev Rohwedder, der erste Chef der Treuhand, der noch was hätte richten können, von der RAF (die von der DDR ja zumindest indirekt unterstützt wurde) wie ein Stück Freiwild abgeschossen. In der Folge wollte kein ehrlicher Manager diesen Job. So hielten Greuel und Bestechlichkeit Einzug. Das lag nicht „am Kapital“. Das lag an Menschen und deren unglücklichem Zusammenspiel.

In der DDR gab es auch Einiges, an das engagiertere Politiker mit größerer ideologischer Neutralität hätten anknüpfen können: Altstoffverwertung, Kinderbetreuung, Öffentlicher Nahverkehr, Betonung der Schiene, Duale Bildung wurden unnötig vernachlässigt bzw. mussten teilweise erst wieder neu erfunden werden. Anderes muss erst in Zukunft wieder neu erarbeitet werden. Aber das alles kann nicht einmal ansatzweise einen Staat rechtfertigen, der die eigenen Bürger als Gefangene genommen und eingemauert hat.

Noch einmal: Die Kritik an den jetzigen Zuständen, die Harry Popow – oder wie immer er sich nennen will – vorbringt, ist richtig und gut. Dass er dieselben Maßstäbe nicht an die DDR angelegt hat, ist auch noch verzeihlich: Er gehörte ja, wenn auch in bescheidenem Ausmaß, zu den Profiteuren des Systems. Und wer stellt sich schon gern hin und verkündet: Ich habe den groß Teil meines Berufslebens wenngleich guten Willens an der Unterdrückung von Menschen mitgearbeitet? Was wirklich verblüfft, ist aber die Tatsache, dass er dieselben Maßstäbe HEUTE immer noch nicht an die DDR anlegt, sondern letztere im Nachgang verklärt.
Der heute und hier existierende Staat „Bundesrepublik Deutschland“ und das westliche System, in dem er interagiert, hat viele Schattenseiten und auch eine Menge hässlicher Fratzen. Aber es ist immer noch ein weitaus besseres System, als es die DDR je war und je hätte werden können.

Merkwürdig oft bezeichnet der Autor die Harmonie mit seiner eigenen Meinung als „intelligent“, indes alles andere für ihn wahlweise strunzdoof, absichtlich verdummend oder gar bösartig reaktionär ist. Nun ist es aber definitionsgemäß ein Kennzeichen von Intelligenz, dass sie begrenzt ist. Das heißt, dass zwar Beschränkungen, die unterhalb des eigenen IQ liegen, klar erkannt werden können. Dass aber eben Zusammenhänge, die oberhalb der eigenen Erfassungsmöglichkeit liegen, nicht verstanden werden. In der Regel werden diese dann ebenfalls als dumm abgetan. Somit hält man nur Leute für intelligent, die ungefähr die gleiche Erfassungsmöglichkeit und -strategie besitzen, wie man selbst. Denn sich selbst hält ja fast jeder für absolut intelligent – höher intelligente Strategien sind einem ja schlichtweg nicht zugänglich, man kennt sie einfach nicht.
Sogar diese eben beschriebene Grundwahrheit zu erfassen, bedarf es einer gewissen Intelligenz. Die wiederum macht dann aber ein wenig bescheidener. Vielleicht sind die Menschen, die die Dinge anders sehen, nicht unbedingt dumm oder verblendet. Sie sind möglicherweise gar intelligenter als ich. Ganz sicher aber ist: Sie haben andere Lösungsstrategien für ihr Leben aufgebaut. Wenn ich nun meine Strategien für nachahmenswert halte, muss ich für sie werben, muss Mehrheiten suchen, finden, gestalten und dann auch halten. Das aber ist ein langer, ein sehr langer Weg. Er wird sicher zu einer sozialeren Gesellschaft führen. Diese wird – da bin ich mit dem Autor übrigens einig – kommen. Denn wenn wir nicht zügig die ganze Menschheit und vieles weitere Leben vernichten, wenn die Menschheit also die nächsten 50 Jahre überlebt, wird sie sich schwer zum Positiven ändern. Aber bis dahin ist es ein langer, ein sehr langer Weg. Bis zu einer langfristig friedlich gestalteten Gesellschaft rechne ich noch dreihundert Jahre. Wenigstens 250. Und das Kontraproduktivste – oder soll ich sagen das Reaktionärste? – sind Wege, die darauf basieren, dass Einzelne „wissen, wo’s lang geht“ und den Rest zum Glück zu zwingen suchen.

Der seinerzeit so funktionierende Kommunismus hatte keine Fehler. Er war ein Fehler. In solch einem System konnte eine sensible Seele wie Tamara niemals glücklich werden. Anderen scheint die DDR als Geister-Staat aber immer noch als Heimat zu dienen.

Tüchersfeld, den 31.05.2016

Reinhard W. Moosdorf

Mittwoch, 01.06.2016

Autor: oliverg

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