Mittwoch, 22.05.2013
Autor: Andreas Schröter
Alan Clay hat’s nicht leicht: Er weiß nicht, wie er die Studiengebühren seiner Tochter bezahlen soll, und sein Chef gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er nicht weiß, ob Alan noch der richtige Mann für ihn ist. Er soll König Abdullah von Saudi-Arabien eine neue IT-Technik, ein Hologramm, präsentieren.
Doch auch in der Wüste gibt‘s Probleme: Die Stadt, in der Alan das Produkt vorführen soll – King Abdullah Economic City (KAEC) heißt sie –, gibt‘s bislang bis auf ganz wenige Gebäude nur auf dem Papier. Hinzu kommen ein wackeliges WLAN und die schiere Abwesenheit des Königs. Außerdem lässt sich Alans Hauptansprechpartner ständig verleugnen.
Also besteht die Hauptaufgabe des kleinen Techniker-Teams aus Warten. Und das in glühender Hitze. Manchmal fühlt man sich dabei fast an „Warten auf Godot“ erinnert. Alan kommt mit der Situation schlecht zurecht.
Es gelingt dem 1970 geborenen amerikanischen Autor Dave Eggers vortrefflich, in allen Stadien nachvollziehbar zu zeigen, wie Alans psychischer Zustand immer instabiler wird. Er flüchtet sich in Alkoholexzesse und fügt sich selbst Schmerzen zu. Auch die beginnende Freundschaft mit Yousef, einem Einheimischen, der ihn gelegentlich fährt, nimmt ein unrühmliches Ende.
Oft erinnert Alan an die vielen anderen Gescheiterten und Getriebenen in der Literatur: Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ zum Beispiel.
Aber das Buch lässt sich auch als Kritik an einer Gesellschaft lesen, in der Vertreter der „Old Economy“ keine Chance mehr haben. Sie werden nicht nur sprichwörtlich in die Wüste geschickt. Und selbst dort haben sie keinen Erfolg, sondern werden nur an der Nase herumgeführt.
Es macht Spaß, „Ein Hologramm für den König“ zu lesen, weil Alan als eine Art Jedermann ein hohes Identifikationspotenzial in sich trägt.
Übrigens: King Abdullah Economic City (KAEC) gibt‘s wirklich. Und es ist in der Tat bisher nur eine Baustelle.
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Dave Eggers: Ein Hologramm für den König.
Kiwi, Februar 2013.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Montag, 06.05.2013
Autor: Andreas Schröter
An den Film „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams erinnert zu Beginn der Debütroman des amerikanischen Autors Alexander Maksik: In beiden Fällen gelingt es einem engagierten Lehrer, eine Schulklasse für die Literatur zu begeistern. Die Schüler himmeln ihn an und versuchen, ihrem Lehrer zu gefallen.
Anders als im Film beginnt der Lehrer im Buch – Will Silver heißt er – dann jedoch eine Affäre mit einer Schülerin, und fortan erinnert das Buch eher an Nabokovs Lolita.
Alexander Maksik, der seine Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählt, bedient sich einer fast lyrischen Sprache, die das Lesen zum Genuss macht. Auch die Inhalte, die die Schüler im Unterricht behandeln, sind interessant. Tenor: Passe dein Handeln deinen Wünschen an.
Die Geschichte beruht übrigens auf einer wahren Begebenheit: Maksik flog 2006 nach einer Affäre mit einer Schülerin von der American School of Paris (ASP).
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Alexander Maksik: Sein oder Nichtsein.
Droemer, März 2013.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
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Donnerstag, 18.04.2013
Autor: Andreas Schröter
Willie Sutton (1901 – 1980) hat zwischen 1920 und 1952 etwa 100 Banken ausgeraubt. Dabei soll er nie jemanden erschossen haben. In Amerika gilt er als eine Art Nationalheld: jemand, der es den Mächtigen zeigt – ein bisschen wie Robin Hood. Nun hat J.R. Moehringer ein Buch über ihn verfasst, das in Deutschland den seltsamen und grammatisch fragwürdigen Titel „Knapp am Herz vorbei“ trägt.
Der 1964 geborene amerikanische Schriftsteller, dessen in Deutschland 2007 erschienener Debütroman „Tender Bar“ ein Weltbestseller war, hätte sich sicher einen einfacheren Protagonisten für sein zweites Werk aussuchen können, denn das Leben des realen Willie Sutton steckt voller Widersprüche und Legenden. Auch war Sutton nicht immer ein Held in den Augen der Amerikaner. Als der junge Pfadfinder Arnold Schuster, der Sutton 1952 der Polizei ausgeliefert hatte, wenige Tage später erschossen wurde, ändert sich die öffentliche Meinung zu Suttons Ungunsten.
Der Roman beginnt mit der Haftentlassung Willie Suttons an Weihnachten 1969. Zwei Journalisten, ein Schreiber und ein Fotograf, unternehmen mit dem prominenten Ex-Bankräuber eine Tour, die die drei zu einigen Stationen führt, die für Willi Sutton eine Bedeutung hatten – eine Art Rahmenhandlung, die die wichtigsten Ereignisse in Suttons Leben miteinander verbindet. Das ist geschickt gemacht.
Und so lernt der Leser Willies brutale Brüder, die ihn als Kind ständig drangsalierten, genauso kennen wie Bess, die für immer seine große Liebe bleiben wird. Dieser Punkt ist wohl das größte Zugeständnis Suttons an die Gesetze des Romans, denn ob der echte Sutton diese eine große Liebe wirklich hatte, ist ungewiss. Später verübt er die ersten Banküberfälle, wird gefasst, bricht wieder aus, umgibt sich mit den falschen Freunden, wird wieder gefasst und so weiter.
Die Gefahr, die darin steckt, eine reale, bekannte Persönlichkeit als Romanvorbild zu nehmen, besteht natürlich darin, dass das Ganze etwas unspannend bleibt, weil man entweder weiß, wer Willi Sutton war und wie sein Leben verlief oder es ganz schnell bei Wikipedia nachlesen kann. Trotzdem: „Knapp am Herz vorbei“ bietet ein kurzweiliges Lesevergnügen, bei dem es keinesfalls in Groschenheftmanier nur um Banküberfälle und ein oberflächliches Räuber-und-Gendarm-Spiel geht, sondern vor allem um das zutiefst Menschliche, das diese amerikanische Legende umweht.
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J.R.Moehringer: Knapp am Herz vorbei.
S. Fischer, Februar 2013.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Dienstag, 16.04.2013
Autor: Andreas Schröter
Ein kubanischer Polizist, ein schwarzer Polizeichef, ein haitianisches Mädchen, ein russischer Oligarch und ein paar weiße Amerikaner: Schon an der Figurenwahl für Tom Wolfes „Back to Blood“ lässt sich das Hauptthema des Romans erkennen: der Clash of Culture, das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in einem Schmelztiegel wie Miami in den USA.
Tom Wolfe, geboren 1931, bedient sich dabei derselben Technik wie in seinem bisher erfolgreichsten Roman, „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (1987): Er erzählt seine Geschichte aus wechselnden Perspektiven, schlüpft mal in den Kopf der einen, mal in den der anderen Figur. Erstaunlich ist dabei, wie glaubhaft und genau er sich in die einzelnen Milieus einfühlen kann – ganz egal, ob er eine Familienfeier im hauptsächlich von Kubanern bewohnten Hialeah, eine elitäre Kunstmesse oder ein Essen unter Russen beschreibt. Dasselbe gilt für die Gedankenwelten seiner so unterschiedlichen Figuren.
Die Geschichte beginnt mit dem kubanischen Polizisten Nestor Camacho, der einen Landsmann festnimmt und sich damit den Hass der anderen Kubaner in Miami zuzieht, die ihn als Verräter am eigenen Volk sehen. Doch schnell wird klar, dass das nicht das Hauptthema dieses 760-Seiten Wälzers ist. Es geht vielmehr um den Verdacht des ehrgeizigen Journalisten John Smith, die Gemälde, die der russische Oligarch Sergej Koroljow einem Museum vermacht hat, seien allesamt Fälschungen.
Vieles an diesem Buch ist witzig, aber nicht nur das. Es hat natürlich auch eine gesellschaftskritische und -satirische Aussage, wenn ein Psychologe seinen Patienten, der an sexueller Besessenheit leidet, immer wieder mit Pornographie konfrontiert, um ihn noch möglichst lange „behandeln“ zu können. Oder wenn sich die Millionäre auf der Kunstmesse den letzten Schrott als Kunst verkaufen lassen und dafür Unsummen bezahlen.
„Back to Blood“ ist ein vielschichtiges, wahres, verstörendes – schlicht ein sehr gutes Buch, das sicher das Zeug dazu hat, genauso erfolgreich zu werden wie „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Und es ist durchaus einer Erwähnung wert, dass ein Mann in Wolfes Alter Derartiges zuwege bringt.
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Tom Wolfe: Back to Blood.
Blessing-Verlag, Januar 2013.
768 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.
Montag, 15.04.2013
Autor: Immo Sennewald
Der vertraute Ton ist gleich da: Die Selbstironie des Romans „Traumtänzer“ von 1993, der sich und andere gern ins erzählerische Spiegelkabinett hinein lockt, ihm bei Alfanzereien zuzuschauen, der eigenen Zerrbilder gewahr zu werden, Alltagskleider in närrische Kostümierungen verwandelt zu sehen. Der „Traumtänzer“ drehte Anfang der 70er und 80er Jahre seine Pirouetten, Zengeler lässt nun dieses literarische Alter Ego als seinen Helden Joseph Bloch wieder auftreten im jüngst Vergangenen: 2009 erschien „Bloch I“, „Gestorben wird später“; wir erleben ihn als Alternden. Von Krankheit und Todesangst ins Bockshorn gejagt, findet er dank seiner Frau Ira heraus aus dem Lamento.
Als „Bloch II“ war der weiter führende Roman „Die größte Liebe aller Zeiten“ angekündigt. Er singt das Hohelied auf Ira, ist Ballade und Lobgesang für eine Frau, die vor allem zuhören kann, sich niemals nach vorne spielt, aber ein Gespür für Leiden, Bedürfnisse, Untiefen eines Mannsbildes wie Bloch hat – und eine schier unerschöpfliche Geduld.
Zengeler erzählt in „Die größte Liebe aller Zeiten“ zugleich die Geschichte einer Prüfung. Joseph Bloch wird während einer Reise Iras von Erinnerungen an ein kurzes, aber leidenschaftliches Verhältnis heimgesucht. Bevor er nämlich Ira kennenlernte, hatte er sich unsterblich vergafft, war er von Liebe auf den ersten Blick mit jener sprichwörtlichen Wucht des Blitzstrahls getroffen, von der Literatur seit je Hochspannungen ableitet. Im Jahr 86 taucht, während Traumtänzer Bloch, wieder einmal in prekärer finanzieller Lage, sich als Chauffeur verdungen hat, eine Literaturprofessorin des klangvollen Namens Clara auf, Clara Luzia gar, leider verheiratet mit einem Schwerreichen in Australien, dort Mutter dreier Kinder. Die beiden durchleben eine heftige Leidenschaft füreinander, sie kostet Bloch den Fahrerjob,erhebt ihn dafür in den Rang des Romanciers, auf die Bühne des Ruhms unter Berühmten beim Literaturkongress mit der Traumfrau an seiner Seite, von Applaus umtost. Ihr widmet er sein Werk, beide können sich nicht satthören am eigenen Liebesgestammel, bis der Tagtraum endet, sie wieder im Alltag landen: sie bei Mann und Kindern, Joseph auf einem Berg Schulden.
Von der Liebe bleiben Briefbündel, der Wahn verweht, Ira bietet dem am Weibe und am Literaturbetrieb verzweifelten Obdach und Halt, und während sich Joseph an all das noch einmal erinnert, vergewissert er sich seiner Entfernung zur „größten Liebe aller Zeiten“. Ich lese das als Bruch nicht nur mit der Professorin Clara Luzia, sondern auch mit dem Geschäft des Schreibens. Ich lese, dass sich die Maßstäbe für Größe mit dem Alter verschieben, die größte Liebe nicht die am feurigsten begehrte ist, sondern sich bis zum Ende beweisen muss, weniger an Ruhm und Applaus als an verlässlicher menschlicher Zuwendung und krisenerprobtem Humor. Dann freue ich mich, dass Hans Zengeler das Schreiben sowenig lassen wird wie ich – auch wenn, oder gerade weil wir beide immer wieder lieber Traumtänze aufführen, als uns mit halbwegs ruhigem Dasein als „Rentner mit Grundsicherungsanspruch“ abzufinden.
Sonntag, 14.04.2013
Autor: Andreas Schröter
Eine Liebesgeschichte, ein historischer Roman und Buch über das Essen – all das zugleich ist Lawrence Norfolks „Das Festmahl des John Saturnall“.
Als seine Mutter der Hexerei verdächtigt und getötet wird, muss der kleine John im England des 17. Jahrhunderts sein Heimatdorf verlassen. Er findet Unterschlupf im Herrenhaus von Buckland, wo er nach und nach zum Meisterkoch aufsteigt und sich in die schöne und verwöhnte Tochter des Hauses, Lucretia, verliebt. Doch Standesunterschiede verhindern eine glückliche Beziehung …
Was sich hier mit wenigen Sätzen zusammenfassen lässt, nimmt im Buch hunderte von Seiten und viele Wendungen ein: Eine gewisse Langatmigkeit, mit der er die Geduld seiner Leser zuweilen arg strapaziert, kann man dem Autor nicht absprechen.
Jedes Kapitel wird mit einem Zitat aus dem „Buch des John Saturnall“ eingeleitet, einem geheimen Buch, aus dem der Held seine Künste bezieht. Da geht es recht derbe um ungerupfte Vögel, die zum Essen vorgesetzt werden oder Schweine, die dann gar sind, wenn ihnen die Augen aus den Höhlen quellen – also nicht gerade um etwas, was einem normal veranlagten Leser von heute das Wasser im Mund zusammenfließen lassen würde.
Dennoch: Wer sich fürs Essen und für das England im 17. Jahrhundert interessiert, der wird aus diesem aufwändig und schön gestalteten Buch seinen Lesegenuss ziehen. Insgesamt aber sicher nicht jedermanns Sache.
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Lawrence Norfolk: Das Festmahl des John Saturnall.
Knaus-Verlag, November 2012.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.
Dienstag, 09.04.2013
Autor: Andreas Schröter
Allen Charles-Bukowski-Fans bietet der S. Fischer-Verlag einen guten Grund, sich mal wieder mit dem einstigen Skandalautor der amerikanischen Literatur zu befassen. In “Das weingetränkte Notizbuch” fasst der Verlag auf knapp 350 Seiten Stories und Essays des Altmeisters aus den Jahren 1944 bis 1990 zusammen – einige davon erscheinen lautet Klappentext sogar erstmals auf Deutsch.
Und man ist schnell wieder drin im typischen Bukowski-Universum, das sich enorm stilsicher ums Trinken, um die Frauen, um Kneipenschlägereien, um die Armut und um die Schwierigkeiten des Autors dreht, mit anderen Menschen klarzukommen. Weil die Texte chronologisch nach der Zeit ihrer Entstehung geordnet sind, lässt sich mit diesem Buch gut Bukowskis Entwicklung nachvollziehen – vom anarchisch-wilden Jungautor mit Selbstmordfantasien hin zu einem viel gemäßigteren Senior, der mittlerweile in gesicherten Verhältnissen lebt und nicht mehr wie in früheren Jahren als Penner von der Hand in den Mund.
Und dennoch – aber das ist natürlich nicht Bukowskis Geschichten anzulasten, sondern eher etwas, das ausschließlich seine Leser betrifft: Wer mit 20 von Charles Bukowski hingerissen war wie der Autor dieser Zeilen, wird möglicherweise mit knapp 50 nicht mehr dieselbe Begeisterung für seine Themen aufbringen können. Vielleicht – und das sei hier einfach mal ungeschützt und ohne Anspruch auf Richtigkeit als These in den Raum gestellt – ist Charles Bukowski ein Autor, dessen Stories eher zu den Lebenswelten und Gedanken einer jüngeren Leserschaft passen.
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Charles Bukowski: Das weingetränkte Notizbuch.
S. Fischer, November 2012.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Dienstag, 19.03.2013
Autor: Andreas Schröter
Hunter S. Thompson („Angst und Schrecken in Las Vegas“) war Anfang der 70er-Jahre in Amerika Erfinder des so genannten „Gonzo-Journalismus“. Unter Verwendung von vielen Schimpfwörtern vermischte er Fakten mit Fiktionen und seinen persönlichen Meinungen. Insofern ist Gonzo keine ernst zu nehmende Gattung des Journalismus, sondern eher der Literatur. Auf satten 760 Seiten bringt der Heyne-Verlag nun ein Sammelsurium aus Thompsons Artikeln , die über Jahrzehnte hinweg im Magazin Rolling Stone erschienen sind, vor allem aber in den 70er-Jahren. Angereichert ist das Buch mit Briefwechseln zwischen dem Autor und Rolling-Stone-Chef Jann S. Wenner.
Um das Buch in Gänze genießen zu können, sollte man Grundkenntnisse von und Interesse an den politischen Themen Amerikas in den 70er-Jahren haben: die Ermordung des amerikanisch-mexikanischen Journalisten Ruben Salazar, Vietnam oder Richard Nixon – Thompsons Hass-Figur Nummer 1 -, um nur einiges zu nennen. Auch der Drogenkonsum wird immer wieder zum Thema.
So sehr diese von Hunter S. Thompson, der 1937 geboren wurde und sich 2005 das Leben nahm, heraufbeschworene Gegenkultur in den reaktionären Nixon-Jahren sicherlich ihre Berechtigung und sogar Notwendigkeit hatte, so leicht angestaubt wirkt das Ganze aus heutiger Sicht. Man liest es eher mit einem nostalgischen Gruseln – nach dem Motto: Ach ja, so (schlimm) waren die 70er – wobei sich dieses Gruseln nicht nur auf die von Thompson angeprangerten Missstände bezieht, sondern zum Teil auch auf ihn selbst. Er war – und auch das scheint aus dem Buch heraus – ein chaotischer Freak, mit dem die Redaktion oft genug ihre liebe Not hatte. Empfehlung: in kleinen Dosen genießen!
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Hunter S. Thompson: Die Rolling Stone Jahre.
Heyne-Verlag, November 2012.
768 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.
Donnerstag, 14.03.2013
Autor: Andreas Schröter
“Liebesdienst” heißt nach “Die Finkler-Frage” der zweite Roman Howard Jacobsons, der auf Deutsch erscheint. Er basiert auf der These, dass nur die Eifersucht eine Liebesgeschichte erst vollkommen macht. Also macht sich der Ich-Erzähler Felix Quinn auf, den passenden Liebhaber für seine attraktive Frau Marisa zu finden. Der muss möglichst arrogant und unsympathisch sein, damit sich die Seelenpein für Felix noch steigert. Eine überaus masochistische Sichtweise.
Doch auch wer mit dieser Grundhaltung wenig anfangen kann, wird Lesegenuss aus diesem Buch ziehen. Es strotzt nur so vor Intelligenz, abgründigem Humor, Stilsicherheit, Wissen und Querverweisen in die Kunst und Literatur. Das bedeutet auch, dass man “Liebesdienst” nicht mal eben zwischendurch lesen kann. Man muss schon ein wenig Konzentration aufbringen, um alle Aspekte dieses vielschichtigen Werkes zu erfassen.
Erst zum Ende hin wird’s ein bisschen viel mit dem Eifersuchtsthema, sodass man sich dabei ertappt zu schauen, wie viele Seiten es noch bis zum Schluss sind. Ähnlich wie der “Finkler-Frage” hätte auch diesem Buch eine Straffung gut getan.
Das Original zu “Liebesdienst” mit dem Titel “The Act of Love” wurde übrigens bereits 2008 in England publiziert, also zwei Jahre vor der “Finkler-Frage”. Für Letzteres erhielt der englische Autor, der 1942 geboren wurde und bislang zwölf Romane veröffentlicht hat, 2010 den renommierten Booker-Preis.
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Howard Jacobson: Liebesdienst.
DVA, November 2012.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Mittwoch, 13.03.2013
Autor: JosefBordat
Ein Sammelband erschließt die Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeit und geht dabei zurück an den Ursprung: zu Hans Carl von Carlowitz.
Nachhaltigkeit – kaum ein anderer Begriff bestimmt die Debatten der letzten Jahre so sehr. Ob Umwelt- oder Wirtschaftsfragen: Die Antworten sollen „nachhaltig“ sein. Der disparate, themenübergreifende Umgang hat das Konzept bis zur Bedeutungslosigkeit ausgefranst – was alles bedeuten kann, bedeutet am Ende eben nichts. Definitionen versuchen zu klären, was längst durch Alltagsverwendung und Emotion vernebelt ist. Es hat keinen Zweck: Wer verstehen will, was Nachhaltigkeit meint, muss zurück zu den Wurzeln der Entstehung des Begriffs, um dessen Erfinder „bei seinem tastenden Suchen nach dem prägnanten Wort über die Schultern zu schauen“ (Vorwort).
Es ist gut, dass dieser Weg in einem soeben bei Oekom erschienenen Sammelband gegangen wird. Der von der Sächsischen Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft zur Förderung der Nachhaltigkeit (Chemnitz) herausgegebene Band „Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz“ erschließt die Begriffsgeschichte von ihrem Ursprung her. Und der liegt auf Burg Rabenstein bei Chemnitz. Dort nämlich wird am 14. Dezember 1645 eben jener Hans Carl von Carlowitz geboren, der vor 300 Jahren mit seinem Werk „Sylvicultura oeconomica. Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ erstmals eine Präzisierung des Begriffs in forst- und volkswirtschaftlicher Hinsicht vornahm.
Schon bei der Rezeption des carlowitzschen Verständnisses von Nachhaltigkeit gibt es Missverständnisse, wie der Forstwirt und Nachhaltigkeitsforscher Joachim Hamberger anmerkt. Es sei nicht nur so, dass Carlowitz einen „stabilen Zustand“ gefordert habe, der dadurch erreicht werde, „dass nicht mehr Holz aus dem Wald entnommen werden dürfe, als nachwachse“, wie „fast immer zu lesen oder zu hören“ sei, sondern der Erfinder der Nachhaltigkeit „ist radikaler, er fordert wesentlich mehr“: Carlowitz fordert „eine massive Investition der gegenwärtigen Generation in die Verjüngung der Wälder, die erst künftigen Generationen zugutekommen wird“, wie Hamberger ausführt. Damit ging es ihm um „ein Denken, das nicht nur auf den eigenen Nutzen blickt, sondern sich als zeitlichen Teil des überzeitlichen Körpers Menschheit versteht“, ein „modernes“ Denken, das sich der Verantwortung des Menschen für die Bewahrung der Schöpfung bewusst ist – einer Verantwortung gegenüber Gott und der Menschheit.
Damit wären wir schon sehr nah dran an der der heute gebräuchlichen Verwendungsform von Nachhaltigkeit als „ganzheitlicher Ansatz“ zur Gewährleistung von „Generationengerechtigkeit“, der ökologische, soziale und ökonomische Aspekte zu einer Strategie integriert, in der es genau darum geht: die Interessen zukünftig lebender Menschen in der Lebensform heute angemessen zu berücksichtigen. Die Autoren bemühen sich in reich bebilderten biographischen, ideen- und sozialhistorischen sowie systematischen Beiträgen, die von anthropologischen bis hin zu diskursanalytischen Erwägungen reichen, diesen Begriff von Nachhaltigkeit aus dem Erbe Carlowitz’ herzuleiten, um das „Leitbild von universeller Geltung“ (Vorwort) tiefer zu begründen. Den großen Bogen zu schlagen von Rabenstein nach Rio, von 1645 nach 1992, vom sächsischen Wald zur ganzen Welt erweist sich als sinnvoll, um dem Begriff das spezifische Gewicht zurückzugeben, das ihm sein Erfinder einst zuschrieb.
Bibliographische Angaben:
Sächsische Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft zur Förderung der Nachhaltigkeit: Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz.
München: Oekom 2013.
285 Seiten, 24,95 Euro.
ISBN: 9783865814159.
Josef Bordat
Sonntag, 10.03.2013
Autor: Andreas Schröter
Nach der Lektüre von “Eine Frau, die vom Himmel fiel” fällt es schwer zu glauben, dass der Autor dieses Thrillers, der 1948 geborene Engländer Simon Mawer, mit anderen Werken bereits zweimal für den renommierten Booker-Price nominiert wurde. Der Ausdruck Thriller legt Spannung nahe, doch die kommt bei diesem Buch erst ganz am Ende auf. Vorher gibt’s ein bisschen Agentenausbildung, Liebesgeplänkel und den ständigen Verweis auf mögliche Gefahren, die da kommen könnten – aber lange brauchen, bis sie wirklich kommen.
Marian Sutro, die Englisch und Französisch gleichermaßen gut spricht, wird im Zweiten Weltkrieg von den Engländern zu einer Agentin ausgebildet, die im besetzten Frankreich einen Physiker dazu überreden soll, die Fronten zu wechseln und künftig in und für England zu arbeiten. Per Fallschirmsprung landet sie in Frankreich und macht sich an ihre Mission. Natürlich ist Marian in den Mann, den sie sucht, verliebt, was sie aber nicht davon abhält, für einen weiteren Mann dieselben Gefühle zu entwickeln.
Simon Mawer will mit diesem Roman den 50 Frauen der britischen Special Operations Executive ein Denkmal setzen, die zwischen 1941 und 1944 in Frankreich arbeiteten. Ihm gelingt das nur bedingt: Hauptfigur Marian Sutro wirkt nicht lebensecht, fast ein bisschen naiv – wie ein leicht beeinflussbarer Spielball zwischen den verschiedenen Männerfiguren. Besonders die Liebeshandlung ist teilweise sogar ein bisschen lächerlich. Letztlich nur für Leser mit ausgesprochenem Hang zu Zweiter-Weltkriegs-Themen zu empfehlen.
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Simon Mawer: Die Frau, die vom Himmel fiel.
DVA, November 2012.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Montag, 04.03.2013
Autor: cisoppa
Einer meiner persönlichen Klassiker – eben las ich ihn wieder und entdeckte ganz zufällig, dass er vom Diogenes Verlag neu aufgelegt wurde und im März erscheint.
England im Jahr 1939. George Bowling, ein rundlicher Familienvater, gewinnt ein paar Pfund beim Pferderennen und beschließt, mit dem Geld für ein Wochenende an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren, um dem Büro-Trott, den Klagen seiner freudlosen Frau und seiner Midlife-Crisis zu entgehen und in Erinnerungen zu schwelgen. Doch das Vorhaben endet enttäuschend. Das einstige Dorf hat sich zur hässlichen Siedlung ausgedehnt und Georges ehemalige Geliebte zur formlosen Matrone, die ihn nicht mal mehr erkennt. Wie ein Fremder, ja, wie ein Parasit fühlt sich George in der einstigen Heimat. Er muss feststellen, seine Vergangenheit ist unwiderruflich vorbei. Die moderne Welt hält andere Dinge für ihn bereit: Vernichtung der Landschaft, Anonymität, industriell verarbeitete Lebensmittel in gesichtslosen, chromglitzernden Gaststätten. Stromlinienförmigkeit ist die neue Eigenschaft alles Modernen, und am stromlinienförmigsten sind die neuen Bomberflugzeuge am Himmel. George erkennt, es gibt kein Entkommen. Völlig frustriert kehrt er in sein noch längst nicht abbezahltes Reihenhaus zurück, hört auf die Vorwürfe der Ehefrau, nimmt seine Beruhigungspillen und wartet auf den unvermeidlichen Krieg.
Im Gegensatz zu “1984″ und “Animal Farm” ist “Coming up for air” ein eher unspektakuläres, stilles Buch, das sich in fast proustscher Manier mit der Erinnerung an eine ältere, idyllischere Welt befasst. Doch solche Erinnerungen sind heikel. Sucht man sie wiederzubeleben, können sie unwiderruflich zerstört werden. Der Roman endet mit den ganz realen Anzeichen einer neuen faschistischen Weltordnung – “1984″ ist daraufhin nur noch eine Frage der Zeit.
Donnerstag, 28.02.2013
Autor: Andreas Schröter
Als “überlebensgroß” sieht Ich-Erzähler Dominic seine große Schwester Victoria in Mark Watsons gleichnamigem Roman. Von klein auf bewundert er sie. Als aus dieser Zuneigung mehr wird, sieht es so aus, als würde eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft, Inzest, das Hauptthema dieses Romans. Wird es aber nicht. Zumindest nicht nur: Ein weiterer Schwerpunkt des Buchs ist die Entwicklung eines Mannes, der lange Zeit als Loser der Familie galt, hin zu jemandem, der am Ende vielleicht sogar selbst als “überlebensgroß” bezeichnet werden kann.
Die Themenvielfalt birgt jedoch auch eine Schwäche dieses Werkes: Manchmal scheint es, als könnte der 1980 geborene britische Autor sich nicht recht entscheiden, was er eigentlich genau erzählen will.
Dominic wächst als Nachzügler in einer fünfköpfigen Familie auf. Sein viel älterer Bruder Max drangsaliert oder ignoriert ihn. Weil Dominic sich nicht für Fußball interessiert, findet er auch zu seinem Vater, einem Sportreporter, keinen rechten Zugang. Die Mutter wird als naiv und willenlos beschrieben. Auch im Erwachsenenalter kann Dominic, der sich inzwischen als Hochzeitsfotograf durchschlägt, zunächst seiner alten Rolle nicht entfliehen. Max hat Zugang zu etablierten und schwerreichen Kreisen gefunden, die Dominic bei jeder sich bietenden Gelegenheit zeigen, was sie von ihm halten: nichts. Der Fehltritt mit seiner Schwester lastet genauso auf ihm wie eine Ehe mitsamt schreiendem Baby, die nur mehr schlecht als recht funktioniert. Dominic greift immer öfter zur Flasche – bis ihm ganz am Ende des Romans der große Befreiungsschlag gelingt …
Mark Watson, ein Radio- und Fernsehmoderator, Kolumnist und Stand-up-Comedian, für den “Überlebensgroß” nach “Elf Leben” bereits der zweite Roman ist, wird mit diesem Buch wohl nicht in die Literaturgeschichte eingehen. Dennoch liest es sich durchaus kurzweilig und flüssig und ist mit viel Humor gespickt.
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Mark Watson: Überlebensgroß.
Heyne, November 2012.
400 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Mittwoch, 27.02.2013
Autor: Immo Sennewald
Bernd-Olaf Küppers ist Naturphilosoph an traditionsreichem Ort: nach den ideologisch verfinsterten Jahren von Nationalsozialismus und SED-Herrschaft forschen und diskutieren an Jenas Universität freie Geister. Am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte zu ihnen Ernst Haeckel. Seine wissenschaftliche Standpunkte erscheinen uns heute zwiespältig, aber der Irrtum ist eine Quelle neuer Erkenntnis, noch aus dem schlechtesten Modell lässt sich etwas lernen. So betrachtet auch der Emeritus Küppers die Fragen nach der “Berechenbarkeit der Welt” und kommt zu überaus anregenden Schlüssen, denn außer naturwissenschaftlicher Expertise hat er auch gründliche Kenntnis von der Wissenschaftsgeschichte.
Sein Buch habe ich für “Die Buchkritik” auf SWR 2 rezensiert. Interessierte hier ein Hinweis: „Was ist Leben?“, fragt Küppers zu Anfang des dritten Kapitels und antwortet mit der Gleichung Leben = Materie + Information. Die spröde Kurzformel wird überraschend kurzweilig erläutert: auch ein unerfahrener Leser wird verstehen können, was Physiker, Mathematiker, Biologen und Informatiker zu einem solchen Grundgedanken hinführte. … Küppers sagt den Strukturwissenschaften – etwa der Systemtheorie – als Querschnitt und zugleich als Fundament sowohl der Geistes- wie der Naturwissenschaften voraus, dass sie sich der Berechenbarkeit der Welt immer weiter nähern.
Die Sendung ist als Manuskript und Audiodatei aus dem Internet herunterzuladen.
Das Buch ist im S.Hirzel Verlag erschienen und kostet 32 €
Montag, 18.02.2013
Autor: Andreas Schröter
Ein 720 Seiten langes Plädoyer für Toleranz – das ist der neue Irving „In einer Person“.
Der mittlerweile 70-jährige amerikanische Autor beschreibt in Ich-Form das Leben des bisexuellen William („Billy“) Abbott von den 50er-Jahren bis in die Gegenwart. Los geht’s in einem Jungen-Internat in Vermont, wo Billy sich unsterblich in die selbstsichere Bibliothekarin Miss Frost verliebt. Gleiches gelingt ihm aber problemlos auch mit dem attraktiven und arroganten Ringer Jacques Kittredge. Der Leser lernt Billys skurrile Familie kennen und lieben: Großvater Harry, der in Theateraufführungen – und gelegentlich auch sonst – am liebsten in Frauenrollen schlüpft, den versoffenen, aber liebenswürdigen Onkel Bob oder die zänkischen Frauenfiguren Nana Victoria und Tante Muriel. Es gehört sicherlich zu den Talenten Irvings, solche Figuren immer so auszugestalten, dass man als Leser nach ein paar Seiten meint, sie schon immer gekannt zu haben – und sie auch nicht mehr missen zu wollen.
Eine andere – sympathische – Eigenart Irvings ist es, in seine Romane immer wieder kleine aberwitzige Geschichtchen einzubauen, die dazu führen, dass der Leser ein permanentes Grinsen im Gesicht behält. Ein Beispiel: Billys Vater lernt die Liebe seines Lebens als Soldat im Krieg während eines heftigen Sturms kennen: Sie sitzen beide auf dem Donnerbalken (einer behelfsmäßigen Toilette) und lesen, während ihre Kameraden seekrank in ihren Kojen liegen. Bei einer besonders heftigen Welle rutschen sie einfach aufeinander zu.
Doch „In einer Person“ ist auch anders als frühere Irvings. Es ist radikaler und derber. Der Autor schreckt weder vor den körperlichen Details der männlichen homosexuellen Liebe, noch – im weiteren Verlauf des Buches – vor den unschönen Begleiterscheinungen von Aids zurück. Das ist nichts für Zartbesaitete.
Viele weibliche, männliche und transsexuelle Bettgenossen später schleichen sich versöhnlichere Töne ein. In einer Gegenwart, in der es schwule und lesbische Theaterclubs gibt, scheint es sich als Bi- oder Homosexueller leichter als in den 50er-Jahren zu leben, auch wenn es immer noch angesagt scheint, einen guten Ringergriff zur Selbstverteidigung zu kennen. Ein gutes Buch!
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John Irving: In einer Person.
Diogenes, September 2012.
725 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,90 Euro.
Montag, 11.02.2013
Autor: Oliver Gassner
Sonntag, 10.02.2013
Autor: Andreas Schröter
Stephan Thomes für den Deutschen Buchpreis nominierter Debütroman “Grenzgang” wurde 2009 von der Kritik hoch gelobt. “Ein Meister der seelischen Zwischentöne”, “souverän”, “großes Gespür für Dialoge” war damals zu lesen. Und genau dies lässt sich auch über seinen drei Jahre später erscheinenden zweiten Roman “Fliehkräfte” sagen. Wie in “Grenzgang” gerät ein gut situierter Mann, der eigentlich mit seinem Leben zufrieden sein könnte, ins Straucheln. Diesmal ist es der Philosophie-Professor Hartmut Hainbach, Ende 50, verheiratet, eine erwachsene Tochter, der sein Leben plötzlich in Trümmern sieht. Der Beruf an der Uni Bonn macht ihm nach den universitären Umstrukturierungen keinen Spaß mehr, und er erträgt es nicht, mit seiner Frau eine Wochenendbeziehung führen zu müssen, weil sie lieber in Berlin leben und arbeiten will.
Als seine seelische Not am größten wird, entschließt er sich, eine halbherzige Affäre mit seiner Sekretärin zu beginnen und seine Ex-Freundin in Paris zu besuchen. Aus dem geplanten Kurztrip wird eine längere Reise, die ihn nach Südfrankreich zu einem ausgestiegenen Ex-Kollegen, über Spanien zu seiner Tochter bis hin nach Portugal führt, wo seine Schwiegereltern leben. Thome, geboren 1972, versieht seine Geschichte mit zahlreichen Rückblenden aus dem Leben Hainbachs. Der Leser erfährt auf diese Weise, welche Freundinnen er vor der Ehe hatte, bei welchem US-Professor er seinen Doktor gemacht hat und wie er seine Frau kennen gelernt hat. Diese Rückblenden machen das Lesen etwas kompliziert. Man muss sich konzentrieren, um immer genau zu wissen, an welchem Zeitpunkt in Hainbachs Leben man sich gerade befindet.
Dieser Kritikpunkt wird jedoch durch psychologische Genauigkeit und von einem ganz feinen Gespür für Stimmungen mehr als ausgeglichen. Stefan Thome muss mit “Fliehkräfte” nicht den Vergleich mit den ganz großen amerikanischen Gegenwarts-Autoren wie etwa John Updike (“Rabbit in Ruhe”) fürchten. Ganz dicke Leseempfehlung!
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Stephan Thome: Fliehkräfte.
Suhrkamp, September 2012.
474 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
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