Donnerstag, 10.08.2017

Autor: oliverg

#literaturwelt „Rocky und seien Bande / Wer stimmt für Mia?“ Valentin/Gibert


Donnerstag, 10.08.2017

Autor: Immo Sennewald

Der Affenkönig und die Kommunistin

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses” (hier im „Projekt Gutenberg“ nachzulesen), eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte: Es gab keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.

Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.

JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.

Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich dieSchattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.

Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich dagegen würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.

Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortrefflichen Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht. Darüber demnächst mehr.

Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.

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Mittwoch, 09.08.2017

Autor: Andreas Schröter

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater«Die grauenhafte Kindheit eines Jungen in Lyon in den 60er-Jahren ist Thema in Sorj Chalandons Roman „Mein fremder Vater.“ Der kleine Émile muss mit einem bösartigen Mann klarkommen, der ihn grundlos schlägt, ihn nächtelang im Schrank einsperrt (die „Besserungsanstalt“), ihm das Abendessen streicht und ihn in eine obskure Widerstandsgeschichte verwickelt, von der lange nicht klar ist, ob sie etwas mit der Wirklichkeit zu hat oder ob der Vater sie sich nur ausgedacht hat. Die Mutter, die ebenfalls den Gewaltausbrüchen ihres Mannes ausgeliefert ist, schweigt zu den Vorkommnissen und sagt nur: „Du weißt doch, wie dein Vater ist.“

Die Lektüre dieses Romans ist aufwühlend. Man empfindet beim Lesen starkes Mitleid mit dem leidgeprüften Jungen und fragt sich, warum die Mutter das Martyrium ihres Sohnes duldet.

Natürlich ist das Buch ein Plädoyer für einen liebevollen Umgang mit den eigenen Kindern. Es zeigt, wie sehr die Kleinen unter Erwachsenen leiden können, die ihnen nicht wohlgesonnen sind, und wie wehrlos sie ihnen mitunter ausgeliefert sind.

Kleiner Kritikpunkt: Die Geschichte tritt vielleicht einen Tick zu lang auf der Stelle, kommt nicht recht voran: Émile leidet, sein Vater quält ihn – das bleibt lange der Status Quo. Erst am Ende kommt Bewegung in die Handlung.

Trotzdem: ein gutes und wichtiges Buch.
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Sorj Chalandon: Mein fremder Vater.
dtv, August 2017.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Samstag, 05.08.2017

Autor: Andreas Schröter

Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre

Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre«Einen einfühlsamen Liebesroman erzählt der 1962 geborene italienische Schriftsteller Andrea Canobbio mit seinem neuesten Werk „Drei Lichtjahre“. Darin verlieben sich der Arzt Viberti und die Ärztin Cecilia ineinander, die jedoch beide so schüchtern, zögerlich, verhalten und manchmal widersprüchlich agieren, dass sie wie die berühmten zwei Königskinder lange nicht zusammenkommen können. Das rächt sich: Irgendwann tritt die Schwester der Ärztin – Silvia heißt sie – auf den Plan. Sie hat bei ihrer berühmten Teezeremonie weit weniger Skrupel …

Canobbio erzählt seine Geschichte aus den Perspektiven der drei beteiligten Figuren, wodurch ein und derselbe Vorgang oft dreifach vorkommt. Das sorgt für eine Genauigkeit, die man in anderen Romanen selten findet. Kleinste Gemütsregungen werden thematisiert, wodurch der Leser die Figuren genau kennenlernt. Da bleibt nichts an der Oberfläche.

Eigentlich gibt es sogar noch eine vierte Figur, die ab und zu als Erzähler auftaucht und die gesamte Geschichte mit einem Abstand von mehreren Jahrzehnten erzählt. Es handelt sich dabei um den Sohn des Arztes. Aber wer die Mutter ist, wird erst ganz am Ende verraten. Ein gelungener Trick, um zusätzliche Spannung beim Leser aufzubauen.

Die ist zuweilen auch nötig, denn die Kehrseite der langsamen und genauen Erzählweise ist natürlich eine gewisse Langatmigkeit. „Nun werdet doch endlich ein Paar“, möchte man Cecilia und Viberti als Leser an der einen oder anderen Stelle zurufen.

Weil Canobbio mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit seiner drei Figuren arbeitet, verlangt dieser Roman ein gewisses Maß an Konzentration, um ihm immer folgen zu können. Dennoch: Wer auf Liebesgeschichten steht, dem sei dieser Roman hiermit empfohlen.

Autor Andrea Canobbio hat in seiner Heimat Italien für seine Romane bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
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Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre.
Rowohlt, Juni 2017.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Freitag, 28.07.2017

Autor: oliverg

Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht – nach Illustrationen von Gustave Doré (Videoreview)

Montag, 17.07.2017

Autor: oliverg

Frank Schätzing: „Limit“ (Video-Review)


Sonntag, 16.07.2017

Autor: Christiane Geldmacher

Mic: Papa Dictator kriegt Besuch

Feine Machwerke: im Jaja-Verlag in Berlin ist der sechste Band der unterhaltsamen „Papa Dictator“-Reihe von mic/Michael Beyer erschienen. Hier bekommen Papa Dictator und sein Sohn Besuch aus Amerika. Der Staatsgast, nicht näher benannt, aber mit grotesker Frisur, reist mit seiner Tochter an, die ein Atomköfferchen in der Hand trägt. Als Geschenk hat er einen Kaktus dabei. Aber auch Papa Dictator vertut sich in der Etikette und lässt die amerikanische Nationalhymne von drei eingeflogenen traurigen Mexikanern aufspielen.

Wir erleben eine Tour durch die Hauptstadt, vorbei am Pressehaus (die jubelt „We ♥ Dictator!“), Plakatwänden mit dem Porträt des Diktators, Hauptgebäuden der Rüstungsindustrie und Ölmultis. Am Palast des Diktators warten einige wenige Demonstranten vergeblich auf Frieden, Freiheit und Menschenrechte: Die Polizeigewalt – ein Ebenbild Papa Dictators – stürzt sich gerade mit Knüppeln auf sie.

Man kommt zum Geschäft, es geht wie bei allen seriösen Diktatoren auch bei diesen um Waffen und Öl. Nach einem heftigen, vulgären Streit kommt es trotz allem – man hasst sich – zur Unterzeichnung von Verträgen. Was sich in der Fernsehberichterstattung nicht spiegelt: Der Vertreter von Fox News berichtet, es sei bei dem Treffen der beiden Staatsoberhäupter um Menschenrechtsfragen gegangen und man verweile des Abends beim Staatsbankett; das sich freilich bei Chips und Rotwein als Tabledance herausstellt. Papa Dictator wird später in der Nacht dem amerikanischen Staatsgast noch eine Domina vorbeischicken.

Ein erfolgreicher Besuch: am nächsten Morgen reist der Besuch unter viel Gewinke im „Isijet“ wieder ab. Aber der amerikanische Staatsgast hat Spuren hinterlassen: In dem Kaktus war eine kleine Kameradrohne platziert, die in den Himmel aufpoppt und von nun an den Palast Papa Dictators ausspionieren wird. Aber auch der hat nicht geschlafen: Der Besuch der Domina bei amerikanischen Staatsgast wurde mitgeschnitten und wird unzweifelhaft bei nächster Gelegenheit dem amerikanischen Staatsgast in Kopie fortgeführt werden.

Ja, das ist sehr aktuell und wir erkennen sie alle wieder: Die Trumps, die Putins, die Erdogans, die Kim Yong Uns. Die Papa Dictator-Heftchen >>>Michael Beyers sind hintergründig, witzig, subversiv. Also genau das Richtige für Kinder um die zehn, die langsam an die Realität herangeführt werden müssen.

Weitere feinen Machwerke >>>dieser Reihe heißen „Papa Dictator“, „Papa Dictator hat Geburtstag“, „Papa Dictator will ins Internet“ und „Papa Dictator kommt auf den Hund“; als Hardcover erschien im fünften Jubiläumsjahrs des Jaja-Verlags „Papa Dictator Weltherrschaft“.

Michael Beyer/mic: Papa Dictator bekommt Besuch
Jaja Verlag, Berlin 2017, Heftchen, 28 Seiten in S/W mit farbigem Umschlag
ISBN 978-3-943417-29-6, 4,00 €

Donnerstag, 22.06.2017

Autor: Andreas Schröter

Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer

Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer«Eine gute Gelegenheit für einen Abstecher ins New York des 19. Jahrhunderts bietet ein Roman von 1852, der erst jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt worden ist: Walt Whitmans „Jack Engles Leben und Abenteuer“. Das Werk ist deshalb interessant, weil es ein Prosawerk eines der größten Dichter Nordamerikas ist. Whitman (1819-1892) ist vor allem durch sein später geschriebenes poetisches Lebenswerk „Leaves of Grass“ (Grashalme) berühmt geworden.

Jack Engle ist ein Waisenjungen, der das Glück hat, bei wohlmeinenden Menschen unterzukommen. Für die erträgt er sogar eine juristische Ausbildung bei einem Anwalt, die ihn so gar nicht interessiert. Später stellt sich heraus, dass der Anwalt ein Betrüger ist. Doch mit Hilfe seiner Freunde weiß sich Jack Engle zu helfen …

Der Roman ist ursprünglich als Fortsetzungsgeschichte mit unzähligen Druckfehlern und ohne Autorenangabe in einer Zeitung namens „Sunday Dispatch“ erschienen und konnte erst jetzt durch detektivische Kleinarbeit Walt Whitman zugeordnet werden. Das feiert der Verlag heute als „kleines Wunder der Weltliteratur“ – und übertreibt damit aus nachvollziehbaren Vermarktungsgründen: Auch wenn das Buch einen guten Eindruck über das Leben in New York Mitte des 19. Jahrhunderts vermittelt, hat es doch Schwächen: Manches wirkt etwas oberflächlich hingeschrieben, als habe der Autor mal eben schnell vor Drucklegung der nächsten Zeitungsausgabe noch das nächste Kapitel fertigmachen müssen. Auch hat der Roman vor allem gegen Ende einen Hang zum Sentimentalen und Überdramatischen, was aber wohl dem Zeitgeist entspricht.

So gesehen liegt der Lesegenuss dieses Werkes heute vor allem in einer literaturgeschichtlichen Betrachtungsweise.

Auch Humor kommt vor. Manchmal ist der allerdings unfreiwillig – zum Beispiel wenn es an einer Stelle sinngemäß heißt, sogar Frauen sei gelegentlich durchaus so etwas wie Vernunft zuzutrauen.
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Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer.
Manesse Verlag, Mai 2017.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Samstag, 17.06.2017

Autor: Christiane Geldmacher

Lorenz Jäger: Der Unvollendete – über Walter Benjamin

Wenn man gerade die Autobiografie des Amerikaners >>>Tom Robbins gelesen hat – die sich in jeder Hinsicht freigeschrieben hat – hat eine Biografie Walter Benjamins sicherlich einen schweren Stand, der jedoch nicht nur an den Zeitläuften liegt.

Walter Benjamin wurde am 15. Juli 1892 in Berlin geboren und nahm sich am 26. September 1940 auf der Flucht vor der Gestapo an der spanischen Grenze das Leben. Er übersetzte die Werke von Honore de Balzac, Charles Baudelaire und Marcel Proust, er arbeitete über Franz Kafka, sprachphilosophische und ästhetische Themenkomplexe und gilt als brillanter Philosoph und Gesellschaftskritiker. Seine Sympathien galten dem Kommunismus, aber er hielt immer Abstand zu Parteien.

Kaufmann, Detailtuchhändler, Tabak- und Zigarrenfabrikant: Das waren ausgeübte Berufe aus Walter Benjamins Familie. Seine Eltern waren Kunst- und Antiquitätenhändler in Berlin. Benjamin wächst in einer großbürgerlichen, jüdisch-assimilierten Umgebung mit zwei Geschwistern in Grunewald auf. Er macht das Abitur, geht zunächst nach Freiburg, um Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren, wechselt später nach Berlin zurück, setzt das Studium in München und schließlich Bern fort. Hier promoviert er 1919 über den „Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“. 1923 hat er wichtige Begegnungen mit Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer. Das Frankfurter „Institut für Sozialforschung“ wird für ihn zu einem wichtigen Bezugspunkt in seinem Leben werden. Seine Habilitationsschrift beschäftigt sich mit dem Thema des Barock-Trauerspiels, wird aber von der Universität Frankfurt am Main abgelehnt. Später wird er sie auf eigene Faust veröffentlichen.

Er kehrt nach Berlin zurück und lebt dort als freier Autor und Kritiker. Ein Linker, hält er sich eine Zeitlang in Moskau auf, freundet sich mit Bert Brecht an, verbringt die Sommer auf Ibiza. 1933 emigriert er nach Paris, hat aber zu wenig Geld. Er wird Mitglied des Collège de Sociologie, das von Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois gegründet worden ist und schreibt für Max Horkheimers „Zeitschrift für Sozialforschung“ Essays. Sein wohl berühmtester Aufsatz ist „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, das von Max Horkheimer in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ veröffentlicht wird und dessen Hauptthese es ist, dass die Einmaligkeit der Kunstwerke durch ihre Reproduzierbarkeit in Frage gestellt ist, sich dadurch aber die Möglichkeit zur Politisierung der Massen ergibt.

Als Frankreich von den Nazis besetzt wird, kommt Benjamin für drei Monate in ein Internierungslager. Daraufhin entschließt er sich zur Emigration in die USA. An der frtanzösisch-spanischen Grenze wartet er vergeblich auf ein Visum; als seine Auslieferung an die Gestapo droht, nimmt er sich mit einer Überdosis Morphium in Port Bou das Leben.

All dies und noch viel mehr erfährt man in Lorenz Jägers Biografie Walter Benjamins. Interessant zu lesen ist das Buch vor allem wegen der Lage der Intellektuellen zu Zeiten der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Jäger versteht es ausgezeichnet, hier authentische Zeugnisse zusammenzutragen, die sehr anschaulich die Atmosphäre jener Zeit wiedergeben und den Weg deutscher Intellektueller nach links und nach rechts.

Mitunter schweift Jäger zu oft ab und es gibt auch zu viel literatur-germanistisches Namedropping, das man zunächst erst gar nicht bemerkt; mitunter wird es allzu akademisch mit zu vielen sicher fleißig recherchierten aneinandergereihten Zitaten, denen bedauerlicherweise keine frei geschriebenen Absätze auf Augenhöhe entgegengestellt sind. So fehlt mitunter ein eigener, originärer  – also mitreißender – Stil, der diese Biografie immer wieder seltsam unorganisch und leblos wirken lässt. Vom akademischen „Wir“ gar nicht zu reden, das außerhalb der Universitäten eher auf die Nerven geht.

Für die weitere Auseinandersetzung mit dem Werk Walter Benjamins ist diese Arbeit aber sicherlich fruchtbar – innerhalb der Germanistik und Philosophie sowieso.

Walter Benjamins Bruder Georg, ein Kinderarzt, wurde im KZ Mauthausen ermordet; seine Schwester Dora, eine Sozialwissenschaftlerin und Psychologin, starb 1946 in der Schweiz an Krebs.

Lorenz Jäger: Der Unvollendete, Rowohlt Berlin, 400 Seiten, ISBN:  978-3-87134-821-1

 

Dienstag, 13.06.2017

Autor: Andreas Schröter

Petteri Nuottimäki: Rechne immer mit dem Schlimmsten

Petteri Nuottimäki: Rechne immer mit dem Schlimmsten«Ein skurriler Roman kommt aus Schweden: Petteri Nuottimäkis „Rechne immer mit dem Schlimmsten“. Darin versucht ein Mann namens Matti Aalto, der einst mit seiner Familie von Finnland nach Schweden ausgewandert ist, mit sehr eigenwilligen Methoden, seine drei Kinder auf das harte Erwachsenenleben vorzubereiten. Wer alles richtig macht, dem winkt als Erbe die Insektenzucht, die Matti besitzt – und das schon bald, weil er sterbenskrank ist. Er verkauft seine Tierchen zur Schädlingsbekämpfung an die Forstindustrie.

Doch die Kinder haben wenig bis gar keine Lust auf dieses Erbe. Sie wollen lieber ein Billardcafé gründen, auf Pferde wetten oder in den Antiquitäten-Markt einsteigen – wenn auch allesamt reichlich erfolglos …

Man merkt diesem Roman an, dass er auf dem wahren Leben von Nuottimäkis Großvater beruht – will heißen: Nicht alles, was möglicherweise bei Familien-Treffen seit Jahrzehnten für Lacher sorgt, kommt gleichermaßen lustig rüber, wenn man es in einen Roman packt. Möglicherweise ist aber auch der offenbar recht eigenwillige finnenschwedische Humor etwas, das man in Deutschland nur bedingt versteht.

Ein wenig aus der Kurve fliegt die Geschichte, als ein seit Jahrzehnten tot geglaubter weiterer Sohn auf den Plan tritt. Ab diesem Moment wird die ganze krude Geschichte für den Leser nur noch schwer nachvollziehbar.

Seltsam ist auch die Eigenart des Autors, einen Teil seiner Geschichte über Fußnoten zu erzählen, als handele es sich um eine Diplomarbeit. Das erschwert das Lesen, weil man im Text ständig springen muss.

Fazit: Sicherlich gibt es in diesem Buch viele Stellen, über die man mindestens schmunzeln kann, aber insgesamt ist dem Autor hier noch nicht der ganz große Wurf gelungen, was wohl auch daran liegt, dass die Figuren letztlich etwas blass und emotionslos bleiben.
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Petteri Nuottimäki: Rechne immer mit dem Schlimmsten.
HarperCollins, April 2017.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Mittwoch, 07.06.2017

Autor: Andreas Schröter

Richard Russo: Ein Mann der Tat

Richard Russo: Ein Mann der Tat«688 Seiten und jede einzelne lesenswert – das lässt sich über „Ein Mann der Tat“ des 1949 geborenen amerikanischen Schriftstellers Richard Russo sagen, der 2002 den Pulitzer-Preis gewonnen hat.

Der Roman nähert sich den Einwohnern des fiktiven Städtchens North Barth an der amerikanischen Ostküste, die sich gegenüber ihren Nachbarn in dem viel schöneren, reicheren und besseren Nachbarort Schuyler Springs – den gibt’s wirklich – immer ein wenig im Hintertreffen fühlen.

Da ist Polizeichef Raymer, die Hauptfigur, der im Auto seiner verstorbenen Frau Becka eine Garagenfernbedienung findet, von der er annimmt, dass sie Beckas Liebhaber gehört. Sein Ziel ist es nun, das Ding vor jedem Garagentor am Ort auszuprobieren, um herauszufinden, wer der verhasste Mann ist.

Weitere Figuren sind der gewitzte Sully, der nicht mehr lange zu leben hat, sein zurückgebliebener Kumpel Rub, eine widerborstige schwarze Polizistin, ihr verhaltensgestörter Bruder und der impotente Bauunternehmer Carl – um nur einige zu nennen.

Zu allem Überfluss bricht eine Giftschlange aus, ein Gebäude stürzt ein, Raymer fällt in ein offenes Grab, und ein Blitzschlag fördert eine Seite bei ihm zutage, die er bisher noch gar nicht kannte. Und könnte es sein, dass er sich in seine Mitarbeiterin verliebt hat?

Das alles hört sich so zusammengefasst nach üblem Klamauk an, ist es aber nicht. Russo gelingt es, seine Figuren all diese grotesken Absonderlichkeiten erleben zu lassen, ohne dass der Leser denkt: ,So ein Quatsch‘. Alles wirkt folgerichtig, durchaus nachvollziehbar und humorvoll.

Besonders den labilen Polizeichef Raymer, der sich eigentlich von allem und jedem gnadenlos überfordert fühlt, schließt man als Leser schon nach wenigen Seiten ins Herz.

„Ein Mann der Tat“ ist weniger ein Gesellschaftsporträt amerikanischer Kleinstädte wie das neulich hier vorgestellte „Licht und Glut“ von Jennifer Haigh als vielmehr ein Unterhaltungsroman, der einfach nur Spaß macht.
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Richard Russo: Ein Mann der Tat
Dumont, Mai 2017
688 Seiten, gebundene Ausgabe, 26 Euro

Montag, 29.05.2017

Autor: rwmoos

Luis Sellano: Portugiesische Rache. Ein Lissabon-Krimi

Im Vorortzug nach Lissabon

Summary: Flüssig zu lesender Sonntag-Nachmittag Krimi ohne allzu gehobene Ansprüche.

Da kommt man von einem Konzert der Wiener Philharmoniker nach Hause und muss am nächsten Abend zum Schulkonzert, wo der eigene Nachwuchs fleißig die Saiten des Violoncell’s zusammenschrubbt. Andersherum wäre besser, weil man, ob man wollte oder nicht, die reineren Töne noch im frisch gewaschenen Ohr hatte. Ein Vergleich wäre schäbig und würde beiden Seiten nicht einmal ansatzweise gerecht.

So ungefähr geht es mir, wenn ich, einige Zeit nach der Lektüre der Romane von Carlos Ruiz Zafón den ähnlich gelagerten Ansatz von Luis Sellano vorliegen habe: Ein Antiquariat als Dreh- und Angelpunkt der kriminologischen Nachlese eines politischen Regimes, welches die Gesellschaft nachhaltig entzweite und Verletzungen hinterlassen hat, die umso weniger heilen, als man sieht, dass die Dunkelmänner der alten Liga auch in der Neuzeit ihr Schäfchen trocken halten konnten.

Das Ganze vor dem Hintergrund einer Lokalität, die dem Touristen in angenehm ausstrahlender Erinnerung ist: Hier Lissabon, dort Barcelona.

Doch wie gesagt – der Vergleich ist nicht fair. Nicht jeder ist ein Weltklasse-Autor. Und doch hat Luis Sellano ein gefälliges Szenario entwickelt, dass sich hie und da wirklich mit den Bedingungen unter dem Estado Novo Salazars und dessen Nachfolgers beschäftigt.
Beschäftigt. Nicht auseinandersetzt. Die Vergangenheit dient nur als düsterer Hintergrund, vor dem sich die durchaus anregende Kriminalstory entwickelt und die ihr die Rechtfertigung liefert.

Ohne Zafón im Hinterkopf wäre der originelle Ansatz durchaus lobenswert.

Was dem vorliegenden Krimi aber nun wirklich einen etwas überholungsbedürftigen Beigeschmack gibt, ist der neokoloniale Ansatz. Ähnlich dem Plot in den alten Bond-Filmen taucht der mitteleuropäische Held in etwas entwicklungsbedürftigen, aber angenehm lässigen Sekundärwelten auf, wo sich neben netten künstlerisch ambitionierten oder zumindest gastfreundlichen Wesen auch allerhand Dunkelvolk tummelt. Gleichwertig männliche Gegenüber gibt es dort ohnehin nicht, aber im Frauenbestand ist die Auswahl ebenso üppig wie die Chancen. Angesichts solcher Auswahl kann aber eine ebensolche nicht recht getroffen werden, was recht dünn mit einer aus einem Verlust geschuldeten Bindungsunfähigkeit verklärt wird.
Mag sein, dass sich Männer mit Mode-Bärten, welche mitnichten zum Walrossjagen taugen, mit derartigen Protagonisten identifizieren können. Ich halte eher dafür, dass der Autor hier doch noch ein paar Schrauben an seinem alpenfesten Weltbild nachjustieren sollte.
Auch insofern Lissabon immer ein wenig zu sehr aus deutscher Touristen-Perspektive geschildert erscheint, fühlt man sich unangenehm an jenen Uralt-Witz mit dem Vorort von Bonn erinnert.

Trotzdem: Ich habe die Lektüre nicht bereut. Dazu gab es trotz Sonne genügend Schatten und kühles fränkisches Bier. Mit den Füßen im Wasser der vereinsamten Bademuschel meiner Tochter kam Langeweile an keiner Stelle auf, und das will doch heutzutage auch etwas heißen.

Tüchersfeld am Sonntag nach Himmelfahrt 2017

Reinhard W. Moosdorf

Montag, 29.05.2017

Autor: Christiane Geldmacher

Tom Robbins: Tibetischer Pfirsichstrudel

Autobiografien sind herausragendes Lese- und Zeitzeugenmaterial, wenn sie gut geschrieben sind. Das ist nicht immer der Fall: Da gibt’s viel Eitelkeit, manche sind dröge oder die Autoren trauen sich nichts. Tom Robbins aber traut sich was. Und er füllt seine Autobiografie mit einem Haufen Kürzeststorys an. Robbins wurde 1936 in Virginia im Süden der USA geboren – ja, so lange ist das schon her! –, zog mit seiner Familie lange umher, belegte an der Hargrove Military Academy als Hauptfach Basketball, heiratete mit 16, bekam einen Sohn, ließ sich scheiden, studierte Journalistik, ging zur Armee, lehrte als Soldat während des Koreakrieges Metereologie, arbeitete bei der Post, studierte Kunst, beteiligte sich an Happenings, heiratete wieder, wurde geschieden und ging auf Reisen.  Heute lebt Robbins als freier Schriftsteller in einem Fischerdorf bei Seattle.  In „Tibetischer Pfirsichstrudel“ feiert er sein und das Leben generell. Großartig übersetzt wurde das Buch von >>>Pocaio. Seine bekanntesten Bücher – er arbeitete zunächst als Korrektor, später als Journalist – sind „Sissy, Schicksalsjahre einer Tramperin“, „Buntspecht“ und „Völker dieser Welt, relaxt“. Zuletzt erschienen ist 2009 „B is for Beer“: „B ist für Bier“.

Anekdotenreich erzählt er von seiner Zeit als Jugendlicher, Student, Soldat, Prä-Beatnik und Hipster. Die Bezüge, die er bringt, sind so vielfältig wie die große Zeitspanne, die diese Autobiografie abdeckt. Da ist von Billie Holiday die Rede, von Ella Fitzgerald, von Louis Armstrong,  von Norman Rockwells Gemälden, von Shelly Duvalls („The Shining) Liebe zu Ameisen, von Al Pacinos Eau de Cologne. Und natürlich von den Beatniks, von Jack Kerouac, von Allen Ginsberg, von seinem Freund Timothy Leary. Sein erzählerisches Können – und sein Erkennen vom Erzählenswertem – zeigt sich vor allem auch in den kleinen Histörchen über kleine Leute amerikanischer Kleinstädte. Hier läuft er zur Höchstform auf. Wie zum Beispiel die jenes Bürgermeisters aus South Bend, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, dass er Herrenanzüge aus seinem Wagen heraus verkauft. Es wird gemunkelt, dass die Anzüge nicht ganz Neuware sind, sondern von korrupten Bestattern stammten, die die Leichen in den Särgen unverzüglich bis auf die Unterhose ausziehen, sobald die Angehörigen den letzten Blick auf ihre loved ones geworfen haben.

Und ja, man erfährt etwas über die Kultur der Gasse. Es soll Schriftsteller geben, die diese nicht nur noch zu schätzen wissen, sondern die ihnen lieb und teuer ist.

„Meine Frau Alexa, der weiseste Mensch, den ich kenne, behauptet, alle meine Triebe, darunter auch die Sprache und die Liebe zu Frauen – und nicht zu vergessen, das Interesse an bewusstseinserweiternden Drogen oder tibetischen und zen-buddhistischen Philosophien mit ihren >verrückten Weisheiten< – , seien Teil eines übergeordneten Strebens: meiner lebenslangen Suche nach den Schnittstellen mit dem Großen Mysterium (das vielleicht, aber vielleicht auch nicht Gott ist) oder zumindest meiner Sehnsucht nach Wundern.“

Sehnsucht nach Wundern – oh ja. Das Buch ist für Leser, die diese Sehnsucht auch verspüren. Sie werden nicht nur ihr Vergnügen an dem Tibetischen Pfirsichstrudel haben, sondern daraus viel ziehen können und sich vielleicht einmal selbst wieder auf eine Reise machen, zu Ungekanntem, Unerhörtem. Ob reell oder spirituell.

Wer mal wieder Lust hat auf das gute, das wilde, das unkonventionelle Amerika, der lese dieses Buch.

Tom Robbins: Tibetischer Pfirsichstrudel

Aus dem Amerikanischen von Pociao

rororo, Hamburg, April 2017

480 Seiten, ISBN:  978-3-499-26955-4

 

Sonntag, 28.05.2017

Autor: rwmoos

Jens Bühler: Mit allen Mitteln. Ein Jo-Lasker-Thriller

Mittel und Zweck

Summary: Ein ausgezeichnet zu lesender, spannender Krimi, der insbesondere wegen seines gesellschaftsphilosophisch gezeichneten Tiefgangs Beachtung verdient.

Wenn jemand, der Tag für Tag mit Sexualdelikten zu tun hat – wie eine im Hintergrund bleibende Semi-Protagonistin dieses Buches – irgendwann nicht mehr damit zurechtkommen sollte, dass Kinderseelen zerstört werden, so kann es durchaus vorkommen, dass er sich anhören muss: Das hast Du doch vorher gewusst, was der Job mit sich bringt.
Wenn dagegen der Autor durch einen seiner Hauptprotagonisten dagegen hält: „Ja. Aber man kann nicht wissen, was das Ganze nach 15 Jahren mit einem anstellt“ … dann kann man nur sagen: Touché!

Es gibt so ein paar Jobs, die dringen derart tief in die Substanz der Gesellschaft ein, dass es schon schwer fällt, mit Leuten darüber zu sprechen, die lediglich auf den Möglichkeiten daher surfen, die diese unsere Gesellschaft bietet.

Polizisten gehören zweifellos dazu, aber auch Mitarbeiter des Jugendamts, Sozialarbeiter, Erzieher und gelegentlich auch kirchliche Mitarbeiter. Freilich – in allen diesen Jobs gibt es genug Möglichkeiten, sich bequem einzurichten. Man kann das Oberflächlichkeit nennen oder Abstumpfung. Man kann es auch Selbstschutz nennen und damit andeuten, dass auch dieses Phänomen Teil der gesellschaftlichen Funktionsweise ist. Im Buch sind das diejenigen, die bemerkt haben, dass sie am nächsten Ersten auch ihr Geld auf dem Konto haben, wenn sie Computerspielen frönen, statt zu arbeiten.
Fakt ist aber auch: Ca. 5% derer, die in den genannten Berufen arbeiten, geben sich nicht damit zufrieden, möglichst pünktlich Feierabend zu machen. Und während der Rest sich in internen Streitigkeiten verliert, rackern sie sich an dem Stein des Sisyphos ab. Obwohl sie wissen, dass die Belohnung ausbleibt. Dass sogar berufliche Nachteile näher liegen als Vorteile.

Warum nur tun sie das?

In der Regel haben solche Leute selbst einen Schaden. Verquere Kindheit, irgendeine Sucht oder soziale Unverträglichkeit. Oder sie brauchen die Arbeit, um genau solche Anlagen zu unterdrücken. Oft ist genau das auch die offene Flanke, die sie leicht angreifbar macht, wenn Kollegen oder Vorgesetzte (oder gelegentlich auch Untergebene) ihr Engagement als Vorwurf auf den von jenen formulierten Mainstream des Nur-das-Nötigste-Tuns auffassen. Sie neigen zum Einzelgängertum und finden nur wenige Freunde.
Diese 5% scheitern zu 99%. Aber zu einem Prozent ändern sie die Welt. Oder zumindest ihre Welt. Das ergibt eine Gesamt-Wahrscheinlichkeit von 0,0005. Klingt wenig. Heißt aber im Umkehrschluss, dass es in Deutschland 40.000 Leute gibt, die solch eine Änderung erreichen. Deshalb lohnt sich der Versuch, und das ahnen die 5%. Wahrscheinlich spielt auch die Hoffnung auf eine späte Anerkennung, einen doch noch irgendwie zu erreichenden beruflichen Erfolg oder zumindest einen akzeptablen Nachruf eine Rolle. Aber sie sind, anders als es oft den ersten Anschein hat, Realisten. Sie handeln nicht mit einem „… um zu …“ in ihrer inneren Ethik. Sie tun das, was sie tun, weil sie es tun müssen. Sie können nicht anders. Der Fluch der den Sisyphos traf, hat sie schon in diesem Leben ereilt.

Jens Bühler, der als Hauptkommissar der Frankfurter Polizei schon an verschiedenen Brennpunkten mitgearbeitet hat, kennt diese Problemlagen. Und er weiß, dass der lange Aufenthalt an Brennpunkten einen ausbrennen kann. Offenbar hat er seinen Ausweg gefunden: Er schreibt Krimis.

Nun liegt natürlich das alte Vorurteil nahe: Die, die vom Fach sind, können nicht gut schreiben. Und die, die gut schreiben können, schmieren fachlichen Blödsinn daher. Solch Vorurteil greift indessen hier nicht. Sicher: Die Handlungsstränge berühren zumindest am Ende hie und da den Bereich des allzu Unwahrscheinlichen. Wenn da plötzlich ein MG aus der Ardennenoffensive auftaucht oder zu viele Kompetenzen in einer Person zusammentreffen. Solche handwerklichen Schwächen sind wahrscheinlich Reminiszenzen an den Mainstream-Krimi, die der Autor meines Erachtens gar nicht nötig hätte. Andererseits wohnt zumindest der Story mit dem Ardennen-MG ja auch eine Spur Humor inne, die nicht ungewürdigt bleiben soll. Es gibt ja tatsächlich Leute, die sowas in ihren Kellern horten und dabei den Hintergedanken haben: man wisse ja nicht, wann man es mal wieder brauchen kann. Und dabei vergessen, dass es auch in den Ardennen nicht wirklich genützt hat …

Will man eine Gesellschaft verändern – womöglich gar bessern – muss man die Fachkompetenz der genannten Berufsgruppen definitiv einbeziehen. Insofern wundert es, wenn politische Gruppen, die sich die Veränderung auf ihre Fahnen geschrieben haben, auf diese Kompetenz verzichten.

Andererseits verführt der Innenblick, der berufsbedingt nur die Problemlagen erfasst, dazu, sich für den einzig legitimen Blick zu halten. Auch das kann zu Irrwegen führen.

Das wäre die Dirty-Harry-Perspektive, die im Buch selbst angesprochen wird und die dort die Protagonisten immer mehr erfasst. Angelehnt an die gleichnamigen Filme kennzeichnet es ein Vorgehen, mittels illegaler, teilweise äußerst brutaler Methoden effektive Polizeiarbeit zu leisten. Verteidigt wird dieses Vorgehen durch das Vorzeigen und Verknüpfen einer Gemengelage aus
widerwärtigen Tätertypen, Gesetzeslücken und laxer Rechtsprechung.
Dies rechtfertigt dann eine Fortschreibung der Selbstjustiz, nämlich eine Justiz der Exekutive ohne Legislative als einzig wirksames Mittel.

Wie verführend eine solche Vorstellung ist, zeigt nicht nur der Erfolg der Dirty-Harry-Serie (und in der Folge einer ganzen Riege weiterer Filme und Serien, die in die gleiche Kerbe schlagen), sondern auch die Binneneinstellung vieler Polizisten. Schließlich haben diese – im Unterschied zu Sozialarbeitern, Jugendamtsmitarbeitern etc. wesentlich mehr Möglichkeiten zur Durchsetzung, schon aufgrund des ihnen übertragenen Gewaltmonopols. Mit ein bisschen Corps-Geist lassen sich dann auch Straftaten schnell übertünchen. Und wenn diese Straftaten irgendwie in den Gesamtauftrag passen, kann man da auch mit einigem Verständnis rechnen. Schließlich sind die bösen Jungs ja auch nicht zimperlich.

Und genau da liegt das Problem: Wer legt fest, wer die bösen Jungs und wer die guten sind? Die Uniform?
Im Buch beschützt eine Polizistin mit illegitimer Gewalt ihren Neffen. Genau wie ein Gangster seine Nichte. Beider Anliegen wirbt um Verständnis. Und jedesmal wird die Gewalt mit stärkerer Gewalt zur Raison gebracht. Das führt nahezu notwendigerweise irgendwann zum Ardennen-MG. Was ist die nächste Eskalationsstufe? Panzer? Atombomben?

Klingt blöd, aber genau die Atombombe und ihre jüngeren, stärkeren Schwestern, haben angefangen, uns Menschen zur Vernunft zu bringen. Gewalt schaukelt sich immer auf, das sieht man schon bei streitenden Geschwistern. Erst werden die Schimpfwörter immer stärker, dann die Tätlichkeiten. Weil es uns allen eigen ist, erlittene Einschläge ungleich stärker zu wichten als ausgeteilte. Und genau da setzen Erziehung und Kultur an: Uns und unseresgleichen beizubringen, dass Geist stärker ist als Muskelkraft. Dass nur das Zurücknehmen des Egos und des von ihm empfundenen Schmerzes zugunsten einer Koexistenz die Gewaltspirale in ein Gleichgewicht umwandeln kann. Nur wenn jeder seinen Picknickplatz immer ein wenig mehr aufräumt, als er selbst Abfall hinterlassen hat, wird auch das versehentlich Vergessene eliminiert.

Ich kann verstehen, dass gerade Polizisten unter einer als zu schwach empfundenen Rechtsprechung und der damit einher gehenden Bürokratie leiden. Das Aushalten dieses Leidens aber zeichnet einen starken Charakter aus. Denn was wäre die Alternative?

Urteile die letzte Zweifel unter den Tisch kehren? Ein Staat, der das „gesunde Volksempfinden“ zum Maßstab seiner Urteile macht?
Von Robespierre über Hitler und Stalin bis zu Duterte waren alle Tyrannen der Meinung, dass sie die Guten sind. Stalin ist ebenso wenig früh aufgestanden und hat überlegt, wie er sein Volk knechtet, wie dies heute Duterte (das ist der aktuelle philippinische Präsident, der zusammen mit den Drogen gleich die Dealer und die Süchtigen ermorden lässt) tut. Alle haben vielmehr überlegt, wie sie ihr Volk voranbringen. Sie waren der Meinung, dass dazu Härte gehört, Härte gegenüber Verbrechern, aber auch Härte gegenüber denen, die die Härte kritisieren. Und so verschieden die einzelnen Diktatoren waren – hierin waren sie alle gleich. In allen genannten Fällen (außer bei Duterte – der hat das noch vor sich) führte das selbst verschuldete Ausschalten der Korrektive dazu, dass der eigene Weg als der allgemein gültige angesehen wird. Wer sich das Recht über Leben und Tod anderer anmaßt, hält sich früher oder später für Gott. Und das wird sehr, sehr gefährlich für alle, die ihn nicht anbeten.
Das war der Weg, auf dem Herrscher zu Verbrechern wurden.

Deshalb mag ich eher einen „schwachen“ Staat, dessen Vertreter zu seinen Fehlern und Mängeln stehen und versuchen, aus diesen Fehlern Stärken zu schmieden. Andernfalls unterscheidet die Polizistin früher oder später wirklich nichts mehr von dem Gangster.

Ein Spruch, der das vorliegende Muster beschreibt, und im Titel aufgegriffen wird, lautet: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Meines Wissens stammt er von dem Jesuiten H. Busenbaum. Seinerzeit allerdings hatten dieser einen zweiten Teil angefügt: „…, solange die Mittel den Zweck nicht gefährden.“ Der Halbsatz ist von dem ganzen Satz so weit entfernt wie Diktatur von Weisheit.

Clint Eastwood war der Darsteller des „Dirty Harry“. Er war auch maßgeblich für die Regiearbeiten, insbesondere der vier Fortsetzungen, verantwortlich. Im Unterschied zu den meisten Fans der Filme hat er sich mit den hier angedeuteten Fragen und Vorwürfen auseinander gesetzt. Schon in der zweiten Folge thematisierte er das Thema der Selbstjustiz der Exekutive und lässt seinen Helden mit ebensolchen Methoden gegen eine solche Polizisten-Gang antreten. In einem ähnlich strukturierte Epos („The Outlaw Josey Wales“ / dt.: „Der Texaner“) geht er noch weiter: Er zeigt die Lebensgeschichte eines Mannes, der zu solch einem Outlaw, also einem auf Selbstjustiz angewiesenen, außerhalb des Gesetzes Stehenden, wurde. Und er zeigt seinen Weg zurück in die Gesellschaft, in dem er auf Rache verzichtet, weil er wieder eine Perspektive hat. Und andersherum: Er hat wieder eine Perspektive, weil er auf Rache verzichtet. In weiteren Regiearbeiten (z.B. „Gran Torino“) geht Eastwood noch weiter, und spielt mit dem Image der Selbstjustiz, die dann in einen geradezu messianischen Opfergang mündet (der allerdings so auch nur klappt, weil die Annahme der Selbstjustiz als gegeben genommen wurde). Eastwood hat sich sein ganzes Künstlerleben mit dieser Frage auseinander gesetzt und das Für und Wider auch in sein politisches Leben übernommen und dort durch diskutiert.

Im vorliegenden Buch wird dagegen die Möglichkeit angespielt, innerhalb der Exekutive einen Geheimbund zu gründen, der – ähnlich der Polizisten-Gang im zweiten Dirty-Harry-Film – die Grenzen der Legalität zugunsten einer Duterte-Lösung umgeht. Auch das ein nachvollziehbarer und nicht ganz unsympathischer Gedanke. Warum er nicht funktioniert, verrät die Story selbst: Die Grundwährung eines solchen Bundes wäre absolutes Vertrauen. Das wiederum führt zu Abhängigkeit und Herrschafts-Wissen. Damit hat der mit dem meisten Wissen die anderen in der Hand, was gerade bei den Menschen mit dem oben gezeigten Gedankenmuster zwangsläufig wieder zu anfangs erpresserischen, später diktatorischen Ansprüchen führt. Wer Schwäche als Schwäche verkennt, verkennt ebenso sehr Stärke als Stärke.

Da ist es nur folgerichtig, dass am Schluss der Oberheld von Verwicklungen erfährt, die er seinen Unterhelden selbstverständlich nicht anvertraut. Womit er seinen Spruch von Vertrauen als neuer Währung auch gleichzeitig konterkariert und festigt.

Jens Bühler hat bereits einen Jo-Lasker-Krimi geschrieben: „Geister“. Dieser spielt in der Zeit fünf Jahre nach dem jetzt erschienenen Buch. Ich habe „Geister“ nicht gelesen. Es bleibt eine spannende Frage, ob sich dort die gesellschaftskritischen Fragestellungen auflösen oder noch mehr verwickeln. Oder ob diese Fäden weiteren, hoffentlich zu erwartenden, Fortsetzungen resp. Prequels vorbehalten bleiben.

Und wenn diese dann noch in einem so gekonnt geschriebenen Buch geknäult oder entwirrt werden, dann wünsche ich viel Vergnügen bei der Lektüre.

Tüchersfeld, den 28.05.2017
Reinhard W. Moosdorf

Donnerstag, 25.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Graham Swift: Ein Festtag

Graham Swift: Ein Festtag«Ein zauberhaftes Büchlein legt der 1949 geborene englische Autor Graham Swift vor. Es heißt „Ein Festtag“ und spielt in einer Zeit, in der sich begüterte englische Familien noch Personal leisteten und es allgemein recht gesittet und förmlich zuging.

Zumindest nach außen hin – denn als die Familie, in der die junge Jane als Dienstmädchen arbeitet, am Muttertag 1924 einen Picknick-Ausflug ohne sie unternimmt, fährt die junge Frau schnurstracks zu ihrem Geliebten Paul. Der ist reicher Sprössling einer anderen begüterten Familie und soll demnächst standesgemäß verheiratet werden. Die beiden widmen sich an diesem herrlich frühlingshaften „Festtag“ vor allem einem: der körperlichen Liebe. Paul, der schnelle Autos liebt, hat seiner Familie und seiner Verlobten weisgemacht, dringend für sein Jura-Studium pauken zu müssen. Der Tag – soviel, aber auch nicht mehr, sei verraten – endet nicht gut.

Dieser nur 144 Seiten dicke Roman lebt von einer wunderschönen poetischen und erotisch aufgeladenen Atmosphäre. Man spürt förmlich die milde Frühlingsluft, wie sie in das Zimmer des mondänen Herrenhauses weht, in dem sich Jane und Paul vergnügen.

Und er lebt von dem, was nicht direkt gesagt wird, aber zwischen den Zeilen steht –zum Beispiel wie Paul zu seinem Jura-Studium und zu seiner künftigen Braut steht. Oder wie viel Janes Dienstherr von ihrer heimlichen Beziehung weiß.

Auch gelingt es dem Autor mit nur wenigen Worten, feinste psychologische Schwingungen seiner Hauptfiguren zu transportieren.

Swift kombiniert die Ereignisse des Jahres 1924 mit dem, was Jane in ihren späteren Jahren erlebt. Doch sogar als 90-Jährige, die mittlerweile eine erfolgreiche Schriftsteller-Karriere hingelegt hat, erinnert sie sich an diesen einen besonderen „Festtag“.
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Graham Swift: Ein Festtag.
dtv, Mai 2017.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Montag, 22.05.2017

Autor: Immo Sennewald

Einsame Größe und Netzwerk des Lebens: Die Pilze

Kein Lexikon oder Bestimmungsbuch – eine Entdeckungsreise

Wer das Staunen nicht verlernt hat, für den ist dieses Buch ein Fest. Robert Hofrichter hat das Verwundern seiner Kinderzeit über Artenreichtum, Formenvielfalt und delikaten Geschmack der Pilze zum Beruf gemacht: Er ist ein leidenschaftlicher Pilzforscher geworden. Er hat dabei, obwohl er über wahrhaft erschöpfende Kenntnisse verfügt, die Neugier ebenso bewahrt wie seine Entdeckerfreude – über die eigenen Arbeiten hinaus. Damit hat er mich derart angesteckt, dass ich unmöglich sagen könnte, welches der 16 Kapitel mich am meisten gefesselt hat.

Hofrichter führt seine Leser durchs unterirdische Reich der Mykorrhiza, wo die Wurzeln der Pflanzen von Pilzen umwoben werden, manche sogar Pilzfäden in ihr Inneres aufnehmen: Beider Stoffwechsel ergänzen einander – „bis dass der Tod sie scheidet“. Tatsächlich ist dieses Sachbuch voller Poesie, und zwar völlig kitschfrei und ohne anthropomorphe Sperenzchen. Sein sympathischer Grundton ist die Liebe des Autors zu seinem Gegenstand: Pilze sind ihm exemplarisch für das große, kostbare Geschenk des Lebens. Er erzählt, wie er seine Frau auf einer Pilzwanderung kennenlernte, wie beide alljährlich das Wachsen und den Wandel dieser eigenartigen Wesen verfolgen, er reist mit uns über Kontinente, durch Wüsten und Meere, er reist Jahrmillionen zurück in die Entwicklungsgeschichte oder in die Steinzeit, als „Ötzi“ den Zunderschwamm, einen Baumpilz, zum Feuer machen und als Heilmittel nutzte. Die alltägliche Begegnung mit dem Speisepilz verbindet er mit kulturhistorischen Anekdoten über Giftmörder, er kennt sich mit Pilzen im Schamanismus, in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) so gut aus wie in der Mikrobiologie, er zeigt, wie Blattschneiderameisen und Termiten lange vorm Menschen Pilze züchteten. Wir erfahren beim Lesen etwas über die Systematik der Biologie, und wie sie durch immer neue Erkenntnisse von Pilzen – etwa über Flechten – umgewälzt wird. Hofrichter erzählt das alles unangestrengt und unterhaltsam. Das kann nur einer, der gleichermaßen für seine Wissenschaft, fürs Schreiben und die Pädagogik begabt ist. Er verbindet Detailschärfe mit souveränem Überblick.

Zu dieser Befähigung gehört auch, wie er seine Quellen nutzt: Hofrichter bindet Zitate geschickt ein, merkt sorgsam an, bekundet historischen und zeitgenössischen Forschern seinen Respekt. Register und Fotos werden viele Pilzsucher anregen. Zum Schluss, nachdem er Arten- und Formenreichtum der Pilze,  ihr Miteinander mit anderen Lebensformen und den unschätzbaren Wert für die Natur und uns Menschen noch einmal gewürdigt hat, schaut Hofrichter in die Zukunft: Da bleibt unendlich viel zu erforschen, nicht nur was die Eigenarten der Pilze, sondern auch was ihre Rolle in der Biotechnologie und Ökologie anlangt.

Ich gestehe, kein unvoreingenommener Leser zu sein, denn ich bin von Kindesbeinen an „Pilzfan“. Das heißt: Publikationen zum Thema lese ich womöglich besonders kritisch. Wer Kindern Natur und Naturforscher nahebringen möchte – egal ob als Eltern, Lehrer oder in einer Organisation – darf sich getrost diesem Buch anvertrauen, denn es beweist, dass Unverstandenes, Unbeachtetes, Seltsames, auch Irrtümer die Arbeit des Forschers leiten – nicht das quotenverstärkt Banale und das vermeintlich am besten Verkäufliche. In diesem Sinn wäre ihm ein weniger werbeschwülstiger und einfallsloser Titel zu wünschen gewesen.

Robert Hofrichter „Das geheimnisvolle Leben der Pilze – Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt“, Gütersloher Verlagshaus, 240 Seiten, 19,99 €

Freitag, 19.05.2017

Autor: Andreas Schröter

Peter Schneider: Club der Unentwegten

Peter Schneider: Club der Unentwegten«Älterer Mann liebt jüngere Frau – das ist das Grundthema in Peter Schneiders Roman „Club der Unentwegten“. Roland, ein Privatgelehrter, verliebt sich in Manhattan in die charismatische Leyla. Für beide beginnt ein Liebesabenteuer voller Sex und Lebenslust. Aber schon bald kommen die typischen Probleme: Wie zum Beispiel geht Roland mit dem Kinderwunsch seiner jungen Geliebten um? Diverse Trennungen und Wiedervereinigungen sind die Folge.

Doch der Roman des 1940 geborenen Autors handelt nicht nur von Roland und Leyla, sondern auch von gleich einer ganzen Reihe von Bekannten Rolands, die offenbar alle dieselben Vorlieben für jüngere Frauen haben – der „Club der Unentwegten“. Treffen sie sich, kommt unweigerlich nach wenigen Minuten das Gespräch auf diese Gemeinsamkeit. Das wirkt auf Dauer etwas penetrant. Man sehnt sich als Leser fast nach einer Romanfigur, die mal von etwas anderem redet als von ihrer schier unglaublichen Liebesaffäre mit einer jungen Frau.

„Club der Unentwegten“ ist ein Unterhaltungsroman, der sich locker wegliest, der aber gelegentlich auch einen Hauch von jenen etwas unangenehmen Altmännersex-Phantasien verströmt, die man zuweilen den Spätwerken von Autoren wie John Updike, Martin Walser oder Philip Roth zuschreibt.
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Peter Schneider: Club der Unentwegten.
Kiepenheuer & Witsch, Mai 2017.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,00 Euro.

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