Freitag, 21.08.2015

Autor: Andreas Schröter

Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt

Lisa O'Donnell: Die Geheimnisse der Welt«Lisa O‘Donnells Roman „Die Geheimnisse der Welt“ ist komplett aus der Sicht eines Elfjährigen geschrieben, obwohl es kein Kinderbuch ist. Dieser literarische Trick hat Vorteile: Man sieht die Ereignisse durch die unverstellte, gradlinige, frische und manchmal etwas naive Sicht eines Kindes. Und Nachteile: Ähnlich wie Eltern, die den ganzen Tag nur mit Kindern zu tun hatten, sich abends nach einem Gespräch unter Erwachsenen sehnen, wünscht sich der Leser mit wachsender Seitenzahl, doch bitte endlich wieder in den Kopf einer älteren Figur eintauchen zu dürfen.

Inhaltlich geht‘s um eine Vergewaltigung, die zunächst eine Familie und später ein ganzes irisches Dorf an den Rand des Abgrunds bringt. In beiden Fällen sind das Schweigen und die Geheimniskrämerei Hauptgrund allen Übels. Man könnte den Roman also als Plädoyer für die Kommunikation auffassen.

Zweites – oft amüsantes – Thema sind die Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden mit ersten Küssen und Enttäuschungen.
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Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt.
Dumont, Juli 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Dienstag, 18.08.2015

Autor: oliverg

32 Grad, eine Skizze

[ein  backup aus “buecherbrett.org”, das schließt, mehr davon?]

32 grad

6. Juli 2009 Oliver Gassner

ich stehe auf der erhöhten plattform des doppeldeckerzuges, nein ich sitze auf meinem koffer den ich keine lust habe bei dieser hitze nach oben oder nach unten zu schleppen. neben der tü sitze ich und halte mich an der stange fest, denn der zug wackelt immer mal.

genau in einer sicht sitzt eine junge frau, vielleicht 25. ich bemerke sie eigentlich erst, als sie beginnt ihr blondes haar über ihre rechts schulter zu legen und es mit mit ihren händen teilt während sie erst nach draußen blickt.

dachte ich. dabei nutzt sie wohl im dunkelwerden nur die glasscheibe als spiegel.

ihr haut ist blass und feucht. so feucht dass sie aussieht als sei sie aus samt. im zug ist es kühl, draußen immer noch heiß.

unter einem gelben halb durchsichtig wirkenden top aus dünnem stoff trägt sie etwas, das dunkelrot ist. ist das nur ein bh oder mehr? das top ist so durchsichtig doch nicht.

sie ist unzufrieden mit der ersten aufteilung und beginnt von neuem.

mir kommt die Goethe/Schiller anekdote in den sinn: “”Er saß auf ihres Bettes Rand und spielte mit den Flechten // Das tat er mit der linken Hand, was tat er mit der Rechten?”

gerade fällt es mir schwer mir etwas vorzustellen, das erotischer wirken könnte als diese junge frau, die sich das haar flicht.

jetzt bloß nicht so wirken als starre ich sie an, was ich ja tue. sie dreht ihren kopf in meine richtung. gucke ich jetzt auch ordnentlich schnell und unauffällig in die ferne?

haare flechten ist ja an sich eine vorhersagbare sache. teilen, flechten.. der zopf hängt  über ihre rechte schulter. aber sie hat ihn offen gelassen. sie hat entweder nichts dabei ihn zu schließen oder es ist ihr egal oder er muss ohnehin nur so lange halten, bis ihr nicht mehr so warm ist.

ich hatte auch mal lange haare und trug dann irgendwann nur noch pferdeschwanz. vor allem im sommer. vielleicht ist ihr nur heiß. sie blickt ernst, nicht verkrampft, auf eine madonnenhafte art entspannt, wirkt intelligent. rechts von ihr steht ein recht großer rucksack. kein reiserucksack eher ein mittelgroßer wanderrucksack. aber wandern war sie wohl nicht. aber es ist kein designteil.

mein zug hält. ich steige aus. sie auch. ich bin vor ihr. gehe. würde mich nie umdrehen.

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Freitag, 07.08.2015

Autor: Odile

Japankrimi: Roppongi Ripper von Andreas Neuenkirchen

In Neuenkirchens neuem Tokyo-Krimi, erschienen beim Conbook Verlag, ermittelt Inspectorin Yuka Sato gegen den Serienkiller Roppongi Ripper. Wie schon im ersten Band, dem Frühlingskrimi „Yoyogi Park“, sind die Morde inszeniert, wenn nicht gar ritualisiert – und dies auf grausamste Art und Weise. Während Sato gemeinsam mit Shun Nakashima versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen, ereignen sich weitere Morde unter sehr unschönen Umständen. Milde formuliert. Der Autor hat in diesem zweiten Band noch eins draufgelegt. Das bringt jedoch Yuka Sato nicht aus der Ruhe. Sie arbeitet sich systematisch voran, taucht in die Vergangenheit der Opfer ein und deckt so nach und nach die Identität des Serienmörders auf. Yuka Sato und ihr Kollege Nakashima müssen sich im Laufe ihrer Ermittlungen nicht nur mit grauenhaften Tatorten auseinandersetzen. Nakashima, der in diesem Band vom Assistenten zum Inspektor aufsteigt, wird mit seiner eigenen Vergangenheit und Yuka Sato mit neuen Persönlichkeitsfacetten Nakashimas konfrontiert. Zudem schlägt sie sich mit den harten Jungs der Neonazi-Gruppe White Power Yamato herum. Ohne mit der Wimper zu zucken. War Yuka Sato im letzten Band auch schon so cool? So heldenhaft? Sie scheint zwischen dem ersten und dem zweiten Band eine gewisse Persönlichkeitsveränderung durchgemacht zu haben. Das kann zu Irritationen bei den LeserInnen führen, auch wenn diese Entwicklung durch den Schluss des ersten Bandes schon angelegt war.

Neuenkirchen schafft es, abgesehen von einigen Längen, eine spannende Handlung zu konstruieren und filmreife Szenen zu entwickeln. Wie die Insepktorin die knallharten White Power-Typen vorführt, erstaunt und erfreut, nicht zuletzt wegen der geradezu satirischen Elemente. Yuka Satos atemberaubende Motorradfahrt auf der letzten Jagd nach dem Killer ist eine Klasse für sich. Filmreif ist auch der dramatische Showdown, dessen Dramatik allerdings durch den Hang zur Satire und befremdlich wirkende Denk- und Dialogpassagen der Figuren beeinträchtigt wird. Es wird nicht ganz klar, ob der Autor an dieser Stelle bewusst das klassische Showdown-Szenenmuster milde karikieren wollte oder ob hier etwas anderes intendiert war. Die LeserIn muss sich selbst ein Bild machen.

Es wird Neuenkirchen vermutlich gelingen, die Spannung über alle Bände hinweg zu halten, soviel wird jetzt schon ersichtlich. Das liegt einerseits am auftretenden Personal. Allen voran Yuka Sato und Nakashima, die sich als entwicklungsfähiges Ermittlerduo zeigen. Alte Bekannte wie Matsuyama, Yuka Satos Freundin Sam, der unverbesserliche Ken oder der im ersten Band von Yuka Sato aus dem Verkehr gezogene Yakuza-Chef Shiraishi tauchen wieder auf, Matsuyama eher am Rande, Sam in etwas unglaubwürdiger, Ken in überraschender, Shiraishi in sehr beängstigender Weise. Vor allem diese undurchschaubare Figur ist es, die bedrohliche Spannung suggeriert. Eine andere Art von spannender Erwartung weckt Yuka Satos koreanischer Polizei-Kollege Pak, der Shiraishi in Punkto Undurchsichtigkeit in nichts nachsteht. Der Autor legt kundig seine Fährten, lässt aber zugleich noch offen, wohin sie führen. Vielleicht wäre der Auftritt der Wahrsagerin Madame Midori am Ende gar nicht nötig gewesen. Neuenkirchen neigt mitunter zum Über-Expliziten.

An der Krimistory ist – außer an den vielleicht zu sehr auf die Spitze getriebenen Mord- und Opferzustands-Schilderungen und am effektheischerischen Prolog – nicht viel auszusetzen. Schwächen zeigt der Roman aber in der psychologischen Zeichnung der Figuren sowie in der sprachlichen Gestaltung. Zwar gelingt es Neuenkirchen, die psychologischen Untiefen des Täters auf eine sehr spannende und nicht zuletzt überraschende Weise zu zeichnen. Problematischer steht es um das Verhältnis von Yuka Sato und Nakashima. Was sich Nakashima in diesem Roman leistet – was, sei hier nicht verraten, um künftigen LeserInnen den Lesespaß nicht zu verderben – scheint eher unwahrscheinlich, polizeilich-unprofessionell. Noch unwahrscheinlicher ist Yuka Satos Reaktion darauf. Wie ist es möglich, dass eine Inspektorin, die in ihrem Beruf so unerschrocken agiert, die sich bisweilen knallhart gibt, ihrem Kollegen in Nullkommanichts und ohne weitere Probleme alles nachsieht und barmherzig verzeiht? Wie kann es möglich sein, dass das Verhältnis zwischen den beiden Kollegen keinen Schaden nimmt? Gerade bei einem Autor, der in seinen Romanen mit journalistischer Akribie ein Abbild der Realität zu liefern scheint, der alles tut, um Wahrscheinlichkeit zu inszenieren, befremdet dies.

Zugleich ist diese Realitätsverpflichtung auch ein Problem in Neuenkirchens Romanen. Nach wie vor irritieren die überpräzisen Schilderungen von lokalen und zeitlichen Gegebenheiten. Man könnte fast sagen: zu prosaisch für literarische Prosa. Trockenene Beschreibungen ergeben noch keine Atmosphäre. Stilistisch ist das Werk nicht immer ein Vergnügen. Wenn wir Wünsche äußern dürften, würden wir uns für den nächsten Band wünschen, dass von der japanischen Kommunikationskultur noch mehr in die sprachliche Gestaltung einfließt und dass der nächste Band nicht mit einer weiteren Steigerung von grauenhaften Mordinszenierungen aufwartet. Andererseits erwarten viele LeserInnen womöglich genau das. Oder lieber doch etwas feiner gezeichnete Atmosphäre?

Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist das Werk eine sehr vergnügliche Lektüre. Wir erfahren viel über den Tokyoter Alltag – und diesmal auch über das im Schatten von Tokyo stehende Saitama. Yuka Sato und Nakashima sind vielschichtige Figuren, die noch Einiges an Entwicklungspotential haben. Dem Autor ist ein spannungsreicher Kriminalroman mit Tokyoter Lokalkolorit gelungen, der die LeserInnen in Atem hält und neugierig auf die künftigen Bände macht. Wenn die LeserInnen den ausgelegten Lockmitteln folgen, werden sie zu FährtenleserInnen. Besonders nachdem sie das geheime Bonuskapitel gelesen haben, das Neuenkirchen online zur Verfügung stellt. Während der Wartezeit auf den Herbstroman lässt sich trefflich darüber spekulieren, was der angeblich geläuterte Yakuzaboss Shiraishi im Schilde führt, worin der koreanische Inspector Pak vestrickt ist und womit der weiße Dämon Yuka Sato ängstigen wird. Vermutlich erfahren wir das erst im Tokyo-Winter. Aber erst warten wir mal gespannt auf den Herbst. Der sich schon ankündigt in den sich verfärbenden Blättern der Bäume im Imperial Garden.

Dienstag, 21.07.2015

Autor: Andreas Schröter

Augusto Cruz: Um Mitternacht

Augusto Cruz: Um Mitternacht«Einer der berühmtesten Stummfilme, die heute als verschollen gelten, heißt „Um Mitternacht“ aus dem Jahr 1927. Regisseur war Tod Browning.

Der 1971 geborene mexikanische Autor Augusto Cruz nimmt diesen filmgeschichtlichen Fakt als Ausgangspunkt für einen Roman, in dem er einen Privatdetektiv auf die Suche nach dem verschollenen Streifen schickt.
Immer wieder vermischt der Autor dabei Fakten und Fiktionen, lässt real existierende Personen etwas erleben, das sie im wahren Leben nicht erlebt haben. Darf man das eigentlich? Es ist zumindest bedenklich.

So ist der Auftraggeber des Detektiven der hochbetagte Science-Fiction- und Horrorfan Forrest Ackerman – den gab‘s wirklich. Auch kommt eine Szene mit der längst tot geglaubten Schauspielerin Eleanor Tichenor vor – die spielte wirklich in dem Film mit, und zuletzt landet der Detektiv in dem surrealistischen Märchenschloss Las Pozas im mexikanischen Dschungel. Auch das gibt‘s.

Für Filmfans ist die Schnitzeljagd nach dem verschollenen Streifen reizvoll, allerdings ist sie im Buch nur eine Art Rahmenhandlung. Immer wieder driftet Cruz ab und wendet sich ganz anderen Themen zu, die nichts mit dem gesuchten Film zu tun haben. Seitenlang geht es um die letzten Tage des berühmt-berüchtigten FBI-Chefs Edgar J. Hoover. Auch der mutmaßliche Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald hat seinen Auftritt. Alles hochfaszinierende Stoffe. Nur was haben sie miteinander zu tun? Weniger wäre hier wieder einmal mehr gewesen.

Manchmal bemüht sich der Autor ein wenig zu intensiv um eine gruselige Atmosphäre. Das bewegt sich dann auf einem schmalen Grat zum Lächerlichen und hemmt den Lesefluss.

Augusto Cruz verzichtet bei wörtlicher Rede auf jegliche Interpunktion. Eine ärgerliche Marotte.
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Augusto Cruz: Um Mitternacht.
Suhrkamp, Juli 2015.
392 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Samstag, 18.07.2015

Autor: rwmoos

Rainer Doh; Mordkap

Wer die alte Postroute der Dampfer entlang der norwegischen Küste nicht kennt, sollte spätestens jetzt mal bei Wikipedia den Begriff „Hurtigruten“ nachschlagen. Für all die aber, die auf dieser Route hin und wieder Zeit verbringen möchten, um die schier unendlichen Weiten des Nordens sich touristisch zu erschließen, ist das Buch von Rainer Doh die ideale Kabinenlektüre.
Ein Dorfpolizist aus Skjervøy – der geneigte Leser wird bereits auf S. 42 gelehrt, den Ortsnamen „Scherwoi“ auszusprechen – muss einige Stationen auf dem von ältlichen Touristen gebuchten Liner mitfahren, um einen offensichtlichen Selbstmord möglichst diskret und ohne die die touristische Routine allzu sehr zu trüben zu untersuchen. Dass der arme Kerl regelmäßig seekrank wird, nimmt er billigend in Kauf, weil er sich von diesem Auftrag einen dringend benötigten Karrieresprung erhofft.
Natürlich ist dann bald alles doch viel komplizierter. Die Selbstmordtheorie gerät ins Wanken und schon ist man – doch halt, das soll der Leser selbst mit herausfinden. Die Handlungsstränge jedenfalls sind über weite Strecken schön und spannend angelegt. Bald spielen die Großen aller Zünfte mit und nur das BKA fällt ein wenig aus der Rolle. Das häufigste Wort in Zusammenhang mit deren Agenten lautet im Roman: „Pappnasen“. Lediglich aus alter Stasi-Zeit glimmt noch ein wenig Reststrahlung deutscher Geheimdienstarbeit herüber. Letztlich versagen aber auch Experten anderer mehr oder minder dunkler Mächte und nur unser Held, der Dorfpolizist steht seinen Mann – wenn er nicht gerade wieder seekrank ist.
Mit wenigen Strichen und doch liebevoll wird die fast stets ins Dunkel gehüllte Landschaft gezeichnet, in der die Verbrechersuche und -jagd stattfinden. Für die beteiligte Charaktere wäre es sicher von Vorteil gewesen, wenn sie ein wenig von diesem klaren Pinselstrich abbekommen hätten. So aber bleiben sie alle recht grob geschnitzt. Und wenn sich der Autor schon mal Mühe mit der Vorstellung eines neuen Charakters gibt, dann wird diese Perle selten so auf der Schnur des Erzählfadens aufgefädelt, dass ein Wiedererkennen Freude brächte.
Für einen Debütroman, der „Mordkap“ nun mal ist, geht das in Ordnung. In Zukunft sollte an dieser Stelle mehr zu erwarten sein.
Eine relative Eigenart des Erzählstils ist es, den Leser immer ein wenig Informationsvorsprung vor dem Protagonisten, unserem Dorfpolizisten, zu lassen. Eine Art handlungsinternes Spoilern, das wirkliche Überraschungen eher selten ermöglicht. Dafür ist aber dann der Showdown recht dick aufgetragen.
Schließlich, nach allen durchgestandenen Abenteuern, möchte der Dorfpolizisten-Held nur noch zwei Dinge tun: Zu seiner neu gewonnenen Freundin ziehen und Russisch lernen. Da kann er ja dann mit der richtigen Aussprache von „Спасибо“ schon mal anfangen …

Freitag, 10.07.2015

Autor: rwmoos

Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt

Da es mir relativ gut gelingt, mich durch TV-Verweigerung und Abstinenz von der Boulevard-Presse dem zu entziehen, was so für gewöhnlich als Mainstream durch die Dörfer gejagt wird, ist es mir auch entgangen, dass Daniel Kehlmann als Erfolgsautor gilt. So hatte ich meine erste Berührung mit diesem Namen, als ich eine moderne Ausgabe von Darwins Reisetagebuch, die „Fahrt der Beagle“, las, und im Vorwort des für mich unbekannten Autors über völligen Schwachsinn stolperte. Alexander v. Humboldt habe sich negativ zu der Abstammungstheorie des Menschen vom Affen geäußert, war dort Schwarz auf Weiß zu lesen. Zeitlich passte das ja nun hinten und vorn nicht. Und solches findet sich dann in der Einleitung zu einem ernsten wissenschaftshistorischem Buch! Die „Fahrt der Beagle“ lag dann ein paar Tage im kleinsten Zimmer unserer Wohnung herum – da wo ich gelegentlich gern ein wenig schmöckere – und geriet so auch in die Hand meines damals dreiviertelwüchsigen Sohnes. Der äußerte sich so ziemlich das erste Mal achtungsvoll über meinen Lesestoff mit der eigenartigen Begründung, dass das Vorwort sogar von Daniel Kehlmann geschrieben sei. Ja, ob ich den denn gar nicht kenne. Von ihm stamme eines der wenigen wissenschaftlichen Bücher, das er selbst gern und zügig durchgelesen habe: „Die Vermessung der Welt“.
Nun, einige Jahre später, habe ich das nun seinerseits herumliegende Buch von Herrn Kehlmann durchgelesen. Hier das Fazit:

Heutzutage gibt es ja für alles Mögliche eine Lächerlichkeits-Version, oder wie es meine Kids nennen „Verarsche“. Und der meiste so strapazierte Stoff hat es ja auch verdient. Ob darunter auch die Wissenschaftler-Biografie gehört, mag dahingestellt sein. Jedenfalls ist die Form, die Daniel Kehlmann da gewählt hat, nicht unintelligent. Zugegeben, dass es sich um eine Verarsche handelt, bemerkt man, wenn man unvoreingenommen ließt, nicht gleich. Und wenn man dann über diverse Paradoxa stolpert, möchte man zunächst ärgerlich werden und das Ganze zur Seite legen. Erst wenn man dann den Duktus des Autors als solchen erkennt, wird es wieder schön.
Und wenn dann schließlich einer der beiden Protagonisten über Romane herzieht, die „sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde“ … ja spätestens dann sollte auch der letzte Leser die Intention erkannt haben.
Seltsam, dass sich trotzdem namhafte Kritiker, die sich für oder gegen das Buch aussprechen, dasselbe für ernste biografische Literatur halten. Und es mag noch nachdenklicher stimmen, wenn man vermutet, dass der riesige Erfolg des Buches vielleicht gerade auf diesem Missverständnis beruht, es würde komplizierte Gedanken begnadeter Intellektueller in biografischer Form aufbereiten, so dass einem diese Gelehrten menschlich recht nahe kämen.

Man muss also nicht zu berichtigen suchen, was an Unsinn in diesem Werk zusammengefasst ist. Die beiden Protagonisten J.C.F. Gauß und A. v. Humboldt haben außer dem Namen und die eine oder andere wissenschaftliche oder biografische Notiz nichts und schon gar nichts Charakterliches mit den tatsächlichen Vorbildern gemein.

Wer sich aber dazu durchringen kann, das Buch als Reminiszenz an das Altern, die Vergänglichkeit, die historische und persönliche Bedingtheit oder als Kampf zwischen Freiheit und Mechanismus im Chardin’schen Sinn zu goutieren, dem wird zwar keine philosophische Sternstunde, aber doch eine gelegentlich heitere Begleitung des eigenen inneren Diskurses geschenkt.

Und wenn dann am Schluss einer der Zwerge des Handlungsstrangs, der bis dato lediglich als idiotisches Gesicht für den Hintergrund diente, zum Handlungsträger wird, indes die eigentlichen Protagonisten in selbst verantworteter oder doch zumindest selbst geduldeter Unbeweglichkeit verenden, dann surft da auf der Verarsche-Welle ein literarischer Gedanken-Sportler, von dem man noch einiges erwarten kann.

Dem bleibt dann nur noch die schmunzelnde Erkenntnis hinzuzufügen, dass das eingangs erwähnte Humboldt-Zitat im Vorwort der „Fahrt der Beagle“ natürlich kein Zitat des echten A.v.H. ist, wohl aber eine echtes Zitat des literarischen Figur aus der „Vermessung der Erde“. Das dort unzensiert unterzubringen, hat schon Klasse!

Die Vermessung der Welt

Dienstag, 30.06.2015

Autor: Andreas Schröter

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben«Einen eindringlichen Roman über das Ende des Zweiten Weltkriegs aus Soldatensicht hat Ralf Rothmann geschrieben. Der 1953 geborene Autor schildert, wie kurz vor Kriegsende noch 17-jährige Jungs für die Waffen-SS eingezogen werden, um dann in Ungarn nahe der Front einen vollkommen aussichtslosen Dienst in Dreck und Kälte zu tun. Der unmittelbar bevorstehende Sieg der Alliierten liegt für jeden sichtbar längst auf der Hand.

Dennoch kommt es dort auch noch im April 1945 zu Gräueltaten an der Zivilbevölkerung oder zu Hinrichtungen an Deserteuren. Vor allem letzteres traumatisiert den Melker Walter, aus dessen Sicht der Roman geschrieben ist, so schwer, dass er sein ganzes Leben nicht darüber hinwegkommt.

Auch wenn das Thema „Grausamkeit im Krieg“ natürlich nicht neu ist, ist dem Autor ein intensiver Roman gelungen, dessen Lektüre lohnt. Der Text vermittelt eine große Nähe vor allem zur Hauptfigur Walter und zeichnet ein realistisches Bild einer unmenschlichen Zeit.
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Ralf Rothmann: Im Frühling sterben.
Suhrkamp, Juni 2015.
234 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Donnerstag, 25.06.2015

Autor: oliverg

“Die Seuche” von Ulrike Blatter: Über Ebola und Konsorten (Video-Interview)

Sorry, zwischendurch ist die Qualität des Sounds etwas wackelig, wir fassen aber das Unverständliche zusammen und gegen Ende wird der Ton dann noch besser.

Die Facebook-Benefizgruppe

Ulrikes Autorenseite auf amazon

Der Sammelband mit der Story: “Die Seuche”:

Mittwoch, 24.06.2015

Autor: Chris Inken Soppa

Beklemmendes Szenario: Heirat zweier Virenstämme

Ulrike Blatters Kurzgeschichte “Die Seuche” liegt  in H.L. Weens Kurzgeschichtenband “Horrortrips” ganz weit vorn.

 

“Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit“, sagt Albert Camus. Ob Ulrike Blatter das auch so sieht? Jedenfalls ist sie vom Fach. Als Ärztin weiß sie, worüber sie schreibt. Zwei Influenzastämme vermählen sich. In Asien bricht ein Killervirus aus, während die schwangere Manu mit ihrem kleinen Sohn auf der heimischen Scholle sitzt und auf den Ehemann wartet, der in Paris arbeitet. Auf einmal steht auch sein Hotel unter Quarantäne. Und plötzlich spielt die ganze Welt verrückt.

Das Söhnchen fiebert. Im Garten liegen tote Vögel. Eine Freundin schreibt E-Mails vom Ende der Welt. In den Fernsehnachrichten in weiße Tücher eingewickelte Leichen, Menschen mit Mundschutz und eine Sprecherin, die moderiert, bis sie hustend aus dem Bild läuft und nie wieder kommt.

Diese Kurzgeschichte ist keine Horrorstory, nicht im eigentlichen Sinn. Ulrike Blatters Monster kommen keineswegs brüllend und blutrünstig daher. Vielmehr sind sie unsichtbar und überall; mit Macht brechen sie sich Bahn, direkt in Manus kleine heile Familie hinein. Ihrem Sog kann sich weder der Leser noch die Protagonistin entziehen. Ulrike Blatters anschließendes Essay verdeutlicht das noch mal. Solche Schreckensszenarien sind möglich. Auch bei uns. Auch heute. Das sollten wir lesen. Und ehrlich darüber nachdenken.

Mittwoch, 17.06.2015

Autor: Andreas Schröter

Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren

Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren«Organspende und -transplantation sind die Themen in Maylis de Kerangals Roman „Die Lebenden reparieren“. Das französische Original hat bereits mehrere Preise erhalten.

Als der 19-jährige Simon nach einem Unfall für hirntot erklärt wird, stellt sich bei aller Trauer schnell die Frage, ob seine Eltern ihn als Organspender freigeben wollen.

Die 1967 geborene französische Autoren begleitet in diesem sehr intensiven Roman die Menschen, die mit dieser Situation zu tun haben, über 24 Stunden hinweg. Sie schlüpft abwechselnd in die Köpfe des Opfers, der Eltern, der Ärzte, der Pfleger und zuletzt auch derjenigen, die die Organe des Toten empfangen sollen und damit Hoffnung auf ein neues Leben verbinden.

Der Roman ist nicht nur spannend und in einer wunderschön poetischen Sprache verfasst, er ist bei aller Düsternis des Themas auch abwechslungsreich und voller Leben. So erwartet die Krankenschwester des Toten nichts sehnlicher als einen Anruf ihres neuen Liebhabers, mit dem sie die vorherige Nacht durchgemacht hat. Während die zum Teil etwas selbstverliebten Ärzte die Organe Simons entnehmen, unterhalten sie sich über Fußball. Diese kleinen Beispiele zeigen, dass auch solche Extrem-Situationen, wie die im Buch beschriebene es nicht vermögen, das ganz normale Alltagsgeschehen anzuhalten. Die Welt dreht sich weiter. Die Autorin hat diesen Aspekt gut eingefangen.

Andere Beteiligte wie die Eltern denken natürlich weniger an Fußball. Aber auch hier gelingt es Maylis de Kerangal hervorragend, ihre Trauer und Verzweifelung darzustellen.

Im Philosophie-Unterricht an Schulen ließe sich „Die Lebenden reparieren“ gut als Diskussionsgrundlage vorstellen, wenn es um das Für und Wider von Organspenden geht.
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Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren.
Suhrkamp, Mai 2015.
255 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Sonntag, 14.06.2015

Autor: Andreas Schröter

Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen

Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen«Der in Berlin lebende Autor Paul Bokowski schreibt seine Geschichten in erster Linie, um sie auf den Lesebühnen „Brauseboys“ oder „Fuchs & Söhne“ vor Publikum vorzutragen – entsprechend kurz und pointiert sind sie.

In Buchform auf dem heimischen Sofa konsumiert, verlieren sie denn doch möglicherweise ein wenig von ihrem Reiz. Es fehlt das Live-Erlebnis der Lesung. Außerdem fällt es schwer, sich alle drei oder vier Seiten auf ein neues Thema einzulassen.

Paul Bokowski, geboren 1982, widmet sich in seinen Miniaturen ganz dem mit Berliner Lokalkolorit gefärbten Alltagswahnsinn. Da gibt es Rita und Herta, deren Unterarme auf dem Fenstersims festgewachsen scheinen und die sich quer über den Hinterhof ihre Lebensweisheiten zubrüllen. Da gibt es skurrile Anrufe bei der Polizei, Beobachtungen im Baumarkt oder Peinlichkeiten mit den Eltern. Auch die (homosexuelle) Liebe kommt nicht zu kurz.

Ein gutes und über weite Strecken auch lustiges Büchlein für zwischendurch. Nicht mehr und nicht weniger.
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Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen.
Manhattan, Mai 2015.
160 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Sonntag, 31.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Evelyn Waugh: Lust und Laster

Evelyn Waugh: Lust und Laster«Der Schweizer Diogenes-Verlag setzt seine Evelyn-Waugh-Reihe mit einem frühen Werk des exzentrischen englischen Autors (1903-1966) fort: „Lust und Laster“, ein Roman aus dem Jahre 1930.

In teils überdrehter Manier wird die oberflächliche englische Spaßgesellschaft der 20er-Jahre portraitiert. Man betrinkt sich, rennt von Party zu Party, und die schlimmste Katastrophe, die passieren kann, ist, zu einem wichtigen gesellschaftlichen Event nicht eingeladen zu werden. Heiratsversprechen haben nichts Bindendes, wer Geld hat, gibt es mit vollen Händen (meist für Alkohol) aus. Erst ein Unfall bei einem Autorennen und der Ausbruch eines (fiktiven) Krieges ändern die Verhältnisse.

„Lust und Laster“ – so scheint es – hat nicht ganz so viel Bedeutung für unsere Gegenwart wie die zuvor erschienenen Waugh-Romane „Verfall und Untergang“ und „Eine Handvoll Staub“. Die Patina, die der Roman über die Jahre angesetzt hat, wirkt diesmal ein bisschen dicker, ist das Buch doch eher ein spaßiges Vergnügen als ein auf tiefgründigere Erkenntnisse angelegtes Drama. Auf einen in sich geschlossenen Handlungsablauf legt Waugh weniger Wert. Das Geschehen wirkt zufällig und wenig zusammenhängend.

Ein Lesevernügen für alle, die sich für die englische High Society im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts interessieren, bietet „Lust und Laster“ aber dennoch.

Evelyn Waugh: Lust und Laster.
Diogenes, März 2015.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,90 Euro.

Mittwoch, 20.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben«Wer Rockmusik mag, der sollte Joseph O’Connors „Die wilde Ballade vom lauten Leben“ lesen. Auf über 400 eng bedruckten Seiten zeichnet der 1963 geborene irische Autor die Karriere der vierköpfigen englischen Band „The Ships“ nach. Die gab’s zwar nicht wirklich, aber ihr Werdegang steht für den von vielen bekannten Rock-Legenden.

Das Buch, das größtenteils aus der Ich-Perspektive des Gitarristen Robbie geschrieben ist, erzählt vom Karriere-Anfang der Band in irgendwelchen üblen Kneipen des Londoner Vororts Luton über die Zeit des großen Erfolgs mit Touren durch die großen Stadien dieser Welt bis hin zu einem finalen Comeback. Zwischendurch folgen drogen- und alkoholbedingte Abstürze, Streitigkeiten der Mitglieder untereinander um irgendwelche Copyrights vor Gericht, Beziehungs-Verwicklungen und lange Zeiten der Abkehr von der Musik.
Wenn man die Geschichten von Rockgrößen wie den Beatles, den Rolling Stones oder auch Amy Winehouse sieht, kommt einem in diesem Buch sehr vieles sehr bekannt vor.

Joseph O‘Connor gelingt es hervorragend, eine unmittelbare Nähe zu seinen Figuren aufzubauen. Und das unterscheidet ihn von einem anderen ebenfalls hier besprochenen Buch, das in diesem Frühjahr zu fast exakt demselben Thema erschienen ist: „Comeback“ von Alexander Osang.

O‘Connors Roman zeigt auch, wie die Bandmitglieder zur Musik gekommen sind. Da ist der exzentrische aus Vietnam stammende Frontman Fran mit schlimmer Kindheit und Hang zur Selbstdarstellung, der sensible Robbie mit Fluchtversuchen aus dem spießigen Elternhaus und die musikalisch hochtalentierten Zwillinge Seán und Trez, dem einzigen weiblichen Bandmitglied.

Übrigens: Dass Joseph O‘Connor einen Roman über Musik schreibt, scheint nicht ganz zufällig: Seine jüngere Schwester ist die bekannte Sängerin Sinéad O’Connor („Nothing Compares 2 U“).
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Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben.
S. Fischer, Mai 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Donnerstag, 14.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Boris Hillen: Agfa Leverkusen

Boris Hillen: Agfa Leverkusen«Boris Hillen hat ein Faible für Motorräder und offenbar auch für die Beatnik-Kultur um Jack Kerouac. Beides nimmt in seinem Roman „Agfa Leverkusen“ eine wichtige Rolle ein.

Der Inder Kishone Kumar möchte im Jahre 1977 die Kunst der Farbfotografie bei den Agfa-Werken in Leverkusen erlernen. Also beschließt er, gemeinsam mit einem Freund auf zwei Motorrädern aus der indischen Provinz nach Deutschland zu reisen.

Die Reise läuft schnell aus dem Ruder. Schon bald lernen die beiden beispielsweise einen gewissen Serge kennen, der sich vor ihren Augen erschießt.

Hillen, geboren 1968, vermengt reale Ereignisse aus dem Jahr 1977 mit der Fiktion seiner Geschichte. So muss Kishone den spanischen Regierungschef Suárez in Madrid fotografieren, der die erste demokratische Wahl in Spanien nach dem Franco-Regime gewonnen hat, und in Berlin trifft er (natürlich) auf RAF-Anhänger.

Weil der Autor extrem viele Figuren einführt und ständig zwischen drei Erzählsträngen hin und her springt, erfordert es viel Konzentration, sich in dem manchmal konfusen Namens- und Handlungs-Dschungel zurechtzufinden.
Die beiden anderen Erzählstränge sind eine Motorradfahrt von Kishones möglicher Tochter und einem Freund in die umgekehrte Richtung – also von Deutschland nach Indien – und ein Treffen von Kishone und dieser Dame in der Gegenwart.

Gegen Ende des Buches wirkt es ein wenig so, als habe der Autor die Lust verloren. Ähnlich einem Exposé skizziert er kurz den weiteren Handlungsverlauf nach der erzählten Geschichte. Hätte er das alles noch ausgeführt, wäre das Buch sicherlich doppelt so dick geworden.
Warum der Roman diesen merkwürdigen Titel trägt, bleibt wohl Geheimnis von Autor und Verlag. Letztlich nicht empfehlenswert.
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Boris Hillen: Agfa Leverkusen.
S. Fischer, April 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 13.05.2015

Autor: Immo Sennewald

Manfred Bosch (Hg.): Denk ich an den Bodensee…

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Vom Bodensee kann einer nicht genug bekommen, nicht wenn er Naturschönheiten schätzt, schon gar nicht, wenn er erspüren will, wie sich Kultur in Landschaften einschreibt. Die Zahl hier entstandener Fotos dürfte astronomisch sein – keines trifft die Mannigfaltigkeit an Impressionen nur eines Augenblicks am See. Die Menge der Reiseführer, des in jedem anderen Genre über den See Gedruckten ist imposant, es kommt fortwährend Neues hinzu – er wird nie „auserzählt“ sein.

Manfred Bosch hat nun aus Berichten, Anekdoten, Briefen, Gedichten, Artikeln der vergangenen 250 Jahre eine Anthologie kurzer, vielfarbiger Texte zusammengefügt: In „Denk ich an den Bodensee…“ reihen sie sich entlang der Geschichte, öffnen Ansichten der Region ebenso wie Zeitperspektiven zwischen Französischer Revolution, Biedermeier, Industrialisierung, den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Bosch erläutert in seinem Nachwort, was die Auswahl bestimmte, und er hält, was er dem Leser verspricht – etwa das „stereoskopische Zusammentreffen“ der Blicke Fremder mit denen Einheimischer.

Ich habe das hübsch gemachte, stabil gebundene Büchlein gern in die Hand genommen, den Pappeinband ziert der fast schon epidemische Blick auf die „Birnau“ in der Abendsonne, es passt in die Jackentasche des Reisenden. Beim Lesen freute ich mich daran, auf bekannte Namen wie James Fenimore Cooper, Victor Hugo, den skilaufenden Ernest Hemingway und – natürlich – die Droste zu treffen; ebenso gern ließ ich mich von Geschichten unbekannter oder vergessener Autoren überraschen: Der gerade vierzehnjährige John Ruskin etwa besucht 1833 mit seiner Familie Schaffhausen, er reflektiert das Gesehene und Erlebte lebhaft und mit erstaunlicher Reife. Der Kalabrese Enzo Posterivo erzählt, wie er 1960 als „Gastarbeiter“ nach Stockach kam.

Zur Sicht der Einheimischen auf Landschaft, Städte und Dörfer kommt immer wieder die fremde, zum Blick auf die Natur der auf wirtschaftliche, soziale, religiöse Besonderheiten. Rilke lauscht in seinem Gedicht „Vision“ auf die Stimme des als Ketzer verbrannten Jan Hus, während er in Konstanz durch nächtliche Gassen streunt, der dänische Kommunist Martin Andersen-Nexö erzählt von der Gründung eines „proletarischen Verlags“ um 1925. Fast gleichzeitig, 1927, sinnt Theodor Heuß der „Frommen Welt“ der Reichenau nach. Sein bedächtiges, einprägsames Reden bleibt unvergesslich.

Philosophen kamen an den See, Künstler, davon manche als Flüchtlinge. Einige lebten zurückgezogen, andere suchten und fanden in Künstlerkolonien Beachtung. Nur wenige dürfte der See nicht „am Haken“ gehabt haben – so nennt es Hermann Kinder im letzten der über 50 Texte. Er fühlt sich hier „fremd daheim“. Und das mag den Widerspruch dieser Region bezeichnen: Sie verzaubert die hier Verwurzelten wie die Zuwanderer, manchmal sogar Touristen.

Freilich: Der See und seine Landschaft leben von den Wetterwechseln, von Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Felix Mendelssohn-Bartholdy nimmt uns mit auf einen Fußmarsch durch Sturm und Regen, der ihn ziemlich zerzauste; Anette von Droste-Hülshoff macht sich über ihre eigene Unwetter-Untauglichkeit lustig: Pudelnass hangelt sie sich quer durch die Reben zurück in ihr Zuhause im Schloss zu Meersburg. Victor Hugo schwärmt vom Rheinfall und Hölderlin dichtet in „Heimkunft“ – An die Verwandten:

Warm ist das Ufer hier und freundlich offene Tale
Schön von Pfaden erhellt grünen und schimmern mich an.
Gärten stehen gesellt und die glänzende Knospe beginnt schon
Und des Vogels Gesang ladet den Wanderer ein.

Die Lektüre führt einen mitten hinein in diese einzigartige Welt, auch wenn längst nicht alle Texte bestechen. Deutsch-, Geschichtslehrern und ihren Schülern möchte einer das Buch in die Hand drücken, damit sie ein Curriculum von Lesen und Wandern, Wandern und Lesen begönnen, das ihnen viele farblose Schulstunden ersetzte.

Manfred Bosch (Hg.)
»Denk ich an den Bodensee …« –
Eine literarische Anthologie

Hardcover, 208 Seiten

Dienstag, 12.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz

Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz«In dem autobiografischen Roman „Der Schatz des Herrn Isakowitz“ widmet sich der schwedische Autor Danny Wattin dem Schicksal seiner jüdischen Familie unter den Nazis. Einigen Mitgliedern gelang damals die Flucht aus Deutschland nach Schweden.

Der Roman springt zwischen Nazi-Vergangenheit und Gegenwart, in der Vater, Sohn und Enkel eine Reise ins polnische Kwidzyn unternehmen, dem früheren Marienwerder. Dort lebte ein Teil der Familie bis in die 40er-Jahre. Der Familienlegende nach hat einer der Vorfahren im Garten einen Schatz vergraben, um ihn vor den Nazis zu verstecken. Und den wollen die drei heutigen Familienmitglieder nun heben.

Das Buch ist vor allem für Leser interessant, die ein geschichtliches Interesse am Thema Judenverfolgung haben. Es zeigt, wie schwer es für einen deutschen Juden Anfang der 40er-Jahre war, ein Einreisevisum für Gastländer wie Schweden zu erhalten – und falls das doch gelang, wie sehr die Juden in der Folgezeit auch dort als billige und rechtlose Arbeiter ausgenutzt wurden. In diesem Vergangenheitsteil, den der 1973 geborene Autor unter anderem durch Interviews mit den Überlebenden recherchiert hat, kommen sehr viele Namen vor, und man muss als Leser aufpassen, um immer zu wissen, welcher Onkel und welche Tante in welchem Verwandtschaftsverhältnis zu den Hauptfiguren stand. Das ist etwas ermüdend. Ein Namensglossar wäre hilfreich.

Der Gegenwartsteil, die Autofahrt von Schweden nach Kwidzyn, ist ein mäßig spannendes Roadmovie. Vater und Sohn streiten sich fast die ganze Zeit über Kleinigkeiten wie die Benutzung eines Navigationsgerätes. Und der Enkel Leo ist als Siebenjähriger noch zu klein, um etwas Gehaltvolles beizusteuern. Erst am Ziel entwickelt dieser Teil der Geschichte Emotionalität und Tiefe.
———————————
Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz.
Eichborn, April 2015.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 09.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Mark Watson: Hotel Alpha

Mark Watson: Hotel Alpha«Ein liebenswerter Roman über das Leben in einem fiktiven Londoner Nobelhotel ist dem englischen Komiker und Autor Mark Watson gelungen. Der Leser begleitet den ruhigen und sympathischen Concierge Graham, den egozentrischen Hotelbesitzer Howard York sowie eine ganze Reihe von anderen detailreich ausgearbeiteten Figuren über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren bei ihrem Wirken im „Hotel Alpha“ – so auch der Titel des Romans.

Gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter Graham gelingt es dem stets optimistischen Howard in den 60er-Jahren in einem alten Londoner Gebäude ein neues Fünfsternehotel zu etablieren, das sich schon bald zur ersten Adresse mausert, in dem auch Größen wie die Rolling Stones absteigen.

Doch 1984 bricht in einem der Zimmer ein Brand aus, bei dem eine Frau stirbt und ein kleiner Junge namens Chas sein Augenlicht einbüßt. Seither rankt sich ein düsteres Geheimnis um das Hotel, mit dem nicht nur Chas selbst, sondern auch Howard und Graham leben müssen. Erst über 20 Jahre später, als es im Zusammenhang mit den Londoner U-Bahn-Anschlägen fast zu einer weiteren Katastrophe kommt, fliegt dieses Geheimnis mit einem großen Knall auf. Geschickt, wie Watson reale Ereignisse mit der Fiktion mischt.

Man merkt dem Buch an, dass es dem 1980 geborenen Autor gar nicht ausschließlich darum ging, die Rahmenhandlung um den Brand und seine Folgen zu erzählen. Genauso wichtig ist ihm, den von ihm geschaffenen Cosmos Hotel Alpha mit vielen kleinen Geschichten und Figuren zum Leben zu erwecken. Etwas, das ihm rundum gelungen ist. Als Leser meint man schon nach wenigen Seiten, selbst seit langem im Hotel zu leben und es genau zu kennen.

Weitere Stories im Internet
Mark Watson hat noch etwa 100 weitere Geschichten um das Hotel geschrieben. Sie sind (leider nur in englischer Sprache) zu finden unter www.hotelalphastories.com
—————————————
Mark Watson: Hotel Alpha.
Heyne, April 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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