Dienstag, 09.02.2010

Autor: Immo Sennewald

Erleuchtungen über den Hecht

Hechte von Andreas Hartl fotografiert

Einer PRESSEMITTEILUNG des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin mit dem zugehörigen Foto von Andreas Hartl entnommen:

“In der Berufswelt gibt es viele Strategien, um zum Ziel zu gelangen. Während sich die einen durch Beständigkeit behaupten, trumpfen andere mit ihrem Charisma auf. Bis jetzt ist weitgehend ungeklärt, ob auch bei niederen Wirbeltieren, wie Fischen, unterschiedliche Verhaltensweisen innerhalb einer Art vergleichbare Folgen für das Überleben und den Fortpflanzungserfolg haben. Forscher am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben nun herausgefunden, dass der Raubfisch Hecht in der Lage ist, bei mangelndem Nahrungsangebot alte Gewohnheiten aufzugeben. Ein Team von Freilandfischökologen beobachtete drei unterschiedliche Verhaltenstypen innerhalb einer Hechtpopulation in einem Brandenburger See. Sowohl „faules“ Verhalten als auch eine „draufgängerische“ Lebensweise führten zu ähnlichem Körperwachstum der einzelnen Individuen. Veränderliche Lebensweisen sind ein Schlüsselprinzip, mit dem Fische auf steigende innerartliche Konkurrenz reagieren und so ihr Überleben sichern. … ”
Darauf habe ich mir erlaubt zu antworten:
“Vielen Dank für Ihre unterhaltsame Mitteilung. Erlauben Sie mir die Vermutung, dass den jeweiligen Umgebungen angepasste “Temperamente” schlicht überlebensnotwendig und insofern bei praktisch allen Lebewesen zu finden sind. Sie sollten nur mal sehen, wie aus einer eben noch lethargisch wirkenden Schildkröte beim Sex ein echter Draufgänger wird! Noch schlimmer sind Schleimpilze (Eumycetozoa, auch Myxomyceta genannt), die sich nach monatelangem Individualismus innerhalb weniger Stunden zu selbstlosen Kollektivbestandteilen wandeln.
Selbst ich werde manchmal zum rasenden Berserker, obwohl mich meine Umgebung gemeinhin (seit fast 60 Jahren!) eher als konflikt- und lärmscheuen Friedfisch wahrnimmt.
Mich freut, dass nun auch der Hecht als das erkannt wird, für was ihn viele schon lange gehalten haben: als toller, weil anpassungsfähiger Hecht.
Er braucht nichtmal einen Karpfenteich, um groß in Form zu kommen. Das ist wirklich ein Grund zur Freude.”

Montag, 08.02.2010

Autor: Immo Sennewald

Copykill – ein Gossenroman

Fräulein Hegemann, 17-jährige Nymphoman-Selbstdarstellerin wird als Plagiatorin ”enttarnt”, was ihr nix ausmacht, weil’s alle machen. Klar: um Literatur geht’s nicht, nur ums Auffallen. ”Bürgerschreck” lässt sich am besten vermarkten, wenn Sex, Drugs und fäkale- bzw. genitale Gossensprache von pubertierenden Lolitas in Druck gegeben werden und – durch die Feuilletons gepeitscht – ordentlich Kohle bringen. Der plagiierte Blogger, von dem vorher niemand Notiz nahm, darf auf eine nette Geste des Ullstein-Verlags hoffen, der ihm nun von dem Kuchen der ertappten Abschreiberin ein Stückchen abschneidet.
Die Medien leben von diesen Stories – auch ”Spiegel”, ”Süddeutsche”, FAZ, taz, ”Zeit” … Das zum Ritual gehörige Wehgeschrei über die Sittenverderbnis der Jugend hat Gott sei Dank den Kanon der Weltliteratur ebensowenig beeinflusst wie alle Moden und Spektakel. Bedauerlich ist, dass den Werten dieses Kanons kaum Platz in der Erziehung zukommt. Das drückt sich dann in Gewalt- und Drogenexzessen der ”Unterschicht” ebenso aus, wie im Verhalten asozialer Geldmaschinenbetreiber. Vorwärts in die Feuchtgebiete, vorwärts in die nächste Schlammschlacht! Hauptsache, die Quote stimmt!

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Montag, 08.02.2010

Autor: Christiane Geldmacher

Je größer die Gewalt, desto kleiner die Blutstropfen

Ja, so kann man einen hochintelligenten Ratgeber schreiben! Er heißt „Von Arsen bis Zielfahndung. Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige“ und die beste Nachricht ist, dass er aus deutscher Feder stammt: der der Autoren Manfred Büttner und Christine Lehmann. Er ist auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten: Es geht um die deutsche Polizei, deutsche Leichenschauhäuser, das deutsche Strafgesetzbuch. Dafür kann man den beiden Autoren gar nicht dankbar genug sein. Vergnüglich zu lesen ist es außerdem, nicht nur wegen etlicher schneidender Kommentare, die so manchen schlecht recherchierenden Krimiautor ernstlich zusammenzucken lassen dürften, sondern auch wegen der launigen Krimiskizzen, die Christine Lehmann mit leichter Hand dazwischen gestreut hat und die den KollegInnen veranschaulichen: So geht’s – nachgewiesenermaßen – nicht.

Der Ratgeber ist eine kurzweilig zu lesende Mixtur aus fiktionalen Elementen („Fanny Fuchs ist dicht davor aufzugeben. Einen gesunden Ehemann Mitte Fünfzig umzubringen, ist verdammt schwierig…“), Informationen („Die historisch aus der bundesdeutschen Bahnpolizei und dem Bundesgrenzschutz zusammengeführte Bundespolizei ist mit rund 40 000 Beschäftigten (Bundespolizei 2009) im Alltag deutlich präsenter als im Krimigeschehen…“) und erhellenden Auszügen aus Gesetzestexten („Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren Abschn. I Nr 3. I: Der Staatsanwalt soll in bedeutsamen oder in rechtlich oder tatsächlich schwierigen Fällen den Sachverhalt vom ersten Zugriff an selbst aufklären, namentlich den Tatort selbst besichtigen, die Beschuldigten und die wichtigsten Zeugen selbst vernehmen…“ ).

Einziger Wermutstropfen: Es gibt kein Register. Sollte es zu einer weiteren Auflage kommen, wäre ein solches wünschenswert, zum Nachschlagen all jener Begriffe, die nicht explizit im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind.

Alle KrimiautorInnen, die Ermittlerkrimis schreiben, sollten dieses Buch im Regal stehen haben. Und die anderen auch. Frei nach dem Motto: Krimiautoren können sachliche Fehler machen, aber sie müssen nicht: Es heißt Observation, nicht Observierung, Vernehmung, nicht Verhör, Durchsuchungsbeschluss, nicht Durchsuchungsbefehl.

>>>Hier geht es zu der Webseite der Autorin und es gibt ein Interview von >>>Kirsten Reimers mit den Autoren im >>>Titel-Magazin.

Büttner, Manfred / Lehmann, Christine: Von Arsen bis Zielfahndung, Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige, Ariadne (Leit) Faden 2009-10, 238 Seiten, Preis: 16.90 EUR

Donnerstag, 04.02.2010

Autor: JosefBordat

Mann der Einheit

Wilfried Hagemann über das Leben, Werk und Wirken des Bischof Klaus Hemmerle

Von Männern der Kirche wünscht man sich die sichtbare Einheit von Leben und Lehre. Sie sollen sagen, was sie tun, und tun, was sie sagen. Man wünscht sich außerdem, dass sie die Einheit der Christen befördern, denn nur in dieser Einheit ist das Zentrum des Glaubens erkennbar – der eine Gott und der eine Herr. Und wenn sie schließlich noch die Menschen in ihrem Wirkbereich , seien es Christen, Anders- oder Nichtgläubige, zu kleinen Schritten auf dem Weg zueinander befähigen und auf das Ziel der Einheit orientieren, dann kann man wohl von einer gelungener Nachfolge Christi sprechen. Oder schlicht von einem „guten Priester“. Klaus Hemmerle (1929-1994), ab 1975 Bischof von Aachen, war so ein Priester.

Hemmerles langjähriger Freund Wilfried Hagemann macht mit dem im Echter-Verlag erschienenen Buch „Verliebt in Gottes Wort“ dieses Leben in und für die Kirche einem breiten Publikum zugänglich. Die Biographie verdeutlicht anhand wichtiger Lebensstationen und Wirkungsstätten die Entwicklung des theologischen Denkens eines der großen deutschen Bischöfe des 20. Jahrhunderts. Seine Bedeutung für die Ökumene und die ökumenisch orientierte Fokolarbewegung, die kaum zu überschätzen ist, kommen dabei ebenso zur Sprache wie die pastorale Arbeit in seinem Bistum Aachen, die bleibende Spuren hinterließ und weit über die Diözese hinauswirkte.

Da Hemmerles Denken untrennbar mit der Erfahrungswelt seines Lebens verknüpft ist und die theologischen und ekklesiologischen Impulse, die er als Bischof gab, sich zumeist unmittelbar aus den Begegnungen mit Menschen motivierten, ist diese klassische Darstellungsform, ein chronologischer Durchgang „von der Wiege bis zur Bahre“, durchaus geeignet, uns nicht nur den Menschen, sondern auch den Theologen und Kirchenmann nahe zu bringen.

Sein Leben ist so reich an Stationen und Erfahrungen, dass die Biographie in viele kleine Abschnitte gegliedert werden musste, um den Leser mitzunehmen. Hagemann sorgt dafür, dass er mitkommt und Schritt halten kann mit dem Tempo des höhepunktereichen Lebens – man könnte steile Karriere sagen, wüsste man nicht genau, dass es Hemmerle daran am allerwenigsten lag. Kindheit, Berufung, Studium, Priesterweihe, Gründungsdirektor der Katholischen Akademie, Habilitation, Benennung zum geistlichen Direktor des Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Professor, Bischof, die Rolle im Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und dem Judentum, die Beziehung zu Chiara Lubich, Gründerin der Fokolarbewegung, Vollendung – das sind die Stationen und Höhepunkte des Lebens von Klaus Hemmerle, aus dem stets Bescheidenheit und Bodenständigkeit sprachen.

Hagemann füllt die Lebensabschnitte mit Daten und Anekdoten. Er referiert sehr behutsam aus Hemmerles Kindheit und Jugend in den schweren Kriegsjahren, als sich – Hemmerle ist 15 Jahre alt – seine Berufung erstmals offenbart. Hagemann präsentiert tiefgründige Texte aus dem Nachlass des Bischofs und viele Stellungnahmen von Kollegen, Weggefährten und Freunden. Er hat keine Mühen gescheut, sie ausfindig zu machen und zu befragen. Gerade von diesen Original-Statements lebt die Biographie. Die sehr persönlichen Meinungen erhellen das Bild Klaus Hemmerles und geben andererseits Einblick in die Rezeption dieses bedeutenden Mannes, die sehr stark von den Eindrücken persönlicher Begegnung und Beziehung geprägt ist. Es wird schnell klar: Hemmerle war ein Mann, der die Einheit suchte – die seines Bistums, die der Kirche und die der Menschen. Diesen Anspruch entwickelt er sowohl im Rahmen der pastoralen Alltagsarbeit als auch entlang seiner Schriften.

Hagemann führt kompetent in die nicht immer ganz einfache Theologie Hemmerles ein. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Kontext Hemmerles Beziehung zur Fokolarbewegung, deren Bischofsgruppe er ebenso gründete wie er die Anfangsjahre des Studienzentrums „Scuola Abbà“ inspirierte. Mit Chiara Lubich befand er sich in einem intensiven theologischen Diskurs, getragen von gegenseitiger Liebe – Hagemann nennt es treffend „Weggemeinschaft“. Im Zentrum von Austausch und Beziehung steht der „verlassene Jesus“, der am Kreuz Leid und Heil vereinigt und den Menschen damit zur Gotteserfahrung befähigt.

Obgleich schon der Text selbst immer wieder mit einschlägigen Materialien ergänzt wird, stellt Hagemann in einem sehr reichhaltigen Apparat noch einige Originaldokumente zur Verfügung. Verschiedene Anhänge – ein tabellarischer Lebenslauf Hemmerles, eine umfassende Bibliographie mit veröffentlichten und unveröffentlichten Texten von und über Hemmerle sowie eine Liste der Gesprächspartner Hagemanns – runden die gelungene Biographie ab, der eine weite Verbreitung zu wünschen ist.

Bibliographische Daten:

Wilfried Hagemann: Verliebt in Gottes Wort. Leben, Denken und Wirken von Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen
Würzburg: Echter (2008)
ISBN-10: 3429030528
ISBN-13: 978-3429030520
317 Seiten, EUR 14,80

Josef Bordat

Donnerstag, 28.01.2010

Autor: Immo Sennewald

Besuch am Übergang

Krieg, Seuche, Geldmaschine ...

Wenn es Zeit ist, kommt der Gevatter
Lupft den Zylinder und sagt: „Grüß Gott!
Habe die Ehre, Herr Wichtigmann,
wir treten jetzt eine Reise an“.
Du bist nicht sicher – ist es wirklich die letzte?
Meint der mich, und bin ich heute schon dran?
Du schaust zum Kalender – die Seiten sind leer
Und deine Jaeger-Le Coultre tickt nicht mehr.
Das könnte dran liegen, dass sie als Plagiat
Aus Fernost ihre Zukunft schon hinter sich hat.
„Moment mal“, fragst du den knochigen Gast,
„kann es sein, dass du’s etwas zu eilig hast?
Da sind ein paar Dinge, die sind mir wichtig
Die muss ich noch tun“. „Ja“, sagt der Tod, „das ist richtig.
Du musst dich noch fragen, wozu du gelebt
und wieviel Schuld auf deiner Seele klebt“.
Sollst du nun lachen oder angstvoll erschauern?
Du bist dir gar keiner Schuld bewusst.
Was du tatest, hast du meistens gemusst.
Also sagst du: „Sehr geehrter Herr Tod
Mein Handeln war Dienst, ich hab nichts zu bedauern
Wenn ich was verbrach, tat ich’s nur aus der Not“.
„Klar“, nölt das Gerippe, „die klassische Nummer
wen man bricht oder abmurkst, der ist selber schuld.
So Typen wie dir macht das keinerlei Kummer
Und ich hab mit euch eine Engelsgeduld.
Denn ihr sorgt dafür, dass die Mühlen mahlen
Und andere für euch mit dem Leben bezahlen“.
„Das geht mir nun wirklich zu weit mein Herr
ich habe nie jemand umgebracht
oder gefoltert oder sonstwas gemacht“.
„Drum eben“, lächelt das Knochengesicht,
„bist du mir so besonders wichtig.
Leute wie du machen alles richtig.
Sie setzen wie du, lieber Wichtigmann
Immer den passenden Hebel an.
Ihr seid in meinen Personendaten
Der allersicherste Kernbestand.
Viel sicherer als Kriege und Greueltaten
Wir sind uns wahrhaft seelenverwandt.
Leise zerstört ihr viel Lebenszeit
Wie Krebs im Gewebe, so macht ihr euch breit.
Gut bewaffnet mit harten Zahlen
Vertreibt ihr global mein Geschäftsmodell
Kaufhäuser sind unsere Kathedralen
Wir drehn an den Börsen das Geldkarussell.
Auch du mein wackerer Wichtigmann
Treibst am Computer die Kontrollitis voran.
Du steuerst chinesische Maschinen
Und hilfst uns am Kap, in Rio und hier
Noch im letzten Weltwinkel Geld zu verdienen
An Sonne und Wasser, an Pflanze und Tier.
Du hilfst zu rechnen, in Raster zu fassen
Zellen, Atome, die Wurzeln der Welt
So können wir alles verwerten lassen,
Das Universum erlösen mit Geld.“
„Ich verstehe gar nichts von so großen Geschäften
Ich war immer nur angestellt
Versorgte die Meinen nach besten Kräften
Ein Rädchen, das sich wie alle andern verhält.“
Die Fratze lauscht deinen Worten nach
Nickt, grinst ihr Grinsen, flüstert ganz leise: „Ach
Es klingt so heiter dein Lied mir im Ohr
Die schönste Stimme im Mitläuferchor.
Nun noch den Refrain: ‚hätt ich’s nicht getan
Der Nächste steht, mich zu ersetzen, längst an.’
Tatsächlich ist es jetzt Zeit für Ersatz
Das Rädchen wird klapprig, es räume den Platz.“
„Mein bester Herr Tod“, hast du einzuwenden,
„Für Frau und Kinder bin ich noch vonnöten.
Sie brauchen mich, du darfst mich nicht töten.
Die Tochter soll erst noch das Studium beenden.“
Jetzt lacht der Gevatter ein herzliches Lachen
„Das kann sie viel besser, wenn’s dich nicht mehr gibt.
Da deine Erben den Reibach machen
Wirst du mehr tot als lebendig geliebt.
Du hast sie alle vollkommen versichert
Gegen Angst und Schrecken und jede Gefahr
Selbst Cousins und Cousinen werden verdienen
Wenn ich dich mitnehm, das ist dir doch klar.“
„Sie werden leiden, trauern und klagen.“
„Wichtigmann, du weißt selbst: das hat nichts zu sagen:
Ein Sozialritual, es heilet die Seele
Dass niemand deinetwegen zu Tode sich quäle.
Noch nie hat sich jemand ins Jenseits geklagt.
Lies die Statistik. Mit Geld wird der Kummer verjagt.
Je dicker das Konto, desto besser bewehrt
gegen Nöte: so hast du’s die Kinder gelehrt.
Nun Kopf hoch, mein Freund, die Sense ist scharf
Kein Trotz und Geschrei, wenn ich bitten darf.
Als Rädchen folg dem Mechanikerbrauch:
‚Was andere können, das kannst du auch!’“
Es saust die Sense, die knochigen Arme
Schwingen nach vorn: „Dass Gott sich erbarme!“
Kannst du noch schreien, dann bist du wach.
Dein Hauptabteilungsleiter sagt: „Guten Tach
Wünsche wohl zu ruhen, Herr Wichtigmann
Gelobt sei, wer den Büroschlaf ersann.
Nun sei’n Sie hübsch fleißig, ich wüsste zu gern —
Wenn sie so wollen ‚im Namen des Herrn’—
Was über Ihre Barmherzigkeit.
Für etliche Leute ist es soweit:
Wer Fehler macht und kostet zuviel
Den setzen Sie frei, das ist unser Ziel.“
Spricht es, winkt dir „Habe die Ehre!“
Und hinterlässt eine ziemliche Leere.
Du sitzt vorm Computer und fragst dich erschrocken
Ob sie nicht dir längst im Nacken hocken.
War nicht dieser Alptraum der letzte Alarm?
Du bist noch nicht tot, aber bald vielleicht arm.
Da soll doch der Teufel barmherzig sein
Du sitzt noch am Hebel, du bist nicht allein
Was andere können, kannst du auch
Nun mach schon, sonst stehst du bald selbst auf dem Schlauch.
Die Raster her, die Tabellen, nur munter
Wer nicht funktioniert, der geht eben unter.
Das mit dem Tod —Gott sei Dank nur ein Traum.
Wär’ nur nicht diese komische Leere im Raum …

Dienstag, 26.01.2010

Autor: Immo Sennewald

Schillernde Fliege an der Matratzengruft

Buchcover mit zeitgenössischem Bild

Heidi Urbahn de Jauregui, deutsche Literaturwissenschaftlerin in Frankreich, erzählt in einem biographischen Roman die Geschichte von Heines letzter Liebe der “Mouche”. (Verlag André Thiele 2009)
In SWR 2 “Die Buchkritik” vom 25.1.2010 ist das Buch besprochen; da Frau Urbahn sich über viele Jahre mit dem DDR-Autor Peter Hacks befasst hat und Züge des Dichters auch in die Figur des Erzählers im Roman eingehen, verweist auch die “Peter-Hacks-Seite” auf die Sendung.

Donnerstag, 21.01.2010

Autor: JosefBordat

Timothy Renick reitet den stummen Ochsen

Thomas für zwischendurch – eine etwas andere Einführung in das Leben und Werk des Aquinaten

Timothy Renick hat sich einiges vorgenommen. Auf 160 Taschenbuchseiten will er uns Leben, Werk und Wirkung Thomas von Aquins in einer Verbindung aus unterhaltsamen und lehrreichen Illustrationen und Texten nahe bringen. Schon der Titel provoziert – „Thomas von Aquin für zwischendurch“. Jener tiefsinnige Vielschreiber, der schrieb, wenn er nicht aß und schwieg, wenn er nicht schrieb (daher: „stummer Ochse“), jener „Doctor angelicus“, der wie kaum ein zweiter Philosoph das abendländische Denken prägte, soll als Pausenfüller herhalten. Das Erstaunliche ist: Es funktioniert. Das Konzept der kleinen Aquinaten-Happen geht auf. Vor allem deshalb, weil Autor Renick Thomas von Aquin kennt und schätzt. Er weiß, worauf es ankommt. So kann er dessen enormes Werk auf seine Grundannahmen zurückführen, anhand derer er der Leserschaft eine Idee davon gibt, wie Thomas dachte (scholastische Methode), was die Basis seines Denkens war (substanzontologische Metaphysik) und was daraus für wichtige Problemstellungen von Moral, Recht und Politik abgeleitet werden kann – für viele Menschen auch heute noch. Dass der Autor eine humorvolle Person ist und in dem Zeichner Ron Hill einen kongenialen Partner gefunden hat, macht diesen Schnelldurchgang zu einem echten Vergnügen.

Die launige Reise durch die Summa Theologica, die auch die problematischen Implikationen thomistischen Denkens nicht ausspart und die zugleich Verständnis weckt für die katholische Haltung in aktuellen Moraldebatten (Abtreibung, Stammzellforschung), macht an entscheidenden Stellen Halt und verdeutlicht dabei immer wieder: Glaube und Vernunft sind gleichermaßen Kompass und Wegzehrung. Renick stellt klar: Die vernünftige Argumentation zum Maßstab der Selbstvergewisserung zu erheben, ist nicht erst ein Gedanke der Aufklärung, er ist bereits bei Thomas entscheidend. Seine Verhältnisbestimmung von Intellekt und Intuition auf der einen und sinnlicher Erfahrung auf der anderen Seite der menschlichen Vernunft, durch die der Mensch zwischen Engel und Tier, zwischen Geist und Natur gestellt ist, wird in den kommenden Jahrhunderten den Rationalismus-Empirismus-Streit flankieren und erst durch Kant einer Synthese zugeführt werden. Zugleich betont Thomas die Bedeutung eines Glaubens, der über das wissenschaftliche Erkennen der Welt hinausweist. Weil unser Verstand zu schwach ist, um Gott unmittelbar wahrzunehmen, müssen wir uns zwischenzeitlich (also: solange wir noch keine Engel sind) auch auf Dinge einlassen, die sich unserem empirischen Erschließungspotential entziehen, denn – so zitiert Renick Thomas – es wäre schlicht „dumm von uns, über Gott nur das anzunehmen, was ein einzelner Menschen von sich selbst aus erkennen kann“. In einer Zeit, in der das gläubige Festhalten an nicht empirisch signifikanten Aussagen Ablehnung, Unverständnis oder gar Spott hervorruft, ist so etwas Balsam für die Seele. Und es macht deutlich, dass Wissenschaft und Religion sich für einen Christen wechselseitig ergänzen und nicht etwa gegenseitig aufheben.

Mit großer Leichtigkeit führt uns Renick weiter durch die Thomas-Landschaft, in der einige harte und große Brocken liegen: die Differenz von Notwendigkeit und Kontingenz in der Schöpfungstheologie, die zugleich Thomas’ Antwort auf die Theodizeefrage und hinsichtlich der damit zusammenhängenden Problematik der Freiheit des Menschen prädisponiert und die bedeutende Unterscheidung von Essenz und Akzidenz, die äußerst wirkmächtig war und ist. Der Grundsatz, dass die Suche nach Gott dem Wesen des Menschen entspricht und alle Menschen ihrem Wesen nach zum Guten streben und man sie daher in diesem Wesen bestärken muss, wenn man gut handeln möchte, ist maßgebend für Thomas’ Konzepte der Moral, des Rechts und der Politik, auf die Renick nachfolgend eingeht. Er verdeutlich, wie Thomas meint, der Mensch könne aus dem „Ewigen Gesetz“ Gottes das „Natürliche Gesetz“ erkennen (und zwar qua Vernunft), um daraus Schlüsse zu ziehen für Einzelvorschriften auf den unterschiedlichen Ebenen der, wie wir heute sagen würden, Individual-, Sozial- und Institutionen-Ethik. Dass Thomas damit die Tür aufstößt zu einem interkulturellen Moraldiskurs, ist ein wertvolles Nebenprodukt der Vernunftzentriertheit seiner Ethik. Es hat nichts an Aktualität eingebüßt. Auch Thomas’ Intentionalismus als Lösung des Dilemmas der „moralischen Doppelwirkung“, das Renick am sehr eindrücklichen Beispiel einer Zahnbehandlung erläutert, ist uns aus dem geltenden Strafrecht vertraut und heute allgemein anerkannt.

Das auch von speziellen Schlussfolgerungen des Aquinaten zur Sexualmoral, zum gerechten Krieg, zur Abtreibung, zur Rolle der Frau und zur Klassifikation von Regierungssystemen zu sagen, fällt ungleich schwerer, auch wenn sie sich stringent aus den Prämissen ableiten lassen und in Teilen weit fortschrittlicher sind als frühneuzeitliche Konzepte, die darauf aufbauen, doch oft genug auch dahinter zurückfallen – absolutistisches „Gottesgnadentum“, wie es in Europa bis ins später 18. Jahrhundert hinein als Herrschaftslegitimation dominierte, gibt es bei Thomas jedenfalls nicht. Renick weckt Verständnis für die Positionen, indem er diese Ableitung vornimmt und auf die Fortschrittlichkeit verweist. Es mögen also vor allem die Konsequenzen sein, die uns heute oft vom „angewandten Thomismus“ zurückweichen lassen. Allein die katholische Kirche hält grundsätzlich unbeirrt an der thomistischen Moraltheorie nicht nur hinsichtlich ihrer Annahmen, sondern – zumindest in vielen Fällen – auch bezüglich der Ergebnisse fest. Renick sagt, warum. Wie bereits angedeutet: Ein erster Schritt zu mehr Verständnis im ethischen Diskurs.

Der Text ist keine Einführung im propädeutisch-didaktischen Sinne, er ist eher etwas für Leser mit Vorkenntnissen, die entdecken wollen, wie klar und einfach man Thomas erfassen kann, ohne Wesentliches oder Unbequemes zu vergessen. Man wird den Aquinaten anschließend (noch) besser verstehen. Echten Anfängern sei deshalb zunächst eine fundierte Einführung und die Lektüre ausgewählter Quellen empfohlen. Hinweise dazu und zur darin angewandten scholastischen Methodik findet man in Kapitel 10 (Die „Einwand-Lösung-Dialektik“ wird herrlich dargestellt am Beispiel der Frage nach der „vollkommeneren Form des Frühstückseis“!).

Also: Timothy Renick löst sein Versprechen ein und liefert unterhaltsame Philosophie für zwischendurch. Man wünscht sich so etwas zu Kant & Co.

Bibliographische Angaben:

Timothy M. Renick: Thomas von Aquin für zwischendurch
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008.
175 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3525633858
ISBN-13: 978-3525633854

Josef Bordat

Sonntag, 17.01.2010

Autor: Andreas Schröter

Adam Haslett: Union Atlantic

Adam Haslett »Union Atlantic«“Ein Buch von unvergleichbarer Reife und Vollständigkeit, voll Mitgefühl, Spannung und Humor” – so ein Zitat des berühmten Jonathan Franzen (“Korrekturen”) auf dem Klappentext. Er muss ein anderes Buch gelesen haben. “Union Atlantic” des amerikanischen Autors Adam Haslett jedenfalls bietet von alldem so gut wie nichts.

Es fällt schon schwer zu beschreiben, worum es überhaupt geht: Ein skrupelloser Investmentbanker namens Doug treibt nicht nur seine Bank in den Ruin, sondern auch eine schrullige ehemalige Geschichtslehrerin in die Verzweiflung – wobei schrullig arg milde ausgedrückt ist. Wenn man sie als irre bezeichnen würde, läge man auch nicht daneben. Außerdem hat Doug Sex mit einem schwulen Jüngling, auf den das Buch nicht weiter eingeht. Soweit der Hauptplot. Dazu gibt’s noch eine Reihe von Nebenhandlungssträngen, die immer mal wieder kurz angerissen, aber nie aufgelöst werden. Man fragt sich am Ende dieses Wirrnisses: Und? Was sollte das jetzt? Gibt es eine irgendwie geartete Aussage?

Sämtliche Figuren wirken blass und klischeehaft, man lernt sie als Leser kaum kennen, kommt ihnen nicht näher und betrachtet das (oft langweilige) Geschehen somit wie durch Watte. Auch der Versuch, der durch und durch unsympathischen Hauptfigur ein Kriegstrauma und eine alkoholkranke Mutter zu verpassen und sein Handeln dadurch glaubwürdiger zu machen, misslingt. Doug und alle anderen Figuren wirken holzschnittartig und ohne Innenleben.

Das Problem an Romanen, die ausschließlich von unsympathischen und noch dazu uninteressanten Figuren bevölkert werden, ist: Der Leser fragt sich irgendwann, warum er seine Zeit mit solchen Leuten verbringen soll.

Adam Hasletts Roman musste lange auf seine Veröffentlichung warten. Er hatte ihn bereits vor dem großen Banken-Crash 2008 abgeschlossen. Der Verdacht liegt nahe, dass er nun nur wegen der Finanzkrise hervorgekramt wurde – weil man ihn so wunderbar “als großen Roman zur internationeln Wirtschaftskrise” (Klappentext) vermarkten kann – ein Etikett, das dem Text gleich mehrere Nummern zu groß ist. Und noch ein Kuriosum gibt’s: Die deutsche Übersetzung ist vor dem amerikanischen Original erschienen.

Missraten!
——————————–
Adam Haslett: Union Atlantic.
Rowohlt, November 2009.
394 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro.

Samstag, 09.01.2010

Autor: Andreas Schröter

Gerard Donovan: Winter in Maine

Gerard Donovan »Winter in Maine«Irgendwo im nördlichen Maine wohnt ein Mann ganz allein in seiner Hütte. Nur sein Hund begleitet ihn. Dann wird der Hund erschossen, und der Mann macht sich auf einen fürchterlichen Rachefeldzug, in dessen Verlauf er mehrere Menschen kaltblütig und hinterücks erschießt.

Auf diesen kurzen Nenner lässt sich die Handlung in Gerard Donovans Roman “Winter in Maine” bringen. Die Originalausgabe “Julius Winsome” wurde 2008 von der englischen Tageszeitung “The Guardian” zum “Buch des Jahres” erkoren. Auch sonst gab’s jede Menge Lob. Die bekannte Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich beispielweise sagte: “Wir (…) erschrecken über uns selbst und tauchen auf aus einer Geschichte voller Blut und Kälte, die uns so fasziniert hat wie schon lange nichts mehr, das wir gelesen haben. Wo ist die Grenze zwischen unendlichem Kummer und rächender Gewalt? Das ist die Frage, mit der uns dieses irritierende, ruhig und großartig erzählte Buch zurücklässt.”

Gut geschrieben ist “Winter in Maine” auf jeden Fall. Donovon benutzt eine lakonisch knappe und klare Sprache, die die Kälte im winterlichen äußersten Norden der USA und das Gefühl der Einsamkeit hervorragend rüberbringt. Kein Wort ist zuviel, Langeweile kann gar nicht erst aufkommen. Inhaltlich unternimmt Autor Donovan hier den schriftstellerischen Versuch, den Leser für einen wahnsinnigen Massenmörder einzunehmen – ein Experiment, das bei jedem unterschiedlich erfolgreich sein dürfte. Nicht jeder dürfte sich somit “über sich selbst erschrecken”, wie Elke Heidenreich meint. Es könnte auch Leser geben, die mit fortschreitender Lesedauer förmlich jemanden herbeisehnen, der unseren Einsiedler aus seiner Hütte zerrt und dahin befördert, wo er hingehört: in die Klappsmühle.

In den USA hat “Winter in Maine” eine Debatte über Waffenbesitz ausgelöst. Zu Recht. Denn wenn die Grundthese in diesem Buch stimmt – seelisch getroffener Hundebesitzer kann leicht zum Amokläufer werden -, dann sollte man in der Tat schnellstmöglich alle Gewehre einsammeln.

Insgesamt ein Buch, das den Leser mit zwiespältigen Gefühlen und Gedanken zurücklässt, was sicher nicht die schlechteste Empfehlung für ein Buch ist. “Buch des Jahres” scheint jedoch etwas hoch gegriffen zu sein.

Gerard Donovan: Winter in Maine.
Luchterhand, September 2009.
208 Seiten, Hardcover, 17,95 Euro.

Dienstag, 05.01.2010

Autor: JosefBordat

Grundfragen der Philosophie

Gerald Hartung zur Frage: Was ist der Mensch? und Geert Keil zur Freiheit desselben. Zwei Neuerscheinungen in der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ widmen sich Grundfragen des Genres

Einführungen beschäftigen sich mit Grundfragen. Zu zwei philosophischen Grundfragen gibt es nun kurze Einführungen: Gerald Hartungs „Philosophische Anthropologie“ und Geert Keils „Willensfreiheit und Determinismus“ widmen sich in der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ dem menschlichen Selbstverständnis (Hartung) und der menschlichen Freiheit (Keil).

Gerald Hartungs „Philosophische Anthropologie“

Die Frage, in der nach Kant das philosophische Nachdenken zugleich mündet und gipfelt, wird in den letzten Jahren wieder vermehrt gestellt: „Was ist der Mensch?“ Eingedenk des Fortschritts in der Hirn- und Verhaltensforschung wird sie derzeit immer öfter neu beantwortet. Zunehmend scheinen die Biologen die Antworten zu geben, um die die Philosophen seit Jahrhunderten verlegen sind. Philosophische (oder biologische) Anthropologie ist in jedem Fall eine Schlüsseldisziplin. In jeder philosophischen, soziologischen, historischen etc. Fragestellung sind immer schon Grundvorstellungen wie Welt- und Menschenbilder enthalten bzw. spielen bei der Beantwortung eine Rolle – auch schon vor dem leitenden Erkenntnisinteresse (Habermas). Anthropologie gehört daher auf den Stundenplan.

Um die aktuellen Debatten um Willensfreiheit, Qualia, genetisch angelegte und gehirnphysiologisch verortete Empathie („Spiegelneuronen“) in ihrer Relevanz für die Frage nach dem Menschen nachvollziehen zu können, ist es wichtig, sich die Grundprobleme klarzumachen und die Konzepte zu kennen, um beurteilen zu können, ob sie in den neuen Menschenbildern richtig zum Einsatz kommen. Das Begriffsfeld, mit dem seit jeher das Wesen des Menschen zu markieren versucht wird (Gehirn, Intellekt, Geist, Seele, Bewusstsein), bietet bereits vor Eintritt in die Diskussion der Modelle und Vorstellungen enorme Schwierigkeiten, sind doch die Begriffe selbst unklar bzw. werden sie von den Akteuren äquivok benutzt. Manchmal sorgen die Autoren ganz bewusst dafür, dass ihnen weltanschaulich adäquat scheinende Begriffe die Semantik der Alternativkonzepte, die nicht zur Sicht der Dinge passen wollen, schlicht usurpieren, etwa dort, wo „Gehirn“ synonym für „Geist“, „Seele“ und /oder „Bewusstsein“ verwendet wird. Bevor es mit dieser wichtigen Begriffsanalyse losgehen kann, hat man sich um Metakonzepte zu kümmern, die das Diskursgebiet der Anthropologie noch weiter abstecken (Ursache, Grund, Wesen, Funktion, Substanz – um nur einige zu nennen). Mal ganz abgesehen davon, dass zu klären wäre, was „Leben“ bedeuten soll (Anmerkung: Hierzu verspricht das gleichnamige Buch von Andreas Brenner, das ebenfalls 2009 in der Reclam-Reihe „Grundwissen Philosophie“ erschien, eine kompetente Auskunft zu geben). Man ist geneigt, angesichts dieser Aufgabenliste die Flinte ins Korn zu werfen. Umso wichtiger sind gute Einführungen, die ein wenig Licht ins Dunkel des anthropologischen Denkens bringen. Die knappe Darstellung „Philosophische Anthropologie“ des Kulturphilosophen Gerald Hartung, Privatdozent für Philosophie an der Universität Leipzig, gehört dazu.

Da die zentralen Begriffe – ungeachtet ihrer teilweise reduktionistischen Deutung – philosophischer Natur sind, kann ein Blick in die Geschichte der philosophischen Anthropologie helfen, die nötige Ordnung zu schaffen (oder zumindest andeuten, wie sie zu schaffen sein könnte). Diesen historischen Blick nimmt Hartung nach einführenden Gedanken zum Aufgabenbereich der Anthropologie als Teildisziplin der Philosophie vor, um dann systematisch weiterzugehen. Hartung macht dazu den üblichen und heuristisch geschickten Zug: Er bestimmt mit den Denkern der letzten Jahrhunderte den Menschen durch Abgrenzung zu dem, was nicht „Mensch“ ist, von dem sich der Mensch in seinem Selbstverständnis aber nie ganz trennen kann: Gott, Natur, Kultur, Technik. Alle, die in der (philosophischen) Anthropologie Rang und Namen haben, werden kurz und bündig abgehandelt: Hegel, Marx, Kierkegaard, Nietzsche, Darwin, Scheler, Plessner, Gehlen, Hartmann, Dilthey, Burckhardt, Cassirer. Wer ein Referat zu einer der Herrschaften halten muss („Das Menschenbild von …“), wird fündig.

Schließlich beantwortet Hartung die zentrale Forschungsfrage der Menschheitsgeschichte so, wie man es von einem Philosophen erwartet: durch Nichtbeantwortung. Er macht damit deutlich, dass die Leistung der Anthropologie nicht in etwaigen Antworten auf die Frage liegen kann, sondern in deren Reformulierung eingedenk neuer Optionen, die flankierenden Konzepte zu bestimmen („Paradigmenwechsel“). Auch die Hoffnung auf rasche Antworten aus dem ungeduldigen Umfeld naturwissenschaftlicher, in Besonderheit neurobiologischer Forschung zum Menschen, muss enttäuscht werden, denn auch durch die (methodologisch fragwürdige) Überschreitung der Grenze von Natur und Kultur wird „das Problem des Sinnverstehens der je eigenen existenziellen Wirklichkeit [...] nicht aus der Welt geschafft“. Ganz im Gegenteil: Das „Sinnproblem Mensch, seine abgründige Rätselhaftigkeit, [scheint sich] im Fahrwasser ruheloser Forschung am Mechanismus des Lebens noch zu verschärfen“.

Geert Keils „Willensfreiheit und Determinismus“

Eine uralte Frage hängt mit diesem Sinnproblem zusammen. Sie lautet: Ist der Mensch frei in seinen Entscheidungen oder vorherbestimmt durch die Gesetze seiner Natur? Auch hier gibt es neben der philosophischen die naturwissenschaftliche Sicht. Jüngste neurobiologische Befunde scheinen auf letzteres hinzuweisen: der Mensch ist determiniert. Andererseits legt uns unsere Lebenserfahrung nahe, dass wir uns ständig frei entscheiden, weil wir ja aus vorgegebenen Alternativen tatsächlich wählen. Vielleicht aber, so Vertreter des Determinismus, meinen wir nur, wir wählten frei. Es könnte mithin sein, dass wir tatsächlich einem festgelegten Programm folgen, das sich nach festgelegten Gesetzmäßigkeiten in unserem Gehirn als Resultat neuronaler Dispositionen entfaltet. Dies wiederum widerspricht unserem Selbstbild, was wiederum ein Hinweis darauf sein könnte, dass mit der Vorstellung selbst etwas nicht stimmt. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen sinnvoll weiterdenken?

Einen gelungenen Ausweg aus dem Dilemma leistet eine philosophische Analyse des Freiheitsbegriffs selbst. Wozu soll der Mensch frei sein? Zu einfachen Handgriffen oder zu komplexen Handlungen, die in einem Geflecht von Bedingungen stattfinden? Also: Um welche Freiheit geht es eigentlich? Um absolute Bindungslosigkeit oder um einen vernünftigen Entscheidungsspielraum innerhalb der Sphäre des Gegebenen?

Geert Keil, Professor für Theoretische Philosophie an der RWTH Aachen, nimmt dies in seiner einführenden Darstellung „Willensfreiheit und Determinismus“ auf. Er bestimmt die Freiheit, die Philosophen meinen als „libertarische Freiheit“ und verteidigt die so verstandene Willensfreiheit gegen alte und neue Determinismusargumente. Nach lehrbuchartigen Bemerkungen zu Inhalt und Stand der Debatte zeigt er durch die überzeugende Widerlegungen einiger „Determinismus-Mythen“, dass wir sehr wohl „auch anders können“, nämlich dann, wenn Entscheidungen zu komplexen Sachverhalten anstehen, bei denen es um das Abwägen von Gründen vor dem Hintergrund von Weltanschauung, Wertvorstellungen und Lebenserfahrungen geht. Auf Basis des libertarischen Freiheitsbegriffs formuliert Keil „Zehn Thesen“ zur Willensfreiheit, die in der provokanten, gleichwohl konsequenten Feststellung gipfeln: „Die Hirnforschung hat aus eigenen Mitteln nichts Relevantes zum philosophischen Freiheitsproblem beizutragen.“ Hirnforscher und Philosophen meinen eben unterschiedliche Dinge, wenn sie von „Handlungen“, deren „Bedingungen“ und von „Freiheit“ reden.

Fazit

Beide Bändchen, die in der Reihe „Grundwissen Philosophie“ bei Reclam erschienen, wenden sich an interessierte Laien, die sich rasch einen Überblick verschaffen wollen. Besonders nützlich ist die „Zeittafel“, in der die Debatten in historischer Perspektive skizziert sind. Wichtige Begriffe werden in einem Glossar erklärt und weiterführende Literatur in einer „kommentierten Bibliographie“ vorgestellt. Auch Studierenden werden die Texte für eine erste Orientierung hilfreich sein.

Bibliographische Daten:

Hartung, Gerald: Philosophische Anthropologie
Verlag: Reclam
Ort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 143
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 9783150203231

Keil, Geert: Willensfreiheit und Determinismus
Verlag: Reclam
Ort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 160
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 9783150203293

Angaben zum Rezensenten:

Josef Bordat (Jg. 1972) studierte nach seinem Hochschulabschluss als Wirtschaftsingenieur (Dipl.-Ing.) Soziologie und Philosophie in Berlin und Arequipa/Peru. 2006 wurde er am Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin zum Dr. phil. promoviert. Bordat arbeitet als Publizist in Berlin.

Montag, 04.01.2010

Autor: Barbara Wenz

Monika Gräfin Metternich. Lob des Sonntags.

Metternich: Lob des Sonntags

Ein ganzes Buch über den Sonntag schreiben? Das ist ein beachtliches Vorhaben, vor allem, wenn kein staubtrockenes Sachbuch, sondern ein eleganter Essay entstehen soll. Glücklicherweise hat sich Monika Gräfin Metternich dieser Sache angenommen, so dass aus dem „Lob des Sonntags“ ein mit fast schwereloser Feder geschriebenes Buch geworden ist, das man – am besten an einem verregneten Sonntag – in einem Rutsch durchlesen möchte.

Die Autorin nimmt uns mit auf ihre Reise in ein versunkenes Reich – das Reich der glücklichen Sonntage unserer Kindheit. Ein Land, in dem der Sonntag bereits am Samstagabend – am Sonnabend eben – begann. Wo es nach Weihrauch, Toast, Schmorbraten, Marmorkuchen oder Bohnenkaffee duftete. Angeregt und amüsiert lesen wir weiter, was den Sonntag objektiv und subjektiv denn nun zum Sonntag macht. Dazwischen Überlegungen zur Natur der Zeit, ihrer Qualität, die Unterscheidung zwischen Fest-Zeiten und profaner Zeit mitsamt einem Exkurs über die Freude des Menschen am Spiel. Wohlgemut und entspannt rüsten Autorin und Leser sich daraufhin zu einer Expedition in die Evangelien auf der Suche nach dem Ursprung und den Wurzeln eines Tages, der Geld- und Machthabern schon immer ein Dorn im Auge war.

Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte zeigt, dass Feudalherrscher, Ideologen, Diktatoren und Turbokapitalisten stets ein Interesse daran hatten, diesen Tag abzuschaffen. Doch der Sonntag macht den Menschen erst zum Menschen, und was als eine poetische Beschwörung von Kindheitserinnerungen begann, endet in einem veritablen Manifest der Autorin für die Schönheit, den Eigenwert, die Unverzichtbarkeit des Sonntags.

Vergessen Sie den Dalai Lama, lesen Sie die Metternich! – hat Manfred Lütz in seiner Rezension ausgerufen. In der Tat – die Zeit ist reif: Wir brauchen solche federleichten, bezaubernden Bücher, die helfen, christliche Lebenskunst wieder neu für uns zu entdecken.

Monika Gräfin Metternich: Lob des Sonntags. Weihrauch, Toast and Honey.
Erschienen im Pattloch Verlag, 2009. 24 Seiten. 14,95 Euro.
Bestellbar direkt beim Verlag hier.

Sonntag, 27.12.2009

Autor: bonaventura

Elisabeth von Thurn und Taxis: fromm!

978-3-939684-61-9

Lieber Gott, mach mich fromm,
dass ich in den Himmel komm!

Ich habe mich lange damit getragen, wie ich dieses Buch besprechen soll. Da gäbe es zum einen die Möglichkeit, sich über die Werbung des Verlages zu amüsieren, der sich nicht entblödet, seine Autorin als Prinzessin Elisabeth von Thurn und Taxis zu präsentieren, um dann folgen zu lassen:

Dieses Buch zeigt: Katholisch ist das Gegenteil von spießig. Katholisch ist chic, katholisch ist cool.

Aber man soll eine Autorin nicht die Dummheiten des Vertriebs büßen lassen.

Zum anderen könnte man sich über den naiven Aberglauben der Autorin lustig machen:

Neulich reservierte ich in einem recht teuren Kurhotel ein Doppelzimmer. […] Leider buchte ich die Zimmer zwar für die richtigen Tage, aber im falschen Monat. Als ich dann durch eine E-Mail auf die Stornierungsfrist hingewiesen wurde, drehte sich fast mein Magen um. Der volle Betrag sollte bezahlt werden! […]

Schnell schickte ich dem Hotel eine herzzerreißende Entschuldigungs-E-Mail hinterher. Ich erhoffte mir davon allerdings nicht sehr viel, immerhin hatte ich schon eine klare Ansage bekommen: Zahlen! Da fiel mir plötzlich mein treuer Freund und Helfer, der heilige Antonius, wieder ein. Ich betete also ein kurzes Stoßgebet. Ich machte ihm ein Angebot, dass er, so hoffte ich, nicht ablehnen konnte. Überwältigt war ich, als ich in meinem Posteingang eine neue E-Mail des Hotels vorfand. Meine Stornierungsgebühr war tatsächlich storniert worden!

Gott sei Dank muss ich dieses Phänomen nicht begreifen.

Aber dies hieße nur, dem Zynismus beitreten, der der Veröffentlichung dieses Buches offenbar zugrunde liegt.

Dann wieder könnte man die zahllosen Blüten eines Abitur-Aufsatz-Stils auflesen:

  • Wie auch das Frühstücksei ist die Beichte eigentlich ein Genuss, den man ruhig öfter mal konsumieren darf.
  • Kaum aber berührt nach unendlicher Enthaltsamkeit eine Laugenbrezel wieder den Gaumen, macht sich auch gleich der gegen den Hosenbund drückende Bauch wieder bemerkbar! Alles für die Katz!
  • Ich schaffe in mir Platz für den Willen Gottes, in dem [sic!] ich meinen eigenen Willen in den frisch gemahlenen Kaffeebohnen vergrabe.
  • Auch die Buddhisten beschäftigen sich viel mit Meditation.
  • Das Hinknien fiel langsam aber sicher unter den Tisch.
  • Das Erwachsenwerden hat vielerlei Vor- und Nachteile.

Aber es erschiene mir letztlich doch zu billig, eine Autorin, die in gutem Glauben einer Veröffentlichung dieser Texte zugestimmt hat, auf diese Weise vorzuführen.

Schließlich könnte man noch der Geschwätzigkeit des Buches das notwendige Schweigen wahrer Frömmigkeit gegenüberstellen, aber damit würde man nur mit theologischen Kanonen auf betende Spatzen schießen.

Ich habe mich daher entschlossen, das Buch lieber gar nicht zu besprechen. Tut mir leid!

Elisabeth von Thurn und Taxis: fromm! Kißlegg: fe-medienverlags GmbH, 2009. Pappband, 192 Seiten. 9,95 €.

Dienstag, 15.12.2009

Autor: Andreas Schröter

Nick Hornby: Juliet, naked

Nick Hornby »Juliet, naked«Das Schöne an den Büchern von Nick Hornby sind die Figuren, in die man sich als Leser so wunderbar hineinversetzen kann, weil sie so unvollkommen und damit so lebensnah sind.

Das gilt auch für „Juliet, naked“, das neueste Werk des Engländers – darin gibt‘s einen herunterkommenen Rockmusiker, der fünf Kinder von vier verschiedenen Frauen hat, einen Loser-Typen und die Freundin des Losers, die sehr bald feststellt, dass ihr Freund ein kompletter Vollidiot ist. Alles sehr sympathisch, alles sehr gut nachvollziehbar, und man schaut beim Lesen immer wieder besorgt auf die weniger werdende Seitenzahl, weil man die Charaktere gerne noch länger begleiten würde.

Die Handlung ist zugegebenermaßen etwas krude – macht aber nichts: Duncan verehrt den Rockstar Tucker Crowe, der seit Jahren nichts Neues veröffentlicht hat. Dann fällt ihm doch neue Musik seines Idols in die Hände. Auf seiner Internet-Seite schreibt er eine hymnische Rezension. Annie, Duncans Freundin, ärgert sich darüber und schreibt eine Gegenkritik. Der Rockstar liest sie und nimmt Kontakt zu Annie auf …

———————————————-
Nick Hornby: Juliet, naked.
Kiwi, Oktober 2009.
361 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.

Freitag, 11.12.2009

Autor: hedoniker

Tot über einem Zaun im Kosovo. Harry Rowohlt: „Gottes Segen und Rot Front“

Rowohlt CoverHarry Rowohlt ist ein Phänomen in der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Er könnte das Telefonbuch von Wanne-Eickel als Hörbuch einspielen und es würde ein Erfolg. „Übersetzt von Harry Rowohlt“ ist ebenso zu einem Prädikat geworden wie seine Lesungen legendär sind. Reich würde er, bekäme er jedes Mal 5 EUR, wenn er die Frage beantworten soll, ob er etwas mit dem Rowohlt Verlag zu tun habe. Seine Kolumnen „Pooh’s Corner“ vermisste man in der „Zeit“ so schmerzlich, dass sie wieder eingeführt wurden und den Lindenstraßenpenner Harry spielt er auch. Einzigartig auch seine Briefe. Schier unermüdlich beantwortet Rowohlt jeden ihn erreichenden Brief. In „Gottes Segen und Rot Front“ ist eine Auswahl der besten Briefe aus den Jahren 2005-2009 versammelt. Die Briefe sind liebevoll, spöttisch, gallig, freundlich, klug – immer aber wortgewandt. Diplomatie und Heuchelei liegen ihm nicht und so antwortet auf die Bitte, Wahlkampfunterstützung für die Grünen zu leisten: „Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als dass ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.“ Er schreibt Daniel Kehlmann, der einer seiner Übersetzungen eine „gewollte Flapsigkeit“ unterstellte und stellt klar, dass es sich um Flapsigkeit, mitnichten aber um „gewollte“ handelt und fügt dem Brief ein PS an. „(weil ich sonst geplatzt wäre): Ich hatte auch schon mal zwei Bestseller, die es aber beide nicht in den Spiegel geschafft haben, weil sie weder Belletristik noch Sachbuch waren.“ Kehlmann entschuldigt sich dann auch brav. Inge Jens vermutet in einem Antwortbrief, dass Rowohlts positive Erinnerung an sie und ihren, mittlerweile an Demenz erkrankten, Mann durch die vergangene Zeit verklärt wurde, er schreibt: „ […] wenn Sie meinen, meine Erinnerung an Sie beide wäre einen Tick zu schmeichelhaft, nützt Ihnen das gar nichts, sind es doch meine ureigensten, unkorrigierbaren Erinnerungen, in die ich mir von derart Betroffenen nicht hineinpfuschen lasse.“ Die Aneinanderreihung der unterschiedlichen Adressaten und der damit verbundene permanente Wechsel des Tonfalls der Briefe machen den speziellen Reiz dieses Bandes aus. Der Korrespondenz mit Roger Boylan folgt ein Brief an einen Unbekannten, der Harry Rowohlt um 10.000 EUR anpumpen will, eine Antwort bekommen beide. Jeder die Antwort, die er verdient.

Harry Rowohlt: „Gottes Segen und Rot Front“ ist bei Kein & Aber erschienen.

Samstag, 05.12.2009

Autor: Andreas Schröter

Paul Beatty: Slumberland

Paul Beatty »Slumberland«Schwarz und Weiß, Ost und West sowie ganz viel Musik – das sind die Zutaten in Paul Beattys frischem, frechem, eigenwilligem, auf jeden Fall aber höchst unterhaltsamem Roman “Slumberland”.

“Slumberland” – so heißt ein Schuppen in West-Berlin zur Zeit des Mauerfalls, in dem der Ich-Erzähler DJ Darky als “Jukebox-Sommelier” arbeitet. Er ist schwarzer Amerikaner und aus den Los Angeles nach Deutschland gekommen, um einen legendären Jazz-Musiker, den “Schwa”, zu finden, der offenbar in Berlin untergetaucht ist. Im ersten Teil des Buches gerät diese Suche jedoch zur Nebensache. DJ Darky hat genug damit zu tun, die Eigenheiten jenes kalten und grauen Berlins zu erkunden, in dem es so schwierig ist, einen Sonnenstrahl zu erhaschen. Die Funk- und Jazz-Musik, mit der er die Jukebox im Slumberland speist, erleichtern ihm die Eingewöhnung. Und natürlich die vielen weißen Frauen, mit denen er schläft.

Und so betrachtet er die Öffnung der Grenzen in erster Linie als willkommene Möglichkeit, an “Frischfleisch” zu gelangen. Ein herrlicher Dialog zum Mauerfall: “Wo kommen die ganzen Menschen her?” – “Sie haben nichts davon gehört?” – “Wovon?” – “Die Mauer ist gefallen?” – “Welche Mauer?” Doch ganz so dumm, wie er sich hier gibt, ist unser Held nicht. Er ist höchst eloquent und erfindet ständig neue Ausdrücke wie “phonographisches Gedächtnis”, wodurch das Buch einen ganz eigenen mitreißenden Sound entwickelt. Dabei ergeben sich ungewohnte, weil von einem Außenstehenden stammende, Blicke auf Ost- und Westdeutsche, Neonazis, aber auch auf die Schwarzen, die im Slumberland ihren eigenen Treffpunkt haben.

Schließlich findet DJ Darky seinen Musiker namens “Schwa”, und die Party kann beginnen …

Paul Beatty, 47 Jahre alt und selbst Schwarzer, legt einen Roman vor, der Spaß macht. Besonderen Genuss dürfte er aber jenen Lesern bieten, die sich für Funk- und Jazz-Musik interessierten. Sie werden viele Musiktitel, die DJ Darky gerne hört, wiedererkennen.
—————————————-

Paul Beatty: Slumberland.
Blumenbar, Oktober 2009.
318 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.

Dienstag, 01.12.2009

Autor: Immo Sennewald

Das ganz normale Grauen

Panoptikum der Stasi

Deprimiert haben sie Selbstzufriedenheit, Egoismus, Wohlstandsdenken, mangelhafte Arbeitsdisziplin einzelner Kollegen, dazu Unzufriedenheit und Meckern über Schwierigkeiten bei der Versorgung mit bestimmten Waren – so lässt die Vorkämpferin einer gerechteren Welt ihren Chef wissen – soziale Sicherheit, soziale Errungenschaften, den Kampf um den Frieden, gesellschaftlichen Fortschritt dagegen fände sie ihren Vorstellungen entsprechend. Diese Beschreibung ihrer Umgebung liefert Anfang der 80er Jahre Susanne Albrecht, in der DDR untergetauchte RAF-Aktivistin einem Stasi-IM, der sie zu betreuen hat. Als sieben Jahre später ihre Tarnung als brave DDR-”Ingrid B.” aufzufliegen droht, weil andere DDR-Bürger sie im Westfernsehen oder bei Westbesuchen auf Fahndungsfotos erkennen, erwägt das Liebesministerium des Genossen Mielke sogar eine Schönheitsoperation auf Staatskosten; das nötige chirurgische Besteck in Westqualität hätte wohl Herr Schalck-Golodkowski beschafft. Dann verfrachtet man aber doch “sicherheitshalber” die ganze Familie B. in die Sowjetunion, Glasnost, Perestroika und der Untergang des ganzen ruhmreichen Satellitenreiches holten Frau Albrecht und ihre Kombattanten ein.
Diese Geschichte gehört zu den bizarren Vorgängen aus dem Alltag der Stasi; wer so etwas liest, schüttelt darüber den Kopf. Andere Affären enden mit brutalen Todesurteilen, auf Geheiß von Ulbricht, Honecker und Mielke vorgefertigt für Richter im Dienst der “Partei der Arbeiterklasse”, handeln von verschleppten Menschen, von vertuschten Verbrechen, von “zersetzten” Leben – es ist ein Panoptikum der Stasi, ihrer Handlanger und Auftraggeber, ein Panoptikum auch der Duckmäuserei, des Wegsehens, der moralischen Abstumpfung. Jeder einzelne der von Klaus Behling und Jan Eik erzählten Fälle reichte, die Frage, ob die DDR ein “Unrechtsstaat” war, ein für alle Mal zu beantworten.
Dass das Ganze aber Panoptikum in Buchform ist, hat mich während der Lektüre auch immer wieder einmal gestört. Es macht einem die Distanzierung so leicht. Die Erklärungen für das Handeln der Täter leuchten ein, erscheinen aber auch mit dem Stasiunwesen zugleich entrückt. “Lautloser Terror” ist ein reißerischer Titel, der dem alltäglichen Wechsel aus (unrechts-)staatlichem Handeln und stillschweigender Hinnahme der SED-Herrschaft durch eine aufs persönliche Fortkommen bedachte Mehrheit nicht gerecht wird. Und “Kriminalität in der Stasi” als Untertitel: War nicht die Stasi als Organisation mit der Lizenz zu jedem beliebigen Rechtsbruch selbst kriminell?
Der Epilog verdeutlicht, dass – da schon die juristische Aufarbeitung dieser Art Kriminalität nicht möglich war – deren systemische und sozialpsychologische Analyse so unerledigt wie dringend notwendig ist.
Erschienen ist “Lautloser Terror” im Militzke-Verlag Leipzig

Dienstag, 01.12.2009

Autor: Barbara Wenz

Michael Hesemann: Jesus von Nazareth.


Über zwanzig Jahre nach Gerhard Krolls “Auf den Spuren Jesu”, dem populären Standardwerk, hat sich der Bestsellerautor und Journalist Michael Hesemann auf Spurensuche gemacht und die neuesten archäologischen Forschungsergebnisse – leicht fasslich und unterhaltsam zu lesen – zusammengestellt.

Hesemann begleitete Papst Benedikt XVI. im Mai 2009 auf seiner Nahostreise und verknüpfte seinen Besuch im Heiligen Land mit allen wichtigen Stationen aus dem Leben Jesu, angefangen mit der Geburt in Bethlehem, dem Dorf, in dem die Hochzeit zu Kana gefeiert wurde, den See Genezareth und Kafarnaum, Jerusalem mit Golgatha und die Stelle, an dem der auferstandene Jesus am See erschien und den Aposteln auf einem Kohlefeuer ein Mahl aus gebackenem Brot und gegrilltem Fisch bereitet hat.

Immer wieder überrascht und verblüfft Hesemann mit dem vergleichenden Hinweis auf die Orts- und Zeitangaben in den Evangelien, die sich fast vollständig mit dem decken, was internationale und israelische Archäologen aktuell herausfinden konnten. Und so kommt der Autor unter Berücksichtigung jüngster Erkenntnisse, zu dem Schluss, dass die Berichte der vier Evangelisten entweder von Augenzeugen stammen oder auf Aussagen von Augenzeugen beruhen.

Details, die den meisten Laien bisher unverständlich waren, werden in Zusammenhang gebracht. Warum Joseph ausgerechnet nach Bethlehem gehen musste, um sich zählen zu lassen, und was das bedeutet. Warum das erste Wunderzeichen, dass Jesus Christus tat, die Wandlung von (halachischem Reinigungs-)Wasser in Wein auf der Hochzeit von Kana war. Was es mit dem „Aufwallen“ des Bethesda-Teiches auf sich hatte. Wie und wo Jesus während des Sturms in einem Fischerboot schlafen konnte. Aus welchem Grund es überhaupt Geldwechsler im Tempel gab, und vieles andere mehr.
Außerdem präsentiert der Autor eine neue und plausible Antwort auf die Frage nach dem “wahren Geburtsdatum” Jesu. Bislang wurde angenommen, dass die Jupiter-Saturn-Konjunktion des Jahres 7 n. Chr. das auffällige Himmelsphänomen gewesen sein muss, welchem die drei Weisen aus dem Morgenland bis nach Bethlehem folgten. In der Tat, die drei Weisen waren Sterndeuter, sie hätten eine Konjunktion von einem auffälligen und neu aufleuchtenden Stern zu unterscheiden gewusst. Hesemann führt aus, dass die Sterndeuter vermutlich nicht nur ein einziges auffälliges Zeichen am Himmel gesehen haben, sondern eine ganze Abfolge von mindestens drei Konstellationen – als viertes schließlich eine auffällige Supernova im Jahre 5 v. Chr., von denen koreanische und chinesische Aufzeichnungen berichten. Aus diesem Grund, so meint der Autor, und beruft sich in seinen Schlussfolgerungen auf den britischen Astronomen Mark Kidger, sei als tatsächliches Geburtsdatum Jesu der März 5. v. Chr. sehr wahrscheinlich.
Während der ganzen Reise durch das Heilige Land – in chronologischer Ordnung entlang der Biografie Jesu – hält Hesemann die Evangelien in der einen, den Leser an der anderen Hand.
Das Buch ist die ideale Vorbereitungslektüre für eine Pilgerreise. Für alle, die diese Fahrt nur vom Sessel aus antreten können, ist es der ideale Führer durch die einzigartige Landschaft, in der Jesus Christus geboren wurde, gewirkt hat, gekreuzigt wurde und schließlich auferstanden ist.

Denn wir sind nicht klug erdachten Geschichten gefolgt, sondern Augenzeugen gewesen, versichert uns der Apostel Petrus. Wenn wir zusammen mit Hesemann und den Archäologen, die er besucht hat, den Spuren Jesu gefolgt sind, dann wissen wir, was damit gemeint ist. Darum empfiehlt sich dieses Buch auch für Unentschlossene und Zweifler.

Das Buch ist ausgestattet mit einer Landkarte im Innenteil, 32 Seiten Farbfotos, einer Zeittafel zum Leben Jesu sowie einem Quellen- und Literaturverzeichnis.

Der Autor:
Michael Hesemann ist international tätiger Autor, Historiker, Dokumentarfilmer und Fachjournalist für populärwissenschaftliche und kirchengeschichtliche Themen. Er studierte von 1983 bis 1989 Geschichte, Kulturanthropologie/Volkskunde, Literaturwissenschaft und Journalistik an der Universität Göttingen und lebt heute in Düsseldorf und Rom. Von ihm erschien im Sankt Ulrich Verlag: „Die Dunkelmänner“ (2007) sowie „Paulus von Tarsus“ und „Der Papst, der Hitler trotzte“ (2008).

Michael Hesemann
Jesus von Nazareth
Archäologen auf den Spuren des Erlösers
Mit 32 Seiten vierfarbigem Bildteil
erschienen im St. Ulrich Verlag
ISBN 978-3-86744-092-9
gebunden, 304 Seiten, 135 mm x 215 mm,
EUR 22,00 (D), sFr 39,90, EUR 22,70 (A)

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