Mittwoch, 20.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben«Wer Rockmusik mag, der sollte Joseph O’Connors „Die wilde Ballade vom lauten Leben“ lesen. Auf über 400 eng bedruckten Seiten zeichnet der 1963 geborene irische Autor die Karriere der vierköpfigen englischen Band „The Ships“ nach. Die gab’s zwar nicht wirklich, aber ihr Werdegang steht für den von vielen bekannten Rock-Legenden.

Das Buch, das größtenteils aus der Ich-Perspektive des Gitarristen Robbie geschrieben ist, erzählt vom Karriere-Anfang der Band in irgendwelchen üblen Kneipen des Londoner Vororts Luton über die Zeit des großen Erfolgs mit Touren durch die großen Stadien dieser Welt bis hin zu einem finalen Comeback. Zwischendurch folgen drogen- und alkoholbedingte Abstürze, Streitigkeiten der Mitglieder untereinander um irgendwelche Copyrights vor Gericht, Beziehungs-Verwicklungen und lange Zeiten der Abkehr von der Musik.
Wenn man die Geschichten von Rockgrößen wie den Beatles, den Rolling Stones oder auch Amy Winehouse sieht, kommt einem in diesem Buch sehr vieles sehr bekannt vor.

Joseph O‘Connor gelingt es hervorragend, eine unmittelbare Nähe zu seinen Figuren aufzubauen. Und das unterscheidet ihn von einem anderen ebenfalls hier besprochenen Buch, das in diesem Frühjahr zu fast exakt demselben Thema erschienen ist: „Comeback“ von Alexander Osang.

O‘Connors Roman zeigt auch, wie die Bandmitglieder zur Musik gekommen sind. Da ist der exzentrische aus Vietnam stammende Frontman Fran mit schlimmer Kindheit und Hang zur Selbstdarstellung, der sensible Robbie mit Fluchtversuchen aus dem spießigen Elternhaus und die musikalisch hochtalentierten Zwillinge Seán und Trez, dem einzigen weiblichen Bandmitglied.

Übrigens: Dass Joseph O‘Connor einen Roman über Musik schreibt, scheint nicht ganz zufällig: Seine jüngere Schwester ist die bekannte Sängerin Sinéad O’Connor („Nothing Compares 2 U“).
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Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben.
S. Fischer, Mai 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Donnerstag, 14.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Boris Hillen: Agfa Leverkusen

Boris Hillen: Agfa Leverkusen«Boris Hillen hat ein Faible für Motorräder und offenbar auch für die Beatnik-Kultur um Jack Kerouac. Beides nimmt in seinem Roman „Agfa Leverkusen“ eine wichtige Rolle ein.

Der Inder Kishone Kumar möchte im Jahre 1977 die Kunst der Farbfotografie bei den Agfa-Werken in Leverkusen erlernen. Also beschließt er, gemeinsam mit einem Freund auf zwei Motorrädern aus der indischen Provinz nach Deutschland zu reisen.

Die Reise läuft schnell aus dem Ruder. Schon bald lernen die beiden beispielsweise einen gewissen Serge kennen, der sich vor ihren Augen erschießt.

Hillen, geboren 1968, vermengt reale Ereignisse aus dem Jahr 1977 mit der Fiktion seiner Geschichte. So muss Kishone den spanischen Regierungschef Suárez in Madrid fotografieren, der die erste demokratische Wahl in Spanien nach dem Franco-Regime gewonnen hat, und in Berlin trifft er (natürlich) auf RAF-Anhänger.

Weil der Autor extrem viele Figuren einführt und ständig zwischen drei Erzählsträngen hin und her springt, erfordert es viel Konzentration, sich in dem manchmal konfusen Namens- und Handlungs-Dschungel zurechtzufinden.
Die beiden anderen Erzählstränge sind eine Motorradfahrt von Kishones möglicher Tochter und einem Freund in die umgekehrte Richtung – also von Deutschland nach Indien – und ein Treffen von Kishone und dieser Dame in der Gegenwart.

Gegen Ende des Buches wirkt es ein wenig so, als habe der Autor die Lust verloren. Ähnlich einem Exposé skizziert er kurz den weiteren Handlungsverlauf nach der erzählten Geschichte. Hätte er das alles noch ausgeführt, wäre das Buch sicherlich doppelt so dick geworden.
Warum der Roman diesen merkwürdigen Titel trägt, bleibt wohl Geheimnis von Autor und Verlag. Letztlich nicht empfehlenswert.
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Boris Hillen: Agfa Leverkusen.
S. Fischer, April 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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Mittwoch, 13.05.2015

Autor: Immo Sennewald

Manfred Bosch (Hg.): Denk ich an den Bodensee…

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Vom Bodensee kann einer nicht genug bekommen, nicht wenn er Naturschönheiten schätzt, schon gar nicht, wenn er erspüren will, wie sich Kultur in Landschaften einschreibt. Die Zahl hier entstandener Fotos dürfte astronomisch sein – keines trifft die Mannigfaltigkeit an Impressionen nur eines Augenblicks am See. Die Menge der Reiseführer, des in jedem anderen Genre über den See Gedruckten ist imposant, es kommt fortwährend Neues hinzu – er wird nie „auserzählt“ sein.

Manfred Bosch hat nun aus Berichten, Anekdoten, Briefen, Gedichten, Artikeln der vergangenen 250 Jahre eine Anthologie kurzer, vielfarbiger Texte zusammengefügt: In „Denk ich an den Bodensee…“ reihen sie sich entlang der Geschichte, öffnen Ansichten der Region ebenso wie Zeitperspektiven zwischen Französischer Revolution, Biedermeier, Industrialisierung, den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Bosch erläutert in seinem Nachwort, was die Auswahl bestimmte, und er hält, was er dem Leser verspricht – etwa das „stereoskopische Zusammentreffen“ der Blicke Fremder mit denen Einheimischer.

Ich habe das hübsch gemachte, stabil gebundene Büchlein gern in die Hand genommen, den Pappeinband ziert der fast schon epidemische Blick auf die „Birn“ in der Abendsonne, es passt in die Jackentasche des Reisenden. Beim Lesen freute ich mich daran, auf bekannte Namen wie James Fenimore Cooper, Victor Hugo, den skilaufenden Ernest Hemingway und – natürlich – die Droste zu treffen; ebenso gern ließ ich mich von Geschichten unbekannter oder vergessener Autoren überraschen: Der gerade vierzehnjährige John Ruskin etwa besucht 1833 mit seiner Familie Schaffhausen, er reflektiert das Gesehene und Erlebte lebhaft und mit erstaunlicher Reife. Der Kalabrese Enzo Posterivo erzählt, wie er 1960 als „Gastarbeiter“ nach Stockach kam.

Zur Sicht der Einheimischen auf Landschaft, Städte und Dörfer kommt immer wieder die fremde, zum Blick auf die Natur der auf wirtschaftliche, soziale, religiöse Besonderheiten. Rilke lauscht in seinem Gedicht „Vision“ auf die Stimme des als Ketzer verbrannten Jan Hus, während er in Konstanz durch nächtliche Gassen streunt, der dänische Kommunist Martin Andersen-Nexö erzählt von der Gründung eines „proletarischen Verlags“ um 1925. Fast gleichzeitig, 1927, sinnt Theodor Heuß der „Frommen Welt“ der Reichenau nach. Sein bedächtiges, einprägsames Reden bleibt unvergesslich.

Philosophen kamen an den See, Künstler, davon manche als Flüchtlinge. Einige lebten zurückgezogen, andere suchten und fanden in Künstlerkolonien Beachtung. Nur wenige dürfte der See nicht „am Haken“ gehabt haben – so nennt es Hermann Kinder im letzten der über 50 Texte. Er fühlt sich hier „fremd daheim“. Und das mag den Widerspruch dieser Region bezeichnen: Sie verzaubert die hier Verwurzelten wie die Zuwanderer, manchmal sogar Touristen.

Freilich: Der See und seine Landschaft leben von den Wetterwechseln, von Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Felix Mendelssohn-Bartholdy nimmt uns mit auf einen Fußmarsch durch Sturm und Regen, der ihn ziemlich zerzauste; Anette von Droste-Hülshoff macht sich über ihre eigene Unwetter-Untauglichkeit lustig: Pudelnass hangelt sie sich quer durch die Reben zurück in ihr Zuhause im Schloss zu Meersburg. Victor Hugo schwärmt vom Rheinfall und Hölderlin dichtet in „Heimkunft“ – An die Verwandten:

Warm ist das Ufer hier und freundlich offene Tale
Schön von Pfaden erhellt grünen und schimmern mich an.
Gärten stehen gesellt und die glänzende Knospe beginnt schon
Und des Vogels Gesang ladet den Wanderer ein.

Die Lektüre führt einen mitten hinein in diese einzigartige Welt, auch wenn längst nicht alle Texte bestechen. Deutsch-, Geschichtslehrern und ihren Schülern möchte einer das Buch in die Hand drücken, damit sie ein Curriculum von Lesen und Wandern, Wandern und Lesen begönnen, das ihnen viele farblose Schulstunden ersetzte.

Manfred Bosch (Hg.)
»Denk ich an den Bodensee …« –
Eine literarische Anthologie

Hardcover, 208 Seiten

Dienstag, 12.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz

Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz«In dem autobiografischen Roman „Der Schatz des Herrn Isakowitz“ widmet sich der schwedische Autor Danny Wattin dem Schicksal seiner jüdischen Familie unter den Nazis. Einigen Mitgliedern gelang damals die Flucht aus Deutschland nach Schweden.

Der Roman springt zwischen Nazi-Vergangenheit und Gegenwart, in der Vater, Sohn und Enkel eine Reise ins polnische Kwidzyn unternehmen, dem früheren Marienwerder. Dort lebte ein Teil der Familie bis in die 40er-Jahre. Der Familienlegende nach hat einer der Vorfahren im Garten einen Schatz vergraben, um ihn vor den Nazis zu verstecken. Und den wollen die drei heutigen Familienmitglieder nun heben.

Das Buch ist vor allem für Leser interessant, die ein geschichtliches Interesse am Thema Judenverfolgung haben. Es zeigt, wie schwer es für einen deutschen Juden Anfang der 40er-Jahre war, ein Einreisevisum für Gastländer wie Schweden zu erhalten – und falls das doch gelang, wie sehr die Juden in der Folgezeit auch dort als billige und rechtlose Arbeiter ausgenutzt wurden. In diesem Vergangenheitsteil, den der 1973 geborene Autor unter anderem durch Interviews mit den Überlebenden recherchiert hat, kommen sehr viele Namen vor, und man muss als Leser aufpassen, um immer zu wissen, welcher Onkel und welche Tante in welchem Verwandtschaftsverhältnis zu den Hauptfiguren stand. Das ist etwas ermüdend. Ein Namensglossar wäre hilfreich.

Der Gegenwartsteil, die Autofahrt von Schweden nach Kwidzyn, ist ein mäßig spannendes Roadmovie. Vater und Sohn streiten sich fast die ganze Zeit über Kleinigkeiten wie die Benutzung eines Navigationsgerätes. Und der Enkel Leo ist als Siebenjähriger noch zu klein, um etwas Gehaltvolles beizusteuern. Erst am Ziel entwickelt dieser Teil der Geschichte Emotionalität und Tiefe.
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Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz.
Eichborn, April 2015.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 09.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Mark Watson: Hotel Alpha

Mark Watson: Hotel Alpha«Ein liebenswerter Roman über das Leben in einem fiktiven Londoner Nobelhotel ist dem englischen Komiker und Autor Mark Watson gelungen. Der Leser begleitet den ruhigen und sympathischen Concierge Graham, den egozentrischen Hotelbesitzer Howard York sowie eine ganze Reihe von anderen detailreich ausgearbeiteten Figuren über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren bei ihrem Wirken im „Hotel Alpha“ – so auch der Titel des Romans.

Gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter Graham gelingt es dem stets optimistischen Howard in den 60er-Jahren in einem alten Londoner Gebäude ein neues Fünfsternehotel zu etablieren, das sich schon bald zur ersten Adresse mausert, in dem auch Größen wie die Rolling Stones absteigen.

Doch 1984 bricht in einem der Zimmer ein Brand aus, bei dem eine Frau stirbt und ein kleiner Junge namens Chas sein Augenlicht einbüßt. Seither rankt sich ein düsteres Geheimnis um das Hotel, mit dem nicht nur Chas selbst, sondern auch Howard und Graham leben müssen. Erst über 20 Jahre später, als es im Zusammenhang mit den Londoner U-Bahn-Anschlägen fast zu einer weiteren Katastrophe kommt, fliegt dieses Geheimnis mit einem großen Knall auf. Geschickt, wie Watson reale Ereignisse mit der Fiktion mischt.

Man merkt dem Buch an, dass es dem 1980 geborenen Autor gar nicht ausschließlich darum ging, die Rahmenhandlung um den Brand und seine Folgen zu erzählen. Genauso wichtig ist ihm, den von ihm geschaffenen Cosmos Hotel Alpha mit vielen kleinen Geschichten und Figuren zum Leben zu erwecken. Etwas, das ihm rundum gelungen ist. Als Leser meint man schon nach wenigen Seiten, selbst seit langem im Hotel zu leben und es genau zu kennen.

Weitere Stories im Internet
Mark Watson hat noch etwa 100 weitere Geschichten um das Hotel geschrieben. Sie sind (leider nur in englischer Sprache) zu finden unter www.hotelalphastories.com
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Mark Watson: Hotel Alpha.
Heyne, April 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 03.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Alexander Osang: Comeback

Alexander Osang: Comeback«Alexander Osang, der sich auch als Spiegel-Reporter einen Namen gemacht hat, begleitet in seinem neuen Roman „Comeback“ die fiktive Ostberliner Rockband „Steine“ über 30 Jahre hinweg.

Die Band, die sich nicht dagegen wehrt, als „Rolling Stones der DDR“ bezeichnet zu werden, steht unter der Knute der launischen, lauten und politisch engagierten Sängerin Nora. Die Musiker müssen in all den Jahren mehrere Trennungen und Wiedervereinigungen verkraften – auch die große Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die ihnen nicht nur guttut, weil ihnen auf diese Weise das Feindbild abhanden kommt.

Es ist zunächst nicht ganz einfach, in diesen Roman zu finden. Gerade auf den ersten Seiten bleiben die Figuren holzschnittartig, erwachen kaum zum Leben.

Das bessert sich mit wachsender Seitenzahl, und dem Autor gelingt es mehr und mehr, den Leser in seine Geschichte zu ziehen. Ein Buch für Leser mit Interesse an DDR-Rockgeschichte.
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Alexander Osang: Comeback.
S. Fischer, März 2015.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Donnerstag, 23.04.2015

Autor: oliverg

#Literaturwelt Buch-Give-Away zum Weltag des Buches

Einfache Regel: Im VIDEO kommentieren, Buch (kostenlos) bekommen (so noch vorhanden).

#Literaturwelt Buch-Give-Away zum Weltag des Buches – Y

ouTube.

Freitag, 17.04.2015

Autor: Andreas Schröter

Nikolaus Breuel: Schlossplatz, Berlin

Nikolaus Breuel: Schlossplatz, Berlin«Politische Entscheidungsprozesse im Bundestag und ihre gelegentliche Absurdität, aber auch die zeitweilige Flucht der Abgeordneten vor diesem Alltag sind die Themen in Nikolaus Breuels Debutroman „Schlossplatz, Berlin“.

Der charismatische Politiker Rödel setzt mitten in Berlin den Bau einer riesigen Badelandschaft durch. Doch das Projekt wird und wird nicht fertig. Immer neue Schwierigkeiten tauchen auf, immer mehr Geld versickert.

Die Aufsichtsratsmitglieder müssen sich in nächtlichen Sitzungen, die sie nur halb dösend überstehen, durch riesige Akten-Berge wühlen. Vergleiche mit real existierenden Problem-Projekten wie dem Berliner Flughafen oder der Hamburger Elbphilharmonie sind gewollt.

Der Leser sieht die Geschichte durch die Augen eines anderen Abgeordneten, des Ich-Erzählers, der zu Beginn des Romans nach Schiffs-Motorschaden auf einer Hallig in der Nordsee strandet. Was für ihn zunächst ein Albtraum ist, wird mehr und mehr zum ersehnten Fluchtpunkt vor der Politik, den er später mehrfach freiwillig ansteuert, zumal er eine Beziehung mit der Inselbewohnerin Kathrin Knudson beginnt.

„Schlossplatz, Berlin“ ist ein lehrreicher Roman für alle, die sich für die Mechanismen interessieren, nach denen Politik funktioniert – oder eben auch manchmal nicht. Die lauten Redenschwinger kommen genauso vor wie die leisen, erfahrenen Vertreter aus der zweiten Reihe, die die Faktenlage genau kennen und deshalb wichtige Strippenzieher im Hintergrund sind. Das alles zeugt von viel Sachkenntnis des Autors, eines 1960 geborenen Berliner Unternehmers.

Allerdings bleibt der Roman an Stellen, in denen es um die Liebschaft des Ich-Erzählers oder seine Gedanken geht, seltsam spröde.
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Nikolaus Breuel: Schlossplatz, Berlin.
dtv, März 2015.
280 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Mittwoch, 15.04.2015

Autor: Andreas Schröter

Shelly King: Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich

Shelly King: Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich«Wer einen leichten Unterhaltungsroman für lange Zugfahrten oder – in ein paar Monaten – einen Tag am Strand sucht, der ist mit Shelly Kings Debut „Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich“ gut bedient. Wer von Büchern etwas Tiefgang verlangt, der sollte die Finger von diesem Titel lassen.

Maggie, aus deren Ich-Perspektive dieser Roman geschrieben ist, verliert ihren Job in der IT-Branche. Sie heuert in einem heruntergekommenen, aber gemütlichen Antiquariat an. In einer alten Ausgabe von „Lady Chatterly“ von D.H. Lawrence entdeckt sie handschriftliche Notizen, die auf eine große Liebesgeschichte hindeuten. Was mag es damit auf sich haben? Maggie verliebt sich natürlich auch selbst. Hat ihre Liebe ein Happy End? Und schafft sie es, in ihren geliebten IT-Beruf zurückzukehren? Oder will sie das vielleicht bald gar nicht mehr?

Fragen über Fragen, die das Buch zwar kurzweilig und leidlich spannend machen – aber insgesamt bleibt der gesamte Handlungsablauf etwas an den Haaren herbeigezogen und konstruiert. So richtig logisch und nachvollziehbar ist das nicht immer.
Fans von Liebesromanen mit Tendenz zum leicht Rührseligen werden trotzdem ihren Spaß an diesem Werk haben – zumal es eine Lanze für das gute alte Buch bricht. Und das immerhin ist doch rundum sympathisch.

Die Amerikanerin Shelly King arbeitet selbst im Silicon Valley bei einer Softwarefirma.

Shelly King: Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich.
Kindler, März 2015.
336 Seiten, broschiert, 14,99 Euro.

Samstag, 11.04.2015

Autor: Andreas Schröter

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran«Was für ein starkes Debüt! Der amerikanische Autor Ryan Bartelmay begleitet in seinem ersten Roman „Voran, voran, immer weiter voran“ über Jahrzehnte hinweg eine Reihe von Menschen, die ein paar Fehler in ihrem Leben gemacht haben und fortan damit klarkommen müssen.

Im Mittelpunkt steht Chic Waldbeeser. Sein Hauptfehler: Er hat die falsche Frau geheiratet. Sie ist kaltherzig und liebt ihn nicht. Chic stellt stattdessen der Frau seines Bruders, Lijy, nach, der seinerseits wenig auf die Reihe bekommt.

Als Chic Lijy einen Riesengefallen tut, verschärft das nicht nur die (Dauer-)Krise seiner Ehe, sondern belastet auch die Beziehung zu seinem Bruder Buddy aufs Schärfste. Es erscheint fraglich, ob Chic sein Schicksal zum Guten wenden kann.

Doch wie für uns alle geht das Leben für Chic, Diane, Lijy und Buddy „voran, voran, immer weiter voran“ – einige Charaktere ändern sich, andere nicht, manches, was einem früher wichtig erschien, tritt in den Hintergrund, anderes wird wichtiger.

Das Schönste an diesem Roman ist, das sämtliche Figuren mit all ihren Fehlern und Eigenarten äußerst glaubhaft geschildert sind und man sie schnell so genau zu kennen glaubt wie gute Bekannte. Man möchte unbedingt wissen, wie es mit ihnen weitergeht – ob sie ihre Träume verwirklichen können oder einmal mehr scheitern.

Jeder Leser dürfte in diesem Roman etwas finden, was sein eigenes Leben betrifft und über das es sich nachzudenken lohnt.

Ganz am Ende – Chic lebt bereits im Seniorenheim – eröffnet sich ihm eine unerwartete Chance auf ein neues Glück mit einer neuen Frau. Die jedoch stolpert von einer Beziehung in die nächste, und es erscheint fraglich, ob sie die Richtige für unseren Helden ist. Begeht er einen weiteren Riesenfehler oder hat er aus der Vergangenheit gelernt und vermeidet diesmal das Schlimmste? Das Buch bleibt spannend bis zum Ende.
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Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran.
Blessing, März 2015.
432 Seiten, gebundene Ausgabe 21,99 Euro.

Dienstag, 24.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Will Wiles: Kein Leben ohne Minibar

Will Wiles: Kein Leben ohne Minibar«Dieser seltsame Roman wechselt ungefähr auf der Mitte sein Genre. Zuerst liest sich „Kein Leben ohne Minibar“ wie eine Kritik an der modernen Geschäftswelt, danach wird das Buch unvermittelt zum Horror-Schocker – und bleibt es bis zum Ende.

Neil Double hat einen Job, den es eigentlich gar nicht gibt. Er ist Messevertreter – heißt: Er geht stellvertretend für Geschäftsleute, die dazu keine Lust haben, auf Messen. Kein Wunder, dass die Organisatoren nicht unbedingt gut auf ihn zu sprechen sind: Double hält mögliche Besucher von ihren Messen fern.

Sein Leben verbringt er fast ausschließlich in den verschiedenen Hotels dieser Welt – mit Easy-Listening-Musik, abendlichen Flirts an der Bar, den immer gleichen Kunstwerken an den Wänden und den endlosen Fluren.

Als Leser denkt man, der Roman liefe darauf hinaus zu zeigen, dass niemand auf Dauer ein solches Leben ertragen kann.

Doch dann passiert zweierlei: Neil kann eine rothaarige Frau nicht vergessen, die er nur einmal getroffen hat, und das Hotel, Way Inn heißt es, fängt an, ein eigenartiges Eigenleben zu führen. Auch scheint es gleich mehrere Zimmer mit derselben Nummer zu geben. Nicht immer passt Neils Hotelcard dafür. Man fragt sich: Spielen sich diese Dinge nur in Neils Fantasie ab, oder erlebt er sie wirklich?

Obwohl sich das Buch, das mit einigen kafkaesken Momenten durchsetzt ist, gut und flüssig liest, lässt es den Leser am Ende etwas irritiert zurück. Passt das Ende, das einem Groschenheft-Horrorroman entlehnt sein könnte und gelegentlich an den Film „Matrix“ erinnert, zum Anfang? Und was hat es mit dem Messethema zu tun?

„Kein Leben ohne Minibar“ ist Will Wiles zweiter Roman. Der erste hieß „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ (2013).
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Will Wiles: Kein Leben ohne Minibar.
carl’s books, März 2015.
320 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Samstag, 21.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Peter Richter: 89/90

Peter Richter: 89/90«Mit 15 mitten in der Pubertät hat man schon Probleme genug. Aber was macht man, wenn in dieser Situation zu allem Überfluss auch noch die Welt zusammenbricht? Mit dieser Frage beschäftigt sich Peter Richters autobiografischer Roman „89/90“. Er erzählt vom Ende der DDR aus der Sicht des jugendlichen Ich-Erzählers und seiner Freunde in Dresden.

Es macht Spaß, diesen Roman zu lesen, weil er auch sprachlich genauso rotzfrech geschrieben ist, wie 15-Jährige Jungs und Mädchen eben sind – nicht nur in der untergehenden DDR –, sodass man zwischendurch immer wieder laut auflacht oder auch leise vor sich hinkichert.

Richter, geboren 1973 erzählt davon, wie peinlich es ist, die 100 Mark Begrüßungsgeld anzunehmen, die nach Öffnung der Grenzen jeder Ossi auf Westbesuch bekam. Er erzählt auch sehr anschaulich, wie jeder Jugendliche anders mit der neu gewonnenen Freiheit umgeht. Manche versuchen, mit illegalen Projekten das schnelle Geld zu machen, andere verweigern sich der allgemeinen Euphorie, trauern den untergehenden kommunistischen Idealen hinterher und ziehen in die damals noch existierende Sowjetunion.

Offenkundiges Problem für alle Beteiligten ist das Machtvakuum, das zwischen Mauerfall im November 89 und Wiedervereinigung im Oktober 90 existiert, als die Polizei offenbar vieles schleifen lässt und die Augen vor den Problemen verschließt.
Diese Situation führt dazu, dass sich Punks, zu denen der Ich-Erzähler gehört, und Neonazis blutige Straßenschlachten liefern.

Und dazu gibt‘s ja immer noch die ganz normalen Sorgen, die jeder Jugendliche auf der ganzen Welt hat. Wie finde ich meine erste Sex-Partnerin, wie kann ich mein Taschengeld aufbessern, und wie schaffe ich es, möglichst ohne größeren Aufwand durch die Schule zu kommen? Ein Wenderoman aus einer ganz neuen und interessanten Jugend-Sicht.
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Peter Richter: 89/90.
Luchterhand, März 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 18.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Joann Sfar: Der Ewige

Joann Sfar: Der Ewige«Dass der Franzose Joann Sfar eigentlich Comic-Zeichner ist, merkt man seinem aberwitzigen und schrillen Debütroman „Der Ewige“ an. Die Geschichte ließe sich hervorragend in Bilder umsetzen. Und die wären zum Teil recht drastisch – die Farbe Rot für das viele Blut wäre eindeutig in der Übermacht. Aber wie sollte das bei einem Vampirroman auch anders sein?

Der Ukrainer Jonas stirbt auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Doch muss er bald feststellen, dass der Tod nur vorübergehender Natur war. Schon bald erwacht er als Vampir, immer noch verliebt in seine Jelena …

Was folgt, ist eine wilde, nicht ganz ernst gemeinte Achterbahnfahrt mit vielen überraschenden Wendungen. Sie reicht bis in unsere Gegenwart, und es beteiligen sich allerlei Fantasygestalten wie Alraunen, sprechende Bäume oder Werwölfe daran. Und dann ist da noch eine selbstbewusste Psychologin. Langeweile kommt hier garantiert nicht auf. Sehr empfehlenswert.
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Joann Sfar: Der Ewige.
Eichborn, März 2015.
386 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 13.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Kate Christensen: Das Ehespiel

Kate Christensen: Das Ehespiel«Den Niedergang einer Ehe beschreibt die amerikanische Autorin Kate Christensen in ihrem Roman „Das Ehespiel“.

Harry und Luz sind seit 30 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, als sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung wirft, weil sie ihn verdächtigt fremdzugehen. Obwohl er das nicht tut, hat Luz kein Einsehen, bis sie schließlich sogar die Scheidung verlangt. Harry dagegen setzt alle Hebel in Bewegung, seine Frau zurückzuerobern.

Am Beginn des Romans ist Harry bereits ausgezogen, sodass sich die Schwierigkeiten, die die beiden miteinander haben, erst in Rückblenden ergeben.

Harry leidet. Er kommt mehr schlecht als recht bei einer langjährigen Bekannten unter, findet Unterschlupf bei seiner Tochter oder bei einer Frau, um deren Hunde er sich kümmert. Und weil in seiner Ehe die Frau für das Geldverdienen zuständig war – Harry ist ein Dichter, der mit dem Schreiben nur wenig Geld verdient –, muss er sich nun auch noch mit verschiedenen Aushilfsjobs über Wasser halten.

Nicht leichter wird seine Situation durch seinen Sohn Hector, der in eine Sekte abzugleiten droht.
Man kann dem Buch vorwerfen, ein bisschen zu wenig Handlung für 432 Seiten zu bieten. Es besteht größtenteils aus der Innenschau des leidenden Harry, aus dessen Sicht der Roman geschrieben ist. Obwohl psychologisch glaubhaft und überzeugend, kommt es hier zu einigen Wiederholungen, die vermeidbar gewesen wären. Auch gibt es keinen richtigen Höhepunkt. Der Roman plätschert so dahin.

Dennoch ist „Das Ehespiel“ kein missratenes Buch. All jenen, die sich gerne in die seitenlangen Gedankenwelten eines an einer gescheiterten Beziehung Leidenden hineinversetzen, wird dieses Buch gefallen. Jedermanns Sache ist das aber gewiss nicht.
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Kate Christensen: Das Ehespiel.
Droemer, März 2015.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 10.03.2015

Autor: Immo Sennewald

Johannes Sachslehner: Wien anno 1683

Die Türken vor Wien

Die Türken vor Wien

“Ein europäisches Schicksalsjahr” untertitelt der Autor sein Geschichts- und Geschichtenbuch – und im Panorama des Geschehens, das er auf knapp 400 Seiten chronologisch entwirft, erscheinen die historischen Bedingungen, die handelnden Personen und ihre Motive sehr einprägsam. Sachslehner legt der zeitlichen Ordnung des Buches einen historischen Kalender zu Grunde: Sambach von Lindelbachs “Kleiner Haus=Gesundheit=Feld= und Kirchen=Calender” gibt einen Begleitton zu den Berichten von Zeitzeugen, Originaldokumenten, Erzählungen, regt die Vorstellungskraft des Lesers an. Er erfährt vom Leben der Bauern im Rhythmus des Kirchenjahres und von den Lostagen, die über das Wettergeschehen und die wirtschaftlichen Aussichten folgender Wochen oder Monate entschieden; er kann ermessen, auf welch schmalem Grat diese Existenzen balancierten und welche Leiden es bedeutete, wenn Tatarenhorden, Türkische und Kaiserliche Heere Felder und Wiesen verwüsteten, Vorräte plünderten, das Vieh wegtrieben. Ist es schon schlimm genug, sich Ohnmacht und Wehrlosigkeit gegenüber Marodeuren vorzustellen, so verstummt einer vor den Gräueln, die Frauen und Kindern widerfuhren.

Sachslehner erzählt die Schicksale einzelner Menschen, die Übermenschliches erdulden mussten. Soldaten, Offiziere, Generäle im Kugelhagel, beim Schanzenbau und beim Sturm auf Schanzen, er schildert trostlose, oft vergebliche Fluchten der Bevölkerung, Seuchen, Hunger, Massaker. Da wird ein Offizier monatelang mit schwersten Verletzungen in Ketten über Land getrieben oder gekarrt, immer wieder misshandelt, doch am Leben gehalten, weil sich die Entführer Lösegelder versprachen. Frauen und Kinder werden gefangen, aufs Blut misshandelt, in die Sklaverei geführt. Wer mit angesehen hatte, wie seine Liebsten gefoltert, vergewaltigt, geschlachtet wurden, selbst aber überlebte: Woraus mag er Mut und Vertrauen fürs Überleben gezogen haben?

Was den meisten von uns nicht mehr vertraut ist, dass sich nämlich fast alles soziale Handeln auf religiöse Bindungen gründet, lässt Sachslehners Text erahnen. Bei Schlächtern und Opfern heutiger Kriege findet sich dieses Verhältnis wieder: Religion liefert den Stoff, der Feindbilder schärft, der Rachsucht, Habgier, Mordlust, Sadismus freisetzt. Aber Religion stärkt auch die Gequälten und Unterworfenen, die Hilfsbereiten, die selbstlosen Retter.

Der Autor zeichnet solche Widersprüche ohne Anspielungen auf Aktualität, erhöht damit den Reiz zeitgenössischer Faksimiles und Bilder, die den Text ergänzen. Er richtet den Blick auf die Verantwortung der Herrschenden – und osmanische wie kaiserliche erscheinen dank vieler biographischer Details näher, greifbar, auch und gerade dann, wenn sie versagen. Das ist eine Qualität dieser Darstellung gegenüber anderen Geschichtsbildern. Spontan kam mir in den Sinn, Johannes Sachslehner habe so etwas wie ein Weblog im Jahre 1683 verfasst, eine sehr farbige und authentische Form, sich dem historischen Geschehen zu nähern. Ich habe das mit Vergnügen und großem Interesse gelesen und die Einladung zum Nachdenken über den Krieg als “Vater aller Dinge” (Heraklit) oder als “Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” (Carl von Clausewitz) gern angenommen. Wer gibt heute noch – wie seinerzeit die Osmanen oder Habsburger – offen zu, den Krieg im Namen des Islam oder der katholischen Kirche zu wollen? Aber damals wie heute treibt die Dynamik gegenseitiger Schuldzuweisung, treiben die religiösen, ethnischen, politischen Feindbilder die Wellen von Gewalt Macht Lust empor. Bücher wie dieses helfen zur Einsicht, dass es mehr braucht als Appelle, Gebete und Demonstrationen, wenn künftig verhindert werden soll, dass Anführer von Religionen, Ethnien, Nationen oder anderen Kollektiven den Mob versammeln. Der Mob will jedenfalls und jederzeit vom Terror profitieren.

Das Buch von 408 Seiten ist im Januar 2015 als broschierte Neuauflage im Pichler Verlag erschienen und kostet 18 Euro

Montag, 09.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Ralf Bönt: Das kurze Leben des Ray Müller

Ralf Bönt: Das kurze Leben des Ray Müller«Das ist ein seltsames Buch. Man weiß nicht so recht, worauf Ralf Bönts „Das kurze Leben des Ray Müller“ hinauswill, was genau der Kern dieses Romans ist.

Ein Mann namens Marko Kindler – der Ich-Erzähler – sitzt im Wartezimmer eines Polizeipsychologen, weil er offenbar seinen zwei Wochen alten Sohn Ray entführt hat. Dass diese Geschichte nicht gut ausgegangen sein könnte, lässt bereits der Titel vermuten. Aber was es genau mit der Entführung auf sich hat und was dabei passiert ist, erfährt der Leser erst auf den allerletzten Seiten des Buches, und es nimmt einen vergleichsweise kleinen Teil ein.

Alles davor ist Rückblick, wobei die Beziehung Kindlers zu der psychisch gestörten New Yorker Künstlerin Nelly einen breiten Raum einnimmt.

Dann geht es seitenlang und immer mal wieder um die eingebildeten oder tatsächlich vorhandenen Krankheiten der Hauptfigur. Teilweise liest sich das eher wie ein medizinisches Fachbuch. Ist es also ein Buch über unfähige Väter, verrückte Beziehungen oder eingebildete Krankheiten?

Der 1963 geborene Autor setzt sprachlich oft auf Metaphern. Nicht alle wirken besonders glücklich. Gleich auf der ersten Seite vergleicht er den Ausruf eines Arztes „Knapp ein Zentimeter“, der sich auf den geöffneten Muttermund einer Schwangeren bezieht, mit demselben Ausruf, den ein Fußballfan tut, wenn „in einem Auswärtsspiel“ der Ball die Torlinie überschritten hat. Merkwürdig.

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Ralf Bönt: Das kurze Leben des Ray Müller.
DVA, März 2015.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 01.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Hanif Kureishi: Das letzte Wort

Hanif Kureishi: Das letzte Wort«Hanif Kureishi kennen Kinogänger wegen des Drehbuchs zum lebenslustigen Stephan-Frears-Film „Mein wunderbarer Waschsalon“ (1985) und Leser wegen seines herrlichen Romans „Der Buddha aus der Vorstadt“ (1990).

Nun liegt ein neues Buch des mittlerweile 60-jährigen Briten mit pakistanischem Vater vor: „Das letzte Wort“: Ein alternder Schriftsteller namens Mamoon engagiert den jüngeren Kollegen Harry, auf dass er die Biographie des Seniors schreibe.
Harry quartiert sich in Mamoons Landsitz ein, und versucht Details aus dem Leben des Älteren in Erfahrung zu bringen – ein Unterfangen, das sich als schwierig erweist, weil Mamoon sonderbarerweise alles andere als bereit ist, mit Harry zu reden …

„Das letzte Wort“ fängt verheißungsvoll an und ist besonders in der ersten Hälfte durchsetzt mit interessanten Lebensweisheiten und Beobachtungen. Doch auf die Dauer scheitert dieser Roman. Es gibt zu viele langatmige Dialoge und zu wenig Handlung. Alles versandet im öden Mittelmaß. Der Roman tritt zu lange auf der Stelle. Irgendwann nervt die bockige Haltung des alten Schriftstellers und das notgeile Gehabe seiner Ehefrau. Überhaupt die Erotik: Über allem liegt ein seltsam schmieriger Film, weil beinahe jeder zweite Satz eine zweideutige sexistische Andeutung enthält. Jeder scheint in diesem Buch auf jede scharf zu sein – und umgekehrt. Jungautor Harry ist in dieser Disziplin der eindeutige Sieger. Völlig wahl- und problemlos landet er mit jeder Frau im Bett, die ihm im Laufe der Handlung begegnet. Gleiches gilt im übrigen für den älteren Schriftsteller, wie Harrys Recherchen nach und nach ergeben.

Das Ganze ist vor allem in der zweiten Hälfte weder spannend, noch sonstwie erhebend, sondern mit einem Wort gesagt: langweilig.
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Hanif Kureishi: Das letzte Wort.
Fischer, Februar 2015.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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