Dienstag, 21.07.2015

Autor: Andreas Schröter

Augusto Cruz: Um Mitternacht

Augusto Cruz: Um Mitternacht«Einer der berühmtesten Stummfilme, die heute als verschollen gelten, heißt „Um Mitternacht“ aus dem Jahr 1927. Regisseur war Tod Browning.

Der 1971 geborene mexikanische Autor Augusto Cruz nimmt diesen filmgeschichtlichen Fakt als Ausgangspunkt für einen Roman, in dem er einen Privatdetektiv auf die Suche nach dem verschollenen Streifen schickt.
Immer wieder vermischt der Autor dabei Fakten und Fiktionen, lässt real existierende Personen etwas erleben, das sie im wahren Leben nicht erlebt haben. Darf man das eigentlich? Es ist zumindest bedenklich.

So ist der Auftraggeber des Detektiven der hochbetagte Science-Fiction- und Horrorfan Forrest Ackerman – den gab‘s wirklich. Auch kommt eine Szene mit der längst tot geglaubten Schauspielerin Eleanor Tichenor vor – die spielte wirklich in dem Film mit, und zuletzt landet der Detektiv in dem surrealistischen Märchenschloss Las Pozas im mexikanischen Dschungel. Auch das gibt‘s.

Für Filmfans ist die Schnitzeljagd nach dem verschollenen Streifen reizvoll, allerdings ist sie im Buch nur eine Art Rahmenhandlung. Immer wieder driftet Cruz ab und wendet sich ganz anderen Themen zu, die nichts mit dem gesuchten Film zu tun haben. Seitenlang geht es um die letzten Tage des berühmt-berüchtigten FBI-Chefs Edgar J. Hoover. Auch der mutmaßliche Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald hat seinen Auftritt. Alles hochfaszinierende Stoffe. Nur was haben sie miteinander zu tun? Weniger wäre hier wieder einmal mehr gewesen.

Manchmal bemüht sich der Autor ein wenig zu intensiv um eine gruselige Atmosphäre. Das bewegt sich dann auf einem schmalen Grat zum Lächerlichen und hemmt den Lesefluss.

Augusto Cruz verzichtet bei wörtlicher Rede auf jegliche Interpunktion. Eine ärgerliche Marotte.
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Augusto Cruz: Um Mitternacht.
Suhrkamp, Juli 2015.
392 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Samstag, 18.07.2015

Autor: rwmoos

Rainer Doh; Mordkap

Wer die alte Postroute der Dampfer entlang der norwegischen Küste nicht kennt, sollte spätestens jetzt mal bei Wikipedia den Begriff „Hurtigruten“ nachschlagen. Für all die aber, die auf dieser Route hin und wieder Zeit verbringen möchten, um die schier unendlichen Weiten des Nordens sich touristisch zu erschließen, ist das Buch von Rainer Doh die ideale Kabinenlektüre.
Ein Dorfpolizist aus Skjervøy – der geneigte Leser wird bereits auf S. 42 gelehrt, den Ortsnamen „Scherwoi“ auszusprechen – muss einige Stationen auf dem von ältlichen Touristen gebuchten Liner mitfahren, um einen offensichtlichen Selbstmord möglichst diskret und ohne die die touristische Routine allzu sehr zu trüben zu untersuchen. Dass der arme Kerl regelmäßig seekrank wird, nimmt er billigend in Kauf, weil er sich von diesem Auftrag einen dringend benötigten Karrieresprung erhofft.
Natürlich ist dann bald alles doch viel komplizierter. Die Selbstmordtheorie gerät ins Wanken und schon ist man – doch halt, das soll der Leser selbst mit herausfinden. Die Handlungsstränge jedenfalls sind über weite Strecken schön und spannend angelegt. Bald spielen die Großen aller Zünfte mit und nur das BKA fällt ein wenig aus der Rolle. Das häufigste Wort in Zusammenhang mit deren Agenten lautet im Roman: „Pappnasen“. Lediglich aus alter Stasi-Zeit glimmt noch ein wenig Reststrahlung deutscher Geheimdienstarbeit herüber. Letztlich versagen aber auch Experten anderer mehr oder minder dunkler Mächte und nur unser Held, der Dorfpolizist steht seinen Mann – wenn er nicht gerade wieder seekrank ist.
Mit wenigen Strichen und doch liebevoll wird die fast stets ins Dunkel gehüllte Landschaft gezeichnet, in der die Verbrechersuche und -jagd stattfinden. Für die beteiligte Charaktere wäre es sicher von Vorteil gewesen, wenn sie ein wenig von diesem klaren Pinselstrich abbekommen hätten. So aber bleiben sie alle recht grob geschnitzt. Und wenn sich der Autor schon mal Mühe mit der Vorstellung eines neuen Charakters gibt, dann wird diese Perle selten so auf der Schnur des Erzählfadens aufgefädelt, dass ein Wiedererkennen Freude brächte.
Für einen Debütroman, der „Mordkap“ nun mal ist, geht das in Ordnung. In Zukunft sollte an dieser Stelle mehr zu erwarten sein.
Eine relative Eigenart des Erzählstils ist es, den Leser immer ein wenig Informationsvorsprung vor dem Protagonisten, unserem Dorfpolizisten, zu lassen. Eine Art handlungsinternes Spoilern, das wirkliche Überraschungen eher selten ermöglicht. Dafür ist aber dann der Showdown recht dick aufgetragen.
Schließlich, nach allen durchgestandenen Abenteuern, möchte der Dorfpolizisten-Held nur noch zwei Dinge tun: Zu seiner neu gewonnenen Freundin ziehen und Russisch lernen. Da kann er ja dann mit der richtigen Aussprache von „Спасибо“ schon mal anfangen …

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Freitag, 10.07.2015

Autor: rwmoos

Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt

Da es mir relativ gut gelingt, mich durch TV-Verweigerung und Abstinenz von der Boulevard-Presse dem zu entziehen, was so für gewöhnlich als Mainstream durch die Dörfer gejagt wird, ist es mir auch entgangen, dass Daniel Kehlmann als Erfolgsautor gilt. So hatte ich meine erste Berührung mit diesem Namen, als ich eine moderne Ausgabe von Darwins Reisetagebuch, die „Fahrt der Beagle“, las, und im Vorwort des für mich unbekannten Autors über völligen Schwachsinn stolperte. Alexander v. Humboldt habe sich negativ zu der Abstammungstheorie des Menschen vom Affen geäußert, war dort Schwarz auf Weiß zu lesen. Zeitlich passte das ja nun hinten und vorn nicht. Und solches findet sich dann in der Einleitung zu einem ernsten wissenschaftshistorischem Buch! Die „Fahrt der Beagle“ lag dann ein paar Tage im kleinsten Zimmer unserer Wohnung herum – da wo ich gelegentlich gern ein wenig schmöckere – und geriet so auch in die Hand meines damals dreiviertelwüchsigen Sohnes. Der äußerte sich so ziemlich das erste Mal achtungsvoll über meinen Lesestoff mit der eigenartigen Begründung, dass das Vorwort sogar von Daniel Kehlmann geschrieben sei. Ja, ob ich den denn gar nicht kenne. Von ihm stamme eines der wenigen wissenschaftlichen Bücher, das er selbst gern und zügig durchgelesen habe: „Die Vermessung der Welt“.
Nun, einige Jahre später, habe ich das nun seinerseits herumliegende Buch von Herrn Kehlmann durchgelesen. Hier das Fazit:

Heutzutage gibt es ja für alles Mögliche eine Lächerlichkeits-Version, oder wie es meine Kids nennen „Verarsche“. Und der meiste so strapazierte Stoff hat es ja auch verdient. Ob darunter auch die Wissenschaftler-Biografie gehört, mag dahingestellt sein. Jedenfalls ist die Form, die Daniel Kehlmann da gewählt hat, nicht unintelligent. Zugegeben, dass es sich um eine Verarsche handelt, bemerkt man, wenn man unvoreingenommen ließt, nicht gleich. Und wenn man dann über diverse Paradoxa stolpert, möchte man zunächst ärgerlich werden und das Ganze zur Seite legen. Erst wenn man dann den Duktus des Autors als solchen erkennt, wird es wieder schön.
Und wenn dann schließlich einer der beiden Protagonisten über Romane herzieht, die „sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde“ … ja spätestens dann sollte auch der letzte Leser die Intention erkannt haben.
Seltsam, dass sich trotzdem namhafte Kritiker, die sich für oder gegen das Buch aussprechen, dasselbe für ernste biografische Literatur halten. Und es mag noch nachdenklicher stimmen, wenn man vermutet, dass der riesige Erfolg des Buches vielleicht gerade auf diesem Missverständnis beruht, es würde komplizierte Gedanken begnadeter Intellektueller in biografischer Form aufbereiten, so dass einem diese Gelehrten menschlich recht nahe kämen.

Man muss also nicht zu berichtigen suchen, was an Unsinn in diesem Werk zusammengefasst ist. Die beiden Protagonisten J.C.F. Gauß und A. v. Humboldt haben außer dem Namen und die eine oder andere wissenschaftliche oder biografische Notiz nichts und schon gar nichts Charakterliches mit den tatsächlichen Vorbildern gemein.

Wer sich aber dazu durchringen kann, das Buch als Reminiszenz an das Altern, die Vergänglichkeit, die historische und persönliche Bedingtheit oder als Kampf zwischen Freiheit und Mechanismus im Chardin’schen Sinn zu goutieren, dem wird zwar keine philosophische Sternstunde, aber doch eine gelegentlich heitere Begleitung des eigenen inneren Diskurses geschenkt.

Und wenn dann am Schluss einer der Zwerge des Handlungsstrangs, der bis dato lediglich als idiotisches Gesicht für den Hintergrund diente, zum Handlungsträger wird, indes die eigentlichen Protagonisten in selbst verantworteter oder doch zumindest selbst geduldeter Unbeweglichkeit verenden, dann surft da auf der Verarsche-Welle ein literarischer Gedanken-Sportler, von dem man noch einiges erwarten kann.

Dem bleibt dann nur noch die schmunzelnde Erkenntnis hinzuzufügen, dass das eingangs erwähnte Humboldt-Zitat im Vorwort der „Fahrt der Beagle“ natürlich kein Zitat des echten A.v.H. ist, wohl aber eine echtes Zitat des literarischen Figur aus der „Vermessung der Erde“. Das dort unzensiert unterzubringen, hat schon Klasse!

Die Vermessung der Welt

Dienstag, 30.06.2015

Autor: Andreas Schröter

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben«Einen eindringlichen Roman über das Ende des Zweiten Weltkriegs aus Soldatensicht hat Ralf Rothmann geschrieben. Der 1953 geborene Autor schildert, wie kurz vor Kriegsende noch 17-jährige Jungs für die Waffen-SS eingezogen werden, um dann in Ungarn nahe der Front einen vollkommen aussichtslosen Dienst in Dreck und Kälte zu tun. Der unmittelbar bevorstehende Sieg der Alliierten liegt für jeden sichtbar längst auf der Hand.

Dennoch kommt es dort auch noch im April 1945 zu Gräueltaten an der Zivilbevölkerung oder zu Hinrichtungen an Deserteuren. Vor allem letzteres traumatisiert den Melker Walter, aus dessen Sicht der Roman geschrieben ist, so schwer, dass er sein ganzes Leben nicht darüber hinwegkommt.

Auch wenn das Thema „Grausamkeit im Krieg“ natürlich nicht neu ist, ist dem Autor ein intensiver Roman gelungen, dessen Lektüre lohnt. Der Text vermittelt eine große Nähe vor allem zur Hauptfigur Walter und zeichnet ein realistisches Bild einer unmenschlichen Zeit.
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Ralf Rothmann: Im Frühling sterben.
Suhrkamp, Juni 2015.
234 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Donnerstag, 25.06.2015

Autor: oliverg

“Die Seuche” von Ulrike Blatter: Über Ebola und Konsorten (Video-Interview)

Sorry, zwischendurch ist die Qualität des Sounds etwas wackelig, wir fassen aber das Unverständliche zusammen und gegen Ende wird der Ton dann noch besser.

Die Facebook-Benefizgruppe

Ulrikes Autorenseite auf amazon

Der Sammelband mit der Story: “Die Seuche”:

Mittwoch, 24.06.2015

Autor: Chris Inken Soppa

Beklemmendes Szenario: Heirat zweier Virenstämme

Ulrike Blatters Kurzgeschichte “Die Seuche” liegt  in H.L. Weens Kurzgeschichtenband “Horrortrips” ganz weit vorn.

 

“Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit“, sagt Albert Camus. Ob Ulrike Blatter das auch so sieht? Jedenfalls ist sie vom Fach. Als Ärztin weiß sie, worüber sie schreibt. Zwei Influenzastämme vermählen sich. In Asien bricht ein Killervirus aus, während die schwangere Manu mit ihrem kleinen Sohn auf der heimischen Scholle sitzt und auf den Ehemann wartet, der in Paris arbeitet. Auf einmal steht auch sein Hotel unter Quarantäne. Und plötzlich spielt die ganze Welt verrückt.

Das Söhnchen fiebert. Im Garten liegen tote Vögel. Eine Freundin schreibt E-Mails vom Ende der Welt. In den Fernsehnachrichten in weiße Tücher eingewickelte Leichen, Menschen mit Mundschutz und eine Sprecherin, die moderiert, bis sie hustend aus dem Bild läuft und nie wieder kommt.

Diese Kurzgeschichte ist keine Horrorstory, nicht im eigentlichen Sinn. Ulrike Blatters Monster kommen keineswegs brüllend und blutrünstig daher. Vielmehr sind sie unsichtbar und überall; mit Macht brechen sie sich Bahn, direkt in Manus kleine heile Familie hinein. Ihrem Sog kann sich weder der Leser noch die Protagonistin entziehen. Ulrike Blatters anschließendes Essay verdeutlicht das noch mal. Solche Schreckensszenarien sind möglich. Auch bei uns. Auch heute. Das sollten wir lesen. Und ehrlich darüber nachdenken.

Mittwoch, 17.06.2015

Autor: Andreas Schröter

Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren

Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren«Organspende und -transplantation sind die Themen in Maylis de Kerangals Roman „Die Lebenden reparieren“. Das französische Original hat bereits mehrere Preise erhalten.

Als der 19-jährige Simon nach einem Unfall für hirntot erklärt wird, stellt sich bei aller Trauer schnell die Frage, ob seine Eltern ihn als Organspender freigeben wollen.

Die 1967 geborene französische Autoren begleitet in diesem sehr intensiven Roman die Menschen, die mit dieser Situation zu tun haben, über 24 Stunden hinweg. Sie schlüpft abwechselnd in die Köpfe des Opfers, der Eltern, der Ärzte, der Pfleger und zuletzt auch derjenigen, die die Organe des Toten empfangen sollen und damit Hoffnung auf ein neues Leben verbinden.

Der Roman ist nicht nur spannend und in einer wunderschön poetischen Sprache verfasst, er ist bei aller Düsternis des Themas auch abwechslungsreich und voller Leben. So erwartet die Krankenschwester des Toten nichts sehnlicher als einen Anruf ihres neuen Liebhabers, mit dem sie die vorherige Nacht durchgemacht hat. Während die zum Teil etwas selbstverliebten Ärzte die Organe Simons entnehmen, unterhalten sie sich über Fußball. Diese kleinen Beispiele zeigen, dass auch solche Extrem-Situationen, wie die im Buch beschriebene es nicht vermögen, das ganz normale Alltagsgeschehen anzuhalten. Die Welt dreht sich weiter. Die Autorin hat diesen Aspekt gut eingefangen.

Andere Beteiligte wie die Eltern denken natürlich weniger an Fußball. Aber auch hier gelingt es Maylis de Kerangal hervorragend, ihre Trauer und Verzweifelung darzustellen.

Im Philosophie-Unterricht an Schulen ließe sich „Die Lebenden reparieren“ gut als Diskussionsgrundlage vorstellen, wenn es um das Für und Wider von Organspenden geht.
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Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren.
Suhrkamp, Mai 2015.
255 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Sonntag, 14.06.2015

Autor: Andreas Schröter

Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen

Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen«Der in Berlin lebende Autor Paul Bokowski schreibt seine Geschichten in erster Linie, um sie auf den Lesebühnen „Brauseboys“ oder „Fuchs & Söhne“ vor Publikum vorzutragen – entsprechend kurz und pointiert sind sie.

In Buchform auf dem heimischen Sofa konsumiert, verlieren sie denn doch möglicherweise ein wenig von ihrem Reiz. Es fehlt das Live-Erlebnis der Lesung. Außerdem fällt es schwer, sich alle drei oder vier Seiten auf ein neues Thema einzulassen.

Paul Bokowski, geboren 1982, widmet sich in seinen Miniaturen ganz dem mit Berliner Lokalkolorit gefärbten Alltagswahnsinn. Da gibt es Rita und Herta, deren Unterarme auf dem Fenstersims festgewachsen scheinen und die sich quer über den Hinterhof ihre Lebensweisheiten zubrüllen. Da gibt es skurrile Anrufe bei der Polizei, Beobachtungen im Baumarkt oder Peinlichkeiten mit den Eltern. Auch die (homosexuelle) Liebe kommt nicht zu kurz.

Ein gutes und über weite Strecken auch lustiges Büchlein für zwischendurch. Nicht mehr und nicht weniger.
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Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen.
Manhattan, Mai 2015.
160 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Sonntag, 31.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Evelyn Waugh: Lust und Laster

Evelyn Waugh: Lust und Laster«Der Schweizer Diogenes-Verlag setzt seine Evelyn-Waugh-Reihe mit einem frühen Werk des exzentrischen englischen Autors (1903-1966) fort: „Lust und Laster“, ein Roman aus dem Jahre 1930.

In teils überdrehter Manier wird die oberflächliche englische Spaßgesellschaft der 20er-Jahre portraitiert. Man betrinkt sich, rennt von Party zu Party, und die schlimmste Katastrophe, die passieren kann, ist, zu einem wichtigen gesellschaftlichen Event nicht eingeladen zu werden. Heiratsversprechen haben nichts Bindendes, wer Geld hat, gibt es mit vollen Händen (meist für Alkohol) aus. Erst ein Unfall bei einem Autorennen und der Ausbruch eines (fiktiven) Krieges ändern die Verhältnisse.

„Lust und Laster“ – so scheint es – hat nicht ganz so viel Bedeutung für unsere Gegenwart wie die zuvor erschienenen Waugh-Romane „Verfall und Untergang“ und „Eine Handvoll Staub“. Die Patina, die der Roman über die Jahre angesetzt hat, wirkt diesmal ein bisschen dicker, ist das Buch doch eher ein spaßiges Vergnügen als ein auf tiefgründigere Erkenntnisse angelegtes Drama. Auf einen in sich geschlossenen Handlungsablauf legt Waugh weniger Wert. Das Geschehen wirkt zufällig und wenig zusammenhängend.

Ein Lesevernügen für alle, die sich für die englische High Society im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts interessieren, bietet „Lust und Laster“ aber dennoch.

Evelyn Waugh: Lust und Laster.
Diogenes, März 2015.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,90 Euro.

Mittwoch, 20.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben«Wer Rockmusik mag, der sollte Joseph O’Connors „Die wilde Ballade vom lauten Leben“ lesen. Auf über 400 eng bedruckten Seiten zeichnet der 1963 geborene irische Autor die Karriere der vierköpfigen englischen Band „The Ships“ nach. Die gab’s zwar nicht wirklich, aber ihr Werdegang steht für den von vielen bekannten Rock-Legenden.

Das Buch, das größtenteils aus der Ich-Perspektive des Gitarristen Robbie geschrieben ist, erzählt vom Karriere-Anfang der Band in irgendwelchen üblen Kneipen des Londoner Vororts Luton über die Zeit des großen Erfolgs mit Touren durch die großen Stadien dieser Welt bis hin zu einem finalen Comeback. Zwischendurch folgen drogen- und alkoholbedingte Abstürze, Streitigkeiten der Mitglieder untereinander um irgendwelche Copyrights vor Gericht, Beziehungs-Verwicklungen und lange Zeiten der Abkehr von der Musik.
Wenn man die Geschichten von Rockgrößen wie den Beatles, den Rolling Stones oder auch Amy Winehouse sieht, kommt einem in diesem Buch sehr vieles sehr bekannt vor.

Joseph O‘Connor gelingt es hervorragend, eine unmittelbare Nähe zu seinen Figuren aufzubauen. Und das unterscheidet ihn von einem anderen ebenfalls hier besprochenen Buch, das in diesem Frühjahr zu fast exakt demselben Thema erschienen ist: „Comeback“ von Alexander Osang.

O‘Connors Roman zeigt auch, wie die Bandmitglieder zur Musik gekommen sind. Da ist der exzentrische aus Vietnam stammende Frontman Fran mit schlimmer Kindheit und Hang zur Selbstdarstellung, der sensible Robbie mit Fluchtversuchen aus dem spießigen Elternhaus und die musikalisch hochtalentierten Zwillinge Seán und Trez, dem einzigen weiblichen Bandmitglied.

Übrigens: Dass Joseph O‘Connor einen Roman über Musik schreibt, scheint nicht ganz zufällig: Seine jüngere Schwester ist die bekannte Sängerin Sinéad O’Connor („Nothing Compares 2 U“).
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Joseph O’Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben.
S. Fischer, Mai 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Donnerstag, 14.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Boris Hillen: Agfa Leverkusen

Boris Hillen: Agfa Leverkusen«Boris Hillen hat ein Faible für Motorräder und offenbar auch für die Beatnik-Kultur um Jack Kerouac. Beides nimmt in seinem Roman „Agfa Leverkusen“ eine wichtige Rolle ein.

Der Inder Kishone Kumar möchte im Jahre 1977 die Kunst der Farbfotografie bei den Agfa-Werken in Leverkusen erlernen. Also beschließt er, gemeinsam mit einem Freund auf zwei Motorrädern aus der indischen Provinz nach Deutschland zu reisen.

Die Reise läuft schnell aus dem Ruder. Schon bald lernen die beiden beispielsweise einen gewissen Serge kennen, der sich vor ihren Augen erschießt.

Hillen, geboren 1968, vermengt reale Ereignisse aus dem Jahr 1977 mit der Fiktion seiner Geschichte. So muss Kishone den spanischen Regierungschef Suárez in Madrid fotografieren, der die erste demokratische Wahl in Spanien nach dem Franco-Regime gewonnen hat, und in Berlin trifft er (natürlich) auf RAF-Anhänger.

Weil der Autor extrem viele Figuren einführt und ständig zwischen drei Erzählsträngen hin und her springt, erfordert es viel Konzentration, sich in dem manchmal konfusen Namens- und Handlungs-Dschungel zurechtzufinden.
Die beiden anderen Erzählstränge sind eine Motorradfahrt von Kishones möglicher Tochter und einem Freund in die umgekehrte Richtung – also von Deutschland nach Indien – und ein Treffen von Kishone und dieser Dame in der Gegenwart.

Gegen Ende des Buches wirkt es ein wenig so, als habe der Autor die Lust verloren. Ähnlich einem Exposé skizziert er kurz den weiteren Handlungsverlauf nach der erzählten Geschichte. Hätte er das alles noch ausgeführt, wäre das Buch sicherlich doppelt so dick geworden.
Warum der Roman diesen merkwürdigen Titel trägt, bleibt wohl Geheimnis von Autor und Verlag. Letztlich nicht empfehlenswert.
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Boris Hillen: Agfa Leverkusen.
S. Fischer, April 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 13.05.2015

Autor: Immo Sennewald

Manfred Bosch (Hg.): Denk ich an den Bodensee…

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Vom Bodensee kann einer nicht genug bekommen, nicht wenn er Naturschönheiten schätzt, schon gar nicht, wenn er erspüren will, wie sich Kultur in Landschaften einschreibt. Die Zahl hier entstandener Fotos dürfte astronomisch sein – keines trifft die Mannigfaltigkeit an Impressionen nur eines Augenblicks am See. Die Menge der Reiseführer, des in jedem anderen Genre über den See Gedruckten ist imposant, es kommt fortwährend Neues hinzu – er wird nie „auserzählt“ sein.

Manfred Bosch hat nun aus Berichten, Anekdoten, Briefen, Gedichten, Artikeln der vergangenen 250 Jahre eine Anthologie kurzer, vielfarbiger Texte zusammengefügt: In „Denk ich an den Bodensee…“ reihen sie sich entlang der Geschichte, öffnen Ansichten der Region ebenso wie Zeitperspektiven zwischen Französischer Revolution, Biedermeier, Industrialisierung, den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Bosch erläutert in seinem Nachwort, was die Auswahl bestimmte, und er hält, was er dem Leser verspricht – etwa das „stereoskopische Zusammentreffen“ der Blicke Fremder mit denen Einheimischer.

Ich habe das hübsch gemachte, stabil gebundene Büchlein gern in die Hand genommen, den Pappeinband ziert der fast schon epidemische Blick auf die „Birnau“ in der Abendsonne, es passt in die Jackentasche des Reisenden. Beim Lesen freute ich mich daran, auf bekannte Namen wie James Fenimore Cooper, Victor Hugo, den skilaufenden Ernest Hemingway und – natürlich – die Droste zu treffen; ebenso gern ließ ich mich von Geschichten unbekannter oder vergessener Autoren überraschen: Der gerade vierzehnjährige John Ruskin etwa besucht 1833 mit seiner Familie Schaffhausen, er reflektiert das Gesehene und Erlebte lebhaft und mit erstaunlicher Reife. Der Kalabrese Enzo Posterivo erzählt, wie er 1960 als „Gastarbeiter“ nach Stockach kam.

Zur Sicht der Einheimischen auf Landschaft, Städte und Dörfer kommt immer wieder die fremde, zum Blick auf die Natur der auf wirtschaftliche, soziale, religiöse Besonderheiten. Rilke lauscht in seinem Gedicht „Vision“ auf die Stimme des als Ketzer verbrannten Jan Hus, während er in Konstanz durch nächtliche Gassen streunt, der dänische Kommunist Martin Andersen-Nexö erzählt von der Gründung eines „proletarischen Verlags“ um 1925. Fast gleichzeitig, 1927, sinnt Theodor Heuß der „Frommen Welt“ der Reichenau nach. Sein bedächtiges, einprägsames Reden bleibt unvergesslich.

Philosophen kamen an den See, Künstler, davon manche als Flüchtlinge. Einige lebten zurückgezogen, andere suchten und fanden in Künstlerkolonien Beachtung. Nur wenige dürfte der See nicht „am Haken“ gehabt haben – so nennt es Hermann Kinder im letzten der über 50 Texte. Er fühlt sich hier „fremd daheim“. Und das mag den Widerspruch dieser Region bezeichnen: Sie verzaubert die hier Verwurzelten wie die Zuwanderer, manchmal sogar Touristen.

Freilich: Der See und seine Landschaft leben von den Wetterwechseln, von Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Felix Mendelssohn-Bartholdy nimmt uns mit auf einen Fußmarsch durch Sturm und Regen, der ihn ziemlich zerzauste; Anette von Droste-Hülshoff macht sich über ihre eigene Unwetter-Untauglichkeit lustig: Pudelnass hangelt sie sich quer durch die Reben zurück in ihr Zuhause im Schloss zu Meersburg. Victor Hugo schwärmt vom Rheinfall und Hölderlin dichtet in „Heimkunft“ – An die Verwandten:

Warm ist das Ufer hier und freundlich offene Tale
Schön von Pfaden erhellt grünen und schimmern mich an.
Gärten stehen gesellt und die glänzende Knospe beginnt schon
Und des Vogels Gesang ladet den Wanderer ein.

Die Lektüre führt einen mitten hinein in diese einzigartige Welt, auch wenn längst nicht alle Texte bestechen. Deutsch-, Geschichtslehrern und ihren Schülern möchte einer das Buch in die Hand drücken, damit sie ein Curriculum von Lesen und Wandern, Wandern und Lesen begönnen, das ihnen viele farblose Schulstunden ersetzte.

Manfred Bosch (Hg.)
»Denk ich an den Bodensee …« –
Eine literarische Anthologie

Hardcover, 208 Seiten

Dienstag, 12.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz

Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz«In dem autobiografischen Roman „Der Schatz des Herrn Isakowitz“ widmet sich der schwedische Autor Danny Wattin dem Schicksal seiner jüdischen Familie unter den Nazis. Einigen Mitgliedern gelang damals die Flucht aus Deutschland nach Schweden.

Der Roman springt zwischen Nazi-Vergangenheit und Gegenwart, in der Vater, Sohn und Enkel eine Reise ins polnische Kwidzyn unternehmen, dem früheren Marienwerder. Dort lebte ein Teil der Familie bis in die 40er-Jahre. Der Familienlegende nach hat einer der Vorfahren im Garten einen Schatz vergraben, um ihn vor den Nazis zu verstecken. Und den wollen die drei heutigen Familienmitglieder nun heben.

Das Buch ist vor allem für Leser interessant, die ein geschichtliches Interesse am Thema Judenverfolgung haben. Es zeigt, wie schwer es für einen deutschen Juden Anfang der 40er-Jahre war, ein Einreisevisum für Gastländer wie Schweden zu erhalten – und falls das doch gelang, wie sehr die Juden in der Folgezeit auch dort als billige und rechtlose Arbeiter ausgenutzt wurden. In diesem Vergangenheitsteil, den der 1973 geborene Autor unter anderem durch Interviews mit den Überlebenden recherchiert hat, kommen sehr viele Namen vor, und man muss als Leser aufpassen, um immer zu wissen, welcher Onkel und welche Tante in welchem Verwandtschaftsverhältnis zu den Hauptfiguren stand. Das ist etwas ermüdend. Ein Namensglossar wäre hilfreich.

Der Gegenwartsteil, die Autofahrt von Schweden nach Kwidzyn, ist ein mäßig spannendes Roadmovie. Vater und Sohn streiten sich fast die ganze Zeit über Kleinigkeiten wie die Benutzung eines Navigationsgerätes. Und der Enkel Leo ist als Siebenjähriger noch zu klein, um etwas Gehaltvolles beizusteuern. Erst am Ziel entwickelt dieser Teil der Geschichte Emotionalität und Tiefe.
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Danny Wattin: Der Schatz des Herrn Isakowitz.
Eichborn, April 2015.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 09.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Mark Watson: Hotel Alpha

Mark Watson: Hotel Alpha«Ein liebenswerter Roman über das Leben in einem fiktiven Londoner Nobelhotel ist dem englischen Komiker und Autor Mark Watson gelungen. Der Leser begleitet den ruhigen und sympathischen Concierge Graham, den egozentrischen Hotelbesitzer Howard York sowie eine ganze Reihe von anderen detailreich ausgearbeiteten Figuren über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren bei ihrem Wirken im „Hotel Alpha“ – so auch der Titel des Romans.

Gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter Graham gelingt es dem stets optimistischen Howard in den 60er-Jahren in einem alten Londoner Gebäude ein neues Fünfsternehotel zu etablieren, das sich schon bald zur ersten Adresse mausert, in dem auch Größen wie die Rolling Stones absteigen.

Doch 1984 bricht in einem der Zimmer ein Brand aus, bei dem eine Frau stirbt und ein kleiner Junge namens Chas sein Augenlicht einbüßt. Seither rankt sich ein düsteres Geheimnis um das Hotel, mit dem nicht nur Chas selbst, sondern auch Howard und Graham leben müssen. Erst über 20 Jahre später, als es im Zusammenhang mit den Londoner U-Bahn-Anschlägen fast zu einer weiteren Katastrophe kommt, fliegt dieses Geheimnis mit einem großen Knall auf. Geschickt, wie Watson reale Ereignisse mit der Fiktion mischt.

Man merkt dem Buch an, dass es dem 1980 geborenen Autor gar nicht ausschließlich darum ging, die Rahmenhandlung um den Brand und seine Folgen zu erzählen. Genauso wichtig ist ihm, den von ihm geschaffenen Cosmos Hotel Alpha mit vielen kleinen Geschichten und Figuren zum Leben zu erwecken. Etwas, das ihm rundum gelungen ist. Als Leser meint man schon nach wenigen Seiten, selbst seit langem im Hotel zu leben und es genau zu kennen.

Weitere Stories im Internet
Mark Watson hat noch etwa 100 weitere Geschichten um das Hotel geschrieben. Sie sind (leider nur in englischer Sprache) zu finden unter www.hotelalphastories.com
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Mark Watson: Hotel Alpha.
Heyne, April 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 03.05.2015

Autor: Andreas Schröter

Alexander Osang: Comeback

Alexander Osang: Comeback«Alexander Osang, der sich auch als Spiegel-Reporter einen Namen gemacht hat, begleitet in seinem neuen Roman „Comeback“ die fiktive Ostberliner Rockband „Steine“ über 30 Jahre hinweg.

Die Band, die sich nicht dagegen wehrt, als „Rolling Stones der DDR“ bezeichnet zu werden, steht unter der Knute der launischen, lauten und politisch engagierten Sängerin Nora. Die Musiker müssen in all den Jahren mehrere Trennungen und Wiedervereinigungen verkraften – auch die große Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die ihnen nicht nur guttut, weil ihnen auf diese Weise das Feindbild abhanden kommt.

Es ist zunächst nicht ganz einfach, in diesen Roman zu finden. Gerade auf den ersten Seiten bleiben die Figuren holzschnittartig, erwachen kaum zum Leben.

Das bessert sich mit wachsender Seitenzahl, und dem Autor gelingt es mehr und mehr, den Leser in seine Geschichte zu ziehen. Ein Buch für Leser mit Interesse an DDR-Rockgeschichte.
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Alexander Osang: Comeback.
S. Fischer, März 2015.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Donnerstag, 23.04.2015

Autor: oliverg

#Literaturwelt Buch-Give-Away zum Weltag des Buches

Einfache Regel: Im VIDEO kommentieren, Buch (kostenlos) bekommen (so noch vorhanden).

#Literaturwelt Buch-Give-Away zum Weltag des Buches – Y

ouTube.

Freitag, 17.04.2015

Autor: Andreas Schröter

Nikolaus Breuel: Schlossplatz, Berlin

Nikolaus Breuel: Schlossplatz, Berlin«Politische Entscheidungsprozesse im Bundestag und ihre gelegentliche Absurdität, aber auch die zeitweilige Flucht der Abgeordneten vor diesem Alltag sind die Themen in Nikolaus Breuels Debutroman „Schlossplatz, Berlin“.

Der charismatische Politiker Rödel setzt mitten in Berlin den Bau einer riesigen Badelandschaft durch. Doch das Projekt wird und wird nicht fertig. Immer neue Schwierigkeiten tauchen auf, immer mehr Geld versickert.

Die Aufsichtsratsmitglieder müssen sich in nächtlichen Sitzungen, die sie nur halb dösend überstehen, durch riesige Akten-Berge wühlen. Vergleiche mit real existierenden Problem-Projekten wie dem Berliner Flughafen oder der Hamburger Elbphilharmonie sind gewollt.

Der Leser sieht die Geschichte durch die Augen eines anderen Abgeordneten, des Ich-Erzählers, der zu Beginn des Romans nach Schiffs-Motorschaden auf einer Hallig in der Nordsee strandet. Was für ihn zunächst ein Albtraum ist, wird mehr und mehr zum ersehnten Fluchtpunkt vor der Politik, den er später mehrfach freiwillig ansteuert, zumal er eine Beziehung mit der Inselbewohnerin Kathrin Knudson beginnt.

„Schlossplatz, Berlin“ ist ein lehrreicher Roman für alle, die sich für die Mechanismen interessieren, nach denen Politik funktioniert – oder eben auch manchmal nicht. Die lauten Redenschwinger kommen genauso vor wie die leisen, erfahrenen Vertreter aus der zweiten Reihe, die die Faktenlage genau kennen und deshalb wichtige Strippenzieher im Hintergrund sind. Das alles zeugt von viel Sachkenntnis des Autors, eines 1960 geborenen Berliner Unternehmers.

Allerdings bleibt der Roman an Stellen, in denen es um die Liebschaft des Ich-Erzählers oder seine Gedanken geht, seltsam spröde.
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Nikolaus Breuel: Schlossplatz, Berlin.
dtv, März 2015.
280 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

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