Mittwoch, 16.05.2012
Autor: Andreas Schröter
Die amerikanische Schrifststellerin Beryl Bainbridge (1934-2010) hat es vor ihrem Tod nicht mehr ganz geschafft, ihren letzten Roman fertigzustellen. Und so bleibt “Die Frau im gepunkteten Kleid”, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, fragmentarisch. Am Ende sind (zu) viele Fragen offen.
Das Buch spielt in den Tagen vor dem Attentat auf den US-Präsidentschaftsanwärter Robert Kennedy im Juni 1968 im Hotel „Ambassador“ in Los Angeles. Die Engländerin Rose macht sich mit Harold, den sie kaum kennt, auf die Suche nach einem ominösen Dr. Wheeler, mit dem beide offenbar in ihrem früheren Leben zu tun hatten. Rose ist eigens zu diesem Zweck aus England in die USA geflogen. Im gesamten Buch wird jedoch nicht klar, welcher Art die Beziehung der beiden Suchenden zu diesem Dr. Wheeler ist, der offenbar zum Wahlkampfteam Robert Kennedys gehört.
Im Stil eines Roadmovies fahren Rose und Harold in einem klapperigen Campingbus quer durch die Staaten. Doch wie in der Geschichte vom Hasen und dem Igel ist ihnen Wheeler immer einen Schritt voraus. Unterwegs treffen sie Freunde Harolds, machen Zufallsbekanntschaften, haben Sex ohne jedes Gefühle und fallen einander auf die Nerven. Immer gehören die großen amerikanischen Themen der 60er-Jahre zum Subtext: der Vietnamkrieg, der Rassenkonflikt, die Ermordung Martin Luther Kings, Nixon und die Kennedys.
Beryl Bainbridge, die in einem lakonischen Stil schreibt, der vieles in den vagen Raum zwischen den Zeilen packt, macht es ihren Lesern nicht ganz leicht, bei der Stange zu bleiben. Keine der Figuren, die in diesem Buch vorkommen, ist wirklich sympathisch. Rose ist eine vollkommen ungebildete Unterschichten-Frau, die auch bei 40 Grad wenig davon hält sich zu waschen, Harold ist ein launischer, undurchsichtiger und schweigsamer Mann, der eine Pistole mit sich führt. In ihren Gesprächen reden die beiden ständig aneinander vorbei. Das mag stilistisch ganz hohe Kunst sein, so richtig erbaulich ist das für den Leser nicht.
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Beryl Bainbridge: Die Frau im gepunkteten Kleid.
DVA, März 2012.
237 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Montag, 14.05.2012
Autor: Oliver Gassner
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Sonntag, 13.05.2012
Autor: Oliver Gassner
Montag, 07.05.2012
Autor: Ilka Sundermann
Paula McLain stellt in ihrem Roman „Madame Hemingway“ die Ehe von Ernest Hemingway und seiner ersten Frau Hadley dar.
Hadley Richardson, eine Frau von 28 Jahren, lernt 1920 in Chicago den erst 21 Jahre alten Ernest Hemingway kennen. Die beiden verbringen zusammen mit ihren Freunden in Chicago eine schöne Zeit und fühlen sich zueinander hingezogen. Nach Hadleys Rückkehr in St. Louis entspinnt sich zwischen Ernest und ihr eine tiefe Brieffreundschaft, die Hadley geradezu aufblühen lässt. Der Leser erfährt in der Zeit des Briefwechsels einiges über Hadleys Kindheit, die geprägt war von Unglück, Verlust und Tristesse. An einigen Stellen des Romans wird deutlich gemacht, dass auch Ernests familiären Verhältnisse schwierig sind.
Ernest macht Hadley sogar schriftlich einen Heiratsantrag. Nach ihrer Heirat lassen sich die beiden in Paris nieder und lernen dort Literaten wie Ezra Pound und Gertrude Stein kennen. Es dauert zunächst eine Zeit bis sich das junge Ehepaar im Paris der Bohemiens wohlfühlt, aber später ist es gerade das intellektuelle und freigeistige Leben, das es am meisten zu schätzen lernt. Hemingways Laufbahn als Schriftsteller wird geschildert und die vielen Reisen innerhalb Europas und zeitweise nach Amerika, die das Ehepaar unternimmt, werden thematisiert. Aus Hemingways erster Ehe geht ein Sohn namens Jack hervor, der von den beiden liebevoll „Bumby“ genannt wird.
Eindrucksvoll zeichnet Paula McLain ein Portrait von „Madame Hemingway“, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Hadley, ein aufrichtiger und liebenswürdiger Mensch, wird von Paula McLain als komplex denkende und mitfühlende Figur dargestellt.
Die Geschichte wird aber nicht ausschließlich aus der Sicht von Hadley beschrieben, sondern überraschenderweise gibt es auch ein paar kleine Passagen, in denen Ernest sein Gefühlsleben und seine Gedanken zum Ausdruck bringt. Der Leser hat die Möglichkeit, sich in beide Charaktere hineinzuversetzen und tendiert somit nicht allzu sehr dazu, Ernest für seine Untreue komplett zu verurteilen. Der Roman ist vielleicht gerade deshalb lesenswert, weil er ohne moralischen Fingerzeig auskommt.
Die Geschichte endet an der Stelle als die Ehe der beiden scheitert und deutet an, wie das Leben getrennt voneinander für Ernest und Hadley weitergeht.
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Paula McLain: Madame Hemingway
Aufbau Verlag, 2011.
456 Seiten, Gebundene Ausgabe
Dienstag, 24.04.2012
Autor: Andreas Schröter
Dass Niccolò Ammaniti schreiben kann, wissen Fans des 1966 geborenen Römers. Doch bei seinem neuesten Werk, “Du und Ich” währt das Lese-Vergnügen nur kurz. Lediglich knapp 150 sparsam bedruckte Seiten kurz ist diese Geschichte. Eigentlich mehr eine Erzählung als ein Roman. Das kann man in zwei Stunden durchlesen.
Der 14-jährige Lorenzo scheut den Kontakt zu seinen Mitmenschen, worüber sich seine Mutter sorgt. Um ihr eine Freude zu machen, erzählt er ihr, er sei von Mitschülern zu einer Skifreizeit eingeladen worden. Doch statt diese – erfundene – Einladung wahrzunehmen, versteckt er sich für eine Woche im Keller seines Elternhauses, wo er sich Videospielen, Horror-Romanen und dem süßen Nichtstun hinzugeben gedenkt. Doch es kommt anders: Lorenzos drogenabhängige Halbschwester Olivia taucht auf. Sie kämpft mit schweren Entzugserscheinungen, so dass sich Lorenzo entscheiden muss: Taucht er weiter in seine Videospiel-Welten ab, oder versucht er, ihr zu helfen.
Das stilistisch hervorragend geschriebene Büchlein lässt den Leser inhaltlich etwas ratlos zurück. Was soll diese kleine Geschichte bedeuten? Dass man auch dann Verantwortung für seine in Not geratenen Mitmenschen übernehmen muss, wenn man versucht, sich von genau diesen abzuschotten? Irgendetwas in dieser Art vermutlich. Letztlich insgesamt nicht ganz so überzeugend wie Niccolò Ammanitis zuletzt auf Deutsch erschienener Roman “Wie es Gott gefällt” (2008).
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Niccolò Ammaniti: Du und Ich.
Piper, März 2012.
150 Seiten, Gebundene Ausgabe, 14,99 Euro.
Sonntag, 15.04.2012
Autor: Andreas Schröter
Die “Stadtgeschichten” des homosexuellen amerikanischen Schriftstellers Armistead Maupin, geboren 1944, haben eine lange Tradition. Bereits zu Beginn der 80er-Jahre erschienen die ersten von ihnen als Fortsetzungen im San Francisco Chronicle, später als Romanreihe. Band 8, “Mary Ann im Herbst”, ist jetzt – über 30 Jahre nach dem Start dieses Zyklus’ – in Deutschland erschienen. Kenner der Reihe treffen viele bekannte Figuren wieder: die ehemalige Fernsehmoderatorin Mary-Ann, das homosexuelle Paar Michael und Ben, den Transsexuellen Jake oder Anna, bei der sie alle früher gewohnt haben.
Doch auch wer die älteren Bücher nicht kennt, kann sich getrost an die Lektüre machen. Maupin macht es seinen Lesern leicht, die Charaktere kennen zu lernen und in die Geschichte hineinzufinden. Zunächst laufen einige Handlungsstränge parallel ab, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben. Erst am Ende führt Maupin alles zusammen. Mary-Ann hat Krebs und muss ich die Gebärmutter entfernen lassen. Sie schlüpft bei Michael und Ben unter. Jake trifft einen jungen Mormomen, der sich stark zu ihm hingezogen fühlt, und Shawna, ebenfalls eine Figur aus früheren Bänden, versucht einer Obdachlosen zu helfen.
Was sich durchweg flüssig und kurzweilig herunterlesen lässt, ist vielleicht in einem Großteil des Buches ein wenig höhepunktarm. Die Handlung im gehobenen Homosexuellen-Milieu San Franciscos plätschert so vor sich, ohne dass man den Eindruck hat, gleich auf einen Knaller zu stoßen. Man ist sehr freundlich und fürsorglich zueinander, macht Essen, fährt in den Skiurlaub und hat ganz allgemein viel Verständnis für alles und jeden. Der Knaller kommt erst ganz am Ende mit einem mächtigen Schlussakkord, der allerdings ein klein wenig aufgesetzt wirkt. Dennoch insgesamt lesenswert.
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Armistead Maupin: Mary Ann im Herbst.
Rowohlt, März 2012.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Samstag, 14.04.2012
Autor: Immo Sennewald
Shakespeare hat im “Hamlet” eine unsterbliche Strategiedebatte erdichtet: „Sein oder nicht Sein“. Sie befasst sich – als Monolog – mit dem bewussten Teil der Entscheidung für oder gegen bestimmte Handlungen. Hamlet quält sich aber mit dem Unbewussten, mit widerstreitenden Gefühlen und der Suche nach einem Handlungsmuster, das diesen Konflikt lösen soll. Keine der in Frage kommenden bewussten Handlungen leistet das. Die emotionalen Konflikte, die ihm das Leben verleiden, entziehen sich jeglicher Planung; Ophelias Liebe vor allem passt nicht ins Kalkül.
Die einfache Lösung – der Geist seines ermordeten Vaters fordert sie ihm ab – wäre die gewaltsame Übernahme der Macht und die Bestrafung der Schuldigen: Hamlet müsste seine Mutter und ihren Geliebten töten. Aber sein kultivierter Verstand scheut die Bluttat, das atavistische Ritual, die Rache: „So macht Bewusstsein Feige aus uns allen“.
Die „Nicht- Entscheidung“ und das Narrenspiel, die Clownerie, die der Dänenprinz aufführt, um dem aufgezwungenen radikalen Machtkampf zu entgehen, die Weigerung, in das bereitliegende Kostüm zu schlüpfen und die Rolle des Rächers zu spielen, verschärfen nur den Argwohn seiner Gegenspieler.
Da Hamlet sich nicht entscheidet, entscheiden die anderen, die „Verhältnisse beginnen zu tanzen“, der Zauderer muss mit, unbewusst fällt er genau jene Entscheidungen, die zur Tragödie führen. Die Theaterspieler, Vorbilder heutiger Medien, sind nichts als blinde Werkzeuge der Rache, die jegliche Alternative zu den destruktiven Zyklen von Gewalt – Macht – Lust erstickt.
Theaterspieler von heute wollen – müssen – Geld verdienen wie alle anderen “Medienschaffenden”. Darum hüten sie sich – wie alle AnGestellten – die eigene Rolle zu befragen. Es gibt Ausnahmen. Sie leiden Not.
Shakespare schrieb aus der Not, ohne Wissen um die eigene Unsterblichkeit. Heutige Dichter möchten gern unsterblich werden, ohne Not, auch ohne Wissen um die Abgründe des eigenen Unbewussten. Sie blöken mit dem Schmierentheater werbefinanzierter Medien um die Wette.
Die Frage nach “Sein oder nicht Sein” haben sie mit Geld gelöst. Ihre Texte sind käuflich.
Tags: Clownerie, Entscheidung, gewalt, Hamlet, Liebe, Macht, Rache, Religion, Shakespeare
2 KommentareDienstag, 10.04.2012
Autor: Ilka Sundermann
Luise, die Hauptfigur in Sarah Kuttners Roman „Wachstumsschmerz“, ist 32 Jahre alt und befindet sich Mitten in einer „Quarterlife Crises“. Das Leben mit über dreißig überfordert die Romanheldin, die das Gefühl hat, nur Erwachsen zu spielen. Ihr Leben fühlt sich momentan für sie falsch an. Die Tatsache, dass sie zum ersten Mal mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung zieht, macht ihr Angst und der Gedanke, dass sie gerade dabei ist, zahllose berufliche Möglichkeiten ungenutzt an sich vorbeiziehen zu lassen, bereitet ihr schlechte Laune. Obwohl Luise ihren beruflichen Stillstand hinnimmt, leidet sie insgeheim darunter, für nichts mehr „zu brennen“ und keinen „Hunger“ mehr zu verspüren. Im Verlauf der Handlung betrachtet sie ihr Leben und zieht Bilanz. Sie hinterfragt kritisch, warum sie mit 32 noch nicht verheiratet ist, noch kein Kind hat und schon am Ende ihrer Karriere angekommen zu sein scheint. In Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, der kein Verständnis für ihre nicht vorhandenen Karriereabsichten hat, aber auch in Gesprächen mit anderen ihr nahestehenden Personen, mit denen sie über ihre innere Unzufriedenheit spricht, wird ihr bewusst, dass sich die Regeln für das Leben ab 30 plötzlich geändert haben. Karriere, Heirat und Kinder stehen nun auf der Tagesordnung und genau damit hat sie so ihre Probleme. Die Frage, die sie sich stellt, ist, ob man wirklich alle Chancen des Lebens nutzen sollte und findet für sich persönlich gegen Ende des Romans zumindest ansatzweise eine Antwort.
Sarah Kuttner veranschaulicht am Beispiel ihrer Protagonistin das Dilemma vieler junger Menschen der heutigen Ü-Dreißiger-Generation. Das Werk zeichnet sich durch seine originelle Sprache, seinen frechen Humor und darüber hinaus auch durch seine Ernsthaftigkeit, Klugheit und Ehrlichkeit aus. Dem Leser fällt es leicht, sich mit der Romanheldin zu identifizieren. Ein großes Lesevergnügen!
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Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz.
Fischer 2011.
281 Seiten, Broschur, 16,99 Euro.
Dienstag, 10.04.2012
Autor: Andreas Schröter
Der Arzt und Redakteur der Süddeutschen Zeitung Werner Bartens, Jahrgang 1966, hat bereits einige Sachbücher verfasst: „Glücksmedizin: Was wirklich wirkt“ oder auch das „Lexikon der Medizinirrtümer“. Mit „Betrügen lernen“ legt er nun seinen ersten Roman vor. Alex fühlt sich in seiner Ehe nicht mehr wohl, weil ihm seine Frau Clara den Sex verwehrt. Er beschließt, sie zu betrügen und macht sich an andere Frauen heran. Doch es erweist sich alles andere als einfach, diesen Beschluss in die Tat umzusetzen.
Was witzig oder auch zum guten Portrait eines midlife-crisis-geschüttelten Mannes werden könnte, kommt leider etwas fade rüber. Bartens driftet ein wenig zu oft in platte Pointen ab, die nicht selten allzu vorhersehbar sind. Unser Held ist zwar mehrfach drauf und dran, endlich mit einer Frau im Bett zu landen, doch irgendetwas verhindert stets, dass er auch wirklich zum Zuge kommt – eine etwas prüde Art von Humor, die durch ihre Wiederholung am Ende nervt. Auch gelingt es dem Autor nicht, seinen Figuren Tiefe zu geben. Charaktere und Handlung bleiben merkwürdig flach, wirken austauschbar und schablonenhaft.
Als bloßer Unterhaltungsroman dennoch einigermaßen okay, doch wer mehr von einem Buch verlangt, wird enttäuscht sein.
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Werner Bartens: Betrügen lernen.
Blessing, März 2012.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,95 Euro.
Freitag, 06.04.2012
Autor: Andreas Schröter
Tom McCarthys Roman mit dem simplen Titel “K” hat ein grundlegendes Problem: Der Autor gönnt dem Leser so gut wie keine Innenansichten seiner Figuren, er spart ihre Gedankengänge vollkommen aus, beschränkt sich ausschließlich auf die nüchterne Beschreibung dessen, was sie gerade tun. Selbst als die Schwester der Hauptfigur Serge Karrefax stirbt, finden sich im Text keinerlei Emotionen. Ergebnis ist ein ausgesprochen zäher, spröder und schwergängiger Text, in den man kaum hineinfindet und den nur die Hartgesottensten durchstehen dürften.
Es geht um das Leben jenes Serge Karrefax, das am Ende des 19. Jahrhunderts auf einem englischen Landgut beginnt. Serge begleitet seine Schwester, die langsam in den Wahnsinn abdriftet, bei ihren chemischen Experimenten, wohnt einem klassischen Theaterstück der Gehörlosenschule seines Vaters bei und versucht sich nachts als Hobbyfunker. All diese Details werden mit äußerster Genauigkeit und Langatmigkeit beschrieben – nur erschließt sich nicht, was sie eigentlich miteinander zu tun haben, geschweige denn worauf das Buch überhaupt hinaus will. Wegen des kompletten Fehlens von emotionalen, selbstreflektorischen oder zwischenmenschlichen Bezügen – also all dessen, was man als “human interest” bezeichnen würde – nimmt der Leser die Ereignisse wie durch einen Nebel auf. Man versteht zwar die einzelnen Worte, fragt sich aber permanent, was sie eigentlich bedeuten sollen, beziehungsweise in welchem Zusammenhang sie stehen.
Der Engländer Tom McCarthy, der 1969 geboren wurde, ist laut Verlags-Info Generalsekretär der International Necronautical Society, einem “semifiktiven Avantgarde-Netzwerk”, was immer das auch sein mag. Womöglich hat er mit “K” ebenfalls versucht, einen avangardistischen Roman zu schreiben, also quasi ein literarisches Experiment zu betreiben. Leser, die keine Versuchskaninchen sein möchten, beziehungsweise das Lesen nicht als (schwere) Arbeit ansehen, sollten die Finger von diesem Buch lassen.
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Tom McCarthy: K.
DVA, Februar 2012.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.
Freitag, 06.04.2012
Autor: Oliver Gassner
Dienstag, 27.03.2012
Autor: Andreas Schröter
Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht? Dass man aus dieser klassischen Liebesroman-Fragestellung einen hochspannenden Thriller schreiben kann, beweist Andrea de Carlo mit seinem 644-Seiten-Wälzer “Sie und Er”. Doch dem 1952 geborenen Italiener gelingt weitaus mehr: eine psychologisch bis ins feinste Detail stimmige Beschreibung des Jahrmillionen alten Zaubers aus Anziehung und Abstoßung, dem Liebende seit je her ausgesetzt sind.
“Sie”, das ist die sportliche Clare Moletto, die mit einem spießigen Mailänder Anwalt liiert ist. Der nennt sie lieber Chiara, weil er sich für seine Freundin einen italienischen Namen wünscht, und plant den Kauf einer gemeinsamen Wohnung. Ganz italienisches Klischee hängt er sehr an seiner Mutter. “Er”, das ist der erfolgreiche Schriftsteller Daniel Deserti mit derzeitiger Schreibblockade und Alkoholproblem – ein Bilderbuch-Macho. Clare und Daniel treffen sich unter ungünstigsten Umständen. Er fährt im betrunkenen Zustand viel zu schnell, weil er sich ein Autorennen mit einem anderen Fahrer geliefert hat, verliert die Kontrolle über seinen Wagen und rauscht dem Wagen Clares und ihres Freundes in die Rückfront. Erst viele hundert Seiten später werden die beiden sich zum ersten Mal in die Arme fallen. Clare muss sich zuvor noch den Besitzansprüchen ihres Freundes erwehren, und Daniel hat unter anderem seine Kinder aus einer früheren Ehe zu Gast, mit denen er nur unbefriedigend zurechtkommt.
Klar, reduziert man diese Geschichte auf ihre nackte Grundhandlung, dann hat sie große Ähnlichkeit mit einem Groschenheft a la “Julia” oder “Arztroman”. Doch auf das Wie kommt es an: Andrea de Carlo gelingt es auf äußerst glaubhafte und beeindruckende Weise, kleinste Stimmungsschwankungen seiner beiden Hauptfiguren auszuloten. Und das hat dann rein gar nichts mehr mit Kitsch zu tun, sondern ist einfach nur große Literatur. Allein das Ende ist vielleicht dann doch ein wenig zu dick aufgetragen. Trotzdem bleibt “Sie und Er” ein ausgesprochen starker Roman.
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Andrea de Carlo: Sie und Er.
Diogenes, Februar 2012.
644 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.
Montag, 26.03.2012
Autor: Immo Sennewald
Die Diskussion um das Thema Kernenergie ist in Deutschland nicht erst seit der “Energiewende” vergiftet. Gegner und Befürworter treffen sich höchst selten außerhalb ideologischer Schützengräben, der Öffentlichkeit bleibt weitgehend unbekannt, was jenseits “schotternder” Chaoten, der Polizeiaufmärsche bei Castor-Transporten und hysterischer Atomtod-Szenarien, also in der Welt forschender, besonnener und kritisch fragender Wissenschaftler, Ingenieure, Unternehmer verhandelt wird. Politiker ziehen hierzulande die Köpfe ein, weil sie um Wählerstimmen fürchten, wenn sie in den Verdacht geraten, der Kernkraft eine Zukunft zuzugestehen; nur wenige Journalisten beteiligen sich nicht am Wiederkäuen ritueller Pro- und Kontraphrasen.
Dirk Eidemüller ist zu danken, dass er dem Getöse der Affekte und den ideologischen Nebelmaschinen mit seinem Buch den Stecker zieht.
Er erläutert gründlich, mit großer Sachkenntnis, vielen interessanten Details den Werdegang, die Technik, den Nutzen und die Gefahren der Kernspaltung. Er beschönigt nicht und lässt nichts weg, er liest der Profitgier die Leviten, der organisierten Verantwortungslosigkeit, in deren Folge es zu Havarien, Unfällen, gar Katastrophen kommt, er macht klar und verständlich, dass die Kernspaltung einen ökonomischen, ökologischen und politischen Markstein ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit bedeutet. Wer Energie aus Atomreaktoren ablehnt, kann sich angesichts der von Eidemüller zusammengetragenen Kenntnisse bestätigt sehen – allerdings nur, wenn er entscheidende Fragen ausblendet, die nachfolgende Generationen betreffen. Der “sofortige Ausstieg” nämlich ist unter allen Lösungen des Problems “Atommüll” die am wenigsten nachhaltige. Er bedeutet, unseren Nachkommen eine “strahlende” Hypothek, Millionen Jahre lang tickende Zeitbomben in “Endlagern” zu hinterlassen, statt die Möglichkeiten besserer Entsorgung radioaktiver Isotope etwa durch Transmutation zu entwickeln.
Dirk Eidemüller bringt das auf ein paar Sätze, die allen ins Stammbuch geschrieben sein mögen, die ihren Platz im Anti-Atom-Schützengraben als Zukunftsoption für ihre Kinder betrachten: “In nichttotalitären Gesellschaften kann nicht immer ein Konsens erzielt werden; auch nicht darüber, was man unter Verantwortung gegenüber kommenden Generationen verstehen kann. Man sollte künftigen Generationen also zumindest die Möglichkeit geben, unsere Entscheidungen rückgängig zu machen.”
Es ist ein sympathischer Zug dieses Buches, dass es sich auf keine Seite schlägt, sondern das für und wider sorgsam darstellt, dass es uns die Chance einräumt, mit Erfindergeist und demokratischer Kultur die Schützengräben von heute zur historischen Erfahrung zu machen.
Dirk Eidemüller “Das nukleare Zeitalter – Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung”
S. Hirzel Verlag 2012.
ISBN 978-3-7776-2181-4
Freitag, 16.03.2012
Autor: Oliver Gassner
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Mittwoch, 14.03.2012
Autor: Oliver Gassner
Heute eine kleine auditive Stadtführung:
via Dit is Berlin: Tilman Birr, On se left you see se Siegessäule LIVE! – YouTube.
Sonntag, 11.03.2012
Autor: Andreas Schröter
Einen neurotischen Ordnungsfanatiker stellt Autor Jens Sparschuh in den Mittelpunkt seiner Gesellschafssatire “Im Kasten”. Hannes Felix, so heißt die Hauptfigur, geht in seinem Wahn so weit, den für die Flucht aus der Ehe vorbereiteten Koffer seiner Frau noch einmal ordentlich zu packen. Das gibt der Dame den Rest. Auch auf seiner Arbeit, einer Einlagerungshalle, eckt Hannes an, weil er immer abstrusere Geschäftsideen entwickelt. So regt er an, die bei IKEA gekauften Möbel direkt in besagte Einlagerungshalle zu bringen, den Käufern also das Zwischendasein der sperrigen Schränke in ihren notorisch überfüllten Wohnungen zu ersparen. Das alles ist leidlich amüsant, so dass man diesen Unterhaltungsroman mit einem permanenten Schmunzeln liest, taugt jedoch nicht für größere Heiterkeitsausbrüche.
Grundproblem des 220-Seiten-Buches ist Hannes Felix selbst, weil der Text durchgehend aus seiner Sicht und in Ich-Form geschrieben ist. Zwar haben einige seiner Eigenschaften durchaus Identifikationspotenzial, jedoch geht er einem mit zunehmender Lesedauer auch zunehmend auf die Nerven. Da würde man sich einen sympathischen Chaoten, wie er leider zu kurz in Gestalt eines von Hannes’ Kunden auftaucht, als Gegenpol wünschen. Insgesamt dennoch kein Buch, über dessen Kauf man sich ärgern dürfte.
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Jens Sparschuh: Im Kasten.
Kiwi, Februar 2012.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Mittwoch, 07.03.2012
Autor: JosefBordat
Marcel Robischon über den Verlust der Artenvielfalt und das Verstummen der Welt
Die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten hat einerseits einen Selbstwert, ist jedoch anderseits für den Menschen von großer Bedeutung, nicht nur für den Menschen im „Naturzustand“, sondern auch für uns heute, für unsere Kultur. Ein Verlust an Biodiversität führt damit auch zu einem Verlust an Kultur. Denn die Farben und Formen, die Düfte und Klänge der Natur sind eine einzigartige Inspirationsquelle für das kulturschaffende Wesen Mensch, für seine Kunst und seine Technik.
Nun ist es eine Tatsache, dass die Natur immer weiter zurückgedrängt wird. Der seinerseits kulturelle Aneignungsprozess von Flora und Fauna, der eine jahrtausendelange Tradition hat, doch seit dem Mittelalter (Städtebau) und vor allem seit dem 19. Jahrhundert (Industrialisierung) in starker Beschleunigung fortschreitet – was im zivilisatorischen Bewusstsein recht lange und recht einseitig als „Fortschritt“ wahrgenommen wurde – sorgt dafür, dass immer mehr von dem verschwindet, was uns als Grundlage unserer Kultur dient. Das Megaprojekt Zivilisation erweist sich damit als höchst „undankbar“ – gegenüber der Natur, die es nach Gebrauch vernichtet – und „unvernünftig“ – gegenüber der Kultur, die es nach und nach verarmen lässt, weil er ihre die natürliche Eingebung raubt. Die menschliche Gesellschaft verliert so ihr Entwicklungspotenzial – wenn sie sich weiter so entwickelt wie bisher.
Der Naturhistoriker und Biologe Marcel Robischon mahnt daher einen anderen Umgang mit der Natur und einen Schutz ihrer Artenvielfalt an. Nicht schulmeisterlich, sondern literarisch und unterhaltsam, mit einer abwechslungsreichen Reise-Revue, die uns die enge Verzahnung von Natur und Kultur vor Augen führt. Die – auf lange Sicht – weit größere Abhängigkeit des Menschen von der Natur wird erkennbar in den Beschreibungen einer vom Menschen akut bedrohten Tier- und Pflanzenwelt. Aus Mythen und Legenden um das Verhältnis von Mensch und Lebensraum gewinnt er eine Sicht auf Kultur und Natur, die Interdependenzen erkennt und benennt und letztlich zur Bewahrung der Schöpfung aufruft.
Trotz des belletristischen Stils handelt es sich bei Vom Verstummen der Welt um ein Sachbuch mit dezidiert wissenschaftlichem Anspruch. Die in den Geschichten eingewobenen Sachverhalte zur Artenvielfalt und zum Artensterben werden gut belegt. Die kulturwissenschaftlichen Schlussfolgerungen sind zwar nicht neu (das Mensch-Natur-Verhältnis gehört seit jeher zu den zentralen Fragen der philosophischen und ethnologischen Anthropologie), können aber die Forschungen zur Kultur- und Sozialanthropologie beleben, vor allem durch die vielen gut recherchierten und genau beschriebenen Erzählungen aus der Geschichte der Menschheit. Schon die Bezeichnungen von Städten und Regionen zeigt dabei die enge Verbindung von Mensch und Natur, einen Konnex, den es für den Menschen wiederzuentdecken gilt – schon aus eigenem Interesse!
Bibliographische Daten:
Marcel Robischon: Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt
München: Oekom (2012)
319 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3865811820
Josef Bordat

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