Freitag, 29.08.2014

Autor: Andreas Schröter

William Faulkner: Schall und Wahn

William Faulkner: »Schall und Wahn«Was macht man, wenn man eben einen anerkannten Klassiker der Weltliteratur gelesen hat und – beschämt – feststellen muss, dass man damit rein gar nichts anfangen kann? So geht’s mir mit dem von Frank Heibert neu übersetzten „Schall und Wahn“ von William Faulkner aus dem Jahre 1929. Das erste Kapitel ist aus der Sicht eines geistig Behinderten geschrieben. Die Handlung springt wild durch Zeiten und Räume, und es wird gleich auf den ersten Seiten eine derartige Vielzahl von Namen präsentiert, dass ich schlicht keine Chance sah, auch nur zu erahnen, wer wer ist und worum es wohl gehen könnte (um den Niedergang einer Südstaaten-Familie).

Das zweite Kapitel ist eine Art Bewusstseinsstrom aus der Sicht einer anderen Figur, Auch hier konnte ich nicht folgen.

Wenn Bücherlesen zum Hochleistungs-Denksport ausartet, um auch nur einen winzigen Bruchteil des Inhalts zu erfassen, dann ist das nicht mein Ding.
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William Faulkner: Schall und Wahn (1929).
Rowohlt, Juli 2014.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Mittwoch, 20.08.2014

Autor: Andreas Schröter

Hila Blum: Der Besuch

Hila Blum: »Der Besuch«Der Debüt-Roman der israelischen Schriftstellerin Hila Blum, geboren 1969, hat eine interessante Grundhandlung: Der Multimillionär Duclos, der einem jungen Paar vor Jahren in einem Pariser Nobelrestaurant aus der Patsche geholfen hat, kündigt überraschend seinen Besuch in Jerusalem bei eben diesem Paar an. Es ist inzwischen verheiratet und hat Kinder. Was Nataniel, der Mann, nicht weiß: Zwischen seiner Frau Nili und dem Millionär ist damals etwas vorgefallen – nein, kein Sex –, von dem Nili ihrem Mann nie etwas erzählt hat.

Der Roman bezieht also einen Teil seiner Spannung aus den Fragen, was damals wohl passiert sein könnte – denn das lässt die Autorin lange offen – und natürlich, wie das Wiedersehen des Paares mit ihrem einstigen Helfer abläuft.
Leider verliert die Autorin diese Grundthemen zeitweilig ein wenig aus den Augen. Ihre Geschichte versandet gelegentlich im nervtötenden Klein-Klein von Nilis Alltag mit demenzkranker Mutter, einem Ehemann, der (möglicherweise) fremdgeht, einer pubertierenden Tochter und einem Kleinkind.

Gerade die Gespräche mit dem Kleinkind können zwar eine Zeit lang witzig sein, aber wenn sich das über zu viele Seiten hinzieht – wie in diesem Buch manchmal der Fall – fängt es in einem Roman für Erwachsene an zu langweilen. Es gehört sicherlich zur ganz hohen Kunst des Schreibens, genau diese Langweiligkeit und Nervigkeit des Alltags so darzustellen, dass nicht auch der Leser genervt ist – eine Aufgabe, die Hila Blum nicht perfekt gelöst hat.
Ganz am Ende kommt die Autorin wieder auf ihr eigentliches Thema zurück: Erst 30 Seiten vor Schluss findet der immerhin titelgebende Besuch tatsächlich statt – und führt schließlich zu einem etwas laschen Ende.

Klar, die Darstellung des Familienalltags in Kombination mit dem Geheimnis um den Millionär – das hier nicht verraten werden soll – ergibt Sinn, aber im Ganzen bleibt dieses Buch etwas unbefriedigend.
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Hila Blum: Der Besuch.
Berlin-Verlag, August 2014.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

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Sonntag, 10.08.2014

Autor: Andreas Schröter

Kerstin Preiwuß: Restwärme

Kerstin Preiwuß: »Restwärme«Ein eindringlicher Roman über etwas so Schwieriges und Widersprüchliches wie Heimatverbundenheit und Familienzugehörigkeit ist Kerstin Preiwuß mit „Restwärme“ gelungen.

Die Autorin, die 1980 selbst in einem kleinen Kaff in der mecklenburgischen Provinz geboren wurde, beschreibt aus der Ich-Perspektive eine junge Frau, die nach Jahren in ein solches Dorf zurückkehrt. Ihr Vater ist gestorben und sie verbringt einige Tage mit ihrem Bruder und ihrer Mutter im Haus ihrer Kindheit. Man ahnt, dass Kerstin Preiwuß vieles aus ihrer eigenen Vergangenheit für diese Geschichte verwendet hat.

Kindheitserinnerungen kommen hoch, und der Leser merkt schnell, dass diese Kindheit alles andere als rosig war. Der Vater war ein aggressiver Säufer, der vor allem dem Sohn täglich auf wüsteste Weise zugesetzt hat. Mit Schlägen wollte er einen Mann aus ihm machen. Das hat nicht funktioniert. Der Sohn bricht nach der achten Klasse die Schule ab, quält Tiere und ist auch noch als Erwachsener ein unsicherer und verstörter Mensch. Die Mutter war immer zu schwach, sich gegenüber ihrem tyrannischen Ehemann durchzusetzen. Ihr Credo nach Jahrzehnten der Unterdrückung: „Aber es war doch nicht alles schlecht.“

Der Ich-Erzählerin Marianne ist es trotzdem gelungen, sich in dieser wenig förderlichen Umgebung zu behaupten, trotz eines eigenen Kindes im Teenageralter das Abitur zu schaffen, zu studieren und sich in Berlin ein neues Leben aufzubauen.

Konfrontiert mit der Vergangenheit, durchströmen sie widersprüchliche Gefühle. Einerseits sind die Aggressionen gegenüber dem Bruder und der Mutter sowie der Hass auf den Vater sofort wieder da, aber da ist – unterschwellig – auch noch etwas anderes: die Restwärme. Lesenswert!
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Kerstin Preiwuß: Restwärme.
Berlin-Verlag, Juli 2014.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Montag, 28.07.2014

Autor: Andreas Schröter

Karl Ove Knausgård: Leben

Karl Ove Knausgård: »Leben«Die Werke des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård sind für mich eines der erstaunlichsten Phänomene im modernen Literaturzirkus. Wie kann es sein, dass ein dermaßen langweiliges und selbstverliebtes Geschreibsel so viele Anhänger hat? Die meisten Kritiken sowohl bei Amazon als auch in den Feuilletons sind positiv, in Norwegen mussten Firmen angeblich Knausgård-freie Tage einführen – kein Lesen und Diskutieren während der Arbeitszeit – , teilt Spiegel online mit. In den USA gibt es offenbar gerade einen wahren Knausgård-Hype …

Und ich frage mich: Wie kann das sein? Nach „Lieben“, erschienen 2012, hatte ich mir fest vorgenommen, nie wieder ein Machwerk dieses Autors in die Hand zu nehmen. Aber als ich nun „Leben“ geschenkt bekam, habe ich beschlossen, dem Autor noch eine Chance zu geben. Doch bereits nach wenigen Seiten stellte sich dasselbe Unbehagen ein wie bei „Lieben“. Knausgård schreibt in breitester Detailverliebtheit über sein nichtssagendes Leben als 18-jähriger Aushilfslehrer in einem Kaff in Nordnorwegen. Ein Beispiel (Seite 25 unten): „Ich goss mir Milch ins Glas und leerte es in wenigen langen Zügen. Stellte es zusammen mit dem Teller und dem Messer in die Spüle, legte den Aufschnitt in den Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Ich steckte den Stecker der Schreibmaschine in die Steckdose …“ und so geht es mehr oder weniger weiter auf über 600 Seiten. Bitte – hier gibt es ja die Kommentarfunktion – erkläre mir mal jemand, was daran gut oder interessant sein soll! Literarische Texte bestehen aus Verdichtung, die Kunst des Weglassens ist für einen Autor wichtig. Nichts davon gibt es in diesem Buch.

Okay, ich gebe es zu: Knausgård schreibt nicht nur über das Abräumen von Geschirr, manchmal schiebt er auch pseudo-philosophische Betrachtungen ein, von denen er möglicherweise sogar selbst glaubt, dass sie in irgendeiner Weise gehaltvoll sind. Sind sie aber in aller Regel nicht.

Ein banales Buch über das banale Leben eines nicht sonderlich talentierten Autors.
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Karl Ove Knausgård: Leben.
Luchterhand, Juni 2014.
624 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro

Freitag, 25.07.2014

Autor: oliverg

“I like a girl who reads” (Video/Slam)

Freitag, 11.07.2014

Autor: Andreas Schröter

Eiríkur Örn Norðdahl: Böse

Eiríkur Örn Norðdahl: »Böse«Der isländische Autor Eiríkur Örn Norðdahl macht es den Lesern seines 650-Seiten-Mammutwerks „Böse“ nicht leicht. Ständig springt er – manchmal mehrmals auf einer Seite – zwischen der erzählten Handlung und Fakten oder philosophischen Überlegungen zum Nationalsozialismus hin und her. Das erfordert Konzentration und viel Willen zum Durchhalten, weil sich kein rechter Lesefluss einstellen will. Folgt man dem Autor bei einem Gedankengang, unterbricht er ihn sogleich wieder und fängt von etwas Neuem an. Das ist auf Dauer anstrengend.

Problem dieses im Original 2012 mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichneten Werkes ist aber auch ein anderes: Man wird mit den drei Hauptfiguren Agnes, Ómar und Arnór nicht richtig warm. Man liest zwar, was sie tun und denken, kann ihr Handeln aber kaum nachvollziehen. Liebesbeziehungen werden immer nur behauptet, aber für den Leser nie emotional fühlbar gemacht.

Vordergründig geht es um die aus Litauen stammende Studentin Agnes, die seit ihrer Kindheit vom Nationalsozialismus besessen ist. Sie sammelt alles zu diesem Thema und plant eine ausschweifende Masterarbeit, mit der sie sich aber übernimmt und nicht recht weiterkommt. Sie ist verbandelt mit dem Bummelstudenten Ómar, der schließlich herausfindet, dass Agnes eine Affäre mit dem Neonazi Arnór begonnen hat. Aus Wut darüber fackelt Ómar Agnes‘ Haus ab. Als sie schließlich schwanger wird, aber nicht weiß, wer der Vater ist, wird die Situation nicht besser.

Einigen Gehirnschmalz verwendet der Autor auch auf die Frage, wie wohl das Verhältnis der Isländer zu den Litauern ist – ein Aspekt, der für deutsche Leser in aller Regel eher von untergeordneter Bedeutung sein dürfte.

„Böse“ hat viele originelle Passagen, die zeigen, dass der 1978 geborene Autor schreiben kann. Insgesamt ist dieser Roman aber ein schwer verdauliches Durcheinander, nur für Hartgesottene.
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Eiríkur Örn Norðdahl: Böse.
Tropen, Juni 2014.
658 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Donnerstag, 10.07.2014

Autor: Andrea Brücken

Andreas Austilat: Hotel kann jeder.

Austilat - Hotel kann jeder

Es gibt einen Unterschied zwischen Urlaub im Hotel und Urlaub auf dem Campingplatz. Üblicherweise wird man durch die familären Gewohnheiten in dieser Richtung geprägt. Was passiert nun, wenn ein Paar zusammen kommt, dessen eine Hälfte nie campen war, dessen andere aber quasi im Wohnwagen aufgewachsen ist? Richtig, man nähert einander an. Beziehungsweise übernimmt man die Vorlieben des anderen, wenn man dafür gute Gründe findet.

Es ist sehr amüsant, den Anekdoten von Andreas Austilat zu folgen – in denen er seinen Wandel vom Campingskeptiker zum überzeugten Campingfan mit eigenem Wohnwagen schildert. Zumal er ein Händchen für kleine Missgeschicke zu haben scheint, die sich bisweilen nicht gerade als förderlich für die gute Laune der reisenden Familie erweisen. Überzeugt werden von seiner Eignung müssen außerdem zum einen die Zweifler auf seiner Familienseite sowie zum anderen die routinierten Schwiegereltern.

Im Verlauf des Buches lernen wir also viel: worin der Vorteil eines Wohnwagen-Anhängers gegenüber einem Wohnmobil besteht, nach welchen Kriterien man sich einen guten Standplatz auswählt und sichert, wodurch sich eine vollständige Ausrüstung auszeichnet, mit welchen sozialen Interaktionen man auf Campingplätzen zu rechnen hat.

Die Reisen führen uns nach Sylt, nach Italien, Spanien, Frankreich und schließlich sogar nach Amerika. Und was ein richtiger Mann ist, der macht auch vor außergewöhnlichen Herausforderungen keinen Halt. Sei es nun das Rockfestival mit den Kumpels, das Wintercamping oder die Flussreise mit Wohnwagen auf einer schwimmenden Plattform.

Humorvoll und selbstironisch, mit der angemessenen Portion Ernsthaftigkeit lässt der Autor die Leser teilhaben an seinen Erlebnissen. Ein Lesespaß nicht nur für den Urlaub.

(Andrea Brücken)

 

ANDREAS AUSTILAT

Hotel kann jeder

Meine Frau, unser Wohnwagen und ich

ORIGINALAUSGABE

Taschenbuch, Broschur, 288 Seiten, 12,5 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-442-15773-0

€ 8,99 [D] | € 9,30 [A] | CHF 13,50 * (* empf. VK-Preis)

 

Verlag: Goldmann

Dienstag, 08.07.2014

Autor: Andreas Schröter

Phil Hogan: Die seltsame Berufung des Mr Heming

Phil Hogan: »Die seltsame Berufung des Mr Heming«Mr Heming hat ein ungewöhnliches Hobby. Er liebt es, in der Wohnung anderer Leute herumzuschnüffeln, wenn die nicht zu Hause sind.

Als Immobilienmakler hat er dafür beste Voraussetzungen. Er findet immer wieder Gelegenheiten, die Schlüssel der Häuser nachzumachen, die er gerade verkauft. Im Lauf der Jahre hat sich so ein ganzes Schlüsselarsenal angesammelt, dessen Schätze er immer wieder benutzt.

Doch Mr Heming hat noch ein paar andere Eigenschaften, die nicht unbedingt mit gängigen Moralvorstellungen übereinstimmen. So hat er keinerlei Skrupel, unliebsame Zeitgenossen einfach per gezieltem Schlag mit dem Golfschläger oder anderweitig aus dem Weg zu räumen …

„Die seltsame Berufung des Mr Heming“ gehört also zur Gattung jener in der Literatur gar nicht so seltenen Romane (Patricia Highsmith‘ Ripley-Bücher zum Beispiel), in denen ein durchaus böser Mensch zur Hauptfigur wird. Die Kunst des Autors besteht in diesem Fall darin, diese Figur so anzulegen, dass der Leser sie trotzdem sympathisch findet und mit ihr fiebert.

Und das gelingt dem englischen Autor, von dem nun erstmals ein Buch ins Deutsche übersetzt worden ist. Man ertappt sich bei dem Wunsch, die Polizei möge besagtem Mr Heming, der sein Leben in Ich-Form erzählt, niemals auf die Schliche kommen.

Auch ein bisschen Liebe kommt vor. Allerdings handelt unser Mr Heming auch hier unkonventionell: Er liebt die Frauen nur, so lange sie ihm nicht zu nah kommen.

Der Roman bietet eine leicht zu lesende und mit viel schwarzem Humor gespickte Unterhaltungs-Lektüre, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Gut für den Strandurlaub.

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Phil Hogan: Die seltsame Berufung des Mr Heming.
Kein & Aber, Juli 2014.
367 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Dienstag, 08.07.2014

Autor: Odile

Japan-Krimi: Yoyogi Park von Andreas Neuenkirchen

Malerisch hingebettet liegt die junge Frau im Gras des Yoyogi-Parks, im rosa Lolitakleid, die Augen geschlossen, auf ihrem Gesicht liegen Kirschblüten. Ein poetisches Hanami-Bild, scheint es. Wenn die junge Frau nur nicht so tot wäre. Und wenn Inspektorin Yuka Sato nicht diese lästige Kirschblütenallergie hätte.
Mit dem ersten Satz des Japan-Krimis „Yoyogi Park“ sind wir mitten im mörderischen Geschehen, auch wenn wir es erst im dritten Satz merken. Inspektorin Yuka Sato vom Tokyo Metropolitan Police Department ist mit ihrem Assistenten Shun Nakashima zum Tatort gerufen worden und wird 338 Seiten lang ermitteln. Und gleich der Anfang setzt den Ton des Romans, der durch eine spannende Story, ausgezeichnete Japankenntnisse, interessante Figuren und Humor besticht.
Es erstaunt nicht, dass die vom Autor Andreas Neuenkirchen als Tetralogie geplante – und auf den Jahreszeiten beruhende – Krimiserie mit Kirschblüten beginnt. Diese dienen nicht nur als japanisches Frühlings-Klischee, sondern gewissermaßen als symbolische Vorausschau: Vergehen in Schönheit. Auch wenn der Mörder dieses japanische Ideal etwas missverstanden zu haben scheint. Aber das erfahren Yuka Sato und Nakashima – und damit auch wir – erst viel, viel später. Allerdings haben die LeserInnen den ProtagonistInnen etwas voraus: sie wissen mehr, ohne dass sie es wissen. Die sorgfältig gestreuten Hinweise werden den Meisten erst beim zweiten Lesen auffallen.

Die Ermittlungen führen die Inspektorin und ihren Assistenten in die angesagten Stadtviertel Harajuku, Akihabara und Shinjuku, aber auch in die weniger spektakulären Vororte der Hauptstadt. Und – natürlich, es ist Frühling – in den von Kirschblüten leuchtenden Yoyogi Park, in dem alles beginnt und endet. Eine sorgfältig konstruierte, spannende Story in fünf Akten, in der die erste Tote nicht die einzige malerisch arrangierte Leiche bleiben wird. Dabei wären so viele Leichen eigentlich gar nicht nötig. Die lebenden ProtagonistInnen alleine machen das Buch schon lesenswert.

Es scheint typisch japanische Bescheidenheit, wenn Inspektorin Yuka Sato in einem Gespräch mit dem Pathologen Daisuke Kawase sagt: „Ich bin nur in der Gegend umhergeirrt und habe Menschen befragt.“ Hier zeigt sich aber auch etwas, was zugleich Stärke und Schwäche des Romans ist. Einerseits ist es das Reizvolle an diesem Japan-Krimi, dass neben der Krimistory auch Yuka Satos Privatleben Teil der Handlung ist. Sie ist keine Superheldin, sie wird nicht nur in ihrer offiziellen Funktion als Inspektorin gezeigt, sondern auch als Mensch lebendig. Sie geht zu Single-Partys, trifft sich mit ihrer australischen Freundin Sam in Nudelrestaurants oder muss trotz warmer Temperaturen den Tag im Mantel zubringen, weil ihre Bluse in der mehr oder weniger leidenschaftlichen Nacht zuvor reichlich lädiert wurde.
Andererseits wirft die Inspektorinnen-Seite der Figur, die sich sehr menschlich und bescheiden in der hierarchisch strukturierten und männlich dominierten Polizeiarbeitswelt Tokyos bewegt, auch Fragen auf. Wir teilen etwa die Skepsis ihres Assistenten Shun Nakashima, als Yuka Sato gleich am Anfang die Leiche bewegen will, bevor der Pathologe eintrifft. Und es erstaunt etwas, hier eine weibliche Inspektorin als leitende Ermittlerin zu sehen, deren sämtlich männliche Untergebene ihre Autorität problemlos aktzeptieren. Hier hätte man sich ein etwas differenzierteres Bild gewünscht; dies vor allem, da in fast allen anderen Bereichen des Romans eine akribische Detailgenauigkeit an den Tag gelegt wird. Natürlich hat der Autor Recht, wenn er sagt, ein Roman sei kein Sachbuch. Andererseits jedoch verfügt dieser Roman über die Genauigkeit eines Sachbuchs. Dieser kleine Widerspruch bleibt bestehen. Auch wenn wir dem Autor durchaus zustimmen, wenn er auf Anfrage sagt, „dass Kriminalromane ruhig nichtalltägliche Protagonisten haben dürfen, es geht schließlich meistens auch um nichtalltägliche Fälle“. Und, auch darauf weist Neuenkirchen hin, es gibt Inspektorinnen bei der japanischen Kripo, der Dienstgrad Grad Satos befindet sich in der Mitte der Hierarchie und sie wird von ihrem Vorgesetzten sexistisch diskriminiert. Genug Realität also. Und wir wollen uns ja auch nicht langweilen.
Und Langeweile haben wir bestimmt nicht mit Yuka Sato; sie ist trotz kleiner Schwächen eine sehr gelungene, überzeugende Figur, mit der sich die LeserInnen identifizieren können. Dies gilt auch für den Protagonisten Shun Nakashima, über den wir hoffentlich im nächsten Band mehr erfahren, und ein Stück weit auch für den Pathologen Kawase. Sie alle sowie ihre Beziehungen zueinander haben ein hohes Entwicklungs-Potential. Es gibt aber noch eine (gar nicht so) geheime Protagonistin, und das ist die Stadt Tokyo. Wir erfahren geradezu eine Unmenge über die japanische Hauptstadt, über fiktiv-reale Master Master Please Cafés, Nudelrestaurants und Bars der Nachbarschaft, über real existierende Udon- und Soba-Nudeln, über Shōchū (eine Art von japanischem Wodka) aus Reise, Gerste oder Süßkartoffel, über „das Shibuya für kleine, alte Damen“, die Parks und vor allem die U-Bahn-Strecken, deren Länge der Autor in fast schon irritierender Weise stets in präzisen Minutenangaben referiert: Man merkt, hier schreibt einer, der die Stadt kennt, inklusive der U-Bahn und vor allem deren Fahrplan. Das – ebenso so wie die zahlreichen Informationen zu Alltag und Kultur – zeugt von journalistischer Genauigkeit und einem Detailreichtum, der manchmal fast übertrieben erscheint, der aber andererseits ein nuancenreiches, farbiges Bild von Tokyo entstehen lässt und einen interessanten Einblick in den Alltag der japanischen (Stadt)-Gesellschaft gibt. Vor allem in Bezug auf die „Protagonistin“ Tokyo tritt der weiter oben erwähnte Zwiespalt Sachbuch/Roman zu Tage. Vielleicht ist der Roman stellenweise oder auf bestimmte Weise zu sehr Sachbuch. Kein Wunder bei einem Autor, der eine sicherlich sehr lesenswerte Gebrauchsanweisung für Japan (im Piper Verlag erschienen) geschrieben hat. Andererseits: Wieso nicht mal einen Roman als Reiseführer nutzen?
Diese kleine Unstimmigkeit schmälert aber keinesfalls das Vergnügen der Lektüre. Die LeserIn möchte fast mit Yuka Sato denken: „Erst Karaoke und nun Kendo. Was kam wohl als Nächstes? Eine Partie Go für einen Gefangenaustausch? Eine Runde Mau-Mau um Leben und Tod?
An Überraschungen mangelt es nicht bei dieser an spannenden Szenen reichen Romanhandlung, auch nicht an Witz. Die Story ließe sich auf einer weniger vordergründigen Ebene zugleich als eine Art Entwicklungs-Geschichte lesen: die ProtagonistInnen Yuka Sato und Shun Nakashima laufen sich allmählich warm in diesem Roman und gewinnen zunehmend an Kontur. Vor allem Yuka Sato wächst immer mehr in ihre Rolle hinein und läuft beim finalen Showdown zu Hochform auf. Dieses Buch legt man nicht zur Seite, und schon gar nicht an dieser Stelle. Andreas Neuenkirchen weiß, wie man Spannung erzeugt und wie man sie aufrecht erhält bis zum Schluss.

An diesem Japan-Roman fasziniert also nicht nur die Story (die auch mit etwas weniger Toten und weniger Yakuza-Verwicklungen funktioniert hätte), sondern vor allem die ProtagonistInnen Yuka Sato, Nakashima, Kawase und: Tokyo. Eine durch und durch vergnügliche Lektüre. Am Ende will man als LeserIn nur eines: Yuka Sato und Shun Nakashima weiter bei ihrer Arbeit im faszinierenden Tokyo zusehen. Wir warten nun ungeduldig auf den Tokyoter Sommerkrimi.
Links:
Making of: Yoyogi Park und Harajuku
Tokyo Metropolitan Police Department

Mittwoch, 02.07.2014

Autor: Frank Berno Timm

Kein wirklicher Krimi, aber toll zu lesen

farnese72 Eine Nonne kommt in Rom einem Mann zur Hilfe, der blutend und schwer verletzt am Straßenrand liegt. Sie renigt sein Gesicht, sie spricht ihm Trostworte zu, dann bringt sie ihn um. Mit dieser äußerst blutigen Szene beginnt Barbara Wenz’ “Farnese-Komplott”.
Schauplatz ist – grob gesagt – der Vatikan. Eine deutsche Journalistin will sich ihren Lebenstraum erfüllen und den neuen Job als Korrespondentin antreten. Sie findet die Wohnung des Vorgängers aufgebrochen vor und entgeht nur knapp einem Anschlag.
Es geht um viel: das Volto Santo, ein Schleiertuch, das das Gesicht von Jesus Christus zeigen soll. Terrorismus, korrupte Polizei, das Innenleben des Vatikans. Barbara Wenz entfaltet eine Erzählwelt, der man sich als Leser gern anvertraut. Ihre Bilder sind zugleich kräftig und fein gezeichnet, die Chraktere deutlich, die Story weithin einleuchtend – obwohl auch sie der Versuchung nicht entgeht, immer noch mehr hineinzupacken.
Das gilt auch für den Kniff, mehr als eine Erzählebene einzuführen: Barbara Wenz verfolgt die Geschichte des Schweißtuchs bis zu seinen Anfängen zurück; seinen Weg aus Jerusalem bis nach Rom. Hier stecken gleichsam weitere, historische Romane, das könnte Lust auf mehr machen.

Der eigentliche Krimiplot kulminiert in der Idee, dass ein weiteres Mitglied der Farnese-Familie sich als Gegenspieler des ermittelnden Monsignore – ein früherer, in Nahkampf ausgebildeter Elitesoldat, nun ja – entpuppt. Mit infamen, sehr hinterhältigen Methoden sollen Staat und Vatikan destabilisiert werden. Das klingt ein bisschen nach Weltverschwörung, schlicht nach Wahnsinn. Gewiss: Die Welt ist genau so schlecht, und seit den Eskapaden des Bunga-Bunga-Cavaliere ist man ohnehin geneigt, den demokratischen Verhältnissen bei unseren Nachbarn nicht allzu viel Substanz zu zu messen. Aber so? Mit einem Terrornetzwerk, das linke Anschläge vortäuscht, in Wirklichkeit aber ganz anders drauf ist?

Ein bisschen übertrieben kommt einem auch die Machart vor, mit der Barbara Wenz ihre Dialoge der zentralen Geschichte gestaltet:  Da liest man ein bisschen häufig “Per carità!”, “Essato!” – italienisierende Farbtöne. Vielleicht findet sich der Lesende ja auch ohne diese sprachlichen Spielereien in Italien wieder?

Wer den Blog der Kollegin liest, kennt Barbara Wenz ohnehin als sehr sprachkräftige, zuweilen scharfe, manchmal poetische Schreiberin. Vor Jahren bestritt sie das Nachtbrevier mit einer früheren Fassung des Farnese-Komplotts, die blendend erzählt war. Das Buch ist eine andere, äußerst lesenswerte Geschichte geworden – vielleicht kein “klassischer” Krimi, aber das macht nichts.

(Frank Berno Timm)

Barbara Wenz, Das Farnese-Komplott, Emons-Verlag, 9,90 €

Donnerstag, 26.06.2014

Autor: Andrea Brücken

Falko Löffler: Bin ich blöd und fahr in Urlaub?

Falko Löffler

Reisen oder nicht reisen, das ist hier die Frage.

Nein, ist sie eigentlich nicht. Denn in dem Buch “Bin ich blöd und fahr in Urlaub” dreht sich alles um die Vorteile des Stubenhockens.

Eingeordnet in der Kategorie Humor ist das Buch – sprachlich ist es auf starke Übertreibungen ausgerichtet, so dass ein Schwarzweiß-Bild entsteht, bei dem es deutlich einen Gewinner und einen Verlierer gibt.

Auf den ersten fünfzig Seiten werden vom Autor die Vorteile eines Lebens auf dem heimischen Sofa hervorgehoben, der Stubenhocker als “besserer Mensch” definiert und erste “Reiselügen” enttarnt. Wer den Hitchhiker’s Guide To The Galaxy liebt, wird nach wenigen Seiten geneigt sein, das Buch einem Nachbarn in die Hand zu drücken, der sich niemals mit Handtuch über der Schulter auf ein Vogonenschiff begeben würde – nicht ohne zu betonen, dass das Leben als Anhalter auf einem Vogonenraumschiff tatsächlich als sehr unbequeme Reiseform angesehen werden kann.

Alle anderen Leser, die schon einmal schlechte Erfahrungen mit dem Reisen gemacht haben oder grundsätzlich voreingenommen sind aufgrund von Hörensagen-Geschichten, könnten das Buch allerdings genießen. Denn sie halten einen detaillierten “Reisevermeidungsführer” in der Hand, der alle Eventualitäten begutachtet.

Reisen mit Kindern, Ferien auf dem Bauernhof, Bildungsreisen und Kreuzfahrten werden gründlich auf ihre Nachteile abgeklopft. Das Packen der Koffer bekommt sein Fett genauso weg wie die Reiseziele, die Unterbringung in Hotels und die Wahl des Verkehrsmittels. Egal, ob Auto, Bahn oder Flugzeug – bei allen gibt es gute Gründe, sie nicht zu nutzen. Nichtreisen scheint in vielerlei Hinsicht die bessere Alternative zu sein, wenn man den Worten des Autors Glauben schenkt.

Nun gut, für jedes Argument gegen Reisen könnte man auch eines dafür finden, letztlich ist das eine Frage des Blickwinkels. Fast Jeder hat in irgendeinem Urlaub Befremdliches, Überraschendes oder Erstaunliches erlebt, hier dockt das Buch an und will zum Schmunzeln verführen. Humor ist jedenfalls nicht gleich Humor, es wird wohl vom jeweiligen Leser abhängen, ob das Lächeln sich einstellt oder nicht. Daher ist es bei “humorigen” Büchern auch ratsam, sich vor dem Kauf eine Leseprobe zu suchen. Wem die gefällt, der wird sich auch gut unterhalten fühlen.

(Andrea Brücken)

Falko Löffler
Bin ich blöd und fahr in Urlaub?
Zuhausebleiben ist der beste Trip

2014, Originalausgabe.
Taschenbuch, Klappenbroschur, 240 Seiten

Goldmann
ISBN: 978-3-442-15819-5
€ 8,99 [D] | € 9,30 [A] | CHF 13,50

Mittwoch, 25.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

Dimitri Verhulst: »Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau«Was wäre, wenn man seiner Umwelt vorspielen würde, man wäre dement und würde in einem entsprechenden Heim untergebracht? Würde man damit nicht auch ein gewisses Maß an Freiheit gewinnen? Mit dieser Idee spielt der flämische Autor Dimitri Verhulst, geboren 1972, in seinem Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“. Besagter Bibliothekar, Désiré (mir war nicht klar, dass das auch ein männlicher Vorname sein kann) Cordier, 74 Jahre alt, liefert eine schauspielerische Glanzleistung ab, um von seiner verhassten Frau, unter deren Pantoffel er steht, wegzukommen und in ein Heim für Demenzkranke umziehen zu dürfen. Dort tut er nicht viel mehr als sein Schauspiel fortzusetzen und die anderen Bewohner zu beobachten. Unter anderem trifft er auch eine Jugendliebe wieder.

Grundidee und viele Einfälle in diesem Buch sind witzig, aber länger als 140 Seiten – so dünn ist dieses Romänchen – trägt die Idee auch nicht. Man wartet immer darauf, dass irgendeine Art von Wende eintritt, dass unser Held irgendeinen Grund findet, seine Maskerade aufzugeben und sich für irgendetwas einzusetzen. Doch Fehlanzeige. Die Geschichte plätschert bis zu ihrem schnellen Ende dahin und nährt sich von ihrer Grundidee. Das reicht für eine humorige und unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, für mehr aber auch nicht.

Auch muss man wohl darüber hinwegsehen, dass der Roman die Frage nie beantwortet, warum unser Held eigentlich den ganzen Aufwand auf sich nimmt und sich nicht einfach scheiden lässt. Und worin nun genau das Mehr an Lebensqualität besteht, dass Désiré als sabbernder Laienschauspieler unter echten Demenzkranken in dem Heim erfährt, erschließt sich mir auch nicht. Oder ist es zu kleinlich, solche Fragen zu stellen angesichts des nicht ernst gemeinten Stoffs? Wahrscheinlich.

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau.
Luchterhand, April 2014.
144 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Samstag, 21.06.2014

Autor: Annette

Martín Caparrós: Die Ewigen

martín-caparrósMartín Caparrós’ Roman “Die Ewigen”, der 2011 mit dem spanischen Premio Heralde ausgezeichnet wurde, liegt nun in der Übersetzung von Sabine Giersberg auch auf Deutsch vor. Martín Caparrós erzählt darin die Geschichte des Jungen Juan Domingo Remondo, genannt Nito, der in den 70iger Jahren in Buenos Aires aufwächst.

Er lebt bei seiner Mutter und deren Freund Beto. Sein Vater ist verschwunden. Die Gründe erfährt Nito erst, als er fast erwachsen ist. Den Verlust spürt er seine ganze Kindheit über. Das Verschwinden des Vaters, so viel sei vorweg genommen, hat nichts mit der Militärdiktatur zu tun.

Nito ist ein Außenseiter, kleinwüchsig, früh in die Welt der Erwachsenen geraten, ein bisschen zu schlau für seine Klassenkameraden und mit einer zerstörerischen Energie ausgestattet, deren erstes Opfer die Lehrerin Senorita Alicja wird. Neben Sex beschäftigt er sich viel mit existentiellen Fragen. Nito, den die Oberflächlichkeit und Verlogenheit der Erwachsenen abstößt, findet keine Perspektive und lebt als Halbwüchsiger mehr und mehr in den Tag hinein.

Bis er sein Talent entdeckt, Menschen durch Worte in seinen Bann zu ziehen und ihnen den Tod vor Augen zu führen. Sein erstes Opfer wird der Mann, den er für den Tod seines Vaters verantwortlich macht. Der skrupellose Pastor Trafálgar erkennt in Nito daraufhin ein nützliches Werkzeug bei seiner Missionierungsarbeit. Also beginnt Nito fremden Männern von ihrem Tod zu erzählen und sie – in ihrer Todesangst – zurück in die Arme der Kirche zu treiben, bis er selbst eine solche “Ankündigung” erhält und verschwinden muss.

Der Roman des 1957 in Buenos Aires geborenen Caparrós ist provokant. Er lässt sich vor dem Hintergrund der jüngsten argentinischen Vergangenheit als Aufruf gegen das Verdrängen lesen. Seine Beobachtungen sind scharfsinnig und sehr überzeugend. Als Erzähler hält sich Caparrós für meinen Geschmack aber deutlich zu lange beim Kennenlernen der Eltern und der Zeugungsgeschichte Nitos auf. Über die ersten 200 Seiten retteten mich die kurzen eingeschobenen Dialoge zwischen Nito, dem Künstler Carpanta und seiner Freundin Titina, mit denen Caparrós auf das Finale hinarbeitet:

Mit der Erfindung der “Living” – so auch der Titel des spanischen Originals – kippt das Nebeneinander von Leben und Tod ins Groteske. Dem Aktionskünstler und Geschäftsmann Carpanta gelingt schließlich ein Coup, der Nito zum Star macht und in die Nähe einer Präsidentschaftskandidatur rückt.

Cover: BerlinVerlag

Freitag, 20.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten

Jess Walter: »Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten«Der ehemalige Wirtschaftsjournalist Matt Prior hat ein paar Probleme: Seine Frau geht fremd, er hat einen demenzkranken Vater zu betreuen, kann die Raten für sein Haus nicht mehr zahlen und ist arbeitslos.

Eine seiner Ideen, sich aus der Misere zu befreien, ist eine Homepage zu betreiben, die sich auf poetische Weise mit Wirtschaftsthemen beschäftigt. Der Versuch geht schief, weil sich kein Mensch für ein solches Internetangebot interessiert, wie der Leser sich leicht denken kann. Dann trifft er beim nächtlichen Milchkauf am Kiosk ein paar zwielichtige Gestalten und seine nächste Fehlentscheidung wird geboren: Matt beschließt, unter die Drogendealer zu gehen …

Dem 1965 geborenen amerikanischen Journalisten und Schriftsteller Jess Walter ist ein höchst unterhaltsamer, warmherziger und sympathischer Roman mit überraschenden Wendungen gelungen. Er zeigt viel Herz für diejenigen unter uns, die mit zwei linken Händen nicht nur Schwierigkeiten beim Bau eines Baumhauses für die Kinder haben, sondern auch sonst gerne mal auf der Seite derjenigen stehen, die mit den wachsenden Ansprüchen unserer Gesellschaft nicht mehr klarkommen und dazu neigen, im Leben mal die falsche Entscheidung zu treffen. Natürlich ist das Ganze nebenbei eine vortreffliche Gesellschafts- und Materialismuskritik.

Wenn man‘s positiv sehen will, kann man dieses Buch aber auch als Mutmacher für alle Gescheiterten lesen – im Sinne von: Egal wie schlimm, es gerade ist, steh auf und mach weiter, es wird schon wieder bergauf gehen.

Erstaunlich ist, dass dieser Roman, der im Original bereits 2009 entstanden, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden ist, ganz anders daherkommt als Walters „Schöne Ruinen“, in Deutschland 2013 erschienen. Stand jenes Werk ein wenig am Rande des Kitsches, ist der talentierte Poet rotzfrech und witzig – ein Zeichen für die große Vielseitigkeit des Autors. Die stellt er auch mit einigen Gedichten unter Beweis, die er immer mal wieder – in Anlehnung an die Talente seiner Hauptfigur – in den Text einbaut. Auch das trägt zu Unterhaltung und Abwechslung bei.

Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten.
Blessing, Mai 2014.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Montag, 16.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Katherine Dunn: Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie

Katherine Dunn: »Binewskis - Verfall einer radioaktiven Familie«„Geek Love“ von Katherine Dunn hatte in den 90er-Jahren in Amerika wahren Kultstatus. Prominente wie Nirvana-Frontman Kurt Cobain oder Regisseur Terry Gilliam zählten den Roman zu ihren Lieblingsbüchern.

Umso verwunderlicher ist es, dass er erst jetzt – 25 Jahre später – unter dem Titel „Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie“ auf Deutsch erschienen ist.

Die Binewskis sind eine Zirkusfamilie mit fünf sehr absonderlichen Kindern. Da ist Aquaboy Arturo, der anstelle von Armen und Beinen Flossen hat, die ewig streitenden siamesischen Zwillinge Elly und Iphi, die bucklige Zwergin Olympia, aus deren Sicht die Geschichte erzählt ist – und schließlich Chick, den die Eltern erst aussetzen wollten, weil er zu normal schien. Doch dann stellt sich heraus, dass auch er eine ganz besondere Eigenschaft hat. Natürlich sind diese Kinder nicht von selbst so geworden, wie sie sind. Die Eltern Al und Lil haben mit allerlei Medikamenten vor und während der Schwangerschaft nachgeholfen, denn schließlich brauchen sie für ihren Zirkus Freaks, die Geld bringen.

Der Roman stellt herkömmliche Anschauungen auf den Kopf. In der Welt der Binewskis gilt Normalität oder gar Schönheit gar nichts, das Absonderliche aber wird verehrt. Diesen Aspekt treibt die Autorin im weiteren Verlauf des Buches ins Groteske, indem sie eine Sekte in Erscheinung treten lässt, deren Mitglieder um jeden Preis so werden wollen wie Fischmann Arturo und sich dafür sogar verstümmeln lassen.

Auf einer zweiten Erzählebene, die 20 oder 30 Jahre nach diesen Ereignissen spielt, spürt Zwergin Olympia einer Frau nach, die andere Frauen verunstaltet, um sie für Männer unattraktiv zu machen. Sie will diese Frauen damit unabhängig von Männern machen und ihre wahren Talente zum Vorschein bringen.

Kritik am Schönheitswahn stecken in diesem sehr außergewöhnlichen Roman ebenso wie an einer allzu leicht beeinflussbaren Gesellschaft. Insgesamt ist „Binewskis“ extrem empfehlenswert.
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Katherine Dunn: Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie.
Berlin-Verlag, Mai 2014.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 13.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Evelyn Waugh: Verfall und Untergang

Evelyn Waugh: »Verfall und Untergang«Der Diogenes-Verlag hat ein Meisterwerk des schwarzen englischen Humors aus dem Jahre 1928 neu übersetzen lassen: „Verfall und Untergang“ des (männlichen) britischen Schriftstellers mit dem Frauen-Vornamen: Evelyn Waugh (1903 – 1966).

Paul hat Pech: Für ein angebliches Vergehen, an dem er keine Schuld trägt, wird er vom College verwiesen, bevor er sich als Lehrer in einer schlechten Schule irgendwo auf dem Lande versucht. Dort jedoch sind die Kollegen unfähig und die Schüler kleine Monster. Dann scheint sich Pauls Leben ins Positive zu wenden. Eine steinreiche englische Lady möchte ihn heiraten.

„Verfall und Untergang“ dürfte vor allem Lesern mit Faible für alles Britische gefallen. Besonders die Aristokratie vom Beginn des vorigen Jahrhunderts mit Landhaus, Hauspersonal, distinguierten Manieren, aber der sprichwörtlicher Leiche im Keller bekommt ihr Fett weg.

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Evelyn Waugh: Verfall und Untergang (1928).
Diogenes, April 2014.
299 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,90 Euro.

Samstag, 31.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Laurent Seksik: Der Fall Eduard Einstein

Laurent Seksik: »Der Fall Eduard Einstein«Albert Einstein hatte zwei Söhne. Einer von ihnen – Eduard – war schizophren und verbrachte die Hälfte seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt in Zürich. Das Verhältnis von Vater und Sohn war schwierig. Albert hatte zeitweise offenbar sogar Angst, sich seinem Sohn, der zu unkontrollierten Ausbrüchen und Aggressionen gegenüber seinem Vater neigte, zu nähern. Ohnehin floh der Physik-Nobelpreisträger Ende 1932 vor den Nazis in die USA, sodass eine Begegnung mit Eduard schon rein räumlich aufwändig gewesen wäre.

Aus diesem Themenkomplex hat der 1962 geborene französische Schriftsteller Laurent Seksik einen Roman gemacht. Darin begibt er sich mal in den Kopf des Sohnes und mal in den des Vaters. Auch Einsteins erste Frau Mileva Maric, die sich aufopferungsvoll um den kranken Eduard kümmert, ihrem Ex-Ehemann aber zunehmend negativ gegenübersteht, kommt neben einigen anderen Persönlichkeiten aus dem näheren Umfeld Alberts und Eduards zu Wort.

Romane über Menschen, die wirklich gelebt haben, lösen immer ein leichtes Unbehagen aus, das von der nicht zu beantwortenden Frage ausgeht, woher der Autor 80 Jahre nach bestimmten Ereignissen wissen will, was diese oder jene Person in dieser oder jener Situation gedacht hat.

Laurent Seksik scheint sich dieses Problems bewusst zu sein: Er dringt nicht allzu tief in die Gedankenwelt seiner Figuren vor. Das jedoch führt zum nächsten Problem: Der Roman dümpelt ein wenig an der Oberfläche dahin, wirkt stellenweise eher wie ein Sachbuch, das lediglich die Fakten aneinanderreiht. Von einem Buch, das sich auf dem Cover explizit als „Roman“ bezeichnet, erwartet man aber mehr als nur Fakten.

Wie gut die übrigens recherchiert sind, kann nur jemand beurteilen, der sich auskennt. Es gibt jedoch bereits Stimmen – vom Einstein-Archiv in Jerusalem –, die behaupten, das Buch sei alles andere als gut recherchiert. Seksik habe ausschließlich veraltete Quellen herangezogen.

Laurent Seksik schreibt übrigens öfter Fiktionales über reale Personen: 2012 ist in Deutschland sein Roman „Vorgefühl der nahen Nacht“ erschienen, in dem es um die letzten Tage Stefan Zweigs in Brasilien geht.
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Laurent Seksik: Der Fall Eduard Einstein.
Blessing, Mai 2014.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

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