Donnerstag, 28.01.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt „schlau statt perfekt“ von Stefan Fourier 

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Dienstag, 19.01.2016

Autor: Andrea Brücken

David Sibbet: Visuelle Meetings

Visuelle-Meetings

David Sibbet ist zumindest allen bekannt, die sich mit Change-Management in großen Systemen beschäftigen. Apple und HP profitierten in den vergangenen Jahrzehnten von seiner Arbeit genauso wie verschiedene Stiftungen und gemeinnützige Organisationen. Mit seiner Beratungsfirma The Grove Consultants arbeitet er seit Anfang der 80er Jahre im Bereich Visual Literacy. Kreativität in der Kommunikation sieht David Sibbet als wirkungsvolles Mittel in einer zunehmend komplexer werdenden Welt.

Das Buch “Visual Meetings” erschien 2010 erstmalig und wurde schon im Folgejahr ins Deutsche übersetzt. Gegliedert ist es in fünf Kapitel, deren Inhalte ich kurz vorstellen will.

  1. Stellen Sie sich vor… Meetings wären wirklich lustig UND produktiv!

Zunächst plaudert Sibbet ein bisschen aus dem Nähkästchen und schildert den Ablauf einer Leadership Expedition, die er 1985 für die neue Apple University entwickelte. Schon hier zeigt sich seine Liebe zum Storytelling, die man bei allen visuell Arbeitenden findet. Im Anschluss erläutert er, wie sich aufgrund dieser Erfahrungen bestimmte Muster herauskristallisierten: daß Menschen, die visuell begleitet werden, Prozesse besser nachvollziehen, andere Fragen stellen, Informationen besser speichern und Muster leichter erkennen. Wichtig scheint ihm außerdem, Meetingziele im Vorfeld zu visualisieren, um Teilnahmewilligkeit, Engagement und Interaktion zu fördern.

Schließlich geht er noch darauf ein, dass wir Menschen von Kind an als erstes die visuelle Sprache benutzen und zeigt viele einfache Übungen auf, um diese bei Erwachsenen meist verschütteteten Kenntnisse zu reaktivieren. Ein kleines 1 x 1 an Formen, Linien und Strichmännchen wird zur Verfügung gestellt wie auch Tipps für das Arbeiten an großformatigen Charts und in Notizbüchern. Ergänzt werden diese Techniken durch Methoden zur Gliederung und durch diverse Beispiele für Einsatzszenarien.

  1. Gruppen beteiligen & Bezug aufbauen – Warum visuelles Zuhören wirkungsvoll (& einfach) ist

Im zweiten Abschnitt geht es zuerst vertiefend um das Aktivieren durch den Beziehungsaufbau zu den Anwesenden und die Rolle des aktiven Zuhörens. Danach folgt ein Kapitel zum visuellen Präsentieren und eins zum Beraten und Verkaufen mittels Visualisierung “auf der selben Tischseite”. Die folgenden beiden Kapitel beschäftigen sich mit dem Einsatz von Haftnotizen, Collage-Techniken und Bildkarten.

  1. Grafiken für visuelles Denken – Ideen-Mapping & Mustererkennung

Im dritten Abschnitt zieht Sibbet alle Register aus seinem Wissen in der Organisationsberatung und dem Change Management. Es geht im Kern darum, wie man Gruppen dazu bringt, aus Prozessen auch tatsächlich gewinnbringende Erkenntnisse zu ziehen. Dafür stellt er zunächst das Group Graphics Keyboard vor, ein von Grove entwickeltes Tool, dass die “Grammatik der visuellen Sprache” darstellt. Poster, Listen, Gruppen, Raster, Diagramme, Zeichnungen und Mandalas erfüllen in diesem Modell bestimmte Rollen. Danach folgen praktische Anwendungsbeispiele.

Weiter geht es dann mit Techniken wie Mindmapping, visueller Planung, Breakoutgruppen, Galeriespaziergängen, Dokumentationen und Berichten mittels Fotografie sowie Webkonferenzen.

  1. Grafiken für die Umsetzung – Visuelle Hilfsmittel für Teams, Projekte & Ergebnisse

Der vierte Abschnitt geht vor allem auf verschiedene Szenarien ein: Wie fördert man Teamleistung? Wie befeuert man die Entscheidungsfindung? Wie prüft man mit visuellen Mitteln Schritte im Rahmen von Projektmanagement? Wie moderiert man Innovationsprozesse? Welche Anwendungsmöglichkeiten gibt es im Bereich von Schulung und Workshop?

  1. Die Fäden zusammenlaufen sehen – Tools für die ernsthaft Interessierten

Die Überschrift ist ein kleines bisschen “frech” – auf jeden Fall erhält man hier noch einmal ein gerütteltes Maß an Gründen und “Ermahnungen”, dass man sich selbst gut aus- und weiterbilden beziehungsweise vorbereiten muss, um mit visuellen Techniken zu arbeiten. Enthalten ist in diesem Abschnitt auch der Hinweis auf die Digitale Welt und ihre Möglichkeiten, die ja bereits offensichtlich dazu beitragen, dass sich die moderne Arbeitswelt rasant verändert – und somit auch die Form und Umsetzung von Meetings. Hinweise auf diverse Netzwerke, Literaturvorschläge und ein Glossar schließen das Buch.

Fazit

Das Querformat von 24,0 x 17.0 cm erlaubt ein Layout, in dem der Text “innen” an der Bindekante sitzt während “außen” am Rand Platz für Scribbles, Zeichnungen und Infokästen ist. Die Texte sind gut gegliedert mit Absätzen und Zwischenüberschriften – einzig stört mich die Wahl einer doch sehr kleinen, hauchdünnen Serifen-Schrift, die ich als nicht so angenehm zu lesen empfand.

Inhaltlich ist das Buch rundum gelungen, obwohl ich persönlich auf einige der Erfahrungsgeschichten und viele theoretische Erläuterungen hätte verzichten können. Eine klarere Trennung von Theorie und Praxis hätte ich bevorzugt.

Für das praktische Arbeiten mit dem Buch empfiehlt es sich, gleich Post-it-Streifen an die Stellen zu setzen, die sich mit konkreten Übungen befassen. Man muss das Buch übrigens nicht chronologisch “lesen” sondern kann sich gut die Themen und Methoden heraussuchen, die man selbst gerade braucht.

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David Sibbet: Visuelle Meettings – Meetings und Teamarbeit durch Zeichnungen, Collagen und Ideen-Mapping produktiver gestalten

mitp-Verlag, 1. Auflage, 2011

288 Seiten, 29,95, broschiert

Visuelle Meetings: Meetings und Teamarbeit durch Zeichnungen, Collagen und Ideen-Mapping produktiver gestalten (mitp Business)

 

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Dienstag, 19.01.2016

Autor: Andreas Schröter

Richard Yates: Cold Spring Harbor

Richard Yates: Cold Spring Harbor«Mit seinem letzten Roman „Cold Spring Harbor“ aus dem Jahre 1986 schließt die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) ihre Reihe mit Romanen des 1992 gestorbenen Schriftstellers Richard Yates ab.

Und das große Thema des Amerikaners ist auch hier bestimmend: Ein einstmals verliebtes und optimistisch gestimmtes Paar startet in eine gemeinsame Zukunft – und scheitert.

In diesem Fall sind es Evan und Rachel, denen in den 40er-Jahren die Wechselfälle des Lebens zu schaffen machen – zum Beispiel Rachels trink- und tratschsüchtige Mutter Gloria, die das junge Paar notgedrungen im eigenen etwas feuchten Häuschen aufnehmen muss, weil sonst der Preis dafür nicht zu stemmen wäre. Schon bald kommt es zu eisiger Stimmung beim Abendessen, zu Streit und sogar zu Schlägen. Evan nimmt wieder Kontakt zu seiner Jugendliebe Mary auf …

In weiteren Handlungssträngen geht es um die Probleme von Evans Eltern sowie von Rachels Bruder.

Auch wenn sich Yates-Romane thematisch ähneln, sind sie Zeile für Zeile lesenswert, weil es dem Autor gelingt, seine Figuren psychologisch genau und glaubhaft zu sezieren. Der Deutschen Verlags-Anstalt gebührt daher ein dickes Dankeschön, dass sie die Yates-Romane endlich – 30 Jahre nach Erscheinen der englischsprachigen Originale – auch der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht hat.
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Richard Yates: Cold Spring Harbor.
DVA, November 2015.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 10.01.2016

Autor: Andreas Schröter

Stefan Nink: Sonntags im Maskierten Waschbär

Stefan Nink: Sonntags im Maskierten Waschbär«In „Sonntags im maskierten Waschbär“ schickt Autor Stefan Nink seinen Helden Siebeneisen bereits auf die dritte Weltreise. Siebeneisen ist ein ehemaligen Lokalredakteur aus Oer-Erkenschwick, der sich mittlerweile zum Fachmann im Auffinden von allem Verschwundenen gemausert hat. „Donnerstags im Fetten Hecht“ und „Freitags in der Faulen Kobra“ hießen seine vorherigen Abenteuer.

Diesmal geht es um die Mumie des letzten Inka-Herrschers, der der Legende nach gemeinsam mit einem riesigen Schatz bestattet worden ist. Siebeneisen und seine beiden Freunde Schatten und Wipperfürth, die sich allzuoft eher als Hemmschuh erweisen, suchen unter anderem auf den Galapagos-Inseln oder in der Atacama-Wüste.

Stefan Nink gelingt in seinen Roman eine gute Mischung aus spannendem Abenteuer und Humor. Und ganz nebenbei erfährt der Leser das eine oder andere interessante Detail aus dem Teil der Welt, in dem Siebeneisen gerade sucht – zum Beispiel über die seltenen Echsen auf den Galapagos-Inseln.

Stefan Nink schöpft dabei auch aus seinen Erfahrungen als Reise-Journalist.

Stefan Nink: Sonntags im Maskierten Waschbär.
Limes, Oktober 2015.
416 Seiten, broschiert, 14,99 Euro.

Dienstag, 29.12.2015

Autor: oliverg

#literaturwelt „Darm mit Charme“, Giulia Enders

Mini-Interview und Buchauszug:

18 Minuten bei Markus Lanz:

Weitere Guilia Enders Videos auf Youtube.

So, jetzt endlich >> auch als Podcast.

Samstag, 26.12.2015

Autor: oliverg

Lexikon: Fitness- und Ernährungsirrtümer

Mittwoch, 23.12.2015

Autor: rwmoos

November 1918. Eine deutsche Revolution: Karl und Rosa Audio-CD

Auf auf zum Kampf, zum Kampf

Dass Alfred Döblin auch ein Monumentalwerk über die Deutsche Novemberrevolution verfasst hatte, welches zunächst als nicht einmal verlegbar galt, erschien etwas spät auf meinem Schirm. Ein Verwandter hatte 1978 einen „Spiegel“ mit einer profunden Buchbesprechung des kongenialen Hans Mayer in die Zone geschmuggelt. Hans Mayers Biografie nach dem Krieg ähnelte der Döblins, was ihm ein besonderes Verständnis für dessen Situation und Denkweise eröffnete.
Der Südwestrundfunk (SWR) hat nun zusammen mit dem NDR den Mut besessen, Döblins Revolutions-Werk als Hörspiel umzuarbeiten. Wer, wenn nicht der SWR. Seinem Vorgänger, dem Süddeutschen Rundfunk, gebührt schließlich der Ruhm, seinerzeit den Prozess gegen Hermann Souchon geführt zu haben. Jenem Souchon, der der wirkliche Mörder von Rosa Luxemburg war. In dem 1919er Prozess wurde er nur inoffiziell als Zeuge geladen und kam ungeschoren davon. Erst in den 1970ern kam seine Rolle heraus. Der Süddeutsche Rundfunk machte das öffentlich und wurde von Souchon prompt verklagt. Wegen Verleumdung. Der SWR verlor, weil der damalige Richter meinte, sich auf den Prozess von 1919 beziehen zu müssen. Merkwürdige Rechtsauffassungen waren damals in der alten Bundesrepublik an der Tagesordnung. Aber gut – die Rechtsauffassungen im anderen deutschen Staat waren ja noch merkwürdiger.
Der SWR also. Die ersten beiden Teile sind schon eine Weile auf dem Markt, da kommt an Weihnachten 2015 nun auch der dritte Teil heraus, der, entsprechend der ursprünglichen Version Döblins, „Karl und Rosa“ untertitelt wurde. Erst-Sendetermin: 25. und 26.12.2015.
Wer nun eine Art historischen Roman erwartet, ein Werk, gefällig zu lesen respektive anzuhören, in etwa, wie Arnold Zweig es für gewöhnlich abzuliefern beliebte, der wird enttäuscht. Schon Döblin selig wählte als Charakteristikum seines dreiteiligen Opus‘ nicht etwa das allseits bekannte Substantiv „Roman“, sondern bezeichnete es als „Erzählwerk“. In einem gewaltigen Kraftakt versucht er darin, nicht nur die historischen Ereignisse zu fassen und zu raffen, sondern auch die dahinter liegenden Triebkräfte. Dabei lässt er sich in der ihm eigenen Singularität weder völlig auf eine materialistische Interpretation ein, wie sie über lange Zeit von seinen linken bis linksliberalen Kollegen favorisiert wurde, noch verfällt er einer rein metaphysischen Deutungsebene, wie man sie ihm, insbesondere im Nachhinein, da man von seinem Bekehrungsweg zu katholischen Mystizismus weiß, zu unterstellen geneigt ist. Er „switcht“ quasi zwischen diesen Polen hin und her. Insbesondere zeigt sich das in seiner Figur der Rosa Luxemburg – doch dazu später mehr.
Um es gleich zu sagen: Die Hörspielfassung des SWR geht mutig an die Sache heran, kann aber dem Stoff und seinem Autor nur ansatzweise gerecht werden. Nicht weil sie nicht gut genug wäre, sondern weil das Werk sich schon in seiner Schriftform einem leichten Verständnis entzieht. In einem auch nur einigermaßen überschaubaren Rahmen kann man eine solche literarische Form schlichtweg nicht dramatisieren. Angesichts dieser prinzipiellen Unmöglichkeit aber hat der SWR dann doch Großartiges geleistet. Die Sprecher-Besetzungsliste ist gegenüber den beiden zusammengefassten ersten Teilen noch einmal angewachsen und kann nur als hervorragend bezeichnet werden. Jeder Part ist – auch das nicht selbstverständlich – deutlich zu verstehen. Die entsprechenden historische Personen werden vom Sprecher (Jan Hofer) jeweils mit Namen und Angabe der Lebensspanne eingeführt – Letzteres hilft bei der historischen Eintaktung … und auch dabei, zu verifizieren, wenn sich verschiedene Generationen mit ihrem Background begegnen.

Zum Kampf sind wir geboren

Dr. Becker ist ein Protagonist des „Erzählwerks“. In „Karl und Rosa“ tritt er erst relativ spät in die Struktur ein, doch schafft es der SWR, ihn ohne Rückblende „… was bisher geschah“ einigermaßen problemfrei auch jenen Hörern gegenüber einzuführen, die die bisherigen Teile nicht kennen.
Als Weltkriegsteilnehmer verwundet, ist Dr. Becker von jedweder Kriegsverklärung geheilt und tritt damit in einen gewissen Gegensatz zu den Gymnasialhelden, die er in Griechisch unterrichten muss, und die sich schon wieder jenen Hurra-Patriotismus zu eigen machen, der dann bekanntlich in die nächste Katastrophe führte.
Indes herrschen in Berlin und andernorts bürgerkriegsähnliche Zustände, die einer vorsichtigen Bewertung zu unterziehen, sich Döblin anheischig macht. Denn obwohl jener Dr. Becker ja gerade dem Krieg abhold geworden ist, findet er sich, wenngleich in der Hauptsache aufgrund einer persönlichen vielschichtigen Zuneigung, auf den Barrikaden des Spartakusbundes wieder und dort soviel Sinn als ihm nur irgend möglich erscheint.
Da ist der Dr. Becker seinen kriegsgeilen Schülern doch wieder sehr, sehr nahe gekommen.
Wobei im Hintergrund für alle die ungelöste Frage schwingt, wer denn in revolutionären Zeiten der Souverän sei. Das Volk vielleicht? Und wer kann dann zu Recht reklamieren, das Volk hinter sich zu haben? Die Mehrheits-Sozialisten? Die USPD? Der Spartakusbund? Die Konservativen? Die Militärs? Hinzu kommt, dass deren jeweilige Eliten selbstredend für sich in Anspruch nehmen, die „wahren Interessen“ der indefiniten Mehrheit zu vertreten, selbst, wenn diese Mehrheit ihre wahren Interessen noch gar nicht kennt.

Es steht ein Mann, ein Mann, so fest wie eine Eiche

Dr. Becker, wenngleich von inneren Zweifeln zerrissen, nimmt klare Positionen ein. Interessant, wie Sebastian Rudolph dies in seiner Stimmwandlung zum Ausdruck bringt: Die klare, pointierte Rede, mit der tatsächlich Gesprochenes zum Ausdruck kommt. Und jene mephistophelisch anmutende innere Stimme, die innere Dialoge spinnt. Man muss sogar gelegentlich schwer aufmerken, um die gemeinsame Identität beider Stimmen zu begreifen.
Derart nach außen einen jeweils klaren Standpunkt vertretend, scheint Dr. Beckers Wirken schließlich von Erfolg gekrönt zu werden als schließlich sogar der Schulrat seine im Kriege geschulte Haltung trotz inhaltlicher Bedenken würdigt. Der Schein trügt.

Vielleicht ist er schon Morgen eine Leiche

Fast noch gelungener als im Buch, auch wenn beim Hörspiel Kürzungen unvermeidlich waren, wird hier durch die Vermittlung Dr. Beckers im Griechischunterricht Sophokles‘ „Antigone“ als Schlüsselbild verwendet. Interessant der Unterschied zu Hegel, bei dem die Antigone-Thematik – nicht nur in der „Phänomenologie des Geistes“ – ständig mitschwingt. Baut Hegel die Antigone-Antagonie zwischen grundlegenden Werten und genormten Gesetz aus, so ist dies bei Döblin nur vordergründiges Thema. Er lässt Dr. Becker, der in bester Antigone-Tradition die Bestattung eines Geächteten durchzieht, vielmehr als Grundfrage einer Gesellschaft fixieren, wie diese mit ihren Toten umgeht. Ist dies unter archäologischem Gesichtspunkt ohnehin die Geburtsfrage von Kult und Kultur, so gerät das Verhältnis zum Tod bei Döblin zur Grundfrage einer beständigen Gesellschaft ebenso wie zur Grundfrage des Einzelschicksals.
Werden Tote anonym bei einer Wache abgeladen (Liebknecht) oder in den Landwehrkanal geschmissen (Luxemburg), so zeigt der dahinter stehende Ungeist, wes Kind er ist. Heute gilt die Urheberschaft, zumindest das Einvernehmen von Noske und Ebert am Tod der beiden als geschichtlich gesichert. Die Frage, ob ein Liebknecht im Falle des eigenen Erfolges ebenso mit seinen Gegnern verfahren wäre, wird im Hörspiel nahe gelegt, bleibt aber offen.

Wie es so vielen unsrer Brüder ging

Das gegenseitige Gemetzel – man beschönigte es damals mit den Worten „Blutvergießen“ – klingt uns heute in Deutschland ewig fern. Doch sind genau das die Situationen, wie sie derzeit (Weihnachten 2015) in Syrien, Burundi und an so vielen anderen Orten an der Tagesordnung sind. Die Bilder von damals (Erschossene an Hauswänden in Berlin – drumherum gleichgültig blickende Menschen) gleichen denen, die ich heute in der Zeitung sah (Erschossene an Hauswänden in Bujumbura – drumherum gleichgültig blickende Menschen) auf das Haar. Greift man die Anregung von Döblin auf, so wäre die erste humanitäre Intervention, alle Parteien zu bitten, respektvoll mit den gegnerischen Toten umzugehen. Wenn dieses Hörspiel einen Schritt in diese Richtung zu leisten vermag, darf es für sich in Anspruch nehmen, Kunst im besten Sinne des Wortes zu sein.

Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen

Wie aus anderen Quellen verlautet, hat Döblin den deutschen Revolutionären eine gewisse Inkompetenz vorgeworfen, weil sie mehr auf Reden als auf Handeln setzten. Die Fraglichkeit des „Handelns“ der russischen Bolschewiki, das ja in den Massenerschießungen kumulierte, blieb dabei durchaus im Blick. Im Buch und sogar noch ein wenig drastischer jetzt im Hörspiel, wird diese Auseinandersetzung zwischen Karl Liebknecht, der sich an die Spitze der linksrevolutionären Bewegung setzte, und Rosa Luxemburg, die als theoretisierende Taktiererin beschrieben wird, gelegt. Das entspricht zwar so nicht ganz den historischen Tatsachen, bedient aber ein gängiges Mann-Frau-Klischee. Wolf-Dietrich Sprenger verleiht Liebknecht, der hier auch immer wieder gern mit „Doktor Liebknecht“ betitelt wird, dabei eine professoral angehauchte Stimme, die so gar nicht zu den blutigen Konsequenzen seiner Rhetorik passen will. Doch gerade in diesem Zusammenspiel verdeutlicht sie jene kommunistischen Gelehrten, die ihre Theorien zunächst in Russland, dann bald in vielen Ländern des Ostens durchzusetzen wussten, und die die Blutspur, die sie zogen, erst dann kritisierten, wenn sie selbst zum Zielpunkt hinter Kimme und Korn gerieten. Kamenew, Sinowjew, Trotzki – um nur einige dieser Namen zu nennen.

Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand

Rosa Luxemburg, deren innere Kämpfe angerissen, aber – ein evtl. gewollter historischer Fehler Döblins – als psychisch pathologisch dargestellt werden, war in ihrer Rhetorik und Kompromisslosigkeit potentiell mindestens genau so gefährlich wie Liebknecht. Wenn erst einmal grundlegend menschliche Werte mit der Begründung „notwendiger Opfer“ beiseite geschoben werden, ist nur noch der „innere Schweinehund“ (um einen Ideologen der anderen Extremen zu zitieren) zu überwinden. Und dann ist es keine Frage der Herkunft, der Bildung oder der guten Kinderstube mehr, wie tief man bereit ist, sich in Schuld zu verstricken, die dann als quasi indifferente Schuld eines ganzen Volkes erlebt wird. In Bezug auf den Ersten Weltkrieg erkennt Döblins Dr. Becker diese Zusammenhänge. In Bezug auf die gerade durchzuführende Revolution bleibt die Erkenntnis äußerst vage.
In der DDR hat man Liebknecht und Luxemburg für die politische Propaganda instrumentalisiert. Mit Hinsicht auf die vielseitige und -schichtige Luxemburg darf man sogar sagen: Rücksichtslos ausgeschlachtet. Es hatte einen gewissen Reiz, die staatlich gelenkten Liebknecht-Luxemburg-Demonstrationen dann dazu zu nutzen, ein Zitat von Rosa Luxemburg zur Bekanntheit zu bringen, dass den Herrschenden alles andere als angenehm war: „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“. Ein propagandistischer Coup, der, wie sich einige Eingeweihte erinnern, mit ganz am Anfang der Wende-Bewegung in der Zone stand. Damals zirkelten in den oppositionellen Kreisen ihre Briefe aus dem Gefängnis, die das Bild einer ganz anderen, hoch sensiblen Frau aufzeigten. Diese Wahrnehmung war aber genau so einseitig, denn es gab auch die Scharfmacherin Luxemburg, die jederzeit einer Hilde Benjamin ebenbürtig geworden wäre.
Im Hörspiel verleiht Judith Hofmann Luxemburg ihre Stimme. Auch hier wird ein deutlicher Unterschied zwischen der sensiblen Gefangenen, ihrer psychologisch anfragbaren Nicht-Verarbeitung einer Trennung einerseits und der Rhetorikerin und Parteipolitikerin andererseits herausgearbeitet. Der erste Part gelingt Hofmann phantastisch, der zweite erscheint mir ein wenig zu steril gesprochen. Nachweislich hat die historische Rosa Luxemburg Massen begeistern können. Auch weil sie sich selbst begeistern konnte. Davon merkt man hier zu wenig.

Wir fürchten nicht ja nicht, die Noske-Polizei

Zur Verdeutlichung der historischen Lage konnte Döblins Roman einerseits nur bedingt beitragen, da viele Dokumente und Zeugnisse erst später auftauchten. Andererseits erstaunt die Sicherheit, mit der er das Zweckbündnis zwischen der Generalität (Groening) und der Sozialdemokratie (Ebert mit Noske als „Bluthund“) beschrieb. Dem Gros der Gesellschaft schien die Behauptung eines solchen, eigentlich beiden Parteien wesensfremd erscheinenden, Bündnisses lediglich kommunistische Propaganda zu sein.
Ein heutiges Urteil fällt nicht leicht. Für ein reichliches Jahrzehnt konnten die Links-Mitte-Regierungen der Weimarer mit harschem Durchgreifen gegen die extreme Rechte wie gegen die extreme Linke einen relativ friedlichen Staus Quo sichern. Gereicht hat es nicht. Und wenn ich hier Euphemismen wie „harsches Durchgreifen“ gebrauche, muss ich mich fragen lassen, ob ich nicht selbst dem irrigen Gedanken der „notwendigen Opfer“ erlegen bin. Döblin hat versucht, ihn religiös aufzulösen und hat damit bekanntlich Brecht & Co peinlich berührt. Doch ob die Frage, ob solche Menschen-Opfer wirklich nötig sind, „irreligiös“ (so die diesbezügliche Brechtsche Wortschöpfung) aufgelöst werden kann, sei ebenso dahin gestellt.

Insgesamt geht ein herzlicher Dank an SWR & NDR für diese Produktion. Das Zuhören lohnt allemal. Allerdings sind dabei z.B. im Auto komplizierte Verkehrslagen zu meiden: Dieses Hörspiel erfordert höchste Aufmerksamkeit.
Empfundene Schwächen sind nicht der Umsetzung als Hörspiel geschuldet, sondern liegen in der Natur der Dinge. Döblins sehr eigen gestaltetes Opus sträubt sich gegen eine Dramatisierung. Diese Widerborstigkeit nicht geleugnet, sondern in eine ebenfalls sehr eigene Form gegossen zu haben, ist ein Verdienst der Produzenten und von Regisseurin Iris Drögekamp.

Reinhard W. Moosdorf
Dezember 2015

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Sonntag, 20.12.2015

Autor: Andreas Schröter

Christian Haller: Die verborgenen Ufer

Christian Haller: Die verborgenen Ufer«In seinem autobiografischen Roman „Die verborgenen Ufer“ blickt Christian Haller auf seine eigene Entwicklung vom Kind zum jungen Mann zurück.

Immer wieder wird im Verlauf der Handlung deutlich, wie wenig Haller als jemand, der gerne Gedichte schreibt und nach verschütteten Artefakten aus längst vergangenen Zeiten gräbt, mit den Erfordernissen eines rauen Alltags zurechtkommt. Das fängt in der Schule an, wo er auf einen prügelnden Pädagogen trifft, und setzt sich Jahre später im Schauspielseminar fort – und nicht nur dort.

Haller eckt mit den Eltern an, die (natürlich) von ihm verlangen, einen handfesten Beruf zu ergreifen. Stattdessen landet er als Aushilfe in einer Buchhandlung, die kurz vorm Bankrott steht. So weit, so klischeehaft: So oder so ähnlich kann man das sicher in hunderten Künstlerbiografien finden.

Was bei diesem Buch aus dem Rahmen fällt, ist die verkrampfte Art, mit der der junge Christian Haller mit Frauen umgeht. Obwohl bereits 19 Jahre alt, verzichtet er auf eine gemeinsame Urlaubsreise mit der Freundin, weil der Vater es nicht erlaubt hat. Später will er mit einer anderen Frau nicht schlafen, weil er den gängigen Verhütungsmethoden misstraut. Das alles steht sicherlich auch für die Zeit, über die der heute 72-jährige Schweizer Autor schreibt: die 60er-Jahre. Und doch sind das Aspekte, die einem Leser von heute den Roman entfremden könnten. Der Grat zwischen bewunderungswürdiger – weil sensibel empfindsamer – Künstlerseele und einem einfach nur schrecklich biederen und verklemmten Jüngling ist dünn.

Obwohl: Das kann man natürlich auch positiv sehen. Haller ist in diesem Buch nicht darauf bedacht, sich selbst ausschließlich im rosaroten Licht darzustellen.
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Christian Haller: Die verborgenen Ufer.
Luchterhand, November 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 06.12.2015

Autor: oliverg

Kaspar, Niks und das Schwimmen im Kalten – ein Interview zu “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein” von Chris Inken Soppa

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Oliver Gassner:
Hallo Chris, 2015 war ja ein Stressjahr für dich, publizistisch: Das „Animalikon“ mit Bildern von deinem Mann Ralf Staiger und kurzen Notaten von Dir zu den dort abgebildeten Tieren, „Kaspar und die verschwundene Riechkugel“, ein reich illustrierter Kinderkrimi zur Zeit des Konstanzer Konzils und jetzt auch noch “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein“, ein weiterer Bodensee-Konstanz-Figuren-Roman. Wie schafft man das alles?

Chris Inken Soppa:
Man arbeitet viel am Wochenende. Einmal pro Woche gemeinsam in die Weinstube zum Ideenfinden, und Laufen und Schwimmen im Kalten. Das klärt den Kopf.

Oliver Gassner:
Aber 2016 gehst du es ruhiger an, oder powern Ralf Staiger und du jetzt weiter mit einem zweiten Kaspar-Band, so lange der Konzil-Hype anhält?

Chris Inken Soppa:
Spaß und Ideen hätten wir. Vielleicht gar zu Els, dem gleichaltrigen Mädchen, das Kaspar hilft. Die beiden könnten die Kaufleute nach Aragon begleiten … inklusive Piraten, Raubrittern, Korallen und Safran, Schatztruhen und vielen Abenteuern. Ein Thema, das auch übers Konzil hinausreichen würde. Vielleicht haben die jungen und alten Leser ja Lust auf einen zweiten Teil.

Oliver Gassner:
Wie ist denn bisher das Feedback zum „Kaspar“. Das ist ja schon ein sehr untypisches Kinderbuch, wenn man sich Textmenge und Illustrationsmenge so ansieht. Und ich habe ja auch mitbekommen, wie detailversessen ihr recherchiert habt.

Chris Inken Soppa:
Ich denke, man muss es sehen, in der Hand halten, dann erst nimmt man die schöne Machart und die Illustrationen so richtig wahr. Bei Lesungen reagieren Kinder wie Eltern begeistert, weil sie spannende Sachen im Buch entdecken können. Wer weiß denn schon, was eine Riechkugel überhaupt ist? Oder ein Donnergugi? Oder, dass es in Konstanz eine “Mordergasse” gab? Die Kids sollten aber älter als acht Jahre sein. Neulich im Archäologischen Landesmuseum kam ein Junge zu uns, acht oder neun, der sagte, er sei eine echte Leseratte und wollte das Buch unbedingt kaufen.
Recherchiert haben wir tatsächlich sehr viel und dabei unsere Stadt noch mal ganz neu kennengelernt. Wir waren sogar im Konstanzer Stadtarchiv, um in den Steuerlisten von 1418 zu blättern. Die existieren noch.

Oliver Gassner:
Aber lass uns in den kalten Seerhein steigen. In deinen früheren Romanen „Ring der Narren“ und „Unter Wasser“ gab es ja immer auch Frauenfiguren, die standen aber nicht so im Mittelpunkt wie jetzt die Figur Niks in der „Kalypso“. War das eine bewusste Entscheidung, sich diesmal auf eine Einzelfigur, und dazu eine weibliche zu konzentrieren?

Chris Inken Soppa:
Beim Bad im Seerhein hab ich immer wieder eine ältere Dame gesehen, die wie Niks aussah. Ich sprach sie allerdings nie an … allein ihre Erscheinung inspirierte mich, mir einen Namen, eine Biographie und eine Geschichte für sie auszudenken. Daraus entstand dann „Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein“.

Oliver Gassner:
Ja, im Gegenteil zu deinen sonstigen zentral-Figuren ist mir diesmal auch aufgefallen, dass du nach den „Jüngeren und Gleichaltrigen“ jetzt eher eine „kranke Alte“ in den Mittelpunkt stellst. War es schwierig, diese Figur so anzulegen?

Chris Inken Soppa:
Nun, krank ist sie ja erst mal nicht … sie erfährt erst im Lauf der Geschichte, dass sie einen Herzfehler hat, das ist durchaus metaphorisch zu sehen. Sie ist eine robuste Alleinstehende, die immer für sich selbst sorgen musste. Sie hat einen freundlichen Bezug zur Welt, sich aber meist aus allem rausgehalten.
Die Figur entwickelte sich beim Schreiben. Seite für Seite hab ich mehr erfahren über Niks. Sie ist ein sehr starker, selbständiger Charakter … selbst als ihre Erschafferin fand ich es zuweilen schwer, sie im Zaum zu halten.

Oliver Gassner:
Lass mich kurz die Story rekapitulieren: Niks ist eine allein lebende, kürzlich pensionierte Frau mit Herzfehler, die die Angewohnheit hat, zu jeder Jahreszeit im Seerhein zu baden. Wir erleben sie im Roman im Beziehungsgeflecht zu früheren Kolleginnen, der Frau ihres kürzlich verstorbenen Chefs und Ex-Lovers und zum Sohn einer Ex-Kollegin, den diese halb zwangsweise bei ihr einquartiert. Sie war – wie du – früher beim Regionalfunk, Du allerdings beim TV, sie beim Radio. Hatte dieser gemeinsame Background eine Hilfsfunktion, um dich näher an die Figur zu bringen?

Chris Inken Soppa:
Eigentlich bin ich auch eine Radiofrau. Habe dort bei verschiedenen Sendern als Nachrichtenredakteurin gearbeitet, genau wie Niks. Den Beruf für sie wählte ich, weil ich ihn kenne und er gut zu ihr passt. Man muss sehr schnell und selbständig arbeiten bei den Nachrichten – und man trifft auch viele schräge Vögel dort.

Oliver Gassner:
Ohne jetzt zu sehr ins Literarisch-Kategoristische zu gehen fallen mir ein paar Dinge auf: Der Anklang an Joyce, der ja auch die griechische Sage – besser: das Epos – als Romanstruktur verwendet und die Überlegung, dass das Ganze ja vielleicht eher eine Novelle ist, als ein Roman, weil sich der Text doch eher um das “unerhörte Ereignis” rankt, das man im ganzen Text kommen sieht, das wir hier aber natürlich nicht verraten. Was waren deine, sagen wir: narrativen, Ansätze bei dem Text?

Chris Inken Soppa:
Ja, Kalypso ist eben die Meernymphe, die den Helden bei sich aufnimmt und ihn nicht wieder gehen lassen will. Es gibt auch ein sehr schönes Lied von Suzanne Vega dazu, das hat mich über die Jahre immer begleitet. Und die griechischen Helden- und Göttersagen las ich als Kind schon gern, Joyces „Ulysses“ später, als ich in Dublin lebte. All das floss ein beim Schreiben, ohne, dass ich mir große Gedanken über die Kategorien gemacht hätte.

Oliver Gassner:
Alter und Jugend, Paare und Liebschaften, Familie und Freiheit so könnte man ja das thematische Feld und dessen Pole abstecken. Niks, die sich primär bei den verheirateten Männern bedient und jede Bindung scheut, ihr junger Gast, der sich auf dem Weg in die Freiheit weder bei ihr noch in seiner Clique richtig heimisch fühlt und eine ganze Phalanx von Nebenfiguren, bei denen im Leben nichts so zu laufen scheint, wie es soll. Ist das Leben, wie John Lennon einmal gesagt hat, ohnehin das, was passiert, während wir andere Pläne machen? Und lässt sich bei solchen Lebenserfahrungen im Roman überhaupt noch irgend ein großer Plan skizzieren? Sind deswegen Krimis so beliebt, weil man da wenigstens noch eine Art Auflösung der Konflikte modellieren kann? Das waren so Gedanken, zu denen mich das Buch angeregt hat.

Chris Inken Soppa:
Möglicherweise. Im Krimi siegt ja meist das Gute über das Böse. Oder wenigstens gibt’s eine Auflösung. Aber die Charaktere sind dort oft eher uneigenständig, da sie innerhalb des Plots eine Funktion erfüllen müssen. Bei „Kalypso“ ist das genau umgekehrt. Niks versucht, wie wir alle, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Ob sie dabei erfolgreich ist oder scheitert, das hängt davon ab, wie der Leser es liest. Das find ich interessanter als den großen Plan, den es vermutlich ohnehin nicht gibt. Da hat John Lennon wohl recht.

Oliver Gassner:
Wie ich dich kenne, arbeitest du schon am nächsten Text. Was außer einem “Kaspar reloaded” können wir aus deiner Tastatur demnächst erwarten, gibst du uns eine Sneak Preview?

Chris Inken Soppa:
Derzeit sitze ich an meiner ersten Übersetzungsarbeit vom Englischen ins Deutsche. „Rock Garden“ des irischen Schriftstellers Leo Daly handelt vom Leben auf den Aran-Inseln im Westen Irlands. Wenn alles gut geht, wird es 2017 bei edition karo erscheinen.

Oliver Gassner:
Dann sind wir mal gespannt, danke für das Gespräch :).

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Freitag, 04.12.2015

Autor: Andreas Schröter

Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre

Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre«Ali Eskandarian, ein aus dem Iran stammenden Musiker, kam 2013 im Alter von nur 35 Jahren bei einem Amoklauf eines Musikerkollegen im New Yorker Stadtteil Brooklyn ums Leben.

Kurz vorher hatte er den autobiographischen Roman „Die goldenen Jahre“ verfasst, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Es geht darin um das wilde Leben des Autors als Musiker wenige Jahre vor seinem Tod.

Er lebt in einem Loft, in dem viele Menschen aus- und eingehen – manchmal findet er sie sogar in seinem Bett –, nimmt Drogen und ist ständig auf der Suche nach Frauen, mit denen er mal nur die Nacht, mal das ganze Leben verbringen will. Kurz gesagt: Das Buch besteht aus den berühmten Zutaten Sex & Drugs & Rock ‘n‘ Roll.

Doch „Die goldenen Jahre“ ist mehr als das. Dieser äußerst intensive, hochemotionale und an keiner Stelle langweilige Roman thematisiert auch die Zerrissenheit eines iranischen Migranten in den USA, und er zeigt, wie einsam sich ein Mensch selbst dann fühlen kann, wenn er permanent von anderen umgeben ist. Und er ist ein großer Liebesroman, nur dass es nicht immer dieselbe Frau ist, die Eskandarian zutiefst verehrt.

Manchmal erinnert dieses Buch, das zuweilen auch als „Punk-Beat-Roman“ in Anlehnung an Autoren wie Jack Kerouac oder William S. Burroughs bezeichnet wird, fast an die besten Passagen in Werken wie „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller, verzichtet aber auf die manchmal schwer verständlichen philosophischen Ausschweifungen Millers, was das Werk Eskandarians im Vergleich deutlich rasanter macht.

Und es ist stilistisch richtig gut geschrieben (und von Robin Detje übersetzt): Die Sprache ist gleichsam poetisch, wie wild und brutal. Ein Buch voller Leben.
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Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre.
Berlin-Verlag, November 2015.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Mittwoch, 02.12.2015

Autor: Andreas Schröter

Lars Berge: Der Büro-Ninja

Lars Berge: Der Büro-Ninja«In Lars Berges „Der Büro-Ninja“ beschließt Jens, seinem langweiligen Büroalltag in einer Firma für Fahrradhelme ein Ende zu setzen. Doch er kündigt nicht, sondern versteckt sich wochenlang in einer nie genutzten Abstellkammer der Firma, wo er über eine obskure Telefonleitung die Gespräche seine Kollegen belauscht.

Das klingt so, als hätte dieser aus Schweden stammende Roman Potenzial, ein paar kluge Breitseiten gegen den Berufsalltag in den Büros dieser Welt abzufeuern. Hat er aber leider nicht und verschenkt damit genau das, was ihn lesenswert gemacht hätte.

Stattdessen driftet „Der Büro-Ninja“ schnell in billigen Klamauk ab, in dem ein als Batman verkleideter Spinner genauso eine Rolle spielt wie die durch die Bank sehr überzeichneten Kollegen.

Das wäre alles nicht weiter schlimm, wenn nicht der Verlag das Buchals „kluge Satire“ bewerben würde, die die „moderne Arbeitswelt“ entlarvt. Dieses Buch ist weit von diesem Anspruch entfernt.
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Lars Berge: Der Büro-Ninja.
carl’s books, Oktober 2015.
256 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Dienstag, 24.11.2015

Autor: Immo Sennewald

Wirtschaft und Demokratie – drei Bücher

Wird überhaupt noch darüber gestritten, ob das Ziel eines Unternehmens maximaler Gewinn sei oder seine gedeihliche Existenz als Sozialgebilde?

In mancher Arbeitsumgebung wird darüber nicht einmal gesprochen – darauf deuten zumindest Studien wie der Gallup Engagement Index hin, die Andreas Zeuch am Anfang seines Buches „Alle Macht für niemand“ heranzieht.

zeuch_300dpi_cmykSie besagen, dass ca. 20 % der Mitarbeiter innerlich gekündigt haben bzw. „Dienst nach Vorschrift“ schieben. Während des vergangenen Jahrzehnts seien den Unternehmen dadurch jährlich im Mittel etwa 100 Milliarden € verloren gegangen, rechnet Zeuch vor. Quelle der Unlust und ihrer Folgeschäden – darüber sind fast alle Autoren in den drei hier vorgestellten Bücher mit ihm einig – ist meist der Mangel an Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Sinn ihrer Tätigkeit hat wenig oder nichts mit eigenen Intentionen zu tun, er geht über den schieren Gelderwerb kaum hinaus, die Strukturen sind hierarchisch – oft wird so vor allem die Verantwortungslosigkeit organisiert. Was daraus wird, zeigt das Beispiel VW – es gibt zahllose andere.

Jedes der drei hier vorgestellten Bücher ist zu empfehlen, gerade weil sie aus sehr unterschiedlichen Positionen zur Sache kommen. Alle können aus denselben Quellen schöpfen, aber Absichten und Vorgehensweisen unterscheiden sich ebenso wie die Aufmachung: Das von Thomas Sattelberger, Isabell Welpe und Andreas Boes herausgegebene „Management-Buch des Jahres 2015“ aus dem Haufe-Verlag ist in Design, Grafik und Druck das aufwendigste.  81VtJOVIYxL„Das demokratische Unternehmen – Neue Arbeits- und Führungskulturen im Zeitalter digitaler Wirtschaft“ versammelt nicht weniger als 27 Autoren mit ausgewiesener akademischer bzw. Management-Erfahrung. Die Arbeitsministerin Nahles steht protokollgemäß voran. Ihr Statement klopft staatstragende Schultern, bleibt schwammig und oberflächlich. Es fragt hauptsächlich nach Rahmen für die digital und global entgrenzte Wirtschaft, also nach der Bestandsgarantie für Posten in Gewerkschaft und Politik.

Thomas Sattelberger, Ex-Manager in einigen globalen Konzernen, interessiert den Leser dagegen gleich mit einem strukturierenden Blick auf Megatrends. Er kondensiert Entwicklungen in Schaubildern, kommt sehr schnell auf die dunklen Seiten digitaler Wirtschaft und Technologien. „Letztlich geht es um die Frage, ob sie zu mehr Demokratisierung führen und bisherige Eliten entmachten oder ob Letztere sogar an Macht gewinnen und die Ökonomie in einer Art kapitalistischer Landnahme von den Menschen Besitz ergreift.“ Spätestens hier darf sich der Leser fragen, wie seine ganz persönliche Rolle in diesem Spektakel aussehen soll. Sattelberger bietet ihm nach einer mit einschlägigen Fachbegriffen gespickten Tour de Force immerhin die Aussicht auf eine – auch dank digitaler Technik – demokratisierte „Arbeitswelt 4.0“ und meldet entsprechenden gesellschaftlichen Bildungsbedarf an.

Auch das Autorenkollektiv um Andreas Boes – es schöpft aus einer großen Zahl einschlägiger Publikationen – sieht die Entwicklung an einer Scheidelinie „Zwischen digitalem Fließband und Empowerment der Beschäftigten“. Es fordert dazu auf, an dieser Linie zu messen, wie Unternehmen geführt werden, insbesondere mit Blick auf neue Techniken und Organisationsformen, etwa flexible Arbeitszeiten. Das folgende Kapitel „Der Blick der Managementforschung“, konstatiert, dass Transformationsprozesse im Gang sind. Isabell M. Welpe und zwei ihrer Kollegen von der TU München haben es verfasst. Sie sehen Transparenz und Partizipation auf dem Vormarsch; sehr kompakt beschreiben sie Wege, Begleitfaktoren, Probleme, die damit einhergehen, wenn Unternehmen demokratische Organisationsformen einführen.

Während ansonsten der Geruhsamkeit deutschen Korporationsdenkens wenig mehr entquillt, als Heere von sprachlichen -ung-Geheuern, geharnischt mit unpersönlichen “Es muss…”-Konstruktionen, während sich jedem Handlungsimpuls also Worthülsen entgegenwerfen und nahelegen: Demokratisieren in Unternehmen ist für die Beschäftigten zu schwer, man muss es dem Management überlassen, setzt sich Shoshana Zuboff von der Harvard Business School konkret mit dem “Modell Uber” auseinander, mit Individualisierung versus “Massen-Bewirtschaftung” und bescheinigt Europa eine Chance, mit “digital disruption” besser zurande zu kommen als amerikanische Wettbewerber – wenn es deren einseitige Profitorientierung vermeidet. Armin Steuernagel bestätigt sie darin mit einem Streiflicht über Geschichte und Rechtsformen von Arbeit und Eigentum.

Das Interessanteste am Buch aber sind zweifellos die Praxis-Beispiele: Berichte aus Unternehmen, die unterschiedliche Wege zur Demokratisierung bereits gehen. Eines davon ist Haufe-Umantis. Es scheint, dass sich der Haufe-Verlag hier eigener Reformprozesse erinnert: Anfang der 2000er Jahre hatte sie der damalige Geschäftsführer Uwe Renald Müller („Machtwechsel im Management“, Haufe 1997, Global Business Book Awards Winner 1997) angestoßen.

Auch Andreas Zeuch führt Haufe-Umantis als Beispiel beachtenswerter neuer Formen in der demokratischen Unternehmensführung an, aber er nutzt andere Erzählformen. Nicht die Insider reflektieren bei ihm eigene Transformationen, Zeuch lässt seinen theoretischen Überlegungen aus dem ersten Teil des Buches – “Provokation” – im zweiten, “Inspiration”, Reportagen und Interviews mit Verantwortlichen folgen. Wer ihn kennt, schätzt seine Eloquenz, er ist ein anregender Gesprächspartner und Autor (“Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”), und ich persönlich mag seine von Wissen und Erfahrungen befestigte, gleichwohl deutlich subjektive Sicht. Er engagiert sich seit Jahren in “Change”-Prozessen: als Ideengeber, Teilnehmer, Berater und Beobachter, ihn interessiert auch das Scheitern solcher Prozesse – dafür gibt es ein lehrhaftes Exempel – und er hat immer gesellschaftliche Entwicklungen im Auge: Wie kann die Arbeitswelt zur Werkstatt und zum Handlungsort für demokratisches Verhalten werden? Sinnkopplung am Arbeitsplatz könnte den Einzelnen ermutigen, ertüchtigen und erfahren lassen, wie individuelle Möglichkeiten und Gemeinwohl aneinander, miteinander wachsen können.

Teil 3 des Buches – “Aktion” befasst sich mit Haltungen zum Wandel und Instrumenten dafür. Zeuch stellt klar, dass Demokratisierung nur “top down” UND “bottom up” funktionieren kann, dass Bereitschaft zum Rollenwechsel und Konfliktfähigkeit unverzichtbar sind – also geeignete Formen der Kommunikation, letztlich eine Kultur, die Fehler, Missverständnisse, Krisen als Lernprozesse versteht. Dass eine solche Kultur völlig neue Beziehungen innerhalb der Arbeitswelt ermöglicht, individuelle Freiräume schafft und dennoch jederzeit effizienter ist als angst- und kontrollgesteuerte Strukturen und Taktgeber, erörtert auch das dritte Buch:

presse-983Im  bescheidenen Gewand einer Broschüre mit nicht mehr als ein paar Strichmännchen zur grafischen Beigabe und unter Verzicht auf Insider-Terminologie, auf Schlagworte wie “Redundanz”, “Resilienz”, “Prokrastinieren” und anderes, kommen Stefan Fouriers Vorschläge daher, wie sich arbeitende Menschen – egal ob Männer oder Frauen, egal ob an der Basis oder “an der Spitze” – eigener Konflikte, Ängste, Belastungen inne werden und sie meistern können. Mich irritierte zunächst der Titel, denn “schlau” changiert zwischen “intelligent”, “klug”, “listig” und “abgefeimt”. Fouriers Überlegungen – sie gehen darin über „Ratgeberliteratur” hinaus – zielen eher aufs Gescheit werden. Sie sind vor allem ausgegoren: Auf sympathische Weise gesteht der Autor von Anfang an, wie er selbst in die “Perfektionismusfalle” getappt ist, ehe er gescheit wurde; wenn er über wachsenden Leistungsdruck und Komplexität spricht, tut er es aus Erfahrung heraus und gut verständlich. Mir fiel Erich Kästners Wort über Frau Lehmann ein, die so viel liebenswerter und unbeschwerter durchs Leben ginge, versuchte sie nur, statt perfekt die perfekte Frau Lehmann zu sein. So komplex die Welt ist, so komplex ist Jede und Jeder – Vereinfachungen führen nicht weiter, verbünden wir uns lieber mit Komplexität.

Allerdings sind Menschen seit je auf vereinfachende Weltbilder fixiert – seien sie von Priestern im Namen Gottes verkündigt, von Konzernchefs, Despoten oder Medien. Wollen Menschen überleben, wollen sie etwas gelten, müssen sich ihre Selbstbilder möglichst perfekt solchen vom sozialen Umfeld akzeptierten Modellen der Wirklichkeit anverwandeln – mit allen Rollenzuweisungen und Ritualen etwa in einer Konzernhierarchie, sei es bewusst oder unbewusst. Dass jeder von uns die Realität fortwährend miterschafft, dass er bei der Wahl seiner Rolle Freiheiten hat, dass er sie sogar erweitern und wechseln kann, indem er die Kräfte seines sozialen Umfelds zu erkennen, zu mobilisieren, zu nutzen, versteht – das ist eine demokratische Grundidee. Aus ihr resultieren Kommunikation, Lernprozesse, Kooperation – sie stehen in dynamischer Wechselbeziehung zu Konkurrenz, zu Missverständnissen, auch zum Scheitern. Stefan Fourier macht viele interessante Vorschläge zu wachem, offenem Umgang, zu besserer Selbstwahrnehmung, für mehr Freude und Erfolg in der Arbeit bei gleichzeitig schonendem Einsatz eigener Ressourcen. Ohne das Wort “Sinnkopplung” zu benutzen, sieht er in Sinn, Vertrauen, Offenheit, Verantwortung “soziosystemische Erfolgsfaktoren”.

Wenn er dazu empfiehlt, “persönliche Qualitäten für Chaosfitness” zu entwickeln – “Wach, mutig, schnell, diszipliniert, unerschütterlich”, sieht das für mich allerdings nach Actionkino aus. Das Rollenangebot und die persönlichen Stärken von Individuen sind viel reicher und überraschender. Mit von Platon abgeleiteten “Archetypen” – Führer, Macher, Mitmacher und Opponent – versucht Fourier Interaktionen in sozialen Systemen zu erklären, übersieht dabei aber z.B. die Ambivalenz der “Mitmacher”. Er sieht den “Macher”, der zum Kriegstreiber wird, aber nicht den “Mitmacher” im Lynchmob.

Dass ich Fouriers Buch mit Vergnügen gelesen habe, lag aber an solchen Gelegenheiten zum Einspruch weniger als an den vielen Anregungen, an der verständigen und verständlichen Sprache, mit der er sich in den Diskurs um die Arbeitswelt von morgen einbringt. Es will eben nicht perfekt sein. Vielleicht ist es schlau. Gescheit ist es allemal.

Stefan Fourier “Schlau statt perfekt” Verlag Business Village 2015, 204 Seiten, 19,80 €

Andreas Zeuch „Alle Macht für niemand“, Murmann Verlag 2015, 264 Seiten,     25 €

Sattelberger/Welpe/Boes (Hrsg.) “Das demokratische Unternehmen” Haufe Verlag, 310 Seiten, 59 €

Dienstag, 17.11.2015

Autor: Andreas Schröter

Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher

Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher«Erstmals auf Deutsch erschienen ist endlich ein Literaturklassiker aus dem Jahre 1961: „Der Pfandleiher“ von Edward Lewis Wallant.

Sol Nazermann ist nur noch körperlich anwesend. Im Innern hat der Jude den Verlust seiner Familie im Konzentrationslager nie verkraftet. Er reagiert darauf, indem er sämtliche Gefühle abgeschaltet und nur noch auf den Tod wartet.

Sol arbeitet in New York als Pfandleiher, ein Geschäft, das jedoch nur als Geldwäschebetrieb eines Gangsters dient. Aufheitern können ihn weder sein lebenslustiger Assistent Jesus, noch eine hartnäckige Verehrerin, noch die Familie seiner Schwester, in der er lebt. Erst ganz am Ende kommt es zu einer dramatischen Veränderung.

„Der Pfandleiher“ ist ein spannendes und ergreifendes Buch über menschliche Gefühle, die gerade durch ihre Abwesenheit in den Fokus des Lesers geraten. Große Literatur! 1965 wurde der Stoff mit Rod Steiger in der Titelrolle von Sidney Lumet verfilmt.
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Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher.
Berlin-Verlag, Oktober 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Donnerstag, 12.11.2015

Autor: Andreas Schröter

Willy Vlautin: Die Freien

Willy Vlautin: Die Freien«Ein Buch aus Amerika zieht den Leser auf der ersten Seite in seinen Bann und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los: Willy Vlautins „Die Freien“.

Der 1967 geborene Sänger (der Folkrockband Richmond Fontaine), Songschreiber und Autor hat ein Herz für die einfachen Menschen, die eher am unteren Ende der amerikanischen Gesellschaftsskala stehen. Sie müssen kämpfen, um über die Runden zu kommen. Da ist zum Beispiel der sanftmütige Freddie, der gleich mehrere Jobs erledigt, um die Arztrechnungen seiner Tochter bezahlen können, und sich dabei körperlich total verausgabt – oder die Krankenschwester Pauline, die um das Leben einer Drogensüchtigen kämpft und ihren verrückten Vater pflegen muss – und Leroy, ein im Irakkrieg verwundeter Soldat, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch mehr tot als lebendig nur noch in Fieberträumen dahinvegetiert.

Diese drei Figuren, die man als Leser schnell ins Herz schließt und in deren Leben man tief eintaucht, haben im Roman nur wenig Berührungspunkte, Vlautin erzählt ihre so unterschiedlichen Geschichten unabhängig voneinander. Das macht das Buch abwechslungsreich und vielseitig. Besonders Freddie und Pauline beeindrucken durch ihre mentale Stärke, mit der sie gegen alle Widerstände ihren Weg gehen.

„Die Freien“ ist nicht nur emotional berührend, sondern auch stilistisch brillant geschrieben. Der Roman besticht durch realistische Dialoge. Unbedingt empfehlenswert.
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Willy Vlautin: Die Freien.
Berlin-Verlag, Oktober 2015.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22 Euro.

Samstag, 07.11.2015

Autor: Andreas Schröter

Richard Ford: Frank

Richard Ford: Frank«Wie schön: Frank Bascombe ist wieder da! – jener leicht zynische Alltagsheld, der nun schon im vierten Roman des Amerikaners Richard Ford die Hauptfigur gibt.

Schlicht „Frank“ heißt das neue nur 224 Seiten dünne und wieder von Frank Heibert übersetzte Büchlein, in dem Bascombe einige Menschen wiedertrifft, die in seiner Vergangenheit eine Rolle gespielt haben: einen Mann, dem er einst sein Strandhaus verkaufte, das nun aber vom Hurrikan Sandy zerstört worden ist, seine Ex-Frau Ann, die an Parkinson leidend in einem Seniorenheim lebt, und einen alten Freund, der ihm auf dem Sterbebett ein unschönes Geheimnis anvertraut. Und dann gibt‘s noch eine unerwartete Besucherin, die Bascombe eine Horrorgeschichte erzählt …

Doch im Grunde ist es fast egal, wen Frank trifft oder was er erlebt. Das bleibt nur Kulisse für das, was ihm zu diesem und jenem durch den Kopf geht – zum Beispiel über die Verzichtbarkeit von Freundschaften oder über seine Fluchtreflexe im Seniorenheim. Das alles ist gleichermaßen unterhaltsam wie von tiefen Wahrheiten durchzogen – und man hätte rein gar nichts dagegen, wenn es in diesem Sound noch 1000 Seiten weitergehen würde.

Frank Bascombe ist mittlerweile 68 Jahre alt, hat eine Krebs-Erkrankung hinter sich und wird von diversen Zipperlein geplagt. Insgesamt ist „Frank“ ein recht morbider Roman mit vielen Bezügen zum Tod. Die allgegenwärtigen zerstörerischen Folgen des Hurrikans und der eiskalte Winter, in dem das Geschehen spielt, passen genauso in diesen Zusammenhang wie die bekannte von Sandy zerstörte Achterbahn in Seaside Heights in New Jersey auf dem Cover. Man könnte sie hier geradezu als „Achterbahn des Lebens“ deuten.

„Frank“ ist letztlich ein höchst empfehlenswertes Stück Literatur.
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Richard Ford: Frank.
Hanser, September 2015.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Samstag, 31.10.2015

Autor: oliverg

#literaturwelt Fettnäpfchenführer Paris und Berlin


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Freitag, 30.10.2015

Autor: Immo Sennewald

Vladimir Sorokin “Telluria”

sorokin_telluriaUnter Theaterleuten in Ostberlin war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine geläufige Redensart, Einer oder Eine habe “einen Nagel im Kopf”. Solche Figuren fielen dadurch auf, dass sie sich abweichend von der Normalität verhielten. Die Normen setzte eine totalitäre Gesellschaft –  also changierte die Bedeutung der Redensart: Wer einen Nagel im Kopf hatte, konnte ein Psychopath sein, ein Idiot oder jemand, der sich auf irgend mögliche Art und Weise den Regeln, Bedrohungen und Verführungen vermeintlicher Normalität durch skurriles, paradoxes oder sonstwie dekonstruktives Verhalten entzog. Jedenfalls schwang, wenn das Prädikat vom Nagel im Kopf, einem langen gar, oder – Superlativ – einem rostigen, vergeben wurde, weniger Häme als eine gewisse Achtung mit. Der Nagel im Kopf war eine mit kollektiver Erwartung unvereinbare Lebensform.

Vielleicht ist das Sorokins genialer Kunstgriff: Dass in einer zukünftigen Gesellschaft der Nagel im Kopf zur kollektiven Wunschvorstellung werden könnte. Dass in nicht allzu fernen Tagen nach allerlei Kriegen der Eurasier gegen Wahabiten und Salafisten, nach zwiespältigen Bündnissen mit Chinesen sich – in Russland zumal – seltsame neue Kleinstaaten bilden könnten, deren einer im fast unwegsamen Altaigebirge zur neuen Schweiz aufstiege, nicht als Hort des Geldes, sondern als Hort des Tellurs, Rohstoff für einzigartige Nägel. Ein Keil aus dem seltenen Element, kunstvoll eingeschlagen möglichst von Fachleuten, verschafft dem Kopfinhaber das wahre Glück auf Erden. Das Tellur korrodiert, der Nagel “rostet” und entfaltet eine enorm vitalisierende Kraft, leider macht das süchtig. Deshalb mangelt es nicht an Schwarzhändlern, Fälschern und scheiternden Selbstversuchen.

In dieser schrägen Welt, bevölkert von allerlei Chimären, Zwergen, Riesen, Abenteurern, tun die Menschen, was sie schon immer taten, tun und zweifellos auch in hundert Jahren noch tun werden. Sie tun es mit phantastischen Gadgets, einer Art Zauberschwämmen etwa, die “Grips” heißen und das Smartphone in holographische Dimensionen erweitern, sie tun es in verwahrlosten Vierteln oder einsam im Wald. Sorokin erzählt das in mannigfachen Stilformen und Redeweisen,  etwa der eines Kentauren, und ich gestehe, selten in meinem Leben bei einer Lektüre mehr gelacht, den Schmerz hinterm Sarkasmus intensiver gespürt und mich einem eigentlich Fremden näher gefühlt zu haben. Den Reichtum an Einfällen aus dem Russischen ins Deutsche zu retten, bedurfte es eines Übersetzer-Teams. Ich muss nicht alle Namen nennen – sie haben es toll gemacht.

Gern nähme ich diesen Autor unter meine ganz persönlichen Serapionsbrüder auf. Es ist eine Runde, in der E.T.A. Hoffmann gespenstert, Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Michail Bulgakow mit Entsetzen Scherz treiben. Noch im erbarmungslosen Buchmarkt überleben sie dank unübertrefflicher Appelle an die Angstlust der Leser, egal ob subtil oder wie  beim Kasperltheater. Natürlich ist “Tellluria” auch voll bitterer Satire. Es schürt die Sucht nach intellektuellen Wechselbädern: Lässt sich der irrationale Mensch am Ende dank einer Heilsgeschichte doch mit der Realität versöhnen?

Erwartet wer eine Antwort? Ein “Utopia” in “Telluria”?  Für den ist, glaube ich, dieses Buch nicht geschrieben. Eher für Romantiker mit einem sehr langen, rostigen Nagel im Kopf.

Vladimir Sorokin „Telluria“ bei Kiepenheuer und Witsch
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
ISBN: 978-3-462-04811-7
Erschienen am: 01.08.2015
416 Seiten, gebunden, 22,99 €

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