Sonntag, 13.04.2014

Autor: Annette

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville


deckIn den Mittelpunkt ihres ersten Romans stellt Julia Deck eine Frau Anfang 40. Verwöhnt durch Herkunft und beruflichen Erfolg, muss sie eine Demütigung nach der anderen verkraften.

Vom Ehemann und Vater der gemeinsamen Tochter für eine jüngere Frau verlassen, hat sie sich in eine Wohnung an der Gare de l’Est zurückgezogen, eine Art provisorische Notunterkunft. Sie fürchtet, als Alleinerziehende nun auch im Job in die zweite Reihe gedrängt zu werden. Die regelmäßigen Besuche beim Psychoanalytiker, bei dem sie seit einem Schwächeanfall in Behandlung ist, steigern nur ihre Trauer und Wut.

Viviane Élisabeth Fauville tötet den Arzt. Als Alibi gibt sie ihre Mutter an, nur ist die seit Jahren tot und es dauert nicht lange, bis auch die Polizei dahinter kommt.

Unterdessen läuft Viviane aufgewühlt durch die Straßen von Paris und macht Verdächtige und Zeugen ausfindig, die möglicherweise ein Motiv hatten, den Psychoanalytiker zu töten. So bekommt der Tote eine Geschichte und man erfährt etwas über die soziale Schichtung in den verschiedenen Arrondissements der französischen Hauptstadt.

Vielleicht sollte ich besser sagen: “Sie” laufen aufgewühlt durch die Straßen von Paris. Denn Julia Deck spricht die Leser durchgängig an.  Ich bin aufgefordert, mir vorzustellen, dass ich in die jeweilige Rolle hineinschlüpfe, mich mal in Viviane Élisabeth Fauville, mal die Geliebte des ermordeten Arztes oder sein Frau hineinfühlen. Das Buch ist mit viel Tempo geschrieben und überrascht immer wieder mit neuen Wendungen.

Der Schluss driftet für meinen Geschmack etwas zu sehr ins Nebulöse. Aber dessen ungeachtet ist “Viviane Élisabeth Fauville” ein  Buch, das vor allem aufgrund seiner sprachlichen Gestaltung im Gedächtnis bleibt. Erschienen ist es im letzten Jahr in der Übersetzung von Anne Weber im Verlag Klaus Wagenbach und stand auf der Hotlist der unabhängigen Verlage 2013.

Cover: Verlag Klaus Wagenbach

Donnerstag, 10.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Massimo Gramellini: Träum was Schönes

Massimo Gramellini: »Träum was Schönes«Der Inhalt des italienischen Bestsellers „Träum was Schönes“ von Massimo Gramellini, der jetzt auch auf Deutsch erscheint, ist schnell erzählt: Ein Junge verliert im Alter von nur neun Jahren seine Mutter und leidet zeitlebens darunter.

Der Verlust eines Elternteils im Kindesalter dürfte zum Schlimmsten gehören, was ein Mensch erleben kann, und es fällt schwer, über eine so intime Lebensbeichte, wie es dieses Buch darstellt, eine adäquate Rezension zu schreiben. Um das tun zu können, müsste man streng genommen ein entsprechendes psychologisches Vorwissen haben. Andernfalls wirkt der Versuch fast anmaßend.

Und doch bringt der 1960 geborene Autor seinen Text als „Roman“ heraus, begibt sich damit in die Öffentlichkeit und muss daher auch mit einer möglichen Kritik rechnen und leben. Und die geht so: Irgendwann kommt beim Lesen die Frage auf, ob man nicht 20, 30 oder gar 40 Jahre nach einem solchen Kindheitserlebnis zumindest insoweit Abstand dazu haben könnte, dass es nicht mehr das alles bestimmende Lebensthema ist – wie es aber bei Massimo Gramellini der Fall zu sein scheint.

Das kommt besonders in den verschiedenen Frauen-Beziehungen, die Gramellini eingeht, zum Tragen. Da der Roman ausschließlich aus der Sicht Gramellinis geschrieben ist, fehlt hier die Sicht der Frauen, die mit der Situation leben müssen, dass ihr erwachsener Partner immer noch stark mutterfixiert ist.

Auf der Positivseite steht eine unsentimentale, klare Sprache, die dem Text jede Gefahr von Süßlichkeit oder gar Kitsch nimmt, die bei dem Thema sicherlich vorhanden ist.

Das nur 200 Seiten dünne Büchlein, das in Italien lange Zeit auf Platz 1 der Bestenliste stand und derzeit in 40 Sprachen übersetzt wird, dürfte für all jene hochinteressant sein, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, für alle anderen könnte es thematisch ein wenig eindimensional sein. Der Roman tritt thematisch etwas zu lange auf der Stelle – etwas Bewegung kommt erst sehr spät hinein.

Massimo Gramellini: Träum was Schönes.
Piper, März 2014.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.

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Dienstag, 08.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Kristian Bang Foss: Der Tod fährt Audi

Kristian Bang Foss: »Der Tod fährt Audi«Diesmal liegt der junge carl‘s books-Verlag, in dem der so erfolgreiche „Hundertjährige“ erschienen ist, daneben. Kristian Bang Foss‘ „Der Tod fährt Audi“ ist weniger gelungen.

Der private Krankenpfleger Asger freundet sich mit seinem einzigen Patienten Waldemar an und bricht mit ihm 100 Seiten später zu einer Tour im VW-Bus von Dänemark nach Marokko auf. Dort will Waldemar, der gleich an mehreren Krankheiten leidet und nur wenige Schritte zu Fuß bewältigen kann, einen Wunderheiler treffen.

Was sich in dieser Kurzbeschreibung so anhört, als könnte daraus ein schönes Roadmovie in Buchform werden, ist in Wirklichkeit leider flach, unwitzig – obwohl der Verlag „trockenen Humor“ ankündigt – und thematisch schon fast unverschämt nah dran an dem Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“. Nur dass Letzterer um Lichtjahre besser ist.

Eines der Probleme an diesem Buch ist das Timing. Der 1977 geborene dänische Autor hält sich viel zu lange mit Nebensächlichkeiten auf, die die Geschichte nicht weiterbringen. So schreibt er über einen missratenen Verwandtenbesuch bei Waldemars Familie oder darüber, wie die beiden in einem sozialen Elendsviertel Kopenhagens die Zeit totschlagen und sich anöden. Das ist nicht nur langweilig für die beiden Hauptfiguren, sondern auch für die Leser. Ständig fragt man sich: Wann starten sie denn nun endlich ihre Reise, von der im Klappentext die Rede ist?

Dann ist da noch „der Audi fahrende Tod“, dem ja immerhin der Titel gewidmet ist. Er taucht als dunkle Wesenheit zwar zwei- oder dreimal im Buch auf, wirkt aber seltsam losgelöst und ohne jede logische Bindung zum Rest der Geschichte – so als sei er nachträglich eingebaut worden, um das Ganze etwas aufzupeppen.

Insgesamt bleiben einem sowohl das Handeln als auch das Innenleben von Asger und Waldemar fremd, weil alles an der Oberfläche dahindümpelt.

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Kristian Bang Foss: Der Tod fährt Audi.
carl’s books, März 2014.
224 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Montag, 07.04.2014

Autor: Annette

Rodrigo Rey Rosa: Stallungen

Rodrigo-Rey-RosaEin Schachfigur ziert das Cover der Novelle “Stallungen” des guatemaltekischen Schriftstellers Rodrigo Rey Rosa. Wie eine Schachfigur muss sich auch die Hauptfigur, der Schriftsteller Rey,  gefühlt haben, als er in die Verwicklungen der wohlhabenden und einflussreichen Familie Carríon hineingezogen wird.

Der Ich-Erzähler begleitet seinen hochbetagten Vater, seinerzeit ein ausgewiesener Pferdenarr, auf die Geburtstagsfeier des Patriarchen Don Guido Carríon. Mit verhaltener Distanz betrachtet Rey das demonstrative Muskelspiel der anwesenden Männer auf der Finca Palo Verde. (Frauen wurden erst gar nicht eingeladen):

“Man hätte meinen können, es sei unhöflich, keine Pistole am Gürtel oder unter der Achsel zu tragen – ein Verstoß, der offensichtlich nur den ganz Alten nachgesehen wurde. Von den Jungen hatten viele zu ihrer schwarzen, blitzblanken automatischen Pistole auch noch Reservemagazine dabei – als rechneten sie früher oder später mit einer Schießerei und wollten sich nicht der Gefahr aussetzen, ohne Kugeln dazustehen.” S. 8

Während der Festlichkeiten kommt es zu einem Brand in den Stallungen, bei dem der Hunderttausend-Dollar-Hengst Duro II getötet wird. Als Rey sich unter die Schaulustigen mischt, gesellt sich – rein zufällig- der Anwalt Jésus Hidalgo zu ihm und zieht ihn mit dem Satz “Über das hier könnten sie ein Buch schreiben” in die Geschichte hinein. Reys Neugier ist bereits geweckt, als die rothaarige amazonengleiche Dona Barbara kurz nach dem Unfall in die Stallungen stürmt.

Rey und Hidalgo begeben sich noch einmal zur Finca Palo Verde. Nicht genug, dass die beiden von Don Guido und seinem Sohn überrascht werden. Der Anwalt Hidalgo steckt viel tiefer in den Angelegenheit des Familienclans, als es den Anschein hatte und Rey ist auf ein dunkles Geheimnis gestoßen. Die Situation eskaliert vollends, als Don Guidos Enkelsohn auftaucht. Rey ist nun ganz auf sich gestellt. Mag sein, dass er die protzige Art der Carríons und ihre eifrigen Sicherheitsleute bei dem Jubiläum noch belächelt hat, spätestens jetzt spürt Rey, dass er sich in einem kleinen Staat im Staat befindet, in dem eigene Gesetze herrschen.

Mir gefiel, dass der Autor für seine Erzählung eine klassische Textform gewählt hat. Es passt auch zum klaren, berichtenden Ton. Von der ersten Seite an habe ich den Verlauf der Handlung mit Spannung verfolgt und konnte es nicht weglegen, bevor ich auf der letzten Seite angekommen war.

“Stallungen” ist auch ein liebevoll gestaltetes Buch. Einen besonderen Hinweis verdienen die Worterklärungen am Ende des Buches. Ich finde, an solchen Kleinigkeiten zeigt sich, wie viel Aufmerksamkeit einem Titel vom Verlag geschenkt wird.

Rodrigo Rey Rosa wurde 1958 in Guatemala geboren. Er lebt heute in den USA und arbeitet auch als Regisseur. “Stallungen” ist in der Übersetzung von Elisabeth López-Semeleder im Septime-Verlag erschienen.

Cover: Septime-Verlag

Freitag, 04.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg

Sebastian Barry: »Ein langer, langer Weg«Ein Buch, das bereits 2005 auf der Shortlist für den Booker-Preis stand, ist nun endlich auch auf Deutsch erschienen: Sebastian Barrys „Ein langer, langer Weg“. Es beschreibt auf sehr eindringliche und emotional nahe gehende Weise den Horror des Ersten Weltkriegs. Wer sich also weniger für Schlachtenfolgen und nackte Fakten interessiert, dafür aber wissen will, wie schrecklich es in den Schützengräben Flanderns zwischen 1914 und 1918 für die beteiligten Soldaten wirklich war, der sollte entweder Erich Maria Remarques berühmtes „Im Westen nichts Neues“ oder eben diesen Roman lesen.

Hauptfigur ist der Ire Willie Dunne aus Dublin, der 1915 nur deshalb zum Militär geht, weil er die für den Polizeiberuf – und damit wäre er in die Fußstapfen seines Vater getreten – geforderte Mindestgröße von 1,80 Metern nicht erreicht. Was für den erst 18-Jährigen folgt, sind Kälte, Hunger, Giftgaswolken, Blut, der allgegenwärtige Tod und die immer stärker werdenden Zweifel am Sinn des ganzen Unterfangens – auch weil die Rolle der Iren, die in diesem Krieg an der Seite Englands kämpfen, nach dem Osteraufstand von 1916 gar nicht mehr so klar ist. Andererseits gibt’s auch eine nie gekannte Kameradschaft unter den Leidensgenossen.

Dem 1955 geborenen Sebastian Barry, der sein Thema hervorragend recherchiert hat, gelingt es, den Leser mit einer anschaulichen, bildgewaltigen Sprache sehr rasch in die Geschichte hineinzuziehen. Man meint fast, selbst im Schützengraben zu sitzen, die heranfliegenden Granaten zu hören und die Todesangst der Soldaten zu spüren. Und natürlich kennt man diese Soldaten nach wenigen Seiten – und leidet auch als Leser umso mehr, wenn sie fallen. Es ist eine bekannte Weisheit, dass der Schrecken für den Leser viel anschaulicher wird, wenn man ihm einige wenige Gesichter gibt, als wenn man nur auflistet, wieviel Tote dieser Krieg gekostet hat. Nach diesem Prinzip ist „Ein langer, langer Weg“ aufgebaut. Ein sehr gutes Buch.

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Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg.
Steidl, Februar 2014.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Dienstag, 01.04.2014

Autor: Annette

Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

Valeria LuiselliDie Hauptfigur in Valeria Luisellis Roman ist eine junge Schriftstellerin. In der Jetzt-Zeit, also am Anfang des Romans, lebt sie mit Mann und ihren beiden Kindern zusammen. Zeit, das erfährt man später in diesem kleinen Buch, das ein bisschen intellektuell daherkommt und einem richtig ans Herz wächst, Zeit ist ein relativer Begriff. Ihr Alltag wird durch die beiden Kinder bestimmt.

“Jetzt schreibe ich nachts, wenn die Kinder schlafen und es erlaubt ist zu rauchen, zu trinken und durchzulüften. Früher schrieb ich immer, zu jedweder Zeit, weil mein Körper mir gehörte. Meine Beine waren lang, kräftig und dünn. Es bot sich an, sie herzuzeigen, wem auch immer, dem Schreibpapier.” S. 9

Die junge Frau verlässt das Haus nie, aber in Gedanken ist sie häufig abwesend. Dann kehrt sie zurück zu ihrer Zeit als Lektorin in New York, zu ihrem ungebundenen Junggesellinnenleben und zu ihrer ersten Begegnung mit Gilbert Owen.

Anfangs ist Gilbert Owen nur ein toter mexikanischer Schriftsteller ohne späten Ruhm, den die junge Lektorin bei ihren Recherchen entdeckt. Sie möchte unbedingt, dass der Verlag ein Buch von ihm herausbringt, fälscht Manuskripte und verleitet ihren Verleger zu einer Veröffentlichung, der Grund für ihren späteren Rauswurf. Etwa zeitgleich findet sie auf einer Dachterrasse einen vertrockneten Orangenbaum, den sie mit nach Hause nimmt. Sie war die ganze Nacht auf dieser Dachterrasse ausgesperrt. Dem Tod nahe macht sie eine  spirituelle Erfahrung.

“Die Lebendigen schauen vom Zentrum aus nach draußen, während die Toten von der Peripherie aus zu irgendeiner Art von Zentrum blicken. Vielleicht bin ich erfroren, vielleicht bin ich in jener Nacht an Unterkühlung gestorben. Auf alle Fälle war es die erste Nacht, die ich mit dem Geist von Gilbert Owen verbringen musste.” S.37

Von da an lässt der tote Dichter sie nicht mehr los. Nicht mehr nur bloße Vorstellung, wird er Teil ihrer Wirklichkeit. Sie glaubt, ihm in New York zu begegnen oder ihn in der Subway in einem entgegenfahrenden Wagon zu sehen. Owen bekommt konsequenterweise auch im Roman immer mehr Platz. Er wird zum zweiten Ich-Erzähler.

Spannend ist der Perspektivwechsel. Die Vorstellung, von Gespenstern begleitet zu werden, gehörte bereits zum Alltag der kleinen Familie. Doch gegen Ende des Buches haben die Realitäten sich so weit verschoben, dass Owen meint, er werde von der jungen Frau im roten Mantel verfolgt und hätte sie in der U-Bahn gesehen. Er beginnt nun damit, einen Roman über sie zu schreiben. “Vorher” und “Nachher” sind ineinander geschoben und bestehen als Parallelwelten, verlinkt durch ähnliche Erfahrungen oder Gegenstände, die den Besitzer wechseln – wie das Orangenbäumchen.

Zu kopflastig? Ja, ziemlich kopflastig, mit zahlreichen literarischen Anspielungen und Theorien. Aber das fiel gar nicht so ins Gewicht, denn Valerie Luiselli schreibt “schwerelos”, sie plaudert und es macht Freude, ihren Gedanken zu folgen. Zum Beispiel ihrer Theorie über die Tode:

 ”Selbstverständlich gibt es viele Tode im Laufe eines Lebens. Die meisten Leute merken nichts davon. Sie glauben, einmal zu sterben, und das ist es dann. Aber man muss nur ein wenig achtgeben, dann stellt man fest, dass man immer mal wieder stirbt.” S.81

Und an diesen Bruchstellen überlappen sich dann verschiedene Leben. Die Figuren sind verschieden, aber sie sprechen über Erfahrungen, die universell sind. Dazu gehört wohl auch, dass man mitunter meint, Gespenster zu sehen.

Valeria Luiselli

Valeria Luiselli wurde 1983 in Mexico City geboren. “Die Schwerelosen”, erschienen im Antje Kunstmann Verlag, ist ihr erster Roman.

Cover: Verlag Antje Kunstmann

Sonntag, 30.03.2014

Autor: Andreas Schröter

Scott Hutchins: Eine vorläufige Theorie der Liebe

Scott Hutchins: »Eine vorläufige Theorie der Liebe«Mit künstlicher Intelligenz befasst sich Scott Hutchins‘ Roman „Eine vorläufige Theorie der Liebe“. Ein Mann namens Neill arbeitet in einer kleinen Firma, die versucht, einen Computer zu bauen, den unabhängige Juroren nicht von einem Menschen unterscheiden können. Der Computer wird mit einem 5000 Seiten dicken Tagebuch gefüttert, das Neills Vater vor seinem Selbstmord verfasst hat.

Den Wissenschaftlern gelingt es, den Computer immer menschenähnlicher zu machen, und so kreist der Roman um Fragen wie: Kann ein Computer denken? Kann er Gefühle wie Jähzorn oder gar Liebe entwickeln? Neill selbst weiß am Ende kaum noch, ob er mit einer Maschine chattet oder ob sein Vater in Form des Computers von den Toten auferstanden ist. Das ist zuweilen fast ein bisschen unheimlich.

Ein zweiter Handlungsstrang sind verschiedene Liebschaften Neills, die aber alle seltsam unerfolgreich verlaufen, weil Neill sie mit angezogener Handbremse angeht. Immer wenn es scheint, als beginne eine Beziehung zu laufen, meidet Neill künftig wochenlang den Kontakt zu der Frau.

Das alles ist durchaus interessant und liest sich glatt und flüssig – allerdings ist die erste Hälfte des Buches deutlich stärker als der Rest. Ab der Mitte flacht es ab, hat Längen, und die Handlung kommt nicht mehr recht voran. Kürzungen wären hier gut gewesen.

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Scott Hutchins: Eine vorläufige Theorie der Liebe.
Piper, März 2014.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,99 Euro.

Freitag, 28.03.2014

Autor: Andreas Schröter

Saša Stanišic: Vor dem Fest

Saša Stanišic: »Vor dem Fest«Humorvoll, poetisch und durchdrungen von einer tiefen Zuneigung zu den Figuren – so lässt sich wohl am besten der neue Roman – „Vor dem Fest“ heißt er – von Saša Stanišic beschreiben, eines 1978 geborenen Autoren, der erst im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Umso erstaunlicher ist es, welch souveräne Gewandtheit Stanišic in einer Sprache entwickelt hat, die nicht seine Muttersprache ist.

Der Autor, der 2006 mit seinem Erstling „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ für Furore sorgte, widmet sich nun den teils schrulligen Bewohnern, ihren Bräuchen, Traditionen und Legenden aus dem Dörfchen Fürstenfelde in der Uckermark. Da gibt es, um nur einige wenige zu nennen, die 90-jährige Frau Kranz, die alles und jedes aus ihrer Heimat gemalt hat und immer noch malt, den lebensmüden ehemaligen NVA-Soldaten Herrn Schramm, die Heimatkundlerin Frau Schwermuth, die jedes noch so kleine Detail aus der Heimatgeschichte ihres Ortes kennt, oder den alten Glöckner, der die Glocken nicht mehr läuten will. Sie alle hat der Leser nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen.

Star des Buches ist aber die zauberhaft leichte und oft überraschende Sprache, die alles mit einer liebevollen Glasur überzieht, deren Reiz man sich kaum entziehen kann und will. Dazu passt, dass Stanišic immer wieder Fürstenfelder Begebenheiten, Sagen und Geschichten aus dem 16. Jahrhundert in der Originalsprache und –Schreibweise von damals einstreut. So wirkt das gesamte Geschehen leicht entrückt, und dem Autor gelingt es auf diese Weise, die Alltäglichkeit eines Dorfes mittels Sprache in eine andere Sphäre zu transportieren.

Kehrseite der Medaille: „Vor dem Fest“ ist kein Buch, das man mal eben im Schnelldurchlauf konsumieren kann. Man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um alle Schattierungen dieses berstend vollen Werkes zu erfassen – auch weil Stanišic nicht einer linearen Handlung folgt, sondern immer wieder von einer Figur zur nächsten springt. Trotzdem insgesamt ein richtig schönes Buch.
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Saša Stanisic: Vor dem Fest.
Luchterhand, März 2014.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 25.03.2014

Autor: Andreas Schröter

Martin Becker: Der Rest der Nacht

Martin Becke: »Der Rest der Nacht«Weil sein Vater gestorben ist, muss ein junger Mann ins Dorf seiner Kindheit. Unter anderem will er sich um den Verkauf des elterlichen Hauses kümmern.
Soweit die harten Fakten, mit denen es aber in diesem Buch nicht sonderlich weit her ist. Immer wieder driftet die Handlung ins Surreale ab. So ist mehrfach die Rede von einer ominösen Zigarettenpapierfabrik, die das Haus wohl kaufen will, dann aber sonderbarerweise erst bezahlen will, wenn sie sämtliche Renovierungsarbeiten erledigt hat. Der Mann wiederum akzeptiert nur Bargeld, das er am Ende schließlich in einem Koffer erhält.

Neben diesem dubiosen Hausverkauf (platt gefragt: gab‘s da keinen Notar, der das Finanzielle geregelt hat?) hat unser Held offenbar auch das Ziel, eine ältere Frau ins Jenseits zu befördern. Zu diesem Zweck hat er einen tödlichen Giftcocktail immer am Mann, bringt es dann aber doch nicht über sich, ihn der Frau zu verabreichen. Warum, wieso und weshalb er sie umbringen will, darüber schweigt sich das Buch entweder aus oder es ist so verklausuliert dargestellt, dass der Autor dieser Zeilen es schlicht nicht verstanden hat.

Es gibt mindestens drei weitere Nebenhandlungsstränge – und das alles auf nur gut 200 Seiten: die Liebesbeziehung zu einer gewissen Maria, die aber nicht richtig in die Gänge kommt, die Freundschaft zu einem Kumpel aus früheren Zeiten und einen sonderbaren Hotelier, der nur vor der Glotze sitzt, um Sportübertragungen zu gucken, sich dann aber ganz plötzlich vom Acker macht.

Die meisten Kapitel sind in der Ich-Form geschrieben, aber ein weiterer Handlungsstrang, in dem es ausschließlich um die Konfrontation des Helden dem Tod des Vaters geht, ist sonderbarerweise in der dritten Person verfasst.

Als weitere Erschwernis kommt hinzu, dass der 1982 geborene Autor hin und wieder seinen Text dadurch bricht, dass er darüber schreibt, wie er seine Hauptfigur gerade erfindet und welche Beigaben er ihr gibt.

Das alles ergibt ein schwer verdauliches Durcheinander, das man nicht gelesen haben muss.

Martin Becker: Der Rest der Nacht.
Luchterhand, März 2014.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Montag, 24.03.2014

Autor: JosefBordat

Klima und Wandel

Mike Hulme behandelt die globale Herausforderung „Klimawandel“ als Chance für eine Neuausrichtung der Kultur

Mike Hulme, seit September 2013 Professor für Geographie am King’s College in London, zuvor Gründungsdirektor des Tyndall Centre for Climate Change Research, hat ein engagiertes Buch zum Klimawandel geschrieben – Titel: Streitfall Klimawandel. Warum es für die größte Herausforderung keine einfachen Lösungen gibt. Klimawandel ist für den Verfasser nicht nur ein naturwissenschaftlich beschreibbares Phänomen, das allein Gegenstand von Expertendiskursen sein sollte, sondern eine komplexe gesellschaftliche Herausforderung. Das Klima gilt Hulme als „Hebel“, als „Schlüsselkomponente“, als Dreh- und Angelpunkt der politischen Zukunftsgestaltung.

Um das zu erläutern, definiert der Verfasser zunächst die Begriffe „Klima“ und „Klimawandel“ und beschreibt kurz die Entdeckungsgeschichte des sich verändernden Klimas. Er unterscheidet zwischen natürlichem und anthropogenen Klimawandel und markiert dabei den Grund für den Streit zwischen den Lagern, die je eine der Ursachen für die Veränderung (Natur oder Mensch) in den Vordergrund stellen eine „divergierende Auffassungen über das Wesen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und deren Rolle für politische Entscheidungen“.

Das ist in der Tat der springende Punkt, der globale Klimaschutzmaßnahmen so schwierig macht – Uneinigkeit hinsichtlich der richtigen Antwort auf folgende Fragen: Was wissen wir vom Klima und seinem Wandel? Was bedeutet dieses Wissen für die Politik? Hulme rät dazu, die Grenzen der Wissenschaft anzuerkennen, sie als soziales System zu verstehen und sich bei politischen Entscheidung nicht allein auf die Wissenschaft zu stützen. Wichtiger sei es, sich darüber zu verständigen „was Klimawandel für uns bedeutet und was wir dagegen unternehmen sollten“. Das ist eine gesellschaftliche Debatte, die zwar nicht gegen die Wissenschaft gerichtet ist, aber doch auch außerhalb wissenschaftlicher Fachdiskurse stattfindet.

Dazu wiederum ist es unerlässlich, sich über Werte und Glaubensvorstellungen zu unterhalten, über Angst und Risiko und über den Fortschritt. Wie etwa verhalten sich Klimaschutz und Armutsbekämpfung im Entwicklungskontext zueinander? Klar ist, dass Armut und Hunger, verursacht durch Missernten, auch ihre Ursache im regional ungünstigen Klima haben. Ebenso ist klar, dass dort, wo Anbauflächen für Biokraftstoffe entstehen, diese Felder nicht mehr für Nahrungsmittel genutzt werden können. Ergo: „Was in Brüssel als attraktive und durchführbare ‘Lösung’ zu Klimawandel erscheinen mag – die Ausweitung der Biokraftstoffproduktion zum Ersatz fossilen Kohlenstoffs aus dem Flüssigkraftstoffmix –, kann die Nahrungsmittelsicherheit und Bekämpfung der Armut, zum Beispiel in Burkina Faso, in Frage stellen.“

Klimawandel ist nach Auffassung des Autors kein Problem, das „gelöst“ werden, sondern nur ein Problem, zu dem man sich mehr oder weniger geschickt positionieren kann. Wir sollten nicht romantisch um ein verlorenes Paradies trauern oder eine apokalyptische Katastrophe an die Wand malen, nicht technologisch versuchen, das Klima in den Griff zu bekommen und den Klimawandel auch nicht zum Gegenstand der Moral oder gar der Religion erheben, sondern stattdessen die „kulturellen Botschaften von Klimawandel“ erkennen und uns daran orientieren. Der Klimawandel „wird so zu einem Spiegel, in den wir blicken und, darin bloßgestellt, sowohl uns als auch unsere gesamte Gesellschaft erkennen“ und damit schließlich befähigt werden, nichts weniger als „unsere weitreichenden sozialen Ziele zur Frage, wie und warum wir auf diesem Planeten leben, neu zu durchdenken und erneut zu verhandeln“.

Was Hulme vorschlägt, bleibt mitunter etwas schwammig. Er präsentiert ohnehin eher eine Meta-Analyse des Phänomens Klimawandel, mit dem Ziel einer völlig neuen Kontextualisierung des Themas im öffentlichen Diskurs. Wer, wie Hulme, der Meinung ist, diese sei nötig, weil wir das Klima weniger „schützen“ als uns vielmehr mit dessen Wandel arrangieren sollten, wird dem Verfasser auch in manche blumige Formulierung hinein folgen können. Das Buch ist zu diesem Zweck sprachlich leicht zugänglich und didaktisch sinnvoll aufgebaut. Jedes der Kapitel enthält eine Hinführung zur Fragestellung sowie eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Es gibt Hinweise auf weiterführende Literatur und einen Sachindex, der das rasche Auffinden von Themen gewährleistet. Mike Hulme legt einen Debattenbeitrag vor, der es wert ist, von den umwelt- und klimawissenschaftlichen Disziplinen ernsthaft und wohlwollend aufgenommen zu werden.

Biographische Daten:

Mike Hulme: Streitfall Klimawandel. Warum es für die größte Herausforderung keine einfachen Lösungen gibt.
München: Oekom (2014).
400 Seiten, 24,95 Euro.
ISBN 978-3865814609

Josef Bordat

Sonntag, 23.03.2014

Autor: Andrea Brücken

Nino Rauch: Leben ohne Ende

Leben ohne Ende

Es hat sich nicht in einem Rutsch gelesen, dieses Buch aus der Sicht eines 14-Jährigen, der sich von heute auf morgen im Kampf gegen den Krebs befand. Nino Rauch war Leistungssportler, zielstrebig, stark, jung. Die ersten Symptome seiner Erkrankung hätte er selbst nur zu gerne ignoriert, dem beherzten Vorgehen seiner Mutter bei der Ursachensuche war die schnelle Diagnose zu verdanken: ein Lymphdrüsenkrebs im oberen Rachenraum.

Krebs also.

Krebs ist ein Schreckenswort. Krebs bedeutet, einen Feind im Körper zu haben. Krebs bedeutet eine gravierende Veränderung der Lebensumstände, Angst, Ohnmacht, Schwäche und langes Kranksein. Krebs rückt die Sterblichkeit in den Vordergrund, mit der wir uns zeitlebens ungern beschäftigen. In jungen Jahren verschwendet man in der Regel keinen einzigen Gedanken auf dieses Thema, alles liegt noch vor einem, man hat Ziele, Wünsche, Vorhaben, Ehrgeiz, Pläne.

Der Autor schildert den Krankheitsverlauf fast ausschließlich aus persönlicher Sicht, aus der Perspektive eines Pubertierenden, der nicht verstehen will, was mit ihm passiert. Vier Blöcke Chemotherapie bringen erschreckende Veränderungen mit sich: Gewichtsverlust, Muskelschwund, Schwächung des Immunsystems, dauerhafte Entzündungen im Körper. Essen verliert die Wertigkeit, wenn jeder Bissen unter Schmerzen geschluckt werden muss. Mehrfach täglich Blutuntersuchungen, permanente Müdigkeit und dauerhafte Übelkeit mit Erbrechen zermürben. Er zieht sich zurück, erlaubt kaum Besuche von Mitschülern, Lehrern, Familie.

Zwischendrin lässt Nino Rauch in kurzen Abschnitten Menschen, die im Kindesalter gleichfalls an Krebs erkrankt waren, ihre Geschichten erzählen. Er hat Interviews geführt: Knochenkrebs mit 16, Nierenkrebs mit 3, Hirntumor mit 12 und 10, Rückenmarkstumor mit 7.

Irgendwann wandelt sich der Kampf gegen den Krebs, der sich über die Ablehnung gegenüber behandelnden Ärzten, Pflegekräften und umsorgender Mutter äußert, in einen Kampf für sich selbst. Die Beschäftigung mit Vorbildern wie Lance Armstrong, der gleichfalls gegen die Krankheit kämpfen musste und Hermann Maier, der sich nach einem Unfall wieder auf die Teilnahme an einer Ski-Olympiade hochtrainiert hat, halfen Nino Rauch genauso wie die spezielle Therapie des St. Anna Kinderspitals.

Das Buch verursacht ein leichtes Unbehagen, man wünscht sich ein bisschen mehr Außenperspektive beim Lesen dieser Geschichte, die zwar ein Happy End hat, aber eben auch viele unschöne Momente. Das Mitgefühl erhält zunächst die Mutter, die Unglaubliches auf sich nimmt, um den Sohn zu unterstützen. Erst zum Ende hin, als Nino Rauch zurückblickt und sich selbst als gereift beschreibt durch diese extreme Erfahrung, atmet man leise auf. Gerade deshalb muss man den Verlag loben, der mutig genug ist, so eine Lebensgeschichte zu veröffentlichen. Danken sollte man dem Autor, dass er sich schonungslos mitteilt, denn so ein Bericht kann anderen Betroffenen und deren Familien als Orientierung für den Umgang mit einer Krebserkrankung bei jungen Menschen dienen.

Nino Rauch
Leben ohne Ende – Wie ich als Kind den Krebs bezwang
2014, edition a, Wien
192 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-99001-077-8
Cover: edition a Verlag

(Andrea Brücken)

 

Donnerstag, 20.03.2014

Autor: JosefBordat

Otto Normalforscher

Peter Finkes Citizen Science zeigt den Wert des Laienwissens

Wissen ist Macht – so meinte bereits Francis Bacon im frühen 17. Jahrhundert mit Blick auf das Kapital Englands im Bereich technischer Innovation. Tatsächlich hatte der Aufstieg seines Landes sehr viel mit wissenschaftlichem Fortschritt zu tun. Bacon schlug vor, diesen systematisch anzustreben und dafür eine eigene Institution zu gründen. So entstand die Royal Society und viele andere Wissenschaftseinrichtungen folgten in Europa. Die Folge: Wissen wurde institutionalisiert. Seitdem sind es die Universitäten und nach Planck, Leibniz oder Helmholtz benannte Forschungsinstitute, die jene klingenden Namen tragen, um allen zu suggerieren: Hier ist das Wissen der Zeit aufgehoben.

Dass damit nicht nur dem systematischen Fortschritt durch die Konzentration der wissenschaftlichen Kräfte gedient ist, sondern zugleich auch das nicht-institutionalisierte Wissen aus privater Forschung an den Rand gedrängt wird, zeigt Peter Finke. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld, bevor er aus Protest gegen die Bologna-Reform vor der Pensionsgrenze die Alma Mater verließ. In seinem Buch Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien versammelt er Fakten und Argumente für eine Wertschätzung der Beiträge des Normalbürgers zum Wissensbestand. Es ist die weltweit erste Einführung in Grundlagen, Motive und Reichweite des Bürgerwissens.

Wo etablierte und arrivierte Experten eine „Wikipedisierung“ befürchten, erinnert Finke daran, dass Freiheit, Lebensnähe und Dialog auch etwas mit Wissenschaft zu tun haben – jedenfalls mehr als Herrschaft und Macht. Gut ist in diesem Zusammenhang, dass der Wissenschaftstheoretiker in einigen Abschnitten spürbar die Feder führt, um gar nicht erst den Eindruck entstehen zu lassen, dass nunmehr alles, was als „Erkenntnis“ behauptet wird, Teil des Wissensbestands werden kann. Die unmissverständlich dargelegte Unterscheidung von „Information“ und „Wissen“ ist hier ebenso bedeutsam wie die Notwendigkeit der Bildung und Weiterbildung – wo auch immer sie stattfinden mag, ob als akademische Regelschulung oder private Aneignung.

In diesem Bewusstsein kann die programmatisch als „Abrüstung“ des „zu stark auf die professionelle Wissenschaft verengten, überhöhten Wissenschaftsbildes“ verstandene Orientierung auf eine ganzheitliche Wissensbildung unter Einschluss des Bürgerwissens gelingen. Dies, so der Verfasser schließlich, sollte auch gelingen, denn eine „zukunftsfähige Gesellschaft“ verlangt – neben einem Politik- und Kulturwandel – auch einen „Wissenschaftswandel“, hin zu einer Wissens- und Wissenschaftskultur, in der es „um Wahrheit“ geht, „nicht um Macht“. Bleibt zu hoffen, dass die Botschaft Peter Finkes auch im Wissenschaftsbetrieb zur Kenntnis genommen wird und die Citizen Science künftig ernster genommen werden. Nicht als Alternative oder Ersatz, sondern als Ergänzung.

Biographische Daten:

Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien. Mit einem Nachwort von Erwin Laszlo.
München: Oekom (2014).
240 Seiten, 19,95 Euro.
ISBN: 978-3865814661.

Josef Bordat

Sonntag, 16.03.2014

Autor: Andreas Schröter

George Saunders: Zehnter Dezember

George Saunders: »Zehnter Dezember«Wie von einem anderen literarischen Stern wirken einige der Kurzgeschichten von George Saunders – so originell, so witzig, so unterhaltsam, so tiefschürfend – schlicht so gut sind sie.

Im neuesten Band unter dem Titel „Zehnter Dezember“ gibt der 1958 geborene Englisch-Professor aus Amerika seinen Storys oft kleine irrationale Drehs, die aus Alltagsbegebenheiten etwas machen, das der Leser schwer fassen kann, das ihn mitunter verstört zurücklässt und diese Geschichten gerade deshalb so reizvoll macht – wie ein an ein Kruzifix erinnerndes Gestell, das ein ansonsten eher biederer Mann in seinem Garten zu jedem Anlass wie Thanksgiving oder Weihnachten passend schmückt. Und als seine Frau stirbt, verkleidet er es als Tod – und schon sieht der Leser den Mann mit anderen Augen.

Bemerkenswert ist eine Science-Fiction-Story, in der die Versuchspersonen Injektionen verpasst bekommen, die sie ganz nach Wunsch eines Wissenschaftlers in tiefste Depressionen oder himmelhochjauchzende Glücksgefühle versetzen. Auch kann der Versuchsleiter die Probanden dazu bringen, sich heftigst ineinander zu verlieben. Dass das nicht gut ausgeht, ahnt man.

Oder der Mann, der in seiner Firma einen Verkaufsrekord aufstellt und danach in tiefste Depressionen verfällt. Oder ein anderer Mann, der sich unrettbar verschuldet, um seiner Tochter ein schönes Geburtstagsgeschenk zu machen.

Da schwingt eine Menge Gesellschaftskritik mit, aber nie so penetrant, dass der Unterhaltungscharakter darunter leiden und sich ein moralin-saurer und störender Eindruck ergeben könnte.

Geradezu herausragend ist die psychologische Beobachtungsgabe des Autors. Immer wirken seine Figuren absolut glaubhaft und überzeugend, so unterschiedlich sie auch angelegt sind – wie in der Titelgeschichte „Zehnter Dezember“, die abwechselnd aus zwei Perspektiven geschrieben ist und in der ein Junge einen Selbstmordwilligen vor dem Erfrierungstod zu retten versucht. Ein tolles Buch!

George Saunders: Zehnter Dezember.
Luchterhand, Februar 2014.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 15.03.2014

Autor: JosefBordat

Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Praxis!

Michael Böcher und Max Krott legen in Mit Wissen bewegen! Erfolgsfaktoren für Wissenstransfer in den Umweltwissenschaften einen wichtigen Beitrag vor, der für Umweltwissenschaftler und Praktiker gleichermaßen Hinweise für eine gelingende Kooperation bereitstellt.

Die Rede vom „Elfenbeinturm“ ist sicher jeder und jedem geläufig: Eine realitätsferne Wissenschaft, schon räumlich weit entrückt, urteilt über eine Welt, die sie nur aus der Draufsicht, nicht aber aus echter Teilhabe kennt. Die Abgehobenheit der Forschung gipfelt in einem Diktum, das dem Philosophen Hegel zugeschrieben wird: Wenn die Theorie nicht zur Praxis passt, muss sie sich ändern – die Praxis.

Erkennen – Vermitteln – Anwenden. Dies ist der Dreisatz einer Forschungskultur, die den Elfenbeinturm mit Ziel „Gesellschaft“ verlassen hat. In diesem Sinne hat das Wissenschaftsprogramm „proVISION“ und andere ähnliche Projekte den „Abschied vom Elfenbeinturm“ und dabei nicht nur die Transformation von wissenschaftlichen Forschungsresultaten in konkrete praktische Problemstellungen vorgenommen, sondern zudem eine Rückwirkung der praktischen Erfahrungen in die theoretische Analyse zugelassen und damit echte Partizipation gewagt.

Sieben Fallbeispiele werden in dem Sammelband Mit Wissen bewegen! Erfolgsfaktoren für Wissenstransfer in den Umweltwissenschaften vorgestellt, der unlängst von Michael Böcher und Max Krott bei oekom (München) herausgegeben wurde. In ihnen wurde unter zwei übergeordneten Leitfragen eine Verzahnung von Theorie und Praxis angestrebt: Erstens: „Wie kann man erreichen, dass gar keine Türme mehr entstehen, weil die Praxis bei der Entwicklung der Forschungsfragen eingebunden und die Forschung auf Praxisprobleme ausgerichtet wird?“ Und zweitens: „Wie können wissenschaftliche Erkenntnisse zum Handeln motivieren, zum Umdenken und zur Neuausrichtung in der Praxis?“ Das bedeutet: Wie kann die Theorie für die Praxis und wie kann die Praxis für die Theorie normativ werden?

Besonders wertvoll ist die methodologische Betrachtung der Transformationsprozesse in den einzelnen Projekten, die auf einem neuen Wissenstransfermodell namens FIV basiert: Forschung – Integration – Verwertung. Das FIV-Modell geht davon aus, „dass Wissenschaft neben wissenschaftlichen auch politische Problemlösungen finden könne“. Dies ist jedoch zugleich selbst ein Problem: Wissenschaftliche Forschung ist nicht demokratisch legitimiert und sollte daher auch nicht normativ ausgerichtet sein. Sie soll Wahrheiten finden, nicht Mehrheiten organisieren. Wird die Wissenschaft zu politisch, ist sie nicht mehr das, was sie strukturell sein sollte: unabhängig. Wichtig ist deshalb ein zweiter Aspekt: das Eingeständnis, dass „wissenschaftliche Wahrheit nicht die Anwendung in der Praxis erzwingen“ kann. Nur so – in der „weichen“ Normativität beratender Rhetorik, die Rückfragen zulässt – sollte wissenschaftliche Forschung in einem demokratischen Gemeinwesen politische und gesellschaftliche Themen behandeln.

Damit die Transferleistung in diesem Sinne gelingt, braucht es drei Dinge: Relevanz (das ist klar), Glaubwürdigkeit (das ist wichtig) und Legitimation. Legitimation bedeutet in diesem Kontext nicht etwa ein formaler Rückhalt in der Bevölkerung, wie er über demokratische Beteiligungsprozesse im Rahmen üblicher Entscheidungsverfahren (Abstimmungen, Wahlen) erreicht werden kann, sondern „bezieht sich auf die Frage, ob Akteurinnen und Akteure den Beratungsprozess als transparent, unvoreingenommen sowie politisch und prozedural als fair ansehen“. Dies wiederum ist erzielbar, wenn sich der Wissenstransfer „am öffentlichen Zweck orientiert“ und „Gemeinwohlwerte, Interessen und Wünsche der Gesellschaft integriert“. Diese Werte und Wünsche müssen sich ihrerseits im herkömmlichen politischen Prozess bilden bzw. artikulieren.

Der Appell, den das Buch aussendet, ist ebenso deutlich wie wichtig: Umweltwissenschaftliche Forschung muss in die Praxis des Handels heruntergebrochen werden, um wirksam werden zu können. Sie soll diese Wirksamkeit entfalten, weil und soweit dies die Gesellschaft in der Bewältigung ihrer Gegenwartsprobleme stärkt. Tatsächlich zeigen neuere Fallstudien die Bedeutung der Partizipation im Sinne echter Einbeziehung und ernsthafter Beteiligungsmöglichkeit. Insoweit geht in den Umweltwissenschaften am Praxisbezug der theoretischen Modelle, aber auch an der Mitwirkung der Praxis am Forschungsdesign kein Weg mehr vorbei.

Biographische Daten:

Michael Böcher / Max Krott: Mit Wissen bewegen! Erfolgsfaktoren für Wissenstransfer in den Umweltwissenschaften.
München: Oekom (2014).
211 Seiten, 29,95 Euro.
ISBN: 978-3865814722.

Josef Bordat

Samstag, 15.03.2014

Autor: Frank Berno Timm

Amazon wird deutscher Verleger

amazon

Amazon will als Verleger in den deutschen Markt einsteigen. Screenshot: fbt

Bislang ist es nicht mehr als eine Ankündigung, die allerdings in zeitlicher Nähe zur Leipziger Buchmesse durchaus von Interesse ist: Amazon plant, ein deutschsprachiges Verlagsprogramm zu etablieren. Es soll nach Angaben des Unternehmens “Belletristik in deutscher Sprache akquierieren und als EBook auf dem Kindle sowie als Printausgaben auf Amazon verfügbar machen”. Man habe für bereits veröffentlichte, deutsche Übersetzungen “viel positives Feedback” bekommen. Das Programm soll von München aus gesteuert werden.

Gestartet wird im Frühling 2014. Zunächst sollen “Klang der Gezeiten” von Emily Bold,  außerdem ein Krimi von Alexander Hartung und der “romatische Bestseller-Debütroman” “New York für Anfängerinnen”, der von Susann Remke stammt, herauskommen.

Bemerkenswert ist nicht nur die Tatsache, dass Amazon als klassischer Verleger auftritt, sondern dass auch das gedruckte Buch vermarktet werden soll.  Der Erfolg bleibt abzuwarten.

Donnerstag, 13.03.2014

Autor: Annette

Berta Marsé: “Der Tag, an dem Gabriel Nin den Hund seiner Tochter im Swimmingpool ertränken wollte”

marséDieser Erzählband ist bereits 2006 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen. Hätte ich noch keine Exemplar, ich würde mir umgehend eins sichern, zumal bislang leider kein aktuelleres Buch von Berta Marsé auf Deutsch erschienen ist.

Berta Marsés Thema ist die Familie. Der schöne Schein und das, was sich hinter der Fassade an Abgründen auftuen kann.

In “Der Tag, an dem Gabriel Nin den Hund seiner Tochter im Swimmingpool ertränken wollte” gerät ein aufopferungsvoller Vater am Geburtstag seiner Tochter völlig aus der Spur, weil sich das fünfjährige Mädchen verplappert und ihm die Affäre ihrer Mutter offenlegt.

Eben noch ein Musterexemplar eines liebevollen Vater erpresst der Mann nun sein Kind, um ihr das ganze Geheimnis zu entlocken und ist blind für den Schaden, den er bei dem Mädchen anrichtet.

In “Ursprung” konfrontiert eine Tochter ihren Vater mit seiner viele Jahre zurückliegenden, fast vergessene Affäre. Er hat mit seiner Studienfreundin einen Sohn gezeugt, der bei seinem besten Freund behütet aufgewachsen und nun der Freund seiner Tochter ist. Nicht genug damit, die beiden machen ihn zum Großvater.

Auch in “Die Diva und die Friseuse” ist es ein entscheidender Moment, um den sich die Handlung dreht. Für die arbeitslose Friseuse wird es zu einer Frage von Sein oder Nichtsein, ob die alternde, kahlköpfige Diva die eigens für sie mit dem Haar des Mädchens gefertigte Perücke akzeptiert.

In “Die Kanufahrt” erpressst eine junge Frau ihren Freund. Von außen betrachtet wirken die beiden wie ein ganz normales Paar, das ein paar Probleme beim Paddeln hat. Doch in diesen wenigen Stunden gesteht sie ihm nicht nur eine Abtreibung, sondern auch, dass sie nur bei ihm bleibt, weil sie sich so einen gesellschaftlichen Aufstieg erhofft. Am Ende bleibt offen, ob der junge Profifußballer bei einer Frau bleiben wird, die ihn mit seiner so lange verheimlichten Homosexualität zu erpressen versucht.

In “Erste Liebe” erfüllt ein Vater seinem todkranken Sohn einen letzten Wunsch: die bislang abweisende Mitschülerin Maite in ihn verliebt zu machen. Der Plan des Vaters ist nicht ganz fair und stellt die Beziehung von Maites Mutter und ihrer pubertierenden Tochter auf eine schwere Probe.

“Ich melde mich” ist ein einziges, einstündiges Telefonat zwischen einem Ehemann, dessen Frau einen Nervenzusammenbruch hatte, und der Putzfrau, die zweimal die Woche bei dem Paar sauber macht. Sie hatte der Frau eine Notiz hinterlassen, die den Zusammenbruch ausgelöst hatte:  eine Nachricht ihres verstorbenen Vaters.

Warum “Ich melde mich” zu meinen Favoriten in diesem Erzählband gehört, das liegt ganz bestimmt an dem wortreichen Dialog.  Obwohl – die Dialoge sind im gesamten Band unglaublich erfrischend und schlagfertig. Vielleicht brauchte ich auch einfach eine kleine Pause nach den vorangegangenen Erzählungen, die locker daher kommen und sehr viel Zündstoff bieten.

Mit “Die Schildkröte”, der letzten Erzählung in diesem Buch, gewann die 1969 in Barcelona geborene Berta Marsé den Premio Gabriel Aresti. Auch diesmal nimmt sie den Leser Zeile für Zeile mit auf eine Enthüllungsreise. Ein Kinderbuchillustrator soll ein neues Maskottchen entwerfen, die Umsetzung bereitet ihm einige Schwierigkeiten. Er kommt auf die Idee, sich von den Zeichnungen einer Grundschulklasse Inspiration zu holen. Dann tut sich der Abgrund auf. Denn die kleine Alba zeichnet einen Hilferuf.

Kindesmissbrauch, Inzest, unheilbar kranke Kinder, homosexuelle Sportler und Abtreibungen – Berta Marsé hat sich ausnahmslos schwierige Themen gesucht. Ich würde immer wieder eine Erzählung von ihr lesen, nicht nur, weil sie gut geschrieben sind, sondern weil Marsé etwas mitzuteilen hat.

Montag, 10.03.2014

Autor: Andreas Schröter

Frank Goosen: Raketenmänner

Frank Goosen: »Raketenmänner«Rundum sympathisch und warmherzig wirken die 16 Storys in der Geschichtensammlung „Raketenmänner“ des 1966 geborenen Bochumer Autors Frank Goosen.

Die analog zum Titel durchweg männlichen Hauptfiguren sind dabei allerdings kaum auf dem steilen Weg nach oben wie eine Rakete – im Gegenteil: Sie stehen oft an einem Scheideweg, finden sich in den Realitäten, in denen sie leben, nicht zurecht. Goosens Helden sind Jedermänner und wirken gerade deswegen so lebensecht. Da gibt es den Journalisten Kamerke, der verzweifelt versucht, seine Frau zu betrügen, den einsamen Chef Frohnberg, der von einem Haus am Meer träumt, oder Wenzel, der von dem Geld seines Großvaters einen Plattenladen eröffnet, in dem sich zwar junge Paare zum Knutschen treffen, der sich aber kaum rentiert. Solche Männer setzten sich manchmal lieber in ein Baumhaus, das sie für ihre Kinder gebaut haben, als in ihre Wohnung zurückzukehren, wo die Familie wartet.

Viele der Geschichten sind lose miteinander verbunden. Charaktere, die in einer Story nur am Rande vorkommen, werden in einer anderen zur Hauptfigur. Auf diese Weise entsteht nach und nach ein geschlossenes Ganzes – fast wie bei einem Roman.

„Raketenmänner“ wirkt insgesamt viel frischer als manches, was Goosen in früheren Jahren veröffentlicht hat, als er sich gelegentlich etwas zu sehr in eine rückwärtsgewandte 70er-Jahre-Nostalgie hineingesteigert hat. Diesen Touch gibt’s zwar zuweilen auch in diesem Buch – etwa wenn’s um Fleetwood Mac, alte Western oder C-90-Kassetten geht –, aber mit der richtigen Dosierung.
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Frank Goosen: Raketenmänner.
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2014.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

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