Dienstag, 17.01.2017

Autor: Andreas Schröter

T.C. Boyle: Die Terranauten

T.C. Boyle: Die Terranauten«Anfang der 90er-Jahre haben sich in den USA acht Menschen für zwei Jahre in eine künstliche Welt einschließen lassen, um ein Leben zu simulieren, das vollkommen unabhängig vom Rest der Erde auskommt. „Biosphäre 2“ hieß das Projekt. Es sollte wissenschaftliche Erkenntnisse für eine mögliche Station auf dem Mars liefern.

US-Kultautor T.C. Boyle hat unter dem Titel „Die Terranauten“ die Erfahrungen der Teilnehmer von damals zu einem 600-Seiten-Wälzer verarbeitet: Mit großem Enthusiasmus gestartet, kommt es schnell zu ersten Problemen. Die selbst erzeugten Nahrungsmittel sind einseitig und reichen nur so gerade eben aus, um das ganze Team zu ernähren. Wenn die Sonne draußen nicht scheint, produzieren die Pflanzen im Innern des Glaskomplexes nicht genügend Sauerstoff. Der Wert sinkt auf ein Level, das gefährlich für das Überleben der Menschen und Tiere wird.

Letztlich kann das Experiment von damals als gescheitert erklärt werden, denn die Luftschleuse musste mehrmals geöffnet werden – unter anderem, um große Mengen Sauerstoff einzuleiten.

Noch schlimmer sind die Streitigkeiten untereinander, die sowohl in der Wirklichkeit damals als auch im Roman immer heftiger werden.

T.C. Boyle schreibt seine Geschichte abwechselnd aus drei verschiedenen Perspektiven: Zu Wort kommen Egoist und Frauenheld Ramsay, seine Freundin Dawn und die alkoholgefährdete Linda, die es nicht verwinden kann, nicht zum Team zu gehören, und das Geschehen von außen betrachtet.

Natürlich hat Boyle die realen Ereignisse von damals mit jeder Menge amouröser Abenteuer und allerlei anderem Menschlichen wie Hass, Neid, Missgunst, zurückgewiesener Liebe und sogar einen handfesten Skandal aufgepeppt. Und vielleicht steckt darin ja sogar die Kernaussage dieses Romans: Selbst wenn man technisch ein solches Leben unter Glas noch so gut vorbereitet, wird man nie den menschlichen Faktor in den Griff bekommen. Und einen Bezug zur realen „Biosphäre 2“ hat das dann doch: Eine der Teilnehmerinnen damals hatte starke Depressionen und musste – per Telefon – therapiert werden.

Für all jene, die sich für dieses über 20 Jahre alte und etwas in Vergessenheit geratene wissenschaftliche Experiment – das zudem leicht sektiererische Züge trug – heute nicht mehr besonders interessieren, hat dieser Roman durchaus Längen. Missraten ist er allerdings keinesfalls, schließlich sind die handelnden Figuren psychologisch genau und glaubwürdig durchleuchtet.

T.C. Boyle: Die Terranauten.
Hanser Verlag, Januar 2017.
608 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Samstag, 31.12.2016

Autor: Andreas Schröter

Ian McEwan: Nussschale

Ian McEwan: Nussschale«Was für eine gute Idee: Der britische Erfolgsautor Ian McEwan erzählt seinen neuen Roman „Nussschale“ aus der Sicht eines frühreifen und äußerst verständigen Embryos im Mutterleib. Der Kleine muss mit ansehen – beziehungsweise hören –, wie seine Mutter und deren fieser Lover planen, den sympathischen Vater des Kindes um die Ecke zu bringen, um das Haus, das diesem Vater gehört, gewinnbringend verkaufen zu können …

McEwans inhaltlich an Shakespeares Hamlet angelehnter Kurzroman ist äußerst witzig und amüsant, weil der Embryo mit Lebensweisheiten aufwartet, die selbst einem Erwachsenen einen hohen Intelligenzgrad bescheinigen würden. Und er entwickelt sich zu einem echten Weinkenner, weil die Mutter einem guten Tropfen gegenüber alles andere als abgeneigt ist.

Gefangen in der Gebärmutter sieht der Kleine Katastrophen früh kommen, kann aber rein gar nichts dagegen tun.

Und ganz nebenbei ist die Krimihandlung in diesem Roman sogar spannend. Funktioniert der Komplott gegen den Vater? Kommt der Embryo nicht versehentlich beim wilden Sex der beiden Bösewichte zu Tode? Soll er zu seiner Mutter stehen, obwohl sie doch wohl zur Mörderin wird? Und kann er wirklich gar nichts tun?

Insgesamt sehr empfehlenswert!
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Ian McEwan: Nussschale.
Diogenes, Oktober 2016.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

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Mittwoch, 21.12.2016

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich«Nach seinen ersten beiden gefeierten Romanen „Alles ist erleuchtet“ (2002) und „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005) hat der US-amerikanische Autor Jonathan Safran Foer elf Jahre geschwiegen. Jetzt ist sein neues Werk, ein 700-Seiten-Wälzer, unter dem Titel „Hier bin ich“ erschienen.

Es geht um gleich zwei große Themen: den langsamen Verfall einer Ehe und das Verhältnis amerikanischer Juden zu Israel.

Beeindruckend ist vor allem der Ehe-Teil. Mit allergrößter Genauigkeit seziert der 1977 geborene Autor – oft über Dialoge – das Auseinanderdriften von Jacob und Julia Bloch, die drei gemeinsame Söhne haben. Äußerer Anlass für das Zerwürfnis ist ein erotischer SMS-Wechsel Jacobs mit einer Kollegin, den Julia entdeckt. Im Grunde hätte dieser Part gereicht, um daraus ein richtig schönes Buch zu machen.

Stattdessen jedoch erfindet Foer zusätzlich ein Erdbeben, das Israel beinahe um seine Existenz bringt, weil die arabischen Nachbarn die Schwächephase des Landes ausnutzen wollen. Als der israelitische Premierminister alle Juden auffordert, nach Israel zu kommen, um im Krieg zu helfen, muss sich auch Jacob entscheiden.

Dieser Part dürfte vor allem Leser ansprechen, die ein generelles Interesse am Nahostkonflikt und an der Situation der Juden in der heutigen Welt haben. Und das ist mutmaßlich eben nicht jeder, der sich auch für Ehekrisen interessiert. Aus dem Stoff zwei Bücher zu machen, wäre vielleicht auch eine Möglichkeit gewesen – eventuell sogar die bessere.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich.
Kiepenheuer & Witsch, November 2016.
688 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Dienstag, 29.11.2016

Autor: Andreas Schröter

Steve Toltz: Fließsand oder Eine todsichere Anleitung zum Scheitern

Steve Toltz: Fließsand oder Eine todsichere Anleitung zum Scheitern«Der König der Loser, der Weltmeister des Desasters ist Held in Steve Toltz‘ Roman „Fließsand oder eine todsichere Anleitung zum Scheitern.“ Aldo heißt der Unglücksrabe, der im Laufe dieser gut 520 Seiten so ziemlich jede Katastrophe erlebt, die sich denken lässt. Er wird mehrfach unschuldig der Vergewaltigung oder des Mordes beschuldigt, scheitert mit wirklich jeder neuen Geschäftsidee und vermasselt schließlich sogar einen Selbstmordversuch aufs Dramatischste.

Es geht dem 1972 geborenen australischen Schriftsteller dabei nicht um billigen Klamauk. „Fließsand“ ist ein hochliterarischer Roman, der nicht nur lustig ist, sondern vor sprachlichem Einfallsreichtum nur so funkelt und sich ganz nebenbei philosophischen und religiösen Fragestellungen widmet.

Und wie ein moderner Till Eulenspiegel zeigt erst der Außenseiter, der Narr, wie krank und verrückt vieles ist, was gemeinhin als „normal“ gilt. Außerdem ist „Fließsand“ ein Roman über eine unerschütterliche Freundschaft. Insgesamt ein dickes und tolles Buch!
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Steve Toltz: Fließsand oder Eine todsichere Anleitung zum Scheitern.
DVA, Oktober 2016.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

Samstag, 19.11.2016

Autor: rwmoos

Heike Scholz (Hg.): Social Goes Mobile: Kunden gezielt erreichen

Raus aus der Hängematte & rein ins Netzwerk

Ein Freund von mir hat eine kleine Firma. Über eine Website, die sich mit den Schönheiten der Fränkischen Schweiz beschäftigt, bietet er Wanderungen an und verkauft Spazierstöcke. Natürlich hat die Website einen Facebookableger, aber die Präsenz in den sonstigen sozialen Netzwerken ist ausbaufähig.
Als mich die Rezensionsanfrage erreichte, hatte ich folgende Idee: Wir werden die voraussichtlichen Empfehlungen des Werks soweit möglich anwenden und dadurch direkt sehen, ob sie etwas taugen. Sozusagen keine Rezension, sondern eine Produktbewertung erstellen.
Das hat so leider nicht geklappt.

Der erste wichtige Grund ist die Zeit. Bis wir wirklich quasi gerichtsfeste Bewertungen hätten abgeben können, wären die Artikel in dem Buch wahrscheinlich hoffnungslos veraltet.
Der zweite Grund – aber dazu komme ich später.
So wird es bei einer „klassischen“ Rezension bleiben.

Zunächst: Ein Büchlein wie dieses sollten sich die Entscheider in mittelständischen Unternehmen unbedingt zulegen und auch durchlesen. Denn es konstatiert auf kurze und schmerzhafte Weise den Paradigmenwechsel in der Marketingstrategie, der sehr viele Wirtschaftszweige über kurz oder lang ereilen wird. Eigentlich schon längst ereilt hat, ohne dass es bemerkt wurde oder wahlweise ohne dass es, obwohl bemerkt, ernst genommen wurde.
Jenen Paradigmenwechsel nämlich von der klassischen in die virtuelle Gesellschaft. Natürlich wird auch die klassische Gesellschaft weiter bestehen und wir werden weiter einen festen Freundeskreis aus realen Freunden um uns scharen. Und der Bäcker wird weiter seine Brötchen einem realen Kunden über die Theke reichen. Daneben aber hat der moderne Mensch Facebookfreunde, tauscht sich mit allen möglichen Leuten, die er sonst gar nicht kennt, auf WhatsApp aus, interessiert sich für die Politikerklärungen diverser Youtuber, twittert, was das Zeug hält, interessiert sich für Instagramm deutlich mehr als für die deutsche Restgrammatik und trägt sich justament in diesem Augenblick als User in irgendeinem neuen Medium ein, dessen Namen ich noch gar nicht kenne.
Viele meiner Generation finden das ziemlich bescheuert, aber das ändert nichts. Und insgesamt hat es den Vorteil, dass die Generation meiner Enkel mit einigen gewichtigen Ausnahmen offenbar deutlich friedlicher mit ihrer Umwelt kommuniziert als die Generation meiner Großeltern.
Und – ob bescheuert oder nicht – das ist genau die Welt, in der ich als Unternehmer meine Produkte platzieren will. Diese Leute bezahlen mich – oder eben auch nicht.

Die Grundidee des Buches, die in fast allen Kapiteln durchscheint ist die: Wenn Du als Unternehmer willst, dass die Leute Dich weiter bezahlen (also Deine Produkte kaufen), musst Du Dich um sie kümmern und kannst sie nicht weiter ignorieren (oder auf Besserung der Verhältnisse in Deinem Sinne warten).
Denn der oben genannte Paradigmenwechsel hat aus Unternehmersicht zwar ein paar Nachteile, aber auch gewaltige Vorteile.
Die Nachteile: Mit breit gestreuter Werbung aus der Schrotflinte kann man immer weniger Leute erreichen. Lancierte Zufriedenheit wird auch in der Werbung unglaubwürdiger, weil in den sozialen Netzwerken die Wucht glaubwürdiger Kundenbewertung nicht mehr mit bezahlter Bewertung aufgewogen werden kann. Mittelfristig wird durch diese Vernetzung die Kundenmacht gestärkt, und es kommt immer mehr darauf an, wirkliche Inhalte anzubieten, die auch dem Kunden einen messbaren Mehrwert bringen.
Die Vorteile: Wirklich gute Inhalte haben es leichter, weil die alte „Mund-zu-Mund-Propaganda“ sich durch diese Netzwerke exponentiell potenziert. Die Werbung kann zielgenauer aufgrund der Vorlieben der Nutzer eingesetzt werden. Dadurch, dass das Smartphone immer „am Mann“ ist, ist das Werbeziel lokalisierbar. Die Kundenbindung kann viel breiter aufgestellt werden, wenn man neben dem Produkt auch andere Inhalte bietet.
Ganz nebenbei kann so auch der Service-Gedanke in der deutschen Gesellschaft verankert werden – aber das ist schon fast ein anderes, eigenes Thema.

Was der oben aufgeführte Paradigmenwechsel sonst noch für Chancen (deren Namen Legion zu sein scheint), aber auch für Fallstricke bietet – dazu sind in dem aufschlussreichen Büchlein vierzehn Artikel unterschiedlicher Autoren gesammelt.

Eine Einführung der Herausgeberin, Heike Scholz, macht uns noch einmal die Gesamtentwicklung der sozialen Netzwerke bewusst und stimmt uns auf die aktuellen Umwälzungen ein.

Dem Geldgeber, der daraufhin sofort in die Sozial-Media-Kompetenz seines Unternehmens investieren will, droht aber anschließend Nina Diercks mit dem juristischen Hammer: Wer ihr Kapitel über rechtliche Fallstricke durch hat, investiert lieber erst einmal in die juristische Abteilung des Betriebs. Oder beauftragt wahlweise die Hamburger Kanzlei Diercks & Diercks mit der Ausgestaltung der entsprechenden Verträge.

Kann er beides finanziell nicht stemmen, erholt er sich vielleicht beim Lesen des Beitrags von Kerstin Hoffmann zu modernen Kommunikationsstrategien, der zwar recht kurz gestaltet ist, aber meines Erachtens zu den Besten in der Sammlung gehört. Zumindest diesen Artikel sollten sich Marketing-Verantwortliche in jedem Unternehmen, ob groß oder klein, einmal durchlesen. Interessanterweise gelingt es der Autorin so ganz nebenher, nicht der Versuchung des szenetypischen Halbenglisch-Sprechs nachzugeben, sondern ihrem Anliegen auch in der eigenen Arbeit gerecht zu werden und eine gelungene Kommunikation in deutscher Sprache vorzulegen. Wer in dieser Weise Anliegen mit Arbeit unterfüttert, zeigt Autorität und eine Kompetenz, die mir gefällt.

Fast lückenlos und ebenfalls lesenswert, aber deutlich umfangreicher schließt Dirk Liebich mit seinem fast schon philosophischen Beitrag an, der sich intensiv mit dem auseinandersetzt, was ich oben kurz als Paradigmenwechsel beschrieben habe. Im zweiten Teil seines Artikels gibt es lediglich ein paar Abstriche gegenüber dem Lob, das ich Frau Hoffmann gerade für ihre Deutsch-statt-Denglisch-Kompetenz zollte.

Ganz praktisch folgen ein paar Tipps für den Umgang auf einigen Plattformen wie Facebook, YouTube und Instagramm von Paul Baumann, denen sich wiederum ein ähnlicher Beitrag von Jan Firsching, allerdings hier nur auf Instagramm spezialisiert, anschließt. Anschließend warnt Klaus Zell in einer für derartige Literatur nachgerade untypischen, aber klar begründenden Eindeutigkeit vor dem Einsatz von WhatsApp in der Unternehmenskommunikation und vor allem in der Kundenbetreuung. Seine Empfehlung: Den ungleich besseren Schweizer Anbieter Threema nutzen!

Kurz darauf folgt noch der Beitrag von Andrea Brücken, die sich der Mühe unterzogen hat, eine Übersicht der derzeitig wichtigsten Programmier-Werkzeuge für den kritischen Umgang mit den besagten Sozial-Media-Plattformen zusammenzustellen. Als einzige stellt sie dabei Überlegungen an, wie sie bei der anstehenden Aufgabenstellung in einem mittelständischen Betrieb nicht unwahrscheinlich sind (siehe dazu weiter unten auch die Fragestellungen zu der Lage von Kleinunternehmen). Mit erfreulicher Leichtigkeit nimmt sie zudem ihre Sprache durch selbst gezeichnete Karikaturen ein wenig auf die Schippe.

Erwähnt werden soll noch der Artikel von Mario Schwertfeger zum Thema Suchmaschinenoptimierung. Zwar hat der Autor keine wirklich praktikablen Tipps auf Lager, kann aber dafür sicher sagen, was früher funktionierte und heute vielleicht – ein bisschen – immer noch funktionieren könnte.
Eher unfreiwillig komisch wirkt, dass er – die Tipps seiner Vorredner ignorierend – das Format seiner Ausführungen offenbar der Plattform anzupassen nicht in der Lage war. Zweimal ist in seinem Artikel von „der folgenden Grafik“ o.ä. die Rede. Diese „folgende“ Darstellung findet man dann jeweils eine Seite vorher.
Herr Schwertfeger! Diese Plattform, auf der sie gerade veröffentlichten, nennt man „Buch“. Sie hat sicher ihren Zenit überschritten, aber dennoch eine großartige Zukunft vor sich. Sie sollten sich ein wenig mit dieser Plattform und den darauf möglichen Formatierungen beschäftigen, wenn Sie gewisse Zielgruppen im Auge behalten möchten 🙂
(Es ist dem Autor dieser Zeilen natürlich klar, dass Herr Schwertfeger hier möglicherweise nur ein Opfer eines ungenannten Layouters wurde)

Der Rest der Beiträge ist eher ergänzender Natur. Hier haben ganz klar jene Leute das Sagen, die inzwischen in der von ihnen selbst gestalteten Welt leben und auch nicht mehr zum Zwecke des Vortrags herausfinden. Da gilt das ganze Gegenteil von dem Kompliment für Kerstin Hoffmann: Man verliert sich in den eigenen Fachausdrücken, die Kompetenz vorgaukeln (indem man z.B. ständig vom „Content“ statt vom „Inhalt“ redet) die nachweislich nicht da ist. Um es nämlich kurz und prägnant auszudrücken:
Wer mir empfiehlt, zum Zwecke der Kundenerreichbarkeit die Sprache des Kunden zu erlernen, sollte zunächst seiner eigenen Predigt lauschen und seinerseits erst meine Sprache erlernen, wenn er mich erreichen will. Ansonsten zeigt er durch die eigene Kommunikationsstrategie seine Inkompetenz in Sachen Kommunikation.

Es ist ein wenig schade, dass die Qualität der Artikel derart nachlässt, um schließlich ausgerechnet in dem Beitrag von Susanne C. Steiger paradoxerweise sowohl formal als auch inhaltlich seinem Tiefpunkt entgegen zu fallen. In jenem Artikel werden Kriterien zur Bewertung des Werbe-Erfolgs vorgestellt. Heißt dort natürlich anders, weil der Beitrag fast ausschließlich in Denglisch verfasst ist. Nachdem zunächst 15 Kriterien vorgestellt wurden, tröstet die Autorin mit der Bemerkung, dass man nicht alle berücksichtigen müsse. „Für einen ersten Überblick genügen einige wenige aus jedem Bereich“. Woraufhin sie zu diesen einigen wenigen wirklich notwendigen Kriterien 9 (in Worten: neun) der 15 (plus eines weiteren aus einer anderen Liste) noch einmal aufzählt. Ach, hätte sie doch vorher die Artikel ihrer Mitautoren zu den Themen „Interessante Inhalte“, „Vermeidung unnötiger Längen“ etc. gelesen. Die Medienhochschule Mittweida, an der die Autorin lehrt, kann ich jedenfalls so gesehen zunächst einmal nicht empfehlen.
Natürlich ist auch diesen letzten Artikeln hie und da etwas Interessantes zu entnehmen. Schade aber, dass sie den Gesamteindruck des Büchleins deutlich schmälern. Hätte ich nicht die Aufgabe der Rezension übernommen, wäre meine Lektüre weit früher abgebrochen worden.

Insgesamt aber habe ich es nicht bereut, mich auf diesem Wege über aktuelle Entwicklungen im Marketing informiert zu haben. Insbesondere die Frage des eingangs erwähnten Paradigmenwechsels in der gesamten Gesellschaftsstruktur, aus der mit der Frage der Platzierung einer Marke hier ja nur ein Ausschnitt gespiegelt wurde, wird mich weiter beschäftigen.

Eine wichtige Frage allerdings taucht gar nicht auf.
Nicht ohne Grund nämlich habe ich weiter oben die Relevanz für mittelständige Unternehmen betont. Großunternehmen nämlich haben die Problematik längst erfasst und reagiert. Kleinunternehmen aber fehlt für die Breite der notwendigen Aufgaben schlichtweg das Geld. Vor einiger Zeit hatte ich noch Mühe, einem kleinen Unternehmen im Event-Bereich, hier in der Fränkischen Schweiz, die Wichtigkeit eines Facebook-Auftritts nahe zu legen. Bei der regelmäßig von mir durchgeführten Gäste-Befragung ergab sich, dass der Großteil aufgrund von klassischen Werbeplattformen, also insbesondere der Lokalzeitung, aber auch der Flyer- und Plakatwerbung angesprochen worden war und sich dann erst ergänzend über lokale Webseiten wie Die-Fraenkische-Schweiz.com oder die Website des Unternehmens selbst informiert hatten. Nur zweimal war der Facebook-Auftritt als Erstkontakt angeführt worden. Natürlich – und das wird im Buch oft genug betont – wäre die Ausrichtung auf so einen 1:1-Erfolg unsinnig. Es geht ja um jenen Paradigmenwechsel: Allein schon, dass man im Gespräch bleibt und sich quasi qua Freundeskreis einen Pool freiwilliger Botschafter erschließt, sichert die Zukunft eines Unternehmens. Schon richtig. Aber die Betreuung einer Facebook-Site ist an sich schon recht aufwändig. Dazu käme, folgt man den Empfehlungen der Autoren, dann noch eine Mindestpräsenz auf YouTube, Instagramm und Twitter. Eine Präsenz zudem, die kurzfristige Reaktionen erlaubt, ja bedingt!
Noch ohne die Beschäftigung eines Internet-Juristen wären das zwei bis drei Vollzeitstellen. Gut zu bezahlende Vollzeitstellen im Übrigen, will man das Ganze qualitativ hochwertig gestalten.
Nun kann man – wie gesehen – aber nicht deshalb einfach auf die bisherige klassische Werbung verzichten, weil sie immer noch relevant ist.
Mit anderen Worten: Durch die Vervielfältigungen der Plattformen wächst der Werbe-Etat bei gleicher Gesamtreichweite auf ein Mehrfaches. Auch wenn dies durch andere Fragestellungen (Lokalverortung, mögliche Reichweitenausdehnung, Gewinnen neuer Zielgruppen) zum Teil wieder relativiert wird, bleibt doch die Unverhältnismäßigkeit der Werbeaufwands zum Ergebnis, die naturgemäß je größer ist, je kleiner das Unternehmen und dessen Gesamtumsatz.
Kurz gesagt: Je mehr sich die Werbeplattformen aufteilen, desto mehr muss in Medienkompetenz und Werbung investiert werden, desto schmaler fällt bei gleichbleibenden Umsatz der Gewinn aus. Und: Je kleiner das Unternehmen, desto weniger kann es sich eine solch breite Aufstellung leisten.
Das genau war denn auch der zweite Grund, weshalb mein Freund mit seinem Kleinunternehmen den Praxistest so nicht durchführen konnte.

Sicher gibt es dafür marktkompatible Lösungen. Ein Beitrag mit entsprechenden Vorschlägen hätte das vorliegende Buch noch bereichert.

Seine Wichtigkeit und Weitsichtigkeit indes bleibt unbestritten.
Es mag ein Zufall sein, aber während ich dieses Buch las, wurde Deutschland vom Wahlsieg des neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump völlig überrascht. Man hatte die wenigen amerikanischen Meinungsforschungsinstitute, die dessen Sieg voraussagten, hierzulande gar nicht ernst genommen. Denn von den 20 einflussreichsten amerikanischen Meinungsumfragen (einschließlich der des Marktführers Gallup) hatten gerade mal zwei das richtige Ergebnis vorausgesagt. Es waren dies aber genau jene zwei, die auf die Aussagekraft der Neuen Sozialen Medien gesetzt hatten.
Vor diesem Hintergrund geben die Impulse der vorliegenden Arbeiten, trotz der das Bild trübenden, aber im Ganzen eher vernachlässigbarer Schwächen, einen Aufruf zur Beachtung des Gesamtbereichs der Neuen Sozialen Medien ab, der nicht überhört werden sollte.

Tüchersfeld, den 19.11.2016
Reinhard W. Moosdorf

Donnerstag, 03.11.2016

Autor: Andreas Schröter

Gerhard Stadelmaier: Umbruch

Gerhard Stadelmaier: Umbruch«Nach seiner Pensionierung 2015 hat sich der legendäre Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Gerhard Stadelmaier, keineswegs auf die faule Haut gelegt, sondern seinen ersten Roman verfasst. „Umbruch“ heißt er, ist laut Verlag eine „literarische Autobiographie“ und beschreibt die ersten und mittleren Jahre des Autors bei der Zeitung.

In diesem Buch dürften nicht nur Zeitungsleute – aber die natürlich besonders – allerlei Interessantes finden: zum Beispiel über die Allmacht eines Lokalchefs in den 60er und 70er Jahren, der von den Anwohnern halb ehrfurchtsvoll, halb spöttisch „das Herrgöttle“ genannt wurde. Obwohl Stadelmaier ihn nicht nennt, dürfte sein Herkunftsort Schwäbisch Gmünd gemeint sein.

Später wechselt er ins Feuilleton der Stuttgarter Zeitung, die im Roman „Landeszeitung“ heißt. Dort lernt er die skurrilen und zum Teil etwas weltfremden Kollegen in ihrem (Elfenbein)-Turm kennen und beschreibt, wie sie sich den Anfeindungen der Redakteure aus den anderen (bodenständigeren) Ressorts erwehren müssen.

Ganz anders wiederum geht‘s im Feuilleton der F.A.Z. zu, die hier „Staatszeitung“ heißt. Die sich mit ihren hochgeistigen Inhalten beschäftigenden Kollegen schreiten durch die heiligen Räume und geben sich elitär. Stadelmaier bekundet seine Bewunderung für den früheren F.A.Z.-Feuilleton-Chef Joachim Fest und lässt seine Abneigung gegen dessen Nachfolger Frank Schirrmacher durchscheinen.

Störend ist die zuweilen doch arg geschraubte Sprache, die den Autor in ein etwas arrogantes, hochnäsiges Licht setzt. Dabei ist der Gegenstand, über den Stadelmaier schreibt so interessant, dass es gar nicht dieser Pirouetten bedürfte. Auch die Eigenart, dass er keine Namen und Orte nennt, ist eine verzichtbare Marotte.
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Gerhard Stadelmaier: Umbruch.
Paul Zsolnay Verlag, September 2016.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Dienstag, 01.11.2016

Autor: Ilka Sundermann

Haruki Murakami: 1Q84 (3. Buch)

Buch 3 des Romans „1Q84“ von Haruki Murakami erzählt auf 571 Seiten abwechselnd aus den Perspektiven von Tengo, Aomame und Ushikawa. In der Funktion eines Privatermittlers wird die zwielichtige Gestalt Ushikawa von der „Vorreiter-Sekte“ beauftragt, Aomame, die den Anführer der Sekte auftragsgemäß getötet hat, zu finden. Um nicht in die Fänge ihres Verfolgers zu gelangen, versteckt sich Aomame in einem Vorort von Tokio, zunächst nicht ahnend, dass Tengo nur wenige Meter von ihr entfernt wohnt. Aomame und Tengo, trotz der Abwesenheit die Nähe des jeweils anderen spürend, leben in der Hoffnung, sich bald in der Welt mit den beiden Monden zu begegnen, um endlich das Leben zu führen, dass sich beide sehnlichst wünschen.

Was in den beiden ersten Büchern des Werks passiert, wird im dritten Buch wieder aufgegriffen. Dem Leser wird dadurch der Einstieg in die Ausgangssituation erleichtert. Die Spannung, die in den ersten beiden Büchern aufgebaut wird, verliert im dritten Buch jedoch an Intensität. Statt dessen werden Hintergründe aufgedeckt, die sowohl Ushikawas Vergangenheit als auch Tengos und Aomames Kindheit näher beleuchten. Am Ende des Romans befindet sich der Leser wieder bei der Stadtautobahn, jener Stelle, an der Aomame bereits zu Beginn des ersten Buches über eine Treppe eine andere Welt betritt, nämlich die, in der es zwei Monden und  „Little People“ gibt. Dieses Mal ist sie jedoch nicht allein. Tengo ist an ihrer Seite als sie den Schritt zurück geht in die Welt, die das Jahr 1984 schreibt. Das Werk so enden zu lassen, ist für den Leser nicht weiter überraschend. Der einzige nicht vorhersehbare Moment ist der, als Aomame feststellt, dass sie ein Kind erwartet und zwar von Tengo. Wie es zu dieser „unbefleckten Empfängnis“ kam, ist wieder Teil der surreal-fantastischen Wirklichkeit der Welt „1Q84“, die Murakami in seinem Roman kreiert. Eine Welt, die von den Romanhelden zum Schluss wieder verlassen wird, um in der realen Welt weiterzuleben.

Nach der Lektüre des Romans hatte ich nicht das Bedürfnis, noch länger darüber nachdenken zu müssen. Der Roman übermittelt keine Botschaft, im Sinne einer moralischen Aussage oder eines Appells. Was Murakami in seinem Werk gelingt, ist die Darstellung seiner Protagonisten. Neben der Inszenierung der äußeren fantastischen Welt, lässt er den Leser auch in das Seelenleben der Figuren blicken und macht deutlich, wie stark die Kindheit den Menschen in seiner Persönlichkeit prägt und das weitere Leben beeinflusst. Die Qualität des Romans liegt unter anderem darin begründet.

Haruki Murakami: 1Q84
btb Verlag, Taschenbuchausgabe 2013
12,99 Euro

Samstag, 29.10.2016

Autor: Andreas Schröter

Don DeLillo: Null K

Don DeLillo: Null K«Einen schwerverdaulichen Brocken serviert uns der mittlerweile fast 80-jährige amerikanische Autor Don DeLillo mit seinem neuen Roman „Null K“.

Ein Mann namens Jeffrey – im Roman der Ich-Erzähler – reist zu einem Ort irgendwo in der Wüste, wo die neue, schwerkranke Frau des Vaters eingefroren werden soll, um sie später, wenn die Medizin es erlaubt, aufzutauen und zu heilen. Kryonik heißt dieses Verfahren in der Fachsprache, dem sich in den 1960er-Jahren erstmals ein Mensch unterzog.

Klingt interessant, ist es aber in der Umsetzung Don DeLillos nicht. Der Autor verliert sich in nebulösen Kapiteln, die zum Teil philosophische Reflexionen über den Tod, zum Teil Erinnerungen aus dem Vorleben des Ich-Erzählers beinhalten, zu selten aber mit dem unmittelbar bevorstehenden Prozess zu tun haben. Auffällig ist eine weitgehende Distanz, Kälte und Teilnahmslosigkeit aller Figuren, deren Handeln für den Leser nicht immer nachvollziehbar bleibt.

Im zweiten Teil des Buches springt die Handlung urplötzlich zu einem gänzlich anderen Schauplatz: Jeffrey lebt mit einer Frau namens Emma zusammen, deren Sohn Stak auffällige Verhaltenweisen an den Tag legt. Was das mit dem Thema Kryonik zu tun hat, bleibt unklar.

Erst am Ende kehrt der Roman zum Schauplatz in der Wüste zurück, weil Jeffreys Vater eine Entscheidung gefällt hat.

Insgesamt ein wenig gelungenes, intellektuell überfrachtetes Werk, in dem das Gefühl auf der Strecke bleibt.
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Don DeLillo: Null K.
Kiepenheuer&Witsch, Oktober 2016.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Donnerstag, 27.10.2016

Autor: Andreas Schröter

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald«Ein äußerst düsterer Roman stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016: „Fremde Seele, dunkler Wald“ des 1982 geborenen österreichischen Autors Reinhard Kaiser-Mühlecker.

Es geht um zwei Brüder, aus deren Perspektive der Autor abwechselnd erzählt. Der eine hat den heimischen Bauernhof irgendwo im oberösterreichischen Niemandsland verlassen, um in einer internationalen Truppe als Soldat zu dienen. Der andere, erst 15 Jahre alt, erledigt fast alle Arbeiten, die auf dem Hof anfallen, allein. Versuche, sich von dort zu befreien, scheitern.

Um es positiv darzustellen: Der Roman hält durchgehend eine dumpfe und freudlose Atmosphäre, die ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Bis auf wenige Details – wie Handys –, könnte der Roman auch irgendwann im 19. Jahrhundert spielen und von einem Autor wie etwa Adalbert Stifter stammen. Das Wörtchen „archetypisch“ wird in solchen Zusammenhängen gerne verwandt.

Weniger positiv: Die Familie, um die es hier geht, könnte aus einem Horrorfilm stammen. Die Großeltern sitzen auf ihrem Geld, das vermutlich aus Nazikreisen stammt, der vollkommen unfähige Vater hängt irgendwelchen spinnerten Ideen nach, wie er zu Geld kommen könnte, verkauft aber stattdessen nach und nach die Anteile des Hofes, während die Mutter nur stumm und teilnahmslos dabei sitzt. Beide Söhne sind depressiv und maulfaul. Überhaupt spricht in diesem Buch niemand so recht mit einem anderen.

Und irgendwann stellt man sich als Leser unweigerlich die Frage, warum genau man sich eigentlich für diese Hinterwäldler interessieren soll, zumal Reinhard Kaiser-Mühlecker zwar viele Handlungsfäden spinnt, sie aber weder zu Ende erzählt, noch sonst in irgendeiner Weise verbindet.

Man hat zuweilen den Eindruck – und das schon seit Jahren -, dass die Jury, die für die Auswahl der Bücher zuständig ist, die auf der Shortlist landen, durchgängige Humorlosigkeit mit literarischer Qualität verwechseln.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald.
Fischer, August 2016.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Montag, 24.10.2016

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Galassi: Die Muse

Jonathan Galassi: Die Muse«Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher und an die – manchmal skurrilen – Menschen, die sich mit ihnen befassen, ist Jonathan Galassis Debütroman „Die Muse“. Und Galassi weiß, wovon er spricht: Er ist Verleger des New Yorker Verlags Farrar, Straus and Giroux und hat als Lektor Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides entdeckt.

In seinem Roman beschreibt er zwei New Yorker Verlage, die über viele Jahrzehnte hinweg in einer Art Hassliebe miteinander verbunden sind. Das Objekt ihrer beider Begierde ist die strahlende Dichterfürstin Ida Perkins, die ihnen riesige Auflagen und damit Ruhm und Gewinne bescheren würde beziehungsweise beschert. Der eine, ein älterer Gentleman-Verleger, hat sie, der andere, ein ungehobelter Emporkömmling, möchte sie gerne in seinem Verlagsprogramm haben.

Zwischen den Stühlen sitzt der junge Lektor Paul, der Ida Perkins‘ Werk über alle Maßen anbetet. Er arbeitet für den Jüngeren, sieht aber über den Älteren eine Chance, näher an die Verehrte heranzukommen. Sie ist mittlerweile eine betagte Seniorin und lebt zurückgezogen in Venedig. Ergibt sich für ihn vielleicht die unglaubliche Chance, sie zu treffen? Am Ende erwartet den Leser noch eine dicke Überraschung.

Doch diese herzerwärmende Rahmenhandlung ist nicht das Allerwichtigste an diesem Buch. Das Wichtigste ist die Atmosphäre, die es ausströmt: die Enthusiasten, die für wenig Geld bis zur Erschöpfung in heruntergekommenen Büros an dem perfekten Ergebnis arbeiten, die Eitelkeiten der Verleger und Autoren, die aufgeheizte Stimmung auf der Frankfurter Buchmesse, der staubige Geruch alter Bücher, dem alle verfallen sind, und der gemeinsame Hass auf die modernen E-Books.

„Die Muse“ ist ein schöner Roman für alle, die ebenfalls ein Faible für das gute alte Buch haben. Manchmal übertreibt es Galassi etwas mit der Fülle an Namen, die sich niemand merken kann, wobei es sich um eine Mischung von real existierenden und fiktiven Figuren handelt.
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Jonathan Galassi: Die Muse.
Fischer, August 2016.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Donnerstag, 20.10.2016

Autor: rwmoos

Lena Sander: Zersetzt

Zum Beispiel Pfefferminztee.
Den gab es schon in der frühen Eisenzeit. Das war die Zeit, als der Konjunktiv erfunden wurde. Reste von eisenzeitlichen Legenden behaupten, Pfefferminztee würde beruhigen. Also solle man ihn in sensiblen Romanen dann einsetzen, wenn die Heldin (in diesem Zusammenhang sind immer Frauen die Helden) in einer verständnissinnigen Umgebung weile.
Konjunktiv und Pfefferminztee sollen uns nun durch diese Rezension begleiten.

In der Rahmenhandlung von „Zersetzt“ klopft nämlich die Journalistin Julia derart stürmisch und penetrant an die Tür ihrer Psychotherapeutin, dass die, obwohl offenbar gerade aus dem Bett geholt, nicht umhin kann, sie hereinzubitten und auf eigenes Verlangen in Hypnose zu setzen. Nur so, glaubt Julia den Anschluss an ihre eigene Geschichte zu finden, die sie zu Ende bringen will, aber eben nicht weiß wie. Sie hat den Faden verloren.
Gedacht gesagt, gesagt getan. Die willige Psychotherapeutin handelt nach Fremdwunsch. Julia erzählt in Hypnose prompt die ganze Geschichte – die wir dann sozusagen aus dem Off des Behandlungszimmers miterleben dürfen.

Es geht um Prothesen. Die Autorin, Lena Sander, versteht nicht, dass zwar Arzneimittel in umständlichen Verfahren von einer eigens geschaffenen Stelle zugelassen werden müssen, nicht aber Implantate und Prothesen. Für Letztere reicht das CE-Zeichen, das man von jedem besseren Spielzeug kennt. Das aber – so zeigt unsere Romanheldin – kann man auch von Instituten erlangen, die schon deshalb windig sind, weil sie in Osteuropa firmieren. Darum herum entspinnen sich Mord, Totschlag und das Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit.

Nun ist das mit den Stoffen, aus denen Prothesen und dergleichen gebaut sind, wirklich nicht unproblematisch. Der Fall des französischen Arztes, der seinen Patientinnen minderwertige Brustimplantate einsetzte, die dann richtig Probleme machten, geisterte ja erst unlängst durch die Medien. Und wie körpereigene Enzyme auf bestimmte Zuschlagstoffe reagieren, die den eingesetzten Metallteilen bei härteren Prothesen beigemengt wurden, um sie noch haltbarer zu machen, zeigt sich oft erst nach Jahren der Praxis. Die Medizintechnik entwickelt sich. Neue Produkte bergen immer auch neue Risiken. Die abzuschätzen ist auch bei wirklich sorgfältiger Prüfung nicht immer möglich – es sei denn man startet Langzeitversuche. Aber mit wem? Menschen? Kommt gar nicht in Frage! Affen? Ist auch nicht so toll. Wie also soll dann die eingeklagte Prüfstelle entscheiden, ob ein Produkt wirklich auch auf Dauer schadlos im menschlichen Körper mit seinen Zigtausend wechselwirkenden chemischen Prozessen verwendet werden kann? Ich weiß es nicht.
Frau Sander schlägt die Einrichtung einer Prüfstelle analog zu der von Arzneimitteln vor.
In meinen Augen machte solch eine Prüfstelle einerseits schon Sinn. Andererseits verteuerte sie alle Produkte und meine Krankenkassenbeiträge haben die Grenze zum Jenseits von Gut und Böse schon längst überschritten. Und wer sagt, dass eine deutsche Prüfstelle weniger korrupt sei, als ihr osteuropäisches Pendant? Wahrscheinlicher ist, dass sie auch nur eines wäre: Teurer. Schließlich sind andere korrupte Gestalten aus Frau Sanders Roman ebenfalls sowas von deutsch!

Wie so oft: Ein Problem wird gut dargestellt. Ein Konjunktiv ist aber keine Lösung.

Doch die Idee: Das Problem, das ich in der Gesellschaft erkenne, nicht per Leserbrief oder Skandalartikel in die Öffentlichkeit zu bringen, sondern einen Roman darum herum zu kreieren … diese Idee ist wirklich gut. Und um dieses Lob in den richtigen Stellenwert zu hieven, sollte der geneigte Leser dieser Rezension, sich eine kleine Pause gönnen und vielleicht einen Pfefferminztee …?

Wegen besagter tollen Grundidee, der profilierten Schreibweise und dem gut dargestellten inneren Anliegen der Autorin liest man den Roman gern, obgleich seine Schwächen durchaus offenbar liegen: Da wäre in erster Linie die Komposition als solche. Ein bisschen wie aus einem Computerprogramm für Krimi-Schreiber: Man nehme: Einen irgendwie abgewrackten Detektiv (natürlich kein richtiger, das wäre altbacken). Statt dessen am Besten einen Beruf, in dem der Autor sich auch ein bisschen auskennt. Eine amouröse Beziehung, die sich irgendwann in den Fall verwebt, kann auch nicht schaden. Dazu ein paar osteuropäische Gestalten für den Hinter- respektive Untergrund. Ein Computergenie noch – schließlich sind wir in #Neuland. Und dann natürlich einen korrupten Politiker.
Überhaupt: Das kennt man ja vom „Tatort“: Die Bösen sind entweder Unternehmer oder Politiker. Einerseits sollten diese Berufsgruppen sich fragen, warum solche Klischees immer ziehen. Andererseits befeuern solche fiktionalen Charaktere natürlich auch zu Unrecht jene Klischees.

Tja, und dann wären da noch die zahlreichen Schnipsel, die an der Glaubhaftigkeit zehren. Da wäre der Besitzer einer Autowerkstatt, dessen Tochter nicht etwa gegen den Alten rebelliert. Sie liebt und unterstützt ihn nach Kräften. Im Gegenzug lässt sie sich gern von ihm eine viel zu teure Wohnung finanzieren. Aber dennoch fährt sie eine alte Karre. Die wiederum ist nicht etwa ein Kultauto, was ja wieder verständlich wäre. So bleibt nur die Mutmaßung, dass die alte Kiste im Programm für abgewrackte Detektive (Menüpunkt „weiblich“) stand und dort angeklickt wurde. Dann wäre da noch der schlamperte Kollege, dessen erfolgreiche Verkleidung als Geschäftsmann uns unglaubhaft erscheinen mag. Für ein paar Osteuropäer aber hat’s gereicht. Oder der Hacker, der die Zerstörung seiner hochgerüsteten Computer-Zentrale für ein paar Pizzas einfach so in Kauf nimmt. Und wer jemals an einem Verkaufsprospekt mitgearbeitet hat, wird auch kaum verstehen, dass jemand solch einen Profi-Prospekt für lau erstellt, nur weil er jemandem einen Gefallen schulde.

Oder der Pfefferminztee.
Seine Zubereitung braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Wenn also die Therapeutin einen solchen zubereitet hat, während die Klientin in Hypnose lag, kann das nur eines bedeuten: Sie hat währenddessen nicht zugehört.
Möglicherweise fehlen uns deshalb auch ein paar Schnipsel von Julias Erinnerung, die die Story glaubhafter gestaltet hätten.
Dann wäre alles so schön geworden …

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld Oktober 2016

Mittwoch, 12.10.2016

Autor: Andreas Schröter

Nathan Hill: Geister

Nathan Hill: Geister«Ein literarisches Schwergewicht in doppelter Hinsicht legt der amerikanische Autor Nathan Hill vor. Zum einen ist sein Roman „Geister“ mit über 850 Seiten ein echter Wälzer, zum anderen ist er richtig gut.

Der Literaturprofessor Samuel Anderson ist als Kind von seiner Mutter verlassen worden – ein Trauma, das er auch 20 Jahre danach noch nicht überwunden hat. Doch nun soll er für seine Mutter bürgen. Sie hat einen republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten angegriffen – ein Fall, auf den sich die Medien stürzen.

Doch das ist nur der Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Verwicklungen und überraschenden Wendungen, die mit den Studentenunruhen im Chicago des Jahres 1968 ihren Anfang nehmen und erst 2011 mit der Demonstration Occupy Wall Street enden.

Doch solche geschichtlichen Eckpunkte stehen nicht im Mittelpunkt. Immer geht es in erster Linie um die Menschen, die in diese Ereignisse verwickelt werden.

Der Roman spielt zwar auf verschiedenen Zeitebenen, ist aber nie so verworren, dass man sich nicht zurechtfinden würde. Vielmehr gelingt es dem Autor, ganz unterschiedliche Figuren glaubhaft und vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden zu lassen. Das gilt für den skrupellosen Geldhai genauso wie für einen spielsüchtigen Loser, einen von der Liebe enttäuschten Polizisten oder eine durchtriebene Studentin, die sich durch ihr Studium mogelt – um nur einige Beispiele zu nennen.

Hills Debütroman lässt sich vielleicht am ehesten mit den Romanen Jonathan Franzens vergleichen. In beiden Fällen ist das Handeln der Figuren stets psychologisch so genau begründet, dass den Leser am Ende selbst überraschendste Handlungsverläufe nicht mehr wundern. Ein Top-Roman!
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Nathan Hill: Geister.
Piper, Oktober 2016.
864 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Montag, 10.10.2016

Autor: Andreas Schröter

Peter Terrin: Monte Carlo

Peter Terrin: Monte Carlo«Monte Carlo 1968: Kurz vor dem Start des Formel-1-Rennens kommt es just in dem Moment zu einer gefährlichen Stichflamme, als die umjubelte Schauspielerin Deedee einen Gang durch die Boxen unternimmt.

Einer der Mechaniker wirft sich zwischen sie und die Flamme und wird dabei schwer verletzt. Die Schauspielerin aber kann unversehrt von ihrem Leibwächter in Sicherheit gebracht werden. Soweit die Ausgangssituation in Peter Terrins kurzem Roman „Monte Carlo“.

Doch was hier wie ein Heldenepos à la „Bodyguard“ mit Whitney Houston und Kevin Costner klingt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als psychologisches Drama. Retter Jack Preston, der sich zu Hause in seinem englischen Heimatdorf nur langsam von seinen Brandwunden erholt, hofft auf ein Zeichen der Dankbarkeit von Deedee, die er aus der Ferne immer mehr anbetet. Doch stattdessen feiern die Medien jenen Leibwächter als Helden. Für Jack kommt es noch schlimmer: Seine Arbeitgeber bei der Formel 1 kündigt ihm.

„Monte Carlo“ ist ein Roman über fehlende Anerkennung und das Gefühl, unfair behandelt zu werden – etwas, das sich zu einem unguten und womöglich sogar gefährlichen mentalen Zustand beim Betroffenen hochschaukeln kann. Tatsächlich gerät das Leben Jacks aus den Fugen. In seinem Ort, wo die Menschen ihn zunächst als Helden feiern, fühlt er sich mehr und mehr isoliert. Auch stören ihn zunehmend die sexuellen Annäherungsversuche seiner Frau. Peter Terrin, ein 1968 geborener flämischer Autor, bedient sich in diesem Roman einer sehr knappen, lakonischen Sprache. Auch die Kapitel – manchmal bestehen sie nur aus einer halben Seite – sind sehr kurz gehalten. Dadurch ist der Leser gezwungen, viel „zwischen den Zeilen“ zu lesen – sicher eine Gratwanderung: Manchmal entsteht er Eindruck, dieser oder jener Szene hätte auch eine etwas detailliertere Ausarbeitung gut getan.

Peter Terrin lässt nostalgische Bilder vor dem Auge des Lesers entstehen. Sie handeln zum Beispiel von einem Monte Carlo, in dem Fürst Rainier an der Seite Grace Kellys dem Start des Rennens beiwohnt.
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Peter Terrin: Monte Carlo.
Berlin Verlag, September 2016.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Dienstag, 04.10.2016

Autor: Andreas Schröter

John Burnside: Wie alle anderen

John Burnside: Wie alle anderen«John Burnside, einer der profiliertesten schottischen Autoren, hat einige seiner Romane autobiographisch angelegt – zum Beispiel „Lügen über meinen Vater“, in dem er radikal mit seinem Erzeuger abrechnet (2011).

Autobiographisch ist auch sein neues Werk „Wie alle anderen“, das im englischsprachigen Original bereits 2010 erschienen ist. Burnside, geboren 1955, beschreibt darin seine Versuche, ein bürgerliches Leben zu führen, um von seiner Alkohol- und Drogensucht sowie seiner Schizophrenie loszukommen.

Der Plan erweist sich als schwieriger in die Tat umzusetzen als gedacht – vor allem deshalb, weil sich vieles, was als „normal“ gilt, als mindestens genauso verrückt erweist wie das, was Burnside in seinen psychotischen und suchtbestimmten Phasen erlebt – zum Beispiel das Zusammenleben mit anderen Mitarbeitern im Großraumbüro einer Firma. Auch die Aufs und Abs in diversen Beziehungen zu Frauen mit deren jeweiligen Eigenheiten tragen nicht unbedingt zur Ausgeglichenheit des Ich-Erzählers bei.

Am Ende stellt sich für den Verfasser die Frage, ob ein bürgerliches Leben wirklich so erstrebenswert ist wie zunächst angenommen.

„Wie alle anderen“ ist eine radikal-ehrliche Autobiographie, die frei von jeglicher Selbstbeweihräucherung ist. Sie steckt voller Wahrheiten und hält den sogenannten „Normalen“ einen Spiegel vor, der sie keinesfalls in einem so positiven Licht zeigt. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Lesenswert!
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John Burnside: Wie alle anderen.
Knaus, August 2016.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 28.09.2016

Autor: Andreas Schröter

Steinar Bragi: Hochland

Steinar Bragi: Hochland«Ein neuer Horror-Thriller kommt aus dem hohen Norden. In „Hochland“ des isländischen Schriftstellers Steinar Bragi verirren sich vier junge Menschen in der isländischen Einöde und haben gegen allerlei mysteriöse Erscheinungen zu kämpfen.

Zwei Paare, die zu einem Kurztrip ins Hochland gestartet sind, prallen im Nebel mit ihrem Jeep gegen ein einsames Haus. Weil der Wagen nicht mehr fahrbereit ist, müssen die Vier die Nacht in dem Haus verbringen. Es wird von zwei seltsamen und wortkargen Alten bewohnt, die äußersten Wert darauf legen, dass bei Dunkelheit niemand vor die Tür geht.

So weit, so spannend, auch wenn die Ausgangssituation durch viele Horrorfilme bekannt anmutet.

Bragi gibt im Folgenden dem Vorleben seiner vier Figuren sehr breiten Raum. Dadurch wirken die Figuren psychologisch glaubwürdig und weniger holzschnittartig, als es in Romanen des Genres oft der Fall ist. Die Kehrseite der Medaille: Die Spannung leidet – der Leser befindet sich über viele Seiten hinweg nicht mehr im bedrohlichen Hochland, sondern bei irgendwelchen Problemen im Teenageralter der Figuren.

Versuche, aus dem Hochland wieder in zivilisiertere Regionen zu kommen, scheitern allesamt, wobei es den Anschein hat, als habe irgendeine düstere Macht etwas dagegen, dass die vier jungen Menschen ihr Ziel erreichen.

Steinar Bragis Roman wird mit zunehmender Seitenzahl immer konfuser. Der Leser weiß nicht mehr, ob sich das Geschehen nur im Kopf der Figuren oder in der Wirklichkeit abspielt.

Der Autor legt viele Fährten aus – Inzest, eine Art Monster, das offenbar durch die Nacht streift, ein verlassenes Baracken-Dorf in der Nähe eines Staudamms – die allesamt am Ende nicht aufgelöst werden. Das lässt den Leser unbefriedigt und verwirrt zurück. Stattdessen geht es mehr und mehr um das Innenleben der Figuren. Kein gutes Buch.
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Steinar Bragi: Hochland.
DVA, September 2016.
304 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Dienstag, 27.09.2016

Autor: Andreas Schröter

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz«Mehr als 100 Jahre umfasst der Roman des deutschen Autors Christoph Kloeble, „Die unsterbliche Familie Salz“. Darin geht’s um eine Familie, der viele Jahre das prunkvolle Leipziger Hotel „Fürstenhof“ gehört hat. Der Clou dabei: den Fürstenhof gibt’s wirklich, die Familie Salz nicht.

Alles beginnt im Jahre 1914, als der unsympathische und herrische „Herr Salz“ den Fürstenhof kauft und seine widerspenstige Tochter Lola eine Rolle beim Tod ihrer schwerkranken Mutter spielt. Weitere Stationen sind Lolas strapaziöse und schicksalhafte Odyssee durch Deutschland im Zweiten Weltkrieg mit zwei kleinen Kindern, das unglückliche Leben ihrer alkoholabhängigen Tochter Aveline in den 60er-Jahren, die Wendezeit, als Kurt Salz den Fürstenhof aus DDR-Staatsbesitz zurückerhält und sich in eine um Jahrzehnte jüngere Frau verliebt, und schließlich das Jahr 2015, das aus der Sicht von Kurts Tochter Emma geschrieben ist. Ganz am Ende gibt’s sogar noch einen kleinen Ausblick auf das Jahr 2027 mit einem Brief von Emmas Tochter Tara an ihre Mutter.

Die meisten Familienmitglieder sind problembeladene Existenzen, denen es in ihrer Generation nicht gelingt, die Verfehlungen ihrer Vorfahren abzuschütteln. Eine extreme Familie. Und doch haftet diesem Roman nichts Tristes an. Auch macht Kloeble nicht den Fehler, ihn mit langweiligen geschichtlichen Fakten über den Fürstenhof oder die Zeiten, in denen die Kapitel spielen, zu überfrachten. Im Gegenteil: Der Roman steckt voller Witz, und ist sogar mit einem kleinen Schuss Übersinnlichem gewürzt. All das führt dazu, dass man gespannt weiterblättert und wissen will, wie es mit der Familie Salz weitergeht.

Kleiner Gag des Autors: Lolas Mann heißt Alfons Ervig. Der tatsächliche Besitzer des Fürstenhofs ab 1911 hieß ganz ähnlich: Mathias Erwig. Ein sehr empfehlenswerter Roman.
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Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz.
dtv, August 2016.
440 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Samstag, 24.09.2016

Autor: rwmoos

Til Mette: Cartoons for the Road

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Absurditäten auf Platte

Man kann ja gar nichts falsch machen, wenn man sich einen Til Mette kauft. Der aus seinem wöchentlichen Stern-Beitrag weithin bekannte Zeichner hat seinen Stil dahin entwickelt, Absurditäten so auszudehnen, dass sie wieder witzig werden. Und es dann doch wieder gar nicht sind. Und dann liegt eben darin der Witz …

Nehmen wir mal das Titelbild: Ein gelangweilter Surfer steht mit dem Rest eines einstmals jung gewesenen Gesichtsausdrucks auf seinem Brett, das gerade von einer nahezu idealen Welle gen Strand getragen wird. Jedes Surferherz kennt solche Wellen. Für manchen wäre das DIE Welle des gesamten Surferlebens.
Unser Held aber steht so da, als wäre er subalternes Mitglied einer Warteschlange vor’m Abflugterminal. Auf dem Weg zur ungeliebten Arbeit. Die zugehörige Gedankenblase „Boooring! I should have brought something to read…“
Gegen die nervtötende Langeweile seines Surferdaseins hätte er also gern was zu lesen, der Ärmste.
Da wird der Langeweil-Faktor ritualisierter Action & Fun Mentalität auf’s Sandkorn genommen. Funktioniert aber nur, wenn man im Hintergrund auf der virtuellen Netzhaut seines Hirns das Bild eines gleichartig gelangweilten Bücherwurms hat, der sich nach Action sehnt. Letzteres als „normal“ vorausgesetzt, funktioniert die konträre Absurdität als Witz. Nebenher freilich wird cum grano salis der Werbefaktor in eigener Sache angebracht. Auch diese geschickte Einflechtung ist noch ein Lächeln wert.

Ähnlich die Schlittschuh fahrenden Glatzen-Nazis in rosa Tütü. Karikiert dies das gewöhnlich eher martialisch auftretende Gewese jener Volksgenossen? Oder setzt der Witz bei jenen Untersuchungen an, die gerade jenen männerbündischen Organisationen latente Homosexualität – je nach Sichtweise – attestierte oder unterstellte. Und sympathisiert so mit jenen Rechten, die sich dem bewusst geworden, allen Gleichgearteten ins Gesicht rauchen und sich ihrer Veranlagung stellen. Michael Kühnen lässt in der ihm eigenen Art grüßen. Spätestens da erstickt dann das Lachen. Und gluckst in der eingangs beschriebenen Art, doch wieder irgendwie auf. Im Grunde ist dieser Bruch mit den gestemmten Vorurteilen nämlich ein sehr linker Witz.

So gibt es viele Beispiele. Muss man einfach gesehen und gelesen haben. Während des Autofahrens allerdings sollte man auf die Lektüre doch eher verzichten, will man nicht Gefahr geraten, das Lenkrad zu verreißen. Insofern ist der Titel ein wenig irreführend.

Eher als Nebenlinie scheint bei Til Mette auch der klassisch schwarze Humor zu funktionieren. Dazu als Parade jener Cartoon mit dem Schwarzen, der sich auf dem Weg ins Büro von seiner Frau mit den Worten verabschiedet: „See your later, unless the cops shoot me …“. Unterschrift: „Black Humor in America.“ Wobei mit dieser Unterschrift das Kleine Schwarze des Humors den Sprung über den großen Teich geschafft hätte. Scheinbar. Denn andererseits geht hier die zweite Hälfte jener Diskussion völlig unter, die in den Staaten durchaus geführt wird: Über die Polizisten, die ihr Leben im Kampf gegen jene Verbrecher lassen, denen das Leben der anderen völlig egal ist. Black Consciousness hat ja in der Abnutzung der Jahre vielerorts zu einem Selbstverständnis schwarzer Communities geführt, in dem Waffen, Drogen, Gewalt und Macho-Gehabe als Alternativmodell zur Dekadenz bürgerlicher Gesellschaften verstanden wird. Das Ganze wird in jenen Raps gefeiert, deren Auswüchse auch unsere Kids goutieren.
Indem dies aber mit dem Witz nicht erfasst wird, richtet sich dieser lediglich an die uns eingepflanzten Vorurteile: Die Ami-Cops sind böse oder doof oder beides. Insofern ist der Joke ziemlich platt und funktioniert nicht anders als hierzulande oft Witze über Türken oder gar Ausländer. Im Grunde ist eine solche Bestätigung unserer Vorurteile ein ziemlich rechter Witz.
Der Gedanke des Helden könnte alternativ so weitergehen: „… or my „brothers“ shoot me … or the cops …“ Und die Unterschrift könnte zudem dahin lauten, dass der fein angezogene Herr auf seinem Weg zum Büro bei General Atomics (das ist der Hersteller der Reaper-Drohne) so seinen Gedanken nachhinge …
Kann Humor immer nur EINE Sache aufspießen? Nein, er kann mehr. Til Mette kann mehr – siehe oben.

In Sachen Absurditäten ist er bereits der Meister schlechthin. In Sachen schwarzer Humor kann er noch wachsen.

Tüchersfeld, im September 2016
Reinhard W. Moosdorf

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